Kleines Paralipomenon: Auffahrrampe 167.

29. Dezember 2016

Diese „Auffahrrampe mit Waggon“, wie der 1979er Katalog das Set vollständig nennt, ist der legitime und – gewisserweise – bessere Vorgänger vom zuvor besprochenen Verladebahnhof 7839. Komischwerweise war 167 nie offiziell neu. Wiewohl der Kartonaufdruck „© 1978“ sagt, stand es nicht im 1978er Katalog (Zumindest nicht in der mir vorliegenden Ausgabe; ob es andere Versionen gibt, weiß ich nicht.), im Katalog des Folgejahres ist es allerdings nicht als Neuerscheinung gekennzeichnet. Wenn wir nun noch den Umstand berücksichtigen, daß der Bahnvorsteher hier einen bedruckten und keinen beklebten Torso hat, was erst bei 1979er Katalogsets vorkam, dürfen wir dieses Set als vorgezogene Mitt- oder Endjahresausgabe 1978 annehmen. Warum vorgezogen? Nun, der bedruckte Torso deutet auf eine geplante Veröffentlichung 1979 hin, doch 1980 wurde das Schienensystem auf graue Gleise mit Klickschwellen umgestellt, und alle Sets mit blauen Schienen fielen damit aus dem Programm. In der damaligen Zeit sah die Firma Lego für ihre Produkte aber noch eine längere Erhältlichkeit vor als heutzutage, wo alle halbe Jahr die Hälfte des Programms aus dem Sortiment fliegt. Eine Veröffentlichung neuer Eisenbahnsets im Jahre 1979 hätte unter dieser Prämisse für Lego keinen Sinn ergeben. Ergo wurde dieses Set nebst dem kleineren Bruder 166 von 1979 auf 1978 vorgezogen. Soweit meine Vermutung.

Wir sehen hier also eine Auffahrrampe für Autozüge, wie sie sinnvoll ist und in der Realität vorkommt. Zumindest ist es realitätsnah, daß die Fahrzeuge von hinten in Fahrtrichtung auf den Waggon auffahren. Daß von Bodenniveau über die Rampe direkt auf den Waggon gefahren werden muß, ist vielleicht in Wirklichkeit nicht so, sondern der Waggon wird an eine Bahnsteigplattform herangefahren. Aber sei’s drum. 167 ist in dieser Hinsicht allemal vernünftiger als 7839. Eine Plackerei für den Lademeister war es denoch, da sich in die frühen Legoland-Autos noch keine Minifigs setzen konnten, sie also stets geschoben werden mußten. Der Frackträger ist sich natürlich zu fein dafür, dem Arbeiter zur Hand zu gehen.

Ein Stilmittel, welches von Set 167 bis Set 7839 beibehalten wurde, ist der verschwenderische Gebrauch von flachen Kreuzgitterzäunchen. Hier bot 167 mit grauen und roten Zäunen eine größere Varianz als 7839. Hinzu kommen die beiden schwarzen Zauntore in derselben Optik.

Die Rampe ist in Prellbockmanier wie der Waggon mit Puffern ausgestattet. Was fehlt, ist ein Magnet an der Rampe, der den Waggon beim Beladen an seiner Position hält.

Und soeben fällt mir auf, daß ich Schussel die Torangeln verkehrtherum aufgesteckt habe. Es sind 3-lange Angeln, die 4-lange Tore halten.
Zum Glück bin ich nicht der einzige Schussel. Denn Lego selbst hat auf dem Titelbild die beiden grauen Fliesen vergessen, die dem Auto die Auffahrt auf die Auffahrt erleichtern. (Memo to self: Lego-Sets zusammentragen, deren Karton- und/oder Bauanleitungsbilder nicht den tatsächlichen Inhalt wiedergeben. Da gibt es einige, von denen ich weiß, und vermutlich sehr viel mehr, von denen ich nicht weiß.)

