Meteorologischer Jahreszeitenbeginn.

30. August 2018

Okay, ich kann nicht an mich halten. Wie jedes Jahr, und wie jedes Jahr ungefähr viermal, wird wieder dieserlei verkündet:

2018 war laut DWD der zweitheißeste Sommer – und der endet dieses Wochenende mit kühlen Temperaturen. Doch dafür beginnt der Herbst zumindest im Nordwesten warm.

„Spiegel Online“, 30. August 2018, von mir gelesen um 16:57h.

Warum kann ich nicht an mich halten? Weil’s Blödsinn ist, und weil dieser Blödsinn unkritisch aber mit wichtiger Kennermine über alle Morgenmagazine und Boulevard-Gazetten verbreitet wird, als handele es sich um ein knallhartes Faktum. Handelt es sich aber nicht. Am 31sten August endet nicht der Sommer, und es beginnt nicht der Herbst am 1sten September. Die Jahreszeiten stimmen nicht randscharf mit den Monatsgrenzen überein, was für die Zunft der publizierenden Meteorologen das marginale Problem aufwarf, daß sie, Meteorologen, nicht präzise von drei Frühlings-, drei Sommer-, drei Herbst- und drei Wintermonaten sprechen konnten, weil die End- und Anfangspunkte jeder Jahreszeit dummerweise mitten im jeweiligen Monat liegen. Es gibt also jeweils zwei reine Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Wintermonate, und vier Monate, die durch zwei Jahreszeiten geprägt sind. Das war den Wetterfröschen zu kompliziert, weshalb sie einfach behaupteten, die meteorologischen Jahreszeitengrenzen lägen just exakt auf den Monatsgrenzen. Pfiffig, aber halt falsch und ohne Bewandtnis.

Warum falsch? Weil die Jahreszeiten durch den Umlauf der schiefstehenden Erde um die Sonne definiert werden und ihre Begrenzung an den Sonnenwendpunkten bzw. Äquinoktien haben. Der Winter beginnt ungefähr am 21sten Dezember (die genauen Daten können sich minimal verschieben), der längsten Nacht und dem kürzesten Tag. Im Winter sind die Tage kürzer als die Nächte, die Tage werden aber länger. Der Frühling beginnt an der Tag-und-Nacht-Gleiche, ungefähr am 21sten März (minimale Verschiebung auch hier natürlich möglich), die Tage werden weiterhin länger und sind länger als die Nächte. Ungefähr am 21sten Juni (s.o.) ist der längste Tag des Jahres, gleichzeitig die kürzeste Nacht, und es beginnt mit der Sommersonnenwende der Sommer. Im Sommer sind die Tage länger als die Nächte, die Tage werden aber kürzer. Und ungefähr am 23sten September (s.o.) kommt es zur zweiten Tag-und-Nacht-Gleiche, ab sofort sind die Tage kürzer als die Nächte, und sie werden auch immer noch kürzer bis zur Wintersonnenwende am 21sten Dezember. Das sind die astronomischen Jahreszeiten.

Also, warum nochmal ist das Geschwafel vom meteorologischen Jahreszeitenbeginn Blödsinn? Weil das Wetter nicht das definierende Kriterium für die Jahreszeit ist. Natürlich werden mit den Jahreszeiten gewisse Wetterlagen assoziert. Im Winter erwarten wir Kälte und Schnee, im Frühling laue Luft und blaue Bänder, im Sommer Hitze und Sonne, und im Herbst Sturm und Regen. Aber erstens sind das allenfalls sekundäre Jahreszeitenmerkmale, während die primären Merkmale eben durch den Stand der Sonne gekennzeichnet sind. Und zweitens hält sich das Wetter sowieso nicht an die Absprachen. Wie oft hat man im Februar Tage mit frühlingshaften Temperaturen, so daß die Eisdielen die Stühle rausstellen, und wie oft hatte man schon im August das Bedürfnis, die Wohnung zu beheizen, weil das Wetter so gar nicht sommerlich-warm sein wollte! Würden wir also das Wetter zur Definition der Jahreszeit heranziehen, so läge der meteorologische, das heißt: der auf das Wetter bezogene Frühlingsbeginn, an dem ersten Tag im Jahr, an dem das Wetter frühlingshaft ist. Und warum sollte das ausgerechnet der 1ste März sein, wie von den Meteorologen propagiert? Die nominelle Exaktheit des „meteorologischen“ Jahreszeitenbeginns steht in eklatantem Gegensatz zur Wandelbarkeit und Unschärfe des Wetters. (Und der Wettervorhersagen. Das nur am Rande.)

