CD-Regal revisited: Metallica. (Vol. 3)

21. September 2017

„St. Anger“ erwarb ich, wie gesagt, nicht, nachdem ich die Singles „St. Anger“ und „Frantic“ in Videoform auf Viva oder MTV gesehen hatte und sie mich nicht ansprachen. Insgesamt erlahmte mein Interesse an Metallica deutlich. Wenn ich mal in der Stimmung war, legte ich zwar „Ride the Lightning“, „Master of Puppets“, „…And Justice for All“ oder das schwarze Album auf, aber meine CD-Sammlung wuchs in andere Richtungen (Anathema zum Beispiel). So bekam ich nicht einmal zeitnah mit, daß Metallica 2008 ein neues Album herausgebracht hatten. Und als ein Freund, den ich aus Sorge vor Rechtshändeln besser nicht namentlich nenne, mir das neue Album in MP3-Form zukömmlich machte, traute ich mich zunächst nicht, es anzuhören, da ich befürchtete, daß es mich st-anger-mäßig enttäuschen könnte. Tja, ich bin halt nur ein Schönwetter-Fan. Oder vielleicht eher ein Schön-Musik-Fan? Dabei hatte Bernhard (Jetzt ist es ja doch raus. Aber is‘ Okay, Lars, ich habe „Death Magnetic“ inzwischen legal gekauft!) sogar angemerkt: „Is‘ ganz gut. Wieder wie früher.“

Death Magnetic

Das Wiefrüherste an diesem Album ist zunächst mal der Metallica-Schriftzug, nun wieder mit Widerhaken an M und A. Dieser überlagert (als Aufkleber auf der CD-Hülle) einen weißen Sarg in einer vermutlich 6 Fuß tiefen Grube, um die herum sich Feldlinien gebildet haben; dieses Bild zieht sich durchs gesamte Booklet. Wie früher sind wieder alle Texte vollständig abgedruckt, sogar zu dem Song „Suicide & Redemption“, einem Instrumental. Im Gegensatz zu „St. Anger“ zeichnet James Hetfield wieder alleinig für die Texte verantwortlich, und offenbar war es nötig, zum Abdruck der Lyrics seine Einwilligung zu holen, denn es ist eigens vermerkt, daß sie „reprinted by permission“ sind. Der Abdruck im Beiheft folgt auch nicht der Reihenfolge der Songs auf dem Album, was verwirrend ist, aber den Vorteil birgt, daß die Textzeile „Death magnetic“ aus dem letzten Lied „My Apocalypse“ dadurch ganz am Anfang steht und so den Titeltrack kennzeichnet.
Und die Musik? Das erste, was man hört, sind Herztöne. Das ist nicht wie früher, sondern eher wie Pink Floyd. Aber dann setzen Gitarren, Baß und Schlagzeug ein, und es geht los. Und wie! Es gibt Riffs, es gibt Solos, es gibt Melodien, und Lars Ulrich hat seine Blechtrommel beiseitegestellt, um sie nur einmal kurz augenzwinkernd wieder hervorzuholen. So thrashig war Metallicas Musik seit „…And Justice for All“ nicht mehr, sogar der verlorengegangenen Kunst des Instrumentals erinnerten sich die Jungs. Die zehn Stücke dauern zwischen 5 und 10 Minuten (Jaja, 5:01 und 9:57. Klugscheißer.) und füllen 75 Minuten CD-Platz.
Ein Beispiel zum Beispiel. „The Day That Never Comes“ tarnt sich nach einem melodischen Intro harmlos als Ballade, um sich zunächst an Intensität, dann im Tempo zu steigern und schließlich in einem Thrash-Stakkato zu enden.

Eingedenk dessen, daß Metallica im Jahr 2001 als Band beinahe gestorben wäre und das Album „St. Anger“ nicht wirklich den Klang bot, der Metallica ausmacht, kann „Death Magnetic“ durchaus als musikalische Wiedergeburt bezeichnet werden. Die öffentliche Kritik richtet sich daher auch weniger gegen die Musik, wiewohl natürlich immer einige unzufrieden sind. Vielmehr rückte die Produktion in den Mittelpunkt, da der Produzent Rick Rubin mit diesem Album in den Loudness War zog. Als Folge der hohen Kompression soll der Klang schlecht sein, was so sein mag, aber meine Ohren bekommen dergleichen nicht mit.
Wie gewohnt erreichte das Album die Spitze der Albumcharts aller relevanten Länder, und da dies in Amerika zum fünften Mal in Folge der Fall war, setzte Metallica damit einen neuen Rekord. So hätte es also weitergehen können, aber zunächst ging Metallica ausgiebig auf Tour, und neues Material kam für längere Zeit nicht. Das nächste eigene Album erschien sogar erst acht Jahre später, was aber nicht heißen soll, daß die Band in der Zwischenzeit untätig war.

Lulu

Jahaha, Überraschung! Als ich meine Metallica-CDs hervorholte und begann, sie systematisch durchzuhören und diese Blog-Berichte zu schreiben, besaß ich „Lulu“ noch nicht, also ist sie nicht im oben… nee, unten abgebildeten CD-Stapel zu sehen. Aber ich bin ja Komplettist. Und je mehr ich mich in die Materie Metallica einarbeitete, desto deutlicher wurde mir, daß ich dieses Kapitelchen nicht auslassen wollte. Die Doppel-CD kostet auch nur schlappe 7 Euro, daher dachte ich mir: „scheiß drauf!“ und kaufte sie. Gebraucht wäre sie noch billiger gewesen und vermutlich trotzdem nahezu in Neuzustand, denn ich kann mir nicht vorstellen, daß „Lulu“ von irgendwem häufig aufgelegt wird.

What the fuck is „Lulu“, und wie konnte es dazu kommen?
Im Jahre 2009 wurde Metallica in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, was – wie könnte es anders sein – für Kontroversen sorgte, da Robert Trujillo ja erst seit kaum sechs Jahren Bandmitglied war und bislang nur an einem Album und zwei Touren mitgewirkt hatte; wie konnte er da schon in die Hall of Fame einziehen? Aber Metallica versteht sich als Family, also alle oder keiner! Jason Newsted wurde als ehemaliges aber bedeutsames Mitglied natürlich auch aufgenommen, ebenso der verblichene Cliff Burton, bei der Zeremonie repräsentiert durch seinen Vater. Dave Mustaine wurde wohl ebenfalls eingeladen, doch der wollte nicht. Jedenfalls. Im selben Jahr feierte die Hall of Fame 25jähriges Jubiläum, und beim Festakt spielte Metallica gemeinsam mit Lou Reed, seinerseits Halleninsasse mit The Velvet Underground. Die Idee kam auf, mal was zusammen zu machen. Für Projekte außerhalb der Norm ist Metallica ja immer zu haben, und im April 2011 war es dann soweit, man jammte mit Lou Reed.
„Lulu“ ist im wesentlichen ein Spoken-Word-Album von Lou Reed, mit Gedichten, die er einst für ein Frank-Wedekind-Projekt verfaßte, und Metallica unterlegt dies mit einem Klangteppich in Metal-Optäääakustik. Wer also geglaubt hatte, mit „Lulu“ hielte er ein Thrash-Metal-Album in den Händen, mußte enttäuscht werden. Verausgabt wurde es am 31sten Oktober 2011, Halloween, und es gruselte die Fans in der Tat. Denn obwohl alle Vorabrezensionen und auch die Band selbst davor warnten, ein typisches Metallica-Album zu erwarten, kauften die Fans halt ein „Metallica-Album“ – und konnten mit dem Dargebotenen nichts anfangen.
Als eines der eingängigeren Stücke zeige ich mal beispielhaft „Iced Honey“:

Die Kritiken der Fachpresse waren also verhalten, die Reaktion der Fans war vernichtend, am besten zusammengefaßt als: „Wer braucht den Scheiß?“ Gebraucht hätte das niemand, aber Metallica ist Metallica, und Metallica macht, was Metallica will. Allein die Chuzpe, als größte Metal-Band der Welt so ein Artsy-Fartsy-Projekt durchzuziehen und es öffentlich zu präsentieren, war es das schon wert, finde ich. Ja, öffentlich aufgeführt wurde „Lulu“ auch, während einer kurzen Radio-Station-Tour gemeinsam mit Lou Reed. Das längste Set scheint dabei ausgerechnet im WDR bzw. auf Eins Live gespielt worden zu sein; außerdem wurde die Aufführung bei dieser Gelegenheit gefilmt und dient jetzt sogar auf Metallicas offizieller Homepage als Referenz. Dem anwesenden Publikum war dabei auch gleichgültig, ob ihnen die Lulu-Lieder gefielen, hatten sie doch das Privileg, einer einmaligen Aufführung in Club-Atmosphäre beizuwohnen und der Band so nahe zu kommen wie nie.