Da 167 im Wesentlichen aus einem flachen Waggon und einer Rampe besteht, ist das Set in der Gesamtschau sehr flach. Großartige Aufbauten sind schlichterdings nicht notwendig. So gesehen macht der Nachfolger 7839 natürlich mehr her, freilich um den Preis, daß seine Funktionsweise herbeifabuliert wurde und annähernd impraktikabel ist.
167 kann überdies mit dem Schmankerl eines gelben Bauhelms aufwarten. Jedenfalls war es ein Schmankerl. Denn gelbe Bauhelme gab es einzig in den beiden 1978er Waggonsets 166 und 167, und dann 32 Jahre lang nicht mehr. Auf dem Deckblatt des 1980er Eisenbahn-Katalogs war ein Arbeiter mit gelbem Helm zu sehen, ohne daß noch eines der beiden Sets in diesem Katalog enthalten gewesen wäre. Seit dem Jahr 2010 jedoch kommen gelbe Bauhelme vermehrt in aktuellen Baustellen-Sets vor, was die Exklusivität des Teils deutlich beschneidet. Zwar können Kenner der Materie anhand des Helminnern erkennen, ob es sich um ein altes Orginal oder eine Neuauflage handelt, aber etwas Besonderes ist ein gelber Bauhelm nun natürlich nicht mehr.


Speerwerfer: Armbrust-Streitwagen 6012.

5. Juli 2016

Das Jahr 1986 sah einige der – so behaupte ich forsch – besten Lego-Rittersets aller Zeiten. Und mit „aller Zeiten“ meine ich: Die eine Zeit, die es gibt, und das ist die Vergangenheit, denn wer sollte wohl wissen, was die Zukunft bringt? Und welche Ausdehnung hat das Jetzt? Doch ich schweifsterne ab. Also. Das kleinste Set unter den fünf 1986er Ritter-Neuheiten ist diese Kampfmaschine, deren deutscher Titel merkwürdig anmutet. Damals trauten sich die Katalogschreiber wohl noch nicht, die Kinder mit Wörtern wie „Ballista“ zu demütigen, denn die Ära der Fantasy-Computerspiele hatte noch nicht begonnen.

Zwei Ritter handhaben diese Wurfmaschine, bei welcher die Bogensehne der großen Armbrust imaginiert werden muß. Desgleichen erfordert es einige Einbildungskraft, sich vorzustellen, daß die verschossenen Pfeile brennen, denn die heutigentags verschwenderisch verwendeten Flammenelemente gab es 1986 noch nicht. Einzig die unter dem Pfeilschaft platzierte gelbe Tonne deutet darauf hin, daß hier mit brennbarer Flüssigkeit gearbeitet wird. Drei Jahre zuvor erschien der XXVIIste Asterix-Band „Der Sohn des Asterix“, in welchem Brutus das gallische Dorf mit solchen Wurfmaschinen angreift, um es in Brand zu setzen. Nicht ausgeschlossen, daß diese Szene den Set-Entwickler in Billund zu diesem Set inspirierte, denn dies ist eher eine antike Kampfmaschine denn eine mittelalterliche.

Der Armbrustteil dieses Streitwagens ist in für damalige Zeiten revolutionärer SNOT-Technik* ausgeführt, indem er vermittelst Lampeneinern um 90° gedreht auf zwei Noppen des Untergestells gebaut wird. Da es sich hier um eine Fernwaffe handelt, liegt es nahe, dem Maschinisten einen Bogenschützen zu seinem Schutz an die Seite zu stellen. Für einen Bogenschützen untypisch, trägt dieser einen Helm mit ausladendem Nackenschutz.

*) SNOT = Studs Not On Top

30 Jahre später…

Einer jungen Tradition folgend verausgabt Lego seit dem Jahr 2014 jedes Jahr ein sogenanntes Retro-Set, welches eine Figur aus vergangenen Kinderzimmertagen in den Mittelpunkt stellt und in der Begleitbroschüre einen Überblick über die Lego-Geschichte des jeweiligen Spielthemas liefert. In den Jahren zuvor waren dies ein weißer Legoland-Astronaut und ein Pirat, der keine ehemalige Figur darstellte, sondern brandneu war. In diesem Jahr also ist es ein „Knights Retro-Set“, welches einen fast klassischen Löwenritter beinhaltet.

