Yoko Ono.

31. Mai 2021

Den Namen Yoko Ono kenne ich seit meiner Kindheit. Von mir auf andere schließend behaupte ich, den Namen kennt jeder. Und wenn man sonst nichts weiß, dann immerhin, daß sie irgendwie mit John Lennon und so. Das war jedenfalls bis neulich ungefähr ziemlich genau der Stand meines Wissens. Außerdem könnten deutschsprachige Musik-Connoisseure sich an eine kurze Charakter-Beschreibung von Die Ärzte erinnern.

Zu Ostern nutzte ich die Gelegenheit, im WDR-Fernsehen den „Imagine“-Film von John Lennon und Yoko Ono zu sehen. (Bis zum 5ten Juli 2021 ist er noch in der Mediathek des WDR verfügbar.) Neben der erwartbar sehr brauchbaren Musik von John Lennon fand ich auch das durch die Bildsprache wirkende Zeitportrait von 1970 sehr inspirierend. Und eben Yoko Ono. Sie und John Lennon scheinen sich ernsthaft geliebt zu haben.

Es gibt da ja jetzt dieses Internet, und da soll man annähernd jede Information finden, die man sucht. Ist auch so, wie ich feststellte. Zum Beispiel weiß ich nun, daß Yoko sieben Jahre älter war als John, und daß sie jetzt 88 Jahre alt ist und noch lebt. Außerdem halten viele Beatles-Fans sie für den Spaltpilz, der die „schrillen vier aus Liverpool“ auseinandertrieb, was freilich von den Mitgliedern nie bestätigt wurde. George Harrison ist Gaststar im „Imagine“-Film und Ringo Starr gastiert auf Yokos Debut-Album. Kann also nicht so schlimm gewesen sein, aber für viele Hardcore-Beatles-Kuttenträger ist sie ein rotes Tuch. In vielen Youtube-Kommentaren wird, zusammengefaßt, abschätzig darauf hingewiesen, daß Yoko Ono eine talentfreie Schreihälsin sei. Hinzu kommt ihr Engagement als Friedens-Aktivistin und Feministin, womit sie naturgemäß nicht bei jedem offene Türen einrennt. Und zu allem Überflux bleibt ihr künstlerisches Schaffen, welches der Fluxus-Bewegung zuzurechnen ist, den allermeisten Menschen, wohlwollend ausgedrückt, rätselhaft. Die Mehrheitsmeinung scheint also mit Die Ärzte konform zu gehen, daß Yoko Ono zumindest mal nervt.

Ich bin freilich stets um Unvoreingenommenheit bemüht, weshalb ich in einigen Stichproben auf Youtube eigene Höreindrücke sammelte. Diese fielen weit weniger ungünstig aus als das Leumundszeugnis. Sogar ausreichend günstig, um mir direkt mal ein Album zu besorgen. Daß Yoko Ono selbst Platten veröffentlichte, war mir zuvor auch nicht bewußt gewesen. Wenn dein Boyfriend Ex-Beatle und Präsident von Apple Records ist, mag der Weg zur eigenen Langspielplatte wohl auch nicht so weit sein. Jedenfalls. Ich erwarb das Album „Approximately Infinite Universe“ von 1972 und legte es eingedenk der Vorwarnungen mit banger Erwartung auf – – –

Vergeblich wartete ich auf talentfreies Geschrei. Sicherlich hat Yoko Ono nicht die allergüldenste Stimme des Planeten, aber eine Florence Foster Jenkins ist sie bei weitem nicht. Ihre warme Alt-Stimme ist sogar recht wandelbar, wenn man bedenkt, daß sie zu dem Zeitpunkt schon fast 40 war und keine formale Gesangsausbildung genossen hatte. Die Songs sind teils rockig, teils bluesig, teils nehmen sie geradezu den Punk vorweg, bisweilen spielt Yoko mit ihrer japanischen Herkunft, und einige Lieder könnten gar im Soundtrack eines Tarantino-Films auftauchen. Die Texte gehen mit ihrer Berufung als feministische Aktivistin einher, wozu auch der im Innern des Gatefolds abgedruckte Text paßt. Das Doppel-Album beginnt auf Seite 1 mit „Yang Yang“:

Dreht man die Scheibe um, landet man auf Seite 4, wer denkt sich denn den Quatsch aus? „Move On Fast“:

Die zweite Scheibe enthält demzufolge die Seiten 2 und 3. Der Titelsong „Approximately Infinite Universe“:

Und schließlich „Shiranakatta (I didn’t Know)“:

Was soll ich sagen? Ich mag’s.

Aber woher kommen jetzt die Andeutungen, daß Yoko Ono talentfrei herumschreien würde? Jahá! die kommen nicht von ungefähr. Denn das oben besprochene Album „Approximately Infinite Universe“ war ja nicht Yokos erstes Werk. Bis zu diesem kamen viele potenzielle Zuhörer erst gar nicht, denn zuvörderst hatten sie „Plastic Ono Band“ gehört, eine Art Kooperation mit ihrem geliebten John Lennon, der die Klampfe rührt, unter Beteiligung, ich erwähnte es, von Ringo Starr am Schlagzeug. Beatles-Fans hatten also möglicherweise große Erwartungen, genährt durch den Umstand, daß es sich um eine Doppel-Veröffentlichung in zwei Alben handelte, eine Platte von John, eine Platte von Yoko, mit annähernd identischen Titelbildern mit subtiler Unterscheidung.

Falls es nicht zu erkennen ist: Auf Johns Album ruht sein Kopf in Yokos Schoß, auf Yokos Album ihr Kopf in Johns. Die Rückseiten der jeweiligen Alben zieren Kinderfotos. Dieses Konzept finde ich durchaus süß.