Beyond Magnetic

Und es war ja nicht alles schlecht im Jahre 2011. Der deutsche Fußball-Meister fand mein Gefallen, und Metallica konnte das 30jährige Band-Jubiläum begehen. Dies geschah an vier Dezemberabenden im „Fillmore“ in San Francisco, und diese vier Shows müssen so ziemlich das Exklusivste gewesen sein, was ein Metallica-Konzert je zu bieten hatte. Naturgemäß boten diese Feierstunden eine Retrospektive, zu der Metallica Freunde und Weggefährten eingeladen hatte, unter anderem die ursprünglichen Gründungsmitglieder Ron McGovney und Lloyd Grant, die an der allerersten Veröffentlichung von „Hit the Lights“ beteiligt waren und nun hier nach nur 30 Jahren zum ersten Mal live mit Metallica auf der Bühne standen. Auch Dave Mustaine zeigte Größe und teilte die Bühne mit seinen ehemaligen Band-Kameraden, und Jason Newsted war natürlich auch dabei. Außerdem sang Marianne Faithfull live ihren Part von „The Memory Remains“, Apocalyptica ersetzten das Sinfonieorchester bei „No Leaf Clover“, Lou Reed performte Teile aus „Lulu“, und einige der Bands, deren Lieder Metallica im Laufe der Jahre gecovert hatten, traten ebenfalls auf, zum Beispiel Glenn Danzig von den Misfits sowie Geezer Butler und Ozzy „the Iron Man“ Osbourne von Black Sabbath. Auch John Marshall, der Gitarrenstimmer, der bisweilen in Shows für James Hetfield die Gitarre spielen mußte, wenn dieser sich mal wieder beim Skaten die Hand gebrochen hatte oder von der Bühnen-Pyro erwischt worden war, hatte seinen Auftritt. Viele Songs, die bis dahin selten oder nie live gespielt wurden, erlebten hier ihr Bühnendebüh. Debut. Alles in allem war es also eine fette Party, bei der James Hetfield nicht nur als Conférencier am Mikro glänzen konnte, sondern auch die ganze Woche über aus allen Poren strahlte. (Ich tu grad so, als wäre ich dabeigewesen; war ich natürlich nicht, aber auf Youtube gibt’s ja alles.)
Als wäre das alles nicht schon grandios genug gewesen, wurde an jedem der Abende einer von vier unveröffentlichten Songs aufgeführt, die bei den Aufnahmen von „Death Magnetic“ übriggeblieben waren, weil sie nicht ins Gesamtkonzept des Albums passten und sowieso keinen Platz mehr gefunden hätten. Deren einer ist „Just a Bullet Away“, bei dem man nach 4 Minuten nicht glauben darf, daß der Song jetzt zu Ende sei, denn nach einer kurzen Erholungspause setzt ein opetheskes Interludium ein, bis das Lied schließlich zu seiner thrashigen Form zurückfindet.

Unmittelbar nach der Aufführung standen die Songs jeweils den Fanclub-Mitgliedern zum Download bereit. Da Metallica jedoch diesem Internet mißtraut und mit der Downloadbarkeit von eigenem Material schlechte Erfahrungen gemacht hat, wurde die EP „Beyond Magnetic“ mit allen vier Liedern im Januar 2012 auch als akkurate CD veröffentlicht. Es wäre auch zu schade gewesen, diese Songs als Mastertapes in Lars Ulrichs Keller verschimmeln zu lassen, denn diese EP war durchaus geeignet, die Fans über „Lulu“ hinwegzutrösten und die Wartezeit aufs nächste Album zu verkürzen.

Through the Never

Doch Metallica hatte keine Zeit, für ein neues Album ins Studio zu gehen, denn andere Projekte nahmen ihre ganze Aufmerksamkeit in Beschlag. Projekte, Projekte, Projekte! Vor allem war schon Jahre zuvor die Idee an die Band herangetragen worden, einen Konzertfilm zu drehen, doch war es dazu nie gekommen. Jetzt jedoch war die Zeit reif. Und zwar sollte es ein IMAX-3D-Film sein. Mit Handlung! Schlicht das ganze Equipment nach Pompeji zu karren und das Konzert zu filmen, war nicht genug. Und ein Konzeptalbum, das die Handlung anhand der Songs erzählt, hat Metallica nicht im Œuvre; Pink Floyd schieden als Vorbild demnach aus. Klar war allerdings, daß der Konzertanteil an diesem Film spektakulär sein mußte, und daß so etwas wie ein „Best of“ unausweichlich war. Es wurde also eine Setlist zusammengestellt, die Songs aus allen Epochen der Band-Geschichte beinhaltete (außer „St. Anger“…), und diese Epochen sollten bei einer Live-Aufführung durch Special Effects auf der Bühne repräsentiert werden, wobei die ikonographischen Album-Titelbilder als Anhaltspunkt dienten. Mit derart spektakulären Bühnenshows hat Metallica insofern Erfahrung, als auf der Justice-Tour während der Konzerte eine Justizia-Statue gebaut und zum Einsturz gebracht wurde; dieser Effekt durfte also nicht fehlen. Aber statt die olle „Doris“, wie die Statue liebevoll getauft worden war, aus dem Keller zu holen, wurde sie für den Film neugebaut – in größer. Außerdem wuchsen während „Master of Puppets“ weißleuchtende Kreuze aus dem Boden, war „Fuel“ prädestiniert für Pyrotechnik, wurde das Verdun-Intro zu „One“ nicht nur auf Videoleinwänden gezeigt, sondern die Granateinschläge fanden ihren Wiederhall auf der Bühne, nebst Laser-Unterstützung. Und als besonderen Clou ließ man zu „Ride the Lightning“ den elektrischen Stuhl über der Bühne schweben und von Blitzen bebrutzeln, die in riesigen Tesla-Spulen erzeugt wurden. Die Bühne, auf der all das möglich wurde, war die größte und teuerste Bühne, die je für ein Rockkonzert gebaut wurde, und benötigte 40 Trucks für den Transport. Denn transportiert werden mußte das alles natürlich auch, nämlich erst nach Mexiko-Stadt, wo in acht Veranstaltungen das Konzert geprobt wurde, ehe es schließlich in Kanada auch gefilmt wurde. Vermutlich wurde es in Mexiko geübt, weil dort die Versicherungskosten niedriger sind – falls was passiert wäre, was angesichts von Tesla-Spulen in der Konzerthalle nicht einmal unwahrscheinlich war. Das Konzertkonzept stand also, fehlte noch die Handlung. Diese überließ Metallica dem angeworbenen Regisseur, Antal Nimrod. Die Rahmenhandlung ist nun nicht oscarreif. Im Grunde geht’s darum, daß, während in der Halle das Konzert vor einem aus gutem Grund enthusiasmierten Publikum stattfindet (immerhin sehen die Leute im Film tatsächlich gerade die spektakulärste Bühnenshow seit „The Wall“), die wirkliche Welt draußen in Gewalt und Chaos versinkt und ein junger Roadie das Pech hat, sich durch diese apokalyptischen Zustände kämpfen zu müssen, um irgendwas zu holen, was bis zum Ende des Konzerts auf der Bühne sein muß. Dabei sind die auf der Bühne gespielten Songs jeweils an die Spielfilmszenen angepaßt. Beziehunsgweise eigentlich andersherum, denn die Lieder waren ja zuerst da. „Kill ’em All“ wird hier, die Trennung zwischen Konzert und Rahmenhandlung durchbrechend, sozusagen dargestellt durch einen hammerschwingenden Todesreiter, der in der Tat alle killt, die ihm in den Weg treten. Für four horsemen hat’s freilich nicht gereicht. Am Ende bricht die Bühne parallel zur Welt außerhalb und aufgrund der Ereignisse, die dort stattfinden, zusammen, James merkt an, daß man diesen ganzen Plunder ja eigentlich eh nicht brauche, und Metallica spielt „Hit the Lights“ minimalistisch im Garagenstil. Das hat seinen Charme.
Der unglückselige Roadie kann gegen alle Widerstände seine Mission erfüllen und wird in der dann leeren Konzerthalle mit einer Exklusivdarbietung von „Orion“ belohnt, durch welche auch Cliff Burton irgendwie in diesen Film findet. Die Idee, ihn als Hologramm einzubinden, kam zwar auf, wurde aber als too cheesy verworfen.
Da im Film an passender Stelle nur das Riff angerissen, der Song aber nicht auf der Leinwand ausgespielt wird, sei „Wherever I May Roam“ der Anspieltipp:

