Mittelalterliche Schmiede 21325

25. Januar 2021

Jau, Lego stellte mir auf Vermittlung von 1000steines Chefdiplomaten Dirk ein Rezensionsexemplar der mittelalterlichen Schmiede 21325 zur Verfügung. „Mittelalterliche Schmiede“ – zu Ungarisch: „Középkori kovács“ – ist in der Tat der deutsche Name des Sets, der auf der Seitenlasche des Kartons vermerkt ist. Lego verteilt solche Freiexemplare selbstverständlich in der Erwartung, wohlwollende Besprechungen zu ernten, und dessen können sie sich auch bei diesem Set sicher sein, denn es ist, fürwahr, ein tolles Modell; was soll ich da groß drumrumreden. Im Prinzip ersonnen hat es Clemens Fiedler, und wäre sein Ideas-Vorschlag eins-zu-eins (1:1) übernommen worden, hätte es so ausgesehen: klick. Ein Bild des Originals ist vorne in der Bauanleitung abgedruckt, nebst dem Konterfei des Erbauers. Wie bei Ideas-Sets inzwischen gewohnt, wurde das Modell allerdings nicht 1:1 übernommen, sondern durch Legos eigene Designer Wes Talbot und Austin William Carlson, welchselbige ebenfalls in der Anleitung abgebildet sind, in eine Façon, Fassong, Fassung, also Form gebracht, die Legos selbstauferlegten Richtlinien zur Set-Gestaltung mehr entspricht als anarchisches AFOL-Rumgebaue ohne Beschränkungen in Formen, Farben, Bautechniken und nicht zuletzt einem Budget im Verhältnis zu einem verantwortbaren Verkaufspreis. An der Barracuda-Bucht 21322 kann man beispielhaft feststellen, daß nach Legos Überarbeitungsprozeß der Ideas-Idee vom ursprünglich eingereichten Fan-Entwurf nicht viel mehr übrig bleiben mag als der Grundgedanke. Und wurde das Piratenset in seiner Endfassung eine Hommage an die glorreichsten Tage des Themas in Legos Produkthistorie, so fügten Wes und Austin, die Lego-Designer, Clemens‘ Entwurf ebenfalls eine Dimension hinzu, von der dieser wohl nicht zu träumen gewagt hätte, so er davon überhaupt je geträumt hat. Denn wie ein weiteres Bild in der Bauanleitung zeigt, vollzog sich Clemens‘ Lego-Sozialisation wohl vornehmlich im gegenwärtigen Jahrtausend. Alles in allem ist das Set 21325 aber sehr viel näher am Fan-Entwurf, als es die Barracuda-Bucht ist.

Wenn Lego Rezensionsexemplare verschickt, dann nicht mit DPD, sondern mit der Bundespost (hätte ich jetzt fast gesagt, aber so mittelalterlich ist Lego ja dann doch nicht), also DHL. Und zwar direkt in einer Umverpackung, in der wohl auch Vertragshändler und Lego-Stores ihre Ware erhalten. Mit einem dezenten Hinweis, ab wann der Verkauf legoseits erwünscht und gestattet ist.

Keine Sorge, ich werd’s erst nach dem ersten Februar bei mir ins Regal stellen, bis dahin bleibt’s hier aufm Schreibtisch stehen. Und zwar dergestalt:

Wir befinden uns im finsteren Mittelalter, entsprechend schummerig ist die Illumination. Wobei… „Mittelalter“ ist natürlich eher eine poetische Umschreibung für eine romantisierte Phantasie-Vergangenheit, wie sie etwa auf den sogenannten Mittelaltermärkten heraufbeschworen wird, und wie sie das künstlerische Konzept annähernd jedes im Mittelalter angesiedelten Films oder Computerspiels dominiert; es ist dies ein Phänomen, das durchaus nicht unserer Zeit entspringt, sondern schon vor zweihundert Jahren die Epoche der Romantik prägte. Die Wartburg zum Beispiel wurde nach den Vorstellungen Goethes und Konsorten ihrerzeit in einen Zustand versetzt, der dem entsprach, wie man sich ein ideales Mittelalter vielleicht gewünscht hätte: Pittoresk und idyllisch. Romantisch eben. Und in bezug auf das vorliegende Set ist so eine Mittelalter-Vorstellung auch gar nicht schlimm, ist doch Lego immer noch irgendwie etwas, das mit Phantasie, Vorstellungskraft, in Verbindung gebracht wird. Und warum also nicht auch mit Fantasy? Legos Ritter-Serie war nie etwas anderes, wenn auch von den Anfängen 1978 bis zu *würg* „Nexo Knights“ 2016 die Skala von „realistisch“ über „phantastisch“ immer weiter zu „unrealistischer Bullenkack“ hin ausgereizt wurde. Beim vorliegenden Set bewegen wir uns nun wieder im Spektrum von realistischer Darstellung und Fantasy-Setting.