John Lennons Album bietet erwartbar sehr brauchbare Musik. Yoko Onos Album hingegen beginnt mit dem ..äh.. Song „Why“. Und exakt diese Frage drängt sich auf. Dringend.

Dankenswerterweise beantwortet der zweite ..äh.. Song die Frage umgehend: „Why not“.

Die B-Seite beginnt mit einem experimentellen Rehearsal-Tape. Mit „AOS“ imitiert Yoko – ich möchte sagen: gekonnt! – das schief in den Angeln hängende Gartentor, das dich bei Ostwind die ganze Nacht nicht schlafen läßt:

Der dem talentfreien Geschrei hinterlegte Groove von John Lennon, Ringo Starr und Klaus Voormann am Baß ist recht entspannt. Mit etwas Wohlwollen, welches aufzubringen ich durchaus gewillt bin, möchte ich dem Werk das Troubadix-Zitat zugestehen: „Nicht ohne künstlerische Qualitäten!“, aber die Quelle des Zitats sagt dann vielleicht doch etwas über die Genießbarkeit des Dargebotenen aus. Das Album umfaßt sechs ..äh.. Songs. Auf der CD-Veröffentlichung gäbe es noch Bonus-Tracks, aber so weit geht meine Liebe nicht. Und ich kann nachvollziehen, weshalb Beatles-Fans keine besonders hohe Meinung von Yoko Ono haben, sofern sie eben nur ins Plastic-Ono-Band-Album reingehört haben, selbst wenn sie Yoko nicht für das Auseinanderbrechen der Beatles verantwortlich machen. Nach diesem ersten Höreindruck werden sich die allermeisten die folgenden Alben Yoko Onos ansatzlos gespart haben. Das schlägt sich auch in der Veröffentlichungshistorie von Yokos Alben nieder. Während jedes einzelne Beatles-Album über Jahrzehnte hundertfach nachgepreßt, neuverlegt, remastert und auf den verschiedensten Tonträgern wiederveröffentlicht wurde, kennt Discogs für Yokos „Plastic Ono Band“ 31 Versionen. Und auch nur so viele, weil es im Erscheinungsjahr 1970 als LP in verschiedenen Ländern veröffentlich wurde, 1997 als CD erschien und 2016 nochmal ein Reissue erfuhr, wiederum in mehreren Ländern.

Ich habe Metallicas Lou-Reed-Album „Lulu“ überlebt, ich kann auch mit Yoko Ono umgehen. Nehme ich „Approximate Infinite Universe“ zum Maßstab, kann ich mir sogar gut eine Erweiterung der Sammlung vorstellen.


Menschheitserfolg!

1. Juli 2020


Breitmaulnashorn (Abbildung ähnlich)

Der „Spiegel“ vermeldet in seiner Internet-Ausgabe: „Das Nördliche Breitmaulnashorn ist vom Aussterben bedroht, weltweit gibt es nur noch zwei – beide unfruchtbar.“ Da wird die Bedrohung ja fast schon konkret. Und alle Großwildjäger so, zärtlich das erbeutete Horn in auf Stimulierung positiv ansprechende Körperöffnungen einführend: „Puh, was’n Glück, daß ich meine Trophäe noch schießen konnte, ehe die armen Viecher vom Antlitz unseres einzigartigen und des Schutzes so sehr bedürfenden Planeten verschwinden!“

Soviel zum Nashorn. Tiger gibt’s ja auch noch. Der Wikipedia-Artikel zum Tiger berichtet:

Der Handel mit Tigerprodukten, die vor allem in der traditionellen chinesischen Medizin Verwendung finden, ist ein Grund für die illegale Jagd. Vor allem die Knochen, die zu Pulver zermahlen werden, finden dabei Verwendung. Seit dem Zusammenbruch der chinesischen Tigerbestände in den 1950er bis 1970er Jahren konnte der Markt nicht mehr mit einheimischen Tigern beliefert werden, wodurch auch die anderen Unterarten unter Druck gerieten.

Somit ist es angebracht, noch einen Nachklapp zum Thema „Aberglauben“ zu liefern, siehe unten. Kritiker der Schulmedizin und Freunde der Naturheilkunde schwärmen ja nicht selten auch von der traditionellen chinesischen Medizin. Weil da ja uraltes Wissen tradiert werde, und weil sie so sanft sei. Sanft zum Tiger freilich nicht. Und war es jemals Wissen, aus allen möglichen Tierbestandteilen irgendwelche angeblich heilsamen Pulver, Salben und Tinkturen zu gewinnen? Ist es nicht zum Beispiel auch etwas plump, jedem länglich geformten Gegenstand, nicht zuletzt Nashornhörnern, eine potenzsteigernde Wirkung zuzuschreiben? Und warum überhaupt sollte diese Wirkung zustandekommen, wenn man Penisse von Tieren ißt? Diese bestehen ja auch bloß aus denselben Eiweißen wie der Rest des Tieres und werden im menschlichen Körper zersetzt und verdaut wie anderes Fleisch auch. Schlecht, nämlich. Magisches Wissen vermag ich da auf Seiten der traditionellen Heiler nicht zu erkennen, und besonders weise ist es auch nicht, die Bestände bedrohter Tiere weiter und weiter zu verkleinern. Und wer dergleichen zur Naturheilkunde zählt, dem geht die Natur offenbar am Arsch vorbei.
Naturheilkunde ist übrigens Heilkunde. Da wird die beobachtete Wirkung von Pflanzen eingesetzt, um einen Heilerfolg zu erzielen. Die alten Kräuterweiber und Klostergärtner wußten freilich nicht, auf welchen Substanzen in den Pflanzen und auf welchen biochemischen Prozessen im Körper diese Heilwirkung beruhte, das konnten sie auch nicht wissen, aber immerhin. Kräuterkunde mag auch Teil der traditionellen chinesischen Medizin sein, aber um sich die Kräuterwirkung zunutze zu machen, ist es eben nicht notwendig, das Ganze mit dem Werbe-Claim Traditionelle chinesische Medizin™ zu schmücken. Dieser fast schon Markenname zielt meiner Ansicht nach vor allem auf die Gutgläubigkeit von zu Aberglauben neigenden Menschen ab. Wäre es so, wäre das nicht nur nicht weise, sondern überdies unredlich, denn am Ende geht es doch immer bloß darum, dummen Menschen das Geld aus der Tasche zu locken. Ohne Rücksicht auf Verluste, zum Beispiel im Tierbestand.


