CD-Regal revisited: Pink Floyd (6)

27. Mai 2020

Huch! Es ist ja schon fast ein Jahr her, daß ich mich retrospektv mit Pink Floyd auseinandergesetzt habe. Wo ist die Zeit geblieben? Die Band hätte eine Antwort in Form des Liedes „Time“, enthalten auf dem Album „Dark Side Of The Moon“, welches erst nach den nun zu besprechenden Werken an der Reihe wäre, aber bereits zuvor beleuchtet wurde. Welch tückisches Zeitkonzept, mein Leben ist ein Tarantino-Movie! (Nein, Gottlob nicht.)

Meddle

Zunächst beeindruckte mich an diesem Album von 1971 das Bild auf dem Cover, welches ich lange nicht deuten konnte. Ich will auch nicht behaupten, daß ich von selbst drauf gekommen sei, was dieses abstrakt wirkende Gebilde darstellen soll: Es handelt sich um ein Ohr, unter Wasser. Gestaltet wurde es natürlich von Hipgnosis, und entgegen deren Gewohnheit hat das Bild einen Bezug zum Inhalt des Albums, insbesondere zum letzten Stück. Allerdings machten es die nicht klar definierten Konturen des Bildes schwierig, es sauber auf digitales Zelluloid zu bannen, weshalb ich eine Lego-Figur als Anhaltspunkt für den Fokus der Kamera neben die CD stellen mußte.

Vielleicht lag das aber auch an der glänzenden CD-Box, denn bei der Aufnahme der Plattenhülle trat diese Schwierigkeit nicht auf.
„Meddle“ beginnt geradezu mit Metal, just im Jahr zuvor unbewußt von Black Sabbath erfunden, und mit einer Kampfansage. Getrieben von Double-Bass-Rhythmen – und ich spreche hier in der Tat von zwei Saiteninstrumenten, nicht vom Schlagzeug – grunzt Nick Mason ins Mikro: „One of these days I’m going to cut you into little pieces“. Das ist des Drummers einziger Wortbeitrag im Œuvre Pink Floyds. Auf diesen harten Beginn folgt das lieblich dahinsäuselnde „A Pillow of Winds“, und der Song „Fearless“ mündet in Stadiongesängen aus Liverpool, woselbst „You’ll never walk alone“ zum Besten gegeben wird, was ich ja meinerseits aus dem Westfalenstadion kannte. „San Tropez“ ist jazzig angehaucht, und Gastsänger in der Bluesnummer „Seamus“ ist der Hund Seamus, der ins Mikro jault. Daß Pink Floyd das lustig genug fand, um es auf dem Album zu verewigen, mag wiederum auf Drogenkonsum zurückzuführen sein, ich jedenfalls fand das beim ersten Durchhören etwas nervig. Prompte Entschädigung erfolgt freilich unmittelbar in Form des letzten Liedes. Beim Blick auf die Titelliste der CD hatte ich mich noch gewundert: Wie, bloß sechs Songs? Aber der Höhepunkt, „Echoes“, bringt es alleine auf 23 Minuten und 29 Sekunden, und die haben es in sich. Es beginnt mit einem Echolot-Ton und ist szenarisch unter Wasser angesiedelt, was das Titelkupfer erklärt. Prinzipiell ginge das Lied auch noch als Spacerock durch, aber von diesem Image wollte die Band sich lösen, weshalb sie eben das Thema vom Weltraum in den Ozean verlegte. Hat aber nichts genützt, denn nebenan im Internet lassen sich Videos finden, in denen dieses Lied unter die psychedelische Jupiter-Episode in „2001 – A Space Odyssey“ gemischt ist. Paßt.
Als Höreindruck möchte ich dennoch „One Of These Days“ verlinken, zur Verfügung gestellt auf Pink Floyds höchsteigenem Youtube-Kanal:

Zu „Echoes“ kommen wir aber später noch mal.

Obscured By Clouds

Im Jahre 1972 waren die Jungs nicht ausgelastet mit Touren und Studioarbeiten zum nächsten Album (Spoiler Alert: „Dark Side Of The Moon“), also widmeten sie sich zusätzlich Nebenprojekten. Zum Beispiel wollte Barbet Schroeder (immer noch ein Männername!) nach den guten Erfahrungen, die er mit dem Soundtrack zu seinem Film „More“ gemacht hatte, für seinen neuen Film „La Vallée“ abermals Musik von Pink Floyd haben. Und die bekam er. Pink Floyd ließen sich nicht lumpen und schrieben innerhalb von zwei Wochen zehn Lieder, davon vier Instrumentalstücke. Somit wurde dieser Soundtrack ihr nächstes Album, und eben nicht DSOTM, aber was soll’s. Noch vor der Veröffentlichung zerstritt die Band sich mit der Filmfirma (Kann eigentlich nur ums Geld gegangen sein…) und benannte darob ihr Album nicht wie den Film, woraufhin der Albumtitel kurzerhand zum Untertitel für den Film wurde. Mancher Musiker hat seine Karriere dem Umstand zu verdanken, Musik zu einem berühmten Film beigesteuert zu haben. Und mancher Film erhofft sich Erfolg, wenn er sich mit musikalischen Beiträgen berühmter Musiker schmücken kann. Dreimal darf man raten, welcher Fall hier vorliegt?