Und idyllisch ist das doch wohl allemal! Der große Baum, der im ursprünglichen Ideas-Entwurf neben dem Gebäude aufragte, wurde hier zu einem Apfelbäumchen verkrüppelt; der Weltuntergang kann also getrost kommen. (Ich bin schuldenfrei.) Erkennbar wurde sich bemüht, AFOL-gerechte Bautechniken zu verwenden und den Baum individuell zu gestalten. Der Charakter eines Apfelbaums wurde durchaus gut getroffen, allerdings ist mir so etwas persönlich bisweilen zuviel „Hauptsache, irgendwie anders gebaut“ für ein Lego-Set. Aber ja, hübsch ist es.
Am Baum hängt eine Zielscheibe, und eine grüngewandete Figur übt das Bogenschießen. Da muß ich natürlich ans Robin-Hood-Baumversteck 6054 denken, wenn es auch eine sehr vage Andeutung ist.

Das Gebäude ist rundum geschlossen. Auf der Rückseite lockert ein Erker die Fassade auf. (Heißt es auf der Rückseite auch „Fassade“?) Das ist niedlich und unterstreicht den romantischen Charakter. Clemens Fiedler stammt aus Hannover, also ist Einbeck nicht weit weg. Die Gestaltung des Gebäudes mit überbordetem Treppenaufgang, prominent außen angebrachtem Kamin, mit Dachgaube und Erker wurde vom Ideas-Beitrag ins fertige Set übernommen. Vollkommen zu Recht.

Der Vollständigkeit halber noch eine Draufsicht im Gegenlicht:

Im Mittelalter, um da mal nicht locker zu lassen, gab es in Weltgegenden, in denen derartige Gebäude heimisch gewesen wären, allerdings noch keine Kürbisse. Und Huskies vielleicht auch eher nicht. Petitessen.

Der Schmied ist dem Namen nach die Hauptperson in diesem Set. Früher waren Schmiede mal so verbreitet, wie es heutzutage Automatenspielhöllen und Apotheken sind. Umso erstaunlicher, daß Lego diesen Berufsstand stets eher halbherzig in seine Ritter-Serien integrierte. Klar, schon 1984 gab es als kleine Ergänzung fürs Burgenland die Schmiede 6040. Hier dengelt der Schmied verschämt an einem Wagenrad. Erst im Jahre 2011 greift Lego eigenständig das Thema wieder mit dem Set 6918 auf. Hier paßt der Meister nicht mal in eigener Person in sein Kabäus-chen, und Lego legt jede Zurückhaltung ab: Jetzt werden Waffen geschmiedet! Man sieht förmlich, wie die sprühenden Ideen der Set-Entwickler („Wir sollten eine Wassermühle bauen!“ „Wir sollten eine Schmiede bauen!“) zusammenbudgetiert wurden in dieses kleinste Set der Serie. Chance vertan!

Jedoch, wenn Lego es selbst nicht hinkriegt, dann dürfen die Fans ran. Und früher oder später bauen die dann eine ernstzunehmende Schmiede. Sehr früh sogar. Das allererste von einem Fan entworfene und in ein offizielles Lego-Set gegossene Set war vor fast zwanzig Jahren, 2002, Daniel Siskinds „Schmiedewerkstatt“ 3739. Diese war seinerzeit das beste Set aller Zeiten (bis dahin), weil sie den damaligen Set-Stil, der ja noch eher schlicht und naiv war, was ich nicht negativ verstanden wissen will, erweiterte zu einem richtigen Haus. Mit Bettchen für die zwei Minifigs.

Natürlich gibt es Parallelen. Beides sind Schmieden. Beide setzen Fachwerk auf ein gemauertes Erdgeschoß. Beide haben ein blaues Dach. Vielleicht hat die Siskind-Schmiede bei Clemens‘ Ideenfindung eine Rolle gespielt, vielleicht aber auch nicht. Die Unterschiede überwiegen.