Aberglauben.

7. Juni 2020

Wieviel Glück muß man eigentlich haben, um im 21sten Jahrhundert mitten in der Stadt ein Hufeisen am Straßenrand zu finden? So geschehen mir gestern. Der Straßenrand ist die begraste Umfassung eines ehemaligen Straßenbahnoberleitungspfostens a. D., und ich gehe jeden Tag daran vorbei. Das Bändel am Hufeisen mag darauf hindeuten, daß es nicht direktermang einem Pferd die Schuhe ausgezogen hat, sondern das Ding irgendwo als Deko an der Wand hängen sollte und beispielsweise bei einem Umzug verloren ging. Wieviel Pech muß eigentlich jemand haben, um ein Hufeisen zu verlieren? Als Fußgänger!

Wenn ich noch wüßte, zwischen welche Buchseiten ich es einst zum Trocknen steckte, könnte ich auch das Beweisfoto eines von mir selbstgeernteten vierblättrigen Kleeblatts beibringen. Ungefähr 1994, auf der Wiese unseres Ferienhauses auf Amrum, bückte ich mich in der Ecke, in welcher der Klee wucherte, und zupfte, ohne hinzugucken, irgendein Blättchen heraus. Es hatte vier Blätter. Um den Nimbus nicht zu zerstören, prüfte ich lieber nicht nach, ob das für alle Kleepflanzen in jener Wiesenecke zutraf.

Dabei bin überhaupt nicht abergläubisch. Nee, ehrlich. Das gefundene Hufeisen halte ich vor allem für eine Kuriosität, und ich brauche keine dem Volksglauben nach mystischen Gegenstände und Talismane als Glücksbringer. Auch erschließt sich mir nicht der Zusammenhang zwischen dem Teddy auf dem Pult der Wer-wird-Millionär-Kandidatin und der Beantwortbarkeit der zufällig zugewiesenen Fragen. Zumal die ja dann doch alle nicht bis zur Million kommen. Macht das eigentlich niemanden stutzig?

Meine frommen Eltern würden Aberglauben ungefähr als etwas definiern, was Menschen glauben, ohne daß es Teil der ortsüblichen Religion wäre bzw. derselben widerspricht, mithin alles von Katholizismus (Hostien, Heiligenverehrung, Mariä Himmelfahrt) über Anthroposophie (Die Lehren Rudolf Steiners stehen halt nicht in der Bibel) und Homöopathie (reine Glaubenssache) bis hin zu den folkloristischen Aberglaubenstopoi wie Handlesen, Kartenlegen, Talismane und Astrologie (um nur eine Auswahl zu nennen). Wäre da nicht ihre Frömmigkeit, könnte man meine Eltern also fast als aufgeklärte Skeptiker bezeichnen, die mir beibrachten, nicht jeden Hokuspokus unhinterfragt zu glauben. Aber auch abseits der Erziehung ließ ich mich von Helden der Kindheit beeinflussen. Da wäre zum Beispiel der Mann, der schneller zieht als sein Schatten:

Glücklicherweise übernahm ich lediglich Lucky Luke’s* eher rationale, um nicht zu sagen: unzeremonielle Herangehensweise an realweltliche Probleme, nicht seine Liebe zum Toback. Es kommt ihm also nur eine selektive Vorbildfunktion zu.

*) Diese Verwendung des Apostrophen schaute ich mir bei Thomas Mann ab. Im „Zauberberg“ apostrophierte er bei fremdländischen Namen (Settembrini) das Genitiv-s, weil der deutsche Leser möglicherweise die Form- und Lautgestalt des Grundworts nicht kennte. Es ist dies also kein Deppenapostroph.

Und auch der andere Comic-Held meines Vertrauens zeigt Tendenzen zu abgeklärter Vernünftigkeit.

Augenfällig an obigem Bild ist auch die Gewandung des Sehers. Um seine zur Schau gestellte „Gabe“ der Prophetie dem gutgläubigen Volk plausibel zu machen, wählte er ein ominöses Erscheinungsbild. Klappern gehört zum Handwerk. Was wäre ein katholischer Gottesdienst ohne prunkvolle Gewänder und unverständliches Latein? Was wäre eine schamanische Geistheilung ohne Federschmuck und magisches Gemurmel? Und warum sehen Fernsehastrologen immer so wallend und klunkerbehangen aus? Zumindest gemäß meinen wenigen, unbeabsichtigten Stichproben im Zuge unmotivierten Herumzappens sehen sie das. Jedenfalls mißtraue ich all diesen ostentativen Attributen des Magischen zutiefst.

