CD-Regal revisited: Pink Floyd (3)

14. November 2018

Da ich nach „The Wall“ und „Dark Side of the Moon“ keinerlei Anhaltspunkte mehr hatte, griff ich beim nächsten Trip zum Plattenladen (Was in meinem Fall heißt: Geschäft, welches CDs führt.) wahllos ins Fach mit den Pink-Floyd-Scheiben. Es war also Zufall, daß ich das Debut-Album herauszog, zumal alle CDs im Fach unabhängig vom tatsächlichen Erscheinungsdatum der Alben ℗ 1994 waren, weil Pink Floyd zu jener Zeit ihren Katalog einem Re-Mastering unterwarfen. Nicht, daß ich damals gewußt hätte, was das bedeutet. Oder daß ich das heute so ganz genau wüßte. Jedenfalls erscheint es opportun, im folgenden chronologisch vorzugehen, denn die Reihenfolge meiner Anschaffungen ist im Mittelteil kaum mehr zu rekonstruieren.

Wie alles begann

Syd Barrett war in Cambridge ein Schulfreund von Roger Waters und spielte in seiner Freizeit mit David Gilmour Gitarre. Nach dem Abi, oder wie das in England auch heißen mag, zog es die Jungs nach London, wo Syd sich an der Kunsthochschule einschrieb und Roger Waters Architektur studierte. Dessen Kommilitonen waren unter anderem Nick Mason und Richard Wright, mit denen er in Bands unter wechselnden Namen spielte, ehe schließlich 1965 selbviert mit Syd Barrett die Band „The Pink Floyd Sound“ entstand. Der Name geht zurück auf Syds favorisierte Blues-Musiker Pink Anderson und Floyd Council, wiewohl ich meine obige Lego-Darstellung der Namensfindung auch plausibel finde, denn die Band spielte nach anfänglichen Blues- und Jazz-Interpretationen schließlich psychedelischen Rock, und das nicht ohne Drogeneinfluß. Durch intensive Live-Auftritte machte sich die Band in Londons Musikszene rasch einen Namen, und ab 1966 war sie die Hausband des UFO-Clubs. Mit „Arnold Lane“ und „See Emily Play“ wurden in März und Juni 1967 zwei erste Singles veröffentlicht, ehe im August das Debut-Album „The Piper at the Gates of Dawn“ in die Läden kam. Auf diesem Album sind die beiden Lieder der ersten Single und der A-Seiten-Titel der zweiten Single nicht enthalten; so war das früher. Zu den Singles kommen wir aber aus Gründen später. Übrigens war der „Sound“ inzwischen aus dem Band-Namen gestrichen worden, weil der Hörer ja nicht eigens darauf hingewiesen werden mußte, daß da was klang.

The Piper at the Gates of Dawn

Der Titel des Albums geht auf eine Kapitelüberschrift im Kinderbuch „Der Wind in den Weiden“ zurück, von dem sich Syd Barrett inspiriert sah. Er war schon bei den vorab veröffentlichten Singles der Hauptsongschreiber gewesen, und auch dieses Album trägt seine Handschrift sowohl hinsichtlich der Texte, die er schrieb und sang, als auch der Melodien, die er komponierte und als Gitarrist zu Gehör brachte. Zehn der elf Stücke sind nach damaligem, an den Beatles orientierten Geschmack eher kurze, zwischen 2:11 und 4:26 Minuten lange Popsongs, doch mit „Interstellar Overdrive“ eröffnet ein fast 10-minütiges Instrumentalstück die B-Seite. Da auch die A-Seite mit einem weltraumthematischen Stück, „Astronomy Domine“, beginnt und der sphärisch-psychedelische Klang auch durch die Songs „Lucifer Sam“ und „Pow R. Toc H.“ wabert, kann das Abum als prominentes Beispiel für das Subgenre Space Rock gelten. Gleichzeitig wartet „Pow R. Toc H.“ aber auch mit einem Jazz-artigen Klavierpart und hiphop-mäßigen Stimmeffekten, dargeboten von Syd Barrett, auf. Wenn das nicht progressiv ist! Da weiß ich gar nicht, was ich als Hörbeispiel einbinden soll.
Versuchen wir’s mal mit „Lucifer Sam“, das auch einem Tarantino-Soundtrack gut zu Gehör stehen würde:

Nach „Dark Side of the Moon“ und „The Wall“ bemerkte ich damals, ca. 1998, durchaus, daß dieses Album anders klang. Anders, aber auch gut; ich war ja unvoreingenommen und Neuem gegenüber offen. Den Begriff „Psychedelic Rock“ kannte ich da noch gar nicht, und dennoch war mein Interesse geweckt.

The Pink Floyd, wie sich ja damals nannten, machten unterdessen weiter Musik und legten noch im selben Jahr, immer noch 1967, eine weitere Single nach, welche die Songs „Apples and Oranges“ als A- und „Paint Box“ als B-Seite enthielt, aber kommerziell weniger erfolgreich war als die vorherigen Scheiben. Im April 1968 folgte als Überbrückung bis zur Veröffentlichung des zweiten Albums eine weitere Single, weil es die Gesetze des Schallplattenmarktes in den 60er Jahren so wollten. „It Would Be So Nice“ mit der B-Seite „Julia Dream“ kam ohne die Mitwirkung von Syd Barrett zustande, stattdessen ist David Gilmour zu hören. Wie konnte das sein?
Wie oben beiläufig erwähnt, spielten Drogen eine Rolle, und Syd experimentierte gerne damit. Offenbar vertrug er psychoaktive Substanzen aber weniger gut als seine Bandkollegen, die auch keine Kinder von Traurigkeit gewesen sein dürften. Er veränderte sich, wurde lethargisch, unzuverlässig. Auf der Bühne war er bisweilen ein Totalausfall, stand nur herum, spielte seine Gitarre nicht, sang irgendwas oder gar nichts. Daher wurde Syds Freund David Gilmour, den Roger Waters ja auch kannte, gebeten, bei Konzerten als zweiter Gitarrist zur Unterstützung Syds mitzuspielen, was dazu führte, daß David mit zunehmender Abwesenheit des etatmäßigen Bandleaders bald zum ersten und alleinigen Gitarristen wurde und auch die Gesangsparts von Barrett übernahm. Irgendwann traten Pink Floyd dann ganz ohne Syd auf, benachrichtigten ihn nicht einmal mehr über Auftrittstermine. An den Arbeiten zum zweiten Longplayer nahm er aber noch teil, so daß Pink Floyd für kurze Zeit eine fünfköpfige Combo war.

A Saucerful of Secrets

Auch auf diesem Album vom April 1968 sind die vorab veröffentlichten Singles nicht enthalten. Bedingt durch die psychischen Probleme des vormaligen Hauptsongschreibers wird „A Soucerful of Secrets“ nicht von diesem dominiert, vielmehr befindet sich nur ein Stück Barretts auf dem Album. Mindestens zwei Songs aus seiner Feder wurden zwar aufgenommen, blieben aber bis heute unveröffentlicht im Giftschrank der Band, weil sie die anderen Mitglieder für die Öffentlichkeit unzumutbar deuchten.
So traurig der Zusammenbruch Syds auch war, den anderen eröffnete er die Gelegenheit, ihr eigenes kreatives Potential zur Geltung zu bringen. Neben Syd konnte so vor allem Roger Waters mit vier, aber auch Rick Wright mit drei Nennungen Writing-Credits ergattern. Das fast zwölf Minuten lange Titelstück, von Experimentierfreude geprägt, trägt gar die Namen von allen vier Mitgliedern, wobei David Gilmour das vierte ist, denn Syd Barrett war da schon offiziell aus der Band entlassen.
So kann es nicht wundernehmen, daß die Gesamttonlage des Albums weniger poppig ist als auf dem Vorgänger. Dem psychedelischen Space-Sound blieb die Band aber treu, namentlich bei den Songs „Let there be More Light“ und „Set the Controls for the Heart of the Sun“, welches hier als Höreindruck dienen soll:

Daß man ich gezwungen sah, Syd Barrett aus der Band zu feuern, ging den verbliebenen Mitgliedern und dem ihn ersetzenden David Gilmour lange nach, denn immerhin war Syd nicht nur der kreative Kopf der Gruppe, sondern ein Freund und ein netter Kerl. Aber abgesehen davon, daß eine gedeihliche Arbeit mit ihm schlicht nicht mehr möglich war, waren weder die Jungs in der Lage, mit der Situation angemessen umzugehen, noch stand professionelle psychologische und psychiatrische Unterstützung zur Verfügung. Und so hing das Schicksal Syd Barretts fürderhin wie eine Nemesis über dem weiteren Schaffen von Pink Floyd. Die Band kompensierte ihr schlechtes Gewissen unterdessen mit Auftritten und Aufnahmen; schon im Dezember 1968 folgte die nächste Album-unabhängige Single „Point Me at the Sky“ mit der B-Seite „Careful with that Axe, Eugene“. Aber zu den Singles kommen wir, wie gesagt, später. Zum Teil sehr viel später.