Es bedarf keiner überbordenden Phantasie, um dieses Modell als ein Remake des oben besprochenen Armbrust-Streitwagens zu identifizieren. Die Figur stellt unzweifelhaft einen Löwenritter der Legoland-Epoche dar, wiewohl es bezüglich des Helms mit dem Retro-Anspruch leicht übertrieben wurde. Denn im Jahre 1986 trugen die Ritter schon dunkelgraue Helme; der (neu)hellgraue Helm dieses Knappen weist eher zurück auf die Ritter der vorangehenden Epoche, in welcher die gelbe Burg Dreh- und Angelpunkt war. Sei’s drum.

Das Remake-Modell bleibt den Ausmaßen und dem Stil des Originals treu, bedient sich freilich modernerer Formen und Farben. Bemerkenswerterweise blieb die Bauweise der Brennstofftonne exakt beibehalten, während der Armbrustbogen auf gänzlich andere Weise ins Werk gesetzt wurde. Unter der Maßgabe, daß es einige der Bauteile im neuen Set vor 30 Jahren noch nicht gab, wurde der Charakter eines Legoland-Sets dennoch gut getroffen.

Dem Set beigefügt ist eine Postkarte mit charmanter Rückseite, nein, Vorderseite, nein, was ist denn bei einer Postkarte Vorder- und was Rückseite? Jedenfalls. Auf der anderen Seite prangen Aufkleber mit einigen Ritterfiguren der Lego-Geschichte, darunter auch eine Figur des Vorlagensets selbst.

Leider finden wir hier auch die Bestätigung für Legos Einordnung der gegenwärtigen Nexo-Knights-Serie ins Ritterthema. Dazu mag jeder stehen, wie es ihm beliebt. Oder ihr.


Passaggio a livello 7835.

9. Januar 2016

Im Jahre 19weißnichmehr bekam mein Freund Tim von seiner Oma einen Bahnübergang für seine elektrische Eisenbahn geschenkt. Zu meinem Glück war diese Eisenbahn von Fleischmann, der Bahnübergang aber von Lego, womit Tim nichts anfangen konnte, ich aber doch. Großzügig, wie er war, schenkte er mir also das Set.
Nun, knapp 30 Jahre später, wollte ich 7835 im Rahmen meiner Eisenbahn-Sammlung wieder aufbauen, jedoch fand ich die Schranken nicht in meinen Beständen. (Irgendwo müssen sie freilich sein!) Kurzentschlossen erwarb ich also ein neues Exemplar, mit dem zusätzlichen Vorteil eines Originalkartons. Denn der von damals wurde seinerzeit natürlich umgehend entsorgt. Im Jahre 1988, da mein neues Set verpackt wurde, wie mir der beigefügte Service-Katalog verrät, hätte ich 1625 Italienische Lire bezahlt. Ich bin froh, sagen zu können, daß ich nun nicht denselben Betrag in Euro hinblättern mußte. Hätte ich auch nicht. Absichtsvoll wählte ich erneut ein Exemplar, das für MISB-Sammler den Makel zerschlissener Blisterfolie aufwies und entsprechend billiger war.

Denn ich wollte ja den Karton öffnen und das Modell aufbauen, und an diesem Vorhaben lasse ich mich ungern von seelenloser Plastikfolie hindern.


Die Straßenplatte liegt lose unter dem Schiebekarton. Es offenbarten sich die folgenden Ingredienzien.

Ein Set dieser Größe ist schnell gebaut; die Komplexität ist überschaubar. Erwähnenswert wäre höchstens, daß die Planken der mittgleisigen Fahrspur auf Bohlen aufgelegt sind, die innen aus 1×4- und außen aus je zwei 1×2-Plättchen bestehen. Aus Gründen.