Exakt hingegen, eindeutig und vorausberechenbar ist die Himmelsmechanik. Die Bibel hat nicht gelogen, als sie in Genesis 1, Vers 14 sagte:

Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, daß sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so.

Wenn die alten Orientalen eines konnten, dann die Sterne und ihre Regelmäßigkeiten beurteilen. Daß Gott gemäß Bibel Sonne, Mond und Sterne erst am vierten Schöpfungstag ans Firmament nagelte, während das Licht bereits am ersten Tag in die Welt kam – geschenkt; das soll hier nicht das Thema sein. Denn es hat sich bis heute nichts daran geändert, daß die Zeiteinteilung auf der Erde durch die Beobachtung der Gestirne möglich ist. Darum ist es eine Frechheit, daß der kalendarische, also der astronomische, Sommer-/Frühlings-/Herbst-/Winter-Beginn eher verschämte Erwähnung findet, als handele es sich bei diesem lediglich um einen schnöden Verwaltungsakt, eine Formalität, während der meteorologische Jahreszeitenbeginn doch so handfest und wissenschaftlich sei, mit spürbaren Auswirkungen auf uns alle, denn wer wäre nicht vom Wetter betroffen? Blödsinn und abermals Blödsinn! Die astronomischen Jahreszeiten sind wissenschaftlich exakt, und alles andere ist unwissenschaftliche Schwammigkeit.

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Leserfragen: welcher bassist war laut james hetfield der „godfather of heavy metal“ und verstarb 2015 ?

14. Juli 2018

Mit dieser Frage landete irgendwer auf meinem Blog, vermutlich bei einer der Black-Sabbath-Retrospektiven, denn auch Ozzy Osbourne gilt ja als Godfather of Heavy Metal. Die gestellte Frage kann jedoch kurz und knapp mit „Lemmy Kilmister“ beantwortet werden, dem Bassisten und Sänger von Motörhead. Metallica widmeten Lemmy den Song Murder One vom Album „Hardwired… to Self-Destruct“.

Ich wundere mich freilich etwas über die präzise Fragestellung. Das klingt ja wie eine Quizfrage. Leider hatte ich diese Frage zuvor auf diesen Seiten nicht abgehandelt, geschweige denn beantwortet, also bin ich wohl durchgefallen.


Mogelpackung.

29. Juni 2018

Dieser Blogeintrag nämlich. Ich schreibe nur rasch was, damit der Juni nicht beitragsfrei bleibt. Arbeit und schönes Wetter und so, da habe ich nicht groß Lust, mir sinnvollen ..äh.. Content aus den Fingern zu saugen. Und zwischendurch nehme ich so nach und nach die ganzen doofen Nexo-Knights-Sets auseinander. Warum habe ich die überhaupt? Scheiß Denkzwänge immer! Da ist irgendwas im weitesten Sinne mit viel gutem Willen und noch mehr Augenzugekneife der Sphäre der Rittersets zuzuordnen, und schon meine ich Dösbaddel, ich müsse das alles haben. Schön blöd. Dabei könnte man wissen: Lego macht was falsch, wenn beim Auseinandernehmen einer kompletten Ritterserie so viele Schaltknüppel anfallen, daß sie nicht mehr in die Sortierschublade passen. Schaltknüppel! In Rittersets!

Aber die Kernkundschaft will es ja so. Oder? Im Forum bei 1000steine.de durfte ich mir mal was anhören, weil ich die kühne Behauptung aufstellte: „Kinder finden jeden Scheiß toll.“ „Gar nicht wahr!“ schallte es mir von empörten Müttern und ebensolchen Mitläufern entgegen. „Wohl wahr“, behaupte ich weiterhin. Ich mache das den Kindern auch gar nicht zum Vorwurf, denn sie wissen es ja nicht besser, und genau das ist ja das Problem. Mangels Lebenserfahrung können Kinder neue Eindrücke nicht mit bisherigen Eindrücken kontrastieren und qualitativ einordnen, wie sollten sie auch! Aber die Spielzeughersteller – in unserem Falle: Lego – meinen, sie müßten etwelche Wünsche befriedigen, welchselbige jedoch überhaupt erst anhand des Angebots erwachen. Schwerlich erfüllt die Firma Lego ein vorhandenes Bedürfnis, vielmehr schafft sie es erst.