Nun, ich habe den Film gesehen, er ist auf Französisch mit deutschen Untertiteln verfügbar, also klassisches „arte“-Material. Es geht um eine Gruppe Hippies auf dem Selbstfindungstrip in Neu-Guinea, die ein geheimnisvolles Tal erkunden will, das auf Karten nicht verzeichnet ist, und von dem es auch keine Luftaufnahmen gibt, weil es ewig wolkenverhangen ist, obscured by clouds. Ihnen schließt sich eine gelangweilte Diplomatengattin an, welche gerne illegal Schwanzfedern von Paradiesvögeln erwerben möchte. Diese sind sehr schwer erhältlich, nur von Eingeborenen, mit denen sie in Kontakt zu treten und deren Vertrauen sie zu gewinnen hofft, um ihnen so die Federn abgaunern zu können. Außerdem gibt’s Hippiesex.

Das Album war erstaunlich erfolgreich, insbesondere auch die Single-Auskopplung „Free-Four“, vor allem in Amerika, was möglicherweise an dem gewissen Country-Charme liegt, den einige der sehr akustisch beklampften Songs versprühen. Es ist melodisch und gefällig, allerdings wurde erkennbar kein Pulver verschossen, sondern dieses wurde hübschfein aufgespart für das eigentliche nächste Album, mit dem Waters, Gilmour, Wright und Mason schon gedanklich beschäftigt waren (Spoiler Alert: DSOTM). Brillante Momente gibt es natürlich trotzdem, es sei verwiesen auf „Childhood’s End“:

Live at Pompeii

Und apropos Film. Da die Jungs ja nicht ausgelastet waren, fanden sie auch noch Zeit, nebenbei einen Konzertfilm zu drehen, wobei es zu einfach gewesen wäre, schlicht ein reguläres Konzert abzufilmen. Dergleichen gab es ja schon, zum Beispiel den Woodstock-Film. Regisseur Adrian Maben hatte die Idee, Pink Floyd beim Musizieren im Amphitheater von Pompeji abzufilmen. Ohne Publikum. Weil: Warum nicht? Gegen einen beträchtlichen Obolus in unnotierten Sesterzen wurde also für sechs Tage das Theater gemietet, und innerhalb dieser Zeit mußten die Aufnahmen im Kasten sein. Stell dir vor, du bist Tourist in Italien, hast einen Tag Sightseeing in Pompeji eingeplant und darfst nicht in die Arena. Stehste also davor und hörst drinnen Pink Floyd spielen. Kann geil sein, kann aber auch scheiße sein. In manch einem Urlauber wird es da gebrodelt haben wie in einem Vulkan.
In den sechs Tagen wurden die Darbietungen von drei Songs gefilmt. Drei weitere Songs wurden live in einem Studio in Paris gefilmt. What the bloody fuck? Ein Konzert? Sechs Songs? Angeblich live in Pompeji, aber eigentlich zur Hälfte in einem Studio ganz woanders?

Das klingt alles nach ziemlichem Behupps, aber es ist trotzdem toll. Denn seien wir mal ehrlich. Es mag ja künstlerischer Anspruch sein, Aufnahmen von pompejischen Ruinen und rauchenden phlegräischen Feldern mit Livebildern von Pink Floyd bei der Arbeit zu kontrastieren, wie hier vorgeführt, aber letztlich will man ja doch nur Pink Floyd bei der Arbeit sehen und hören, und da ist es auch egal, was dem als Kulisse dient. Wie schon an anderer Stelle erwähnt, haben Live-Mitschnitte von Pink-Floyd-Konzerten jener Tage viel mehr Biß und Verve als die Studio-Versionen derselben Songs, daher ist es schön, hier auch mal professionell gefilmte Bewegtbilder davon zu sehen.
Ins Kino kam 1972 Eine Fassung mit den Stücken „Echoes“, aufgeteilt in zwei Hälften als Intro und Outro, „A Saucerful Of Secrets“ und „One Of These Days“, welche in Pompeji gefilmt wurden, sowie „Careful With That Axe, Eugene“, „Set The Controlls For The Heart Of The Sun“ und „Seamus“, hier aber „Mademoiselle Nobs“ geheißen, weil der Hund Seamus für die Dreharbeiten nicht zur Verfügung stand und gedoubelt werden mußte. Pink Floyd waren echt vernarrt in diese Hundegejaule-Idee. Sie hätten ja stattdessen auch mal „Embryo“ spielen können, aber nee.
Im Jahre 1974 wurden zwischen die einzelnen Songs Behind-the-scenes-Aufnahmen von der Studioarbeit am Album „Dark Side Of The Moon“ geschnitten, welche aber zum Teil nachgestellt waren. In der 2003er DVD-Version, dem „Director’s Cut“, ist die Reihenfolge der einzelnen Songs und DSOTM-Segmente etwas verändert. Der originale Konzertfilm ohne Zwischengeplänkel ist als Extra aber zu meinem Plaisier ebenfalls enthalten.

„Echoes“ wurde für den Film zweigeteilt, was nicht schlimm ist, denn so rahmt das Beste, was Pink Floyd je gemacht haben, anderes Gutes, was sie auch gemacht haben, harmonisch ein. Hier also Teil 1:


und Teil 2:

Als nächste Veröffentlichung im Jahre 1973 würde dann – es wurde hier ja schon zaghaft angeteasert – „The Dark Side Of The Moon“ folgen. Aber davon hatten wir es ja schon.


1984. Es war nicht alles schlecht.

4. April 2020

Okay, ich bin in der Midlife-Crisis. Die Kindheit entschwindet, mit ihr der Kindheit unschuldige Spiele. Zunehmend stelle ich fest, daß ich den Gesprächen von Mittzwanzigern nicht mehr folgen kann, und das, obwohl ich, wie sie, kaum fernsehe; aber ein Smartphone habe ich halt auch nicht. Die Chancen, die Frau fürs Leben zu finden, schwinden von Tag zu Tag, mit jedem ausgefallenen Haar. Alter, Krankheit und Tod habe ich sowieso berufsbedingt ständig vor Augen. Unsere Schwesternschülerinnen sind halb so alt wie ich, unsere Kunden doppelt so alt. Mithin: Ich stehe in der Mitte des Lebens, Zeit für die Krise! Andere würden sich jetzt um die Anschaffung eines schnellen roten Autos kümmern, aber ich bin da bescheidener. Ich kaufe Lego. Ach nee, das habe ich ja mein Lebtag getan. Also kaufe ich Schallplatten. Es ist nie zu spät, ein Hipster zu werden. Coronabedingt haben die Friseure geschlossen, also werden die Haare auch länger.