Hach ja, die Astrologie. Wenn mich jemand nach meinem Sternzeichen fragt, nenne ich immer irgendwas. Prinzipiell müßten die ja mein Sternzeichen anhand meines Charakters erkennen, angeblich gibt es doch da eindeutige Zuordnungen.
Allen antiken Kulturen ist gemein, daß sie Astrologie betrieben. Unbeleckt von industrieller Lichtverschmutzung konnten die Menschen nächtens den Blick über die volle Breite der Milchstraße („Galaxie“) wandern lassen, und so, wie sie Gebilde in Wolkenformationen identifizierten, identifizierten sie auch Gebilde in Sternformationen, bloß blieben die Sterngebilde im Unterschied zu den Wolken augenscheinlich immer dieselben, bewegten sich starr über den Himmel. Und zwischen den fest verankert, also fixierten, Fixsternen bewegten sich die frei beweglichen Planeten, ebenfalls als Lichtpunkte, weil auch sie, wie der Mond, von der Sonne angestrahlt werden, was die Leute damals aber nicht wußten, weshalb man Planeten auch Wandelsterne nennt. Was dort oben am sternenvollen Himmelszelt vor sich ging, konnte doch kein Zufall sein, konnte es? Zumal ja gleichzeitig hinieden auch Dinge sich ereigneten, parallel zu den sich ändernden Sternenformationen und Planetenstellungen. Da mußte doch ein Zusammenhang bestehen, mußte er? „Draußen regnet’s, drinnen spielen sie Brahms“, pflegte mein Vater zu sagen; soviel zum Zusammenhang. Korellationen sind keine Kausalitäten.

Die Grundlage der heute praktizierten Astrologie ist die antike Astrologie, immerhin geht es um dieselben Sterne. Und man würde ja wohl nicht annähernd ununterbrochen seit Tausenden von Jahren diese Kunst ausüben, wenn sich die Horoskope nicht als zuverlässige Anhaltspunkte zur Lebensbewältigung und Entscheidungsfindung bewährt hätten, würde man? (Spoiler Alert: Man würde.)

Wenn ich das richtig verstanden habe, wofür es keine Garantie gibt, ist für eine astrologische Vorhersage oder ein Horoskop die Stellung der Planeten zueinander und zu den Sternbildern entscheidend. Den Sternbildern und Planeten sowie der Sonne und dem Mond sind jeweils Eigenschaften, Symbolismen, Wertigkeiten und was weiß denn ich! zugeschrieben, und auf die Kombination all dessen kommt es an. Abgesehen davon, daß ich mir die Frage stelle, woher denn die Erdenbewohner wissen wollen, welche bedeutungsvollen Eigenschaften einer doch letztendlich zufällig zu einer benamsten Konstellation gruppierten Anzahl Sterne innewohnen; und außer Acht lassend, daß unterschiedliche Kulturen rund um den Globus jeweils andere Sterne (zum Teil solche, die in anderen Teilen der Welt gar nicht zu sehen sind) zu jeweils anderen Konstellationen mit jeweils anderen zugeschriebenen Eigenschaften zusammenfaßten; und ignorierend, daß die Menschen des Altertums die Erde, auf der sie lebten, gar nicht als einen der Wandelsterne erkannten, die da fix über den Himmel zischten, sondern sie als den Mittelpunkt betrachteten, um den sich alles dreht; all dies vernachlässigend gibt es einen weiteren Grund, weshalb noch nie, noch nie ein Horoskop gestimmt haben kann: Das Inventar ist einfach nicht vollständig.

Im Altertum schauten die Sternkundler in den Himmel und sahen mit bloßem Auge – zugegeben – sehr viel mehr Sterne als wir. Außerdem sahen sie die Sonne, den Mond, ab und zu einen Kometen, bisweilen Sternschnuppen, ganz selten Supernovae, und sie sahen die fünf Planeten. Auf dieser Grundlage erstellten sie ihre Horoskope oder wie auch immer sie es nannten; sie deuteten die Sterne. Fünf Planeten? Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn.

Und was ist mit Uranus? Was ist mit Neptun? Was ist mit Pluto, ganz gleich ob Planet oder Planetoid? Was ist mit Ceres, mit Sedna, mit Haumea, Quaoar und wie sie alle heißen? Was ist mit den einzelnen Gesteinsbrocken im Astereoidengürtel, was mit den Objekten in der Oortschen Wolke? Ist nicht letztlich jedes Staubkörnchen in den Ringen des Saturn ein Objekt, welches für sich genommen und in Konstellationen mit anderen derartigen Objekten eine Eigenschaft und Bedeutung haben müßte, wie sie auch die damals bekannten Objekte im Universum zugesprochen bekamen? Zwar sind all diese Planeten und Planetoiden, Meteoriten und Asteroiden mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen (außer Uranus, wenn man ganz genau hinschaut und weiß, wo man suchen muß, was die Alten aber nicht wußten), nichtsdestotrotz sind sie da. Sie haben physikalische Eigenschaften, die sie den immer schon bekannten Planeten gleichstellen, also müßten sie auch metaphysikalisch vergleichbare Eigenschaften haben und Einfluß auf die Geschicke der Erdenmenschen nehmen. Doch mehrere tausend Jahre lang wurde dieser Einfluß qua Unkenntnis beiseite gelassen, von dem Einfluß, den die Abermilliarden anderen Galaxien außerhalb unserer Milchstraße haben müßten, gar nicht zu reden. Im Lichte dieser Erkenntnis kann ich nur zu einem Schluß kommen: Noch nie hat ein Horoskop alle Faktoren berücksichtigt, also kann noch nie ein Horoskop gestimmt haben. Sollte mal etwas wie vorhergesehen eingetroffen sein, ist das allenfalls auf den Zufall zurückzuführen.

Doch zurück zum Hufeisen. Es ist das Symbol für das Pferdewesen und den Reitsport, nicht zuletzt bei Lego. Es erhebt sich über dem Reiterhof 6379 ebenso, wie es das Hemd der Paradisa-Pferdewirtin ziert. Hat man ja alles. Und weil dieses Emblem so schön plakativ in Rittertradition auf der Brust der ProtagonistInn*en prangt, hob ich just ein neues Rittergeschlecht aus der Taufe:

Dies müssen die wahren Glücksritter sein. Ach nee, glaube ich ja nicht.


