CD-Regal restocked: Black Sabbath (Erster Nachtrag)

19. November 2017

Als Ozzy Osbourne die Band verließ bzw. gefeuert wurde, geschah dies gefühlt mitten im Album „Never Say Die!“. Denn im drittletzten Lied der Platte sang er „I’m handing my future over to you“, dann folgte ein Instrumentalstück, und das letzte Lied sang Bill Ward. Und das war’s. Und für Black Sabbath als Band hätte es das auch sein können, doch schon während sich abzeichnete, daß es mit Ozzy nicht mehr lange so weitergehen würde, hatte Tony Iommi Kontakt mit Ronald James Padavona, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Ronnie James Dio. Das war ein kleiner Mann mit großem Ego und noch größerer Stimme, der just als Sänger von Ritchie Blackmores Band „Rainbow“ ausgeschieden war. Sabbath und Dio wurden sich schnell einig, also konnte das Studio geentert werden.

Heaven and Hell

Für die anderen drei Bandmitglieder bedeutete das Engagement von Dio eine Umstellung. Denn war die Arbeitsteilung zuvor so gewesen, daß Iommi mit einer Riff-Idee begann, Geezer Butler einen Text verfaßte, Bill Ward den Rhythmus vorgab und Ozzy Osbourne eine Gesangsmelodie entwickelte, so sprühte Dio dermaßen vor kreativer Energie, daß er die Songs gleich komplett schrieb und bloß noch ein paar Riffs und Solos eingearbeitet werden mußten. Auch wird schon mit den ersten Klängen des 1980er Albums deutlich, daß der neue Sänger einen weitaus besseren Stimmumfang hatte als Ozzy. Nicht an erster Stelle steht das Titelstück, „Heaven and Hell“:

Mit den grollenden Klängen der frühen 70er Jahre ist das zwar auch nicht vergleichbar, aber im Kontrast zum vorherigen Album ist „Heaven and Hell“ rockiger und wirkt insgesamt aus einem Guß. Textlich hat Dio ein Faible für Ritter und Elfen, nicht so sehr für den Höllenfürst, und musikalisch ist der Stil nun eher dem Power-Metal zuzuordnen. Überhaupt kann man sagen, daß Ronnie James Dio Black Sabbath erst zu einer Metal-Band gemacht hat, denn zuvor war sich die Band ja weder im Klaren darüber, daß sie dieses Genre aus der Taufe gehoben hatten, noch waren sich die Mitglieder einig über ihren musikalischen Standpunkt. Darob wird Dio von vielen Fans gottgleich verehrt, und seine Zeit bei Black Sabbath vielfach höher geschätzt als die Ozzy-Jahre. Ozzy Osbourne sah dies freilich anders. Zwar hatte er von sich aus ein Solo-Projekt gestartet, aber aus der Band geworfen worden zu sein, schmerzte ihn denn doch. Auf der Bühne verspottete er darob seinen Nachfolger bei Black Sabbath, indem er einen Kleinwüchsigen ihm aufwarten ließ, was Ronnie wiederum bitter aufstieß. Er bezeichnete Ozzy als Clown, der sich melden könne, wenn er (Ozzy) so gut singen könne wie er (Ronnie). Die beiden wurden ihr Lebtag keine Freunde. Wie auch immer, bei den Fans kam Dio gut an, und das Album wurde als glückliche Wiedergeburt der zuvor doch etwas dahindümpelnden Band gefeiert.

Mob Rules

Darum folgte auch bereits im Jahr 1981 das nächste Album. Daran keinen Anteil hatte leider Drummer Bill Ward. Dieser mußte familiäre Schicksalsschläge verarbeiten, was vor allem dazu führte, daß sein Alkoholkonsum, der immer schon notorisch hoch gewesen war, nun über kritische Ausmaße hinausging. Darum quittierte er während der Heaven-and-Hell-Tour den Dienst und wurde durch den jüngeren Schlagzeuger Vinny Appice ersetzt, wie Dio ein Amerikaner. Ebenfalls während der Tour arbeitete Black Sabbath bereits an Material fürs Album „Mob Rules“, befeuert dadurch, daß sie die Anfrage erreichte, einen Song zum Trickfilm „Heavy Metal“ beizusteuern. Die Band quartierte sich im ehemaligen Haus des erst kurz zuvor ermordeten John Lennon ein und nahm rasch eine Demoversion des Songs „The Mob Rules“ auf, welche auch direkt vom Filmteam akzeptiert wurde, ohne die Reinschrift abzuwarten. Fürs Album wurde der Song natürlich noch mal ordentlich aufgenommen und klingt so:

„If you listen to fools / The mob rules.“ Diese Textzeilen allein sind schon den Preis des Albums wert, so wahr sind sie. Während der Tour zu „Mob Rules“ wurden mehrere Live-Mitschnitte aufgenommen. Drei Konzertabende zur Jahreswende 81/82 im Londoner Hammersmith Odeon, die erst 2007 als streng limitierte Sonder-Edition (5000 Exemplare) auf CD veröffentlicht wurden und seit 2010 die zweite Scheibe der Deluxe Expanded Edition von „Mob Rules“ füllen. Und Konzertmitschnitte von amerikanischen Veranstaltungsorten wurden 1982 als „Live Evil“ veröffentlicht, mithin das erste offizielle Live-Album der Band; alle zuvor auf Platte gepreßten Mitschnitte früherer Konzerttouren waren Bootlegs oder sonstwie von Black Sabbath nicht authorisierte Veröffentlichungen gewesen, namentlich das Album „Live at Last“. Und beim Abmischen des Live-Evil-Albums traten Differenzen zwischen Ronnie James Dio auf der einen und Tony Iommi nebst Geezer Butler auf der anderen Seite zu Tage, welche wohl die Lautstärke von Gesang- und Gitarrenstimmen betrafen. Letztlich wurde Dio beschuldigt, nachts heimlich Veränderungen in seinem Sinne vorgenommen zu haben. Klingt reichlich kindisch, war es auch, und man darf vermuten, daß diese Kinkerlitzchen lediglich die Kulmination von vorher schon bestehenden Spannungen darstellten, denn immerhin hatten sich hier die gut gefütterten Egos von zuvor bereits erfolgreichen Musikern verschiedener Bands getroffen. Das ging einige Jahre gut, aber eine längere Zusammenarbeit war nicht möglich. Dio verließ also Black Sabbath und nahm Vinny Appice gleich mit. Was blieb, waren zwei sehr gute Studio-Alben, welche Black Sabbath zurück ins Bewußtsein des Publikums gehievt hatten.

Kleiner blasphemischer Einwurf: Vielleicht hatte Dio die Gelegenheit, bei der Legende Black Sabbath am Mikro zu stehen, nicht zuletzt auch dafür genutzt, seinen eigenen Namen bekannter zu machen. Wer sich selbst den Künstlernamen „Dio“ (ital.: „Gott“) gibt, leidet wohl nicht an mangelndem Selbstbewußtsein, und nach seiner Trennung von Iommi und Butler nannte er seine neue Band bescheiden nach sich selbst: Dio. Über den Song „The Sign of the Southern Cross“ sagte er mal in einem Interview: „Hey, it’s Sabbath, so a cross is always fitting“, darauf anspielend, daß die Bandmitglieder gewöhnlich schwere Metallkreuze vor der Brust trugen, ihr Markenzeichen. Für mich ist das entlarvend: Er hatte also vor allem mit dem Klischee gespielt und geliefert, um eine angenommene Erwartungshaltung zu befriedigen. Darüber hinaus sprach Dio in Interviews zwar gerne darüber, daß er über alle Menschen, mit denen er je zu tun hatte, stets nur Gutes gesagt habe, nannte dann aber zwei Sätze später Ritchie Blackmore einen phantastischen Musiker aber fürchterlichen Menschen (was stimmen mag), oder lästerte über Ozzys, seiner Ansicht nach, mangelndes Gesangstalent und alberne Bühnenperformance. Also wer weiß, vielleicht lag es ja doch ein bißchen auch an Ronnie selbst, daß er bei Rainbow mit Blackmore aneinandergeriet und mit Black Sabbath keine langfristige Zusammenarbeit zustandekam. (Zum Glück hat mein Blog keine große Reichweite, sonst hätte ich mir mit dieser auf wenigen Interview-Eindrücken beruhenden Einschätzung eine Menge Feinde gemacht. Und über Tote soll man Gutes sagen, also merke ich noch an, daß Dio während seines Engagements bei Black Sabbath die mano cornuta in die Metal-Szene eingeführt hat. 🤘)

Born Again

Black Sabbath standen also erneut ohne Sänger da, aber immerhin war Bill Ward wieder fit und konnte seinen Platz am Schlagzeug wieder einnehmen. Als Vokalist wurde schließlich nach einer durchzechten Nacht im Pub der ehemalige Deep-Purple-Frontman (Mk II) Ian Gillan vorgestellt, was die traditionell spöttische englische Presse zur Bezeichnung „Deep Sabbath“ veranlaßte. (Von „Black Rainbow“ in den Dio-Jahren war meines Wissens freilich nicht die Rede gewesen. Oder vielleicht auch doch, wer weiß.) 1983 erschien jedenfalls das neue Sabbath-Album, und es wurde von Fach- und Laienpublikum mit allgemeinem Kotzen aufgenommen. Das lag zunächst am Titelbild. Und das kam so: Der Designer Steve „Krusher“ Joule erhielt von Sabbath‘ Manager Don Arden den Auftrag, Entwürfe für ein Albumcover einzureichen, was Joule in eine prekäre Situation brachte, denn er hatte auch Aufträge von Ozzy Osbourne und dessen Frau Sharon Osbourne, pikanterweise geborene Arden. Drama, Baby! Krusher wollte die Ozzys nicht als Kunden verlieren, aber auch nicht offen einen Auftrag von Black Sabbath ablehnen, also beschloß er, für Sabbath einen Entwurf einzureichen, der so offensichtlich unannehmbar war, daß er abgelehnt wurde und er, Krusher aus dem Schneider war. Also rasch ein Babyfoto aus einem medizinischen Fachmagazin ausgeschnitten, mit dem Kopierer den Kontrast erhöht, absurde Fingernägel und dämonische Reißzähne nebst Hörnern reinretouchiert, das Ganze in die dem Auge unfreundlichst mögliche Farbkombination getaucht, lieblos „Black Sabbath“ und „Born Again“ in bastardiertem Olde-English-Font draufgeklebt – wäre doch gelacht! Tja, und dann hat Tony Iommi tatsächlich gelacht, Ian Gillan gibt an, gekotzt zu haben, aber Geezer Butler hat einen ausreichend morbiden Humor, um so etwas genial-scheiße zu finden. Entwurf angenommen! Den zweiten Grund, das Album abzulehnen, stellte die mehr als rauhe Produktion dar. Der Sound war anscheinend dem Ohr annähernd so unerträglich, wie der Anblick des Covers dem Auge. Aber das konnte durch ein Remastering behoben werden. Inhaltlich gefällt mir das Album sogar ziemlich gut. So gut, daß der Höreindruck bei Youtube ausschlaggebend war, meine Sabbath-Diskographie nicht nach der Ozzy-Ära enden zu lassen, sondern – in Abänderung meines ursprünglichen Plans – doch alles anzuschaffen; was soll der Geiz!
Auf „Born Again“ ist der doomige, düstere Sound verganger Jahre zurückgekehrt, treibende Riffs dominieren, und Gillans kreischende Stimme, vor allem im Song „Disturbing The Priest“, erinnert sogar ein wenig an Ozzys Tembre. Black Sabbath waren 1968 angetreten, schaurige Musik zu machen, welche die Hörer gruseln ließ. In dieser Tradition steht auch das Album „Born Again“. Als Höreindruck wähle ich „Zero The Hero“ mit vorangestelltem Intro „The Dark“:

Mit dem Abgang der Amerikaner Dio und Appice und dem Bandeintritt von Ian Gillan war Black Sabbath wieder eine britische Band, und dieser Umstand wird mit dem atmosphärischen Instrumentalstück „Stonehenge“ gefeiert, dem ältesten Kulturzeugnis auf englischem Boden – also der Steinkreis, nicht das Lied. Da seit Pink Floyds „The Wall“ Bühnenshows plötzlich übermenschliche Großereignisse sein mußten, wollten auch Black Sabbath dahinter nicht zurückstehen und orderten also als Bühnendeko Stonehenge® in Styropor®, 15 Fuß breit pro Segment. Was kam, war Stonehenge, aber 15 Meter breit, also viel zu groß für die meisten Bühnen. Das hätte der größte Stolperstein auf der Tour sein können, aber leider erlebte Bill Ward einen Rückfall in den Alkoholismus und konnte abermals die Tour nicht beenden. Kurzfristig sprang der Schlagzeuger des Electric Light Orchestra, Beverley „Bev“ Bevan, ein, ein Junge aus Birmingham. Nach dem Ende der Tour deutete sich an, daß Deep Purple sich wiedervereinigen würden, also Ian Gillan, soviel Spaß er mit Black Sabbath auch gehabt hatte, seiner ursprünglichen Band den Vorzug geben würde. Und Geezer Butler war ebenfalls ohne Bill und sowieso ohne Ozzy nicht mehr so recht in der Stimmung. Und plötzlich stand Tony Iommi alleine da beziehungsweise konnte Black Sabbath als aufgelöst betrachten.

Hiatus heißt sowas wohl. Für das 1985er Live-Aid-Konzert fanden alle vier Gründungsmitglieder sogar noch einmal für drei Lieder („Children of the Grave“, „Iron Man“, „Paranoid“) zusammen, und die Fans drückten alle Daumen, aber zur tatsächlichen Wiedervereinigung kam es dennoch nicht. Für Tony Iommi bot dies die Gelegenheit, sich einem Soloprojekt zu widmen, wie es Freund Osbourne seit geraumer Zeit und ziemlich erfolgreich betrieb; 1983 erschien nach „Blizzard of Ozz“ und „Diary of a Madman“ bereits Ozzys drittes Solo-Album „Bark at the Moon“, 1986 in Gestalt von „The Ultimate Sin“ das vierte.