Jedenfalls, der Schmied. Nennen wir ihn Tormund. Auch er schmiedet Waffen. Sein Zunftschild, bedruckt, wird er wohl auch selbst geschmiedet haben. Was er sonst noch für Pläne hat, wissen wir nicht.

Das Schmiedefeuer facht er über einen Blasebalg an, ernsthaft! Der Blasebalg drückt auf den Mechanismus des Lichtsteins, um das Feuer zum Glühen zu bringen. Exquisit!
Vor der Esse ist ein Abklingbecken angedeutet, worin der glühende Stahl abgekühlt und ausgehärtet wird. Die Designer scheinen sich also eingehend mit dem Schmiedehandwerk auseinandergesetzt zu haben.

Das Wasser fürs Becken holt Tormund aus seinem eigenen Brunnen. Dieser ist wiederum sehr idyllisch unterm Apfelbaum gelegen, was darüber hinwegtröstet, daß er durchaus noch etwas detaillierter hätte gestaltet werden können. Er ist zwar nicht sehr tief, kaum bis zur Tischplatte, aber eine Seilwinde könnte sich als hülfreich erweisen.
Im Hintergrund ist das Holzdepot unter dem Treppenaufgang zu erahnen. Dieses Holz mag für Schwertgriffe und Speerschäfte dienen, vielleicht auch zum Befeuern des Herdes, nicht jedoch für die Schmiedeesse, denn für Stahl braucht man Kohle, Subventionen hin oder her.

Und tatsächlich, im Innern der Werkstatt gibt es ein Kohlelager.
Die Tür zur Werkstatt ist fünf Steinbreiten hoch, der Durchgang ist allerdings nur gut vier Steinhöhen hoch. Im Mittelalter waren die Türen ja niedriger.
Auf dem Amboß wartet bereits ein glühendes Stück Roheisen darauf, in Form gehämmert zu werden.

Leider war in den letzten zwei Wochen nur für eine halbe Stunde die Sonne zu sehen, so daß meine Bilder nur funzelig beleuchtet sind. Wenn auch wahrscheinlich heller, als es das Innere der Werkstatt wäre, denn dem Schmied muß das Licht genügen, das durch die kleinen Fenster bricht.

Vielleicht kann man erahnen, daß Tormund nicht nur scharfe Klingen und Rüstungen schmiedet, sondern bisweilen auch Töpfe und Tiegel. Das Faß in der hinteren Ecke beinhaltet überdies eine Auswahl eiserner Stangen für den Hausgebrauch.

Seinen vollendeten Schwertern kann Tormund direkt den richtigen Schliff geben. Ein nettes Detail.

Doch genug von Tormund. Die Firma Lego legt erkennbar Wert darauf, zumindest in ihren Topsets das Personal ausgewogen zu rekrutieren, möglichst frei von Stereotypen. Wenn also hier der Schmied schon ein testosteronimprägnierter Vollbartträger ist und eine Hühne obendrein, der sich bücken muß, wenn er die Tür zu seiner Werkstatt durchschreitet, und eben keine Schmiedin, wie im Film „Ritter aus Leidenschaft„, dann muß es auch mindestens eine weibliche Figur geben, die als starke Persönlichkeit mit traditionellen Geschlechterrollen bricht. Mindestens eine. Hier haben wir also zum Beispiel eine Bogenschützin im grünen Wams.

Manchmal schlüpft Maid Marian aber dann doch in ihre Rolle als Frau Schmidt und gebietet über Haus und Herd.

Die Stube ist gemütlich eingerichtet. Auf Stühlen mit gedrechselten Beinen und Rückenlehnen liegen buntkarierte Kissen. Das ist sehr hübsch, aber vielleicht ein bißchen überdimensionierter, als es einem Lego-Set geziemt. Und die Stubentür ist hier sechs Steinbreiten hoch und dennoch zu klein für die Türöffnung. Das hätte man besser lösen können.

Heute gibt’s Kohlsuppe mit Möhreneinlage. Zum Schneiden des Gemüses stünden mehrere Schwerter oder ein schwarzes Metzgerbeil zur Verfügung. Neben dem schön gemauerten Herd finden wir das Butterfaß. Als Protegé der Waffenlobby lebt man gutsituiert.

