Auf die Ohren.

27. Februar 2019

Es ist ja nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Irgendwer hat diesen Satz ungefährermaßen als Signatur im Forum von 1000steine.de, und er bezieht sich natürlich auf Lego. Nun, Lego hatte ich auch als Kind schon. Was ich hingegen nie hatte, waren die gängigen Unterhaltungselektronika; das begann schon beim schlichten Kassettenrekorder. Um Pumuckl- und 5-Freunde-Kassetten hören zu können, mußte ich mich des Gerätes bedienen, welches ein Freund sein eigen nannte. Bis ich 1988 oder so einen Walkman (von Sony) zu Weihnachten bekam. Mit einer einzelnen darin offenbar ab Werk inliegenden Musikkassette, die – wie ich später eruierte – Teile des Soundtracks von „Dirty Dancing“ sowie der Michael-Jackson-Alben „Thriller“ und „Bad“ enthielt. Meine Eltern schafften sich irgendwann zur Komplettierung des Haushalts einen Stereoturm an, auf dem ich dann die Klassik-LPs hören konnte, die entweder schon dawaren oder nach und nach angeschafft wurden. Als Kind sind einem (oder waren mir) die zeitlichen Abläufe irgendwie nicht so ganz klar, man kommt ja in die Welt, und die Welt ist schon da, und war es auch immer, während die Dauer des gemeinsamen Haushalts der Eltern aber durchaus die eigene Lebenszeit nur geringfügig übersteigt. Wie auch immer. Um schließlich CDs hören zu können, mußte ich mir vom Taschengeld ein CD-Radio anschaffen, bis später das CD-ROM-Laufwerk des Computers diesen Zweck erfüllte. Eine eigene Stereo-Anlage mit Radio, Tape-Deck, CD-Player und Plattenspieler besaß ich nie.

Bis heute eine Kundin frug: „Sagen Sie mal, wissen Sie nicht jemanden, der sowas gebrauchen kann?“, und auf die Stereoanlage in der Ecke deutete. „50 Euro.“ – „Yep, nehm‘ ich“, hörte ich mich sagen. Hand drauf, Geld abgehoben und nach Dienstschluß die Kiste abgeholt, Boxen inklusive.

Warum erzähle ich das alles? Weil sich seit geraumer Zeit bei mir Schallplatten angehäuft haben, die ich überhaupt nicht anhören konnte. Schön blöd eigentlich. Zumal ich nicht alles, was ich auf Platte habe, auch auf CD besitze. Jetzt kann ich mich also endlich durch meine eigene Plattensammlung hören:

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CD-Regal revisited: Pink Floyd (4)

23. Januar 2019

Seit Tagen höre ich mich auf Youtube durch Live-Mitschnitte von Pink-Floyd-Konzerten. Derer gibt es viele. Sehr viele. Und das ist ein erfreulicher Umstand, denn es muß echt ein Erlebnis gewesen sein, der Band in den frühen 70er Jahren bei der Ausübung ihres Berufs zu lauschen. Mehrerlei fiel mir im Zuge des Binge-Listenings auf: Erstens erscheinen viele von Alben bekannte Songs in der Live-Version viel lebendiger (harhar) und – ja, das ist persönliche Präferenz – besser als in der glattproduzierten Studio-Variante. Und das, wo doch gerade die bis ins Kleinste ausgefeilte Studioproduktion das vermeintliche Markenzeichen Pink Floyds gewesen sein soll. Als Live-Act jedenfalls haben sie angefangen, und als solcher vermögen sie absolut zu überzeugen; viele Songs wurden live zu virtuosen Jam-Sessions ausgeweitet. Zweitens gaben Pink Floyd in ihren Konzerten regelmäßig und wiederkehrend Kompositionen zu Gehör, die weder als Single noch auf Alben je veröffentlicht wurden. Bisweilen aber spielten sie auch schon Jahre vor der Veröffentlichung eines Stückes auf einem Album dessen Urversion auf der Bühne, und das durchaus im festen Repertoire. Drittens schließlich ging mir auf, daß Pink Floyd lange, lange überhaupt kein offizielles Live-Album veröffentlicht hatten; die Mitschnitte auf Youtube sind durch die Bank unlizenzierte Bootlegs. Dabei lagen Live-Alben doch in den 60er und 70er Jahren voll im Trend und wurden sogar legendär, wie etwa Deep Purple’s „Made in Japan“.

Aber was red‘ ich da! Natürlich gab es ein Live-Album von Pink Floyd, jedenfalls ein halbes. Und zwar die Live-Scheibe des Doppel-Albums „Ummagumma“.

Ummagumma

An diesem Album von 1969 scheiden sich die Geister. Die Live-Scheibe hörte ich schon als „das Beste, was Pink Floyd je gemacht hat“ bezeichnet werden, die Studio-Scheibe gehört zu dem, was mein Freund Claudius „unanhörbar“ nannte. Und in der Tat dürfte ich „Ummagumma“ mit am seltensten aufgelegt haben, die CD wäre also noch nahezu neuwertig – hätte ich sie nicht sowieso gebraucht gekauft. Aus Gründen. Zum einen ist ein Doppel-Album natürlich auch doppelt so teuer wie eine normale CD, und das wollte ich mir als armer Zivi oder noch ärmerer Student nicht leisten. Zum andern schreckte mich wohl auf dem Rücken der Hülle die Dichotomie in „Live Album“ und „Studio Album“ ab, denn auf Live-Alben stand ich seinerzeit ja so überhaupt nicht. Ob ich im Laden die Möglichkeit hatte, einen Blick auf die Titelliste zu werfen, weiß ich nicht mehr, denn in der mir nun vorliegenden Variante stecken zwei CD-Jewel-Cases in einer Papphülle ohne Beschriftung.

Aber auch die Titelliste des Studio-Albums hätte wohl nicht mein Vertrauen erweckt: „Sysyphus: 1 – Part One 2 – Part Two 3 – Part Three 4 – Part Four“ steht da zum Beispiel. Oder, aberwitzig: „Several Species of Small Furry Animals Gathered Together in a Cave and Grooving with a Pict“. Ich kaufte es also im Laden nicht. Erst später, aber noch vor der Jahrtausendwende, erbarmte ich mich des Albums, als es in einer Ramsch-CD-Kiste an der Bochumer Ruhr-Universität auftauchte. Freilich fehlte das oben abgebildete Poster, das ich erst vor einigen Jahren einzeln via Ebay kaufte. Es fehlt also jetzt jemand anderem, der sich günstigstenfalls mit dem Vorbesitzer meines Exemplars zusammentun sollte.