Seventh Star

Mit Eric Singer am Schlagzeug, Dave Spitz am Baß und Geoff Nichols, dessen Name hier bis jetzt nicht fiel, obwohl er bereits seit 1979 für Black Sabbath am Keyboard tätig war, hatte Tony eine kompetente Band beisammen, die er schließlich mit Glenn Hughes am Mikrophon vervollständigen konnte. Glenn hatte von 1973 bis 76 bei Deep Purple den Baß gezupft und auch gesungen, in Tony Iommis Solo-Band sollte er nur singen. Die Plattenfirma war allerdings nicht bereit, den zugkräftigen Namen „Black Sabbath“ sterben zu lassen, und drängte darauf, das Album „Seventh Star“ 1986 unter der etwas abenteuerlichen Bezeichnung „Black Sabbath featuring Tony Iommi“ zu veröffentlichen. Das Titelbild ist 80er-Jahre-typisch schlecht und zeigt einsam einen traurig zu Boden blickenden Tony Iommi in schwarzer Western-Style-Lederjacke. Die Lieder tragen natürlich Tonys Handschrift und sind um seine Gitarrenriffs herum arrangiert, allerdings ist der Stil weniger düster und grollend, als man es von einer ..äh.. echten Black-Sabbath-Platte erwartet hätte. Der Song „Heart Like A Wheel“ ist eine astreine Blues-Nummer, was in Anbetracht von Black Sabbath‘ Anfängen als Blues-Band nicht einmal fehl am Platze wirkt. Glenn Hughes singt vor allem von persönlichen Befindlichkeiten, nicht über den schlimmen Zustand der Welt, außer vielleicht auf dem Titeltrack, „Seventh Star“, hier komplett mit Intro „Sphinx (The Guardian)“:

Glenn Hughes war gar nicht glücklich damit, daß diesem Album der Black-Sabbath-Stempel aufgedrückt wurde, denn damit war klar, daß auf der Tour auch die alten Sabbath-Klassiker zum Vortrage gebracht werden mußten, und das war gar nicht sein Ding. Zu seinem Glück hatte er sich aber nach fünf Shows mit einem Tourmanager in den Haaren, es kam zu Raufhändeln, und er wurde ausgeknockt, so daß er nicht mehr singen konnte. Der Amerikaner Ray Gillen ersetzte ihn auf der Tour und bei den Aufnahmen für das folgende Album.
Der Umstand, daß aus dem Soloprojekt Tony Iommis ein offizielles Black-Sabbath-Album wurde, setzte einen Präzedenzfall. Denn plötzlich schien es nicht mehr notwendig zu sein, daß Geezer Butler und Bill Ward zurückkehrten, um ein Sabbath-Album aufzunehmen, ganz zu schweigen von Ozzy Osbourne. Es konnte auch mit Tony Iommi als einzigem Gründungsmitglied weitergehen.

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CD-Regal restocked: Black Sabbath

17. November 2017

Im Zuge meiner Recherchen zu Metallica und Metal-Music allgemein war es unvermeidlich, daß ich mehr als einmal über „Black Sabbath“ stolperte, denn jeder Metal-Musiker, der etwas auf sich hält (also alle), gefragt nach seinen Einflüssen, nennt diese Band fundamental nicht nur für seine eigene, sondern für die Entwicklung des gesamten Genres. Auch mir selbst war natürlich irgendwie seit meiner Kindheit bewußt, daß es Black Sabbath gab, aber sie rauschten halt so mit im musikalischen Farbspektrum, das von Pink Floyd über Deep Purple bis eben Black Sabbath reichte, ohne daß mich konkret mit irgendeiner dieser Bands etwas verbunden hätte. Zwar ist mir erinnerlich, in der Pausenhalle mal einen älteren Schüler mit einem Black-Sabbath-T-Shirt gesehen zu haben, das so ein keltisches Kreuz mit dem Namen der Band in phantasievoller Frakturschrift zeigte, zwar beherbergt meine Festplatte seit nicht ganz einer vollen, aber bestimmt einer halben, wenn nicht gar einer Dreifünftelewigkeit die Songs „Paranoid“ und „Children of the Grave“, die auch von mir gerne gehört wurden. Aber trotz all dem vermeinte ich über Black Sabbath nur dreierlei zu wissen, was ich im Laufe der Jahre so aufgeschnappt hatte: Sie sind eine Metalband, die es schon sehr lange gibt; Ozzy Osbourne ist ein Wahnsinniger, der auf der Bühne Fledermäusen die Köpfe abbeißt und mal in so einer Art Reality-TV-Show auftrat; und man bringt Black Sabbath mit Satanismus in Verbindung.
Vielleicht war es der letzte Punkt, der mich, aus gutem christlichen Hause stammend, davon abhielt, der Musik dieser Band meine nähere Aufmerksamkeit zu widmen, denn mit Satanismus wollte ich natürlich nix zu tun haben, Gott bewahre! Tja, mein Pech. Aber inzwischen habe ich mich von religiös motivierten Ressentiments dieser Art befreit, ich ging der Sache also in den letzten Monaten auf den Grund, und guess what: So satanistisch sind die gar nicht.

Black Sabbath

Da ich ja gerne strukturiert vorgehe, fing ich also vorne an. Zu meiner Überraschung stammt das selbstbetitelte Debüt-Album bereits aus dem Jahre 1970. Ich hatte ja geahnt, daß Black Sabbath einer frühen Periode der Metal-Musik zuzurechnen sind, aber ich hatte mehr so an die Zeit von Venom und Judas Priest oder Iron Maiden gedacht. Aber 1970, das ist ja die Zeit der Beatles (noch) und der Rolling Stones (immer), da gab es The Who und Genesis, die Yardbirds (schon nicht mehr), Led Zeppelin (in der Nachfolge der Yardbirds), Deep Purple und Pink Floyd. Als sich 1968 in Birmingham die vier Freunde Tony Iommi, Geezer Butler, Bill Ward und Ozzy Osbourne, deren bürgerliche Namen in willkürlicher Reihenfolge Terence, Michael, Joseph, John, Frank, Anthony, Thomas und William umfassen (Mehrfachnennungen möglich), nebst zwei weiteren Musikanten die „Polka Tulk Blues Band“ gründeten, welche nach Abgang dieser beiden weiteren Musikanten in „Earth“ umbenannt wurde, war England amtierender Fußball-Weltmeister, führten die USA einen moralisch kaum zu rechtfertigenden Krieg in Vietnam, und Hippies aßen Blumen, rauchten alles mögliche und warfen LSD ein. Adenauer war freilich schon tot (knapp). Die junge Band probte gegenüber einem Kino, in dem unter anderem Horrorfilme gezeigt wurden, deren einer „Black Sabbath“ hieß, und da der Name „Earth“ bereits vergeben war und „Black Sabbath“ fein schaurig und makaber klang, benannten die Jungs ihre Band entsprechend um. Außerdem hatten sie Bock darauf, Musik zu machen, die das schaurige Tembre der damaligen Horror-Filme wiedergab, und mit diesem Ansinnen begann sie, eigene Lieder zu schreiben und zur Aufführung zu bringen. Als sie schließlich ins Studio gingen, um ihr Songmaterial auf Vinyl zu pressen, nahmen sie am ersten Tag alle sieben oder acht oder auch mehr Songs auf, die sie im Repertoire hatten (Darunter mit „Evil Woman“ und „Warning“ zwei Cover-Songs), am zweiten Tag wurde abgemischt, und der Soundingenieur fügte noch coole Effekte wie Glockenschlag und Gewittergrollen hinzu. Fertig war das Album. Heute enthält es acht Songs, aber einige Lieder haben Intros und Outros, die bisweilen als eigene Tracks gezählt wurden, und der Song „Wicked World“ war ursprünglich nicht auf dem Album enthalten, sondern wurde nur als Single herausgegeben.
Das selbstbetitelte Album beginnt mit dem selbstbetitelten Lied „Black Sabbath“, damit auch jeder wußte, womit er es hier zu tun hatte. Nach Glockenschlag und Regenprasseln setzt, haha! der Tritonus, das Teufelsinterval ein, ein schweres Riff, bis schließlich Ozzy Osbournes unvelwechserbare Stimme erklingt:

Birmingham ist eine Industriestadt. Gitarrist Tony Iommi hatte sich bei einem Arbeitsunfall im Walzwerk zwei Fingerkuppen abgequetscht. Ozzy Osbourne fand es als Halbstarker mal notwendig, sich als Dieb zu betätigen, kam für einige Wochen in den Knast und tätowierte sich dort „Ozzy“ auf die Finger. Bassist Geezer Butler hatte nicht nur diesen ulkigen Spitznamen (geezer heißt sowas wie „komischer Kauz“), sondern beschäftigte sich auch mit Okkultismus und dergleichen. Also man merkt schon, das waren hier nicht die glatten Beatles oder die Intellektuellen von Pink Floyd. Nein, das war Heavy Metal, bloß wußte das damals noch keiner. Gemeinhin wird dieses Album zwar, trotz deutlicher Blues-Einflüsse inklusive Maultrommel und Mundharmonika, als Geburt des Heavy Metal angesehen, aber auch das Debutalbum von Led Zeppelin (1969) ist im Rennen um diese Ehre. Is‘ aber auch egal, denn düsterer und baßlastiger als Black Sabbath war zu diesem Zeitpunkt niemand, ganz zu schweigen von den harten Riffs. Und ja, der Deibel findet seine Erwähnung; im Titelsong grinst sich Satan eins, und der Song „N.I.B.“ ist gar aus der Perspektive Lucifers geschrieben. Allerdings kann man bei beiden Liedern kaum davon sprechen, daß der Leibhaftige hier verehrt würde, vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Dessen ungeachtet fand es der fürs Artwork zuständige Mitarbeiter der Plattenfirma angemessen, im Innern ein umgedrehtes Kreuz zu platzieren, worauf die Band also wohl keinen Einfluß hatte, aber auch wenige Einwände vorbrachte, denn als Zeichen der Rebellion hatten die Jungs nichts dagegen. Aber fürderhin hatte Black Sabbath den Ruf weg, Teufelsanbeterei zu betreiben.

Paranoid

Noch im selben Jahr, 1970, nahm Black Sabbath das zweite Album auf. Es beginnt mit einem schweren Riff und Sirenengeheul in der Anti-Kriegs-Hymne „War Pigs“. Abermals wird der lachende Satan erwähnt, und abermals nicht zu seinem Ruhme. Es folgt ein kurzer Song, den die Band am Ende der Aufnahme-Sessions noch rasch aus dem Ärmel schüttelte, um eine Gesamtspieldauer von über 40 Minuten zu erzielen. Doch statt eines bloßen Lückenfüllers wurde „Paranoid“ der Titeltrack, eine Single-Auskopplung und im Grunde das Aushängeschild von Black Sabbath.

Mit dem Lied „Iron Man“, der mit der Comicfigur nichts zu tun hat, beinhaltet das Album nicht nur einen weiteren Black-Sabbath-Klassiker, sondern mit „Hand of Doom“ brachten sie nach dem Metal-Genre als ganzem gleich auch noch das Doom-Subgenre mit auf den Weg. Aber eigentlich waren Iommi, Osbourne, Ward und Butler zu jener Zeit vor allem zugedröhnte Hippies, denen Psychedelic Rock nicht hart genug war und die als Kinder des düsteren Birmingham mit Flower Power nichts am Hut hatten. Das Album ist politischer und gesellschaftskritischer als das Debut, auch lösten sich die Musiker deutlich von ihren Wurzeln als Blues-Band und wandten sich mehr dem Hard Rock zu, weil sie ja immer noch nicht wußten, daß sie eigentlich Heavy Metal machten. Der Song „Planet Caravan“ zeigt aber dann doch psychedelische Einflüsse.
Ursprünglich sollten Album und Titeltrack „Walpurgis“ heißen, weil: Hexensabbath. Klever. Das war den Verantwortlichen des Plattenlabels aber plötzlich zu schwarzmagisch; jüngste Erfahrungen einer USA-Tour hatten gezeigt, daß dortselbst die Auftrittsmöglichkeiten eingeschränkt waren, wenn sich die Band zu antichristlich gab. Also wurde der Songtitel in „War Pigs“ geändert, was wenigstens die Lautgestalt einigermaßen beibehielt, und der Text entsprechend umgeschrieben. Das Umschlagbild zeigte darob einen in ein Schweinskostüm gewandeten Säbelschwinger. Und dann nahm die Plattenfirma erneut eine Umbenennung vor, weshalb das War-Pig-Bild nun nicht zum endgültigen Titel „Paranoid“ paßt.

Master of Reality

Die Tantiemen der ersten beiden Alben waren rasch versoffen, darum wurde im Juli 1971 gleich das dritte nachgeschoben. Tony Iommi hatte zuvor schon, um seine verletzten Finger zu schonen, seine Gitarre mit leichteren Saiten bespannt. Nun verringerte er zusätzlich den Druck, indem er die Gitarre soundsoviele Schritte tiefer stimmte. Seine Bandkollegen folgten seinem Beispiel, und so ergab sich ein noch düsterer, schwererer Klang. Spätestens jetzt spielte Black Sabbath also Heavy Metal.
Nach einem geechoten Huster von Tony setzt mit „Sweet Leaf“ eine Ode auf süßes Rauchkraut ein, gefolgt von dem geradezu christlich anmutenden Lied „After Forever“, mit dem Geezer vielleicht endlich dem verbreiteten Eindruck entgegenwirken wollte, daß die Band sich dem Teufel verschrieben habe. Das kurze Instrumentalstück „Embryo“ leitet schließlich als Höhepunkt der A-Seite „Children of the Grave“ ein. Besser geht’s nicht!

Das schaurig gehauchte „children of the grave“ am Ende war auf der Langspielplatte als Endlosschleife angelegt, so daß sich, wer wollte, die ganze Nacht hindurch begruseln lassen konnte. Das Lied handelt davon, daß Kinder, die in dieser düsteren Zeit von Krieg und atomarer Wettrüstung auf die Welt kommen, sozusagen direkt aus dem Grab heraus geboren werden, so sich denn nicht bald mal was zum Besseren ändert.
Die B-Seite beginnt mit dem geradezu lieblichen Instrumentalstück „Orchid“. Und dann zeigt der Teufel doch noch sein Gesicht: „You made me master of the world where you exist / The soul I took was not even missed.“ Das rifflastige Lied „Lord of the World“ beklagt aus der Sicht des Gehörnten den Hang der Menschen, auf bösen Wegen durch die Welt zu wandeln, statt die Liebe zu wählen. Wie dergleichen Texte überhaupt je als satanistisch mißverstanden werden konnten, ist mir schleierhaft. Zumindest gibt es hier von Verehrung keine Spur, sondern die Lieder bieten eine Bestandsaufnahme des Weltzustands, die so düster und pessimistisch ausfallen muß, weil die Realität nun mal leider so düster ist. Am Ende bleibt nur die Flucht „Into the Void“, wo hoffentlich eine bessere Zukunft wartet.
Mit nicht einmal 35 Minuten ist „Master of Reality“ bedauerlich kurz, dafür enthält es aber auch ausschließlich phantastische Songs, die musikalisch und textlich auf den Punkt kommen. Der LP lag ein Poster bei, welches die Band auf der Kuppe eines Waldwegs zeigt. Auf dem obigen Bild habe ich versucht, dies in Lego einzufangen.