Den Rest der Show gibt’s im Film, sehenswert ist er allemal. Die Produktionskosten von über 30 Millionen Dollar konnten 2013 an den IMAX- bzw. Kino-Kassen freilich nicht eingespielt werden. Wenn wir also irgendwann lesen, daß Metallica, wie alle anderen Superstars auch, pleite sind, wissen wir, warum. Die Jungs, inzwischen zu ausgewachsenen Männern über 50 herangereift, sind also weiterhin darauf angewiesen, ihre Brötchen auf Tour zu verdienen. Und das taten sie gerade im Jahr 2013 besonders fleißig. Innerhalb von 12 Monaten gaben sie Konzerte auf allen Kontinenten, was weniger außergewöhnlich klingen mag, als es tatsächlich ist, wenn man nämlich die Antarktis dazuzählt. Die südamerikanische Coca-Cola-Filiale hatte für Gewinner eines Wettbewerbs eben dies getan: Ein Metallica-Konzert bei der argentinischen Südpolarforschungsstation organisiert und Band wie Fans samt Ausrüstung ins ewige Eis transportiert. Dieser Auftritt war also noch exklusiver als die Geburtstagsshows in San Francisco, und er brachte Metallica einen offiziellen Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde ein.

(Und während ich all das schreibe, fällt mir soeben auf, daß ich jetzt „Lulu“ schon zum mindestens dritten Mal durchlaufen lasse. Auch das dürfte ein nie dagewesener Rekord sein. Und was soll ich sagen: Es ist weniger schmerzhaft als „St. Anger“.)

Hardwired… To Self-Destruct

Inzwischen ist das Jahr 2016 über uns gekommen, und da ist es doch noch, das neue Metallica-Album! Als Appetizer war bereits im Jahre 2014 der Song „Lords of Summer“ zunächst digital, schließlich auch als Vinyl-Single veröffentlicht worden, wovon ich natürlich nichts mitbekam, was mir aber eh nichts genützt hätte, da ich weder mit iTunes noch mit Vinyl was anfangen kann. 2015 gingen die Herren dann endlich ins Studio, um das zehnte Album aufzunehmen. Man ließ sich Zeit und legte alles in die Produktion, um so ein Semidesaster wie mit der Kompression von „Death Magnetic“ zu vermeiden. Die 12 Songs des Albums haben eine Gesamtspieldauer von 77:22 min, hätten also – seit „Load“ wissen wir das – wahrscheinlich auf eine CD gepaßt, aber um den bestmöglichen Klang rüberzubringen, wurden sie auf zwei Scheiben verteilt, was „Hardwired… To Self-Destruct“ somit zu einem Doppelalbum macht, irgendwie. In der Deluxe-Version bekommt man sogar drei Scheiben, wo dann „Lords of Summer“ in einer verkürzten Neueinspielung ebenfalls enthalten ist, neben drei neuen Cover-Songs und 10 Live-Aufnahmen. Wie dem auch sei.
„Hardwired“ ist dann auch direkt zu Beginn der Titeltrack, eine 3-minütige Thrash-Ansage, die das Thema des Albums setzt: „We’re so fucked“, denn die Welt ist im Arsch, und die Menschen sind Arschlöcher, aber wir können ja nicht anders, denn wir sind hardwired to self-destruct. Mit „Atlas, Rise!“ geht es in einigermaßen schnellem Tempo weiter, und man fragt sich, wie die alten Männer das noch ohne die Gefahr von Herzkaspern und Sehnenscheidenentzündungen auf die Bühne bringen wollen. Doch im Folgenden wird die Geschwindigkeit etwas gedrosselt und kommt im düster-dräuenden „Dream No More“ fast ganz zum erliegen, wenn Cthulhu angekrochen kommt. „Hardwired… To Self-Destruct“ hat unbestreitbar seine Höhepunkte, aber gerade im zweiten Teil durchaus auch seine Längen. Das könnte daran liegen, daß Hetfield und Ulrich quasi alles alleine komponieren mußten, da Hammett der Anekdote nach das iPhone mit seinen Song-Ideen verschludert hatte, seine Beiträge sich also auf die Soli beschränkten und weiterer Input fehlte. Wir schleppen uns also wohlwollend, denn einige gute Riffs und Melodien gibt es in jedem Song, durch die zweite CD, verdrücken bei „Murder One“, einer Hommage an den kurz zuvor verstorbenen Lemmy Kilmister, ein Tränchen und werden für unsere Geduld schließlich durch „Spit Out the Bone“ mit einer Thrash-Explosion belohnt, die alles hat: Geschwindigkeit, Rhythmuswechsel, Riffs und Soli, derer eines sogar vom Baß. Insgesamt ist das Album mehr als solide, aber ob es ein Klassiker wird, muß die Zeit zeigen. Gemessen daran, daß die zu ihrer Zeit ungeliebten Load-Alben inzwischen Klassikerpotenzial haben, besteht diese Chance also für „Hardwired…“ durchaus auch.
Als Hörbeispiel wähle ich „Atlas, Rise“:

Da Metallica es können, haben sie zu allen 12 Songs (bzw. 13 inklusive „Lords of Summer“) offizielle Videos veröffentlicht. Von diesen ist nicht jedes einzelne ein Höhepunkt der Videokunst, da bisweilen halt einfach Konzert- und Behind-the-Scenes-Material der Band verwendet wird, aber einige sehr gute Ideen sind auch hier dabei, vor allem das animierte Lemmy-Tribute und die dystopische Matrix-Adaption zu „Spit Out the Bone“. Und wann hätte eine Band jemals Videos zu allen Liedern auf einem Album veröffentlicht?