Das Cover der Live-CD ziert die Rückseite der ursprünglichen Doppel-Schallplatte, das Motiv ist ein frühes Beispiel für „Knolling“. Säuberlich aufgefächert präsentieren uns zwei Roadies das gesamte Tour-Equipment von Pink Floyd. Nicht uncool. Und natürlich ist auch der akustische Inhalt des Live-Albums cool, wenn auch bedauerlicherweise wenig umfangreich. Während ein Auftritt von Pink Floyd leicht über zwei Stunden dauerte, stehen auf einer LP kaum 50 Minuten zur Verfügung, so daß wir lediglich die Songs „Astronomy Dominé“ (ja, man spricht es „Dominee“ aus, nicht „Domein“), „Careful with that Axe, Eugene“, „Set the Controls for the Heart of the Sun“ und „A Saucerful of Secrets“ geboten bekommen. Sollte der Song „Embryo“ 1969 schon existiert haben, wurde die Gelegenheit verstreichen gelassen, ihn angemessen auf einem Album zu verewigen; dazu müssen wir also später kommen. „Careful with that Axe, Eugene“ war zuvor nur in der Studio-Version als B-Seite der Single „Point me at the Sky“ veröffentlicht worden, stellt insofern also das Highlight des Live-Albums dar. Drum sei das Stück hier mal verlinkt:

Der Song taucht immer wieder in den Live-Mitschnitten auf und fand auch Eingang ins Set für den Pompeji-Film.
Soweit also der Live-Anteil des Albums. Als Live-Doppel-LP mit entsprechend mehr Songs wäre das der Hammer gewesen. Aber wozu braucht man einen Hammer, wenn man eine Schraube locker hat? Denn der zweite Teil des Albums ist ja eben die Studio-Scheibe.

„File under POPULAR : Pop Groups“ steht als Sortierhinweis an die Plattenladenbesitzer auf der Rückseite der Platte. Aber mit Pop hat „Ummagumma“ wenig zu tun. Und zwar:
Nach den Erfolgen der ersten Singles und Langspielplatten, da Pink Floyd eine beliebte Konzertband war und sogar für Filmprojekte angefragt wurde, bekamen die Jungs Studiozeit geschenkt. Da, Mischpult, Mikros, Effektdingsbums, macht, was ihr wollt! Und statt jetzt einfach ein Album aufzunehmen, packte sie die Lust am Experimentieren. Jedes der vier Mitglieder sollte eine Hälfte einer Seite der Platte füllen, knapp 12 Minuten, und zwar solo. Also wirklich solo, alle Instrumente selbst spielen, bitteschön! Als David Gilmour Roger Waters bat, ihm wenigstens beim Texten zu helfen, wurde er brüsk abgewiesen; wahrscheinlich wurde hier das Fundement für die spätere Männerfeindschaft gelegt. Wie auch immer. Sollte ich bisher den Eindruck erweckt haben, „Ummagumma“ sei unhörbare Klangkacke, so war das Absicht. Aber so schlecht ist das alles gar nicht. Man darf halt bloß kein Pink-Floyd-Album erwarten, sondern mehrere angejazzte, experimentierfreudige Solo-Demos, aus denen bei der damals so gedeihlichen Zusammenarbeit der vier Musiker durchaus ein allgemein anerkannter Album-Klassiker hätte werden können.

Im Grunde kann man hier nicht ein exemplarisches Hörbeispiel verlinken, sondern muß auf alle vier Solodarbietungen einzeln eingehen. Richard Wright, seines Zeichens der Pianist der Band, konzentrierte sich folgerichtig auf sein Keyboard und schrieb Sisyphos falsch. Sein Werk „Sysyphus“ gliederte er in vier Teile, hier am Stück verlinkt:

Roger Waters, der Bassist, widmete seine halbe Hälfte nicht einem einzigen Projekt, sondern halbierte sie abermals und brachte zum einen den lyrischen Gitarrensong „Grantchester Meadows“ zu Gehör, der später sogar bisweilen von der Band live aufgeführt wurde, tutti.

Da das aber irgendwie zu normal war, legte er sicherheitshalber die schon erwähnten „Several Species of Small Furry Animals Gathered Together in a Cave and Grooving with a Pict“ nach. Da muß man schon was eingeworfen haben, um das entspannt genießen zu können. Interessant ist das Klanggebilde aber durchaus, wenngleich ich Waters‘ spoken words auch nicht ansatzweise verstehe.

David Gilmour mußte also selbständig texten, was er ja nicht gemußt hätte, hätte er auf Text verzichtet, was er aber nicht tat. Dafür ist sein „Narrow Way“, aufgeteilt in drei Teile, aber durchaus gefällig. Oder zu zaghaft, um als avantgardistisch durchgehen zu können.

Nick Mason schließlich ist der Schlagzeuger der Kapelle. Auf ein zwölfminütiges Drum-Solo verzichtete er vernünftigerweise. Weder brauchte er volle zwölf Minuten, noch beschränkte er sich aufs Schlagzeug, wenn es auch dominiert. Er nannte sein Segment „The Grand Vizier’s Garden Party“ und gliederte es in drei Teile: Entrance, Entertainment und Exit.

Nun ja. Als viertes Album nach Debüt und Folgealbum sowie einem Autorenfilm-Soundtrack dieses Experiment zu veröffentlichen, ist durchaus mutig und zeugt vielleicht vom Selbstbewußtsein Pink Floyds. Oder von der Unbekümmertheit. Oder vom Drogenkonsum. In Teilen ist das Studio-Album gar nicht so unanhörbar, aber in anderen Teilen halt doch, zumindest, wenn man sich mit schöner Musik berieseln lassen will. „Ummagumma“ soll übrigens ein regionales Slang-Wort fürs Poppen sein (Also doch Pop!), aber ob dieses Album dazu als Soundtrack taugt, muß offen bleiben.


CD-Regal revisited: Pink Floyd (3)

14. November 2018

Da ich nach „The Wall“ und „Dark Side of the Moon“ keinerlei Anhaltspunkte mehr hatte, griff ich beim nächsten Trip zum Plattenladen (Was in meinem Fall heißt: Geschäft, welches CDs führt.) wahllos ins Fach mit den Pink-Floyd-Scheiben. Es war also Zufall, daß ich das Debut-Album herauszog, zumal alle CDs im Fach unabhängig vom tatsächlichen Erscheinungsdatum der Alben ℗ 1994 waren, weil Pink Floyd zu jener Zeit ihren Katalog einem Re-Mastering unterwarfen. Nicht, daß ich damals gewußt hätte, was das bedeutet. Oder daß ich das heute so ganz genau wüßte. Jedenfalls erscheint es opportun, im folgenden chronologisch vorzugehen, denn die Reihenfolge meiner Anschaffungen ist im Mittelteil kaum mehr zu rekonstruieren.