Vol. 4

Fürs vierte Album zogen Black Sabbath 1972 ins Record-Plant-Studio nach Los Angeles. Hatten die vier in ihrem bisherigen Rockstarleben vor allem dem Alkohol zugesprochen und des Marihuanas genossen (Jahá! Ein Objektgenitiv!), so lernten sie in L.A. die bewußtseins… äh… verändernde Wirkung von Kokain kennen und schätzen. So begeistert waren sie von dem weißen Pulver, daß sie nicht nur den Song „Snowblind“ schrieben, sondern ihn gleich zum Titeltrack für das gesamte Album machen wollten. Das war mal wieder nicht im Sinne der Plattenfirma, also benamsten sie die LP trotzigerweise gar nicht, sondern nannten sie schlicht „Vol 4“. Das ikonische Titelbild zeigt den Wizard of Ozz, der das Publikum mit dem Peace-Zeichen segnet. Der Umstand, daß einzig Ozzy einen Platz auf dem Cover bekam, ließ der Legende nach Tony Iommi leicht vergnatzt sein und veranlaßte ihn, des Sängers Mikrophon fortan von der Bühnenmitte an den linken Rand zu verlegen. Wie auch immer. Das Album ist insgesamt noch härter und rifflastiger als die Vorgänger, mit gelegentlichen Experimenten. Der Track „FX“ ist bloß eine Effektspielerei mit allerhand Gegenständen auf Tonys Gitarrenseiten; was Bands in jener Zeit halt so taten. Aus dem Riffgewitter stechen außerdem die geradezu als Schnulze zu bezeichnende Ballade „Changes“ sowie das elegische Gitarrensolo „Laguna Sunrise“ hervor. Es ist beim Durchhören des Albums schwierig, sich für einen exemplarischen Höreindruck zu entscheiden, also ergreife ich die letzte Chance und verlinke das doomige „Under the Sun/Every Day Comes and Goes“, mit dem die Platte endet:

Mit Vol. 4 schien Black Sabbath sich für eine härtere Stilrichtung entschieden zu haben, wiewohl Streicher zum Einsatz kommen und der Song „Changes“ eine Klavierballade ist. Annähernd jeder Track auf dem Album wird von irgendwem als absoluter Klassiker angesehen, vielleicht mit Ausnahme von „FX“. Dummerweise war die Studioarbeit aber auch begleitet von exzessivem Kokainkonsum, was von den Musikern zunächst als kreativitätsfördernd empfunden wurde, mittelfristig aber nicht ohne negative Auswirkungen auf das Gefüge innerhalb der Band bleiben sollte.

Sabbath Bloody Sabbath

Und da war er wieder: Black Sabbath‘ Okkultismus! Gleich auf dem symbolträchtigen Titelbild der 1973er Veröffentlichung springt er dem Betrachter entgegen. Nackte Dämonen bedrängen einen Sterbenden unter dem Zeichen von Totenkopf und *raun* 666. (Auf der Rückseite des Covers stirbt derselbe Mann im Kreise seiner Lieben und unter Engelsflügeln. Also alles Ansichtssache.) Diesmal ließ sich die Band auch nicht von der Plattenfirma dreinreden, sondern setzte den Titeltrack direkt an den Anfang.

So heavy und gitarrengetrieben dieser Song auch ist, mit diesem Album treten Black Sabbath in ihre progressivere Phase ein. Die Songstrukturen werden komplizierter, und die Instrumentierung geht über das klassische Gitarre-Baß-Schlagzeug-Gesang-Arrangement hinaus, insofern neben Synthesizern auch verschiedene Percussion-Instrumente nebst Pauken, sowie Flöte und Dudelsack zum Einsatz kommen. Auch Streicher sind wieder dabei, und Yes-Tastengott Rick Wakeman konnte zu einem Gastauftritt beim Song „Sabbra Cadabra“ nicht nein sagen. Das klingt alles ziemlich opulent, und das, obwohl die Band zu Beginn der Studioaufnahmen in L.A. unter einer lähmenden Schreibblockade litt. Vielleicht war das Kokain, das der Legende nach kartonweise angeliefert wurde, dem kreativen Prozeß doch nicht so förderlich. Jedenfalls verlagerte die Band ihre Aufnahmen schließlich vom sonnigen Kaliformien ins heimische England, wo die mittelaterliche Atmosphäre des Clearwell Castle offenbar belebend wirkte, denn am Ende stand dieses Album, das neben dem Titeltrack und dem schon erwähnten „Sabbra Cadabra“ auch die Klassiker „A National Acrobat“ und „Spiral Architect“ beinhaltet. Der Song „Killing Yourself to Live“ ist übrigens keine Anleitung zum Selbstmord, sondern eine Aufforderung, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen, und bei „Looking for Today“ vermeine ich sogar einen Beatles-Einfluß zu hören. Vielleicht interpretiere ich zuviel hinein, aber immerhin gibt Ozzy an, großer Beatles-Fan zu sein. (Und als er schließlich mit Mitte 50 sein Idol Paul McCartney, Anfang 60, zum ersten Mal persönlich trifft und vor Ehrfurcht zerfließt, behandelt Sir Paul den Prince of Darkness wie ein hundsgemeines Groupie.)

Sabotage

Im Jahre 1974 gab es kein neues Album von Black Sabbath. Was war da los? Nun, die Band fand sich in einen Rechtsstreit mit ihrem vormaligen Manager verwickelt, den sie feuern mußten, weil er sie über’n Tisch gezogen hatte. Tony, Bill, Geezer und Ozzy hatten den Eindruck, daß ihnen durch die Musikindustrie Knüppel zwischen die Beine geworfen wurden, was schließlich 1975 zum Albumtitel „Sabotage“ führte, durch den Sab-Anklang sowieso passend. Der Ärger und die Frustration, die mit dem ganzen Rechtskram einhergingen, befeuerten den kreativen Prozeß, das Lied „The Writ“ (Der Schrieb) ist eine direkte Reaktion auf die Situation. Musikalisch wird der Weg, der auf dem Vorgängeralbum eingeschlagen wurde, nicht weiterbeschritten. Auf dem Quasi-Instrumentalstück „Supertzar“ erklingt zwar vielstimmiger Chorgesang, der mich (und vermutlich ausschließlich mich) ein wenig an Pink Floyds „Atom Heart Mother Suite“ gemahnt. Ansonsten reicht das Spektrum jedoch von Hard Rock über Heavy Metal und Progressive Rock zu beinahe schon Pop. Der Song „Am I Going Insane (Radio)“ ist in der Tat radiotauglich, auch wenn das „Radio“ im Titel mit dem Rundfunkempfangsgerät gar nichts zu tun hat, sondern ein Slang-Wort für „mental“ ist (gemäß Wikipedia). Von Hölle und Teufel ist auf diesem Album freilich kaum die Rede. Das fast neuneinhalbminütige Stück „Megalomania“ wäre ein guter Anspieltip, aber ich entscheide mich für „Symptom of the Universe“, weil es geradezu Thrash-Metal ist, welchselbiges Genre Black Sabbath somit auch erfunden hätten. In your Face, Metallica!

Und dann dieses Titelbild! Der sabotierte Spiegel, der eben nicht das Spiegelbild zeigt, ist genial. (Die Rückseite des Covers zeigt die ganze Szene übrigens von hinten.) Aber warum trägt Bill Ward eine rote Strumpfhose und Ozzy Osbourne einen seidigen Morgenmantel? Bill Ward erklärte später, daß er keinen Bock hatte, beim Phototermin einfach seine Jeans zu tragen, weil ihm das zu langweilig war. Darum zog er eine zufällig vorhandene Strumpfhose seiner Freundin an, welche freilich allzu deutlich betonte, daß er – ganz Rockstar – keine Unterhose trug. Also bat er Ozzy um dessen Unterhose, was dem recht war, bloß hatte Ozzy dann ja selbst keine Unterhose mehr, und der Photograph drückte aufs Tempo. Kurzerhand schlüpfte er darob in den Morgenmantel. Es mögen Drogen im Spiel gewesen sein.

Technical Ecstasy

Im Jahre 1976 trat Black Sabbath in eine Phase ein, über die Ozzy Osbourne später ungefähr sagte (in schwer verständlichem Birminghamer Working-Class-English): „Wir dachten, wir seien die Beatles. Oder Pink Floyd.“ Der Vergleich ist nicht verkehrt, denn die Band entfernte sich sichtlich (Jawohl, sichtlich, denn das Titelbild, von Pink Floyds House-and-Court-Titelbildentwerfer Hipgnosis entworfen, zeigte, wie abermals der um Bonmots niemals verlegene Mr. Osbourne bemerkte „two robots screwing on an escalator“, was zu den vorherigen Alben nicht gepaßt hätte, hier aber nicht fehl am Platze wirkt.) und hörentlich vom gewohnten schweren Doom-Sound der Anfangstage. Zwar beginnt der erste Song „Back Street Kids“ mit einem schweren Riff, zwar ist „You Won’t Change Me“ hard & heavy, aber das von Bill Ward gesungene „It’s ALright“ ist beinahe ein Softrock-Song, „She’s Gone“ knüpft in seiner streichergetragenen Schnulzigkeit an „Changes“ vom Vol-4-Album an, ohne es zu erreichen, und „Rock ’n‘ Roll Doctor“ ist annähernd ein Rock-n-Roll-Song. Das sind alles keine schlechten Lieder, im Gegenteil, aber eben anders. Da ich mich als Anspieltipp nicht zwischen „You Won’t Change Me“ und „Gypsy“ entscheiden kann, schmuggle ich das eine hintenrum rein und verlinke das andere offen:

Der Song „Dirty Women“ wurde auch in jüngerer Zeit noch auf Live-Konzerten vorgetragen, aber über die musikalische Ausrichtung der Band bestand wohl schon damals intern Unstimmigkeit. Zu jener Zeit kamen in England, Amerika und sogar Australien zahlreiche neue Bands auf, die drohten, Black Sabbath den Rang abzulaufen. Auf der Tour zum Album wurde Black Sabbath von AC/DC als Vorband begleitet, die eine Show boten, mit der Sabbath nicht mithalten konnte. Auch pflegten Iommi und Genossen noch die Tugend musikalischer Diversität, wie „Technical Ecstasy“ durchaus beweist, während junge Bands sich als Genrespezialisten betätigten. DIe Mitglieder von Black Sabbath hatten rundheraus keine Ahnung, auf welches Genre sie sich denn einigen sollten. Hinzu kamen die immer noch anhaltenden Rechtshändel und der zunehmende Drogenkonsum, der die Stimmung in der Band aufs Zerreißen spannte. Und so kam es, daß Ozzy, nach der Tour zum Album die Band verließ und sich dem Soloprojekt „Blizzard of Ozz“ widmete.

Never Say Die!

Da es für Black Sabbath ja auch ohne Ozzy weitergehen mußte, heuerten sie einen neuen Sänger an, Dave Walker, und arbeiteten an neuem Songmaterial. Doch dann kehrte Ozzy 1978 zur Band zurück, und Dave Walker durfte wieder abziehen, denn Mr. Osbourne hatte die älteren Rechte. Naturgemäß weigerte er sich, die Songs zu singen, die in seiner Abwesenheit enstanden waren, also mußten unter relativem Zeitdruck acht neue Lieder geschrieben werden. Den Song „Junior’s Eyes“ sang Ozzy dann doch, aber für „Swinging The Chain“ mußte Bill Ward ans Mikro, der ja bewiesen hatte, daß er es konnte. Wie üblich zeigt der Klang auf diesem Album Abweichungen vom Gewohnten, ist insgesamt noch weniger düster als auf dem vorherigen Album. Der Opener „Never ay Die!“ ist schnell, hell und kurz. Das Auftaktriff von „Johnny Blade“ kommt vom Synthesizer. „Air Dance“ klingt wie die Vorspannmelodie einer 70er-Jahre-Fernsehserie. Das Instrumentalstück „Breakout“ ist eine Jazz-Nummer mit Bläsern. Ach, hören wir mal „Air Dance“:

Neben dem Zeitruck, unter dem die Aufnahmen stattfanden, erschwerte auch die weitgehende Unzurechnungsfähigkeit einzelner oder aller Bandmitglieder infolge massiven Zugedröhntseins die Fertigstellung des Albums. Am schlimmsten trieb es in dieser Hinsicht, natürlich, Ozzy Osbourne. Und weil der schon zuvor mit einem Soloprojekt geliebäugelt hatte und insgesamt nicht mit dem Herzen bei der Sache war, gaben seine Drogenexzesse schließlich den Ausschlag, die Zusammenarbeit mit ihm zu beenden. Ozzy wurde gefeuert. Unter Tränen, denn er war ein Freund, aber die Differenzen in Arbeitsethos und musikalischer Ausrichtung schienen diesen Schritt unvermeidlich zu machen. Und so war es dann vorbei mit Black Sabbath, wie diejenigen, die sie kannten, sie kannten.


CD-Regal revisited: Metallica. (Vol. 3)

21. September 2017

„St. Anger“ erwarb ich, wie gesagt, nicht, nachdem ich die Singles „St. Anger“ und „Frantic“ in Videoform auf Viva oder MTV gesehen hatte und sie mich nicht ansprachen. Insgesamt erlahmte mein Interesse an Metallica deutlich. Wenn ich mal in der Stimmung war, legte ich zwar „Ride the Lightning“, „Master of Puppets“, „…And Justice for All“ oder das schwarze Album auf, aber meine CD-Sammlung wuchs in andere Richtungen (Anathema zum Beispiel). So bekam ich nicht einmal zeitnah mit, daß Metallica 2008 ein neues Album herausgebracht hatten. Und als ein Freund, den ich aus Sorge vor Rechtshändeln besser nicht namentlich nenne, mir das neue Album in MP3-Form zukömmlich machte, traute ich mich zunächst nicht, es anzuhören, da ich befürchtete, daß es mich st-anger-mäßig enttäuschen könnte. Tja, ich bin halt nur ein Schönwetter-Fan. Oder vielleicht eher ein Schön-Musik-Fan? Dabei hatte Bernhard (Jetzt ist es ja doch raus. Aber is‘ Okay, Lars, ich habe „Death Magnetic“ inzwischen legal gekauft!) sogar angemerkt: „Is‘ ganz gut. Wieder wie früher.“

Death Magnetic

Das Wiefrüherste an diesem Album ist zunächst mal der Metallica-Schriftzug, nun wieder mit Widerhaken an M und A. Dieser überlagert (als Aufkleber auf der CD-Hülle) einen weißen Sarg in einer vermutlich 6 Fuß tiefen Grube, um die herum sich Feldlinien gebildet haben; dieses Bild zieht sich durchs gesamte Booklet. Wie früher sind wieder alle Texte vollständig abgedruckt, sogar zu dem Song „Suicide & Redemption“, einem Instrumental. Im Gegensatz zu „St. Anger“ zeichnet James Hetfield wieder alleinig für die Texte verantwortlich, und offenbar war es nötig, zum Abdruck der Lyrics seine Einwilligung zu holen, denn es ist eigens vermerkt, daß sie „reprinted by permission“ sind. Der Abdruck im Beiheft folgt auch nicht der Reihenfolge der Songs auf dem Album, was verwirrend ist, aber den Vorteil birgt, daß die Textzeile „Death magnetic“ aus dem letzten Lied „My Apocalypse“ dadurch ganz am Anfang steht und so den Titeltrack kennzeichnet.
Und die Musik? Das erste, was man hört, sind Herztöne. Das ist nicht wie früher, sondern eher wie Pink Floyd. Aber dann setzen Gitarren, Baß und Schlagzeug ein, und es geht los. Und wie! Es gibt Riffs, es gibt Solos, es gibt Melodien, und Lars Ulrich hat seine Blechtrommel beiseitegestellt, um sie nur einmal kurz augenzwinkernd wieder hervorzuholen. So thrashig war Metallicas Musik seit „…And Justice for All“ nicht mehr, sogar der verlorengegangenen Kunst des Instrumentals erinnerten sich die Jungs. Die zehn Stücke dauern zwischen 5 und 10 Minuten (Jaja, 5:01 und 9:57. Klugscheißer.) und füllen 75 Minuten CD-Platz.
Ein Beispiel zum Beispiel. „The Day That Never Comes“ tarnt sich nach einem melodischen Intro harmlos als Ballade, um sich zunächst an Intensität, dann im Tempo zu steigern und schließlich in einem Thrash-Stakkato zu enden.

