Bauhof mit Doppelgarage 6383.

1. Mai 2022

So nennt der Lego Collector’s Guide (also ich) das Set 6383 von 1981, welches leider nicht im deutschen Lego-Katalog verzeichnet war und darum keinen deutschen Namen hat. Das ist freilich nur die halbe Wahrheit, denn im Quellekatalog war es, dort sah ich es auch und wunderte mich, aber als Fünfjähriger hatte ich halt keinerlei Handhabe.

So wie eine Polizeistation die zentrale Sammelstelle für Polizisten ist und eine Feuerwehrstation für Feuerwehrleute, ist ein Bauhof der morgendliche Sammelpunkt für Bauarbeiter. Umso trauriger ist es, daß das Set in Deutschland nur limitiert erhältlich war, nämlich neben Quelle auch in Vedes-Geschäften, aber eben nicht allüberall in den Spielzeugabteilungen.

Der Spielmöglichkeiten sind viele, trotz eklatantem Mangel an Katapulten und angreifenden Lavamonstern. Das beginnt beim Öffnen und Schließen der Rolltore, welche den Zugriff auf die mitgelieferten Fahrzeuge gestatten, führt weiter über die Bedienung des Greifbaggers auf der Förderschiene, und endet nicht bei der Entwicklung des Verständnisses für Abläufe im Baugewerbe. Hinzu kommen die zwischenmenschlichen Dramen, die sich innerhalb des Kollektivs der sozialversicherungspflichtigen, abhängig beschäftigten Arbeitnehmer (f/m/d) abspielen.

Das Set genügt sich selbst, der Arbeitsablauf könnte also damit beginnen, daß der Greifbagger Schotter in den Trichter der ..äh.. Schotterwaschanlage einfüllt. (Man weiß ja, wie korruptionsanfällig so Baulöwen sind.) Unterdessen wird der Kipplaster fachgerecht unter der Auslaßöffnung der Anlage geparkt.


Der Auslaß erfordert Handbetrieb. Außerdem im Bild: Der Riß im Raum-Zeit-Kontinuum, weshalb ich als fünfundvierzigjähriger Deutscher ein Set bespiele, das nur für sechs- bis zwölfjährige Amerikaner zugelassen war.



Die Darstellung der Industrieanlage erfolgte meisterhaft mit den Mitteln der Teile- und Farbpalette, die im Jahre 1981 zu Gebote standen.

Der Schotter kann nun entweder zur Baustelle irgendwo in der Kinderzimmerstadt gekarrt werden, oder aber, er wird setintern in der dafür vorgesehenen Schütte abgeladen.



Dies könnte sogar der Ausgangspunkt im Arbeitsablauf sein, insofern hier der kleine Ladebagger zum Einsatz kommt und seinerseits den Kipplaster belädt. Oder der Greifbagger greift sich das Schüttgut und transportiert es zum Trichter der ..äh.. Schotterwaschanlage.



Der Maschinist im Kranbagger sitzt äußerst beengt. Ich finde, am heutigen Ersten Mai darf man ruhig mal auf diesen bedenklichen arbeitsschutzrechtlichen Mißstand hinweisen.



Die Greifschaufel, das geilste Formteil, welches Lego je entwarf, faßt nur soundsoviele 1×1-Steine, im Set enthalten sind aber soundsoviele + x, also sind mehrere Fuhren notwendig. Außerdem ist die Reichweite des Kranauslegers begrenzt, was ein Eingreifen der Diplomfachkräfte mit Schaufel und Besen unumgänglich macht.

Nach getaner Arbeit möge der Kranführer versuchen, sein Arbeitsgerät unfallfrei zu verlassen. Good luck, buddy! Wir recken die Faust in kameradschaftlicher Solidarität, Genosse! Überdies verlangt der Bürokram sein Recht. Ein weißer Pfeil auf blauem Grund weist auf den Eingang zur Kabause hin, falls nicht jedem die Architektur und der Zweck einer Tür geläufig ist.