Wie alles begann

Syd Barrett war in Cambridge ein Schulfreund von Roger Waters und spielte in seiner Freizeit mit David Gilmour Gitarre. Nach dem Abi, oder wie das in England auch heißen mag, zog es die Jungs nach London, wo Syd sich an der Kunsthochschule einschrieb und Roger Waters Architektur studierte. Dessen Kommilitonen waren unter anderem Nick Mason und Richard Wright, mit denen er in Bands unter wechselnden Namen spielte, ehe schließlich 1965 selbviert mit Syd Barrett die Band „The Pink Floyd Sound“ entstand. Der Name geht zurück auf Syds favorisierte Blues-Musiker Pink Anderson und Floyd Council, wiewohl ich meine obige Lego-Darstellung der Namensfindung auch plausibel finde, denn die Band spielte nach anfänglichen Blues- und Jazz-Interpretationen schließlich psychedelischen Rock, und das nicht ohne Drogeneinfluß. Durch intensive Live-Auftritte machte sich die Band in Londons Musikszene rasch einen Namen, und ab 1966 war sie die Hausband des UFO-Clubs. Mit „Arnold Layne“ und „See Emily Play“ wurden in März und Juni 1967 zwei erste Singles veröffentlicht, ehe im August das Debut-Album „The Piper at the Gates of Dawn“ in die Läden kam. Auf diesem Album sind die beiden Lieder der ersten Single und der A-Seiten-Titel der zweiten Single nicht enthalten; so war das früher. Zu den Singles kommen wir aber aus Gründen später. Übrigens war der „Sound“ inzwischen aus dem Band-Namen gestrichen worden, weil der Hörer ja nicht eigens darauf hingewiesen werden mußte, daß da was klang.

The Piper at the Gates of Dawn

Der Titel des Albums geht auf eine Kapitelüberschrift im Kinderbuch „Der Wind in den Weiden“ zurück, von dem sich Syd Barrett inspiriert sah. Er war schon bei den vorab veröffentlichten Singles der Hauptsongschreiber gewesen, und auch dieses Album trägt seine Handschrift sowohl hinsichtlich der Texte, die er schrieb und sang, als auch der Melodien, die er komponierte und als Gitarrist zu Gehör brachte. Zehn der elf Stücke sind nach damaligem, an den Beatles orientierten Geschmack eher kurze, zwischen 2:11 und 4:26 Minuten lange Popsongs, doch mit „Interstellar Overdrive“ eröffnet ein fast 10-minütiges Instrumentalstück die B-Seite. Da auch die A-Seite mit einem weltraumthematischen Stück, „Astronomy Domine“, beginnt und der sphärisch-psychedelische Klang auch durch die Songs „Lucifer Sam“ und „Pow R. Toc H.“ wabert, kann das Abum als prominentes Beispiel für das Subgenre Space Rock gelten. Gleichzeitig wartet „Pow R. Toc H.“ aber auch mit einem Jazz-artigen Klavierpart und hiphop-mäßigen Stimmeffekten, dargeboten von Syd Barrett, auf. Wenn das nicht progressiv ist! Da weiß ich gar nicht, was ich als Hörbeispiel einbinden soll.
Versuchen wir’s mal mit „Lucifer Sam“, das auch einem Tarantino-Soundtrack gut zu Gehör stehen würde:

Nach „Dark Side of the Moon“ und „The Wall“ bemerkte ich damals, ca. 1998, durchaus, daß dieses Album anders klang. Anders, aber auch gut; ich war ja unvoreingenommen und Neuem gegenüber offen. Den Begriff „Psychedelic Rock“ kannte ich da noch gar nicht, und dennoch war mein Interesse geweckt.

The Pink Floyd, wie sich ja damals nannten, machten unterdessen weiter Musik und legten noch im selben Jahr, immer noch 1967, eine weitere Single nach, welche die Songs „Apples and Oranges“ als A- und „Paint Box“ als B-Seite enthielt, aber kommerziell weniger erfolgreich war als die vorherigen Scheiben. Im April 1968 folgte als Überbrückung bis zur Veröffentlichung des zweiten Albums eine weitere Single, weil es die Gesetze des Schallplattenmarktes in den 60er Jahren so wollten. „It Would Be So Nice“ mit der B-Seite „Julia Dream“ kam ohne die Mitwirkung von Syd Barrett zustande, stattdessen ist David Gilmour zu hören. Wie konnte das sein?
Wie oben beiläufig erwähnt, spielten Drogen eine Rolle, und Syd experimentierte gerne damit. Offenbar vertrug er psychoaktive Substanzen aber weniger gut als seine Bandkollegen, die auch keine Kinder von Traurigkeit gewesen sein dürften. Er veränderte sich, wurde lethargisch, unzuverlässig. Auf der Bühne war er bisweilen ein Totalausfall, stand nur herum, spielte seine Gitarre nicht, sang irgendwas oder gar nichts. Daher wurde Syds Freund David Gilmour, den Roger Waters ja auch kannte, gebeten, bei Konzerten als zweiter Gitarrist zur Unterstützung Syds mitzuspielen, was dazu führte, daß David mit zunehmender Abwesenheit des etatmäßigen Bandleaders bald zum ersten und alleinigen Gitarristen wurde und auch die Gesangsparts von Barrett übernahm. Irgendwann traten Pink Floyd dann ganz ohne Syd auf, benachrichtigten ihn nicht einmal mehr über Auftrittstermine. An den Arbeiten zum zweiten Longplayer nahm er aber noch teil, so daß Pink Floyd für kurze Zeit eine fünfköpfige Combo war.

A Saucerful of Secrets

Auch auf diesem Album vom April 1968 sind die vorab veröffentlichten Singles nicht enthalten. Bedingt durch die psychischen Probleme des vormaligen Hauptsongschreibers wird „A Soucerful of Secrets“ nicht von diesem dominiert, vielmehr befindet sich nur ein Stück Barretts auf dem Album. Mindestens zwei Songs aus seiner Feder wurden zwar aufgenommen, blieben aber bis heute unveröffentlicht im Giftschrank der Band, weil sie die anderen Mitglieder für die Öffentlichkeit unzumutbar deuchten.
So traurig der Zusammenbruch Syds auch war, den anderen eröffnete er die Gelegenheit, ihr eigenes kreatives Potential zur Geltung zu bringen. Neben Syd konnte so vor allem Roger Waters mit vier, aber auch Rick Wright mit drei Nennungen Writing-Credits ergattern. Das fast zwölf Minuten lange Titelstück, von Experimentierfreude geprägt, trägt gar die Namen von allen vier Mitgliedern, wobei David Gilmour das vierte ist, denn Syd Barrett war da schon offiziell aus der Band entlassen.
So kann es nicht wundernehmen, daß die Gesamttonlage des Albums weniger poppig ist als auf dem Vorgänger. Dem psychedelischen Space-Sound blieb die Band aber treu, namentlich bei den Songs „Let there be More Light“ und „Set the Controls for the Heart of the Sun“, welches hier als Höreindruck dienen soll:

Daß man sich gezwungen sah, Syd Barrett aus der Band zu feuern, ging den verbliebenen Mitgliedern und dem ihn ersetzenden David Gilmour lange nach, denn immerhin war Syd nicht nur der kreative Kopf der Gruppe, sondern ein Freund und ein netter Kerl. Aber abgesehen davon, daß eine gedeihliche Arbeit mit ihm schlicht nicht mehr möglich war, waren weder die Jungs in der Lage, mit der Situation angemessen umzugehen, noch stand professionelle psychologische und psychiatrische Unterstützung zur Verfügung. Und so hing das Schicksal Syd Barretts fürderhin wie eine Nemesis über dem weiteren Schaffen von Pink Floyd. Die Band kompensierte ihr schlechtes Gewissen unterdessen mit Auftritten und Aufnahmen; schon im Dezember 1968 folgte die nächste Album-unabhängige Single „Point Me at the Sky“ mit der B-Seite „Careful with that Axe, Eugene“. Aber zu den Singles kommen wir, wie gesagt, später. Zum Teil sehr viel später.