So, ich bin durch, mehr habe ich nicht von Metallica. Ich habe mal bei einem örtlichen Ebay-Anbieter Lego abgeholt. Der hatte einen halben Meter CDs im Schrank und merkte an: „Mehr gibt es nicht von Metallica.“ Da waren dann alle Singles und Konzertalben dabei, und was weiß ich, was es sonst noch gibt. So komplett muß ich’s auch wieder nicht haben. Zumal man auf der offiziellen Homepage der Band feststellen kann, daß es noch sooo viel mehr gäbe: Sondereditionen, Fanclub-Specials, und inzwischen annähernd von jedem einzelnen Konzert offizielle „Bootlegs“, falls man das noch so nennen kann, wenn der Mitschnitt im Auftrag der Band selbst erstellt wurde. Wer das alles haben möchte, kann der Band „Through The Never“ im Alleingang refinanzieren. Ich jedenfalls habe meinen Beitrag dazu geleistet.

Schlußbemerkung

Und warum ist Metallica jetzt die größte Metal-Band der Welt? Die sind doch nur zu viert?
Metallica ist auf jeden Fall mehr als die Summe seiner Bestandteile. Da hätten wir James Hetfield, der von sich selbst sagt, daß er von Musik eigentlich kaum was verstehe, und dessen Gesangskünste er zumindest zu Beginn selbst in Zweifel zog, worin ihm bis heute viele beipflichten, wenn man den Kommentaren unter Youtube-Videos Glauben schenkt. Sodann haben wir Lars Ulrich, der zwar von keinerlei Selbstzweifeln geplagt zu sein scheint, dessen Fähigkeiten an den Drumms aber vor der Bandgründung von James arg in Frage gestellt wurden. Auch hier folgt ihm eine nicht unbedeutende Anzahl Youtube-Kritiker, die Lars nicht nur wegen seines schlampigen Schlagzeugspiels hassen, sondern auch wegen seiner Rolle in der Napster-Affäre. Dann wäre da noch Kirk Hammett, dessen Name selten genannt wird, wenn die größten Gitarristen des Planeten aufgezählt werden, vor allem soll er an seinen Vorgänger Dave Mustaine nicht annähernd herankommen. Und schließlich haben wir Cliff Burton, den Gott am Baß; aber der ist tot. Sein Nachfolger Jason Newsted ist ebenfalls nicht mehr in der Band, wofür er von den Kritikern abgefeiert wird. Die gegangen sind, sind offenbar immer die Besten. Robert Trujillos kreative Beiträge waren bislang überschaubar, er überzeugt eher durch seine animalische Bühnenpräsenz. Wenn wir das alles zusammenfassen, müßte Metallica also eine bestenfalls mediokre Band ohne nennenswerte Anhängerschaft sein.

Is‘ aber nich‘ so. Stattdessen haben die Jungs als Kollektiv ungefähr… ich zähle mal schnell durch: 10, 8, 8, 9, 12, 14, 13, 2, 1, 11, 10, (10), 4, 1, 12 eigene nebst mindestens 11, 16, 3 gecoverten Songs veröffentlicht, im Zuge dessen unzählige Riffs und Melodien von einzigartiger Wiedererkennbarkeit geschaffen und ebensoviele Metal-Klassiker in die Welt gebracht, ein ganzes Genre mitbegründet und geprägt, waren Vorbild für Dutzende Nachfolgebands und verdienten sich den Respekt der meisten, wenn nicht aller ihrer eigenen Vorbilder. Außerdem war der Dude Roadie für Metallica, noch Fragen?

Davon, daß Metallica eine phantastische Live-Band ist, worauf von Beginn an ein großer Teil ihres Ruhms fußte, überzeugte ich mich neulich auch endlich. Da ich ja bis jetzt vor allem ein Schönwetter-Fan war, fuhr ich also im Regen nach Köln und sah die Altherrencombo amtlich abrocken. Bei der Gelegenheit wurde ich von James Hetfield in der Metallica-Familie willkommen geheißen, darum ist mein Leben jetzt vollkommen.

Advertisements

Journalismus ist überbewertet.

23. August 2017

(Da ich gerade an einem längeren Beitrag schreibe, dessen Fertigstellung ausreichend lange Zeit in Anspruch nimmt, um ihn zwischendurch als Entwurf abzuspeichern, bin ich über einen anderen Entwurf gestolpert, den ich offenbar am 28. März 2015 unveröffentlicht im Zettelkasten hinterlassen habe. Was damals die Richtung dieses Artikels werden sollte, und welches mein Fazit geworden wäre, kann ich nicht mehr sagen; vermutlich wollte ich auf die Diskrepanz zwischen hehrem moralischem Anspruch und der schnöden Alltagswirklichkeit hinaus, also Pillepalle. Angesichts der Entwicklung in der Türkei und in Rußland wäre ich auch fast geneigt, den provokanten Titel zurückzunehmen, denn naTÜRlich ist ein unabhängiger Journalismus wichtig und notwendig für das Funktionieren einer Demokratie. Ich lasse das dennoch so stehen, weil das halt der Text ist, wie ich ihn ursprünglich verfaßt habe, bis mir die Luft ausging.)

Bei BILDblog steht’s, und ich mußte jedem einzelnen Aspekt des Artikels zustimmen:
http://www.bildblog.de/63749/andreas-l/

Die Medien, die Presse, die Journalisten – sie verstehen sich als „die vierte Gewalt“. In einem modernen demokratischen Rechtsstaat, in einer Republik, ist die Staatsgewalt geteilt. War sie in einer absolutistischen Monarchie noch in der Person des Monarchen vereint, so gliedert sie sich nun in Legislative (Gesetzgebung = Parlament), Exekutive (ausführende Gewalt = Regierung) und Judikative (Rechtsprechung = Gerichte). Prinzipiell sind die Gewalten voneinander unabhängig, wiewohl dies in Deutschland auch nicht so ganz stimmt, aber das ist eine andere Geschichte (Stichwort: Gewalten-Verschränkung). Die vierte Gewalt im Staate ist in diesem Sinne nicht Teil des Staatsapparats, sondern sie ist das Kontrollorgan, die kritische Öffentlichkeit, Sprachrohr des Volkes, das den handelnden Politikern, Juristen und Mitgliedern der Exekutive auf die Finger schaut. Und so soll es auch sein, denn dafür steht die Pressefreiheit, die im deutschen Grundgesetz im fünften Artikel manifestiert ist. So weit, so gut.

Freilich ist „die vierte Gewalt“ nicht offiziell, sondern entspringt dem Selbstbewußtsein des Journalistenstandes, befeuert durch die Erfahrung faktischer Macht. Was in der Zeitung steht, hat Auswirkungen. Was einmal gesendet wurde, ist nicht mehr zurückzunehmen. Journalisten recherchieren Mißstände, decken Skandale auf, greifen durch ihre Texte und Bilder unmittelbar ein in die Willensbildung des Volkes. Sie generieren den Druck der Öffentlichkeit, der die handelnden Politiker in ihren Entscheidungen bestärkt oder zögern macht, der einzelne Karrieren fördern oder beenden kann. Eine große Verantwortung, fürwahr. Ethisches Handeln und sicheres Urteilsvermögen müßten für einen Journalisten Grundvoraussetzung sein. Dessen war sich der Deutsche Presserat bewußt und hat darum 1973 den Pressekodex beschlossen. Sehr verkürzt zusammengefaßt steht darin, daß die medial verbreiteten Informationen gut recherchiert sein und stimmen müssen, und daß in Anlehnung an das Grundgesetz die Würde des Menschen, also das Persönlichkeitsrecht gewahrt sein muß. Und noch so einiges andere, was auch wichtig ist. So weit, so gut.