Eingedenk dessen, daß Metallica im Jahr 2001 als Band beinahe gestorben wäre und das Album „St. Anger“ nicht wirklich den Klang bot, der Metallica ausmacht, kann „Death Magnetic“ durchaus als musikalische Wiedergeburt bezeichnet werden. Die öffentliche Kritik richtet sich daher auch weniger gegen die Musik, wiewohl natürlich immer einige unzufrieden sind. Vielmehr rückte die Produktion in den Mittelpunkt, da der Produzent Rick Rubin mit diesem Album in den Loudness War zog. Als Folge der hohen Kompression soll der Klang schlecht sein, was so sein mag, aber meine Ohren bekommen dergleichen nicht mit.
Wie gewohnt erreichte das Album die Spitze der Albumcharts aller relevanten Länder, und da dies in Amerika zum fünften Mal in Folge der Fall war, setzte Metallica damit einen neuen Rekord. So hätte es also weitergehen können, aber zunächst ging Metallica ausgiebig auf Tour, und neues Material kam für längere Zeit nicht. Das nächste eigene Album erschien sogar erst acht Jahre später, was aber nicht heißen soll, daß die Band in der Zwischenzeit untätig war.

Lulu

Jahaha, Überraschung! Als ich meine Metallica-CDs hervorholte und begann, sie systematisch durchzuhören und diese Blog-Berichte zu schreiben, besaß ich „Lulu“ noch nicht, also ist sie nicht im oben… nee, unten abgebildeten CD-Stapel zu sehen. Aber ich bin ja Komplettist. Und je mehr ich mich in die Materie Metallica einarbeitete, desto deutlicher wurde mir, daß ich dieses Kapitelchen nicht auslassen wollte. Die Doppel-CD kostet auch nur schlappe 7 Euro, daher dachte ich mir: „scheiß drauf!“ und kaufte sie. Gebraucht wäre sie noch billiger gewesen und vermutlich trotzdem nahezu in Neuzustand, denn ich kann mir nicht vorstellen, daß „Lulu“ von irgendwem häufig aufgelegt wird.

What the fuck is „Lulu“, und wie konnte es dazu kommen?
Im Jahre 2009 wurde Metallica in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, was – wie könnte es anders sein – für Kontroversen sorgte, da Robert Trujillo ja erst seit kaum sechs Jahren Bandmitglied war und bislang nur an einem Album und zwei Touren mitgewirkt hatte; wie konnte er da schon in die Hall of Fame einziehen? Aber Metallica versteht sich als Family, also alle oder keiner! Jason Newsted wurde als ehemaliges aber bedeutsames Mitglied natürlich auch aufgenommen, ebenso der verblichene Cliff Burton, bei der Zeremonie repräsentiert durch seinen Vater. Dave Mustaine wurde wohl ebenfalls eingeladen, doch der wollte nicht. Jedenfalls. Im selben Jahr feierte die Hall of Fame 25jähriges Jubiläum, und beim Festakt spielte Metallica gemeinsam mit Lou Reed, seinerseits Halleninsasse mit The Velvet Underground. Die Idee kam auf, mal was zusammen zu machen. Für Projekte außerhalb der Norm ist Metallica ja immer zu haben, und im April 2011 war es dann soweit, man jammte mit Lou Reed.
„Lulu“ ist im wesentlichen ein Spoken-Word-Album von Lou Reed, mit Gedichten, die er einst für ein Frank-Wedekind-Projekt verfaßte, und Metallica unterlegt dies mit einem Klangteppich in Metal-Optäääakustik. Wer also geglaubt hatte, mit „Lulu“ hielte er ein Thrash-Metal-Album in den Händen, mußte enttäuscht werden. Verausgabt wurde es am 31sten Oktober 2011, Halloween, und es gruselte die Fans in der Tat. Denn obwohl alle Vorabrezensionen und auch die Band selbst davor warnten, ein typisches Metallica-Album zu erwarten, kauften die Fans halt ein „Metallica-Album“ – und konnten mit dem Dargebotenen nichts anfangen.
Als eines der eingängigeren Stücke zeige ich mal beispielhaft „Iced Honey“:

Die Kritiken der Fachpresse waren also verhalten, die Reaktion der Fans war vernichtend, am besten zusammengefaßt als: „Wer braucht den Scheiß?“ Gebraucht hätte das niemand, aber Metallica ist Metallica, und Metallica macht, was Metallica will. Allein die Chuzpe, als größte Metal-Band der Welt so ein Artsy-Fartsy-Projekt durchzuziehen und es öffentlich zu präsentieren, war es das schon wert, finde ich. Ja, öffentlich aufgeführt wurde „Lulu“ auch, während einer kurzen Radio-Station-Tour gemeinsam mit Lou Reed. Das längste Set scheint dabei ausgerechnet im WDR bzw. auf Eins Live gespielt worden zu sein; außerdem wurde die Aufführung bei dieser Gelegenheit gefilmt und dient jetzt sogar auf Metallicas offizieller Homepage als Referenz. Dem anwesenden Publikum war dabei auch gleichgültig, ob ihnen die Lulu-Lieder gefielen, hatten sie doch das Privileg, einer einmaligen Aufführung in Club-Atmosphäre beizuwohnen und der Band so nahe zu kommen wie nie.

Beyond Magnetic

Und es war ja nicht alles schlecht im Jahre 2011. Der deutsche Fußball-Meister fand mein Gefallen, und Metallica konnte das 30jährige Band-Jubiläum begehen. Dies geschah an vier Dezemberabenden im „Fillmore“ in San Francisco, und diese vier Shows müssen so ziemlich das Exklusivste gewesen sein, was ein Metallica-Konzert je zu bieten hatte. Naturgemäß boten diese Feierstunden eine Retrospektive, zu der Metallica Freunde und Weggefährten eingeladen hatte, unter anderem die ursprünglichen Gründungsmitglieder Ron McGovney und Lloyd Grant, die an der allerersten Veröffentlichung von „Hit the Lights“ beteiligt waren und nun hier nach nur 30 Jahren zum ersten Mal live mit Metallica auf der Bühne standen. Auch Dave Mustaine zeigte Größe und teilte die Bühne mit seinen ehemaligen Band-Kameraden, und Jason Newsted war natürlich auch dabei. Außerdem sang Marianne Faithfull live ihren Part von „The Memory Remains“, Apocalyptica ersetzten das Sinfonieorchester bei „No Leaf Clover“, Lou Reed performte Teile aus „Lulu“, und einige der Bands, deren Lieder Metallica im Laufe der Jahre gecovert hatten, traten ebenfalls auf, zum Beispiel Glenn Danzig von den Misfits sowie Geezer Butler und Ozzy „the Iron Man“ Osbourne von Black Sabbath. Auch John Marshall, der Gitarrenstimmer, der bisweilen in Shows für James Hetfield die Gitarre spielen mußte, wenn dieser sich mal wieder beim Skaten die Hand gebrochen hatte oder von der Bühnen-Pyro erwischt worden war, hatte seinen Auftritt. Viele Songs, die bis dahin selten oder nie live gespielt wurden, erlebten hier ihr Bühnendebüh. Debut. Alles in allem war es also eine fette Party, bei der James Hetfield nicht nur als Conférencier am Mikro glänzen konnte, sondern auch die ganze Woche über aus allen Poren strahlte. (Ich tu grad so, als wäre ich dabeigewesen; war ich natürlich nicht, aber auf Youtube gibt’s ja alles.)
Als wäre das alles nicht schon grandios genug gewesen, wurde an jedem der Abende einer von vier unveröffentlichten Songs aufgeführt, die bei den Aufnahmen von „Death Magnetic“ übriggeblieben waren, weil sie nicht ins Gesamtkonzept des Albums passten und sowieso keinen Platz mehr gefunden hätten. Deren einer ist „Just a Bullet Away“, bei dem man nach 4 Minuten nicht glauben darf, daß der Song jetzt zu Ende sei, denn nach einer kurzen Erholungspause setzt ein opetheskes Interludium ein, bis das Lied schließlich zu seiner thrashigen Form zurückfindet.

Unmittelbar nach der Aufführung standen die Songs jeweils den Fanclub-Mitgliedern zum Download bereit. Da Metallica jedoch diesem Internet mißtraut und mit der Downloadbarkeit von eigenem Material schlechte Erfahrungen gemacht hat, wurde die EP „Beyond Magnetic“ mit allen vier Liedern im Januar 2012 auch als akkurate CD veröffentlicht. Es wäre auch zu schade gewesen, diese Songs als Mastertapes in Lars Ulrichs Keller verschimmeln zu lassen, denn diese EP war durchaus geeignet, die Fans über „Lulu“ hinwegzutrösten und die Wartezeit aufs nächste Album zu verkürzen.

Through the Never

Doch Metallica hatte keine Zeit, für ein neues Album ins Studio zu gehen, denn andere Projekte nahmen ihre ganze Aufmerksamkeit in Beschlag. Projekte, Projekte, Projekte! Vor allem war schon Jahre zuvor die Idee an die Band herangetragen worden, einen Konzertfilm zu drehen, doch war es dazu nie gekommen. Jetzt jedoch war die Zeit reif. Und zwar sollte es ein IMAX-3D-Film sein. Mit Handlung! Schlicht das ganze Equipment nach Pompeji zu karren und das Konzert zu filmen, war nicht genug. Und ein Konzeptalbum, das die Handlung anhand der Songs erzählt, hat Metallica nicht im Œuvre; Pink Floyd schieden als Vorbild demnach aus. Klar war allerdings, daß der Konzertanteil an diesem Film spektakulär sein mußte, und daß so etwas wie ein „Best of“ unausweichlich war. Es wurde also eine Setlist zusammengestellt, die Songs aus allen Epochen der Band-Geschichte beinhaltete (außer „St. Anger“…), und diese Epochen sollten bei einer Live-Aufführung durch Special Effects auf der Bühne repräsentiert werden, wobei die ikonographischen Album-Titelbilder als Anhaltspunkt dienten. Mit derart spektakulären Bühnenshows hat Metallica insofern Erfahrung, als auf der Justice-Tour während der Konzerte eine Justizia-Statue gebaut und zum Einsturz gebracht wurde; dieser Effekt durfte also nicht fehlen. Aber statt die olle „Doris“, wie die Statue liebevoll getauft worden war, aus dem Keller zu holen, wurde sie für den Film neugebaut – in größer. Außerdem wuchsen während „Master of Puppets“ weißleuchtende Kreuze aus dem Boden, war „Fuel“ prädestiniert für Pyrotechnik, wurde das Verdun-Intro zu „One“ nicht nur auf Videoleinwänden gezeigt, sondern die Granateinschläge fanden ihren Wiederhall auf der Bühne, nebst Laser-Unterstützung. Und als besonderen Clou ließ man zu „Ride the Lightning“ den elektrischen Stuhl über der Bühne schweben und von Blitzen bebrutzeln, die in riesigen Tesla-Spulen erzeugt wurden. Die Bühne, auf der all das möglich wurde, war die größte und teuerste Bühne, die je für ein Rockkonzert gebaut wurde, und benötigte 40 Trucks für den Transport. Denn transportiert werden mußte das alles natürlich auch, nämlich erst nach Mexiko-Stadt, wo in acht Veranstaltungen das Konzert geprobt wurde, ehe es schließlich in Kanada auch gefilmt wurde. Vermutlich wurde es in Mexiko geübt, weil dort die Versicherungskosten niedriger sind – falls was passiert wäre, was angesichts von Tesla-Spulen in der Konzerthalle nicht einmal unwahrscheinlich war. Das Konzertkonzept stand also, fehlte noch die Handlung. Diese überließ Metallica dem angeworbenen Regisseur, Antal Nimrod. Die Rahmenhandlung ist nun nicht oscarreif. Im Grunde geht’s darum, daß, während in der Halle das Konzert vor einem aus gutem Grund enthusiasmierten Publikum stattfindet (immerhin sehen die Leute im Film tatsächlich gerade die spektakulärste Bühnenshow seit „The Wall“), die wirkliche Welt draußen in Gewalt und Chaos versinkt und ein junger Roadie das Pech hat, sich durch diese apokalyptischen Zustände kämpfen zu müssen, um irgendwas zu holen, was bis zum Ende des Konzerts auf der Bühne sein muß. Dabei sind die auf der Bühne gespielten Songs jeweils an die Spielfilmszenen angepaßt. Beziehunsgweise eigentlich andersherum, denn die Lieder waren ja zuerst da. „Kill ’em All“ wird hier, die Trennung zwischen Konzert und Rahmenhandlung durchbrechend, sozusagen dargestellt durch einen hammerschwingenden Todesreiter, der in der Tat alle killt, die ihm in den Weg treten. Für four horsemen hat’s freilich nicht gereicht. Am Ende bricht die Bühne parallel zur Welt außerhalb und aufgrund der Ereignisse, die dort stattfinden, zusammen, James merkt an, daß man diesen ganzen Plunder ja eigentlich eh nicht brauche, und Metallica spielt „Hit the Lights“ minimalistisch im Garagenstil. Das hat seinen Charme.
Der unglückselige Roadie kann gegen alle Widerstände seine Mission erfüllen und wird in der dann leeren Konzerthalle mit einer Exklusivdarbietung von „Orion“ belohnt, durch welche auch Cliff Burton irgendwie in diesen Film findet. Die Idee, ihn als Hologramm einzubinden, kam zwar auf, wurde aber als too cheesy verworfen.
Da im Film an passender Stelle nur das Riff angerissen, der Song aber nicht auf der Leinwand ausgespielt wird, sei „Wherever I May Roam“ der Anspieltipp:

Den Rest der Show gibt’s im Film, sehenswert ist er allemal. Die Produktionskosten von über 30 Millionen Dollar konnten 2013 an den IMAX- bzw. Kino-Kassen freilich nicht eingespielt werden. Wenn wir also irgendwann lesen, daß Metallica, wie alle anderen Superstars auch, pleite sind, wissen wir, warum. Die Jungs, inzwischen zu ausgewachsenen Männern über 50 herangereift, sind also weiterhin darauf angewiesen, ihre Brötchen auf Tour zu verdienen. Und das taten sie gerade im Jahr 2013 besonders fleißig. Innerhalb von 12 Monaten gaben sie Konzerte auf allen Kontinenten, was weniger außergewöhnlich klingen mag, als es tatsächlich ist, wenn man nämlich die Antarktis dazuzählt. Die südamerikanische Coca-Cola-Filiale hatte für Gewinner eines Wettbewerbs eben dies getan: Ein Metallica-Konzert bei der argentinischen Südpolarforschungsstation organisiert und Band wie Fans samt Ausrüstung ins ewige Eis transportiert. Dieser Auftritt war also noch exklusiver als die Geburtstagsshows in San Francisco, und er brachte Metallica einen offiziellen Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde ein.