„Music from the Film More“ und „Zabriskie Point“.

Im Jahre 1969 waren The Pink Floyd nicht mehr nur in der Londoner Clubszene ein Begriff, sondern durchaus weltweit bekannt, wenngleich sie auch noch keine Superstars waren. Dieser Status brachte es mit sich, daß sie einerseits interessant geworden waren für Filmproduzenten, gleichzeitig aber auch noch nicht reich genug, um Auftragsarbeiten abzulehnen. Im Jahre 1969 wurden sie daher von Barbet Schroeder (ein Männername!) beauftragt, die Musik für sein Regiedebüt „More“ zu schreiben, einem Drogendrama vor dem Hintergrund der Hippie-Bewegung. Dreizehn der im Film verwendeten Stücke wurden als Soundtrack-Album veröffentlicht, durch die bauartbedingte Höchstspieldauer einer Langspielplatte mußten weitere Songs unter den Tisch fallen; diese wurden erst 2017 im Rahmen einer Gesamtretrospektive veröffentlicht, liegen mir aber nicht vor. Dafür liegt mir zusätzlich zur CD auch eine LP-Version vor, die im Unterschied zur CD „Soundtrack from the Film More“ heißt.

Zunächst war ich seinerzeit, immer noch Ende der 90er, von diesem Album enttäuscht, da ich inzwischen anderes von Pink Floyd gewohnt war. Ihrer Bestimmung als Soundtrack gemäß enthält die Platte vermehrt kürzere Instrumentalstücke, die ohne störenden Gesang Szenen im Film musikalisch untermalen. Anders als bei einem normalen Album geht es auch nicht darum, die Grundstimmung des Albums aufrechtzuerhalten und durchzuziehen, sondern die Musik reagiert auf die situationsbedingt wechselnden Stimmungen im Film. Daher bietet „More“ zum einen lyrische Passagen wie „Cirrus Minor“ und „Cymbaline“ zum andern aber auch rockige Stücke wie „Ibiza Bar“ oder „The Nile Song“, welcher geradezu als Hardrock-Song zu bezeichnen ist. Bei nochmaligem Anhören und eingedenk ihrer Funktion vermag die Scheibe durchaus zu gefallen. Zur Abwechslung sei daher mal der „Nile Song“ zu Gehör gebracht:

Auch Michelangelo Antonioni („Blow Up“) sicherte sich die Dienste Pink Floyds für den Soundtrack zu seinem Film „Zabriskie Point“. Allerdings sollte PF hier nicht in Eigenregie den kompletten Score füllen, sondern mußte sich den Platz unter anderem mit The Greatful Dead teilen. Auf der Sondtrack-LP sind drei Songs von Pink Floyd enthalten, von denen einer eine modifizierte Neueinspielung von „Careful with that Axe, Eugene“ ist.

Als CD besitze ich diesen Soundtrack gar nicht, da ich aus dem Umstand, daß es sich um eine Kompilation mit mehreren Bands handelt, irgendwie nie eine erhöhte Mußichhabenhaftigkeit abgeleitet habe. Die LP hätte ich auch nicht, wäre sie mir nicht beiläufig im Gebraucht-CD-Laden (mit Platten-Keller) in die Hände gefallen; da ließ ich sie natürlich nicht stehen. Vielleicht sollte ich doch mal die Augen offenhalten. Als Höreindruck bis dahin erstmal „Crumbling Land“:

Bereits zuvor hatte Pink Floyd Musik zu Soundtracks beigesteuert. 1968 eine Live-Aufnahme von „Interstellar Overdrive“ für „San Francisco“, und ebenfalls 1968 eigens geschriebene Musik für den Film „The Committee“. Aber das kennt ja alles niemand. Nein, ich auch nicht. Ich hab’s auch gerade erst im Zuge meiner Recherchen gelesen.


CD-Regal revisited: Pink Floyd (2)

5. Oktober 2018

Mein erster Eindruck von Pink Floyds Musik war dermaßen günstig, daß ich sehr bald der CD-Abteilung von Saturn einen weiteren Besuch abstattete, um Nachschub zu besorgen. Nach wie vor war mein Wissen um die Band begrenzt, hatte ich doch zu jenem Zeitpunkt noch keinen Zugang zum Internet. Jedoch lief damals eine Fernsehserie mit Dirk Bach, „Lukas“, die ich selten schaute, weil ich generell selten fernsehe. Bin kurzsichtig. Mindestens eine Folge sah ich allerdings, und ausgerechnet da legte Dirk Bach alias Lukas das Album „Dark Side of the Moon“ auf, weil dies seinen Angaben zufolge das perfekte Kiffer-Album sei. Nun war ich zwar nie Kiffer (Ernsthaft. Nie.), aber durch diese Lukas-Episode kannte ich nun ein zweites Album von Pink Floyd, und genau das erwarb ich dann bei nächster Gelegenheit.

Dark Side of the Moon.

So steht es auf dem Rücken der CD, auf dem Titelbild fehlt jeglicher Schriftzug. Es zeigt einzig vor schwarzem Hintergrund einen Lichtstrahl, der durch ein Prisma in die Farben des Regenbogens gespalten wird. Dieses Cover ist eine Ikone der Cover-Kunst, und das Motiv begegnet einem in der ursprünglichen oder abgewandelten Form all überall in der wirklichen und virtuellen Welt, vornehmlich auf T-Shirts, getragen von Menschen, denen man nicht unbedingt angesehen hätte, daß sie auf Pink Floyd stehen. Aber so ungewöhnlich ist das gar nicht, gehört die Platte doch zu den erfolgreichsten und meistverkauften der vergangenen 50 Jahre; selbst Homer Simpson nannte ein Exemplar des Albums sein eigen. Angeblich kamen die hohen Verkaufszahlen allerdings dadurch zustande, daß audiophile Zeitgenossen dieses perfekt produzierte Werk dazu benutzten, ihre Plattenspieler zu justieren, und gegebenenfalls ein Ersatzexemplar beschafften, um stets makellosen Klang garantieren zu können. Ich hingegen legte stumpf die CD in mein schon erwähntes CD-Radio und scherte mich nicht um bestmöglichen Klang.