Freilich ist der Pressekodex nur so semiverbindlich, insofern er lediglich eine freiwillige Selbstkontrolle darstellt. Verfehlungen werden bei Kenntnisnahme gerügt, sicher, aber was hilft es? Eine einmal verbreitete Fehlinformation ist in der Welt, und von einem einmal zu Unrecht falsch gezeichneten Bild eines Menschen bleibt immer etwas hängen. Und überdies ist „Journalist“ auch weder eine geschützte Berufsbezeichnung, noch ist es ein Ausbildungsberuf; das Vorhandensein von Journalistenschulen (prominent die Henri-Nannen-Schule) und Journalismus-Studiengängen, zu denen berüchtigterweise nur die profiliertesten Einserabiturienten überhaupt zugelassen werden, könnte da einer falschen Vorstellung Vorschub leisten. Journalist nennen kann sich prinzipiell jeder, der in irgendeiner Form irgendwas publiziert, also auch der Schreiberling eines unbedeutenden Einpersonenblogs. Dem Wortsinne nach ist ein Journalist jemand, der Journale füllt, ganz gleich, mit welchem Inhalt und ungeachtet seiner Geisteshaltung. Zu Bismarcks Zeiten waren Journale noch ausschließlich gedruckte Zeitungen, doch sinnvollerweise umfaßt das Betätigungsfeld des Journalisten heutzutage natürlich jegliches Verbreitungsmedium, von den klassischen Druck-Erzeugnissen Zeitung, Zeitschrift, Magazin über die inzwischen fast schon klassischen Sendungen in Hörfunk und Fernsehen, hin zu den mittlerweile auch schon nicht mehr sooo neuen Medien im Internet, momentan gipfelnd in Facebook und Twitter. Und daß Journale „täglich“ erscheinen, ist auch nur Ausdruck einer Periodizität, die als Pars-pro-toto zu verstehen ist.

Jedenfalls. In den Kommentarspalten des medienkritischen Blogs Stefan Niggemeiers, einem der Gründer des BILDblogs, sammeln sich Menschen, die einem Journalismus hinterhertrauern, der nach ethischen Maßstäben im Sinne des Pressekodex‘ handelt. (Und sicher sammeln sich solche Idealisten noch an ganz vielen anderen Stellen, aber als Fachfremder habe ich halt nicht die ganze Landschaft im Blick.) Da wird dann angesichts der geistig-moralischen Verfehlungen des Standes bloß noch von „Journalismus in Anführungszeichen“ gesprochen. Klar, auch ich würde mir wünschen, daß Journalisten sich nicht nur für die staatstragende vierte Gewalt halten, sondern daß sie auch die fachliche Qualifikation und moralische Integrität mitbrächten, die einen solchen Anspruch rechtfertigten. Allein, bei mir verfestigt sich die Meinung, daß Journalisten halt doch in erster Linie Journale füllen, mit egal was. Und ich frage mich: War es je anders?

Schon die holzschnittlastigen Flugblätter der frühen Neuzeit bedienten nicht ausschließlich das Informationsbedürfnis des damaligen Publikums, sondern auch die Sensationsgier desselben, gemäß dem Horaz-Wort „Aut prodesse volunt aut delectare poetae, aut simul et iucunda et idonea dicere vitae“: „Die Dichter wollen entweder nützen oder erfreuen oder zugleich Erfreuliches und für das Leben Nützliches sagen.“ Warum denn auch nicht; wer eine Information an den Mann (die Frau) bringen will, muß sie in ein attraktives Gewand kleiden (die Information, nicht die Frau). Spätestens in der Reformationszeit verfolgten Flugblätter nicht mehr primär den Zweck einer Informationsvermittlung, sondern vor allem die Verbreitung einer politischen Agenda.
Ob man Bänkelsänger in welchem Sinne auch immer als Journalisten bezeichnen sollte, wäre zu diskutieren, doch unstrittig verbreiteten sie Informationen übers Land. Auch sie kaprizierten sich auf die schauerlichen, sensationsheischenden Geschehnisse ihrer Tage.
Und es steht das Wort „Journaille“, bezeichnend Journalisten, die als Gesamtheit moralisch fragwürdige Methoden anwenden in der Auswahl, der Beschaffung und der Verbreitung von Informationen. Ja, auch die Nazis verwendeten das Wort, um die freie Presse zu diffamieren, doch erfunden haben sie es nicht. Da war Karl Kraus, des Nazitums nahezu unverdächtig, 1902 schon näher dran, als er in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ über „die Verwüstung des Staates durch die Pressmaffia“ ätzte.

Also offenbar wußten Journalisten zu allen Zeiten schon den Zorn der Gerechten auf sich zu ziehen. Bedauerlich, fürwahr.


Rittersets.de

14. Juli 2017

Kennt der ein oder andere vielleicht. Seit ungefähr dem Jahr 2001 hatte ich da eine kleine Datenbank mit allen mir bekannten Lego-Sets angelegt, die irgendwie einen Bezug zu Rittertum oder Mittelalter haben. (Ergänzt um die Piratenzeit, weil: Wollte ich so.) Zu dem Zweck habe ich die Bilder von Karton oder Bauanleitung eingescannt oder photographiert, was gewissermaßen heikel war, da die Rechte dafür natürlich bei der Firma Lego liegen. Aber andere Datenbanken im Internet machen das ja auch (Lugnet, Brickset), und die Firma hat sich nie daran gestört, solange nicht der Eindruck erweckt wurde, die jeweilige Datenbank werde von Lego betrieben oder unterstützt, was mit entsprechenden Disclaimern kenntlich gemacht wird. Jedenfalls. Die von mir angefertigten Scans und Photographien habe ich im Internet bei einem kostenlosen Bilder-Hoster abgelegt und auf meinen Seiten eingebunden.

„Kostenloser Hoster?“, höre ich fragen. „Immer diese Umsonst-Mentalität im Internet!“, pfeift mir der Luftzug des wedelnden Zeigefingers um die Ohren. Ja, kostenlos, weil ich ja mit dieser Datenbank selbst auch nichts verdiene.

Heute allerdings stellte ich fest, daß der einstmals kostenlose Hoster jetzt 400 Dollar im Jahr dafür verlangt, wenn die bei ihm abgelegten Bilder fremdverlinkt werden, wie ich es halt praktiziere. Ich habe ja Verständnis dafür, wenn so ein Dienstanbieter was verdienen will; soll er ja auch. Aber ich mache das trotzdem nicht mit. Denn ich verdiene ja auch nichts, siehe oben. Die Frage, ob ich also zahlen soll, oder ob ich die Bilder zu einem anderen Anbieter verlagere, habe ich mit „weder noch“ beantwortet. Mit den Jahren ist mein Enthusiasmus betreffend Lego-Rittersets etwas abgeklungen, zumal das aktuelle ..äh.. Ritter-Programm so recht eigentlich gar nichts mit Rittern und Mittelalter zu tun hat. Darum bringe ich nicht den nötigen Willen auf, alle Bilder zu verlegen und alle Links zu ändern. Also wird Rittersets.de jetzt abgeschaltet. Vielen Dank für das Interesse und die freundlichen Zuschriften!

Nachtrag am 21sten Juli 2017:
Auf mehrfachen Wunsch habe ich die Seite (vorerst!) wieder ..äh.. eingeschaltet. Also die Datein wieder auf meinen Webspace hochgeladen. Irgendwie ist aber die Domain http://www.rittersets.de als solche nicht mehr vorhanden; wahrscheinlich, weil die unter chutspe.de eingegliedert war und ich jetzt irgendwas falschgemacht habe. Wer aber noch mal einen Blick werfen will, wird fündig unter:

http://www.chutspe.de/Rittersets/

Einige Verlinkungen waren wohl von Beginn an unglücklich, und ich bekomme sie jetzt nicht mehr ohne größere Recherche hin, also führen diese Links jetzt ins Leere. Und Setbilder gibt es auch nicht.