Neulich fiel mir auf, daß das Jahr 1984 entgegen der skeptischen Prognose George Orwells gar nicht so schlecht war. Ich wurde sieben Jahre alt, und der Lego-Katalog desselben Jahres offerierte mir eine Offenbarung. Graue Burgen! Mit Rittern auf Pferden! Und Wagenrädern und Flitzebögen und Speeren in braun! Dergleichen hatte es nie gegeben. Was stimmte, wobei mein „nie“ den durch mich überschaubaren Zeitraum von ..na.. sagen wir: vier bis fünf Jahren umfaßte. Das katastrophale Element dieser Apokalypse stellte der Hinweis dar: „Neuheit. Lieferbar ab April ’84.“ Na toll, Geburtstag im März.

Zum Geburtstag gab es dann halt das burgähnliche Set 1592, das meine Mutter als Sonderposten im örtlichen Vedes-Geschäft erstehen konnte. Ein durchaus trostspendender Ersatz, mit dem ich sehr ausgiebig spielte, und das bis heute zu meinen absoluten Lego-Favoriten zählt. Und die grauen Burgen konnte ich bis Weihnachten im Katalog bewundern. Was ich ebenfalls ausgiebig tat. Zu Weihnachten gab es dann 6073: „Kleine Burg (aufklappbar) mit Wachttürmen, Zugbrücke, Rittern und Pferden“.

Gestern schließlich wandelte mich die Lust an, das Ding nochmal zu bauen. Ich hab’s ja da, im Eigenkarton gelagert auf meinem Kleiderschrank. Im funzeligen Licht der Schreibtischlampe ahnte ich schon die ein oder andere Vergilbung, als ich – musikalisch begleitet von Iron Maiden und Metallica – die kleine Burg baute.

Iron Maiden und Metallica hörte ich natürlich nicht, als ich das Modell am Heiligen Abend 1984 erstmals baute, doch auch da war das Licht funzelig. Unmittelbar feierte ich die Adlerritter, bis heute mein Signé. Nicht unbedingt angetan war ich seinerzeit von der asymmetrischen Gestaltung des Torbogens.

Diese Form ergibt sich scheinbar aus den verwendeten Teilen; die rote Seilwinde ist offenkundig zu groß für die gewählte Tiefe des Torbogens. Trotzdem hätte man die sich daraus ergebende Form ja auf der anderen Seite spiegeln können, indem man die Dimensionen des Formteils durch andere Teile simuliert. Daß dies nicht geschehen ist, muß ich also dem puren Mutwillen des Designers zuschreiben. Überhaupt ist der gesamte Aufbau dieses Gemäuers sehr viel weniger symmetrisch, als es auf den ersten Blick scheint. Zwar sind Tor und Klappnaht mittig angeordnet, zwar erheben sich beidseits ähnliche Türme, doch da endet die Symmetrie.

Der blaue Turm wird gestützt durch einen massiven Holzpfosten, an welchem die kämpfende Garde ein Schwert vorfindet, sollte es gebraucht werden. Unter dem gelben Turm hingegen befindet sich der Kerker.


Durch diese massiv gebaute Kerkertür frißt sich niemand! Ich finde sie in ihrer schlichten Zweckmäßigkeit nach wie vor spitze. Durch den etwas ausladenderen Platzbedarf des Verlieses ergibt sich die Notwendgkeit, den steinernen Pfosten des darüberliegenden Turms mit einer Art Blendzinne zu umgeben.

Wie vom Katalog versprochen und auch hier bereits vorexerziert, läßt sich die Burg aufklappen. Weitere im Programm vorgesehene Burgwandstücke ließen sich auf diese Weise in die Burg integrieren. Im Jahre 1984 waren dies bereits das Mauerstück beim Belagerungsturm 6061 und die Schmiede 6040. In den folgenden Jahren kamen das Gasthaus 6067, das Waffendepot 6041 und die belagerte Mauer 6062 hinzu. Auch das Nachfolgemodell für die hier besprochene Burg 6073, das seinerseits aufklappbare Ritterschloß 6074, konnte in die modulare Gesamtstruktur eingepaßt werden, auf zwiefache Weise sogar. Dies nur, um mal zu verdeutlichen, weshalb die auf mehrere Jahre angelegte modulare Systemstrategie vergangener Lego-Epochen, namentlich 1984 bis 1992, nicht nur dank nostalgischer Verklärtheit, sondern auch objektiv besser war als die lieblos hingerotzten Friß-oder-stirb-Serien, mit denen Lego das Rittersegment in den letzten Jahren punktuell bediente.

Dessen ungeachtet ist die „Kleine Burg“ 6073 für sich genommen nicht besonders spektakulär. Sie stellt den Rittern und Knappen keinerlei Wohnunterkünfte zur Verfügung, vielmehr handelt es sich um eine rein militärische Festungsanlage. So lange nämlich, bis die oben erwähnten modularen Komponenten hinzugefügt werden und aus der Burg eine Stadt wird. Dennoch scheint es sich um eine Ganerbenburg zu handeln, erkennbar an den beiden farblich unterschiedlichen Wappen derselben Familie. Jeder Erbe bewohnt seinen Turm, das wird im Winter ganz schön zugig.