„Music from the Film More“ und „Zabriskie Point“.

Im Jahre 1969 waren The Pink Floyd nicht mehr nur in der Londoner Clubszene ein Begriff, sondern durchaus weltweit bekannt, wenngleich sie auch noch keine Superstars waren. Dieser Status brachte es mit sich, daß sie einerseits interessant geworden waren für Filmproduzenten, gleichzeitig aber auch noch nicht reich genug, um Auftragsarbeiten abzulehnen. Im Jahre 1969 wurden sie daher von Barbet Schroeder (ein Männername!) beauftragt, die Musik für sein Regiedebüt „More“ zu schreiben, einem Drogendrama vor dem Hintergrund der Hippie-Bewegung. Dreizehn der im Film verwendeten Stücke wurden als Soundtrack-Album veröffentlicht, durch die bauartbedingte Höchstspieldauer einer Langspielplatte mußten weitere Songs unter den Tisch fallen; diese wurden erst 2017 im Rahmen einer Gesamtretrospektive veröffentlicht, liegen mir aber nicht vor. Dafür liegt mir zusätzlich zur CD auch eine LP-Version vor, die im Unterschied zur CD „Soundtrack from the Film More“ heißt.

Zunächst war ich seinerzeit, immer noch Ende der 90er, von diesem Album enttäuscht, da ich inzwischen anderes von Pink Floyd gewohnt war. Ihrer Bestimmung als Soundtrack gemäß enthält die Platte vermehrt kürzere Instrumentalstücke, die ohne störenden Gesang Szenen im Film musikalisch untermalen. Anders als bei einem normalen Album geht es auch nicht darum, die Grundstimmung des Albums aufrechtzuerhalten und durchzuziehen, sondern die Musik reagiert auf die situationsbedingt wechselnden Stimmungen im Film. Daher bietet „More“ zum einen lyrische Passagen wie „Cirrus Minor“ und „Cymbaline“ zum andern aber auch rockige Stücke wie „Ibiza Bar“ oder „The Nile Song“, welcher geradezu als Hardrock-Song zu bezeichnen ist. Bei nochmaligem Anhören und eingedenk ihrer Funktion vermag die Scheibe durchaus zu gefallen. Zur Abwechslung sei daher mal der „Nile Song“ zu Gehör gebracht:

Auch Michelangelo Antonioni („Blow Up“) sicherte sich die Dienste Pink Floyds für den Soundtrack zu seinem Film „Zabriskie Point“. Allerdings sollte PF hier nicht in Eigenregie den kompletten Score füllen, sondern mußte sich den Platz unter anderem mit The Greatful Dead teilen. Auf der Sondtrack-LP sind drei Songs von Pink Floyd enthalten, von denen einer eine modifizierte Neueinspielung von „Careful with that Axe, Eugene“ ist.

Als CD besitze ich diesen Soundtrack gar nicht, da ich aus dem Umstand, daß es sich um eine Kompilation mit mehreren Bands handelt, irgendwie nie eine erhöhte Mußichhabenhaftigkeit abgeleitet habe. Die LP hätte ich auch nicht, wäre sie mir nicht beiläufig im Gebraucht-CD-Laden (mit Platten-Keller) in die Hände gefallen; da ließ ich sie natürlich nicht stehen. Vielleicht sollte ich doch mal die Augen offenhalten. Als Höreindruck bis dahin erstmal „Crumbling Land“:

Bereits zuvor hatte Pink Floyd Musik zu Soundtracks beigesteuert. 1968 eine Live-Aufnahme von „Interstellar Overdrive“ für „San Francisco“, und ebenfalls 1968 eigens geschriebene Musik für den Film „The Committee“. Aber das kennt ja alles niemand. Nein, ich auch nicht. Ich hab’s auch gerade erst im Zuge meiner Recherchen gelesen.

Advertisements

CD-Regal revisited: Pink Floyd (2)

5. Oktober 2018

Mein erster Eindruck von Pink Floyds Musik war dermaßen günstig, daß ich sehr bald der CD-Abteilung von Saturn einen weiteren Besuch abstattete, um Nachschub zu besorgen. Nach wie vor war mein Wissen um die Band begrenzt, hatte ich doch zu jenem Zeitpunkt noch keinen Zugang zum Internet. Jedoch lief damals eine Fernsehserie mit Dirk Bach, „Lukas“, die ich selten schaute, weil ich generell selten fernsehe. Bin kurzsichtig. Mindestens eine Folge sah ich allerdings, und ausgerechnet da legte Dirk Bach alias Lukas das Album „Dark Side of the Moon“ auf, weil dies seinen Angaben zufolge das perfekte Kiffer-Album sei. Nun war ich zwar nie Kiffer (Ernsthaft. Nie.), aber durch diese Lukas-Episode kannte ich nun ein zweites Album von Pink Floyd, und genau das erwarb ich dann bei nächster Gelegenheit.

Dark Side of the Moon.

So steht es auf dem Rücken der CD, auf dem Titelbild fehlt jeglicher Schriftzug. Es zeigt einzig vor schwarzem Hintergrund einen Lichtstrahl, der durch ein Prisma in die Farben des Regenbogens gespalten wird. Dieses Cover ist eine Ikone der Cover-Kunst, und das Motiv begegnet einem in der ursprünglichen oder abgewandelten Form all überall in der wirklichen und virtuellen Welt, vornehmlich auf T-Shirts, getragen von Menschen, denen man nicht unbedingt angesehen hätte, daß sie auf Pink Floyd stehen. Aber so ungewöhnlich ist das gar nicht, gehört die Platte doch zu den erfolgreichsten und meistverkauften der vergangenen 50 Jahre; selbst Homer Simpson nannte ein Exemplar des Albums sein eigen. Angeblich kamen die hohen Verkaufszahlen allerdings dadurch zustande, daß audiophile Zeitgenossen dieses perfekt produzierte Werk dazu benutzten, ihre Plattenspieler zu justieren, und gegebenenfalls ein Ersatzexemplar beschafften, um stets makellosen Klang garantieren zu können. Ich hingegen legte stumpf die CD in mein schon erwähntes CD-Radio und scherte mich nicht um bestmöglichen Klang.

Es beginnt mit Herzschlag und anderen Soundeffekten und Gesprächsschnippseln, welche ins erste Lied „Breathe“ übergehen, welches in ein Instrumentalstück übergeht, welches ins nächste Lied übergeht, und das hatte ich schon mal gehört. Das hat jeder schon mal gehört! Wannimmer in einem Fernseh- oder Radiobeitrag ein Bezug zum Verlauf der Zeit hervorgehoben werden soll, erklingt entweder das Weckerklingel-Intro des Songs „Time“, oder im Hintergrund läuft der Gesangspart. Das Ende des Tracks von „Time“ ist als eigenes Lied ausgewiesen, „Breathe Reprise“, und geht schließlich über ins nächste Stück „The Great Gig in the Sky“, welches wiederum ein Instrumental ist, sofern man die ekstatische Stimme von Clare Torry als Instrument begreift.
Daß nach dem Verklingen der letzten Töne von „The Great Gig in the Sky“ früher mal die Schallplatte umgedreht werden mußte, merkt man daran, daß der Track nicht nahtlos ins nächste Lied übergeht. Und auch dieses Lied hatte ich schon mal gehört, weil jeder das schon mal gehört hat. Wannimmer in einem Fernseh- oder Radiobeitrag übers große Geld gesprochen wird und mal nicht auf ABBA zurückgegriffen werden soll, erklingt das Registrierkassen-Intro von „Money“. Selbst wenn DSOTM nicht bis heute ein Verkaufsschlager wäre, könnten die Bandmitglieder wahrscheinlich gut von den Tantiemen leben, die ihnen allein aus der Nutzung von „Money“ zufließen. Nachfolgend gehen die Songs wiederum ineinander über. Es folgen „Us and Them“, das Instrumentalstück „Any Colour You Like“, „Brain Damage“, welches sozusagen der Titeltrack des Albums ist, da er die Worte „dark side of the moon“ enthält, und es endet mit „Eclipse“, das wiederum mit Herzklopfen endet, womit das Album wieder am Beginn angelangt wäre.
Da die Single-Auskopplungen „Time“ und „Money“ eh allseits bekannt sein dürften, sei an dieser Stelle mal „Us and Them“ verlinkt. Dick Parry ist hier als Ergänzung zur Band am Saxophon zu hören:

Ob das alles ein passender Soundtrack zum Kiffen ist, vermag ich nicht zu beurteilen; ich kann das auch bei klarem Kopf schönfinden. Auch bei dieser Platte handelt es sich um ein Konzeptalbum, wenn auch vielleicht nicht so augen- oder ohrenfällig wie bei „The Wall“. Beschrieben wird das Leben eines Menschen, der durch verschiedene Aspekte der modernen Welt in Mitleidenschaft gezogen wird, bis es eben zum „Brain Damage“ kommt. Der Herzschlag, der an Beginn und Ende zu hören ist und sich symbolisch durch das ganze Album zieht, wird in der aufklappbaren Plattenhülle durch den grünen Streifen des Regenbogens als Oszillogramm dargestellt:

1973 ist der Titel der Scheibe übrigens noch „The Dark Side of the Moon“ (Hervorhebung von mir), und das Prisma ist nicht massiv ausgefüllt:

Außerdem lagen der Schallplatte zwei Poster bei, deren eines die Pyramiden von Gizeh in blauer Nacht zeigt, was ich oben als Lego-Illustration nachzuempfinden versuchte. (Bei der Gelegenheit merkte ich, daß mein Vorrat an blauen 2×4-Steinen begrenzt ist und die vorhandenen zum Teil starke Vergilbung aufweisen, aber das nur am Rande.) Nach Anhören dieses Albums war mir jedenfalls umgehend klar, daß das nicht mein letztes Album von Pink Floyd gewesen sein konnte.


CD-Regal revisited: Pink Floyd.

30. September 2018

Ich habe ja nie einen Hehl daraus gemacht, daß ich nicht nur Pink-Floyd-Fan bin, sondern mich sogar so bezeichnen würde, was nicht für alles gilt, wofür ich sympathisches Interesse hege. Aber wie konnte es dazu kommen? In meinem Elternhause jedenfalls lernte ich nicht, ein Ohr zu entwickeln für moderne Spielarten der Tonkunst; da war bei Tschaikowski Schluß, was den Inhalt des Plattenschranks angeht, und es begann bei Schütz, Händel, Bach. Trotzdem schwang „Pink Floyd“ natürlich irgendwie im kulturellen Hintergrundrauschen mit, ohne daß ich dem Begriff konkret Musik hätte zuordnen können. Ein visueller Eindruck zumindest stellte sich spätestens 1994 ein, als in der „ADAC-Motorwelt“ das Golf-Sondermodell „Pink Floyd“ beworben wurde nebst Hinweisen darauf, daß Volkswagen in Deutschland die Konzerte jener Band präsentierte. Oder so.

An meinem letzten Schultag vor den Abiturprüfungen schließlich, mit Abistreich und Musikbeschallung in verdunkelter Pausenhalle, legte der DJ neben dem unvermeidlichen „School’s Out“ von Alice Cooper auch ein Lied auf, welches ich schon zuvor mal gehört hatte, und welches die Zeilen enthielt „We don’t need no education / We don’t need no thought control“, und ich frug einfach mal, wer das sänge? Aha, Pink Floyd. Weiter konnte ich mich nicht damit beschäftigen, denn ich mußte die letzte Gelegenheit nutzen, doch endlich mal zu schwänzen. Ich entfernte mich also von der Schule, um durch die Fahrprüfung zu fallen. Was ich dann auch tat.

Nach dem Abi spülte mir der Zivildienst nie zuvor gekannte Geldsummen aufs Konto, satte 13 D-Mark am Tag! Ausgerüstet mit derartigem Reichtum konnte ich ohne Reue bei Saturn nach CDs stöbern, wo mir eines Tages tatsächlich ein Album als Nice-Price-Angebot in die Hände fiel:

The Wall

Ein Doppelalbum für 15 D-Mark, doch gab es keine Titelliste auf der Rückseite. Aber wenn das einzige mir bekannte Pink-Floyd-Lied „Another Brick in the Wall“ nicht auf dem Album „The Wall“ vertreten war, wo dann? Ich ging also das Risiko ein und nahm die CD mit. Kaufenderdings; nicht daß hier noch der Eindruck entsteht, ich würde der Liste meiner Schandtaten neben Schuleschwänzen nun etwa auch noch Ladendiebstahl hinzufügen, nee, nee.

Unbeleckt von jeglichem Vorwissen legte ich daheim Disc 1 in mein CD-Radio, um mir mit schlechtem Klang ein vermutlich bis ins Kleinste ausgetüfteltes High-Fi-Sound-Erlebnis zu geben, aber ich wußte es ja nicht besser und konnte auch nicht anders. Die Musik jedenfalls überzeugte mich fast unmittelbar. Die Mischung aus schönen Harmonien und Brachialität bot mir just die Interessanz, für die ich empfänglich war, und das bereits, ohne daß ich mich näher mit den Texten und dem alles umfassenden Konzept auseinandergesetzt hätte. Daß es sich um ein Konzeptalbum handelt, bekam ich indes schnell spitz. Auf das ouvertürenhafte „In The Flesh?“, welches das Publikum auf die zu erwartende Show vorbereitet, folgt auf der ersten Scheibe über alle Lieder verteilt der Abriß des Werdegangs eines jungen Mannes, unter besonderer Berücksichtigung aller Faktoren, die zu seinen späteren Psychosen führen: Die dominante Mutter, der Verlust des Vaters im Krieg, die eigenen Erlebnisse im Bombenhagel, die seelenlosen, grausamen Lehrer in der Erziehungsanstalt, die verkorkste Pubertät und die treulose Freundin, sowie allgemein die betonierte Gesellschaft. All dies sind Ziegel in der Mauer, mit der sich Pink – so wird der Protagonist im Lied „In the Flesh“ bezeichnet, was somit das Album als irgendwie autobiographisch ausweist – umgeben fühlt, und welche mit jeder Begebenheit weiter in die Höhe wächst, bis er emotional komplett abgeschottet ist. Als Höreindruck soll nun nicht „Another Brick In The Wall“ dienen, welches als wiederkehrendes Motiv auf der ersten Disc in drei Teile aufgesplittet ist, sondern „Young Lust“:

(„The Wall“ erschien 1979, drei Jahre zuvor hatten bereits Black Sabbath „Dirty Women“ besungen, aber das tut hier nichts zur Sache.)
Die zweite Scheibe stellt zunächst Pinks Seelenzustand in der Isolation dar. Er fühlt sich einsam und der Welt nicht weiter zugehörig, betäubt sich mit Fernsehen und Drogen, was er freilich abstreitet, und entwickelt als Folge der rigiden Erziehung, die, da er hinter seiner Mauer sitzt, nun nicht mehr durch äußere Eindrücke korrigiert werden kann, ein faschistisches Weltbild, fühlt sich gehetzt und wartet eigentlich bloß noch auf den Tod. Schließlich imaginiert er nach einem Zwischenfazit, welches die Publikumsansprache der Ouvertüre wieder aufgreift, eine Art jüngstes Gericht, freilich nicht unter dem Vorsitz Gottes, sondern von Richter Wurm, da Leichen nun mal von Würmern zerfressen werden, mit der Anklage, Gefühle von beinahe menschlicher Natur zu haben. Das Urteil lautet: Öffentliche Zurschaustellung, also weg mit der Mauer!
Als Anspieltipps böte sich hier so manches an, das längste Stück der Platte, „Comfortably Numb“, das getriebene „Run Like Hell“ oder auch das operettenartige „The Trial“, aber mir hat es „Hey You“ angetan:

Was ich damals, 1996 oder 1997, alles noch gar nicht wußte:
„The Wall“ ist in der Tat irgendwie autobiographisch, insofern Roger Waters, der Bassist und Hauptsongschreiber jener Tage, hier die Traumata seiner eigene Kindheit aufarbeitet. Auf der vorausgegangenen Tour hatte er an sich selbst Verhaltensweisen bemerkt, die ihm ganz und gar nicht behagten, was ihm die Idee zu diesem Konzeptalbum gab. Die anderen Bandmitglieder waren am kreativen Prozeß nur marginal beteiligt, einzig David Gilmour konnte mit „Comfortably Numb“ ein wahres Highlight aufs Album schmuggeln. Pianist Richard Wright wurde sogar nach Abschluß der Studioaufnahmen aus der Band gefeuert, da er sich mit Roger Waters so gar nicht mehr verstand, ironischerweise jedoch für die folgenden Live-Darbietungen als bezahlter Bühnenmusiker wieder engagiert.