Und am 13ten Januar 2018 ist endgültig Schluß, denn nur bis zu diesem Datum gilt mein Homepage-Vertrag.


Eigentlich ganz simpel.

21. Juni 2017


Seit fast 20 Jahren …naja… laß sagen, seit 15 Jahren schwebt mir vor, meinen Lieblingsroman in Brick-Testament-Manier in Lego nachzubauen. Ein zum Scheitern verurteiltes Projekt, weil: Mein Projekt. Und ich krich ja den Arsch nicht hoch. Dabei habe ich es immerhin geschafft, Grimmelshausens „Abenteuerlichen Simplicissimus“ dreimal zu lesen, 720 frühneuhochdeutsche Seiten. Einmal im Rahmen eines Seminars an der Uni, inclusive Hausarbeit zum Thema, einmal als Vorbereitung auf die Zwischenprüfung, und dann noch mal für Spaß. Und obendrein las ich ohne Not auch noch die verwandten Werke „Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche“ (von Bertolt Brecht später als „Mutter Courage und ihre Kinder“ auf die Bühne gebracht) und den „Seltzamen Springinsfeld“, welcher recht eigentlich als Sequel zum „Simplicissimus“ betrachtet werden kann.

Die „Courasche“ ist leider arg zerfleddert, weil ich das Reclam-Bändchen eine Zeitlang in meiner Gesäßtasche mit mir trug, was töricht war, denn so übertrieben leicht zu bekommen sind diese Ausgaben gar nicht, handelt es sich doch eher um spezielle Literaturkost, die nicht jede Buchhandlung einfach so vorrätig hält. Nach wie vor erhältlich ist freilich der „Simplicissimus“. Immerhin ist es der erste große Roman von deutschlandweiter Weltgeltung, weshalb man ihn in der Klassiker-Abteilung einer „Meyerschen“ durchaus findet. Und bei dieser Gelegenheit wird man mit Bestürzen feststellen, daß das Klassiker-Regal dieser „Meyerschen“ ungefähr einmeterfuchzich breit ist, während für moderne Esoterik-Literatur eine ganze Etage reserviert ist und für pseudohistorische Frauenromane („Die Base des Bischofs“. „Die Nelkenumtopferin“. „Die Jäterin im Klostergarten“.) eigens angebaut wurde. Aber was soll’s, Hauptsache, die Leute lesen überhaupt noch irgendwas anderes als Twitter-Nachrichten und radikal-unempathische Facebook-Foren. Wie dem auch sei, auch ich fand in der Buchhandlung noch zwei Ausgaben des „Simplicissimus“, die ich einfach mal so haben wollte, ohne sie je tatsächlich zum Lesen benutzen zu wollen. Man kann ja nicht immer nur Lego sammeln.

Hier ist die rechte Ausgabe in historischer Orthographie und Interpunktion, während das Buch in der Mitte schlicht Reclams Edelausgabe des Buches links ist, welches mir fernerhin und wie gehabt als Leseexemplar dienen soll. Derartige Edelausgaben historisch bedeutsamer Werke der Literatur gab es vom Reclam-Verlag schon immer. Also mindestens seit den 1950er Jahren. In meines Vaters Bücherschrank fanden sich eine derartige Ausgabe des „Dil Ulenspiegel“ und von Sebastian Brants „Narrenschiff“. Leider keine des „Simplicissimus“, was eigentlich unverzeihlich ist, zumal mein Vater ansonsten die Weltliteratur quasi komplett hatte, Manesse, Insel und Reclam sei Dank.

Meine Lesebändchen-Ausgabe des Romans ist ziemlich eindeutig eine moderne Variante dieser 50er-Jahre-Prachtausgaben aus dem Reclam-Verlag. Und ich bin ja da so: Ich will den „Simplicissimus“ auch in so einer historischen Ausgabe haben! Ich will ich will ich will, aber is nich so einfach. Meine stichprobenartigen Recherchen bei Ebay bringen insofern Treffer, als ich mir sicher sein kann, daß es den Roman damals in einer solchen Ausgabe gab. Aber die angebotenen Exemplare sind alle arg mängelbehaftet, vor allem hinsichtlich des Schutzumschlags. Aber ohne den tu ich’s nicht.

So, und was hat das alles jetzt mit Lego zu tun? Nicht viel, leider. Weiter als bis zum Frontispiz bin ich nie gekommen.


CD-Regal revisited: Anathema.

11. März 2017


Bannfluch!!!! heißt das. Ein Name, der jedenfalls einer Doom-Death-Goth-Metal-Band würdig ist.

Ungefähr im Jahre 1999 vertrieb ich mir die Zeit nach der Vorlesung bei meinem Freund Bernhard. Er, kulturbeflissener Geigenspieler und kurzhaariger Headbanger, der er ist, legte Musik auf. Musik! Schöne, kraftvolle, moll-gestimmte Musik. Es war dies das Album „alternative 4“ von Anathema. Ich kannte die Band nicht, war aber unmittelbar überzeugt. Es kann nicht lange gedauert haben, bis ich mir im Plattenladen das Album ebenfalls kaufte. Und dann noch eins. Und noch eins.

Gestern kam ich kaum ins Bett, weil ich mich bei Youtube durch Anathema-Videos hörte. In der Kommentarspalte unter einem der Videos sprach ein User davon, daß er gerade (also vor vier Jahren oder so, als das Video halt hochgeladen wurde) „binge hearing“ von Anathema-Songs betreibe. „Gute Idee“, dachte ich mir da, „mache ich ja im Prinzip auch gerade.“ Aber natürlich habe ich es nicht nötig, mich durch zufällige Videos zu klicken, die mir in der Vorschlagsspalte angeboten werden, sondern ich kann strukturierter vorgehen; mein Plattenschrank gibt’s her und mein Naturell erfordert’s.

Ich bin ja Sammler, falls das schon mal wem aufgefallen ist. Mit Musik verhält sich das kaum anders als mit Lego; prinzipiell strebe ich Komplettheit an. Zu meinem Glück muß ich allerdings nicht Erstveröffentlichungen auf Vinyl sammeln, sondern mir kommt es auf den Inhalt an. Die oberste CD im oben abgebildeten Stapel ist die auf einem Tonträger zusammengefaßte Wiederveröffentlichung zweier EPs: „The Crestfallen EP“ und „Pentecost III“, ursprünglich von 1992 und 1995. In Vor-Internet-Zeiten hätte ich mich in Fachmagazinen wie etwa der „Rock Hard“ informieren können, tat ich aber nicht. Vielmehr schaffte ich bei meinen Einkaufsgängen nach und nach in wahlloser Reihenfolge diejenigen CDs an, die ich halt noch nicht hatte, irgendwann dann eben auch diese Doppel-EP. Nun, da ich strukturiert vorgehe, lege ich sie also als erstes auf…

Weg, CD, einlegen, Booklet aus der Hülle nehmen, den dumpfen, schleppenden Klängen von jungen langhaarigen Death-Doom-Musikern lauschen.

Okaaay. Wie ich befürchtet hatte, der Hörgenuß ist getrübt. Zwar wird an diesem frühen Werk der Band bereits deutlich, daß die Jungs ihre Instrumente beherrschen und in der Lage sind, wohlgesetzte Harmonien zu erzeugen. Auch mit der Thematik der Texte und der depressiven Grundstimmung der Musik kann ich umgehen. Jedoch, der genretypische gutturale Sprechgesang, das Growling, den die Death-Doom-Szene sich als Stilmittel auserkiesen zu müssen meinte, schmeichelt nicht meinem Ohr. Sorry, ihr Todgeweihten, euch mag dieses Kernelement eurer Musik wichtig sein – mir nicht. Fangen wir zum Beispiel mal vorne an: …And I Lust


Gut, die ersten fünf Stücke auf der CD entsprechen der Crestfallen-EP, danach wird erst mal das Album „Serenades“ aufgelegt.