Naturgemäß fehlten bei meinem gebraucht erworbenen Exemplar die Aufkleber, die über mehrere Teile reichten. Es sind dies der Warnstreifen am Ladebagger und die Stechuhr am Kabuff, dieses Triezgerät zur Unterjochung des Proletariats. Die Ausrichtung der Kleber auf dem Aufkleberbogen (ein kostspieliger Zukauf zwecks Vervollständigung des Sets) ist uneindeutig, aber Arbeitsbeginn ist 5 Uhr morgens. Eine unchristliche Zeit, welche die protestantische Arbeitsethik sehr fragwürdig erscheinen läßt.

Der Blick ins Kabuff zeigt: Das papierlose Büro! Ein Traum. Ganz im Gegensatz zum papierlosen Klo; das ist ein Alptraum. Aber ein Klo gibt’s hier eh nicht. Das prangere ich an!
(Zum Glück gibt es aber zwei Bäume, hinter die man zur Not…)

Die Fahrzeughalle ist leider mangelhaft geplant; der Kipplaster paßt nicht zur Gänze hinein. Und welcherlei Funkwellen die Antenne auf dem Dach empfangen und welche Information damit wohin geleitet werden soll, ist auch noch nicht erforscht. Ein divers aufgestelltes Team internationaler Spitzenleute befasst sich bis heute mit dieser Problematik, bisher ohne Ergebnis.

Apropos divers. Wer bisher die hier bei der Arbeit gezeigten Minifiguren als Bauarbeiter (männlich, weiß, testosterongeladen und toxisch-energetisch) interpretiert hatte, soll sich was schämen, patriarchalisches Gesocks! Es handelt sich natürlich, wie 1981 üblich, um BauarbeiterInnen, wenn nicht gar um Bauarbeiter*innen, -_innen oder -/innen.

Darum sind die hier auch nicht scharf. Um Sexismusvorwürfen zu begegnen.

„Drum links, zwo drei, drum links, zwo, drei,
Wo dein Platz, Genosse, ist!
Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront,
Weil du auch ein Arbeiter bist!“

(Bertolt Brecht war nicht als großer Frauenrechtler bekannt.)


Bis zum letzten Ukrainer.

26. April 2022

205

Es ist ja alles ganz furchtbar. Aber weil dies so ist, möchte ich mal eine, wie ich finde, sehr kluge und weitgehend sachliche Analyse von Michael Lüders verlinken. Den Herrn kann man als Nahost-Experten aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen kennen, oder auch aus zwei sehenswerten Gesprächen mit Thilo Jung: Erstens. Und Zweitens. Und welcher Osten wäre derzeit näher als die Ukraine? „Unna!“ würde meine neben mir sitzende Freundin hineinrufen, hätte ich denn eine.


Zwei PCS a la Cran.

22. Februar 2022

Wir schreiben den 22.02.2022. Heute wollte Ralf, Cran, seinen 50sten Geburtstag feiern. Aber leider.

Ralf war ja nicht nur Bürgermeister von Lindburg, sondern auch Meister der Landschaftssplitter. Vor allem zweiteres hat mich wegen der Genialität der Idee und aufgrund der liebevollen Umsetzung begeistert. Aber wie’s so ist, Bauunlust und so, kam ich nie dazu, mal was zum PCS-Projekt beizutragen. (PCS = Puzzling Castle Scapes.) Bis zur letzten vorcoronalen 1000steine-Insel; da konnte ich mich endlich aufraffen und baute was (Bilder = Links):

Der Biberdamm

Die Bilder sind etwas schummerig. Andere jagen ihre Fotos eigens durch einen Instagram-Filter, um sie so aussehen zu lassen, bei mir kommen sie wegen lichtscheuen Wetters direkt so aus der Kamera.

Das Format entsprach dem Standard. Ralf hat sich sehr gefreut, daß ich endlich mal ein echtes PCS-Modul baute, nachdem ich zuvor immer bloß bei Stammtischen aus Wühlkistensteinen was zusammengesteckt hatte, was er nie akzeptierte. Den Biberdamm baute er an passender Stelle ein.