1984. Es war nicht alles schlecht.

4. April 2020

Okay, ich bin in der Midlife-Crisis. Die Kindheit entschwindet, mit ihr der Kindheit unschuldige Spiele. Zunehmend stelle ich fest, daß ich den Gesprächen von Mittzwanzigern nicht mehr folgen kann, und das, obwohl ich, wie sie, kaum fernsehe; aber ein Smartphone habe ich halt auch nicht. Die Chancen, die Frau fürs Leben zu finden, schwinden von Tag zu Tag, mit jedem ausgefallenen Haar. Alter, Krankheit und Tod habe ich sowieso berufsbedingt ständig vor Augen. Unsere Schwesternschülerinnen sind halb so alt wie ich, unsere Kunden doppelt so alt. Mithin: Ich stehe in der Mitte des Lebens, Zeit für die Krise! Andere würden sich jetzt um die Anschaffung eines schnellen roten Autos kümmern, aber ich bin da bescheidener. Ich kaufe Lego. Ach nee, das habe ich ja mein Lebtag getan. Also kaufe ich Schallplatten. Es ist nie zu spät, ein Hipster zu werden. Coronabedingt haben die Friseure geschlossen, also werden die Haare auch länger.

Neulich fiel mir auf, daß das Jahr 1984 entgegen der skeptischen Prognose George Orwells gar nicht so schlecht war. Ich wurde sieben Jahre alt, und der Lego-Katalog desselben Jahres offerierte mir eine Offenbarung. Graue Burgen! Mit Rittern auf Pferden! Und Wagenrädern und Flitzebögen und Speeren in braun! Dergleichen hatte es nie gegeben. Was stimmte, wobei mein „nie“ den durch mich überschaubaren Zeitraum von ..na.. sagen wir: vier bis fünf Jahren umfaßte. Das katastrophale Element dieser Apokalypse stellte der Hinweis dar: „Neuheit. Lieferbar ab April ’84.“ Na toll, Geburtstag im März.

Zum Geburtstag gab es dann halt das burgähnliche Set 1592, das meine Mutter als Sonderposten im örtlichen Vedes-Geschäft erstehen konnte. Ein durchaus trostspendender Ersatz, mit dem ich sehr ausgiebig spielte, und das bis heute zu meinen absoluten Lego-Favoriten zählt. Und die grauen Burgen konnte ich bis Weihnachten im Katalog bewundern. Was ich ebenfalls ausgiebig tat. Zu Weihnachten gab es dann 6073: „Kleine Burg (aufklappbar) mit Wachttürmen, Zugbrücke, Rittern und Pferden“.

Gestern schließlich wandelte mich die Lust an, das Ding nochmal zu bauen. Ich hab’s ja da, im Eigenkarton gelagert auf meinem Kleiderschrank. Im funzeligen Licht der Schreibtischlampe ahnte ich schon die ein oder andere Vergilbung, als ich – musikalisch begleitet von Iron Maiden und Metallica – die kleine Burg baute.

Iron Maiden und Metallica hörte ich natürlich nicht, als ich das Modell am Heiligen Abend 1984 erstmals baute, doch auch da war das Licht funzelig. Unmittelbar feierte ich die Adlerritter, bis heute mein Signé. Nicht unbedingt angetan war ich seinerzeit von der asymmetrischen Gestaltung des Torbogens.

Diese Form ergibt sich scheinbar aus den verwendeten Teilen; die rote Seilwinde ist offenkundig zu groß für die gewählte Tiefe des Torbogens. Trotzdem hätte man die sich daraus ergebende Form ja auf der anderen Seite spiegeln können, indem man die Dimensionen des Formteils durch andere Teile simuliert. Daß dies nicht geschehen ist, muß ich also dem puren Mutwillen des Designers zuschreiben. Überhaupt ist der gesamte Aufbau dieses Gemäuers sehr viel weniger symmetrisch, als es auf den ersten Blick scheint. Zwar sind Tor und Klappnaht mittig angeordnet, zwar erheben sich beidseits ähnliche Türme, doch da endet die Symmetrie.

Der blaue Turm wird gestützt durch einen massiven Holzpfosten, an welchem die kämpfende Garde ein Schwert vorfindet, sollte es gebraucht werden. Unter dem gelben Turm hingegen befindet sich der Kerker.


Durch diese massiv gebaute Kerkertür frißt sich niemand! Ich finde sie in ihrer schlichten Zweckmäßigkeit nach wie vor spitze. Durch den etwas ausladenderen Platzbedarf des Verlieses ergibt sich die Notwendgkeit, den steinernen Pfosten des darüberliegenden Turms mit einer Art Blendzinne zu umgeben.

Wie vom Katalog versprochen und auch hier bereits vorexerziert, läßt sich die Burg aufklappen. Weitere im Programm vorgesehene Burgwandstücke ließen sich auf diese Weise in die Burg integrieren. Im Jahre 1984 waren dies bereits das Mauerstück beim Belagerungsturm 6061 und die Schmiede 6040. In den folgenden Jahren kamen das Gasthaus 6067, das Waffendepot 6041 und die belagerte Mauer 6062 hinzu. Auch das Nachfolgemodell für die hier besprochene Burg 6073, das seinerseits aufklappbare Ritterschloß 6074, konnte in die modulare Gesamtstruktur eingepaßt werden, auf zwiefache Weise sogar. Dies nur, um mal zu verdeutlichen, weshalb die auf mehrere Jahre angelegte modulare Systemstrategie vergangener Lego-Epochen, namentlich 1984 bis 1992, nicht nur dank nostalgischer Verklärtheit, sondern auch objektiv besser war als die lieblos hingerotzten Friß-oder-stirb-Serien, mit denen Lego das Rittersegment in den letzten Jahren punktuell bediente.