Es sei mir ein persönlicher Exkurs in meine Kindheit erlaubt: Damals, in den späten 80er Jahren, hatte Mein Männchen™ auch immer die bestausgestattetste Wohnstätte, die man sich denken konnte. Selbstverständlich besaß er mein einziges braunes Faß, meine einzige Mistforke (an der keine Zinke abgebrochen war), mein einziges braunes Roß. Ähnlich schön haben es die Schmidts.

Das Wohnidyll setzt sich im Dachgeschoß fort. Im Kamin prasselt ein wärmendes Feuer. Das behagliche Bett mit gesteppter Tagesdecke lädt unter anderem zum Schlafen ein. 21325 ist ein „18+“-Set, denkt euch euern Teil. Die Erkernische füllt ein Schreibpult aus, denn der Handwerker oder die Bogenschützin von heute hat selbstverfreilich eine lyrische Ader. Märchenhaft mutet das Set in seiner Gesamtheit an, und ein Märchen fließt auch aus der blauen Feder. Daß diese Feder blau ist, ist vielleicht wohlüberlegt.
Beherrscht wird das Dachgeschoß durch das Fell eines selbsterlegten Bären.

Im Hintergrund ist überdies die simple aber clevere Technik erkennbar, mithilfe derer der Knick im Dach ins Werk gesetzt wurde: Knopfkupplungen. Überhaupt: Das Dach. Im Set ist es nicht gar so zerfurcht und schroff wie in Clemens‘ Ideas-Entwurf. Doch durch die Verwendung von Fünfeckfliesen (die ebenfalls Teil des Dachs im Originalentwurf waren) in blau, dunkelblau und schwarz sowie bemoostem statüegrün wird ein ähnlicher Effekt erzielt. Einige der überlappenden Schindeln sind bereits verwittert und müßten dringend ausgetauscht werden. Schön ist das vorgeklippste Giebelgebälk. Das Dach der seitlichen Gaube hätte eine Schindellage mehr vertragen können.



Die Bespielbarkeit der Dachkammer ist gewährleistet, indem das ..äh.. im Bild östliche (könnt ihr nicht wissen) Dach einfach ausgehängt wird. „Das ist doch kein Lego, wenn da nichts noppigerdings oder sonstwie verbunden ist!“ höre ich meckern. Papperlapapp, die Technik ist cool, und das lose Dachseitenteil hält auch allein durch die Schwerkraft ganz sicher.


Und was ist jetzt mit den Adlerrittern, die da oben in ihrem Pferdekarren um die Ecke biegen? Gemach. Zuerst muß ich den Karren abkanzeln. Der ist so schlecht, daß ich ihn nicht mal für würdig befand, gesondert photographiert zu werden. Oder ich hab’s einfach vergessen, aber schlecht ist er wirklich. Was am Dach noch eine gewitzte Bautechnik war, die Kuppelverbindung nämlich, zeigt hier die vollkommene Witzlosigkeit der Lego-Designer, wenn es um Pferdefuhrwerke geht: Die gekuppelte Deichsel an einem zweiachsigen Karren. Die Vorderachse ist wieder einmal nicht lenkbar, seit fast zwanzig Jahren geht das so. Was soll der Quatsch? Dafür gibt es von mir aus Prinzip Punktabzug. Zum Glück ist dieses Fuhr- und Machwerk ein zu vernachlässigender Teil des Sets, also fällt dieses Manko nicht allzu stark ins Gewicht. Das falbe Pferd ist entschuldigt; das ist schön.

Ach so, ja, die Adlerritter. Ja, zwei Adlerritter kommen zum Waffenkauf an der Schmiede vorbei. Oder zum Überfall. Oder als Ordnungshüter, die eine grünbewamste Wildfrevlerin festnehmen wollen. Der Spielmöglichkeiten sind viele.

Als Hommage an die beste Zeit des Ritter-Themas in Legos Produkthistorie bewillkommne ich diese Adlerritter natürlich aufs Herzlichste. Und, Überraschung, mindestens eine weibliche Hauptdarstellerin genügte nicht, darum ist einer der Adler eine Knäppin!