Und à propos „passende Stelle“. Wiederholt kam es beim Puzzlen auf Langeoog zu einer Situation, da eine Lücke mit den vorhandenen Modulen nicht mehr zu schließen war. Wie schon bei Ausstellungen zuvor stach mich dann der Hafer, und ich baute aus vor Ort erworbenen oder erwühlten Teilen rasch einen Lückenfüller.

Der Adlerbrunnen

Normalerweise bröselte Ralf beim Abbau nach der Ausstellung solche Lückenfüller wieder auseinander, aber dieses gab er mir zurück mit der Anweisung, es beim nächsten Mal wieder mitzubringen. Ich war mächtig stolz!

Den heutigen Tag hielt ich für passend, die Teile mal vorzuzeigen. Durchaus in dem Bewußtsein, daß ich halt zwei, relativ simple Module baute, und er nahezu 500.


2022 – Die’s nicht überlebt haben.

1. Januar 2022

„Soylent Boom“

Spiegel Online versorgt mich mit einer ausgewogenen Mischung aus wissenswerten politischen Neuigkeiten und Boulevard-Quatsch. Aktuell läßt sich hier die Silvesterbilanz nachlesen. An Tagen wie diesen erwacht in mir der menschenfeindliche Zyniker (und gewinnt die Oberhand über den menschenfreundlichen Zyniker, der ich überlicherweise bin). Also:

Um Unfälle durch den unsachgemäßen Gebrauch von Knallkörpern und Raketen zu vermeiden und damit die durch Corona bereits extrem belasteten Krankenhäuser zu entlasten, galt auch zu diesem Jahreswechsel ein Verkaufsverbot für Silvesterfeuerwerk.

Das klingt für mich nach einer vernünftigen Maßnahme. Was fordern vernünftige Maßnahmen üblicherweise heraus? Des Menschen Unvernunft nämlich, sich Bahn brechend in trotzigen Handlungen ohne Sinn und Verstand.

Trotzdem waren im ganzen Land Böller zu hören und Raketen zu sehen, nicht wenige davon stammten vermutlich aus illegalen Quellen. Wie jedes Jahr gab es bei der Knallerei schwere Unfälle.

Wie jedes Jahr. Man hätte also gewarnt sein können. Aber die Erfahrungen anderer sind wertlos, Warnungen werden in den Wind geschlagen. Der eine weiß es besser, der andere möchte seine Erfahrungen selbst machen.

(Bloß einer Bundesregierung, die aufgrund einer neuartigen Situation keinerlei Erfahrung im Umgang mit – willkürliches Beispiel – einer Corona-Pandemie hat und haben kann, wirft man natürlich vor, wenn sie „falsche“ Entscheidungen trifft.)

Jedenfalls. Bitte sehr, macht eure Erfahrungen:

Bei der Explosion eines Feuerwerkskörpers in Hennef bei Bonn ist ein Mann ums Leben gekommen, ein weiterer wurde schwer verletzt. Die beiden 37 und 39 Jahre alten Männer hatten mit einer zehnköpfigen Gruppe Silvester gefeiert.

Die übrigen acht Feiernden konnten dann die erlaubte Anzahl der Gruppe mit Freunden auffüllen, die zuvor aufgrund der Corona-Maßnahmen nicht eingeladen werden konnten. Hat also alles sein Gutes!

Ein Polizeisprecher vermutete am frühen Samstagmorgen, dass es sich bei dem Feuerwerkskörper um einen selbst gebauten Böller gehandelt haben könnte.

Da man ja aus Fehlern lernt, wird der 39-Jährige (der 37-Jährige ist ja tot) zum nächsten Jahreswechsel die Rezeptur entsprechend verändern und einen neuen Versuch starten.