Ob eine Themenserie bei der Kundschaft Anklang findet, ist also meines Erachtens weniger eine Frage des Themas an sich. Denn Kinder können ja, meiner Behauptung zufolge, jeden Scheiß tollfinden. Ob eine Themenserie Erfolg hat, liegt eher an der Sorgfalt, mit der Lego selbst das Thema behandelt. Ungeachtet dessen, daß ich persönlich zum Beispiel die Nexo Knights doof finde, weil ich halt aus meinem reichhaltigen Lego-Erfahrungsschatz schöpfen kann und Roboterritter nicht für Ritter halte, sind diese Sets ja durchaus mit Pfiff gebaut, haben interessante Funktionen und transportieren sogar bisweilen einen gewissen Humor, dem ich meine Anerkennung nicht verweigern möchte. Ziehen wir weiterhin in Betracht, daß Lego die Nexo-Knights-Serie mit verschiedenen Antrigger-Tricks ans Kind bringt, seien es monatliche Magazine mit Gimmick oder zum Sammeln reizende Blindtütchensets, dann ist es nicht verwunderlich, wenn so ein Blödsinn ein Erfolg wird. Kunststück.

Dahingegen wurden beispielsweise die letzten beiden Piratenserien mit nichts weniger als Liebe bedacht. Von vornherein wurden die Serien strikt budgetiert. Sie wurden offensichtlich als Ein-Jahr-und-das-war’s-Thema angelegt, insofern alles, was in früheren Zeiten (konkret 1989 bis 1997, durchgängig) über etliche Sets und Jahre verteilt wurde, so daß jedem Set der Raum und die Ausführung zukam, die es als Modell brauchte, in den neuen Serien in fünf Sets untergebracht werden mußte. „Mußte“, war ja ein selbstauferlegter Zwang von Lego. Da waren dann die Modelle schlampig gebaut, bröckelig, in sich unlogisch und voller sachlicher Mängel (Ladebaum, dessen Kranhaken nicht mal bis zum Boden reicht *facepalm*), und sie ließen jegliches Flair vermissen. Niemand kann mir erzählen, daß Kinder nicht auf Piraten stehen, und dennoch waren diese Serien kein Erfolg. Aber eben halt nicht, weil das Bedürfnis nicht dagewesen wäre, sondern weil dieses Bedürfnis allenfalls halbherzig, eigentlich sogar bloß viertel- oder fünftelherzig befriedigt wurde und somit eben nicht befriedigt wurde. Und daraus dann legoseits die Konsequenz zu ziehen: „Okay, Kinder stehen offenbar nicht auf so antiquierten Kram, also machen wir jetzt moderne Roboterritter“, halte ich für fragwürdig.

So. Is‘ ja doch noch ein ganz ansehnlicher Rant geworden.


Leserfragen: wo stehen die weißen kreuze vom ersten weltkrieg

10. Mai 2018

Mit dieser Frage landete ein unbekannter Internetbenutzer deutscher Zunge am 9. Mai 2018 in diesem hier auf Ihrem, Lesers, Monitor aufflimmerndem Blog. Ich vermute, daß der Fragesteller auf diesem Beitrag landete, da dort bei der Besprechung des Metallica-Films „Through the Never“ auch von weißleuchtenden Kreuzen und Verdun die Rede ist. In besagtem Film sind die aus dem Bühnenboden wachsenden weißen Kreuze eine Reminiszenz an das Titelbild von Metallicas Album „Master of Puppets“, welches eben weiße Kreuze zeigt. Diese Kreuze sind unmittelbar als Soldatenfriedhof erkennbar, und die Leserfrage ist berechtigt: Warum ist das so eindeutig erkennbar, und wo befindet sich das Vorbild?