Die oben gezeigten Schallplatten wollte ich jetzt hier nicht rezensieren, also mache ich’s auch nicht. „The Top“ ist ganz gut, „Powerslave“ und „Ride The Lightning“ sind phantastisch, „Hyaena“ ist sehr gut. Das Reunion-Album von Deep Purple geht so. Die unverbrauchte Spontaneität von „In Rock“, „Fireball“ und „Machinehead“ wird erwartungsgemäß nicht wieder erreicht. Außerdem hat Ian Gillans Stimme nach seinem Black-Sabbath-Intermezzo („Born Again“) ganz schön gelitten.


Freitag, der 13te Februar 1970.

13. Februar 2020

Black Sabbath. Benannt nach einem Horrorfilm mit Boris Karloff, welcher auf Deutsch „Die drei Gesichter der Furcht“ heißt, im Englischen aber eben „Black Sabbath“. Die Band „Earth“, bestehend aus Toni Iommi, Terence „Geezer“ Butler, Bill Ward und John „Ozzy“ Osbourne, probte mit Blick auf ein Kino, in dem auch dieser Film gezeigt wurde. Die Erkenntnis, daß Menschen Geld dafür bezahlen, um sich begruseln zu lassen, führte zu einer Umbenennung der Band und einer musikalischen Neuausrichtung, war doch das Repertoir zuvor eher vom Blues geprägt gewesen.

Am 17ten November 1969 schließlich nahmen die vier ihr erstes Album auf, welches durchaus noch sehr bluesig daherkommt, inklusive Mundharmonika. Innerhalb von zwölf Stunden spielten sie den Tontechnikern im Studio ihr Bühnenprogramm vor, und fertig war die Platte nebst einer Single, die keine Albumauskopplung war, sondern separat erschien. So lief das damals. Und weil die Musik als horrormäßig empfunden wurde, sollte die Scheibe an einem Freitag dem 13ten veröffentlicht werden. Der nächste solche war eben im Februar des Folgejahres.

Das Erscheinen von „Black Sabbath“ war nichts Geringeres als die Geburtsstunde des Heavy Metal, Led Zeppelin hin, Steppenwolf her. Düster, dröhnend und schaurig beginnt das Album mit dem Titeltrack („Black Sabbath“), und auch Satan hat seinen Auftritt. Dies, in Einklang mit dem Umstand, daß im Innern der Plattenhülle ein umgedrehtes Kreuz abgebildet war, deuchte die äußerlich moraltriefenden und innerlich verleichenkellerten Sittenwächter jener Zeit Indiz genug, die Band Black Sabbath als Satanisten abstempeln zu müssen. Dabei hatten die Musiker auf die graphische Gestaltung des Plattencovers gar keinen Einfluß. Auch ist die bloße Nennung des Anklägers an Gottes Gerichtshof (so Satans Rolle in der Bibel) nicht mit Verehrung gleichzusetzen, vielmehr kann man es als Warnung verstehen: Macht was Gutes, ihr Motherf*cker, weil sonst Satan! Überdies war zumindest Bassist und Textschreiber Geezer Butler praktizierender Katholik, weshalb sich auch im Folgenden bemüht wurde, das Satanistenimage, so cool es auch in gewisser Weise sein mochte, abzulegen, schon im Hinblick auf Tourneeauftritte in God’s Own Contry (GOC).

Mir behagt der Gedanke, daß die Gründerväter des Heavy Metal eigentlich kiffende Hippies waren (Und das waren sie!), die freilich mit Flower Power nichts anfangen konnten, weil sie nicht im blumigen San Francisco beheimatet waren, sondern im verrußten Birmingham. Gitarrist Toni Iommi hatte sogar nur wenige Jahre zuvor zwei Fingerkuppen an der Presse im Stahlwerk eingebüßt, wie heavymetal ist das denn!?


CD-Regal revisited: Pink Floyd (5)

5. Juni 2019

Der Titel ist fehlgeleitet, denn der Chronologie gemäß müßte jetzt vermutlich die Kompilation „The Best of The Pink Floyd“ folgen, welche ich nicht besitze, schon gar nicht als CD. Als Veröffentlichungsdatum für jene Scheibe finde ich überall nur „1970“ angegeben, also könnte sie durchaus auch nach dem Album „Atom Heart Mother“ (AHM) aus demselben Jahr erschienen sein. Jedoch sind hier nur Songs von Singles und Alben versammelt, die vor 1970 erschienen, und AHM kam erst im Oktober 1970 raus, also gehen wir mal davon aus, daß dieses Best-of die Wartezeit bis zu ebenjenem Album überbrücken sollte.

Warum die Scheibe ausgerechnet „Best of“ genannt wurde, ist nicht ganz einsichtig, denn im Wesentlichen handelt es sich um eine Zusammenfassung der ersten vier Singles, ergänzt um zwei Songs vom Debütalbum, die ich persönlich allesamt nicht als das Beste von Pink Floyd bezeichnen würde. Interessant ist die Zusammenstellung dennoch, da die Songs jener Singles ja bis auf die Ausnahme „Scarecrow“ nicht auf Alben erschienen waren. Wären statt der Songs „Mathilda Mother“ und „Chapter 24“ vom Album „The Piper at the Gates of Dawn“ die beiden Songs der fünften Non-Album-Single „Point me at the Sky“/“Careful with that Axe, Eugene“ auf die Scheibe gekommen, wäre es eine perfekte Single-Kompilation gewesen. So halt nicht.