Dessen ungeachtet ist die „Kleine Burg“ 6073 für sich genommen nicht besonders spektakulär. Sie stellt den Rittern und Knappen keinerlei Wohnunterkünfte zur Verfügung, vielmehr handelt es sich um eine rein militärische Festungsanlage. So lange nämlich, bis die oben erwähnten modularen Komponenten hinzugefügt werden und aus der Burg eine Stadt wird. Dennoch scheint es sich um eine Ganerbenburg zu handeln, erkennbar an den beiden farblich unterschiedlichen Wappen derselben Familie. Jeder Erbe bewohnt seinen Turm, das wird im Winter ganz schön zugig.

Die oben gezeigten Schallplatten wollte ich jetzt hier nicht rezensieren, also mache ich’s auch nicht. „The Top“ ist ganz gut, „Powerslave“ und „Ride The Lightning“ sind phantastisch, „Hyaena“ ist sehr gut. Das Reunion-Album von Deep Purple geht so. Die unverbrauchte Spontaneität von „In Rock“, „Fireball“ und „Machinehead“ wird erwartungsgemäß nicht wieder erreicht. Außerdem hat Ian Gillans Stimme nach seinem Black-Sabbath-Intermezzo („Born Again“) ganz schön gelitten.


Politisches Dschungelcamp.

18. Februar 2020

Justament lese ich bei Spiegel-Online – und jeder weiß, daß der „Spiegel“ die „Bild“ der sich für intellektuell Haltenden ist – Doppelpunkt, Anführungszeichen unten, Zitat: „Problem M – Bei den Christdemokraten laufen sich potenzielle Nachfolger warm – doch wird die Kanzlerin vorzeitige Neuwahlen ermöglichen? Viel deutet darauf hin, dass Angela Merkel einfach weiter regieren will. Das wird zur Schwierigkeit für die CDU.“

Ich brauche den hinter diesem Anreißer steckenden Artikel nicht einmal zu lesen, um sooo eine Krawatte zu bekommen. Allenthalben wird bejammert, daß die Menschen („die Menschen draußen im Land“) das Vertrauen in die Politik verloren hätten (hatten sie dieses Vertrauen jemals?), daß die Politiker die Menschen (s. o.) nicht mehr erreichten, daß die Menschen (…) politikverdrossen seien. Von „Machteliten“ ist die nicht lobhudelnd gemeinte Rede, von verkrusteten Strukturen und Prozessen, die mit der Lebenswirklichkeit dieser …na, wie gleich…? ach ja: Menschen nichts zu tun hätten, und all son mittlerweile ritualisiert vorgetragener Killefitt. Überdies stehen alle Beteiligten am politischen Spiel sich ratlos am Kopfe kratzend vor der in der Tat bedauerlichen Tatsache, daß gewisse Bevölkerungsgruppen rechts des Konservativismus nicht einmal mehr der „Bild“ noch Glauben schenken und nicht müde werden, völlig ironiefrei von der „Lügenpresse“ zu schwadronieren.

Aber ist das so verwunderlich? Die Politiker, nämlich die Berufspolitiker, also vor allem diejenigen Politiker in höheren staatstragenden Positionen und Ämtern, mithin „die da oben“ tun ja auch so allerhand, was den *hüstel* Menschen, die sich wählenderweise bitte für die Politik zu interessieren haben, aber mehr bitte auch nicht, nur schwer verständlich gemacht werden kann. So wird zum Beispiel monatelang ein Europawahlkampf mit Spitzenkandidaten geführt, um den Menschen mit solchen plakattauglichen Personen das Excitement zu geben, das sie aus ihren nationalen Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen gewohnt sind, und das sie bisher in diesen drögen Europawahlen vermißt hatten (wie die Parteistrategen herausgefunden zu haben meinen), und dann? Dann wird nach erfolgter Wahl der mehr oder weniger vom Wählervotum getragene sogenannte Spitzenkandidat gar nicht berücksichtigt, und jemand völlig Ungewähltes wird zur Spitzenkandidatin befördert, im Hinterzimmer, ohne auch nur den Hauch eines Wählerauftrags, wiewohl der ganze Spitzenkandidatszinnober zuvor natürlich auch nur Augenwischerei gewesen war. Hilfreich? Na, weiß nicht.

Und Thüringen. Was soll ich dazu noch Worte verlieren. Die Parteien, die’s gewohnt sind, irgendwie die Macht unter sich aufzuteilen, und die sich als „demokratisch“ verstehen im Gegensatz zur „verfickten AfD“, wie mein Europaabgeordneter Sonneborn diese ehemalige Anti-Euro-, später Anti-alles-, und inzwischen anti-antifaschistische Partei zu titulieren beliebt, können sich nicht zusammenreißen und wählen lieber einen von dieser AfD mitgewählten 5%-Abgeordneten zum Ministerpräsidenten, statt ihrem Gewäsch des Musters „unter Demokraten ist jeder mit jedem koalitionsfähig“ mal was Handfestes folgen zu lassen, nämlich die Erfüllung dieses Demokratieschwurs. Ein Bubenstück von Bernd H. und insgesamt eine Hanswurstiade ersten Ranges, keine Frage, sehr publikumswirksam und gewiß recht unterhaltend, aber hilfreich? Na, ich weiß ja nicht.