Meine erste Vermutung schien mir unzweifelhaft ins Schwarze getroffen zu haben: Metallica ist eine zu drei Vierteln amerikanische Band, also muß doch als Vorbild der amerikanische Nationalfriedhof Arlington gedient haben! Ist aber nicht so, wie eine Recherche bei Wikipedia rasch ergab. Zwar sind in Arlington die Grabmale fein säuberlich aufgereiht und weißgetüncht bzw. bestehen aus weißem Stein, aber sie haben nicht Kreuzform. Die USA sind eine Nation im Dauerkrieg und benötigen daher mehr als einen nationalen Friedhof, weshalb Wikipedia eine Liste mit 139 United States National Cemeteries kennt, die jedoch in der deutschsprachigen Wikipedia nicht alle mit Links hinterlegt sind. Diejenigen, die per Link begutachtet werden können, zeigen jedoch ebenfalls keine Grabsteine in Kreuzform. Die englischsprachige Wikipedia kennt 147 Nationalgrabstätten, davon auch die meisten mit eigenem Wiki-Eintrag, aber es fehlte mir die Geduld, die alle einzeln abzuklappern, um zu schauen, ob irgendwo weiße Kreuze die Namen der Gefallenen tragen.

Aber eigentlich war meine erste Vermutung sowieso Kappes, denn der Erste Weltkrieg spielte sich ja vornehmlich in Europa ab, und eigentlich überhaupt nur in Verdun. Was natürlich eine unzulässige Verknappung ist, aber der Stellungskrieg von Verdun ist ganz bestimmt das augenfälligste Teil-Ereignis dieser Urkatastrophe des 20sten Jahrhunderts, da sich hier die Sinnlosigkeit der ganzen Kriegsführerei am eindrücklichsten zeigte, wiewohl es natürlich noch viele weitere Schauplätze jenes Krieges gab. Metallicas Song „One“ behandelt thematisch Buch und Film „Johnny got his gun“, welches im Ersten Weltkrieg spielt, jedoch habe ich das Buch nicht gelesen und kann nicht behaupten, daß Johnny tatsächlich bei Verdun verwundet wurde; denkbar ist es freilich. Allerdings ist „One“ nicht auf dem Album „Master of Puppets“ enthalten, das die weißen Kreuze zeigt, sondern auf „…and Justice for All“. Anyway. Verdun also. Tatsächlich sind rund um das Beinhaus von Douaumont, welches die Leichen hunderttausender nicht identifizierter französischer und deutscher Soldaten birgt, Gräber mit weißen Kreuzen angelegt. Das sollte also die Antwort auf die Leserfrage sein.

Interessanterweise, zumindest für mich, schlenderte ich selbst erst jüngst über die Kriegsgräberabteilung des hiesigen Friedhofs. Auch hier wurden keine weißen Kreuze für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichtet, sondern einfache graue Steine. Auf manchen deutet noch ein verrosteter Eisenring an, daß dort ein EK-Träger ruht, obschon das eiserne Kreuz weggerostet ist oder herausgeschlagen wurde. Auch sind die meisten Namen nicht mehr lesbar, was Zweifel sät an der Formulierung „in Stein gemeißelt“, wodurch ewige Gültigkeit postuliert werden soll. Doch was in Stein gemeißelt ist, verwittert.


Editorische Notiz

18. Februar 2018

Wie hier: hier nämlich beschrieben, hat sich ein Bilderdienst verabschiedet beziehungsweise habe ich ihn in Rente geschickt. Das betraf und betrifft weiterhin so manche Bildverlinkung innerhalb von Blogbeiträgen der letzten neun Jahre. Auch der „Büchertisch“ (siehe oben) sah einigermaßen geplündert aus, da eben die Thumbnails bei jenem Bilderdienst lagen, weshalb auch immer. Inzwischen ist mir der Grund für meine dezentrale Bilderhaushaltung selbst schleierhaft. Aber dem sei nun gewesen, wie ihm gewollt habe; zumindest die Verlinkungen auf der Übersichtsseite des „Büchertischs“ und der einzelnen Buchbesprechungen habe ich restauriert.


Der 31ste Oktober 1517.

31. Oktober 2017

Da an obgenanntem Tage Martin Luther an die Schloßkirche zu Wittenberg wummerte und, einem alten Halloween-Brauch folgend, dem Papst Süßes oder Saures bot, begehen Protestanten heute den Reformationstag. Das auslösende Ereignis jährt sich zum 500sten Male. Oder zum 499sten? Derlei Rechenspiele kann ich ja immer nicht. Egal. Schon vor gut 15 Jahren nahm ich dieses Datum zum Anlaß, kleine Szenen aus dem Leben Luthers in Lego umzusetzen, welche ich nun zum Jubiläum stumpf wiederverwende, einschließlich der jeweils zugehörigen Bildunterschriften.

