Buch der Woche: Das Hühnchen Sabinchen

11. September 2009

Als ich des heutigen Buches auf dem Büchertisch gewahr wurde, dachte ich zunächst, es handele sich um ein klassisches Märchenbuch. An die romantischen Märchen Wilhelm Hauffs dachte ich, wobei der Begriff Romantik hier nicht „Schlittenfahrt mit anschließendem Abendessen zu zweit im Kerzenschein“ bedeutet, was er übrigens nie bedeuten sollte; vielmehr ist die Literaturepoche der Romantik gemeint, welche man etwa in der ersten Hälfte des 19ten Jahrhunderts verorten kann. Das ist ausreichend romantisch und kommt ohne rosaroten Kitsch aus. – Von Wilhelm Hauffs Märchen sind vor allem „Zwerg Nase“, „Kalif Storch“ und „der kleine Muck“ bekannt, aber auch das „Wirtshaus im Spessart“ geht auf ihn zurück.

Die Silhouette (auch ein Wort, welches man nur schwer auf Anhieb korrekt schreibt) auf dem Titel deutete mir, wie erwähnt, auf eine romantische Anthologie hin. Doch der Inhalt paßt nicht zu dieser meiner Annahme. Denn das abgebildete Geflügel will auch bei aller Phantasie nicht den Kalifen Storch darstellen.

Nein, vielmehr handelt es sich offensichtlich um die Geschichte vom Hühnchen Sabinchen. Diese ist schnell erzählt: Das Hühnchen Sabinchen, mit schneeweißem Federkleid gesegnet, hat keinen Bock, im Dreck zu scharren und Eier zu legen. Lieber pflegt es dem Müßiggang und stolziert über den Hof, wo es sich nach und nach die Verachtung seiner Mitbewohner zuzieht, welche artig ihre Pflicht tun. Schlimmer noch, die Hühnermagd erklärt Sabinchen für unnütz und empfiehlt es dem Koch als Suppenhuhn. Da fährt der Tagediebin denn doch der Schrecken in die hohlen Knochen, und sie besinnt sich auf ihre eigentliche Aufgabe als Legehenne. Und siehe da! Zu diesem Behuf taugt sie ganz ausgezeichnet. Apropos gezeichnet. Der Zeichner dieser Geschichte ist wahrscheinlich bekannter als die Autorin, Marianne Speisebecher. Fritz Koch-Gotha nämlich stattete auch andere klassische Kinderbücher mit wundervollen Bildern aus, etwa die „Häschenschule“, „Waldi, das lustige Dackelbuch“, aber auch „die Bremer Stadtmusikanten“.
Im Lego-Universum kann man das Buch in der Hausbibliothek des Sets 3290 finden.

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Buch der Woche: Äsops Fabeln

3. September 2009

Unlängst hielt ich mal wieder mein altes Lateinbuch in Händen, schlug es auch auf, was direkt dazu führte, daß einige lose Seiten heraus- bröselten. Fadenbindung und 11jährige discipuli (Schüler) vertrugen sich offenbar nicht. So lag also vor mir ein Buchfragment mit einem Übungsstück, und ich las: De simia gloriosa. Ich will nun niemanden mit Latein quälen, vor allen Dingen nicht mich. Auch muß ich gestehen, daß ich die Geschichte nicht mehr Wort für Wort übersetzen konnte; aber für eine freie Nacherzählung auf Deutsch langt’s. Also lautend:

„Der prahlende Affe. (De simia gloriosa)

Die Griechen pflegten auf ihren Seereisen Affen mit sich zu führen, um, mangels Satellitenfernsehens, etwas zu ihrer Erheiterung bei der schweren Arbeit zu haben. Einst begab es sich, daß ein Schiff unweit von Kap Sunion in schweres Wetter geriet und schließlich kenterte. Poseidon, der alte Zackenbarsch, zeigte sich gnädig und entsandte Delphine, von jeher den Menschen zugetan. Die Delphine bewahrten viele der um ihr Leben strampelnden Seeleute vor dem Tod, indem jene diese auf ihren Rücken nahmen und in flachere Gewässer trugen. Einer dieser Delphine ließ statt eines Seemanns jedoch, in verzeihlicher Unkenntnis des Unterschieds, den Bordaffen auf seinen Rücken klettern. Als sie sich Athen näherten, frug der Delphin seinen Passagier, ob er, Passagier, denn aus Athen stamme? Der Affe bejahte dies und fügte wichtig hinzu, daß er dortselbst viele berühmte Vorfahren habe. Desweiteren frug der Delphin, ob er dann auch den Piräus kenne? Der Affe rühmte sich daraufhin, daß Piräus einer seiner engsten Freunde sei. Da erst merkte der Delphin, daß er statt eines Menschen einen einfältigen Affen aufgesammelt hatte, und tauchte ab.“

Soweit dies. Auf die Pointe mit Piräus wird auch in Asterix-Band XII „Asterix bei den Olympischen Spielen“ angespielt. Und ohne jeden Zweifel hatte der Lego-Verlag diese Fabel ebenfalls im Sinn, als er dieses Druckwerk in die Buchhandlungen brachte:

Gut, ich gebe zu, der Autor mag auch die Fernsehserie „Flipper“ vor Augen gehabt haben, oder gar ein Lehrbuch für Hochseeaquaristik, falls ich mir das nicht grad selbst ausgedacht habe. Leider ist der Text, welcher uns Aufschluß über die Hintergründe zu bieten im Stande wäre, nicht einfach zu lesen, weil etwas verwässert. Es möge sich jeder selbst ein Bild machen. Ursprünglich in Set 3142 enthalten, ist das Buch inzwischen vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich. Viel Spaß beim Lesen!