Ebenfalls erwähnenswert ist, daß nahezu alle Songs aus der Ära Syd Barretts stammen, welcher zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser LP aber längst durch David Gilmour ersetzt war. Das Titelkupfer der Erstauflage dieses Albums zeigt darob ein Gruppenfoto Pink Floyds mit David. Das ist, als würde Metallica im Booklet zu „St. Anger“ den Bassisten Robert Trujillo nennen, obwohl dieser zum Zeitpunkt der Aufnahmen fürs Album noch gar nicht in der Band war. (Ach so, hamse ja auch. Egal.)

Jedenfalls. Dieses Album besitze ich, wie gesagt, sowieso nicht. Was ich hingegen zufälligerweise besitze, weil ich es im Gebraucht-CD-Laden mit Plattenkeller nicht stehenlassen konnte, ist eine Wiederveröffentlichung dieses Albums unter dem hochtrabenden Namen „Masters of Rock: Pink Floyd“ (Vol. 1):

(Wie eine just erfolgte Internetrecherche soeben ergab, gibt es weitere Titel der Masters-of-Rock-Serie, wo dann der Union Jack gegebenenfalls durch das Star Spangled Banner ersetzt ist. Vol. 2 beschäftigt sich mit der Band Grand Funk Railroad, Vol. 3 mit der Steve Miller Band, Vol. 4 mit Steppenwolf, Vol. 5 Jeff Beck; des weiteren gibt es noch Ausgaben mit Rare Earth, Geordie, The Band, East of Eden, der Edgar Broughton Band, Wizzard und dem Electric Light Orchestra, alle in ähnlicher Aufmachung wie das gezeigte Album.)

Da die meisten Stücke auf diesem Sampler (um also mal zurück zu Pink Floyd zu kommen) auch in anderer Form veröffentlicht wurden, sei als Höreindruck „It Would Be So Nice“ gegeben, ein Lied aus der Feder Rick Wrights. Syd Barrett war nicht mehr zurechnungsfähig oder gar schon aus der Band entfernt worden, so daß er als Hit-Autor nicht mehr zur Verfügung stand; also versuchten die anderen Band-Mitglieder nun, in seinem Stil Hit-Singles zu schreiben. Das mißlang, die Single fiel an den Kassen der Plattenläden durch und schaffte es 1968 nicht in die Charts. Hören wir dennoch mal rein:

Ach, hier ist David Gilmour doch zu hören. Dem Vernehmen nach mögen die anderen Bandmitglieder diesen Song nicht, es wurde sich mehrfach abfällig über die Komposition, den Text und den Gesangsstil geäußert. Ob dies eine Reaktion auf den ausbleibenden Erfolg war oder tatsächlich ihrer Meinung entsprach, bleibe dahingestellt. Immerhin veröffentlichten sie das Lied nicht als B-, sondern sogar als A-Seite der ursprünglichen Single. Nach der Best-of-Scheibe jedoch verbannten sie es für lange Jahre in den Giftschrank.

Atom Heart Mother

Als ich diese CD damals, so ungefähr 1998 oder 99, erstmals in mein CD-Radio einlegte, war ich zunächst etwas verstört. Auf einen Mißakkord, der an den Auftakt zur „Ode an die Freude“ erinnert („Oh Frooohohohohoinde! Nicht soholche Töne!“), folgt ein über 20 Minuten langes Orchesterstück mit Motorrad, Band und Chor. Das hatte ich nicht erwartet. Es handelt sich auch keineswegs bloß um die Band mit Orchesterbegleitung, wie auf Metallicas „S&M“ exerziert, sondern Orchester und Chor tragen große Teile der Komposition. Entsprechend teilen sich Mason, Gilmour, Waters und Wright die Writing-Credits mit Geesin. Den Vornamen dieses Menschen mit dem Nachnamen Geesin erfährt man weder aus dem Booklet der CD, noch ist er irgendwo auf der Hülle der Langspielplatte vermerkt. Auf der Plattenhülle scheint die Kuh übrigens schwarzbunt zu sein, während sie auf der CD rotbunt wirkt; ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll! Einerlei. Pink Floyd nahmen jedenfalls für ihre ehrgeizigen Orchesterpläne die Unterstützung Ron Geesins in Anspruch, welcher aus den unzusammenhängenden Melodiefetzen, die ihm die vier Jungs vorlegten, erst die Suite arrangierte und die Orchesterpassagen dazu komponierte. Derlei lag im Trend, hatten doch Deep Purple nach ihrem orchestral begleiteten Song „April“ gleich ein ganzes „Concerto for Group and Orchestra“ aufgeführt und eingespielt. Pink Floyd führten die Hybris jedoch so weit, daß sie die Atom Heart Mother Suite in ihr Tourprogramm integrierten, inklusive Blechblasensemble und Chor. Was dazu führte, daß diese Tour bald mehr Geld kostete als sie einbrachte, aber: Die Kunst! Im Nachhinein äußerten sich die Floyd-Mitglieder wieder mal kritisch über dieses Stück. Sie konnten es sich also wohl selbst nicht recht machen.

Zweifellos ist die Suite der Höhepunkt des Albums. Es folgen die Lieder „If“ aus der Feder von Roger Waters, „Summer ’68“ von Rick Wright und „Fat Old Sun“ von David Gilmour. Den Abschluß bildet eine experimentelle Soundcollage mit Melodieunterbrechungen des Titels „Alan’s Psychedelic Breakfast“, für die es wohl nicht den Hörspielpreis der Kriegsblinden gegeben hätte. (Hat es nicht.) Für meinen Freund Claudius fiele das Stück wohl in die Kategorie „Unanhörbar“. Als Musikgenuß taugt es in der Tat kaum, doch der Hauptteil des Albums ist sehr gut hörbar, wenn man sich darauf einläßt. „Fat Old Sun“ lernte ich erst über Live-Mitschnitte dank Youtube wirklich schätzen, aber der Song „Summer ’68“ hatte es mir schon früh angetan:

Des Albums Name war ein Zufallsfund. Die Band wußte nicht, unter welchem Namen sie ihr neuestes Werk promoten sollte. Beim Durchblättern der Zeitung fiel der Blick auf einen Artikel des Inhalts, daß eine Frau mit einem Herzschrittmacher ein gesundes Kind zur Welt gebracht habe, wobei der Herzschrittmacher nuklear betrieben war. 1970 eine Sensation! Die Überschrift „Atom Heart Mother“ dünkte Pink Floyd titelwürdig, nicht nur für das 24-Minuten-Stück, sondern für das komplette Album.