Und eigentlich begann alles am 2ten Juli 1505:

Der junge Martin Luther, Magister Artium der Philosophie und Doktor der Juristerey, befindet sich auf dem Weg von Mansfeld, dem Wohnort seiner Eltern, nach Erfurt, dem Sitz seiner Universität. Unterwegs überrascht ihn auf freiem Felde ein heftiges Gewitter. Die Menschen des Mittelalters wissen inzwischen, daß weder Zeus noch Donar für derartige Naturerscheinungen verantwortlich sind, dennoch ist ein Unwetter nach wie vor geeignet, sie in Angst und Schrecken zu versetzen. Keineswegs unbegründet, denn auch heutzutage sterben noch jedes Jahr mehrere hundert Menschen durch Blitzschlag und Unwetter.

Auch Luther steht Todesnöte aus, und der damaligen Sitte gemäß wirft er sich zu Boden und ruft eine ihm bekannte Schutzheilige an, deren Nummer er zufällig im Kopf hat, in seinem Fall die heilige Anna. Das ist die Schutzheilige der Bergleute; Luthers Vater war lange Zeit Bergmann, später sogar Bergwerksbesitzer. So eine Schutzheilige hilft natürlich nicht einfach so aus Barmherzigkeit, denn sie ist ja katholisch. Als Gegenleistung für die Rettung muß man ihr etwas geloben, und Luther gelobt, Mönch zu werden, sollte er dieses Unwetter lebend überstehen.

Wie wir wissen, überlebt Luther das Gewitter, und nun muß er Mönch werden. Dumm gelaufen, bei Dreckswetter von Mansfeld nach Erfurt nämlich. Mit seiner Juristenkarriere ist es damit natürlich vorbei, aber als guter Rechtsgelehrter erfüllt er den Vertrag mit der heiligen Anna. Er tritt in ein Augustinerkloster in Erfurt ein und startet nun eine Theologenkarriere. Diese findet ihren vorläufigen Höhepunkt am 31. Oktober des Jahres MDXVII (1517):

Am 31sten Oktober im Jahre des HErrn MDXVII schlug der Augustinermönch Dr. Martin Luther 95 Thesen wider den Ablaßhandel an die Pforte der Schloßkirche zu Wittenberg. Er bezweckte lediglich, einen theologisch-wissenschaftlichen Disput über die Praxis des Handels mit der GOettlichen Vergebung in Gang zu setzen. Doch es war der Startschuß zur Reformation und zur erneuten Spaltung der hl. Mutter Kirche, welche in den folgenden Jahrhunderten zu Krieg und Verwüstung in ganz Mitteleuropa führte.

Nachdem er seine 95 Thesen wider den Ablaßhandel veröffentlicht hatte, pflog Luther einem kurzen Schriftwechsel mit dem Papst in Rom, wiewohl der päpstliche Anteil an der Konversation hauptsächlich in der formellen Mitteilung bestand, daß Luther sich als Ketzer für exkommuniziert zu betrachten habe, so er nicht seine Schriften widerrufe. Überdies ließ der Papst verfügen, daß alle Schriften Luthers verbrannt und aus dem Gedächtnis der Menschheit getilgt würden, denn sie paßten ihm gar schlecht ins Konzept einer auf weltliche Macht aufgebauten Kirche. Nicht vor Gott sollte der Gläubige sich verantworten, sondern vor der Kirche, und für ein reines Gewissen hatte er gefälligst etwas zu zahlen.

Daß Luther dies anders beurteilte, brachte ihm natürlich die Sympathien der einfachen Leute ein, schon deswegen, weil sie dieser ewigen Zahlerei an das Schatzamt in Rom überdrüssig waren; aber auch, weil er sich standhaft gegen die Dekrete der Oberen zur Wehr setzte und nichts widerrief. So etwas gefällt dem Volk. Nicht jedoch gewannen Luthers theologische Schriften ihm die Gunst Karls V. Dieser war katholisch und fühlte sich als Kaiser des „heiligen römischen Reiches“ verpflichtet, die Einheit der Kirche und der Christenheit zu schützen, sei es gegen die Heere Süleymans des Prächtigen oder gegen kleine widerborstige Mönche aus der sächsischen Provinz.¹ Daher hätte er liebend gern den Bannspruch des Papstes schlicht bestätigt und über Luther ohne Vertun die Reichsacht verhängt.