Im Zuge dieser thüringer Bratwurstiade rollten Köpfe, nicht zuletzt jener der erst kürzlich unter großem Hallo mit Casting-Show und allem gewählten Vorsitzenden der Christlich Demokratischen Union Deutschlands (vulgo: CDU), einer politischen Partei (dies nur für alle, die bei diesen ganzen Casting-Shows den Überblick verloren haben, wer da eigentlich jeweils was ist). Dieses CDU-Casting war irgendwie nötig geworden, weil die amtierende Bundeskanzlerin vor geraumer Zeit angekündigt hatte, kurzfristig nicht wieder für den Vorsitz dieser Partei zu kandidieren, und mittelfristig nach Ablauf ihres Engagements als Bundeskanzlerin ihren Vertrag nicht verlängern zu wollen. Und hier kommt der oberwähnte „Spiegel“-Artikel, den ich nicht gelesen habe, ins Spiel: Angela Merkel ist nämlich noch Kanzlerin, denn als solche wurde sie von der Mehrheit des Bundestages gewählt, und das bleibt sie so lange, bis sie durch ein von der Mehrheit des Bundestages gewähltes Kanzler-Asterisk gleichwelchen grammatischen Geschlechts ersetzt wird, entweder durch ein konstruktives Mißtrauensvotum, oder weil nach einer Neuwahl des Bundestages eben eine andere Bundestagesabgeordnete oder ein anderer Bundestagsabgeordneter oder ein ander* Bundestagesabgeordnet* (Seufz) zum/zur/zu* Bundeskanzler*in/In (Seufz) gewählt wird.

Nun steht im Teaser aber, „dass Angela Merkel einfach weiter regieren will“, und es klingt, als wäre das seitens Merkels eine unverfrorene Anmaßung. Und das macht wiederum mich fassungslos angesichts all der oben angerissenen Probleme hinsichtlich des beobachtbaren Vertrauensverlustes von Politik und Medien. Gefragt wird, ob die Kanzlerin vorzeitige Neuwahlen ermöglichen werde, was insinuiert, daß dies gängige verfassungsgewollte Praxis zur Beendigung einer Kanzlerschaft sei.

Nun ist die Geschichte der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland in der Tat geprägt von vorzeitigen Kanzlerschaftsenden. Konrad Adenauer (CDU) trat 1963 im Alter von 88 Jahren zurück, geschwächt durch die Spiegel-Affäre, und weil in seiner Partei auch mal Jüngere ans Ruder wollten. Sein Nachfolger Ludwig Erhardt (CDU) trat 1966 zurück, weil ihm der Koalitionspartner, die FDP, von der Fahne ging. Es kam ab Dezember 1966 zur großen Koalition unter dem bis dahin ungeohrfeigten Kurt Georg Kiesinger (NSDAP/CDU), welcher zwar nicht Bundestagsabgeordneter, aber Ministerpräsident von Baden-Württemberg war und als solcher die Berechtigung zur Teilnahme an Bundestagssitzungen innehatte. Stimmrecht im Bundestag hatte er während seiner Kanzlerschaft ebensowenig wie ein Wählermandat. Bei den folgenden Bundestagswahlen 1969 bekam Kiesinger zwar das Wählermandat, jedoch nicht die erneute Kanzlerschaft, denn zu seinem Nachfolger wurde Willy Brandt (SPD) gewählt. Dieser überstand zwar 1972 ein konstruktives Mißtrauensvotum, durch welches Rainer Barzel (CDU) sich erhofft hatte, zu Kanzlerwürden zu kommen, doch mußte er 1974 vor dem regulären Ende seiner zweiten Amtszeit zurücktreten, weil sein persönlicher Referent als Spion der DDR enttarnt worden war. Sein Nachfolger wurde Helmut Schmidt (SPD). Dieser wiederum trat nicht zurück, obwohl er dies während der Ereignisse des „Deutschen Herbstes“ erwogen hatte, hätte es denn bei der Erstürmung der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ Tote unter den Passagieren gegeben. Am 1. Oktober 1982 kam es zum Konstruktiven Mißtrauensvotum gegen ihn, weil ihm sein Koalitionspartner, die FDP, von der Fahne ging. Zum Nachfolger wurde der Abgeordnete Dr. Helmut Kohl (CDU) gewählt. Da Kohl bei den Bundestagswahlen 1980 nicht Kanzlerkandidat gewesen war, und weil die FDP unter der Voraussetzung einer beabsichtigten Koalition mit der SPD in den vorherigen Wahlkampf gezogen war, hatten alle ein schlechtes Gewissen und wollten ihre frisch geschmiedete Koalition durch vorgezogene Bundestagswahlen vom Staatsvolk legitimiert wissen. Klingt ehrenhaft. Zu diesem Zweck stellte sich Kohl, soeben frisch gewählter Bundeskanzler, direkt einem nicht konstruktiven Mißtrauensvotum, und eine erforderliche Mehrheit der Abgeordneten von CDU und FDP, einzig ihrem Gewissen unterworfen, verweigerte dem kürzlich erst gewählten Kanzler die Gefolgschaft, was eine Auflösung des Bundestags und Neuwahlen unumgänglich machte. Klingt nicht gar so ehrenhaft. Kohl regierte anschließend für 16 Jahre und wurde dann nicht wiedergewählt, obwohl die Wahlkampfkasse der CDU doch gutgefüllt war. Sein Nachfolger wurde 1998 Gerhard Schröder (SPD) in einer Koaltion mit den Grünen. In seiner ersten Amtszeit konnte er sich auf eine komfortable Bundestagsmehrheit stützen, in seiner zweiten nur noch auf eine hauchdünne. Dies nahm Schröder (immer noch SPD) zum Anlaß, im Jahre 2005 durch vorgezogene Neuwahlen die Fronten neu klären zu lassen. Ähnlich wie sein Vorgänger stellte darum auch er die Vertrauensfrage in der Absicht, das Vertrauen nicht ausgesprochen zu bekommen, was – o Wunder! – auch genau so eintraf. Bei den durch dieses Maneuver neutig gewordenen Wahlen kamen Mehrheitsverhältnisse zustande, die zu einer großen Koalition unter Angela Merkel (CDU) führten. Und seitdem ist sie Kanzlerin.