Die Geschichte der Adlerritter ist wechselvoll, aber lang. Reicht sie doch von 1984, als noch eine grünweiße Flagge über der kleinen Ritterburg 6073 wehte; über 1986, welch Jahr das Ritterschloß 6074 mit Adlerbanner und gelber Torbeflaggung sah; über 1992, da die Erzschelme und -rivalen des Löwenordens schon nicht mehr im Katalog vertreten waren, die Adler aber noch (in grauen Hosen, wie absurd!) gegen die schwarzen Drachenritter kämpften; bis ins Jahr 2002, da das Ritterschloß als „Legende“ 10039 neuaufgelegt wurde, mit leicht veränderten Wappen auf Brust und Fahne, dasselbe Jahr, das uns auch die erste Fan-Schmiede als Lego-Set brachte. Im Jahr 2010 gab es (in Amerika) einen Adlerritter-Kühlschrankmagneten, während ein geheimnisvoller schwarzer Ritter mit Adlerwappen das Turnier 10223 gewann. Fehldrucke des Brustwappens (Linksgucker (heraldisch Rechtsgucker), invertierte Farben) steckten sie bossgleich weg. Den undefinierten Piepmatz, den die Amerikaner „Black Falcon“ nennen, der für mich aber immer ein Adler war, wegen Bundesadler und Dortmunder Stadtwappen, und der sich auf 1000steine.de schon als Truthahn diffamieren lassen mußte (Zwinkersmiley), versuchte Lego mit der 10223-Version zu modernisieren, und jetzt, im Jahre 2021, ist er erwachsen geworden und stellt unmißverständlich einen Greifvogel dar. Für die Amis halt immer noch einen Falken, aber natürlich ist es ein Adler. Das wäre also geklärt. Auf farbige Umrandung der Schilde wurde verzichtet zugunsten blackfalconesken Schwarzes. Ich persönlich hätte mir eher die silbrigen Schulterpanzer und Helme der beiden jüngsten Sprosse des Ordens etwas dunkler gewünscht.

Wie dem auch sei. Die Adlerritter/:*_Innen sind hier nur das i-Tüpfelchen auf einem ohnehin sehr schönen Set. Der Detailierungsgrad steht dem der modularen Häuser in nichts nach, die Gestaltung ist farbenprächtig und doch ernsthaft-gedeckt. Das Dach auch. Die funktionalen Aspekte einer Schmiede sind ebenso wie die modularen Aspekte des Gebäudes wohldurchdacht und trickreich ausgeführt. Der Karren ist Mist, aber das Set hat Charme. Es macht Spaß, das Modell zu bauen, vier bis fünf Iron-Maiden-Alben sollte man währenddessen durchhören können. Daß auf der Bauanleitung die Setnummer zugunsten eines häßlichen QR-Codes weggelassen wurde: Ärgerlich, aber geschenkt. Und sollte es noch eines finalen Pluspunkts bedurft haben: Es sind keine (in Zahlen: 0) perlgoldene 1×1-Rundplättchen enthalten!

Ich möchte daher eine Empfehlung aussprechen. Mache ich auch: Abstand halten, Maske tragen, bei Gelegenheit impfen lassen, und diese „Mittelalterliche Schmiede“ bauen!

2164 Teile, 149,99€, erhältlich bei Lego ab dem 1. Februar 2021.


1984. Es war nicht alles schlecht.

4. April 2020

Okay, ich bin in der Midlife-Crisis. Die Kindheit entschwindet, mit ihr der Kindheit unschuldige Spiele. Zunehmend stelle ich fest, daß ich den Gesprächen von Mittzwanzigern nicht mehr folgen kann, und das, obwohl ich, wie sie, kaum fernsehe; aber ein Smartphone habe ich halt auch nicht. Die Chancen, die Frau fürs Leben zu finden, schwinden von Tag zu Tag, mit jedem ausgefallenen Haar. Alter, Krankheit und Tod habe ich sowieso berufsbedingt ständig vor Augen. Unsere Schwesternschülerinnen sind halb so alt wie ich, unsere Kunden doppelt so alt. Mithin: Ich stehe in der Mitte des Lebens, Zeit für die Krise! Andere würden sich jetzt um die Anschaffung eines schnellen roten Autos kümmern, aber ich bin da bescheidener. Ich kaufe Lego. Ach nee, das habe ich ja mein Lebtag getan. Also kaufe ich Schallplatten. Es ist nie zu spät, ein Hipster zu werden. Coronabedingt haben die Friseure geschlossen, also werden die Haare auch länger.