¹) Dieser Anspruch hinderte Karl jedoch nicht daran, seine Truppen im Jahre 1527 Rom plündern zu lassen und Papst Klemens VII. unter Hausarrest auf der Engelsburg zu stellen. Aber das tat er nicht in seiner Eigenschaft als römischer Kaiser sondern als Spanier², der gegen Frankreich in Italien Krieg führte.
²) Er war von Geburt kein Deutscher, sondern in den Niederlanden geborener Spanier. Die Herrschaft über das heilige römische Reich deutscher Nation war ihm als Habsburger eher von Abstammung wegen zugefallen, kümmerte ihn aber wenig.

Das aber wußte Luthers offensichtlich seinem Beinamen gerecht werdender Landesherr, Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, zu verhindern. Er erwirkte beim Kaiser, daß Luther die Gelegenheit erhielt, sich vor einer Verurteilung wenigstens zu rechtfertigen, wie es das gültige Recht vorsah. Schon gar nicht dürfe Luther nach Rom an die Inquisition ausgeliefert werden, weil er als Deutscher einen Anspruch darauf habe, nur innerhalb seiner Landesgrenzen gerichtet zu werden. Überdies habe ihm für seine An- und Abreise zum Prozeß freies Geleit zugesichert zu werden. Und so geschah es; der Kaiser lud den Doktor vor den Reichstag, der 1521 in Worms stattfand, daß er sich dort verantworte.

Vor uns sehen wir den hohen Saal, der Kaiser thront, vor ihm in zwei Viertelkreisen beobachten die Kurfürsten, gewandet in rot und weiß, das Geschehen³, der Saal ist gefüllt mit Würdenträgern aus Adel, Kirche und den Reichstädten, sowie Prozeßbeobachtern der Deutschen Presseagentur und Reuters’. In des Saales Mitte ist ein Tisch aufgebaut, darauf Luthers Schriften liegen, die er widerrufen soll, andernfalls er eines gestrengen, höchstkaiserlichen Urteils gewährtig sein muß, Gott helfe ihm, Amen! Vor dem roten Teppich vertritt Johann Eck als sachverständiger Theologe die Sache des Kaisers, hinter dem Tisch steht Luther selbst. Er erläutert, daß es ihm unmöglich sei, seine Bücher und Schriften, die er selbstverständlich anerkenne, zu widerrufen, da er sie im Einklang mit den Worten der Heiligen Schrift verfaßt habe, sodaß eine Widerrufung seiner Bücher und Schriften einer Widerrufung der Heiligen Schrift gleichkomme. Sollte ihm jedoch nachgewiesen werden, daß er in seinen Schriften Fehler im Sinne der Heiligen Schrift begangen habe, sei er der erste, der eigenhändig sein Geschreibsel den Flammen übergebe. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, soll er zum Abschluß seines Plädoyers gesagt haben.
³) Es müßten eigentlich ihrer sieben sein, doch das hätte an unerwünschter Stelle die Symmetrie beeinträchtigt.

Nun, es konnte ihm niemand formelle Fehler nachweisen, aber darum ging es ja auch nicht. Dem Kaiser ging es wie dem Papst um schnöde Politik, und sie waren gewohnt, diese kraft des ihnen verliehenen Amtes durchzusetzen, sodaß es sie mehr als wurmte, daß ein unbedeutender Mönch aus der kursächsischen Pampa ihrem Willen nicht gehorsamst Folge leistete, potz Fickerment noch eins! Dem Dr. Luther hingegen war die politische Tragweite seiner Anmaßung schnurz, ihm ging es um das Verhältnis des Menschen zu Gott, das er nicht durch eine Kirche vermittelt sehen wollte, die ihre Authorität als religiöse Instanz für bloß irdische Machtinteressen mißbrauchte.

Luther widerrief nicht und reiste ab, durchaus begleitet vom Beifall so manchen Reichsritters. Der Kaiser malte ihm noch die Reichs-8 auf den Rücken und erklärte ihn zum Vogelfreien, den jedermann jederzeit ohne Strafverfolgung beseitigen durfte. Ein Rechtsstaat war das halt damals nicht.