(Und während ich all das schreibe, fällt mir soeben auf, daß ich jetzt „Lulu“ schon zum mindestens dritten Mal durchlaufen lasse. Auch das dürfte ein nie dagewesener Rekord sein. Und was soll ich sagen: Es ist weniger schmerzhaft als „St. Anger“.)

Hardwired… To Self-Destruct

Inzwischen ist das Jahr 2016 über uns gekommen, und da ist es doch noch, das neue Metallica-Album! Als Appetizer war bereits im Jahre 2014 der Song „Lords of Summer“ zunächst digital, schließlich auch als Vinyl-Single veröffentlicht worden, wovon ich natürlich nichts mitbekam, was mir aber eh nichts genützt hätte, da ich weder mit iTunes noch mit Vinyl was anfangen kann. 2015 gingen die Herren dann endlich ins Studio, um das zehnte Album aufzunehmen. Man ließ sich Zeit und legte alles in die Produktion, um so ein Semidesaster wie mit der Kompression von „Death Magnetic“ zu vermeiden. Die 12 Songs des Albums haben eine Gesamtspieldauer von 77:22 min, hätten also – seit „Load“ wissen wir das – wahrscheinlich auf eine CD gepaßt, aber um den bestmöglichen Klang rüberzubringen, wurden sie auf zwei Scheiben verteilt, was „Hardwired… To Self-Destruct“ somit zu einem Doppelalbum macht, irgendwie. In der Deluxe-Version bekommt man sogar drei Scheiben, wo dann „Lords of Summer“ in einer verkürzten Neueinspielung ebenfalls enthalten ist, neben drei neuen Cover-Songs und 10 Live-Aufnahmen. Wie dem auch sei.
„Hardwired“ ist dann auch direkt zu Beginn der Titeltrack, eine 3-minütige Thrash-Ansage, die das Thema des Albums setzt: „We’re so fucked“, denn die Welt ist im Arsch, und die Menschen sind Arschlöcher, aber wir können ja nicht anders, denn wir sind hardwired to self-destruct. Mit „Atlas, Rise!“ geht es in einigermaßen schnellem Tempo weiter, und man fragt sich, wie die alten Männer das noch ohne die Gefahr von Herzkaspern und Sehnenscheidenentzündungen auf die Bühne bringen wollen. Doch im Folgenden wird die Geschwindigkeit etwas gedrosselt und kommt im düster-dräuenden „Dream No More“ fast ganz zum erliegen, wenn Cthulhu angekrochen kommt. „Hardwired… To Self-Destruct“ hat unbestreitbar seine Höhepunkte, aber gerade im zweiten Teil durchaus auch seine Längen. Das könnte daran liegen, daß Hetfield und Ulrich quasi alles alleine komponieren mußten, da Hammett der Anekdote nach das iPhone mit seinen Song-Ideen verschludert hatte, seine Beiträge sich also auf die Soli beschränkten und weiterer Input fehlte. Wir schleppen uns also wohlwollend, denn einige gute Riffs und Melodien gibt es in jedem Song, durch die zweite CD, verdrücken bei „Murder One“, einer Hommage an den kurz zuvor verstorbenen Lemmy Kilmister, ein Tränchen und werden für unsere Geduld schließlich durch „Spit Out the Bone“ mit einer Thrash-Explosion belohnt, die alles hat: Geschwindigkeit, Rhythmuswechsel, Riffs und Soli, derer eines sogar vom Baß. Insgesamt ist das Album mehr als solide, aber ob es ein Klassiker wird, muß die Zeit zeigen. Gemessen daran, daß die zu ihrer Zeit ungeliebten Load-Alben inzwischen Klassikerpotenzial haben, besteht diese Chance also für „Hardwired…“ durchaus auch.
Als Hörbeispiel wähle ich „Atlas, Rise“:

Da Metallica es können, haben sie zu allen 12 Songs (bzw. 13 inklusive „Lords of Summer“) offizielle Videos veröffentlicht. Von diesen ist nicht jedes einzelne ein Höhepunkt der Videokunst, da bisweilen halt einfach Konzert- und Behind-the-Scenes-Material der Band verwendet wird, aber einige sehr gute Ideen sind auch hier dabei, vor allem das animierte Lemmy-Tribute und die dystopische Matrix-Adaption zu „Spit Out the Bone“. Und wann hätte eine Band jemals Videos zu allen Liedern auf einem Album veröffentlicht?

So, ich bin durch, mehr habe ich nicht von Metallica. Ich habe mal bei einem örtlichen Ebay-Anbieter Lego abgeholt. Der hatte einen halben Meter CDs im Schrank und merkte an: „Mehr gibt es nicht von Metallica.“ Da waren dann alle Singles und Konzertalben dabei, und was weiß ich, was es sonst noch gibt. So komplett muß ich’s auch wieder nicht haben. Zumal man auf der offiziellen Homepage der Band feststellen kann, daß es noch sooo viel mehr gäbe: Sondereditionen, Fanclub-Specials, und inzwischen annähernd von jedem einzelnen Konzert offizielle „Bootlegs“, falls man das noch so nennen kann, wenn der Mitschnitt im Auftrag der Band selbst erstellt wurde. Wer das alles haben möchte, kann der Band „Through The Never“ im Alleingang refinanzieren. Ich jedenfalls habe meinen Beitrag dazu geleistet.

Schlußbemerkung

Und warum ist Metallica jetzt die größte Metal-Band der Welt? Die sind doch nur zu viert?
Metallica ist auf jeden Fall mehr als die Summe seiner Bestandteile. Da hätten wir James Hetfield, der von sich selbst sagt, daß er von Musik eigentlich kaum was verstehe, und dessen Gesangskünste er zumindest zu Beginn selbst in Zweifel zog, worin ihm bis heute viele beipflichten, wenn man den Kommentaren unter Youtube-Videos Glauben schenkt. Sodann haben wir Lars Ulrich, der zwar von keinerlei Selbstzweifeln geplagt zu sein scheint, dessen Fähigkeiten an den Drumms aber vor der Bandgründung von James arg in Frage gestellt wurden. Auch hier folgt ihm eine nicht unbedeutende Anzahl Youtube-Kritiker, die Lars nicht nur wegen seines schlampigen Schlagzeugspiels hassen, sondern auch wegen seiner Rolle in der Napster-Affäre. Dann wäre da noch Kirk Hammett, dessen Name selten genannt wird, wenn die größten Gitarristen des Planeten aufgezählt werden, vor allem soll er an seinen Vorgänger Dave Mustaine nicht annähernd herankommen. Und schließlich haben wir Cliff Burton, den Gott am Baß; aber der ist tot. Sein Nachfolger Jason Newsted ist ebenfalls nicht mehr in der Band, wofür er von den Kritikern abgefeiert wird. Die gegangen sind, sind offenbar immer die Besten. Robert Trujillos kreative Beiträge waren bislang überschaubar, er überzeugt eher durch seine animalische Bühnenpräsenz. Wenn wir das alles zusammenfassen, müßte Metallica also eine bestenfalls mediokre Band ohne nennenswerte Anhängerschaft sein.

Is‘ aber nich‘ so. Stattdessen haben die Jungs als Kollektiv ungefähr… ich zähle mal schnell durch: 10, 8, 8, 9, 12, 14, 13, 2, 1, 11, 10, (10), 4, 1, 12 eigene nebst mindestens 11, 16, 3 gecoverten Songs veröffentlicht, im Zuge dessen unzählige Riffs und Melodien von einzigartiger Wiedererkennbarkeit geschaffen und ebensoviele Metal-Klassiker in die Welt gebracht, ein ganzes Genre mitbegründet und geprägt, waren Vorbild für Dutzende Nachfolgebands und verdienten sich den Respekt der meisten, wenn nicht aller ihrer eigenen Vorbilder. Außerdem war der Dude Roadie für Metallica, noch Fragen?

Davon, daß Metallica eine phantastische Live-Band ist, worauf von Beginn an ein großer Teil ihres Ruhms fußte, überzeugte ich mich neulich auch endlich. Da ich ja bis jetzt vor allem ein Schönwetter-Fan war, fuhr ich also im Regen nach Köln und sah die Altherrencombo amtlich abrocken. Bei der Gelegenheit wurde ich von James Hetfield in der Metallica-Familie willkommen geheißen, darum ist mein Leben jetzt vollkommen.


CD-Regal revisited: Metallica. (Vol. 2)

11. September 2017

Mit dem schwarzen Album im Repertoire tourte Metallica ausgiebig, zum Teil gemeinsam mit Guns n‘ Roses, und kletterte sogar durch den 1991 sehr löchrig gewordenen Eisernen Vorhang, um neben AC/DC, Pantera und den Black Crows ein Konzert in Moskau zu spielen, vor geschätzt anderthalb Millionen Menschen, die von der örtlichen Gendarmerie zusammengeknüppelt wurden, wenn sie zu headbangen und pogen wagten. Die mediale Präsenz der Band zu jener Zeit war gewaltig, Festival-Auftritte wurden live im Fernsehen gezeigt, die Videos zu „Enter Sandman“ und „Nothing Else Matters“ und sogar gelegentlich „One“ liefen häufig bei MTV und in der schon erwähnten Sendung „Hit Clip“. Natürlich konnte Metallica auf diese Weise zahllose Fans hinzugewinnen (zum Beispiel mich), die bis zum Erscheinen des nächsten Albums Gelegenheit hatten, sich mit den bisherigen 47 Songs und dem spezifischen Stil von Metallica vertraut zu machen. Thrash-Metal, yeah! Pommesgabel! Bang the head, that doesn’t bang! (Außer in Moskau; da andersrum.)
Dann wurde im Jahre 1996 endlich, nach fünf Jahren, das neue Album angekündigt.

Load

Moment mal… Das Logo, einst von James Hetfield höchstselbst mit Haushaltsmitteln entworfen, hatte sich verändert, die Wolfsangeln an M und A wurden abgefeilt. Ein vervierfachtes Metallica-M zierte bloß noch als Ninjastern die runde CD. Anzeichen für einen Image-Wechsel? Auch ein Blick ins Booklet schien darauf hinzudeuten. Die Jungs hatten ihre langen Haare abgeschnitten und zeigten sich dandyhaft zigarrerauchend und – durfte es denn wahr sein? – geschminkt! Um diese Stilveränderung auch noch besonders zu betonen, ist Bildern der Band mehr Platz zugedacht als einer ordentlichen Repräsentation der Songtexte, von welchen jeweils nur einige exemplarische Zeilen abgedruckt sind. Vielen altgedienten Headbangern genügte vermutlich all dies schon, um das Album nach äußerlicher Begutachtung im Plattenladen zuzuklappen und wieder ins Regal zu stellen. Um es später heimlich über Mittelsmänner doch zu kaufen, denn irgendwer muß ja dafür gesorgt haben, daß es in den USA, GB und Deutschland an die Spitze der Album-Charts stürmte.
Das Album heißt „Load“, und vollbeladen ist es wahrlich; die 14 Lieder füllen die CD über fast 80 Minuten bis an den Rand. „80 verschwendete Minuten“, jammern die obbedachten Headbanger. Denn nicht nur sind die Thrash-Momente seltener geworden. Überhaupt ist die Musik bisweilen kaum als Metal zu bezeichnen, sondern tendiert zu Hardrock, mit Blues- und Country-Einflüssen. Die Melodieführung ist noch weniger Riff-basiert als auf dem Vorgängeralbum, das Tempo ist mäßig. Dessen ungeachtet ist der Sound druckvoll und satt. Damals, 1996, besaß ich nur das schwarze Album und „Master of Puppets“, doch auch mir Laien fiel durchaus auf, daß der Stil sich verändert hatte, aber mir gefiel’s. Ich war und bin ja kein traditioneller Metalhead. Wenn eine Band wie Metallica experimentierfreudiger ist als ihre Kernhörerschaft, dann ist das halt so. Nach viereinhalb Jahren auf Tour mit immer denselben gespielten Liedern aus dem umfangreichen Back-Catalog muß man einer Band wohl zugestehen, daß sie sich am eigenen Material sattgehört hat und etwas anderes ausprobieren möchte. Immerhin verfielen sie nicht auf seichten Pop, sondern schrieben weiterhin gitarregetriebene Lieder mit introvertierter, düsterer Thematik. Nerviger als die meiner Ansicht nach legitimen musikalischen Experimente finde ich, daß James in seinem Gesangsstil einen gewissen Manierismus entwickelte, der sich in „whoas“ und „yeas“ am Ende von Textzeilen äußert.
Als Höreindruck wähle ich mal „Bleeding Me“, das ganze Album in einem Song: Bluesiges Intro, Riffs, Druck, Solo und mysteriöse Lyrics.