Neulich fiel mir auf, daß das Jahr 1984 entgegen der skeptischen Prognose George Orwells gar nicht so schlecht war. Ich wurde sieben Jahre alt, und der Lego-Katalog desselben Jahres offerierte mir eine Offenbarung. Graue Burgen! Mit Rittern auf Pferden! Und Wagenrädern und Flitzebögen und Speeren in braun! Dergleichen hatte es nie gegeben. Was stimmte, wobei mein „nie“ den durch mich überschaubaren Zeitraum von ..na.. sagen wir: vier bis fünf Jahren umfaßte. Das katastrophale Element dieser Apokalypse stellte der Hinweis dar: „Neuheit. Lieferbar ab April ’84.“ Na toll, Geburtstag im März.

Zum Geburtstag gab es dann halt das burgähnliche Set 1592, das meine Mutter als Sonderposten im örtlichen Vedes-Geschäft erstehen konnte. Ein durchaus trostspendender Ersatz, mit dem ich sehr ausgiebig spielte, und das bis heute zu meinen absoluten Lego-Favoriten zählt. Und die grauen Burgen konnte ich bis Weihnachten im Katalog bewundern. Was ich ebenfalls ausgiebig tat. Zu Weihnachten gab es dann 6073: „Kleine Burg (aufklappbar) mit Wachttürmen, Zugbrücke, Rittern und Pferden“.

Gestern schließlich wandelte mich die Lust an, das Ding nochmal zu bauen. Ich hab’s ja da, im Eigenkarton gelagert auf meinem Kleiderschrank. Im funzeligen Licht der Schreibtischlampe ahnte ich schon die ein oder andere Vergilbung, als ich – musikalisch begleitet von Iron Maiden und Metallica – die kleine Burg baute.

Iron Maiden und Metallica hörte ich natürlich nicht, als ich das Modell am Heiligen Abend 1984 erstmals baute, doch auch da war das Licht funzelig. Unmittelbar feierte ich die Adlerritter, bis heute mein Signé. Nicht unbedingt angetan war ich seinerzeit von der asymmetrischen Gestaltung des Torbogens.

Diese Form ergibt sich scheinbar aus den verwendeten Teilen; die rote Seilwinde ist offenkundig zu groß für die gewählte Tiefe des Torbogens. Trotzdem hätte man die sich daraus ergebende Form ja auf der anderen Seite spiegeln können, indem man die Dimensionen des Formteils durch andere Teile simuliert. Daß dies nicht geschehen ist, muß ich also dem puren Mutwillen des Designers zuschreiben. Überhaupt ist der gesamte Aufbau dieses Gemäuers sehr viel weniger symmetrisch, als es auf den ersten Blick scheint. Zwar sind Tor und Klappnaht mittig angeordnet, zwar erheben sich beidseits ähnliche Türme, doch da endet die Symmetrie.

Der blaue Turm wird gestützt durch einen massiven Holzpfosten, an welchem die kämpfende Garde ein Schwert vorfindet, sollte es gebraucht werden. Unter dem gelben Turm hingegen befindet sich der Kerker.


Durch diese massiv gebaute Kerkertür frißt sich niemand! Ich finde sie in ihrer schlichten Zweckmäßigkeit nach wie vor spitze. Durch den etwas ausladenderen Platzbedarf des Verlieses ergibt sich die Notwendgkeit, den steinernen Pfosten des darüberliegenden Turms mit einer Art Blendzinne zu umgeben.

Wie vom Katalog versprochen und auch hier bereits vorexerziert, läßt sich die Burg aufklappen. Weitere im Programm vorgesehene Burgwandstücke ließen sich auf diese Weise in die Burg integrieren. Im Jahre 1984 waren dies bereits das Mauerstück beim Belagerungsturm 6061 und die Schmiede 6040. In den folgenden Jahren kamen das Gasthaus 6067, das Waffendepot 6041 und die belagerte Mauer 6062 hinzu. Auch das Nachfolgemodell für die hier besprochene Burg 6073, das seinerseits aufklappbare Ritterschloß 6074, konnte in die modulare Gesamtstruktur eingepaßt werden, auf zwiefache Weise sogar. Dies nur, um mal zu verdeutlichen, weshalb die auf mehrere Jahre angelegte modulare Systemstrategie vergangener Lego-Epochen, namentlich 1984 bis 1992, nicht nur dank nostalgischer Verklärtheit, sondern auch objektiv besser war als die lieblos hingerotzten Friß-oder-stirb-Serien, mit denen Lego das Rittersegment in den letzten Jahren punktuell bediente.