Weiter:

Auf einer privaten Silvesterparty im Osten von Berlin sind zwölf Menschen bei der Explosion von illegalem Feuerwerk verletzt worden. Alle Verletzten mussten zur Behandlung in Kliniken gebracht werden, teilte die Feuerwehr am Neujahrsmorgen mit. Es habe aber glücklicherweise keine sehr schweren Verletzungen gegeben.

Wenn du einen Idioten mit „Idiot!“ titulierst, wird er dich anzeigen, weil er es als Beleidigung mißversteht, und das ist ja illegal. Wenn der Idiot hingegen illegales Feuerwerk zündet… Ach, egal.

Der jüngste Verletzte ist laut Feuerwehr ein elfjähriger Junge, die anderen Verletzten seien Jugendliche und Erwachsene.

Normalerweise kommen den Menschen ja Tränen der Rührung, wenn Kinder involviert sind. Alles würden sie zum Schutze ihrer Kinder tun. Alles! Außer natürlich, den Kindern einen lebenswerten Planeten hinterlassen, da sollen sich die Blagen mal nicht so anstellen und Freitags lieber in die Schule gehen. Und Feuerwerk geht sowieso vor!

Weiter:

Mindestens zwei Menschen wurden in Hamburg beim Abbrennen von Feuerwerk schwer verletzt. In Bramfeld explodierte nach Angaben der Polizei ein Böller in einer selbst gebastelten Abschussvorrichtung und verletzte einen 50-jährigen Mann schwer im Gesicht. Er schwebe in Lebensgefahr.

Das darf man alles nicht so negativ sehen. Denn wer träumte nicht davon, einmal zu schweben? Zugegeben, die Sache mit der Lebensgefahr ist etwas heikel. Aber schweben! Hach!

Weiter:

In einem anderen Fall müsse einem Mann nach missglückter Böllerei möglicherweise eine Hand amputiert werden.

Der dachte auch, er habe alles im Griff. (Pun intended.)

Weiter:

In Leipzig wurde ein Mann beim Zünden eines vermutlich ebenfalls selbst gebauten Böllers lebensbedrohlich verletzt, wie ein Polizeisprecher sagte.

Es wäre jetzt allzu billig, von „Leipzig“ über „Sachsen“ auf „Pegida“, „AfD“ und die in Sachsen virulente Impfnachlässigkeit zu schließen. Mein krankes Hirn knüpft da zwar Verbindungen, aber geböllert wird ja bundes- und weltweit, auch in Jahren, in denen mal kein Corona-bedingtes Verkaufsverbot für Feuerwerkskörper gilt. Also weise ich die Jury an, diese Aussage des Zeugen bei der Urteilsfindung nicht zu berücksichtigen.

Weiter:

In Wernigerode im Harz hat eine Rakete einen Wohnungsbrand mit viel Schaden verursacht. Nach Zeugenaussagen flog der Feuerwerkskörper am Freitag auf einen Balkon im fünften Stock des Hauses, teilte die Polizei am Samstag mit. Zunächst soll es zu einer Rauchentwicklung gekommen sein. Anschließend griff das Feuer auf die Wohnung eines 22-jährigen Mannes über und zerstörte diese teilweise.

Das muß also nicht mal eine illegale Rakete gewesen sein. Allgemein wird ja das farbenprächtige Höhenfeuerwerk wohlwollender bewertet als das stumpfe Geböllere. Ob der 22-Jährige, der die Nacht nach der Zerstörung seiner Wohnung durch die Rakete der Nachbarn im Freien verbringen mußte, das auch so sieht, ist nicht überliefert. Zum Glück war’s ja frühlingshaft warm, also nicht so schlimm. Kimawandel ist super!

Weiter:

In Stuttgart kam es gegen Mitternacht beim zentralen Schlossplatz zu Auseinandersetzungen zwischen Feierwütigen und der Polizei. Einige aggressive Partygänger hätten die Beamten bedrängt und mit Böllern beworfen. Die Polizei ging nach eigenen Angaben mit Schlagstöcken und Pfefferspray gegen die Menge vor. Ein Polizist habe ein Knalltrauma erlitten, zwei weitere seien leicht verletzt worden.