Es beginnt mit Herzschlag und anderen Soundeffekten und Gesprächsschnippseln, welche ins erste Lied „Breathe“ übergehen, welches in ein Instrumentalstück übergeht, welches ins nächste Lied übergeht, und das hatte ich schon mal gehört. Das hat jeder schon mal gehört! Wannimmer in einem Fernseh- oder Radiobeitrag ein Bezug zum Verlauf der Zeit hervorgehoben werden soll, erklingt entweder das Weckerklingel-Intro des Songs „Time“, oder im Hintergrund läuft der Gesangspart. Das Ende des Tracks von „Time“ ist als eigenes Lied ausgewiesen, „Breathe Reprise“, und geht schließlich über ins nächste Stück „The Great Gig in the Sky“, welches wiederum ein Instrumental ist, sofern man die ekstatische Stimme von Clare Torry als Instrument begreift.
Daß nach dem Verklingen der letzten Töne von „The Great Gig in the Sky“ früher mal die Schallplatte umgedreht werden mußte, merkt man daran, daß der Track nicht nahtlos ins nächste Lied übergeht. Und auch dieses Lied hatte ich schon mal gehört, weil jeder das schon mal gehört hat. Wannimmer in einem Fernseh- oder Radiobeitrag übers große Geld gesprochen wird und mal nicht auf ABBA zurückgegriffen werden soll, erklingt das Registrierkassen-Intro von „Money“. Selbst wenn DSOTM nicht bis heute ein Verkaufsschlager wäre, könnten die Bandmitglieder wahrscheinlich gut von den Tantiemen leben, die ihnen allein aus der Nutzung von „Money“ zufließen. Nachfolgend gehen die Songs wiederum ineinander über. Es folgen „Us and Them“, das Instrumentalstück „Any Colour You Like“, „Brain Damage“, welches sozusagen der Titeltrack des Albums ist, da er die Worte „dark side of the moon“ enthält, und es endet mit „Eclipse“, das wiederum mit Herzklopfen endet, womit das Album wieder am Beginn angelangt wäre.
Da die Single-Auskopplungen „Time“ und „Money“ eh allseits bekannt sein dürften, sei an dieser Stelle mal „Us and Them“ verlinkt. Dick Parry ist hier als Ergänzung zur Band am Saxophon zu hören:

Ob das alles ein passender Soundtrack zum Kiffen ist, vermag ich nicht zu beurteilen; ich kann das auch bei klarem Kopf schönfinden. Auch bei dieser Platte handelt es sich um ein Konzeptalbum, wenn auch vielleicht nicht so augen- oder ohrenfällig wie bei „The Wall“. Beschrieben wird das Leben eines Menschen, der durch verschiedene Aspekte der modernen Welt in Mitleidenschaft gezogen wird, bis es eben zum „Brain Damage“ kommt. Der Herzschlag, der an Beginn und Ende zu hören ist und sich symbolisch durch das ganze Album zieht, wird in der aufklappbaren Plattenhülle durch den grünen Streifen des Regenbogens als Oszillogramm dargestellt:

1973 ist der Titel der Scheibe übrigens noch „The Dark Side of the Moon“ (Hervorhebung von mir), und das Prisma ist nicht massiv ausgefüllt:

Außerdem lagen der Schallplatte zwei Poster bei, deren eines die Pyramiden von Gizeh in blauer Nacht zeigt, was ich oben als Lego-Illustration nachzuempfinden versuchte. (Bei der Gelegenheit merkte ich, daß mein Vorrat an blauen 2×4-Steinen begrenzt ist und die vorhandenen zum Teil starke Vergilbung aufweisen, aber das nur am Rande.) Nach Anhören dieses Albums war mir jedenfalls umgehend klar, daß das nicht mein letztes Album von Pink Floyd gewesen sein konnte.


CD-Regal revisited: Pink Floyd.

30. September 2018

Ich habe ja nie einen Hehl daraus gemacht, daß ich nicht nur Pink-Floyd-Fan bin, sondern mich sogar so bezeichnen würde, was nicht für alles gilt, wofür ich sympathisches Interesse hege. Aber wie konnte es dazu kommen? In meinem Elternhause jedenfalls lernte ich nicht, ein Ohr zu entwickeln für moderne Spielarten der Tonkunst; da war bei Tschaikowski Schluß, was den Inhalt des Plattenschranks angeht, und es begann bei Schütz, Händel, Bach. Trotzdem schwang „Pink Floyd“ natürlich irgendwie im kulturellen Hintergrundrauschen mit, ohne daß ich dem Begriff konkret Musik hätte zuordnen können. Ein visueller Eindruck zumindest stellte sich spätestens 1994 ein, als in der „ADAC-Motorwelt“ das Golf-Sondermodell „Pink Floyd“ beworben wurde nebst Hinweisen darauf, daß Volkswagen in Deutschland die Konzerte jener Band präsentierte. Oder so.

An meinem letzten Schultag vor den Abiturprüfungen schließlich, mit Abistreich und Musikbeschallung in verdunkelter Pausenhalle, legte der DJ neben dem unvermeidlichen „School’s Out“ von Alice Cooper auch ein Lied auf, welches ich schon zuvor mal gehört hatte, und welches die Zeilen enthielt „We don’t need no education / We don’t need no thought control“, und ich frug einfach mal, wer das sänge? Aha, Pink Floyd. Weiter konnte ich mich nicht damit beschäftigen, denn ich mußte die letzte Gelegenheit nutzen, doch endlich mal zu schwänzen. Ich entfernte mich also von der Schule, um durch die Fahrprüfung zu fallen. Was ich dann auch tat.

Nach dem Abi spülte mir der Zivildienst nie zuvor gekannte Geldsummen aufs Konto, satte 13 D-Mark am Tag! Ausgerüstet mit derartigem Reichtum konnte ich ohne Reue bei Saturn nach CDs stöbern, wo mir eines Tages tatsächlich ein Album als Nice-Price-Angebot in die Hände fiel:

The Wall

Ein Doppelalbum für 15 D-Mark, doch gab es keine Titelliste auf der Rückseite. Aber wenn das einzige mir bekannte Pink-Floyd-Lied „Another Brick in the Wall“ nicht auf dem Album „The Wall“ vertreten war, wo dann? Ich ging also das Risiko ein und nahm die CD mit. Kaufenderdings; nicht daß hier noch der Eindruck entsteht, ich würde der Liste meiner Schandtaten neben Schuleschwänzen nun etwa auch noch Ladendiebstahl hinzufügen, nee, nee.