Diese Bühnen-Show war das Aufwendigste (mit e!), was seit barocken Opernaufführungen vor Publikum zelebriert wurde. Quer über die Bühne wurde während der Show eine Mauer aus Pappquadern gebaut, auf diese Mauer wurden von Gerald Scarfe animierte Szenen projiziert, davor wackelten überlebensgroße Marionetten über die Bühne, eine Pseudo-Band in Masken der originalen Pink-Floyd-Mitglieder spielte vor der Mauer, während die Band selbst dahinter weitgehend im Verborgenen blieb. Am Ende fiel die Mauer mit lautem Getöse in sich zusammen. Das alles war so teuer, platzfordernd und eben aufwendig, daß „The Wall“ 1980 und 1981 nur an vier Orten weltweit überhaupt aufgeführt wurde, namentlich Los Angeles, wo die Premiere stattfand, New York, selbstverständlich London und – – – Dortmund. Damals galt die Westfalenhalle noch als erste Adresse für derlei Veranstaltungen.

Irgendwann später (im Jahr 2000) erwarb ich dieses opulente Live-Doppelalbum, wiewohl ich früher überhaupt kein Freund von Live-Versionen irgendwelcher Lieder war. Aber seit ich erfahren hatte, daß ausgerechnet Dortmund Schauplatz der exklusiven The-Wall-Show war, drängte es mich, ein Dokument dessen zu besitzen. Das Live-Album wurde freilich in London aufgenommen. Vergebens war die Anschaffung dennoch nicht, denn die Longbox enthält ein Buch, das den Produktionsprozeß der Show dokumentiert. Passend zur den Rahmen sprengenden Bühnen-Show ist auch diese Verpackung so voluminös, daß sie nicht vernünftig in mein CD-Regal paßt. Nun ja.

Roger Waters hatte „The Wall“ nicht bloß als Konzeptalbum entworfen, sondern die visuelle Präsentation von vornherein mitgeplant. Innerhalb des Albums selbst wird die „Show“ mehrfach erwähnt (Der Song „The Show Must Go On“ ist freilich weniger im Bewußtsein der Öffentlichkeit, als es Queens Lied unter demselben Titel sein mag.), und auch die Pseudo-Band vor der Bühnen-Mauer findet Erwähnung. Die Aufmachung der Album-Hülle (außen schlicht und innen farbenprächtig) wurde ebenso von Gerald Scarfe entworfen wie die Animationen, die während der Show über die Mauer flackerten, und die animierten Passagen im surrealistischen Film von 1982. Die Hauptrolle des Pink spielt dort Bob Geldof, und die Handlung wird nahezu ausschließlich anhand der Musik des Albums erzählt. Der Song „When The Tigers Broke Free“, der nicht mehr auf die Schallplatte gepaßt hatte, konnte im Film verwendet werden.
Na gut, also doch „Another Brick In The Wall part 2“:

Auch diesen Film kaufte ich erst sehr viel später, und die DVD-Hülle ist so schmal, daß sie in der Tat quer über die CDs ins Regal paßt.

Den Titel Mutter aller Konzeptalben dürfte „The Wall“ trotz der epochalen Begleitumstände nicht für sich beanspruchen, denn da ist „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ vor. Das war mir natürlich schnurz, mir gefiel’s, sehr sogar. Als erste Begegnung mit der Musik von Pink Floyd hätte es freilich fatal sein können, denn der zum Teil bombastische Sound von „The Wall“ ist keineswegs charakteristisch für das frühere Œuvre der Band. Des wurde ich sehr bald gewahr, denn dieses Album machte mir umgehend Appetit auf mehr, so daß mein Kauf eines zweiten Pink-Floyd-Albums nicht lange auf sich warten ließ.


CD-Regal restocked: Black Sabbath (Dritter Nachtrag)

9. März 2018

Na, wer sagt’s denn! Im Dezember 1997 fand endlich das statt, worauf die Fans seit 1979 gehofft hatten, was sich zwischendurch mehrmals anläßlich von Festival-Auftritten angedeutet aber letztlich nicht erfüllt hatte: Black Sabbath in Originalbesetzung fanden sich zu zwei Konzerten in Birmingham zusammen, um endlich ein offizielles Live-Album aufzunehmen. Alles, was es zuvor an Sabbath-Live-Alben gegeben hatte, war entweder nicht von der Band authorisiert gewesen, oder war halt nicht die Urbesetzung. Und – Hand aufs Herz – nur diese zählt. Naturgemäß enthält das passenderweise Reunion betitelte Konzert nur Songs der Ozzy-Ära von 1968 bis 1979. Als besonderes Schmankerl nahmen Iommi, Butler, Osbourne und (mit Abstrichen) Ward für die Veröffentlichung zwei (ein) neue(s) Lied(er) im Studio auf: „Psycho Man“ selbviert, den Song „Selling my Soul“ merkwürdigerweise ohne Bill Wards Schlagzeugspiel. Was das nun wieder sollte? Möglicherweise spielte ein leichter Herzinfarkt Bill Wards eine Rolle.

Black Sabbath waren also wieder vereint, spielten einzelne Konzerte und im Jahre 2005 sogar eine Tour. Zu einem kompletten Studioalbum konnten sich die vier Veteranen aber nicht aufraffen. Immerhin erhielten sie im Jahre 2000 ihren ersten Grammy für „Iron Man“ in der Reunion-Version.

The Dio Years

Im Jahre 2007 hatte die Plattenfirma die Idee, Black Sabbaths Ära mit Ronnie James Dio am Mikrophon auf einem Kompilationsalbum zusammenzufassen. Das versprach zusätzliches Tonträger-verkaufspotenzial, also sagte Tony Iommi zu. Auch Ronnie war einverstanden. Die Zusammenstellung vereint Lieder der Alben „Heaven and Hell“, „Mob Rules“ und „Dehumanizer“ sowie den Song „Children of the Sea“ vom Konzertalbum „Live Evil“, das ich in meiner Sammlung ausgelassen habe. Und da das Reunion-Live-Album zwei zusätzliche Studio-Songs enthalten hatte, sollte auch diese Dio-Werkschau solche enthalten, aber dieses mal sogar drei; in your face, Ozzy! Obwohl Black Sabbath zu diesem Zeitpunkt ja offiziell aus Tony Iommi, Geezer Butler, Bill Ward und Ozzy Osbourne bestand, gingen Toni und Geezer mit Ronnie James Dio und Vinnie Appice, der einst auf „Mob Rules“ und „Dehumanizer“ die Trommel gerührt hatte, ins Studio, um unter dem Namen „Black Sabbath“ drei Songs aufzunehmen. „The Devil Cried“:

Da Iommi offenbar aufgefallen war, daß das für Bill und Ozzy möglicherweise ein Affront sein könnte, absolvierte das Quartett die Promo-Tour zum Dio-Years-Album unter dem Namen „Heaven & Hell“, was nun ausgerechnet das Dio-Album ist, auf dem Vinnie Appice nicht mitspielt, Mann, Mann, Mann…
Bis hierher hatten die jüngeren Aktivitäten Black Sabbaths seit 1997 vor allem retrospektiven Charakter, wie es für eine Band im Herbst ihres Schaffens charakteristisch ist. Doch was mit Ozzy und Bill Ward nicht geklappt hatte, war mit Ronnie möglich: ein neues Studioalbum aufzunehmen.