„Pyrotechnik ist kein Verbrechen!“
Und was hatte ich eigentlich gerade an Sachsen auszusetzen? Die Querdenkerszene hat ihren Ursprung ja in Stuttgart.

Weiter:

Ein 23 Jahre alter Mann ist in der Silvesternacht bei der Explosion eines Feuerwerkskörpers in Österreich tödlich verletzt worden. Ein 21-Jähriger wurde zudem schwer verletzt […] Dabei hätten sie sogenannte Kugelbomben gezündet. Als eine der Bomben nicht sofort zündete, näherten sich den Angaben nach vier aus der Gruppe dem Feuerwerkskörper, der dann explodierte.

Österreicher? *schulterzuck*

Und schließlich hier:

Trotz Böllerverbots hat ein Mann bei Enschede auf der Straße mit einem Metallgerät Feuerwerkspulver explodieren lassen. Dabei kam ein Kind ums Leben, ein weiteres wurde schwer verletzt.

Enschede? Da war doch mal was. Aber die Letzten, die dabeiwaren, sind eh lange tot, zwanzig Jahre nämlich schon. Es wurde also höchste Zeit für eine Erinnerungsauffrischung.

In den Niederlanden gilt eigentlich ein landesweites Böllerverbot an Silvester. Die Regierung hatte das Verbot das zweite Jahr in Folge verhängt, um die Krankenhäuser in der Coronapandemie nicht zusätzlich zu belasten.

Es ist also gut, daß wenigstens eins der Kinder starb, so fällt es dem Gesundheitssystem nicht mehr zur Last. Bei dem anderen Kind darf man noch die Daumen drücken.

So. „Zynismus: Ende!“?

Ich selbst habe mein Lebtag noch keinen Betrag irgendeiner Währung für Feuerwerkskörper ausgegeben. Mit geschenkten Böllern habe ich als Kind freilich auch schon meine Erfahrungen gemacht. Ein harmloses Zisselmännchen entwickelte im kleinen, hochgekachelten Klo auf der halben Treppe eine erstaunliche Knallwirkung, und mit einem Ladykracher lockerte ich die Teile eines Lego-Modells 6066 (eins meiner grauen Burgwandformteile weist nach wie vor Schmauchspuren auf) und brannte ein schwarzes Loch in die Teppichfliese in meinem Kinderzimmer.

Ins Fußballstadion gehe ich nicht des Feuerwerks wegen; Pyrotechnik ist vielleicht kein Verbrechen (außer vielleicht, wenn es verboten war und dann trotzdem Menschen dadurch zu Schaden kommen), aber ganz gewiß ist Pyrotechnik kein Menschenrecht.

Eine Jahreswendefeier ohne Feuerwerk ist natürlich ungewohnt und wenig spektakulär, aber ich bin zuversichtlich, daß auch ohne Böllerei keine bösen Geister die Herrschaft übernehmen. Zumal jene bösen Geister, die ohnehin an der Macht sind, sich noch nie durchs Feuerwerk haben verscheuchen lassen. Mithin ist so ein Silvesterfeuerwerk nicht essenziell, und ein Verkaufsverbot von Feuerwerkskörpern kein Anlaß, sich in seinen Grundrechten beschränkt zu sehen. Was den Menschen den Spaß am Feiern verdirbt, dürfte weniger das ausgefallene Feuerwerk sein, als vielmehr die durch Feuerwerk verursachten Unfälle mit zum Teil fatalen Folgen. In der Kosten-Nutzen-Risiko-Abwägung kommt Feuerwerk angunfürsisch nicht gut weg.