Dessen ungeachtet ist die „Kleine Burg“ 6073 für sich genommen nicht besonders spektakulär. Sie stellt den Rittern und Knappen keinerlei Wohnunterkünfte zur Verfügung, vielmehr handelt es sich um eine rein militärische Festungsanlage. So lange nämlich, bis die oben erwähnten modularen Komponenten hinzugefügt werden und aus der Burg eine Stadt wird. Dennoch scheint es sich um eine Ganerbenburg zu handeln, erkennbar an den beiden farblich unterschiedlichen Wappen derselben Familie. Jeder Erbe bewohnt seinen Turm, das wird im Winter ganz schön zugig.

Die oben gezeigten Schallplatten wollte ich jetzt hier nicht rezensieren, also mache ich’s auch nicht. „The Top“ ist ganz gut, „Powerslave“ und „Ride The Lightning“ sind phantastisch, „Hyaena“ ist sehr gut. Das Reunion-Album von Deep Purple geht so. Die unverbrauchte Spontaneität von „In Rock“, „Fireball“ und „Machinehead“ wird erwartungsgemäß nicht wieder erreicht. Außerdem hat Ian Gillans Stimme nach seinem Black-Sabbath-Intermezzo („Born Again“) ganz schön gelitten.


Eröffnet: Die Werkschau!

20. Mai 2013


Da ich ja nicht mehr zum Bauen komme, schon gar nicht von größeren MOCs, muß ich leider auf olle Kamellen setzen, um die Erinnerung wachzuhalten, daß das mal anders war. Darum habe ich hier im Blog, der zunehmend die Funktion einer Homepage erfüllt, mal eine Sektion mit meinen Lego-Eigenbauten eröffnet. Sie findet sich oben unter „Werkschau“, weil sie eben das ist. Enthalten sind fast alle meine Lego-Bauwerke, einigermaßen chronologisch geordnet, bisweilen mit Text, immer mit Bildern. Die Tendenz ist eindeutig: Früher herrschten große, komplexe Bauten vor, vorgestellt in endlos vielen Bildern. In jüngerer Zeit baute ich eher kleine Dinge, die oft in einem einzigen Bild umfänglich dargestellt sind.
Manchmal hätte ich ja Bock, was Großes zu bauen, aber ich habe einfach keine Lust…


Begegnen sich zwei Superhelden:

30. November 2011


„Scheiße, immer so mit der Brille, woll?“ – „Dat sarrich dir!“


Steinwerfer: Burgtor 6059

27. August 2011


Nicht das Burgtor wirft die Steine, sondern es wird mit einem Katapult angegriffen. In der Tradition der Sets 6061 und 6062 spendiert Lego im Jahre 1990 auch den Drachenrittern ein Burgmauersegment im Belagerungszustand. Gemäß der Chronologie hätte dem Set die Nummer „6063“ zugestanden; weshalb es dazu nicht kam, ist nicht bekannt. Analog zur schwarzen Drachenburg 6085 ist es natürlich schwarz, wiewohl sich dieses Mauerstück mit der Burg nicht besonders elegant verbinden läßt, da die Grundplattenhöhen nicht zueinander passen. An die anderen Mauerabschnitte aus kleineren und mittleren Sets würde es technisch passen, farblich jedoch nicht.

Angegriffen werden die Drachenritter hier von Adlerrittern, und zwar mit einem Katapult, das die Funktionsweise eines Trebuchets, auch Tribock oder Blide genannt, nachahmt. Natürlich wollten die Modell- entwickler auch die verschiedenen Katapulte über die Jahre unter- schiedlich gestalten, und ein Trebuchet fehlte noch.

Indem ein schweres Gegengewicht gelöst wird und unter Ausnutzung der Erdanziehung herabfällt, schnellt der Katapultarm nach oben und schleudert die Munition in weitem Bogen dem Feind entgegen. Das ist natürlich eine legitime Funktionsweise, aber im vorliegenden Lego- Modell ist der Erfolg eher nicht durchschlagend. Zwar kann man den Winkel der Munitionspfanne einstellen, aber das Geschoß kommt nie sehr weit, und von Wuchtentwicklung brauchen wir gar nicht zu reden. War es der Zweck der massiven und aufwendig konstruierten Trebuchets in der wirklichen Welt, die Munition aus großer Entfernung präzise über oder gegen die Mauer zu schleudern, muß das Lego- Katapültchen schon sehr nah an das Ziel heran, und der Vorteil ist dahin.