Der CD liegt ein Klappkärtchen bei, das zwei Rezepte enthält, deren Urheber nur Brite sein kann, ungeachtet der vorgeblichen Herkunft:

Hier muß der Autor unbedingt fränkische Spracherfahrung besitzen. Gleichzeitig sind die Rechtschreibfehler von einer Art, die nur jemand vor Drucklegung durchgehen lassen kann, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist. Das Rezept auf der Rückseite ist weniger ein intelligentes Frühstück als vielmehr Sättigung für die Massen.

Psychedelisch? Ganz sicher.
Irgendwann 1970 wurde auch noch der Soundtrack zum Film „Zabriskie Point“ veröffentlicht, der Beiträge von Pink Floyd enthält. Aber den hatten wir ja schon. Darum geht’s 1971 weiter mit

Relics

Dieses Album war vermutlich einer meiner frühen Blindkäufe, da ich das Titelbild so ansprechend finde. Das Cover der Digitally-re-mastered-CD zeigt ein phantastisches Musikinstrument, eine Art Dampforgel mit Tausendzassa-Beiwerk im Stile des Steam Punk, ziemlich cool.

Daß es sich dabei um ein Kompilationsalbum handelt, merkte ich erst zu Hause beim Durchhören, weil mir auffiel, daß ich einige Lieder schon von „The Piper at the Gates of Dawn“ kannte. Unmittelbar ärgerte ich mich, denn Sampler fand ich immer doof, weil ich die Dopplung von Songs auf der Sammel-CD und auf deren eigentlichen Alben als Ressourcenverschwendung empfand. Und prinzipiell immer noch empfinde. Jedoch waren mindestens sechs der elf Songs für mich neu, da es sich um solche von Non-Album-Singles handelt, insofern ärgerte ich mich dann doch nicht so fürchterlich. Weshalb freilich Pink Floyd innerhalb von zwei Jahren zwei Compilations mit sich überschneidendem Inhalt veröffentlichten, ist nur schwer nachzuvollziehen. Zumal „Relics“ zwar nicht deckungsgleich ist mit „The Best of Pink Floyd“ (s. o.), aber eben auch erneut nicht ein komplettes Single-Album darstellt, sondern dieses Mal sogar fünf Songs von älteren Alben enthält. Die Single-B-Seite „Careful With That Axe, Eugene“ kam neu hinzu, dessen A-Seite „Point Me At The Sky“ ließ man jedoch weg. Neu ist auch der Song „Biding My Time“, der zuvor unveröffentlich war, jedoch im Live-Programm der Band gespielt wurde. Der Song „Embryo“, der ebenfalls zu jener Zeit ein Live-Dauerbrenner war, schaffte es erneut nicht auf diese Scheibe. Das alles wußte ich natürlich damals nicht, sondern mich ärgerten bloß die Songs, die ich eh schon auf den jeweiligen Alben hatte.

Sehr viel später erfuhr ich erst aus diesem Internet, daß die tolle Dampforgel nicht in dieser Form auf dem originalen Vinyl-Album abgebildet gewesen war. Das obig abgebildete Modell ist ein Nachbau, der eigens für die remasterte Neuauflage der CD zusammengezimmert wurde. Ursprünglich zierte das Cover eine Zeichnung von Nick Mason höchstpersönlich.

Auf Nick Masons Zeichnung ist der programmatische Untertitel des Albums besser zu erkennen als auf dem Foto des Nachbaus in CD-Booklet-Größe: „A bizarre collection of antiques & curios“. Eine bizarre Zusammenstellung ist das in der Tat.
Als den einzigen Song, der ausschließlich auf diesem Album enthalten ist, möchte ich „Biding My Time“ zu Gehör bringen, da dieser den Mehrwert der Kompilation darstellt. Es beginnt harmlos als ruhige Blues-Nummer und steigert sich schließlich zu einer furiosen Jam-Session, welche den Live-Ursprung des Liedes erkennen läßt.

Das wird nicht er letzte Blues-Song von Pink Floyd gewesen sein.


Auf die Ohren.

27. Februar 2019

Es ist ja nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Irgendwer hat diesen Satz ungefährermaßen als Signatur im Forum von 1000steine.de, und er bezieht sich natürlich auf Lego. Nun, Lego hatte ich auch als Kind schon. Was ich hingegen nie hatte, waren die gängigen Unterhaltungselektronika; das begann schon beim schlichten Kassettenrekorder. Um Pumuckl- und 5-Freunde-Kassetten hören zu können, mußte ich mich des Gerätes bedienen, welches ein Freund sein eigen nannte. Bis ich 1988 oder so einen Walkman (von Sony) zu Weihnachten bekam. Mit einer einzelnen darin offenbar ab Werk inliegenden Musikkassette, die – wie ich später eruierte – Teile des Soundtracks von „Dirty Dancing“ sowie der Michael-Jackson-Alben „Thriller“ und „Bad“ enthielt. Meine Eltern schafften sich irgendwann zur Komplettierung des Haushalts einen Stereoturm an, auf dem ich dann die Klassik-LPs hören konnte, die entweder schon dawaren oder nach und nach angeschafft wurden. Als Kind sind einem (oder waren mir) die zeitlichen Abläufe irgendwie nicht so ganz klar, man kommt ja in die Welt, und die Welt ist schon da, und war es auch immer, während die Dauer des gemeinsamen Haushalts der Eltern aber durchaus die eigene Lebenszeit nur geringfügig übersteigt. Wie auch immer. Um schließlich CDs hören zu können, mußte ich mir vom Taschengeld ein CD-Radio anschaffen, bis später das CD-ROM-Laufwerk des Computers diesen Zweck erfüllte. Eine eigene Stereo-Anlage mit Radio, Tape-Deck, CD-Player und Plattenspieler besaß ich nie.