Letztes Jahr um diese Zeit hatte ich Spätdienst, wie auch schon einige Male zuvor. Spätdienst an Silvester und Neujahr ist klasse, weil man vor Mitternacht fertig ist, dann gegebenenfalls noch mit Freunden feiern kann, und am nächsten Tag muß man nicht früh aufstehen. Und letztes Jahr, da auch schon ein Verkaufsverbot für Pyrogedöns galt, wurde es mir nasenfällig: Es stank nicht nach Pulverdampf, als ich durch die Straßen ging, anders als in den Jahren davor. Stattdessen schnupperte es allüberall aus den Häusern nach Raclette und Fondue. Und dieses Jahr, da ich Frühdienst hatte, konnte ich nachts einigermaßen ungestört durchschlafen, fand morgens keine schweflig-neblige Atemluft vor, und auch die Straßen sind nahezu frei von den Böllerresten, welche wegzuräumen den Böllernden ja noch nie eingefallen ist. Also ich finde das „Böllerverbot“ prima!

Wenn schon Partikularinteressen, dann nicht die der enttäuschten Feierwilligen, sondern bitteschön meine!


Kirche entschuldigt sich!

11. Dezember 2021

Wofür entschuldigt sch die Kirche? Es fiele einem ja so einiges ein, wofür um Verzeihung zu bitten seitens der Kirche durchaus angemessen wäre. Denn, beiläufig gesprochen, „sich entschuldigen“ ist ja ein sprachlicher Ausdruck, der den Vorgang des Um-Verzeihung-Bittens nur unzureichend einfängt. Eigentlich fleht der Missetäter die zum Verzeihen Berechtigten, häufig die durch den Missetäter Geschädigten selbst, auf Knien und unter Tränen an, ihm diese Gnade zuteil werden zu lassen und die Schuld von ihm zu nehmen. Oder ihr. Oder diversirgendwas. Sich selbst entschuldigen, so weit käm’s ja noch! Vor Gericht wäre das freilich sehr praktisch: „Euer Ehren, ich gestehe die Tat, ich erkenne ihre Rechtswidrigkeit an, aber ich habe mich bereits entschuldigt. Ich plädiere daher auf ’nicht schuldig‘!“ Ja nee.

Die heilige Mutter/der heilige Vater/das heilige diverse Elternteil Kirche hat, zugegeben, als Stellvertreter*In Gött*Innens auf der/dem/divers Erde*n (Ker‘, ey!) selbstverständlich das Recht, Entschuldigungen auszusprechen, also nach ihrem (und so weiter) eigenem Selbstverständnis. „Me absolvo“, sozusagen. Also will ich die sprachliche Form mal nicht zu hoch bewerten, zumal diese ja auch nur dem kolportierenden Artikul des/der/* Spiegel*In entnommen ist. Denn: Wofür eigentlich erbittet die römisch-katholische Kirche nun diese ominöse Verzeihung? Es klingt ja fast so, als wäre so eine Entschuldigung zumindest mal ein Schritt in die richtige Richtung, angesichts ihres Sündenregisters.

Hier kann man’s nachlesen: Ein sizilianischer Bischof hatte Kindern gesteckt …äh… in diesem Zusammenhang völlig mißratene Wortwahl. Er hatte Kindern gesagt, daß es den Weihnachtsmann gar nicht gebe. Dieser sei bloß ein Auswuchs der Konsumgesellschaft und habe mit Weihnachten im religiösen Sinne nichts zu tun.

*Kunstpause*

Dafür also entschuldigt sich (s.o.) die Kirche. Wenn einer ihrer Vertreter mal (MAL) die Wahrheit sagt.

Kirche, du hast die Wahrheit gesagt, du, du, du! Und jetzt gehst du zu Papa und sagst ihm, daß du es ganz bestimmt nie wieder tun willst! Sonst holt Knecht Ruprecht die Rute raus!


Yoko Ono.

31. Mai 2021

Den Namen Yoko Ono kenne ich seit meiner Kindheit. Von mir auf andere schließend behaupte ich, den Namen kennt jeder. Und wenn man sonst nichts weiß, dann immerhin, daß sie irgendwie mit John Lennon und so. Das war jedenfalls bis neulich ungefähr ziemlich genau der Stand meines Wissens. Außerdem könnten deutschsprachige Musik-Connoisseure sich an eine kurze Charakter-Beschreibung von Die Ärzte erinnern.