So also steht der Bahnübergang 7835 in der Landschaft des Kinderzimmers. Wie es sich gehört, mit Pappel daneben. Schon der Schrankenwärter im direkten Vorgängerset 7834 durfte im Schatten einer schlanken Pappel auf seinen nächsten Einsatz warten.

Und viel mehr als warten und in unregel- aber fahrplanmäßigen Abständen die Kurbel betätigen, bleibt einem Schrankenwärter nicht zu tun.

Noch weniger zu tun hätte der Wärter eines unbeschrankten Feldwegbahnübergangs. Einen solchen sieht der offizielle Bauvorschlag auf der Rückseite des Anleitungsheftchens vor. Die entsprechenden Straßenschilder mit gitarreschwingender Dampflok werden mitgeliefert. In der neuen Variante mit Fensterchen sind sie ausschließlich in diesem Set enthalten. Und dies ist der erste der oben angedeuteten Gründe: Mit den 1×2-Plättchen werden die Plättchen an der Schwelle befestigt, auf denen die Schilder aufgesteckt sind.

Der zweite Grund ist in dem Umstand zu suchen, daß dieses Set für den Betrieb mit einer 4,5-Volt-Bahn ausgelegt ist. Bei diesem System nimmt die Lok den Fahrstrom aus dem mitgeführten Batteriekasten auf, benötigt also keinen Strom über die Schiene. Jedoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß im Kinderzimmer mit Trafostrom gefahren wird, recht hoch, weshalb sich der Bahnübergang entsprechend umrüsten läßt. Dann braucht man statt drei bzw. vier Bohlen für Fahrbahnplanken jedoch deren acht oder mindestens sechs, und in diesem Fall machen sich die zu je zwei 1×2-Plättchen halbierten 1×4er bezahlt.

Der Bahnübergang 7835 stammt aus dem Jahre 1985 und ist somit 5 Jahre jünger als der Bahnübergang 7834. Während dieser (7834) noch aus der romantischen Dampflokzeit stammte und entsprechend beschaulich ausgeführt war, ist jener (7835) schon in der Moderne verortet, was sich am Baustil ablesen läßt. Dessen ungeachtet kann man gar nicht zu viele Bahnübergänge haben, wenn man eine funktionierende Eisenbahnlandschaft auf den Fußboden des Spielzimmers bringen will.


The Grass is always greener on the other side.

15. April 2015

Bescheuerter Titel, aber ich kann ja nicht immer brillieren. Jedenfalls ist Günter Grass tot; auch schon unfaßbar lange inzwischen, gemessen in Internetzeiteinheiten. Die ersten twitterten seinen Tod ja schon 9 Minuten 47 Sekunden vor seinem definitiven Ende. Da mache ich nicht mit!

Günter Grass war der große alte Mann der Aufarbeitungsliteratur in der Bundesrepublik Deutschland. Wiewohl – Hand aufs Herz! – die meisten höchstens die „Blechtrommel“ gelesen haben, wenn überhaupt. Anläßlich seines Todes kam am Montag ja Volker Schlöndorffs Film im Fernsehen. Meine Mama hatte das Buch damals nach wenigen Seiten wieder weggelegt, weil: zu schweinisch. Auf jeden Fall war der Roman bei seinem Erscheinen 1959 provokant, und das war wohl auch nötig in der Adenauer-Zeit. Die „Blechtrommel“ ist der „Simplicissimus“ der Nachkriegszeit: Dieser schildert als Narr den 30jährigen Krieg, in jener wirft der Oscar-Preis- und Oskar-Namensträger Matzerath seinen närrischen Blick auf die Nazizeit und den zweiten Weltkrieg. Günter Grass wurde durch dieses sein Erstlingswerk direkt weltberühmt und quasi aus dem Stand zur kritischsten Stimme der ewig jungen BRD. Daß er als politisch links galt, ist auch seinem Engagement als Wahlkämpfer für Willy Brandt zu verdanken. So war es also ein Paukenschlag, als Grass 2006 in seinem autobiographischen Werk „Beim Häuten der Zwiebel“ en passant erwähnte, daß er als Jugendlicher bei der Waffen-SS als Luftwaffenhelfer diente. Seine Kritiker, deren er neben Marcel Reich-Ranicki auch viele unberufene hatte und hat, heben im Zuge der sterbeanlaßüblichen Elogen natürlich diese Tatsache heraus und möchten sie als Zeugnis für die Untauglichkeit Grass’ als Gutes Gewissen verstanden sehen. Aber da war er 17, verdammt nochmal! Den möchte ich sehen, der als 17jähriger schon weiß, daß er dermaleinst als rechtschaffener Mahner und Warner eine makellose Vita wird aufweisen müssen.