„Serenades“ ist das erste richtige Album von Anathema, Jahrgang 1993. Und wiewohl auch hier noch arg gegrowlt wird, zeichnet sich eine Tendenz zu klarerem Gesang hin ab. Das dritte Stück „J’ai Fait une Promesse“ wird gar mit glockenheller Mädchenstimme dargeboten. Musikalisch ist ebenfalls eine deutliche Entwicklung erkennbar, insofern der Sprechgesang weniger dominant ist und die Melodien in den Vordergrund treten. Den Anhängern der Szene gilt das Album wohl als Klassiker, mir nicht unbedingt, aber es ist hörbar. Den Schluß bildet eine Keyboard-Collage von pinkfloydesken Ausmaßen: 22 1/2 Minuten. Als Hörbeispiel empfehle ich jedoch der Tageszeit entsprechend Sleepless:


Zurück zur EP. Die Chronologie erfordert es, die zweite Hälfte zu hören, welche der „Pentecost III“ entspricht.

Natürlich ist der Gesang auch hier noch düsterer Sprechgesang aus tiefster Kehle, aber stilistisch schließt sich diese EP nahtlos an das vorangegangene Album an, und das ist gut. Für mich als Genrefremden ist die zweite Hälfte der CD jedenfalls eingängiger als der doch etwas schrammelige Beginn. Aber eigentlich liegen ja auch fast drei Jahre Entwicklung dazwischen. Kingdom:


So, EP raus und das zweite Album rein: The Silent Enigma.

Dieses Album wurde 1995 veröffentlich, und wie ich soeben recherchierte, hat der Sänger gewechselt: Statt des ausscheidenden Darren White übernahm Vincent Cavanagh. Nach meinem Dafürhalten war das kein Verlust. Der Stil ist nun eher dem Gothic Metal zuzuordnen, die Vocals würden von meiner Mama weiterhin nicht als Gesang anerkannt werden, haben aber immerhin nicht mehr den Hang zum Grunzen. Ich, der ich vom späteren Album „alternative 4“ ausging, erkenne in der Melodieführung und den Arrangements der Lieder aber schon den typischen Anathema-Stil, der mich zu Beginn so gefesselt hatte. Familie Cavanagh und Consorten sind Meister der melancholischen Melodiösität. Gleichzeitig schaffen sie es, durch Tempiwechsel und was weiß ich, was für musikalische Kabinettstückchen (ich bin so unmusikalisch, daß ich kaum als Banause tauge), die einzelnen Songs auch anspruchsvoll und interessant zu halten. Wiewohl also der Gesangsstil auf diesem Album noch nicht der von mir favorisierte ist, fallen für mich Melodien und Instrumentalisierung stärker ins Gewicht. Insbesondere eingedenk der pseudo-mythologischen Thematik klingt das Album, als sei es die Vertonung eines Gemäldes von Arnold Böcklin, wenn nicht gar Gustave Dorés. Als Höreindruck sei gegeben A Dying Wish:

Bereits ein Jahr nach „The Silent Enigma“ legten die Kreativbiester von Anathema „Eternity“ vor, also 1996. Vincent, der schon auf dem Vorgängeralbum den Gesangspart übernommen hatte, fühlte sich nun nicht mehr verpflichtet, deathmetalmäßig zu growlen, sondern sang klar. Vermutlich wandte sich manch Szenekundiger tiefenttäuscht ab, ich aber begrüße diesen Stilwechsel. Überdies erweiterten Anathema ihre musikalischen Ausdrucksmittel um das Piano; der Hörer wurde direkt in der Eröffnungssequenz mit Tastenklängen überrascht. Auch die Songstrukturen änderten sich: Waren vordem manche Lieder 8 bis 10 Minuten lang, zum Teil länger, so erreicht auf „Eternity“ kein Song die 6-Minuten-Marke. Dafür gehen die Lieder zum Teil ineinander über, und der Titeltrack ist sozusagen in drei Stücke aufgeteilt. Als besonderes Schmankerl darf Roy Harpers Wortbeitrag angesehen werden, mit dem er das Lied „Hope“ einleitet, welches wiederum Anathemas Coverversion von Roy Harpers gleichnamigen Song ist. Und da Harper zudem ein Pink-Floyd-Intimus ist, der 20 Jahre zuvor auf „Wish You Were Here“ mitspielte, schließt sich auch dieser Bogen, denn ein gewisser Pink-Floyd-Einfluß ist dem gesamten Album nicht abzusprechen. Das alles war mir damals, als ich mich erstmals in Anathema einhörte, natürlich nicht bewußt. Mein Zugang zu Anathema vollzog sich ungefähr über den selben Zeitraum, in dem ich mir auch Pink Floyd erschloß, aber durchaus unabhängig von einander. Mein Musikgeschmack ist also vielleicht doch nicht so divergent, wie ich dachte, oder zumindest in diesen beiden Zweigen sehr konsistent. Vielleicht hängt auch bloß alles mit allem zusammen, ’ne liegende 8, Eternity:

Nun also 1998, nun also „Alternative 4“. Wie meine Recherche ergab, geht der Albumtitel auf „Alternative 3“ zurück, eine Pseudo-Dokumentation des britischen Fernsehens in der Tradition von Orson Welles’ „The War of the Worlds“: Es ist nicht so, wie es scheint. Freilich stehen weitere Deutungsmöglichkeiten zur Verfügung. Anathema stammen aus Liverpool. Wer sonst stammt aus Liverpool? Richtig, die „Fab Four“! Vielleicht sind Vincent und Danny Cavanagh, Duncan Patterson und Shaun Steels als Line-up auf diesem Album ja die „Alternative Four“, hm? Außerdem handelt es sich hier um das vierte Album der Band. Wie auch immer. Das Album ist deutlich geprägt von atmosphärischen Passagen und dem Willen zum Experiment; neben zum Teil programmierten Drum-Sequenzen kommt eine Geige zum Einsatz. Die Grundstimmung ist gewohnt düster, die Songs handeln von widersprüchlichen Gefühlen, Unsicherheit, innerer Leere und Zerrissenheit. Themen, die weit über das klassische Death-Doom-Sujet hinausgehen, und schon lange nicht mehr ins Gewand dieses Genres gehüllt sind. Vielmehr schlägt Anathema den Weg in Richtung Progressive Metal oder Alternative Rock ein. Die einst so depressiven Jungs haben sich weiterentwickelt, es blieb die Melancholie als alles verbindendene Klammer. Ob man „Alternative 4“ darob schon als Konzeptalbum bezeichnen kann, weiß ich nicht, hielte das aber auch nicht für allzu weit hergeholt. Genuß ohne Reue, Regret:

Es ist 1999, und Anathema drucken neue Visitenkarten: Auf dem fünften Album „Judgement“ prangt das Band-Logo erstmals nicht in der gewohnten Romantic-Death-Metal-Optik. Diese vorletzte Verbindungsfaser zur längst fremden Vergangenheit wäre also gekappt. Die letzte Verbindung ist freilich der Name, aber den ändert man ja nicht so leichthin. Stilistisch läßt sich das Album wiederum als Alternative/Progressive Rock/Metal einordnen. Wenn man es denn überhaupt der Mühe wert erachtet, die Musik dieser Band zu kategorisieren. Sowieso habe ich den Eindruck, daß bisweilen die Bezeichnungen „Rock“ oder „Metal“ vor allem zugeschrieben werden, weil eine Band ihre Wurzeln in diesen Genres hatte, ohne aber nun überhaupt noch viel damit zu tun zu haben. Aber meinetwegen, sofern sie zum Einsatz kommen, sind die Drums satt und die Gitarren prägnant, nennen wir es Metal. Daß Anathema aus dem Tongeschlecht derer von Moll stammen, sollte inzwischen klargeworden sein. Und dieses Mal haben die Gebrüder Cavanagh, Herz und Hirn der Band, auch echten Grund zur Trauer, denn ihre Mutter Helen ist gestorben; ihr sind das Album und der Song One Last Goodbye gewidmet:


So. Erstmal zwischenspeichern und ins Bett gehen. Hatte ich ernsthaft geglaubt, an einem Abend mal eben zwölf einstündige Alben durchhören und nebenbei einen Blogbeitrag schreiben zu können? Naivling!
[Mehrere Stunden später]
Weiter geht’s. Zwischendurch wechselte das Millennium, wir schreiben das Jahr 2001, die Sonne scheint, a fine day to exit.