Zu Ostern nutzte ich die Gelegenheit, im WDR-Fernsehen den „Imagine“-Film von John Lennon und Yoko Ono zu sehen. (Bis zum 5ten Juli 2021 ist er noch in der Mediathek des WDR verfügbar.) Neben der erwartbar sehr brauchbaren Musik von John Lennon fand ich auch das durch die Bildsprache wirkende Zeitportrait von 1970 sehr inspirierend. Und eben Yoko Ono. Sie und John Lennon scheinen sich ernsthaft geliebt zu haben.

Es gibt da ja jetzt dieses Internet, und da soll man annähernd jede Information finden, die man sucht. Ist auch so, wie ich feststellte. Zum Beispiel weiß ich nun, daß Yoko sieben Jahre älter war als John, und daß sie jetzt 88 Jahre alt ist und noch lebt. Außerdem halten viele Beatles-Fans sie für den Spaltpilz, der die „schrillen vier aus Liverpool“ auseinandertrieb, was freilich von den Mitgliedern nie bestätigt wurde. George Harrison ist Gaststar im „Imagine“-Film und Ringo Starr gastiert auf Yokos Debut-Album. Kann also nicht so schlimm gewesen sein, aber für viele Hardcore-Beatles-Kuttenträger ist sie ein rotes Tuch. In vielen Youtube-Kommentaren wird, zusammengefaßt, abschätzig darauf hingewiesen, daß Yoko Ono eine talentfreie Schreihälsin sei. Hinzu kommt ihr Engagement als Friedens-Aktivistin und Feministin, womit sie naturgemäß nicht bei jedem offene Türen einrennt. Und zu allem Überflux bleibt ihr künstlerisches Schaffen, welches der Fluxus-Bewegung zuzurechnen ist, den allermeisten Menschen, wohlwollend ausgedrückt, rätselhaft. Die Mehrheitsmeinung scheint also mit Die Ärzte konform zu gehen, daß Yoko Ono zumindest mal nervt.

Ich bin freilich stets um Unvoreingenommenheit bemüht, weshalb ich in einigen Stichproben auf Youtube eigene Höreindrücke sammelte. Diese fielen weit weniger ungünstig aus als das Leumundszeugnis. Sogar ausreichend günstig, um mir direkt mal ein Album zu besorgen. Daß Yoko Ono selbst Platten veröffentlichte, war mir zuvor auch nicht bewußt gewesen. Wenn dein Boyfriend Ex-Beatle und Präsident von Apple Records ist, mag der Weg zur eigenen Langspielplatte wohl auch nicht so weit sein. Jedenfalls. Ich erwarb das Album „Approximately Infinite Universe“ von 1972 und legte es eingedenk der Vorwarnungen mit banger Erwartung auf – – –

Vergeblich wartete ich auf talentfreies Geschrei. Sicherlich hat Yoko Ono nicht die allergüldenste Stimme des Planeten, aber eine Florence Foster Jenkins ist sie bei weitem nicht. Ihre warme Alt-Stimme ist sogar recht wandelbar, wenn man bedenkt, daß sie zu dem Zeitpunkt schon fast 40 war und keine formale Gesangsausbildung genossen hatte. Die Songs sind teils rockig, teils bluesig, teils nehmen sie geradezu den Punk vorweg, bisweilen spielt Yoko mit ihrer japanischen Herkunft, und einige Lieder könnten gar im Soundtrack eines Tarantino-Films auftauchen. Die Texte gehen mit ihrer Berufung als feministische Aktivistin einher, wozu auch der im Innern des Gatefolds abgedruckte Text paßt. Das Doppel-Album beginnt auf Seite 1 mit „Yang Yang“:

Dreht man die Scheibe um, landet man auf Seite 4, wer denkt sich denn den Quatsch aus? „Move On Fast“:

Die zweite Scheibe enthält demzufolge die Seiten 2 und 3. Der Titelsong „Approximately Infinite Universe“:

Und schließlich „Shiranakatta (I didn’t Know)“:

Was soll ich sagen? Ich mag’s.