Als Luther vor den Reichstag zu Worms geladen wurde, hatte sein Landesherr, der Kurfürst von Sachsen, sich für ihn ausbedungen, daß ihm freies Geleit für die An- und Abreise zugesichert würde. Der Mann wußte schon, weshalb. Denn auf dem Reichstag schlug der Kaiser erwartungsgemäß den Doktor Luther in Acht und Bann. Somit war er nun ein recht- und staatenloser Illegaler, vogelfrei, und der Willkür eines jeden ausgeliefert, der seiner habhaft wurde und ihm etwas anhaben wollte. Kaiser und Kirche hofften, daß recht viele dies wollten und das Problem „Martin Luther“ für sie aus der Welt räumen würden.
Auf seiner Rückreise von Worms nach Wittenberg wurde Luther denn auch prompt von einer Bande Strauchdiebe, wie es den Anschein hatte, einkassiert. Er hatte es schon fast bis nach Hause geschafft, befand sich schon am Rande des Thüringer Waldes, als am Abend des 4. Mai 1521 das Verhängnis doch noch zuschlug. Er wurde aufgegriffen und auf die Wartburg verschleppt.

Doch zu seinem Glück stellte sich heraus, daß es sich bei den Entführern um Schergen Friedrichs des Weisen handelte. Dieser befand sich in einer Zwickmühle: Als Untertan und Kurfürst seines Kaisers konnte er natürlich nicht öffentlich einem Geächteten Hilfe gewähren, und dennoch wollte er seinen brillantesten Theologieprofessor schützen. Also ließ er seine eigenen Leute dem Doktor auflauern, damit diese ihn faßten, bevor es jemand anderes tat. Nicht verbürgt sind die Worte, mit denen er sie auf ihre Mission entließ: „Und laßt es wie einen Unfall aussehen!”

Die Wartburg, wie wir sie hier sehen, bietet nicht ganz den Anblick dar wie zu Luthers Zeiten. Denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts, nach den erfolgreichen Befreiungskriegen gegen Napoleon, gewann sie nicht zuletzt aufgrund der hier von Luther geschaffenen Bibelübersetzung Bedeutung als Symbol der deutschen Einheit, als Fundament der nationalen Erneuerung, ja, man könnte fast sagen: Sie errang Kultstatus. Zum 300. Jahrestag des Thesenanschlags fand im Oktober 1817 in ihren Mauern das „Wartburgfest“ statt, sozusagen das Gründungsfest der studentischen Burschenschaften. Ein weiteres Wartburgfest fand im Revolutionsjahr 1848 statt.
Die Burg selbst wurde (auf Initiative Goethes hin) in großen Teilen restauriert. Hierbei wurden einige der Gebäude komplett neu errichtet, und zwar in historisierendem und vor allem auch romantisierendem Stil, getreu dem Motto: „Wir bauen uns das Mittelalter, wie wir es schön gefunden hätten.“ Das sieht hübsch aus und ist inzwischen auch schon wieder fast 200 Jahre alt, doch darf man eben nicht glauben, die gesamte Burg sei original mittelalterlich.

Nachdem über Martin Luther aufgrund diverser Schriften gegen die herrschende Lehrmeinung der hl. Mutter Kirche die Reichsacht verhängt und er in Bann geschlagen worden war, wurde er vom gutmeinenden Fürsten Sachsens entführt und auf der Wartburg versteckt. Dort lebte er unter dem Decknamen „Junker Jörg“ (welch Namen sich Walt Disney nicht besser hätte ausdenken können) und übersetzte aus lauter Langeweile das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Und wie er so in seiner Stube saß und übersetzte, erschien ihm – der Legende nach – der Teufel.

Luther, der sich ja schon zuvor als resolut und couragiert erwiesen hatte, griff zum Tintenfaß und warf es nach dem Teufel, um ihn zu vertreiben. – Den Fleck, den die Tinte an der Wand hinterließ, malt man heute noch nach, um ihn stolz den Besuchern zu präsentieren.