Zufällig ist das auch der Titel des sechsten Anathema-Albums. Dieses mußte man zwar weiterhin in der Hard-n-Heavy-Metal-Abteilung des Plattenladens suchen, besser aufgehoben wäre es aber zum Beispiel neben Radiohead, so denn die alphabetische Sortierung solches zuließe, denn mit Metal hat das alles nichts mehr zu tun. Was freilich nicht bedeutet, daß die Musiker ihr Stimmungstief überwunden hätten, im Gegenteil. Die innere Zerrissenheit bleibt, die Texte handeln von verschiedenen psychischen Stresszuständen und dem möglichen Umgang mit diesen. Der Titel und die Gestaltung des Titelbildes lassen keinen Zweifel: Selbstmord wird in Betracht gezogen. Musikalisch dominieren ruhige Moll-Töne, bisweilen abgelöst von eher getriebenen Passagen. Mein Windows-Media-Player möchte das Album unter „Pop“ einsortieren; so weit würde ich nicht gehen. Als Höreindruck Leave No Trace:

Das Jahr 2003 sieht „a natural disaster“, mithin das siebte Album von Anathema. Die Gebrüder Vincent und Danny Cavenagh haben hier ihren Bruder Jamie zurück ins Boot geholt, und der Trend geht mit druckvolleren Drums und prägnanteren Gitarren wieder etwas zum Metal (was sogar mein Media-Palyer anerkennt). Das Booklet stellt die Songtexte als eine fortlaufenden Textur dar, was gut zum Aufbau des Albums paßt, wo die Lieder einen fast nahtlosen Klangteppich bilden. Traurig sind die Jungs immer noch, und sie verstehen es, diese Stimmung durch die Musik zu transportieren. Bei wem das Lied „Flying“ keinen Klos im Hals erzeugt, der hat keinen Hals!

Dann kam längere Zeit nichts, bis 2008 das Album „Hindsight“ erschien. Es ist dies freilich kein wirklich neues Album, sondern eine Zusammenstellung älterer Lieder von vorherigen Alben in neuem Arrangement. Da bei MTV ja keine Musik mehr läuft, mußte die Band sich ihr Unplugged-Album selbst zusammenstellen. Üblicherweise vermeide ich Best-of- und Komplilations-Platten, weil ich das alles ja schon auf den eigentlichen Alben habe, aber durch die akkustischen Neueinspielungen wurden es hier fast neue Lieder. Das ist auch alles sehr schön, aber. Beim Durchhören muß ich feststellen, daß mich die neue Gestalt der Songs eher irritiert. Hier covert die Band zwar ihr eigenes Material, aber der Effekt ist – zumindest für mich – derselbe: Ich ziehe das Original vor. Das einzige neue Stück auf der Platte ist Unchained (Tales of the Unexpected):

„We’re here because we’re here“, jubelten Anathema schließlich im Jahre 2010. Die langjährige Background- und Gastsängerin Lee Douglas wurde endlich als unverzichtbarer Bestandteil offizielles Bandmitglied, und das scheint den Jungs gutgetan zu haben. Die düstere Stimmung ist verflogen, das Album klingt geradezu lebensbejahend. Nein, streiche „geradezu“, es ist lebensbejahend. „Suddenly / Life has new meaning / Suddenly / Feeling is being“, heißt es im Song „Dreaming Light“. Sehr schön! Brauchen wir uns also einstweilen keine Sorgen zu machen. Sogar der Mensch, der auf „A Fine Day To Exit“ ins Wasser gegangen war, scheint hier der alles verschlingenden See wieder entstiegen zu sein. Summernight Horizon:

Anathema haben über Jahre atmosphärisch dichte Klänge erzeugt. In der Atmosphäre entsteht das Wetter, und das 2012er Album „Weather Systems“ trägt somit den passenden Namen. Einige Songs sind auch nach Wetterphänomenen benannt, was aber natürlich vor allem metaphorisch zu verstehen ist; inhaltlich geht es um die Stellung des Menschen in der Welt. Die Band-Mitglieder scheinen 20 Jahre nach ihrer düsteren Death-Doom-Phase nun endlich angekommen zu sein und Ruhe gefunden zu haben, doch auf dem Wege dahin wurden sie von den Stürmen des Lebens zerzaust. Dies findet seinen Widerhall in den Liedern dieses Albums, die teils lieblich dahinsäuseln, teils eine Wucht entfalten wie eine Klopstock-Ode. (Siehe das Paralipomenon zu diesem Blogbeitrag: Klopstock.) Als Beispiel sei genannt The Storm before the Calm:

Und schließlich und endlich, 2014, erschien das vorerst letzte Anathema-Album: „Distant Satellites“. Per aspera ad astra! Geboren in der Doom-Hölle, allen Unbilden des Lebens zum Trotz bis ans Meer vorgekämpft, kurz abgetaucht, erfrischt dem Ozean entstiegen und in atmosphärische Höhen aufgestiegen, das waren Anathema bis hierhin. Nun also greifen sie nach den Sternen. Der Vergleich mit Pink Floyd wurde ja oft bemüht, traf auch häufig ins Schwarze, wurde vielleicht ebenso häufig überstrapaziert. Aber jedenfalls zählten Pink Floyd seinerzeit zur Space-Rock-Fraktion innerhalb des Psychedelic Rock. Sphärische Klänge sollten den Hörer gleichsam schwerelos auf einem Klangteppich schweben lassen. Nun also schießen Anathema einen Satelliten hoch, und an spärischen Klängen mangelt es ebenfalls nicht. Der Kreis schließt sich also. Aber hm, der Kreis schließt sich. Langsam wird’s selbstreferentiell, der sechste Song auf dem Album heißt sogar „Anathema“. Der Kreis schließt sich. Die elegischen Loops und sphärischen Passagen haben inzwischen eine Intensität erreicht, welche die Songstrukturen in bloßen Klang aufzulösen droht. Fehlte mir zu Beginn der Anathema-Reise der Zugang zum schrammeligen Doom-Gegrunze, so entgleitet mir am Ende das Interesse an den hochfeinen Space-Klängen. Vielleicht bin ich nach 12 Stunden des Dauerhörens (mit Schlafpause) aber auch bloß akut übersättigt. Jedenfalls: Anathema

Die Hörbeispiele sind fremdeingebunden und sollen lediglich einen Eindruck vermitteln. Ich empfehle selbstverständlich den Kauf der Tonträger.

Nachtrag am 27sten März 2017:
Gerade erfuhr ich, daß Anathema am 9ten Juni dieses Jahres ein neues Album veröffentlichen werden. „The Optimist“ wird es heißen. Einen Höreindruck gibt es ebenfalls schon: Springfield


Leerlauf.

31. Januar 2017

Was soll man auch immer schreiben?