Aber woher kommen jetzt die Andeutungen, daß Yoko Ono talentfrei herumschreien würde? Jahá! die kommen nicht von ungefähr. Denn das oben besprochene Album „Approximately Infinite Universe“ war ja nicht Yokos erstes Werk. Bis zu diesem kamen viele potenzielle Zuhörer erst gar nicht, denn zuvörderst hatten sie „Plastic Ono Band“ gehört, eine Art Kooperation mit ihrem geliebten John Lennon, der die Klampfe rührt, unter Beteiligung, ich erwähnte es, von Ringo Starr am Schlagzeug. Beatles-Fans hatten also möglicherweise große Erwartungen, genährt durch den Umstand, daß es sich um eine Doppel-Veröffentlichung in zwei Alben handelte, eine Platte von John, eine Platte von Yoko, mit annähernd identischen Titelbildern mit subtiler Unterscheidung.

Falls es nicht zu erkennen ist: Auf Johns Album ruht sein Kopf in Yokos Schoß, auf Yokos Album ihr Kopf in Johns. Die Rückseiten der jeweiligen Alben zieren Kinderfotos. Dieses Konzept finde ich durchaus süß.

John Lennons Album bietet erwartbar sehr brauchbare Musik. Yoko Onos Album hingegen beginnt mit dem ..äh.. Song „Why“. Und exakt diese Frage drängt sich auf. Dringend.

Dankenswerterweise beantwortet der zweite ..äh.. Song die Frage umgehend: „Why not“.

Die B-Seite beginnt mit einem experimentellen Rehearsal-Tape. Mit „AOS“ imitiert Yoko – ich möchte sagen: gekonnt! – das schief in den Angeln hängende Gartentor, das dich bei Ostwind die ganze Nacht nicht schlafen läßt:

Der dem talentfreien Geschrei hinterlegte Groove von John Lennon, Ringo Starr und Klaus Voormann am Baß ist recht entspannt. Mit etwas Wohlwollen, welches aufzubringen ich durchaus gewillt bin, möchte ich dem Werk das Troubadix-Zitat zugestehen: „Nicht ohne künstlerische Qualitäten!“, aber die Quelle des Zitats sagt dann vielleicht doch etwas über die Genießbarkeit des Dargebotenen aus. Das Album umfaßt sechs ..äh.. Songs. Auf der CD-Veröffentlichung gäbe es noch Bonus-Tracks, aber so weit geht meine Liebe nicht. Und ich kann nachvollziehen, weshalb Beatles-Fans keine besonders hohe Meinung von Yoko Ono haben, sofern sie eben nur ins Plastic-Ono-Band-Album reingehört haben, selbst wenn sie Yoko nicht für das Auseinanderbrechen der Beatles verantwortlich machen. Nach diesem ersten Höreindruck werden sich die allermeisten die folgenden Alben Yoko Onos ansatzlos gespart haben. Das schlägt sich auch in der Veröffentlichungshistorie von Yokos Alben nieder. Während jedes einzelne Beatles-Album über Jahrzehnte hundertfach nachgepreßt, neuverlegt, remastert und auf den verschiedensten Tonträgern wiederveröffentlicht wurde, kennt Discogs für Yokos „Plastic Ono Band“ 31 Versionen. Und auch nur so viele, weil es im Erscheinungsjahr 1970 als LP in verschiedenen Ländern veröffentlich wurde, 1997 als CD erschien und 2016 nochmal ein Reissue erfuhr, wiederum in mehreren Ländern.

Ich habe Metallicas Lou-Reed-Album „Lulu“ überlebt, ich kann auch mit Yoko Ono umgehen. Nehme ich „Approximate Infinite Universe“ zum Maßstab, kann ich mir sogar gut eine Erweiterung der Sammlung vorstellen.