So oder so wird Günter Grass in der deutschen Literaturgeschichte in einer Reihe stehen mit Grimmelshausen, Lessing, Goethe, Schiller, Theodor Fontane und Thomas Mann.


Home is, where the Lego is.

24. Februar 2015

Mit Lego umzuziehen, ist ein Akt. Aber wenn dieser Akt vollbracht ist, ist man daheim.

Meine Teilesammlung ist nicht die akkuratest sortierte, aber ich finde mich zurecht, und das genügt ja. Diese Sortierung ist ungefähr 35 Jahre lang organisch gewachsen.

Relativ abrupt hinzugekommen ist die Sammlung kartonierter Rittersets. Aus der Kindheit sind zwar Teile und Bauanleitungen, aber keine Originalkartons erhalten. Wollte ich aber haben. Und jetzt lagert der Krempel auf dem Kleiderschrank. Mein „Vermächtnis“, wie mein Freund Bernhard sich auszudrücken beliebte.

Es stellte sich heraus, daß die Zimmerdecke in meiner alten Wohnung einige Zentimeter höher war. Daher paßten die Kartons nicht so auf den Schrank wie zuvor. Also werde ich zum Protzen wohl weiterhin das alte Bild bemühen müssen…


10 Jahre Apartheid!

4. Januar 2014

Kein Grund zum Jubel. Und leider viel Text.

Die Tricolore des Grauens und Braunens, sowie des Neugrauens und Neubraunens. Mithin eine Seicolore, aber wir wollen nicht spitzfindig werden. Oder doch.

Was war geschehen? Ende des Jahres 2003 kamen die ersten Sets des Modelljahres 2004 in den Handel. Irgendwas war komisch. Auf der damaligen Hauptplattform der internationalen AFOLschaft, Lugnet, verkündete Joe Meno die beunruhigende Entdeckung: Lugnet-Posting.
Lego hatte völlig unvermutet – unverhofft sowieso nicht – die Farben grau, dunkelgrau und braun im Farbton verändert, siehe oben. Die Grautöne wurden etwas bläulicher, braun wurde rötlicher.

Nun kann man ja durchaus geteilter Meinung sein, ob man die erdigeren alten Farben oder die frischeren neuen Farben schöner findet. Auch mag die hinzugewonnene Farbvielfalt begrüßenswert sein. Ganz so einfach ist es freilich nicht. Auf Lugnet jedenfalls entsponnen sich in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten recht heftige Diskussionen über den Sinn und Unsinn einer solchen Farbänderung ansich, aber auch über den Umgang der AFOLs mit der Situation, bis hin zu regelrechten Schlammschlachten zwischen Befürwortern und Gegnern des Wechsels und der Durchführung und schließlich Erklärung desselben seitens der Firma Lego. Diese waren zumindest unglücklich.

Ich selbst bin ein Gegner des Wechsels. Und zwar nicht aus bloßem Trotz, weil was verändert wurde, sondern aufgrund – wie ich hoffe – rationaler Argumente.