Nach der ausufernden Tour hatte Metallica soviel Material, daß das neue Album eigentlich ein Doppelalbum werden sollte, was das Management ihnen aber ausredete. Aber auch so paßten die erarbeiteten Songs nur mit knapper Not auf die CD, so daß das letzte Stück „The Outlaw Torn“ auf schlanke 9:47 min gekürzt werden mußte, weil so eine CD halt nur 78:59 min faßt. So lange dauerte also eine Aufführung von Beethovens 9ter Sinfonie unter der Leitung Herbert von Karajans. Anyway, den Song in voller Länge packte man als B-Seite auf eine Single des Folge-Albums, welches ja eigentlich der zweite Teil dieses Albums hätte werden sollen. Entsprechend erschien es auch bereits im Jahr darauf, 1997:

ReLoad

Der zweite Teil des Load-Doppels ist insgesamt weniger bluesig und dafür etwas härter und düsterer, drohender. Zum allerersten Male wird ein Metallica-Album nicht mit Gitarrenklängen eröffnet, sondern von James Hetfields Stimme, der nach Zündstoff im Song „Fuel“ verlangt, einer schnellen Nummer. Dieses Intro schreckte mich beim erstmaligen Hören direkt ab, wiewohl das Lied eigentlich recht gut ist, und bestimmte so meine Erwartungsgrundhaltung für alles Folgende. Nun, mit 20 Jahren Abstand, beurteile ich die gelieferten Songs durchaus wohlwollender, obschon ich „Load“ bevorzuge. Das Grundthema auf „ReLoad“ scheint die Verführbarkeit und Sündhaftigkeit der Menschen zu sein, und wo dergleichen hinführt. Im Lied „The Memory Remains“, die Todsünde der Vanitas behandelnd, gibt Marianne Faithfull ein Gastspiel. Und der Teufel lauert immer irgendwo, am offensten im Danse-Macabre-Stück „Devil’s Dance“, welches in seiner schleppenden Düsterkeit geradezu deathmetallen anmutet, original mit Growling-Einlagen von Jason Newsted im Hintergrund. Da ich mich nur schwer für ein repräsentatives Anspielstück entscheiden kann, nehmen wir halt das:

„Load“ und „ReLoad“ fanden zwar reißenden Absatz, wurden aber, wie erwähnt, von den angestammten Fans verhalten aufgenommen. Der Headbanger angunfürsisch erwartete von Metallica reinen Thrash-Metal, mindestens im Stile der Alben „Ride the Lightning“, „Master of Puppets“ und „…And Justice for All“, besser noch wie auf dem Erstling „Kill ’em All“, und die Band verweigerte sich stumpf diesem Ansinnen. Der äußerliche Stilwechsel, am augenfälligsten natürlich die neuen Kurzhaarfrisuren, trugen zum Eindruck bei, Metallica habe sich und ihre Wurzeln verloren. Da wußten die Fans ja noch nicht, was noch alles kommen sollte.

Garage Inc.

Zunächst kam im Jahre 1998 ein Doppelalbum mit Cover-Versionen. Nachdem sie in den vorangegangenen zwei Jahren zwei Alben mit insgesamt 27 neuen Liedern veröffentlicht hatten, mußten sich die Jungs wohl zwischendurch beim Nachspielen von andererleuts Songs erholen. Dergleichen war für Metallica keineswegs untypisch, hatten sie doch in ihren Anfangstagen, wie vermutlich jede junge Band, ihre Setlist mangels eigener Songs vornehmlich mit Coversongs aufgefüllt. Auch später erwiesen sie bisweilen einer Vorbild-Band ihre Reverenz und nahmen Cover-Songs als Single-B-Seiten auf, zum Beispiel vier Motörhead-Songs anläßlich Lemmys 50stem Geburtstag. Und zum Einstand Jason Newsteds veröffentlichten sie 1987 die $5.98-EP „Garage Days Re-Revisited“. All dies packten sie nun auf die zweite Scheibe des aktuellen Garage-Inc-Albums. Für Disc 1 nahmen sie elf neue alte Lieder aus fremder Feder auf, nachdem sie offenbar ausgiebig in Lars Ulrichs Vinyl-Sammlung geschwelgt hatten. Die Liste umfaßt kurze knackige Punk-Klassiker („Die, Die My Darling“ der Misfits), Heavy-Metal-Legenden („Sabra Cadabra“ von Black Sabbath), aber auch Düsterrock („Loverman“ von Nick Cave & The Bad Seeds) nebst einigen anderen. Natürlich durfte auch Ulrichs erklärte Lieblingsband Diamond Head nicht fehlen, die bereits in seiner sagenumwobenen Zeitungsanzeige erwähnt wurde, welche zur Gründung Metallicas führte. Die Idee, ein komplettes Coveralbum einzuspielen, kam den „Metallicats“ (so eine scherzhafte Bezeichnung im CD-Booklet) wohl relativ spontan, aber da nun schon mal ein neues Album vorlag, veröffentlichten sie natürlich auch Singles. Neben „Die, Die Darling“ waren dies „Turn the Page“ von Bob Seger und „Whiskey in the Jar“, welches gemeinhin Thin Lizzy zugeschrieben wird, aber eigentlich ein traditionelles irisches Trinklied ist; da waren die Veröffentlichungsrechte wohl am unkompliziertesten. Aber da es dazu ja auch Videos gab, die jeder kennt, sei als Anspieltip stattdessen „Astronomy“ von Blue Öyster Cult genannt:

Eigentlich bin ich kein großer Freund von Coverversionen, mir sind Originalsongs einer Band prinzipiell lieber. Zumal, wenn der ganze Ruhm eines Sängers oder einer Band auf einer erfolgreich lancierten Cover-Version eines Klassikers beruht, wie es im Radiopop nicht selten vorkommt, finde ich das äußerst frag- und keineswegs unterstützenswürdig. Metallica ist dessen freilich unverdächtig. Ihre frühen Cover waren sicherlich Fingerübungen und halfen ihnen dabei, ihren eigenen Stil zu entwickeln und die Beherrschung ihrer Instrumente zu verfeinern, aber den Ruhm erarbeiteten sie sich durch selbstgeschriebene Lieder. Später aufgenommene Cover-Songs sind als Ehrerweisung gegenüber dem jeweiligen Originalkünstler zu verstehen, als Karriereschub hatte Metallica so etwas schlichterdings nicht nötig, denn die Nummer 1 der Metal-Welt waren sie ohnehin. Das vorliegende Album war ein Spaßprojekt, das vor allem der Abwechslung im Touralltag diente. Die Qualität der aufgenommenen Songs ist metallicamäßig hervorragend, gebraucht hätte ich es trotzdem nicht. Dennoch kaufte ich das Album, weil ich 1998 alles kaufte, wo Metallica draufstand – außer „Kill ’em All“. Aber ich glaube, ich habe das jetzt erst zum zweiten Mal komplett durchgehört und werd’s auch so bald nicht wieder auflegen.

S&M

Nachdem Metallica 1998 andere Bands gecovert hatte, ergab sich 1999 die Gelegenheit, sich selbst zu covern. Michael Kamen, Dirigent und Komponist von Filmmusik, der bereits 1991 die Streicher in „Nothing Else Matters“ arrangiert hatte, kam auf Metallica zu, um ein Projekt zu verwirklichen, das ihm vorschwebte: Die Verbindung von traditionellem Sinfonieorchester und kraftvoller Rockmusik. Metallica, nie davor zurückscheuend, sich auf musikalische Gratwanderungen zu begeben, stimmte zu. Kamen komponierte für eine Reihe Metallica-Songs Orchester-Adaptionen, teilweise unterstützend und begleitend, teilweise der Melodie eines Songs diametral entgegenarbeitend. Um herauszufinden, wie das klang, gab es für Metallica nur eine Möglichkeit: Ein gemeinsames Konzert mit dem San Francisco Symphony Orchestra. Selbstredend wurde dieses Konzert umfänglich aufgezeichnet und auf Platte und DVD gebannt. Als kleines Schmankerl brachten Hetfield, Ulrich und Co. zwei bisher unveröffentlichte Lieder im Rahmen dieses Konzerts zur Aufführung, „No Leaf Clover“ und „Minus Human“. Überdies hielt dieses Konzert für die Band die Freude parat, daß ihr langjähriges Einlauflied, Ennio Morricones „Ecstasy of Gold“ aus dem Film „The Good, the Bad and the Ugly“ hier einmal live von einem Orchester gespielt wurde, während es bei ihren Konzerten sonst als Konserve vom Band läuft. Der Mehrwert fürs Orchester war vermutlich, daß hier eine Interaktion mit dem Publikum stattfand, die bei Sinfoniekonzerten gemeinhin unüblich ist. „Hier spielt die Musik!“ gilt bei Rockkonzerten nur eingeschränkt.
Als Höreindruck sinnvoll wäre sicher so mancher Song, der hier mit Orchesterbegleitung dargeboten wird. Da es jedoch „No Leaf Clover“ nur auf diesem Album gibt, soll es dieses sein. Leider habe ich keinen Konzertausschnitt gefunden, der das Albumtitelbild zeigt, aber was soll’s.

Es ist fast schon selbstverständlich, daß auch „S&M“ in Deutschland den Gipfel der Album-Charts erklomm. In den USA schaffte es die Platte freilich nur auf Platz 2. Trotz oder gerade wegen dieses kommerziellen Erfolgs beurteilten die treuen Metal-Fans dieses Konzert-Album kritisch. Denn was hatte Metal mit einem Sinfonieorchester zu tun? Nichts, nämlich. Schlagzeug, Klampfe, Baß und Stimme, fertig! Und hier saß die Band, ordentlich rasiert und gekämmt und in saubere Oberhemden gewandet, und spielte umrahmt von Musikern in Frack und Fliege – Snobs! Die Kluft zwischen Fans und Band wurde also augenscheinlich immer größer. Und trotzdem waren alle Konzerte stets ausverkauft.

Das Drama

Metallica hatte also innerhalb von vier Jahren vier Alben veröffentlicht, 1996, 1997, 1998, 1999. Damit das Jahr 2000 nicht ohne Neuveröffentlichung blieb, steuerte Metallica für den Film „Mission: Impossible 2“ den Song „I Disappear“ bei. Da ich ja (bis auf „Kill ’em All“) alles kaufte, lehnt das Soundtrack-Album zum Film am Stapel mit den Metallica-CDs. Aber nicht jeder war bereit, eigens ein ganzes Compilation-Album zu kaufen, bloß um einen neuen Metallica-Song zu hören. Im Jahr 2000 war die Lösung: Napster. In dieser Online-Tauschbörse fand man alles, was man hören wollte – kostenlos. Unter anderem auch eine Demo-Version von „I Disappear“, die dann bei Radiostationen gespielt wurde. So fand Metallica heraus, daß ihre Musik im Internet zum Download bereitstand, und war not amused. Unter Federführung von Lars Ulrich strengte Metallica daher eine Klage gegen Napster und die Universitäten an, auf deren Servern ein Großteil der Songs lagerte, und verlangte die Sperrung von Usern, die Metallica-Songs zum Download anboten. Sobald diesem Ansinnen stattgegeben worden war, zog Metallica die Klage gegen die Unis zurück, aber die Fans waren trotzdem sauer. Rock ’n‘ Roll und vor allem Metal bedeuteten doch Freiheit, und hier schwang sich die größte aller Metal-Bands auf und wollte die Freiheit der Internet-Nutzer – ihrer Fans! – beschränken, zugunsten des Kommerzes! Für viele paßte dies ins zuvor schon beschriebene Bild, demzufolge die Band sich von ihren Fans immer weiter entfremdete.
Dessen ungeachtet wurde es im Jahre 2001 für Metallica Zeit, ein neues Studioalbum aufzunehmen. Denn wiewohl die Vorjahre vier große Veröffentlichungen gesehen hatten, war die Hälfte davon kein eigenes oder kein neues Material. Das Management war hinsichtlich dieses neuen Albums offenbar ambitionierter als die Band selbst, weshalb es (das Management) zwei professionelle Dokumentarfilmer samt Crew anheuerte, um den Entstehungsprozeß für die Nachwelt festzuhalten, in einer Weise, die über übliche Making-Offs oder Behind-the-Scenes hinausging; Geld spielte keine Rolle. Doch in der Band lief es plötzlich nicht mehr rund. Schon seit längerem fühlte sich Jason Newsted kreativ unterfordert, weshalb er sich verstärkt seinem Nebenprojekt Echobrain widmete. Nun wollte er dieses Projekt professionalisieren, aber James Hetfield hatte was dagegen. Metallica hatte der Mittelpunkt der Metallica-Mitglieder zu sein, und es hatte keine Soloprojekte zu geben! Jasons Ego war ausreichend groß, um die Konsequenz zu ziehen: Bye, bye, Metallica! Die Eier muß man erstmal haben, die größte Band der Welt zu verlassen.

Nun hatte Metallica also Querelen mit den Fans, stand mal wieder ohne Bassisten da, hatte ein Album vor der Brust und eine Filmcrew im Nacken, und es wurde deutlich, daß nach 20 Jahren das Verhältnis zwischen James und Lars, den beiden Alpha-Tieren, arg angespannt war; und der arme Kirk Hammett saß zwischen allen Stühlen. Aber das Studio war gebucht und Metallicas Haus- und Hofproduzent Bob Rock stand Gewehr bei Fuß, es mußte also weitergehen. Mit Unterstützung des zu Rate gezogenen Gruppentherapeuten Phil Towle (Metallica zahlte ihm $40.000 im Monat für 24-stündige Verfügbarkeit) und mit Bob Rock am Baß ging es auch weiter. Drei erste Songs wurden aufgenommen, mit Ecken, Kanten, Haken, Ösen und allem. Aber vor allem James merkte, daß er am Limit war, auch familiär, und schuld war: der Alkohol. Jahrzehntelang war James Hetfield nicht ohne Bierkanne in der Hand vorstellbar gewesen, und jetzt war es zuviel. Während der Aufnahmen fürs neue Album verabschiedete er sich in die Rehabilitation und blieb zehn Monate weg. Für Lars Ulrich war das Ende für Metallica spürbar. Später gab er zu Protokoll, daß es ohne den Therapeuten und ohne die ständig anwesende Kamera als Katalysator das neue Album und damit die Band vermutlich nicht gegeben hätte. Jedenfalls, Hetfield kehrte zur Band zurück, voll rehabilitiert und alkoholfrei, wofür allein ihm schon jeder Respekt gebührt. Doch das Verhältnis zu Lars blieb zunächst problematisch, zumal gerade durch Hetfields Trockenlegung eine neue Inkongruenz entstanden war: Während James jetzt viel besonnener und vernünftiger wirkte und seine wiedergewonnene Familie in den Mittelpunkt rückte, war Lars der unzähmbare Irrwisch geblieben, für den Metallica an erster Stelle stand. Überdies war Kirk angepißt, weil das Album keine Gitarrensolos enthalten sollte. Doch immerhin, die Arbeiten am Album schritten voran, die Unstimmigkeiten zwischen Lars und James wurden unter der unverzichtbaren Vermittlung von Kirk geglättet, und am Ende waren die beiden wieder soweit auf einer Wellenlänge, daß sie sich gegen den Therapeuten verbünden konnten. Es war geschafft. Das Auseinanderbrechen Metallicas war abgewendet, und im Juni 2003 stand das neue Album. Statt der geplanten Wochen oder Monate hatte es fast drei Jahre bis zu seiner Vollendung gedauert.