Bis heute eine Kundin frug: „Sagen Sie mal, wissen Sie nicht jemanden, der sowas gebrauchen kann?“, und auf die Stereoanlage in der Ecke deutete. „50 Euro.“ – „Yep, nehm‘ ich“, hörte ich mich sagen. Hand drauf, Geld abgehoben und nach Dienstschluß die Kiste abgeholt, Boxen inklusive.

Warum erzähle ich das alles? Weil sich seit geraumer Zeit bei mir Schallplatten angehäuft haben, die ich überhaupt nicht anhören konnte. Schön blöd eigentlich. Zumal ich nicht alles, was ich auf Platte habe, auch auf CD besitze. Jetzt kann ich mich also endlich durch meine eigene Plattensammlung hören:


CD-Regal revisited: Pink Floyd (4)

23. Januar 2019

Seit Tagen höre ich mich auf Youtube durch Live-Mitschnitte von Pink-Floyd-Konzerten. Derer gibt es viele. Sehr viele. Und das ist ein erfreulicher Umstand, denn es muß echt ein Erlebnis gewesen sein, der Band in den frühen 70er Jahren bei der Ausübung ihres Berufs zu lauschen. Mehrerlei fiel mir im Zuge des Binge-Listenings auf: Erstens erscheinen viele von Alben bekannte Songs in der Live-Version viel lebendiger (harhar) und – ja, das ist persönliche Präferenz – besser als in der glattproduzierten Studio-Variante. Und das, wo doch gerade die bis ins Kleinste ausgefeilte Studioproduktion das vermeintliche Markenzeichen Pink Floyds gewesen sein soll. Als Live-Act jedenfalls haben sie angefangen, und als solcher vermögen sie absolut zu überzeugen; viele Songs wurden live zu virtuosen Jam-Sessions ausgeweitet. Zweitens gaben Pink Floyd in ihren Konzerten regelmäßig und wiederkehrend Kompositionen zu Gehör, die weder als Single noch auf Alben je veröffentlicht wurden. Bisweilen aber spielten sie auch schon Jahre vor der Veröffentlichung eines Stückes auf einem Album dessen Urversion auf der Bühne, und das durchaus im festen Repertoire. Drittens schließlich ging mir auf, daß Pink Floyd lange, lange überhaupt kein offizielles Live-Album veröffentlicht hatten; die Mitschnitte auf Youtube sind durch die Bank unlizenzierte Bootlegs. Dabei lagen Live-Alben doch in den 60er und 70er Jahren voll im Trend und wurden sogar legendär, wie etwa Deep Purple’s „Made in Japan“.

Aber was red‘ ich da! Natürlich gab es ein Live-Album von Pink Floyd, jedenfalls ein halbes. Und zwar die Live-Scheibe des Doppel-Albums „Ummagumma“.

Ummagumma

An diesem Album von 1969 scheiden sich die Geister. Die Live-Scheibe hörte ich schon als „das Beste, was Pink Floyd je gemacht hat“ bezeichnet werden, die Studio-Scheibe gehört zu dem, was mein Freund Claudius „unanhörbar“ nannte. Und in der Tat dürfte ich „Ummagumma“ mit am seltensten aufgelegt haben, die CD wäre also noch nahezu neuwertig – hätte ich sie nicht sowieso gebraucht gekauft. Aus Gründen. Zum einen ist ein Doppel-Album natürlich auch doppelt so teuer wie eine normale CD, und das wollte ich mir als armer Zivi oder noch ärmerer Student nicht leisten. Zum andern schreckte mich wohl auf dem Rücken der Hülle die Dichotomie in „Live Album“ und „Studio Album“ ab, denn auf Live-Alben stand ich seinerzeit ja so überhaupt nicht. Ob ich im Laden die Möglichkeit hatte, einen Blick auf die Titelliste zu werfen, weiß ich nicht mehr, denn in der mir nun vorliegenden Variante stecken zwei CD-Jewel-Cases in einer Papphülle ohne Beschriftung.

Aber auch die Titelliste des Studio-Albums hätte wohl nicht mein Vertrauen erweckt: „Sysyphus: 1 – Part One 2 – Part Two 3 – Part Three 4 – Part Four“ steht da zum Beispiel. Oder, aberwitzig: „Several Species of Small Furry Animals Gathered Together in a Cave and Grooving with a Pict“. Ich kaufte es also im Laden nicht. Erst später, aber noch vor der Jahrtausendwende, erbarmte ich mich des Albums, als es in einer Ramsch-CD-Kiste an der Bochumer Ruhr-Universität auftauchte. Freilich fehlte das oben abgebildete Poster, das ich erst vor einigen Jahren einzeln via Ebay kaufte. Es fehlt also jetzt jemand anderem, der sich günstigstenfalls mit dem Vorbesitzer meines Exemplars zusammentun sollte.