Heaven & Hell – The Devil You Know

Es bestehen nur geringe Zweifel daran, daß dieses 2009er Album ein Black-Sabbath-Album ist, ungeachtet des anderslautenden Band-Namens auf dem Cover. Dafür spricht neben der bewährten B-Besetzung mit Iommi, Butler, Dio und Appice die Verwendung des langjährigen Sabbath-Maskottchens Henry.
Dieser geflügelte Dämon war zum ersten Mal auf der Innenseite des Albums „Never Say Die“ aufgetaucht und seitdem immer wieder auf Merchandiseprodukten der Band verwendet worden. Ursprünglich prangte er mal Mitte der 70er Jahre auf einem Konzertplakat, ohne Zutun der Band, aber zu ihrem Pläsier, also wurde er adoptiert, vermutlich ohne Tantiemen an den Künstler. Musikalisch bietet „The Devil You Know“ ebenfalls Bewährtes. Schleppende, doomige Gitarrenriffs hintermalt mit wahrnehmbarem Baßsound, überlagert von Dios markanter Stimme. Inhaltlich spart Ronnie nicht mit religiösen Anspielungen und düsteren Motiven.
„Follow the Tears“:

Die das Album begleitende Tour führte Black Sabbath Heaven & Hell auch zum Wacken Open Air, was Dios letzter großer Auftritt werden sollte. Denn eine Krebserkrankung zwang ihn zur vorzeitigen Beendigung der Tour, und am 16. Mai 2010 verstarb Ronnie James Dio und nahm seine großartige Stimme nebst der Manu Cornuta mit ins Grab.

13

Mit Dios Tod blieb die Besetzung Iommi/Butler/Osbourne/Ward als einzige Sabbath-Variante stehen, ohne freilich zunächst aktiv zu sein. Erst Mitte 2011 verdichteten sich Gerüchte betreffs einer erneuten Wiedervereinigung, die schließlich gegen Jahresende von Black Sabbath offiziell bestätigt wurden: Im Jahre 2012 sollte es ein neues Studioalbum in Originalbesetzung mit anschließender Tour geben. Doch dann erkrankte Tony Iommi an Krebs, was verständlicherweise den Beginn der Studioaufnahmen verzögerte. Und als schließlich Iommis Krebs so weit eingedämmt war, daß es hätte losgehen können, gab Bill Ward seinen Ausstieg aus Black Sabbath bekannt. Von Seiten der Band wurde die wackelige Gesundheit des Drummers als Grund für dessen Rückzug angegeben, immerhin hatte er schon 1998 einen Herzinfarkt erlitten, und eine komplette Tour am Schlagzeug sei ihm in seinem Alter nicht mehr zuzumuten. Ward selbst begründete seinen Ausstieg freilich mit einem nicht unterzeichnungswürdigen Vertrag, der ihm vorgelegt worden sei, sein Gesundheitszustand sei einwandfrei. Wie dem auch sei, schade, aber anstelle Bill Wards ist auf dem 2013er Album „13“ Rage Against The Machines Drummer Brad Wilk am Schlagzeug zu hören, die anschließende Promotour absolvierte Tommy Clufetos. Nun können die Jungs also auf ihrer Autogrammkarte vermerken, daß sie mal der legendären Band Black Sabbath angehört haben, aber große Zuneigung dürfen sie dafür leider nicht erwarten, denn die Fans nahmen die Nachricht vom Ausstieg des Gründungsmitglieds Bill Ward mit Unverständnis und Bitterkeit zur Kenntnis. Zu allem Überfluß trat als Produzent Rick Rubin in Erscheinung, der schon Metallicas Album „Death Magnetic“ soundtechnisch verhunzt hatte. Oder haben soll; ich merke sowas ja nie. Musikalisch knüpft „13“ durchaus an das Heaven&Hell-Abum an, freilich mit der markanten Stimme Ozzy Osbournes statt der andersartig markanten Stimme Ronnie James Dios. „Age of Reason“:

Die Wiedervereinigung mit Ozzy Osbourne hatte Hoffnungen genährt, wieder so ein inspiriertes Album zu erhalten, wie es „Paranoid“, „Master of Reality“ oder „Vol.4“ gewesen waren. Aber das war wohl nicht zu erwarten, denn es lagen ja 25 Jahre zwischen dem letzten Sabbath-Album mit Ozzy-Beteiligung und diesem Werk. Es wird daher nicht allein am Fehlen Bill Wards gelegen haben, daß „13“ durchaus anders klingt als die Werke der klassischen Ära, langsamer, doomiger, ohne die vielfachen Rhythmus- und Melodiewechsel. Ich finde „13“ nicht schlecht, aber es vermag auch nicht zu begeistern. An Songmaterial mangelte es der Band jedenfalls nicht; das Album ist als abgespeckte Normalversion mit acht Liedern, als Deluxe-Edition mit drei weiteren Liedern, oder als Superduperdeluxe-Verion mit gar einem vierten Bonustrack zu bekommen. Und es blieben sogar noch Songs übrig.

The End

Möglicherweise unter dem Eindruck von Tony Iommis Krebserkrankung, die weiterhin therapeutische Maßnahmen erforderte, gab Black Sabbath 2015 bekannt, daß die 2016 beginnende Welttournee „The End“ die Abschiedstour sein werde. In Originalbesetzung, mit Bill Ward? Nein. Grmpf. Am Schlagzeug saß weiterhin Tommy Clufetos. An den Souvenirständen wurde während der Konzerttour die EP „The End“ verkauft, die neben vier Liveaufnahmen, die auf der vorangegangenen Tour entstanden waren, vor allem vier neue Songs enthielt, die wohl bei den Aufnahmen des Albums „13“ übriggeblieben waren. Zum Beispiel „Cry All Night“:

Mit 54 Minuten Spieldauer ist diese EP länger als so manches Studioalbum von Black Sabbath, und das ließen sich die alten Herren auch fürstlich bezahlen. Wie ich irgendwo las und jetzt nur aus der Erinnerung krame, hat die CD im Pappschuber 30 Euro gekostet, von Ozzy, Toni und Geezer signerte Exemplare gleich mal 90 Euro. Oder irgendwie so. Jedenfalls sollte diese CD natürlich exklusiv den Konzertbesuchern vorbehalten bleiben, was sie nicht blieb, denn im Internet gibt’s ja alles.

The End (4 February 2017 Birmingham)

Das Ende war nahe, am 4. Februar 2017 war es soweit. Und was Iommi, Butler und Osbourne eventuell an Stil im Umgang mit ihrem alten Kameraden Bill Ward haben vermissen lassen, das machten sie mit der Wahl des Schauplatzes ihres finalen Konzerts wieder wett. Das konnte nur Birmingham sein! (Und war es auch.) Es wurden keine Songs von „13“ gespielt, sondern ausschließlich Klassiker der ersten sieben Alben, beginnend mit „Black Sabbath“, gipfelnd in „Paranoid“, dazwischen „Fairies Wear Boots“, „Under the Sun/Every Day Comes and Goes“, „After Forever“, „Into the Void“, „Snowblind“, „War Pigs“, „Behind the Wall of Sleep“, „Basically/ N.I.B.“, „Hand of Doom“, ein Meddley aus „Supernaut, Sabbath Bloody Sabbath, Megalomania“, „Iron Man“, „Dirty Woman“ und „Children of the Grave“, wie es sich gehört, mit „Embryo“-Intro. Tommy Clufetos wurde ausgepfiffen, als Ozzy die Band vorstellte, weil er halt leider nicht Bill Ward ist; kann er ja auch nichts zu. Er konnte aber mit dem Drum-Solo in „Rat Salat“ glänzen. Freundlicherweise stellen Black Sabbath den Konzertausschnitt mit „Children of the Grave“ auf ihrem Youtube-Kanal selbst zur Verfügung, drum:

Das war’s also mit Black Sabbath. Haben sie denn nun den Heavy Metal erfunden?
Weiß ich nicht. Sie selbst sahen sich wohl eher neben Deep Purple und Led Zeppelin im Hard Rock, verwurzelt im Blues, mit Ausflügen in den Progressive Rock. Zur Metal-Band machte sie Ronny James Dio eigentlich erst, nachdem es die richtigen Metal-Bands wie Iron Maiden und Judas Priest schon gab. Aber ist ja auch egal, ihr Einfluß auf die erwähnten richtigen Metal-Bands ist jedenfalls unbestreitbar.
Ich fand von Beginn meiner Entdeckungstour an reizvoll, daß Ozzy Osbourne, der Prince of Darkness und Godfather of Heavy Metal, eigentlich ein alter Hippie ist, daß Tony Iommi, Geezer Butler und Bill Ward Blues spielten, bloß mit heruntergestimmten Instrumenten. Und in der Tat sind die frühen Werke der Band in Urbesetzung die besten, so gut Ronny James Dio auch singen kann, und so bemüht Tony Martin auch war, dem Namen Black Sabbath gerecht zu werden. Das machte es allerdings schwierig, Alben wie „Tyr“ oder „Forbidden“ überhaupt anzuschaffen, denn der örtliche Saturn führte sie gar nicht, und über Amazon waren sie schließlich auch nur aus zweiter Hand zu bekommen. Aber dafür ist man ja Sammler.