St. Anger

Um zu verstehen, weshalb „St. Anger“ klingt, wie es klingt, ist es unbedingt angeraten, den Dokumentarfilm „Some Kind of Monster“ anzuschauen, der anstelle des eigentlich geplanten Making-Off-Films entstanden war. Den gibt es zum Beispiel bei Netflix, oder halt auf DVD, am besten in der 2-Disc-Version, denn die zusätzlichen Szenen sind ebenfalls sehr sehenswert. Das Album spiegelt das ganze Drama wieder, das ich oben kurz umrissen habe, und das der Dokumentarfilm ausführlich schildert. Entsprechend wütend und roh ist der Klang; James‘ Gesang ist wenig melodiöses Geschrei, und die Drums erschlagzeugen wüstes Geschepper, weil Lars offenbar drei Jahre lang vergessen hat, seine Snare-Drum ordentlich zu spannen. Nee, das sollte natürlich so sein, aber dem Ohr ist es nicht angenehm. Der beste Moment auf dem Album ist eine Textzeile im ersten Song „Frantic“, welche, wie der Film offenbart, aus Kirk Hammetts Feder stammt: „My lifestyle determines my deathstyle“. Das erfüllt mich mit einer gewissen Befriedigung, weil normalerweise Kirk im Schatten von Lars und James steht, eher Erfüllungsgehilfe denn vollwertiges Mitglied des Kreativteams ist, und das finde ich schade. Also hier:

Der Kontrast zum glatten, orchestralen S&M-Album, dem Vorgänger, könnte nicht härter sein. Überhaupt ist „St. Anger“ anders als alles andere, was Metallica vorher und nachher produziert hat, und da brauche ich nicht einmal auf die Musik zu referieren. Rein äußerlich unterscheidet es sich schon dadurch, daß kein Metallica-Logo auf dem Titel prangt, sondern dieser von der wütenden St.-Anger-Faust dominiert wird, passenderweise in aggresivem Rot und Orange. Es gibt freilich ein Metallica-Logo, jedoch nur im Innern des Booklets und auf dem Tonträger selbst. Dieses Logo ist wiederum anders als der Schriftzug, der auf den Load-Alben verwendet wird, aber es ist auch nicht das klassische Metallica-Signé.
Und das Album wurde aufgenommen ohne gültigen Bassisten, denn Bob Rock spielte die Baß-Tracks ja nur aushilfsweise ein. Dennoch wird im Beiheft Robert Trujillo als viertes Band-Mitglied aufgeführt, wiewohl er erst nach Fertigstellung des Albums als neuer Bassist gecastet wurde. Die Wahl fiel auf ihn, weil sein Spielstil dem Cliff Burtons unter allen Bewerbern am nächsten kam. Außerdem ist er ein freundlicher, cooler Typ. An den Aufnahmen fürs St.-Anger-Album war er freilich nicht beteiligt, obwohl das Booklet ihn zeigt, sondern seine ersten Auftritte hatte er in den Videos zu den Single-Auskopplungen. Und damit teilt er das Schicksal so ziemlich jedes seiner Vorgänger. Bereits Cliff stieß erst zur Band, als die ersten neun Songs des Debütalbums bereits fertig und zum Teil auf Demo-Tapes veröffentlicht waren, aber immerhin durfte er sie fürs Album einspielen. Jason Newsted hatte dann drei Alben aufzuholen, deren Lieder er für Konzerte parat haben mußte, und auf seinem ersten Album mit Beteiligung ist sein Baßspiel nicht zu hören. Und nun also Robert Trujillo. Der „Neue“ ist ja inzwischen auch schon seit 14 Jahren dabei und darf als etabliert gelten. Überdies wagt er sich an Songs heran, die seit Cliffs Tod nicht mehr live aufgeführt wurden, allen voran „(Anesthesia)–Pulling Teeth“, um das die Band 2013 anläßlich des 30jährigen Album-Jubiläums von „Kill ’em All“ nicht herumkam.

À propos. „St. Anger“ kaufte ich damals nicht. Heute kann ich dem Album ja eine gewisse Sympathie entgegenbringen, zumal es zwar musikalisch das schlechteste, dennoch für den Bestand der Band vielleicht das wichtigste Album ist. Es bedarf sozusagen einer Meta-Sichtweise, um es zu mögen, und diese Meta-Ebene hatte ich damals nicht, da ich die Hintergründe nicht kannte. Zu jenem Zeitpunkt hatte Metallica schlicht eine Entwicklung genommen, die mich nicht mehr interessierte. Damit war ich sicher nicht allein.
Stattdessen kaufte ich „Kill ’em All“, womit dieser Running-Gag auch endlich aus der Welt wäre.


CD-Regal revisited: Metallica. (Vol. 1)

1. September 2017

Ich bin aufgewachsen in den 80er und 90er Jahren. (Des 20sten Jahrhunderst, falls man dies hier auch noch Jahrhunderte später lesen kann.) Das war die Zeit, als die „Superhits der 80er und 90er“ noch gleichzeitig „das Beste von heute“ waren. Davon bekam ich allerdings zunächst nur wenig mit, denn wenn meine Eltern mal das Radio einschalteten, dann vor allem für informative Wortbeiträge, und im Plattenschrank konnte ich wählen zwischen Bach und Händel, Mozart und Beethoven nebst etwas Smetana und Tschaikowski. Die einzige Popmusik der Gegenwart, zu der ich regelmäßig Zugang hatte, befand sich auf einer Kassette, die werkseits dem Walkman (von Sony!) beilag, den ich gegen Ende der 80er zu Weihnachten bekam. Darauf befanden sich – wie ich erst später nach und nach rekonstruierte – Teile des Soundtracks von „Dirty Dancing“ und von Michael Jacksons Alben „Thriller“ und „Bad“ nebst einigen Einzelstücken. Alles in allem keine schlechte Musik, die ich rauf und runter hörte.

Auf dem Gymnasium kristallisierte sich irgendwann heraus, daß in meiner Klasse Heavy Metal die bevorzugte Musikrichtung war, und während in der Parallelklasse, deren Raum ich bisweilen zwecks konfessionell gesonderten Religionsunterrichts betrat, Poster von Jon Bon Jovi und Van Halen die Wand zierten, zogen meine Klassenkameraden und -kameradinnen Megadeth und Metallica vor, Danzig und Machine Head. Derlei Musik dominierte die Lautsprecher des Busses, wenn wir auf Klassenfahrten fuhren, was den Klassenlehrer zu der Frage nötigte, ob es sich hierbei um eine Direktübertragung aus dem Dieselmotor handele? Huahua. Aus gutem Grund war Metallica hier der allgemeine Favorit, und meine Kameraden kannten Details der Bandgeschichte, die sie sich, wir mir im Nachhinein gewahr wurde, selbst erst später erschlossen haben konnten, denn daß sie zu Grundschulzeiten bereits die „Rock Hard“ lasen oder sich regelmäßig bei „Idiots Records“ in Dortmund umtaten, bezweifle ich. Jedenfalls, Metallica.

Metallica ist die größte und einflußreichste Metal-Band unserer Zeit. Wer dagegen argumentieren will, muß schon mächtig was vorzubringen haben, denn Metallica bringen alles mit, um Legendenstatus zu rechtfertigen. Neben Talent (dazu später mehr) und der Chuzpe, ihrer Band schon vor dem ersten Plattenvertrag einen Namen mit Alleinvertretungsanspruch zu verpassen, können sie einen amtlichen Gründungsmythos vorweisen, der gleichzeitig die Theogenese einer weiteren gefeierten Metal-Band darstellt. Und die Geschichte der Band ist nicht arm an Dramen, Tragödien, Wiederauferstehungen und Rekorden.

Der Gründungsmythos

Im Jahre 1981 gab ein verhinderter Tennisprofi namens Lars Ulrich, den es aus Dänemark nach Los Angeles verschlagen hatte, eine Zeitungsanzeige auf, in der er, Drummer, Mitmusikanten zwecks Gründung einer Metal-Band suchte. Denn Lars war zunehmend so angewidert von dem, was sich zu jener Zeit Metal schimpfte, all diese posenden Hairspray-Bands, die das Erbe von Black Sabbath, Motörhead, Iron Maiden und Judas Priest schändeten, daß er beschloß, einfach selbst die Musik zu machen, die er gern hören würde. Auf seine Anzeige hin meldete sich ein gewisser James Hetfield, der ähnlich empfand und selbst solch eine Anzeige aufgegeben hatte, dummerweise aber zunächst einmal Lars‘ Talent am Schlagzeug in Zweifel und mit seiner Gitarre wieder abzog. Aber das konnte Lars mit seinen zarten 18 Jahren nicht aufhalten. Er meldete bei einem Freund, der einen Sampler mit Aufnahmen örtlicher Metal-Bands pressen wollte, einen eigenen Beitrag an, bekam die Zusage, und mit diesem Pfund wuchernd wandte er sich erneut an Hetfield, der sich nun nicht mehr verweigerte. Die Band wurde komplettiert durch den Bassisten Ron McGovney, einen Bekannten Hetfields, und Lloyd Grant, der sich auf eine weitere Zeitungsanzeige, das Social Medium der damaligen Zeit, gemeldet hatte. Die erste Eigenkomposition „Hit the Lights“ kam auf den erwähnten Sampler, und Lloyd Grant wurde durch einen gewissen Dave Mustaine ersetzt, der schließlich Mitglied von Metallica wurde. Die Band spielte erste Konzerte und nahm zwei Demo-Tapes auf, die sich lauffeuerartig verbreiteten. So erspielte sich die junge Combo bereits eine solide Fanbase, ehe sie das erste Album aufgenommen hatte. Offenbar waren Lars und James nicht die einzigen, die neuen, echten Heavy Metal hören wollten.
Ron McGovney verließ dessen ungeachtet die Band, und Metallica mußte sich erstmals auf die Suche nach einem neuen Bassisten begeben. Der Kandidat, der James‘ und Lars‘ Ansprüchen genügte, hieß Cliff Burton und wohnte in San Francisco, wo er auch bleiben wollte. Man zuckte die Schultern und zog von LA nach SanFran, vermutlich zum Bedauern der losangelikalen Metal-Freunde.
Unterdessen verschafften die ruhmreichen Demo-Tapes den Jungs eine Auftrittsmöglichkeit in New York. Auf dieser Reise trennte man sich von Dave Mustaine, da dieser es mit dem Drogenkonsum allzu stark übertrieb, wiewohl die anderen Bandmitglieder einem gepflegten Besäufnis mit edlem Dosenbier ihrerseits nicht abgeneigt waren, aber zuviel ist zuviel; Syd Barrett könnte ein Lied davon singen. Dave Mustaine gründete daraufhin aus purem Trotz die Band Megadeth, um es seinen alten Band-Kollegen zu zeigen. Megadeth, sozusagen die Stiefschwesterband von Metallica, wurde unter Metal-Anhängern fast ebenso beliebt wie Metallica selbst, und genau das wurde Daves Nemesis: Jahrzehntelang bemühte er sich vergeblich, an die Erfolge heranzukommen, die Metallica nach und nach erringen konnten, und der mit diesem Gefühl der Zweitrangigkeit einhergehende Drogenkonsum hätte Dave beinahe umgebracht, ungeachtet der zahllosen Erfolge, die er mit seiner Band über die Jahre erzielte.
Metallica ersetzte Dave Mustain durch den Leadgitarristen Kirk Hammett, dessen Name spartakulöser und härter klingt, als das schmächtige Kerlchen auf der Bühne wirkt, vor allem im Vergleich mit James Hetfield, dem Hünen am Mikro. Aber das Line-up stand, und man war bereit für den ersten Longplayer.

Kill ’em All

1983 also wurde das erste Album aufgenommen, welches nach dem Willen der Band eigentlich „Metal up your Ass“ heißen und auf dem Cover einen aus der Kloschüssel ragenden Dolch zeigen sollte. Aber das lehnte der Plattenvertrieb ab, weil: Amerikaner und Profanity und so; God forbid! Cliff Burton soll der Legende nach geantwütet haben: „Let’s kill ’em all!“ Und das war als Titel dann okay, weil: Amerikaner und Waffengewalt und so; Null Problemo.
Die Platte wird eröffnet mit Metallicas erstem Lied „Hit the Lights“, einer Absichtserklärung, einem Manifest dessen, was die Band mit ihrer Musik ausdrücken möchte. Ob die übrigen neun Lieder des Albums auch in der Reihenfolge ihrer Entstehung angeordnet sind, weiß ich nicht, ist aber unwahrscheinlich. Denn beim zweiten, vierten, sechsten und letzten Lied ist noch Dave Mustaine als Mitkomponist angegeben.
Metallica war angetreten, um frischen Heavy Metal auf die Bühne zu bringen, und was wäre frischer, als ein komplett neues Subgenre? „Thrash Metal“ wurde dieses Subgenre später genannt, weil da die Gitarrensaiten gedroschen werden, daß es eine Art hat, und Metallica gehörte neben Slayer, Anthrax, Dave Mustains neuer Band Megadeth und Kirk Hammets alter Band Exodus zu den ersten, die diesen neuen Stil pflegten, einen Stil, der sich auszeichnet durch harte aber präzise Riffs und hohe Geschwindigkeit nebst wütenden, aggressiven Texten.
Das vermutlich bekannteste Lied des Albums, „Seek & Destroy“ wird heute noch regelmäßig auf Metallica-Konzerten gespielt, doch als Hörbeispiel sei gegeben „Whiplash“, weil dies als Paradebeispiel für Thrash-Metal gilt:

Im Bass-Solo „(Anesthesia) Pulling Teeth“ durfte Cliff Burton zeigen, was er konnte. Der Song ist der Beginn einer immerhin vier Alben lang durchgehaltenen Tradition, mindestens ein Instrumentalstück auf der Platte zu haben. Die zehn Eigenkompositionen der Band wurden in späteren Pressungen des Albums ergänzt durch die Cover-Songs „Am I Evil“ von Diamond Head und „Blitzkrieg“ von Blitzkrieg. Bevor Metallica einen umfangreichen eigenen Katalog mit Songs hatte, spielten die Jungs, wie vermutlich jede junge Band, auf ihren Konzerten vor allem Songs aus fremder Feder, ohne sich dessen zu schämen; weshalb sollten sie auch?