Unbeleckt von jeglichem Vorwissen legte ich daheim Disc 1 in mein CD-Radio, um mir mit schlechtem Klang ein vermutlich bis ins Kleinste ausgetüfteltes High-Fi-Sound-Erlebnis zu geben, aber ich wußte es ja nicht besser und konnte auch nicht anders. Die Musik jedenfalls überzeugte mich fast unmittelbar. Die Mischung aus schönen Harmonien und Brachialität bot mir just die Interessanz, für die ich empfänglich war, und das bereits, ohne daß ich mich näher mit den Texten und dem alles umfassenden Konzept auseinandergesetzt hätte. Daß es sich um ein Konzeptalbum handelt, bekam ich indes schnell spitz. Auf das ouvertürenhafte „In The Flesh?“, welches das Publikum auf die zu erwartende Show vorbereitet, folgt auf der ersten Scheibe über alle Lieder verteilt der Abriß des Werdegangs eines jungen Mannes, unter besonderer Berücksichtigung aller Faktoren, die zu seinen späteren Psychosen führen: Die dominante Mutter, der Verlust des Vaters im Krieg, die eigenen Erlebnisse im Bombenhagel, die seelenlosen, grausamen Lehrer in der Erziehungsanstalt, die verkorkste Pubertät und die treulose Freundin, sowie allgemein die betonierte Gesellschaft. All dies sind Ziegel in der Mauer, mit der sich Pink – so wird der Protagonist im Lied „In the Flesh“ bezeichnet, was somit das Album als irgendwie autobiographisch ausweist – umgeben fühlt, und welche mit jeder Begebenheit weiter in die Höhe wächst, bis er emotional komplett abgeschottet ist. Als Höreindruck soll nun nicht „Another Brick In The Wall“ dienen, welches als wiederkehrendes Motiv auf der ersten Disc in drei Teile aufgesplittet ist, sondern „Young Lust“:

(„The Wall“ erschien 1979, drei Jahre zuvor hatten bereits Black Sabbath „Dirty Women“ besungen, aber das tut hier nichts zur Sache.)
Die zweite Scheibe stellt zunächst Pinks Seelenzustand in der Isolation dar. Er fühlt sich einsam und der Welt nicht weiter zugehörig, betäubt sich mit Fernsehen und Drogen, was er freilich abstreitet, und entwickelt als Folge der rigiden Erziehung, die, da er hinter seiner Mauer sitzt, nun nicht mehr durch äußere Eindrücke korrigiert werden kann, ein faschistisches Weltbild, fühlt sich gehetzt und wartet eigentlich bloß noch auf den Tod. Schließlich imaginiert er nach einem Zwischenfazit, welches die Publikumsansprache der Ouvertüre wieder aufgreift, eine Art jüngstes Gericht, freilich nicht unter dem Vorsitz Gottes, sondern von Richter Wurm, da Leichen nun mal von Würmern zerfressen werden, mit der Anklage, Gefühle von beinahe menschlicher Natur zu haben. Das Urteil lautet: Öffentliche Zurschaustellung, also weg mit der Mauer!
Als Anspieltipps böte sich hier so manches an, das längste Stück der Platte, „Comfortably Numb“, das getriebene „Run Like Hell“ oder auch das operettenartige „The Trial“, aber mir hat es „Hey You“ angetan:

Was ich damals, 1996 oder 1997, alles noch gar nicht wußte:
„The Wall“ ist in der Tat irgendwie autobiographisch, insofern Roger Waters, der Bassist und Hauptsongschreiber jener Tage, hier die Traumata seiner eigene Kindheit aufarbeitet. Auf der vorausgegangenen Tour hatte er an sich selbst Verhaltensweisen bemerkt, die ihm ganz und gar nicht behagten, was ihm die Idee zu diesem Konzeptalbum gab. Die anderen Bandmitglieder waren am kreativen Prozeß nur marginal beteiligt, einzig David Gilmour konnte mit „Comfortably Numb“ ein wahres Highlight aufs Album schmuggeln. Pianist Richard Wright wurde sogar nach Abschluß der Studioaufnahmen aus der Band gefeuert, da er sich mit Roger Waters so gar nicht mehr verstand, ironischerweise jedoch für die folgenden Live-Darbietungen als bezahlter Bühnenmusiker wieder engagiert.

Diese Bühnen-Show war das Aufwendigste (mit e!), was seit barocken Opernaufführungen vor Publikum zelebriert wurde. Quer über die Bühne wurde während der Show eine Mauer aus Pappquadern gebaut, auf diese Mauer wurden von Gerald Scarfe animierte Szenen projiziert, davor wackelten überlebensgroße Marionetten über die Bühne, eine Pseudo-Band in Masken der originalen Pink-Floyd-Mitglieder spielte vor der Mauer, während die Band selbst dahinter weitgehend im Verborgenen blieb. Am Ende fiel die Mauer mit lautem Getöse in sich zusammen. Das alles war so teuer, platzfordernd und eben aufwendig, daß „The Wall“ 1980 und 1981 nur an vier Orten weltweit überhaupt aufgeführt wurde, namentlich Los Angeles, wo die Premiere stattfand, New York, selbstverständlich London und – – – Dortmund. Damals galt die Westfalenhalle noch als erste Adresse für derlei Veranstaltungen.

Irgendwann später (im Jahr 2000) erwarb ich dieses opulente Live-Doppelalbum, wiewohl ich früher überhaupt kein Freund von Live-Versionen irgendwelcher Lieder war. Aber seit ich erfahren hatte, daß ausgerechnet Dortmund Schauplatz der exklusiven The-Wall-Show war, drängte es mich, ein Dokument dessen zu besitzen. Das Live-Album wurde freilich in London aufgenommen. Vergebens war die Anschaffung dennoch nicht, denn die Longbox enthält ein Buch, das den Produktionsprozeß der Show dokumentiert. Passend zur den Rahmen sprengenden Bühnen-Show ist auch diese Verpackung so voluminös, daß sie nicht vernünftig in mein CD-Regal paßt. Nun ja.

Roger Waters hatte „The Wall“ nicht bloß als Konzeptalbum entworfen, sondern die visuelle Präsentation von vornherein mitgeplant. Innerhalb des Albums selbst wird die „Show“ mehrfach erwähnt (Der Song „The Show Must Go On“ ist freilich weniger im Bewußtsein der Öffentlichkeit, als es Queens Lied unter demselben Titel sein mag.), und auch die Pseudo-Band vor der Bühnen-Mauer findet Erwähnung. Die Aufmachung der Album-Hülle (außen schlicht und innen farbenprächtig) wurde ebenso von Gerald Scarfe entworfen wie die Animationen, die während der Show über die Mauer flackerten, und die animierten Passagen im surrealistischen Film von 1982. Die Hauptrolle des Pink spielt dort Bob Geldof, und die Handlung wird nahezu ausschließlich anhand der Musik des Albums erzählt. Der Song „When The Tigers Broke Free“, der nicht mehr auf die Schallplatte gepaßt hatte, konnte im Film verwendet werden.
Na gut, also doch „Another Brick In The Wall part 2“:

Auch diesen Film kaufte ich erst sehr viel später, und die DVD-Hülle ist so schmal, daß sie in der Tat quer über die CDs ins Regal paßt.