CD-Regal revisited: Deep Purple.

26. Januar 2018

Kleines Interludium.

Im Rahmen der Black-Sabbath-Retrospektive fiel ja das ein oder andere Mal der Name „Deep Purple“, weil verschiedentlich Musiker, die mal bei Deep Purple gespielt hatten oder zumindest in einer der Nachfolgebands von Deep Purple, eine freigewordene Position bei Black Sabbath besetzten. Und im Gegensatz zu Black Sabbath oder Pink Floyd, die ich in Kindertagen nur dem Namen nach kannte, konnte ich den Begriff „Deep Purple“ mit Fleisch füllen. Weil: „Smoke on the Water“. Als ich irgendwann in den 1990er Jahren mein erstes Radio bekam (aber im Haushalt meiner Eltern wohnte und kein eigenes Einkommen hatte, weil ich ja noch Schüler war; also Füße stillgehalten, GEZ!), wurden im WDR noch Lieder gespielt, die so um die 20 Jahre alt waren, und wenn es sich um „Smoke on the Water“ oder irgendwas von Queen handelte, auch durchaus im Tagesprogramm und nicht bloß in Roger Handts abendlicher Oldie-Show. Auch heute noch werden im WDR 20 Jahre alte Lieder gespielt, mit dem feinen Unterschied, daß Songs, die damals 20 Jahre alt waren, oft cooler sind als Lieder, die heute 20 Jahre alt sind. Wie dem auch sei, „Smoke on the Water“ kannte ich jedenfalls, und sobald ich wußte, nach welcher Band ich suchen mußte, stapfte ich in einer unterrichtsfreien Stunde zum der Schule nahegelegenen Saturn oder zu Karstadt und suchte nach einer CD, die dieses Lied enthielt. Ich Naivling. Statt das Album anzuschaffen, auf dem der Song enthalten ist, kaufte ich eine Kompilations-CD, ich wußte es halt nicht besser, und wahrscheinlich war sie schlicht billiger. „Deepest Purple – The Very Best of Deep Purple“ enthält zwölf Lieder, zusammengeklaubt von sechs Alben und zwei Singles. Die Zusammenstellung ist © 1980, stammt also noch aus Schallplattenzeiten, denn CDs wurden erst ab 1982 hergestellt und verkauft. Aber mein Exemplar muß auf jeden Fall ein frühes sein, denn das äußerst spartanische Booklet legt mehr Wert auf die Erklärung des Compact-Disc-Digital-Audio-Formats in vier Sprachen, denn auf Erläuterungen zu Deep Purple und den enthaltenen Liedern. Die Cover-Gestaltung wurde also wohl eins-zu-eins von der Langspielplatte übernommen.

Aber immerhin lernte ich hier die Mitglieder der Band kennen, und seither sind mir Ritchie Blackmore und Ian Gillan ein Begriff. Der Erstgenannte, weil „Blackmore“ für mich ein irgendwie einprägsamer Name war, und Zweiterer, weil ich „Gillan“ gerne mit „Gilliam“ velwechserte, bekannt aus der Monty-Python-Riege. Ansonsten legte ich seinerzeit nur wenig Wert darauf, Bandmitglieder namentlich zu kennen. Vermutlich beschränkte sich dies bei mir damals auf die Beatles. Die kannte sogar meine Mutter.

Da „Smoke on the Water“ immer schon der Über-Hit der Band war, die Mutter aller Gitarrenriffs enthält und daher unzweifelhaft in die Ahnenreihe des Heavy Metal einzugliedern ist, bildet dieser Titel an zwölfter Stelle den Höhepunkt der Platte. Auf die Kassette „Altes (aber Gutes)“, die ich mir irgendwann später mit Altem (aber Gutem) zusammenstellte, schaffte es neben „Smoke“ außerdem „Child in Time“. Mit Blick auf das heutige Radioprogramm, gespeist aus dem, was die Plattenindustrie so hervorpreßt, ist das „aber“ durch „darum“ zu ersetzen. (Aber nein, es gibt auch heute noch Gutes, bloß zahlen deren Produzenten die Radiostationen nicht dafür, es in die Heavy Rotation aufzunehmen.)

Ob so eine Best-of-Zusammenstellung wirklich das Beste aus dem Katalog eines Musikers oder einer Band erfaßt, ist streitbar. Naturgemäß ist der zur Verfügung stehende Platz begrenzt, und es sollen möglichst alle Schaffensepochen repräsentiert sein. 1980, dem Zeitpunkt, da dieses Best-of erstellt wurde, befand sich Deep Purple im Zustand der zwischenzeitlichen Nichtexistenz, nämlich seit 1976 bereits; demzufolge war das Material überschaubar und gut einzugrenzen, da ja aktuell nichts Neues hinzukam. Dennoch sind nur sechs der bis dahin zehn Studioalben der Band berücksichtigt. Nun ja, da ich ja außer dieser einen Platte (noch) nichts weiter von Deep Purple kenne, kann ich mir darüber kein Urteil erlauben. Allerdings kristallisierten sich beim neuerlichen Durchhören der CD durchaus andere Stücke als Anspieltipps heraus, neben meinen damaligen Favoriten. Genannt sei „Demons Eye“:

Wie die Suche nach einem verlinkbaren Titel von „Deepest Purple“ ergab, gibt es inzwischen neuere Auflagen dieses Best-ofs, welche mehr Songs enthalten. Doch statt meine Ausgabe up-zu-graden (Wie notiert man denn solch ein Half-und-Halb-Word im Deutschen grammatisch annehmbar, wenn nicht gar korrekt?), dürfte es sich durchaus lohnen, wenn ich mich darauf konzentriere, die Diskographie Deep Purples strukturiert aufzuarbeiten. Ich kann ja nicht anders.


CD-Regal restocked: Black Sabbath (Zweiter Nachtrag)