Wie wir sehen konnten, sind die wenigsten Amtszeiten der Bundeskanzler durch eine reguläre Bundestagswahl mit neuen Mehrheiten und somit nichterfolgter Wiederwahl zu Ende gegangen; Kiesinger wurde nicht wiedergewählt, und Kohl ebenfalls nicht. Alle anderen sind vorzeitig zurückgetreten, selten freiwillig, oder scheiterten an einem Mißtrauensvotum, dies sehr viel freiwilliger. Die Art, wie derartige Mißtrauensfragen eingestielt wurden, mutet wenig demokratisch an, denn die Wähler hatten sich ja mal für die jeweiligen Mehrheitsverhältnisse unter der Prämisse entschieden, daß der/die/das Kanditatenwesen dann Kanzlerwesen würde. Die Mauscheleien, die der gewollten Auflösung des Bundestages vorausgingen, waren also politische Taschenspielertricks, die den Anschein der Verfassungstreue wahren sollten, während der Geist der Verfassung mit Füßen getreten wurde (Kann man Geister treten?), denn die bittere Erfahrung der Weimarer Zeit hatte den wenigen Müttern und vielen Vätern des Grundgesetzes gezeigt, daß eine politische Ausnahmesituation ohne funktionstüchtige Regierung unbedingt zu vermeiden sei, weswegen eben das konstruktive Mißtrauensvotum mit unmittelbarer Neuwahl eines Nachfolgers im Amt des Bundeskanzlers installiert wurde; als bloßes Spielzeug in den Händen der – da haben wir sie wieder – Machteliten war es nicht gedacht. Die Institutionen und Prozesse des politischen Lebens werden als altehrwürdig und staatstragend dargestellt, eifrig wird sich bemüht, in politischen Hochämtern öffentlichkeitswirksam dem Buchstaben des Gesetzes Rechnung zu tragen, und doch verkommt all dies zu bloßem Possenspiel und Mummenschanz mit wenig mehr Gehalt als Dschungelcamp und Castingshows.

Und wer also nun fordert, Angela Merkel solle „Neuwahlen ermöglichen“, um dadurch ihre Amtszeit vorzeitig zu beenden und die Mehrheiten im Bundestag neu durchzumischen, will den von der Verfassung vorgesehenen Ausnahme- und Krisenfall zur Normalität erheben. Was ist denn davon zu halten? Weimar haben wir schon erwähnt, und wem hat der ewige Wechsel in der Reichskanzlei, wem haben die in der Krise erlassenenen Notstandsgesetze letztlich genützt? Eben. Und Medien, die leichthin mit solchen Erwägungen spielen, beklagen sich, daß ihnen das Vertrauen der Menschen draußen im Lande flöten geht. Na weeßte!


Freitag, der 13te Februar 1970.

13. Februar 2020

Black Sabbath. Benannt nach einem Horrorfilm mit Boris Karloff, welcher auf Deutsch „Die drei Gesichter der Furcht“ heißt, im Englischen aber eben „Black Sabbath“. Die Band „Earth“, bestehend aus Toni Iommi, Terence „Geezer“ Butler, Bill Ward und John „Ozzy“ Osbourne, probte mit Blick auf ein Kino, in dem auch dieser Film gezeigt wurde. Die Erkenntnis, daß Menschen Geld dafür bezahlen, um sich begruseln zu lassen, führte zu einer Umbenennung der Band und einer musikalischen Neuausrichtung, war doch das Repertoir zuvor eher vom Blues geprägt gewesen.

Am 17ten November 1969 schließlich nahmen die vier ihr erstes Album auf, welches durchaus noch sehr bluesig daherkommt, inklusive Mundharmonika. Innerhalb von zwölf Stunden spielten sie den Tontechnikern im Studio ihr Bühnenprogramm vor, und fertig war die Platte nebst einer Single, die keine Albumauskopplung war, sondern separat erschien. So lief das damals. Und weil die Musik als horrormäßig empfunden wurde, sollte die Scheibe an einem Freitag dem 13ten veröffentlicht werden. Der nächste solche war eben im Februar des Folgejahres.

Das Erscheinen von „Black Sabbath“ war nichts Geringeres als die Geburtsstunde des Heavy Metal, Led Zeppelin hin, Steppenwolf her. Düster, dröhnend und schaurig beginnt das Album mit dem Titeltrack („Black Sabbath“), und auch Satan hat seinen Auftritt. Dies, in Einklang mit dem Umstand, daß im Innern der Plattenhülle ein umgedrehtes Kreuz abgebildet war, deuchte die äußerlich moraltriefenden und innerlich verleichenkellerten Sittenwächter jener Zeit Indiz genug, die Band Black Sabbath als Satanisten abstempeln zu müssen. Dabei hatten die Musiker auf die graphische Gestaltung des Plattencovers gar keinen Einfluß. Auch ist die bloße Nennung des Anklägers an Gottes Gerichtshof (so Satans Rolle in der Bibel) nicht mit Verehrung gleichzusetzen, vielmehr kann man es als Warnung verstehen: Macht was Gutes, ihr Motherf*cker, weil sonst Satan! Überdies war zumindest Bassist und Textschreiber Geezer Butler praktizierender Katholik, weshalb sich auch im Folgenden bemüht wurde, das Satanistenimage, so cool es auch in gewisser Weise sein mochte, abzulegen, schon im Hinblick auf Tourneeauftritte in God’s Own Contry (GOC).

Mir behagt der Gedanke, daß die Gründerväter des Heavy Metal eigentlich kiffende Hippies waren (Und das waren sie!), die freilich mit Flower Power nichts anfangen konnten, weil sie nicht im blumigen San Francisco beheimatet waren, sondern im verrußten Birmingham. Gitarrist Toni Iommi hatte sogar nur wenige Jahre zuvor zwei Fingerkuppen an der Presse im Stahlwerk eingebüßt, wie heavymetal ist das denn!?