Das Cover der Live-CD ziert die Rückseite der ursprünglichen Doppel-Schallplatte, das Motiv ist ein frühes Beispiel für „Knolling“. Säuberlich aufgefächert präsentieren uns zwei Roadies das gesamte Tour-Equipment von Pink Floyd. Nicht uncool. Und natürlich ist auch der akustische Inhalt des Live-Albums cool, wenn auch bedauerlicherweise wenig umfangreich. Während ein Auftritt von Pink Floyd leicht über zwei Stunden dauerte, stehen auf einer LP kaum 50 Minuten zur Verfügung, so daß wir lediglich die Songs „Astronomy Dominé“ (ja, man spricht es „Dominee“ aus, nicht „Domein“), „Careful with that Axe, Eugene“, „Set the Controls for the Heart of the Sun“ und „A Saucerful of Secrets“ geboten bekommen. Sollte der Song „Embryo“ 1969 schon existiert haben, wurde die Gelegenheit verstreichen gelassen, ihn angemessen auf einem Album zu verewigen; dazu müssen wir also später kommen. „Careful with that Axe, Eugene“ war zuvor nur in der Studio-Version als B-Seite der Single „Point me at the Sky“ veröffentlicht worden, stellt insofern also das Highlight des Live-Albums dar. Drum sei das Stück hier mal verlinkt:

Der Song taucht immer wieder in den Live-Mitschnitten auf und fand auch Eingang ins Set für den Pompeji-Film.
Soweit also der Live-Anteil des Albums. Als Live-Doppel-LP mit entsprechend mehr Songs wäre das der Hammer gewesen. Aber wozu braucht man einen Hammer, wenn man eine Schraube locker hat? Denn der zweite Teil des Albums ist ja eben die Studio-Scheibe.

„File under POPULAR : Pop Groups“ steht als Sortierhinweis an die Plattenladenbesitzer auf der Rückseite der Platte. Aber mit Pop hat „Ummagumma“ wenig zu tun. Und zwar:
Nach den Erfolgen der ersten Singles und Langspielplatten, da Pink Floyd eine beliebte Konzertband war und sogar für Filmprojekte angefragt wurde, bekamen die Jungs Studiozeit geschenkt. Da, Mischpult, Mikros, Effektdingsbums, macht, was ihr wollt! Und statt jetzt einfach ein Album aufzunehmen, packte sie die Lust am Experimentieren. Jedes der vier Mitglieder sollte eine Hälfte einer Seite der Platte füllen, knapp 12 Minuten, und zwar solo. Also wirklich solo, alle Instrumente selbst spielen, bitteschön! Als David Gilmour Roger Waters bat, ihm wenigstens beim Texten zu helfen, wurde er brüsk abgewiesen; wahrscheinlich wurde hier das Fundement für die spätere Männerfeindschaft gelegt. Wie auch immer. Sollte ich bisher den Eindruck erweckt haben, „Ummagumma“ sei unhörbare Klangkacke, so war das Absicht. Aber so schlecht ist das alles gar nicht. Man darf halt bloß kein Pink-Floyd-Album erwarten, sondern mehrere angejazzte, experimentierfreudige Solo-Demos, aus denen bei der damals so gedeihlichen Zusammenarbeit der vier Musiker durchaus ein allgemein anerkannter Album-Klassiker hätte werden können.

Im Grunde kann man hier nicht ein exemplarisches Hörbeispiel verlinken, sondern muß auf alle vier Solodarbietungen einzeln eingehen. Richard Wright, seines Zeichens der Pianist der Band, konzentrierte sich folgerichtig auf sein Keyboard und schrieb Sisyphos falsch. Sein Werk „Sysyphus“ gliederte er in vier Teile, hier am Stück verlinkt:

Roger Waters, der Bassist, widmete seine halbe Hälfte nicht einem einzigen Projekt, sondern halbierte sie abermals und brachte zum einen den lyrischen Gitarrensong „Grantchester Meadows“ zu Gehör, der später sogar bisweilen von der Band live aufgeführt wurde, tutti.

Da das aber irgendwie zu normal war, legte er sicherheitshalber die schon erwähnten „Several Species of Small Furry Animals Gathered Together in a Cave and Grooving with a Pict“ nach. Da muß man schon was eingeworfen haben, um das entspannt genießen zu können. Interessant ist das Klanggebilde aber durchaus, wenngleich ich Waters‘ spoken words auch nicht ansatzweise verstehe.

David Gilmour mußte also selbständig texten, was er ja nicht gemußt hätte, hätte er auf Text verzichtet, was er aber nicht tat. Dafür ist sein „Narrow Way“, aufgeteilt in drei Teile, aber durchaus gefällig. Oder zu zaghaft, um als avantgardistisch durchgehen zu können.

Nick Mason schließlich ist der Schlagzeuger der Kapelle. Auf ein zwölfminütiges Drum-Solo verzichtete er vernünftigerweise. Weder brauchte er volle zwölf Minuten, noch beschränkte er sich aufs Schlagzeug, wenn es auch dominiert. Er nannte sein Segment „The Grand Vizier’s Garden Party“ und gliederte es in drei Teile: Entrance, Entertainment und Exit.

Nun ja. Als viertes Album nach Debüt und Folgealbum sowie einem Autorenfilm-Soundtrack dieses Experiment zu veröffentlichen, ist durchaus mutig und zeugt vielleicht vom Selbstbewußtsein Pink Floyds. Oder von der Unbekümmertheit. Oder vom Drogenkonsum. In Teilen ist das Studio-Album gar nicht so unanhörbar, aber in anderen Teilen halt doch, zumindest, wenn man sich mit schöner Musik berieseln lassen will. „Ummagumma“ soll übrigens ein regionales Slang-Wort fürs Poppen sein (Also doch Pop!), aber ob dieses Album dazu als Soundtrack taugt, muß offen bleiben.