Erstens finde ich die neuen Farben keineswegs schöner. Die alten Farben waren wärmer, und gerade braun war klarer definiert. Die erdigeren Grautöne sind meiner Meinung nach besser geeignet zur Darstellung von Stein, wie es bei Burg- und und Bergbauten vorkommt, während die bläulicheren neuen Grautöne unnatürlich oder zumindest metallisch wirken, was ja bei entsprechenden Bauten durchaus passend ist. Und Neubraun… naja. Leider wirken altgraue Teile im direkten Kontrast zu neugrauen Teilen vergilbt; auch nicht schön.

Zweitens ist die von vielen Befürwortern ins Felde geführte Farbvielfalt auch nur vordergründig ein Gewinn. Das Argument war, in Wirklichkeit gäbe es ja auch mehr als einen Grauton! Sicher. Aber in der Wirklichkeit gibt es nahezu unendlich viele Grauschattierungen, bei Lego nun zwei, bzw. vier. Zuvor war es eine klare Abstraktion und Reduktion auf einen Grauton pro Schattierung, jetzt ist das nicht mehr ganz so klar. Ich gebe zu, das ist wahrscheinlich ein schwer nachvollziehbarer Gedanke.
Wie dem auch sei, die von den Befürwortern beschworene Kombinierbarkeit von alten und neuen Farben mit dem angeblichen Vorteil der Wirklichkeitsnähe sehe ich kritisch. In einer Mauer aus altfarbenen Grauteilen stechen neufarbene Grauteile unnatürlich blau hervor, in einer Wand aus neugrauen Teilen wirken altfarbene Teile unschön oll. Und gerade in Strukturen, die „wie aus einem Guß“ wirken sollen, ist die Kombination von verschiedenfarbigen Teilen ja ein Schuß ins Knie.

Drittens und schlimmstens führt ein Farbwechsel – unabhängig davon, welche Farben nun individuell für schöner befunden werden – dazu, daß farbkonsistentes Bauen innerhalb des ewigen Lego-Systems nicht mehr uneingeschränkt möglich ist. Denn bisweilen wurden gewisse Teile irgendwann nicht mehr hergestellt (z. B. Fingerscharniere), die es nur in alten Farben gab. Gleichzeitig werden natürlich alle neuen Teilformen bloß in neuer Farbgebung produziert. Wer also optimistisch und weltoffen mit neuen Farben baut, muß, wenn er ein altes Teil verwenden will, dessen nicht mehr aktuellen Farbstich in Kauf nehmen. Ebenso müßten die konservativen Knacker, die weiterhin mit ihrem Vorrat an altfarbenen Teilen bauen wollen, entweder auf neuartige Teilformen verzichten, oder eben deren modernen Farbstich in Kauf nehmen. So oder so ist es eine unbefriedigende Situation.

Und diese Situation besteht nun seit zehn Jahren, und sie wird auch weiterhin bestehen, sofern nicht Lego alte Teilformen reaktiviert. Davon ist jedoch nicht auszugehen. An eine Rückkehr zu den alten Farben glauben eh nur die verhärmtesten Phantasten, denn erstens hat Lego ausdrücklich betont, daß diese drei neuen Farben hinfort unabänderlich seien bis ans Ende aller Dinge (nachzulesen hier), und zweitens sind die Billunder einfach Sturköppe; wenn sie alle anderen Farben ändern würden – diese drei nun aus Prinzip nicht.