23. Dezember 2017

The Eternal Idol

Durch das verhinderte Soloprojekt „Seventh Star“ hatte sich unwillentlich aller Beteiligten – vielleicht mit Ausnahme der Plattenfirma – etabliert, daß „Black Sabbath“ allein mit Tony Iommi stehen und fallen würde. Zunächst blieb Sabbath stehen, aber die Besetzung der Band war nicht mehr in Erz gegossen. Wie übrigens auch das Titelbild des 1987er Albums „The Eternal Idol“ nicht, wiewohl es die photographische Darstellung einer Bronzeskulptur gleichen Namens von Auguste Rodin zu sein scheint; aber es konnten keine Bildrechte am Werk erworben werden, also wurden kurzerhand Modells angeheuert und in Farbe getüncht, um die Figurengruppe abzulichten. Jedenfalls, die Besetzung. Langsam wurde es unübersichtlich. Eigentlich wollte Iommi mit dem Seventh-Star-Lineup weitermachen, welchselbiges ja auf der Tour schon nicht mehr dem des Albums entsprach, da Glenn Hughes abgesprungen war und durch Ray Gillen ersetzt wurde. Geoff Nicholls ist gesetzt. Dave Spitz hingegen ist auf dem Backcover als Bassist angegeben, ohne jedoch auf dem Album vertreten zu sein; an seiner statt bassiert Bob Daisley, nicht die erste Eingemeindung aus Ritchie Blackmore’s „Rainbow“ (zuvor Ronnie James Dio), und es sollte auch nicht die letzte bleiben. Daisley ging nach den Album-Aufnahmen freilich nicht mit auf Tour, sondern schloß sich Gary Moore an. Drummer Eric Singer tat es ihm nach; später gründete er gemeinsam mit Sänger Ray Gillen die Band „Badlands“. Aber Gillen war da schon gar nicht mehr der Sänger von Black Sabbath, da er, statt die Arbeit an „Eternal Idol“ abzuschließen, lieber eine Band namens „Blue Murder“ gründete. Die Stimme auf dem Album gehört einem (damals) jungen Mann aus Birmingham, welcher Tony Iommi aufgefallen war, weil er in einer von einem befreundeten Manager betreuten Band sang und sich zuvor bereits bei Sabbath beworben hatte. Tony Martin ist der Name, und was als Verlegenheitslösung begonnen haben mochte, war stabil genug, um zu einer Ära zu werden, mithin der dritten solchen in der Geschichte von Black Sabbath.
Hören wir doch zwischendurch mal hinein, zum Beispiel in den Titel „Ancient Warrior“:

Der Text ist etwas ambig. „He is the king of all kings“ (Dschieses?), „The keeper of the light“ (Luzifer?) – das hat klassisches Sabbath-Potenzial. Dasselbe gilt für das Titelstück, mit dem dieses Album in der Urversion endet. Es bietet einen pessimistischen Blick auf Politik und Gesellschaft, vermengt mit religiösen Motiven. Die Nicht-Urversion des Albums, namentlich die Deluxe-Edition aus dem Jahre 2010, enthält zusätzlich zwei Single-B-Seiten („Black Moon“ und „Some Kind of Woman“) sowie auf der zweiten Disc Studiosessions des Albums mit Ray Gillen am Mikro. Das ist freilich nicht das einzige, was von Ray Gillen blieb, denn sein boshaftes Lachen im Lied „Nightmare“ wurde auch in die von Tony Martin gesungene und ursprünglich veröffentlichte Version eingesamplet.

Headless Cross

Nach dem Abgang von Drummer und Bassisten mußte Tony Iommy mal wieder die Band neustrukturieren. Als Konstanten blieben Geoff Nicholls am Keyboard und Tony Martin am Mikrophon. Und Tony Iommi an der Gitarre, aber das ahnte man schon. Auf dem Album „Headless Cross“ von 1989 ist Laurence Cottle am Baß zu hören, aber *seufz* die anschließende Tour machte nicht er mit, sondern Neil Murray stieg bei Black Sabbath ein. Das Schlagzeug bediente Cozy Powell, vormals … na? Richtig! „Rainbow“. Einzig die Unersetzlichkeit Tony Iommis scheint Ritchie Blackmore davon abgehalten zu haben, höchstselbst bei Sabbath die Gitarre zu spielen. Oder? Brian May ist als Gastsolist im Lied „When Death Calls“ zu hören, also hätte Ritchie durchaus… Blödsinn.
Nachdem Tony Martin auf „The Eternal Idol“ für das bereits so gut wie fertige Album lediglich die Texte anstelle von Ray Gillen eingesungen hatte, oblag es ihm nun, selbst die Texte zu verfassen, wie man es gemeinhin vom Sänger erwartet. Was insofern verwunderlich ist, als dies ja in den Anfangstagen der Band keineswegs die Norm war, insofern Bassist Geezer Butler und eben nicht Ozzy Osbourne den Großteil der Texte verfaßt hatte. Tony (Martin) sah sich also mit der Aufgabe konfrontiert, sabbathtypische Songs zu schreiben, und er flüchtete sich in düstere, teils okkulte Motive, die den Teufel nicht ausließen. Auch das Kreuz als erstes inoffizielles Black-Sabbath-Symbol durfte nicht fehlen, hence the title. Nach einem ominösen Intro mit Namen „The Gates of Hell“ steht das Titelstück als zweiter Track am Beginn des Albums:

Das Motiv des keltischen Kreuzes mit dem romantogothischen Bandnamen war, wie anfangs erwähnt, meine erste Begegnung mit Black Sabbath – auf dem T-Shirt eines mir nicht namentlich bekannten Mitschülers in der Pausenhalle. Mein Klassenkamerad Jan Freitag war es, der anmerkte, daß „das Satanisten“ seien. Diesen Eindruck könnte man angehörs des vorliegenden Albums in der Tat gewinnen, denn während bei Geezer Butler in den 70ern die Erwähnung Satans keineswegs dazu diente, ein verehrungswürdiges Bild des Gehörnten zu zeichnen, sondern eher als Symbol stand für den Zustand einer gottverlassenen Welt, in welcher augenscheinlich finstere, korrupte Mächte am Werke waren, ist dies auf „Headless Cross“ durchaus nicht der Fall. Schon das Titelmotiv des zerbrochenen Kreuzes (bildlich dargestellt auf der Rückseite des Covers) deutet auf eine antichristliche Einstellung hin, und auch die Beschreibungen von Satan bzw. dem Devil sind, wenn zwar nicht gerade offen verehrend, so doch auch nicht deutlich ablehnend. Dessen ungeachtet denke ich, daß dies vor allem Tony Martins Bestreben geschuldet ist, vielleicht etwas überambitioniert, eine Stimmung zu erzeugen, die der Legende „Black Sabbath“ angemessen schien. Übrigens war wohl Tony Iommi zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt, denn er wies seinen Frontman an, es mit der Teufelsbuhlerei nicht zu sehr zu übertreiben und das alles auf dem nächsten Album etwas zurückzuschrauben.

TᛉR

1990 erschien mit „Tyr“ das dritte Sabbath-Album in Folge mit demselben Sänger, und auch der Rest der Band ist gegenünber dem Vorgängeralbum beinahe unverändert, mit Ausnahme von Neil Murray, der erst mit dem Beginn der Headless-Cross-Tour als Bassist eingestiegen war; soviel Konstanz hatte es seit dem Bodensee… Falsche Konnotation. Seit über 10 Jahren nicht mehr gegeben.
Auf den ersten Blick scheint „Tyr“ ein Konzept-Album zu sein, das Artwork ist nordischen Schnitzereien nachempfunden, Tyr ist ein Gott der nordischen Mythologie (ein Sohn Odins), und der Titel ist in Runen geschrieben, freilich falsch, den die Algiz-Rune (ᛉ) repräsentiert kein y, sondern x oder z, aber geschenkt. In des Albums Mitte bzw. zu Beginn der B-Seite nimmt ein Triptychon von „The Battle of TYR“, „Odin’s Court“ und „Valhalla“ den Albumtitel thematisch auf. Auch das zweite Lied der Platte „The Law Maker“ kann mit dem Gott Tyr in Verbindung gebracht werden, welcher gemäß Wikipedia „Souverän des Rechts“ ist. (Benjamin Hederichs „Gründliches Mythologisches Lexikon“ ist leider nicht so gründlich, daß es sich um die nordische Mythologie scheren würde. Punktabzug! Aber soeben fällt mir wieder ein, daß Rudolf Simeks „Lexikon der germanischen Mythologie“ hier ja auch steht. Wenn Tyr da nicht drinsteht… Er steht. Aha: In vorgermanischen, also indogermanischen Zeiten war Týr als Himmels- Kriegs- und Versammlungsgott noch so bedeutend, daß sein Name auf „Zeus“ einwirkte und schlechthin für „dei“, also „Götter“ im Allgemeinen stand. Klammer zu.) Die andere Hälfte des Albums nimmt keinen Bezug zu nordischen Gottheiten, sondern spielt auf das mittelalterliche Christentum an, musikalisch besonders deutlich im Opener „Anno Mundi (The Vision)“:

Ob der Titel „Jerusalem“ eine Anspielung auf Englands dritte oder vierte Nationalhymne „Jerusalem“ ist, weiß ich nicht. Aber da Tony Iommi Tony Martin (Dativ) ja quasi verboten hatte, ständig auf Black Sabbath‘ Satanismusklischee herumzureiten, schmuggelte dieser mit „The Sabbath Stones“ wenigstens das Sabbath-Selbstbezug-Klischee ein. Musikalisch überwiegen düstere atmosphärische Klänge, weniger Tony Iommis Gitarrenriffs.