Ob sich der Wurf des Tintenfasses tatsächlich so ereignet hat – mal abgesehen vom Erscheinen des Teufels –, ist umstritten. Auch ist es nicht klar, ob, falls überhaupt, es sich auf der Wartburg begeben hat. Denn auch für Luthers Stube in Wittenberg gibt es eine Anekdote, in die der Doktor, der Teufel und ein Tintenfaß involviert sind. Luther selbst hatte gesagt, er habe den Teufel mit Tinte ausgetrieben. Wahrscheinlicher als ein Wurf mit dem Tintenfaß ist allerdings, daß er diese Aussage metaphorisch auf seine Schriften bezog.

So. Das waren bis hierhin fünf Episoden aus meinem Luther-Zyklus, erstmals in historisch korrekter Reihenfolge dargeboten.

Und heute? Heute ist die Hälfte der Christenheit nicht katholisch, was unter anderem auf das Wirken Martin Luthers zurückzuführen ist. Gespalten war die Kirche freilich schon vorher, als sich im Morgenländischen Schisma die griechisch-orthodoxe Kirche von der römisch-katholischen schied, was bereits 500 Jahre vor der Reformation stattfand. Und unabhängig davon, ob man den theologischen Gedanken Luthers, Zwinglis, Calvins und der anderen wirkmächtigen Reformatoren folgt, und auch gleichgültig, ob man überhaupt in irgendeiner Form religiös gebunden ist, so hatte die Reformation doch klare weltliche Auswirkungen. Die Standhaftigkeit Luthers und seiner Mitstreiter zeigte den Zeitgenossen, daß die Macht der Kirche nicht unwidersprochen hingenommen werden mußte, daß es möglich war, gegen die Dogmen des Klerus aufzubegehren. Freilich verstanden viele zu ihrem Unglück die Brandreden Luthers als Aufforderung, gewaltsam gegen die Herrschenden vorzugehen, wodurch zunächst die Bauernkriege ausgelöst wurden und längerfristig der 30jährige Krieg in Gang gesetzt wurde. Aber, so behaupte ich, auch die europäische Aufklärung hätte ohne die Reformation und das durch sie erzwungene Umdenken in der katholischen Kirche und ihren Machtverlust durch die Abspaltung großer Teile der abendländischen Christenheit keinen Raum zum Atmen gehabt.

Luther selbst war natürlich nicht aufgeklärt, sondern manches gäbe es an ihm und seinen Auffassungen zu kritisieren – aus heutiger Sicht. Theologisch war er ein Hardliner, zwar nicht bezogen auf die Dogmen der römischen Kirche, von denen er sich berechtigterweise löste, aber in seiner wörtlichen Bibelauslegung. Und seine Tiraden gegen Juden und Hexen müßten uns schockieren, würden wir nicht bedenken, daß auch ein Mensch vom intellektuellen Format eines Martin Luther doch auch immer ein Kind seiner Zeit ist und somit von den ihn umgebenden Umständen geprägt.

In meinem Leben war Luther immer präsent. Eine Bleistiftzeichnung mit seinem Antlitz, stilvoll mit Doktorhut, hing hinter dem Schreibtisch im Arbeitszimmer meines Vaters, ein Pastor. Mir war also immer bewußt, daß es Luther gegeben hatte, daß es die Reformation gegeben hatte, und daß wir deswegen evangelisch sind und mit der theologisch fragwürdigen katholischen Kirche nichts am Hut haben. Der Katechismus kam später hinzu. Persönlich imponiert mir an Luther vor allem, wie er mit spitzfindiger Bibelauslegung dem weltlichen Machtanspruch der Kirche (der einzigen, die es damals in Westeuropa gab) die Grundlage entzog, insofern es eben für den Christenmenschen nicht der Vermittlung der Kirche qua Ablaß und strikter Unterwerfung unter die kirchlichen Dogmen bedarf, um zu Gott zu kommen, da Jesus davon nun mal nichts gesagt hatte; eine Argumentation, die ich religionsimmanent immer noch für belastbar halte. Außerdem ist sein Mut, es als kleiner Mönch, der nach dem Willen der Herrschenden doch eigentlich ein Rädchen in ihrem Machtapparat sein sollte, gegen Papst und Kaiser zu opponieren, nach wie vor bewundernswert, selbst wenn sein berühmter Spruch: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ nur eine Legende sein sollte. Darum war ich immer froh und bin es bis heute, in eine protestantische Familie hineingeboren worden zu sein.