Den Titel Mutter aller Konzeptalben dürfte „The Wall“ trotz der epochalen Begleitumstände nicht für sich beanspruchen, denn da ist „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ vor. Das war mir natürlich schnurz, mir gefiel’s, sehr sogar. Als erste Begegnung mit der Musik von Pink Floyd hätte es freilich fatal sein können, denn der zum Teil bombastische Sound von „The Wall“ ist keineswegs charakteristisch für das frühere Œuvre der Band. Des wurde ich sehr bald gewahr, denn dieses Album machte mir umgehend Appetit auf mehr, so daß mein Kauf eines zweiten Pink-Floyd-Albums nicht lange auf sich warten ließ.


CD-Regal restocked: Black Sabbath (Dritter Nachtrag)

9. März 2018

Na, wer sagt’s denn! Im Dezember 1997 fand endlich das statt, worauf die Fans seit 1979 gehofft hatten, was sich zwischendurch mehrmals anläßlich von Festival-Auftritten angedeutet aber letztlich nicht erfüllt hatte: Black Sabbath in Originalbesetzung fanden sich zu zwei Konzerten in Birmingham zusammen, um endlich ein offizielles Live-Album aufzunehmen. Alles, was es zuvor an Sabbath-Live-Alben gegeben hatte, war entweder nicht von der Band authorisiert gewesen, oder war halt nicht die Urbesetzung. Und – Hand aufs Herz – nur diese zählt. Naturgemäß enthält das passenderweise Reunion betitelte Konzert nur Songs der Ozzy-Ära von 1968 bis 1979. Als besonderes Schmankerl nahmen Iommi, Butler, Osbourne und (mit Abstrichen) Ward für die Veröffentlichung zwei (ein) neue(s) Lied(er) im Studio auf: „Psycho Man“ selbviert, den Song „Selling my Soul“ merkwürdigerweise ohne Bill Wards Schlagzeugspiel. Was das nun wieder sollte? Möglicherweise spielte ein leichter Herzinfarkt Bill Wards eine Rolle.

Black Sabbath waren also wieder vereint, spielten einzelne Konzerte und im Jahre 2005 sogar eine Tour. Zu einem kompletten Studioalbum konnten sich die vier Veteranen aber nicht aufraffen. Immerhin erhielten sie im Jahre 2000 ihren ersten Grammy für „Iron Man“ in der Reunion-Version.

The Dio Years

Im Jahre 2007 hatte die Plattenfirma die Idee, Black Sabbaths Ära mit Ronnie James Dio am Mikrophon auf einem Kompilationsalbum zusammenzufassen. Das versprach zusätzliches Tonträger-verkaufspotenzial, also sagte Tony Iommi zu. Auch Ronnie war einverstanden. Die Zusammenstellung vereint Lieder der Alben „Heaven and Hell“, „Mob Rules“ und „Dehumanizer“ sowie den Song „Children of the Sea“ vom Konzertalbum „Live Evil“, das ich in meiner Sammlung ausgelassen habe. Und da das Reunion-Live-Album zwei zusätzliche Studio-Songs enthalten hatte, sollte auch diese Dio-Werkschau solche enthalten, aber dieses mal sogar drei; in your face, Ozzy! Obwohl Black Sabbath zu diesem Zeitpunkt ja offiziell aus Tony Iommi, Geezer Butler, Bill Ward und Ozzy Osbourne bestand, gingen Toni und Geezer mit Ronnie James Dio und Vinnie Appice, der einst auf „Mob Rules“ und „Dehumanizer“ die Trommel gerührt hatte, ins Studio, um unter dem Namen „Black Sabbath“ drei Songs aufzunehmen. „The Devil Cried“:

Da Iommi offenbar aufgefallen war, daß das für Bill und Ozzy möglicherweise ein Affront sein könnte, absolvierte das Quartett die Promo-Tour zum Dio-Years-Album unter dem Namen „Heaven & Hell“, was nun ausgerechnet das Dio-Album ist, auf dem Vinnie Appice nicht mitspielt, Mann, Mann, Mann…
Bis hierher hatten die jüngeren Aktivitäten Black Sabbaths seit 1997 vor allem retrospektiven Charakter, wie es für eine Band im Herbst ihres Schaffens charakteristisch ist. Doch was mit Ozzy und Bill Ward nicht geklappt hatte, war mit Ronnie möglich: ein neues Studioalbum aufzunehmen.

Heaven & Hell – The Devil You Know

Es bestehen nur geringe Zweifel daran, daß dieses 2009er Album ein Black-Sabbath-Album ist, ungeachtet des anderslautenden Band-Namens auf dem Cover. Dafür spricht neben der bewährten B-Besetzung mit Iommi, Butler, Dio und Appice die Verwendung des langjährigen Sabbath-Maskottchens Henry.
Dieser geflügelte Dämon war zum ersten Mal auf der Innenseite des Albums „Never Say Die“ aufgetaucht und seitdem immer wieder auf Merchandiseprodukten der Band verwendet worden. Ursprünglich prangte er mal Mitte der 70er Jahre auf einem Konzertplakat, ohne Zutun der Band, aber zu ihrem Pläsier, also wurde er adoptiert, vermutlich ohne Tantiemen an den Künstler. Musikalisch bietet „The Devil You Know“ ebenfalls Bewährtes. Schleppende, doomige Gitarrenriffs hintermalt mit wahrnehmbarem Baßsound, überlagert von Dios markanter Stimme. Inhaltlich spart Ronnie nicht mit religiösen Anspielungen und düsteren Motiven.
„Follow the Tears“:

Die das Album begleitende Tour führte Black Sabbath Heaven & Hell auch zum Wacken Open Air, was Dios letzter großer Auftritt werden sollte. Denn eine Krebserkrankung zwang ihn zur vorzeitigen Beendigung der Tour, und am 16. Mai 2010 verstarb Ronnie James Dio und nahm seine großartige Stimme nebst der Manu Cornuta mit ins Grab.