Dehumanizer

Tony (Martin, again) hatte sich durchaus als stimmgewaltiger Sänger und fähiger Lyriker… Lyrizist… Songwriter erwiesen, doch die drei Alben, die mit ihm am Mikro entstanden, blieben hinter den Erwartungen zurück. Vor allem hinter Tony Iommis finanziellen Erwartungen. Darum strebte Tony (Iommi, diesmal) eine erneute Zusammenarbeit mit Ronnie James Dio an. Auch konnte er Geezer Butler wieder ins Boot holen. Da Cozy Powell sich das Schlüsselbein brach, mußte auch der Platz am Schlagzeug neubesetzt werden, und Vinny Appice kehrte dorthin zurück. Somit war das Lineup des Albums „Mob Rules“ wieder vereint, und im Jahre 1992 erschien das Album „Dehumanizer“. Tony (also Martin jetzt) gibt an, nie formell gefeuert worden zu sein; Tony (Iommi) war möglicherweise zu introvertiert, um dergleichen offiziell und endgültig zu tun. Irgendwie konnten verschiedene Inkarnationen von Black Sabbath zeitgleich nebeneinander existieren, was später noch einmal deutlich wurde.
Das Titelbild von „Dehumanizer“ zeigt in 90er-Jahre-Airbrush-Optik einen Roboter-Sensenmann, welcher einen T-Shirt-Träger vermittelst Sith-Blitzen vom Menschenleben zum Robotertod befördert – etwas cheesy. Musikalisch knüpft dieses Album aber in der Tat an „Mob Rules“ an. Ronnie James Dios druckvolle Stimme kämpft mit Tony Iommis Gitarre und Geezer Butlers Baß um die akustische Vorherrschaft. Thematisch sind die Texte zum Teil im damals noch argwöhnisch beäugten Computer-Zeitalter angesiedelt, spiegeln aber nach wie vor Ronnie James Dios Vorliebe für Fantasy wieder.
„I“:

Am Ende der Dehumanizer-Tour stand ein gemeinsamer Auftritt von Black Sabbath mit Ozzy Osbournes Solo-Band (Ein Oᛉᛉymoron. Ha!) im kalifornischen Costa Mesa. NaTÜRlich war Ronnie nicht dazu zu bewegen, die Bühne mit seinem erklärten Erzfeind Ozzy Osbourne zu teilen, und da sein Vertrag mit Black Sabbath sowieso auslief, qittierte er den Dienst. Judas-Priest-Sänger Rob Halford erhielt so die Gelegenheit, sich in die illustre Liste von Black-Sabbath-Sängern einzureihen, da er Ronnie bei diesen Shows ersetzte. Überdies kam es zu einer tatsächlichen One-Night-Only-Wiedervereinigung von Black Sabbath mit Ozzy und Bill Ward für immerhin vier Lieder.

Cross Purposes

Ronnie James Dio war beleidigt abgezogen, aber das machte ja nichts, denn eigentlich war ja sowieso Tony Martin der aktuelle Sabbath-Sänger. Da aber auch Vinny Appice seinen Platz hinterm Drum kit wieder räumte, mußte Ersatz her, dieses Mal Bobby Rondinelli, welchselbiger auch schon mal bei „Rainbow“ gespielt hatte, Black Sabbath‘ Ersatzteillager. Geezer Butler blieb und verlieh dem 1994er Album „Cross Purposes“ somit ein wenig klassischen Black-Sabbath-Glanz. Theoretisch. Denn leider muß ich sagen, daß dieses Album genau diesen Glanz vermissen läßt. Bis auf ein paar gelungene Riffs („Immaculate Deception“) und nette Melodien („The Hand that Rocks the Cradle“) kommt da nicht viel. Tony Martins Stimme wirkt müde und entwickelt nicht denselben großen Umfang wie auf den vorherigen drei Alben. Die Songs klingen irgendwie uninspiriert, mehr wie eine Pflichtübung denn wie eine Herzensangelegenheit. Pflichtschuldigst werden ein paar Kreuze eingestreut („Cross of Thorns“), einige religiöse Motive dazwischengeworfen („Back to Eden“), wird etwas Morbidität vorgetäuscht („Dying for Love“). Schon das Titelbild ist irgendwie fadenscheinig, ein Engel mit brennenden Flügeln, na toll. Band- und Album-Namen in uninteressanter Antiqua-Schrift, glatt und belanglos. Vielleicht war die Mitte der 90er einfach nicht die Zeit für Bands wie Black Sabbath, denn am mangelnden Talent kann das ja nicht gelegen haben. Für sich genommen sind die Lieder nicht einmal schlecht, aber als Album merkwürdig kraftlos. Als Höreindruck „Cross of Thorns“:

Wer weiß. Wenn man 1994 zum ersten Mal ein Black-Sabbath-Album auflegte und es „Cross Purposes“ war, dann mag es einem wie ein grandioses Album vorgekommen sein, vielleicht sogar zu Recht. Hätte zum Beispiel mir durchaus passieren können, denn in jener Zeit erwachte ich aus meinem kindlichen Dornröschenschlaf und begann, mich der populären Musik zuzuwenden, wiewohl ich aus zuvor genannten Gründen an Black Sabbath keinen Gedanken verschwendete. Wie auch immer. Wenn man die sechzehn vorherigen Sabbath-Alben im Ohr hatte, wird „Cross Purposes“ nicht prominent hervorgeklungen haben. Irgendwann ist eine Band vielleicht auch einfach so ausgebrannt wie Engelsflügel.

Forbidden

Der Plattenvertrag lief aus und andere große Ereignisse warfen ihre Schatten voraus, aber zuvor mußte noch ein Album beim bisherigen Label produziert werden. Nach der Cross-Purposes-Tour stieg Geezer Butler mal wieder aus und wurde durch den Rückkehrer Neil Murray ersetzt (der zwar kein Rainbow-Ehemaliger ist, aber immerhin bei „Whitesnake“ gespielt hatte, einem anderen Deep-Purple-Ableger). Auch Cozy Powell übernahm nach auskuriertem Schlüsselbeinbruch wieder die Drumsticks von Bobby Rondinelli. Physisch stießen die beiden allerdings nicht direkt zu den Tonys und Geoff Nichols, so daß die Arbeiten am 1995er Album „Forbidden“ zunächst in gestutzter Besetzung stattfanden. Hierbei kollaborierte Black Sabbath mit der Rap-Metal-Band „Body Count“, Ernie-C fungierte als Produzent und Ice-T hat einen Wortbeitrag im Eröffnungstitel „The Illusion of Power“. Dieser Umstand allein genügte wohl schon, um die Sabbath-Fanbasis in Aufruhr zu versetzen: Was hatte Black Sabbath mit Rap am Hut? (Meine Standardantwort: Nichts, nämlich.) Sollte es Tony Iommis Intention gewesen sein, mithilfe dieser Zusammenarbeit den Sound der Band zu modernisieren und auf den Stand der Zeit zu bringen, um neue Fans zu gewinnen und alte bei der Stange zu halten, so ging dieser Plan gründlich schief. Fans wollen nichts revolutionär Neues, sie wollen dasselbe, bloß anders. So superrevolutionär anders ist der Sound auf „Forbidden“ zwar gar nicht, immerhin sind hier dieselben Musiker am Werke wie auf „Tyr“, aber das liebgewonnene Selbe ist es halt auch nicht.
Hier irgendwo ist also Ice-T zu hören, „The Illusion of Power“:

Is‘ aber auch egal, denn nach „Forbidden“ war die über eine Dekade dauernde Zwischenepisode der Uneinheitlichkeit für Black Sabbath sowieso vorbei. Schon seit einiger Zeit hatte Tony Iommi die Fühler ausgestreckt, um seine eigentlichen Band-Kollegen wieder zusammenzubringen, vermutlich war er im Auftrag des Herrn unterwegs. Geezer Butler war ja zwischenzeitlich schon wieder Sabbath-Mitglied gewesen, und mit Ozzy Osbourne und Bill Ward hatte es immerhin schon einen gemeinsamen Auftritt gegeben. Eine Wiedervereinigung lag quasi in der Luft.