Die Adlerritter möchte man, das heißt: ich, kaum als solche bezeichnen. Zugegeben, der Berittene geht einfach mit der Zeit und trägt eine Rüstung, die seine Vorgänger aus früheren Sets auch getragen hätten, wenn denn dieser Panzer und dieser Helm damals schon verfügbar gewesen wären. Aber der Knappe! Der läßt wirklich alles vermissen, was einen Adlerritter ausmacht, zuvörderst den Adler auf der Brust. Daß er diese komischen blauen Schlafanzughosen trägt, führt nicht zur Verbesserung des Erscheinungsbildes. Aber nun ja, ein Mann im Krieg hat andere Sorgen als die Eleganz seiner Tracht. Und seien wir ehrlich, auch die feindliche Burgbesatzung trägt Schlafanzughosen:

Wiewohl das große hölzerne Burgtor ein schönes Element ist, finde ich die umgebende Mauer nicht sehr gelungen. Ursächlich dafür ist zum einen Legos nicht nachvollziehbarer Drang, wirklich überall ein Gefängnis einarbeiten zu müssen. Gefängnisse in Mauertürmen sind zwar nicht ungewöhnlich, aber die hohen Gitterstäbe in dieser Mauer – vor allem auch jene auf der anderen Seite des Tores, wo sich gar kein Verlies befindet – machen aus der wehrhaften Mauer eine löchrige Hecke. Zudem ist die Gittertür ein Fabuland-Element und zu hoch für dieses Modell. Dadurch ist der Wehrgang an dieser Stelle zu schmal, um dem Knappen ausreichend Platz zu gewähren, weshalb er auf das Dach der Gefängniszelle steigt, dort aber nicht mehr durch die Brüstung geschützt ist. So oder so ist es Mist.

Zum anderen ist die ganze Mauer irgendwie wackelig und löchrig konstruiert, vor allem der Torbogen. Zum Teil ist dies durch die zweifache Knickbarkeit bedingt, die an den Knickstellen Löcher öffnet, aber immerhin zuläßt, aus der geraden Wand eine fast geschlossene kleine Burganlage zu formen. Spielwert, immerhin. Aber die mangelnde Befestigung wird dadurch nicht entschuldigt.

Ich habe den Eindruck, dieses Set war kein Meisterstück, sondern wurde mal so nebenbei entworfen, weil im Sortiment noch Platz war für ein weiteres Set. Tja, bedauerlicherweise wird die Gloriole um die Rittersets des sogenannten „Goldenen Zeitalters“, meinend die Jahre von 1984 bis 1992, immer glanzloser. Tut mir ja auch leid!


Kunststück…

11. August 2011


Wie ich heute erfuhr, gibt es einen neuen – wie heißt das? – Web-Trend oder so: Horsemaning. Angeblich nach einer Photographie aus den 1920er Jahren, die aber mutmaßlicherdings von den Mitarbeitern einer Marketingfirma hergestellt wurde, um genau diesen Trend künstlich zu befeuern, lassen sich Menschen so ablichten, daß es scheint, als sei ihr Kopf vom Rumpf getrennt. Kunststück! Das kann mein bebrillter Adlerritter schon lange!
(Das Bild entstand, da erst der Akku meiner Kamera geladen werden wollte, unter Lichtverhältnissen, die einiges zu wünschen übrigließen. Zum Beispiel eine größere Wohnung oder mehr Geld. Vor allem aber einen zweiten Akku.)

Aber. Webtrend. Total neu? Ach was! Solch ein Kopf-vom-Rumpf-getrennt-Bild ist doch seit Jahrzehnten ein beliebter Party-Scherz. Mindestens seit 1964, denn aus einem Buch mit diesem Auflagedatum stammt folgendes Bild:

Also kann ich auch diesen Trend getrost verschlafen. Gute Nacht!

Nachtrag am 23. August:
Und es ist jetzt ein bißchen Pech, daß Loriot verstarb, was das abermalige Zeigen desselben Sofas unausweichlich machte. Ursprünglich schreinerte ich es aus Anlaß des Todes von Evelyn Hamann am 28sten Oktober 2007.