Mit dem Farbwechsel ging auch eine zweite Änderung einher. Seit dem Jahre 2004 nämlich sind die Minifigs aus Lizenzthemen nicht mehr gelbgesichtig. In Lizenzthemen stellen die Minifigs realexistierende Schauspieler dar, und die haben ja in natura auch keine gelbe Haut. Bis zum Sündenfall Lando Calrissian aus dem Set 10123 waren auch alle Lizenzfiguren aus den Serien „Star Wars“ und „Harry Potter“ einfach minifigüblich gelbgesichtig. Doch Lando wurde korrekterweise mit braunem Teint dargestellt, während seine hellhäutigen Setgenossen weiterhin gelbe Haut hatten. Damit hatte Lego indirekt zugegeben, daß die gelben Minifigs hellhäutigen Menschen entsprachen. Der blanke Rassismus! Zumal es in all den Jahren nur gelbe Minifigs gegeben hatte, und eben keine Männeken anderer Hautfarbe. Die Konsequenz aus dieser schockierenden Einsicht zog Lego dergestalt, daß hinfort Minifigs, die realexistierenden Menschen entsprachen, auch mit irgendwie natürlicherem Hautton dargestellt wurden.

Das ist ja gutgemeint, aber dennoch kacke. Denn seither gibt es zwei Minifigwelten, die sich nur schwer vereinbaren lassen. Während die Männeken aus Lizenzthemen relativ naturgetreu daherkommen, auch eine nette Vielfalt an unterschiedlichen Ethnien bieten, sind die gelben Minifigs traditioneller Prägung …naja… halt anders. Und zwar keineswegs schlechter. Schon insofern nicht, als ihre Gelbgesichtigkeit geradezu ein klassisches Markenzeichen für Lego überhaupt ist. Ein Markenzeichen, welches die Firma Lego nun selbst entwertet hat.
Doof ist ja auch, daß Lego ein diebisches Vergnügen daran zu finden scheint, den feingestalteten Figuren stets einen minifighautfarbenen Halsausschnitt zu verpassen. Damit man auch ja! nicht gelbe Köppe auf Lizenztorsi setzen kann und umgekehrt.

Jedenfalls. Seit zehn Jahren bestehen diese Dilemmata nun. Sie hatten auch ihr Gutes. Aus bloßem Frust über diese unwillkommenen Änderungen beschloß ich im Jahre 2004, das Sammeln von Star-Wars- und Harry-Potter-Sets ab sofort zu unterlassen, da hier neben die doofen neufarbenen Bauteile obendrein noch die doofen unpassenden Figuren traten, mit denen ich in meiner Lego-Welt nichts anfangen konnte. Durch den Nichterwerb von neuen Sets dieser Serien sparte ich unheimlich viel Geld, das ich sowieso nicht hatte. Das andere Gute war, daß Lego natürlich noch Vorräte an altfarbenen Teilen hatte, die sie aber nicht mehr in neuen Sets zu verwenden gedachten, wohl aber gerne noch zu Geld machen wollten. So kam es, daß in den Wühlkisten der Legoländer und zum Teil auch Lego-Brand-Stores noch für viele Monate altfarbene Neuteile erhältlich waren; eine gute Gelegenheit, das oben gesparte Geld doch noch sinnvoll einzusetzen und meine eigenen Altfarbvorräte anzureichern. Waren doch ausgerechnet grau und braun immer Farben gewesen, von denen man nicht genug haben konnte.

Und neue Sets kaufte ich ja dennoch, namentlich alles Ritterliche, was naturgemäß mit einer wahrnehmbaren Anzahl an grauen und braunen – nun also neugrauen und -braunen – Teilen aufwartete. Da ich jedoch nicht gedachte, dieses Neufarb überhaupt in Eigenbauten einzusetzen, machte ich mir auch kaum die Mühe des Sortierens. Alle Teile dieser drei Farben kamen unsortiert in die Quarantänekiste. Okay, vor einigen Jahren wurde ich doch kurz schwach, ordnete die Kiste in grobe Kategorien … und warf danach alles Neufarbene weiterhin unsortiert in Eisboxen. Das machte das Auseinandernehmen von Neusets zu einer raschen Angelegenheit.

Über eine Dekade hat sich doch einiges angesammelt. Und altersmilde, wie ich langsam werde, überlege ich, den Kram doch mal wie normales Lego zu behandel und zu sortieren, vielleicht sogar für Eigenbauten zu verwenden. Schluß mit der Apartheid!