13

Mit Dios Tod blieb die Besetzung Iommi/Butler/Osbourne/Ward als einzige Sabbath-Variante stehen, ohne freilich zunächst aktiv zu sein. Erst Mitte 2011 verdichteten sich Gerüchte betreffs einer erneuten Wiedervereinigung, die schließlich gegen Jahresende von Black Sabbath offiziell bestätigt wurden: Im Jahre 2012 sollte es ein neues Studioalbum in Originalbesetzung mit anschließender Tour geben. Doch dann erkrankte Tony Iommi an Krebs, was verständlicherweise den Beginn der Studioaufnahmen verzögerte. Und als schließlich Iommis Krebs so weit eingedämmt war, daß es hätte losgehen können, gab Bill Ward seinen Ausstieg aus Black Sabbath bekannt. Von Seiten der Band wurde die wackelige Gesundheit des Drummers als Grund für dessen Rückzug angegeben, immerhin hatte er schon 1998 einen Herzinfarkt erlitten, und eine komplette Tour am Schlagzeug sei ihm in seinem Alter nicht mehr zuzumuten. Ward selbst begründete seinen Ausstieg freilich mit einem nicht unterzeichnungswürdigen Vertrag, der ihm vorgelegt worden sei, sein Gesundheitszustand sei einwandfrei. Wie dem auch sei, schade, aber anstelle Bill Wards ist auf dem 2013er Album „13“ Rage Against The Machines Drummer Brad Wilk am Schlagzeug zu hören, die anschließende Promotour absolvierte Tommy Clufetos. Nun können die Jungs also auf ihrer Autogrammkarte vermerken, daß sie mal der legendären Band Black Sabbath angehört haben, aber große Zuneigung dürfen sie dafür leider nicht erwarten, denn die Fans nahmen die Nachricht vom Ausstieg des Gründungsmitglieds Bill Ward mit Unverständnis und Bitterkeit zur Kenntnis. Zu allem Überfluß trat als Produzent Rick Rubin in Erscheinung, der schon Metallicas Album „Death Magnetic“ soundtechnisch verhunzt hatte. Oder haben soll; ich merke sowas ja nie. Musikalisch knüpft „13“ durchaus an das Heaven&Hell-Abum an, freilich mit der markanten Stimme Ozzy Osbournes statt der andersartig markanten Stimme Ronnie James Dios. „Age of Reason“:

Die Wiedervereinigung mit Ozzy Osbourne hatte Hoffnungen genährt, wieder so ein inspiriertes Album zu erhalten, wie es „Paranoid“, „Master of Reality“ oder „Vol.4“ gewesen waren. Aber das war wohl nicht zu erwarten, denn es lagen ja 25 Jahre zwischen dem letzten Sabbath-Album mit Ozzy-Beteiligung und diesem Werk. Es wird daher nicht allein am Fehlen Bill Wards gelegen haben, daß „13“ durchaus anders klingt als die Werke der klassischen Ära, langsamer, doomiger, ohne die vielfachen Rhythmus- und Melodiewechsel. Ich finde „13“ nicht schlecht, aber es vermag auch nicht zu begeistern. An Songmaterial mangelte es der Band jedenfalls nicht; das Album ist als abgespeckte Normalversion mit acht Liedern, als Deluxe-Edition mit drei weiteren Liedern, oder als Superduperdeluxe-Verion mit gar einem vierten Bonustrack zu bekommen. Und es blieben sogar noch Songs übrig.

The End

Möglicherweise unter dem Eindruck von Tony Iommis Krebserkrankung, die weiterhin therapeutische Maßnahmen erforderte, gab Black Sabbath 2015 bekannt, daß die 2016 beginnende Welttournee „The End“ die Abschiedstour sein werde. In Originalbesetzung, mit Bill Ward? Nein. Grmpf. Am Schlagzeug saß weiterhin Tommy Clufetos. An den Souvenirständen wurde während der Konzerttour die EP „The End“ verkauft, die neben vier Liveaufnahmen, die auf der vorangegangenen Tour entstanden waren, vor allem vier neue Songs enthielt, die wohl bei den Aufnahmen des Albums „13“ übriggeblieben waren. Zum Beispiel „Cry All Night“:

Mit 54 Minuten Spieldauer ist diese EP länger als so manches Studioalbum von Black Sabbath, und das ließen sich die alten Herren auch fürstlich bezahlen. Wie ich irgendwo las und jetzt nur aus der Erinnerung krame, hat die CD im Pappschuber 30 Euro gekostet, von Ozzy, Toni und Geezer signerte Exemplare gleich mal 90 Euro. Oder irgendwie so. Jedenfalls sollte diese CD natürlich exklusiv den Konzertbesuchern vorbehalten bleiben, was sie nicht blieb, denn im Internet gibt’s ja alles.

The End (4 February 2017 Birmingham)

Das Ende war nahe, am 4. Februar 2017 war es soweit. Und was Iommi, Butler und Osbourne eventuell an Stil im Umgang mit ihrem alten Kameraden Bill Ward haben vermissen lassen, das machten sie mit der Wahl des Schauplatzes ihres finalen Konzerts wieder wett. Das konnte nur Birmingham sein! (Und war es auch.) Es wurden keine Songs von „13“ gespielt, sondern ausschließlich Klassiker der ersten sieben Alben, beginnend mit „Black Sabbath“, gipfelnd in „Paranoid“, dazwischen „Fairies Wear Boots“, „Under the Sun/Every Day Comes and Goes“, „After Forever“, „Into the Void“, „Snowblind“, „War Pigs“, „Behind the Wall of Sleep“, „Basically/ N.I.B.“, „Hand of Doom“, ein Meddley aus „Supernaut, Sabbath Bloody Sabbath, Megalomania“, „Iron Man“, „Dirty Woman“ und „Children of the Grave“, wie es sich gehört, mit „Embryo“-Intro. Tommy Clufetos wurde ausgepfiffen, als Ozzy die Band vorstellte, weil er halt leider nicht Bill Ward ist; kann er ja auch nichts zu. Er konnte aber mit dem Drum-Solo in „Rat Salat“ glänzen. Freundlicherweise stellen Black Sabbath den Konzertausschnitt mit „Children of the Grave“ auf ihrem Youtube-Kanal selbst zur Verfügung, drum:

Das war’s also mit Black Sabbath. Haben sie denn nun den Heavy Metal erfunden?
Weiß ich nicht. Sie selbst sahen sich wohl eher neben Deep Purple und Led Zeppelin im Hard Rock, verwurzelt im Blues, mit Ausflügen in den Progressive Rock. Zur Metal-Band machte sie Ronny James Dio eigentlich erst, nachdem es die richtigen Metal-Bands wie Iron Maiden und Judas Priest schon gab. Aber ist ja auch egal, ihr Einfluß auf die erwähnten richtigen Metal-Bands ist jedenfalls unbestreitbar.
Ich fand von Beginn meiner Entdeckungstour an reizvoll, daß Ozzy Osbourne, der Prince of Darkness und Godfather of Heavy Metal, eigentlich ein alter Hippie ist, daß Tony Iommi, Geezer Butler und Bill Ward Blues spielten, bloß mit heruntergestimmten Instrumenten. Und in der Tat sind die frühen Werke der Band in Urbesetzung die besten, so gut Ronny James Dio auch singen kann, und so bemüht Tony Martin auch war, dem Namen Black Sabbath gerecht zu werden. Das machte es allerdings schwierig, Alben wie „Tyr“ oder „Forbidden“ überhaupt anzuschaffen, denn der örtliche Saturn führte sie gar nicht, und über Amazon waren sie schließlich auch nur aus zweiter Hand zu bekommen. Aber dafür ist man ja Sammler.