Ride the Lightning

Noch während der Tour zum Debutalbum arbeitete die Band bereits an neuen Songs, wiederum Ideen von Dave Mustain einbeziehend, dessen Name bei zwei Liedern angegeben ist. Unter widrigen finanziellen Bedingungen nahm Metallica schließlich im Februar 1984 „Ride the Lighning“ auf – in Dänemark bei Nacht, weil anders die Studiokosten nicht zu stemmen waren. Metallica waren zwar bereits in der Metal-Szene respektierte Newcomer, das erste Album verkaufte sich gut, aber reich waren die Jungs noch lange nicht. Überdies ist Alkohol ja in Dänemark besonders teuer, also blieb auch kein Geld für ein Hotel. Darum war es nur vernünftig, die Nächte im Studio zu verbringen.
Als das neue Album Ende Juli 1984 veröffentlicht wurde, wandten sich bereits die ersten Fans enttäuscht ab. Denn das war kein reines Thrash-Album mehr, warum auch immer derlei Genre-Zuschreibungen für irgendwen irgendeine Rolle spielen sollten. Aber Hetfield, Ulrich, Hammett und vor allem Burton waren musikalisch zu talentiert und auch zu ambitioniert, um für längere Zeit auf einem musikalischen Status Quo zu verharren. Das Tempo wurde gedrosselt, und die Songs sind melodischer und komplexer, weisen progressivere Elemente auf jenseits von reinem Riff-Gedresche. Auch die Texte entfernen sich von den Metal-Themen „böse“ und „Satan“. In der ..äh.. Literatur habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, aber meiner unmaßgeblichen Meinung nach ist es nicht allzu weit hergeholt, „Ride the Lightning“ als Konzeptalbum zu bezeichnen. Wie ein schwarzer Faden zieht sich das Thema „Tod“ durch alle Lieder. Wenn es nicht ausdrücklich um verschiedene Todesarten geht (elektrischer Stuhl, ertrinken unter Eis, hingeschlachtet durch den Engel des Todes), handeln die Lieder von Vergänglichkeit und der Angst oder dem Wunsch, diese Welt zu verlassen. Und in seinem Haus in R’lyeh wartet träumend der tote Cthulhu, den Metallica aus irgendeinem Grunde „Ktulu“ schreibt und instrumental ans Ende setzt.
Für den Höreindruck entschied ich mich jedoch für „For Whom the Bell Tolls“, und sei es nur des „whom“ halber. Der Titel ist eine Referenz auf Ernest Hemingways gleichnamigen Roman, der den Spanischen Bürgerkrieg behandelt.

Während also 1984 in Dänemark dieses wegweisende Metal-Album produziert wurde, war ich sieben Jahre alt und legte mein Augenmerk auf ein anderes dänisches Produkt. Der 1984er Lego-Katalog pries neue Burg-Modelle an, und ich war hin und weg. Aber das nur am Rande.

Master of Puppets

Von den Querulanten, die nach „Kill ’em All“ den Glauben an Metallica verloren hatten, abgesehen, sind sich alle einig, daß das 1986er Album „Master of Puppets“ ein Meisterwerk ist, ein zeitloser Klassiker, ein düster leuchtender Stern am Metal-Himmel. Metallica verleugnen hier keineswegs ihre Herkunft als Thrash-Band, schnelle Riffs haben ihren Platz; aber ebenso bedeutsam sind die elegischen und melodiösen Passagen. Grundthema des Albums sind Menschen, die nicht Herr ihrer selbst sind, die in der ein oder anderen Weise an den Schnüren des Marionettenspielers hängen. Dieser Puppenspieler kann auftreten in Form eines Gottes, eines befehlsgewaltigen Kriegsherrn, als dein eigenes wahnsinniges Über-Ich, als Abhängigkeit von Drogen oder als manipulativer Sektenführer. Auflehnung tut not! Das Stück „The Thing That Should Not Be“ greift H. P. Lovecrafts Cthulhu-Kult wieder auf, der schon im Instrumental des Vorgängeralbums anklang. Die bedrohlich schleppenden Riffs dieses Songs wirken beinahe Doom-Metal-artig. Insgesamt ist die musikalische Darbietung noch ausgereifter und vielfältiger als auf den vorherigen Scheiben, die Songstrukturen sind noch komplizierter, man könnte sagen: Noch progressiver.
Als Hörbeispiel wähle ich „Welcome Home (Sanitarium)“:

Spätestens mit diesem Album war Metallica angekommen, hatte einen neuen Gipfel des künstlerischen Schaffens erklommen und machte keine Anstalten, sich dort auszuruhen. Der Durchbruch war geschafft. Man ging mit Ozzy Osbourne auf Tour. Es hätte also alles gut sein können. Aber der Puppenspieler hatte etwas dagegen.

Die Tragödie

Am 27sten September 1986 starb Cliff Burton, als frühmorgens der Tourbus auf dem Weg von Stockholm nach Kopenhagen von der Straße abkam und umstürzte. 24 Jahre war er alt. Die übrigen Businsassen blieben weitgehend unverletzt, und Kirk Hammett hatte exakt das Glück, das Cliff fehlte, als er aus dem Bus geschleudert und von diesem begraben wurde. Denn die beiden hatten am Abend zuvor erst um die Schlafkojenplätze gepokert, und Cliff hatte gewonnen, so daß sie die Plätze tauschten. Diese Tragödie für Cliff und seine Familie hätte leicht das Ende der Band sein können. Wie gehen junge Männer von Anfang 20, die auf der Bühne die harten Rocker geben, mit so einem Verlust um, mit dem Tod eines Freundes, der beinahe ein Bruder ist? Keiner der Jungs war in idealen Familienverhältnissen aufgewachsen, James Hetfield hatte bereits früh den Tod der Mutter verkraften müssen. Die Band war ihr Leben nicht nur, weil sie ihnen Erfolg bescherte, sondern weil sie gewissermaßen die Familie ersetzte. Das Familienmitglied, welches nun fehlte, war menschlich sowieso und musikalisch nahezu unersetzbar. Aber gerade weil Metallica für Ulrich, Hetfield und Hammett wie eine Familie war, konnten sie das Projekt nicht aufgeben, es mußte weitergehen, ein neuer Bassist mußte her, half ja nichts. Und in der Zwischenzeit half ihnen der Alkohol über die Runden.

Also wurde die Stelle des Bassisten ausgeschrieben und ein Vorspieltermin anberaumt. Metallica war zu diesem Zeitpunkt die allseits anerkannt beste Metal-Band der Gegenwart, daher war die Liste der Interessenten nicht kurz. Aber die meisten Kandidaten waren chancenlos, entweder, weil sie halt nicht gut genug den Baß zupfen konnten, oder weil sie die geforderten Lieder nicht draufhatten, oder weil sie James und Lars einfach so nicht gefielen. Die Meßlatte war: Cliff Burton, und wer sollte da schon herankommen können? Jason Newsted war als Fan von Metallica zum Vorspielen angereist und hatte alle Lieder eingeübt und abrufbereit. Also alle Lieder, die Metallica bis dahin veröffentlicht hatten, nicht bloß die Handvoll fürs Vorspielen geforderten Songs. Er bekam den Job und mußte natürlich sofort ran, denn die Show ging ja weiter. Die erste Studioaufnahme mit Jason war dann 1987 eine EP mit Coversongs, „Garage Days Re-Revisited“, welche ich nicht besitze. Diese Lieder wurden aber später auf dem Cover-Album „Garage Inc.“ wiederveröffentlicht, dazu also zu gegebener Zeit mehr.

… And Justice for All

1988 erschien denn „…And Justice For All“, das erste Album mit Jason Newsted als neuem Bassisten, und direkt beim ersten Song, „Blackened“, ist er in den Writing Credits aufgeführt. Tja. Und damit mußte Jason sich auch erstmal zufriedengeben, denn zu behaupten, die Baßspur sei auf dem Album prominent in Szene gesetzt, wäre grob gelogen. Ohne Cliff Burton schienen die Bosse (Hetfield und Ulrich) dem Baß nur geringen Wert beizumessen. Oder der „Neue“ hatte noch nicht das Selbstbewußtsein, sich in den Vordergrund zu spielen. Dessen ungeachtet sind die neun Lieder der Platte musikalisch sehr komplex und progressiv. Nach meinem Empfinden weniger melodiös als auf dem Vorgängeralbum, werden sie getragen von Rhythmuswechseln und aggressiven Riffs. Das Hauptthema des Albums klingt im Titel schon an: „And justice for all“ sind die Schlußworte des amerikanischen Treueschwurs, den alle Kinder dortselbst täglich mit tränenden Augen und Hand auf dem Herzen vor Schulbeginn vorzutragen haben, wie es in faschistischen Staaten… Ach nee. Metallica stellen dieses Versprechen in Frage und beschäftigen sich mit der Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen und der amerikanischen Gesellschaft im Besonderen.
Besonderes Augen- und Ohrenmerk gebührt zwei Liedern: „One“ ist inspiriert vom Anti-Kriegs-Roman „Johnny Got His Gun“ von Dalton Trumbo aus dem Jahre 1939 bzw. von der filmischen Umsetzung dieses Romans (1971). Geschildert wird das Schicksal eines Soldaten im ersten Weltkrieg, der durch eine Granatexplosion nahezu alle Sinne und Extremitäten verliert und somit ohne direkte Kommunikationsmöglichkeit in seinem Körper gefangen ist, was ihn zunehmend verzweifelter werden läßt. Das Lied beginnt als Metal-Ballade und endet in hartem Speed-Metal-Stakkato, welches an Maschinengewehrfeuer gemahnt. Metallica, die bis zu diesem Zeitpunkt schon Millionen Alben verkauft hatten, ohne daß ihre Lieder im Radio gespielt worden wären und gleich gar, ohne ein Musikvideo gedreht zu haben, entschlossen sich dazu, die Rechte am vorgenannten Film zu erwerben, um Szenen daraus in einem Video verarbeiten zu können. Dieses Video lief erfolgreich bei MTV, was Metallica einem breiterem Publikum bekanntgemacht haben dürfte. Für „One“ erhielt die Band 1990 einen Grammy.
Das vorletzte Lied des Albums, „To Live Is To Die“, wurde zum Teil aus Riffs zusammengesetzt, die Cliff Burton hinterlassen hatte. Es ist im wesentlichen ein Instrumentalstück, jedoch wird gegen Ende von James Hetfield ein kurzes Gedicht Cliffs vorgetragen. Analog zu Cliff Burtons Leben endet das Lied abrupt und geht in das letzte Lied „Dyers Eve“ über.
Als Höreindruck sei jedoch weder das eine noch das andere gegeben, sondern überraschenderweise „Eye Of The Beholder“, welches die Meinungsfreiheit als bedrohtes Verfassungsrecht in den Fokus rückt:

Da, wie eingangs beschrieben, Jason Newsteds Baßspiel auf diesem Album wenig zur Geltung kommt, kursieren im Netz, i.e: auf Youtube verschiedene Remixe der Platte unter dem Motto „… And Justice for Jason“, die versuchen, die Baßtöne hervorzuheben. Dessen ungeachtet wurde dieses Album in der Form, in der es veröffentlicht wurde, so erfolgreich verkauft, wie keine Metallica-Platte zuvor.

Metallica – „Das schwarze Album“

Mit „…And Justice for All“ sahen sich Metallica in einer Sackgasse: Zum einen waren die Songs inzwischen so kompliziert und lang geworden, daß in dieser Richtung kaum noch eine Steigerung möglich schien. Zum andern war auch die klangliche Qualität der bisherigen Alben nicht zur allgemeinen Zufriedenheit, sondern wurde als zu trocken und steril empfunden. Beides sollte sich ändern, deshalb sah sich die Band 1990 nach einem neuen Produzenten um, den sie in Bob Rock fand, der bereits Alben von Bon Jovi und Mötley Crüe produziert hatte. Rock verordnete den Jungs eine neue Arbeitsweise im Studio, insofern sie die Lieder nicht mehr Instrument für Instrument aufnahmen, sondern als Ensemble die Songs mehrfach spielten. Außerdem führte er auch neue Aufnahmetechniken ein, welche den Klang insgesamt satter machten. Die Baßspur ist auch drauf. Wie geplant wurden die Songs selbst kürzer und prägnanter, nicht mehr um eine Aneinanderreihung mehrerer Riffs komponiert, sondern eher einem Hauptmotiv folgend. „Holier Than Thou“, „Don’t Tread on Me“ und „The Struggle Within“ sind mit unter vier Minuten so kurz, wie kein Metallica-Song seit dem Debüt-Album, wo „Motorbreath“ mit 3:07 min. den Kürzerekord hält. Kein Lied auf dem schwarzen Album erreicht die 7-Minuten-Marke, und es gibt kein Instrumentalstück.
Während die Vorgängeralben jeweils unter einem Thema standen, das sich in allen Liedern der Platte wiederfand und zum Teil recht politisch war, beschäftigen sich die Lieder des schwarzen Albums eher mit persönlich Befindlichkeiten, ohne einem Gesamtthema unterworfen zu sein. Konsequenterweise gibt es daher kein Titellied und eben auch keinen Album-Titel, sondern die 12 Songs repräsentieren „Metallica“. Allenfalls ist ein Albumtitel bildlich durch die kaum vom schwarzen Hintergrund des Covers abgehobene Klapperschlange dargestellt, zu welcher dann „Don’t Tread on Me“ als Titelstück gehört. Beides, Schlange und Spruch, fanden sich auf einer revolutionären Flagge („Gadsden flag“) in der Frühzeit der Vereinigten Staaten während des Unabhängigkeitskampfes mit Großbritannien.
Von den zwölf Liedern des Albums wähle ich ausgerechnet das längste, „My Friend of Misery“, als Anspieltipp:

Mit dem schwarzen Album gelang Metallica 1991 sozusagen der Schritt in die Öffentlichkeit. Fünf Singles wurden ausgekoppelt, zu jedem ein Video veröffentlicht, und einige der Songs liefen tatsächlich im Radio. Da die Band somit aus dem Untergrund auftauchte, in dem sich die Metal-Community gerne wähnt, wurde ihr von vielen Headbangern und Kuttenträgern Kommerzialisierung und Verrat vorgeworfen. Und Thrash-Metal ist das ja auch kaum noch! Und tatsächlich: Typen wie ich, der ich mit der Metal-Kultur als solcher nichts am Hut habe, fanden durch dieses Album Zugang zur Musik von Metallica und Metal insgesamt. Wiewohl ich, wie eingangs beschrieben, schon recht früh über die Buslautsprecher bei Klassenfahrten mit derlei Musik beschallt wurde, bedurfte es schließlich doch des schwarzen Albums, um mich gänzlich zu überzeugen. Natürlich war es ausgerechnet das unmetallischste Lied „Nothing Else Matters“ (mit Streichereinsatz!), welches ich als Video in der nachmittäglichen WDR-Sendung „Hit Clip“ mit Thomas Germann sah, das mich zum Kauf des Albums bewog. Es war eine meiner ersten CDs überhaupt, nach „Nevermind“ und „Automatic for the People“. Die „Master of Puppets“ folgte alsbald, aber die Alben „Ride the Lightning“ und „…And Justice for All“ kaufte ich erst Jahre später, „Kill ’em All“ sogar erst verhältnismäßig kürzlich.
Für Metallica ist „Metallica“ der größte kommerzielle Erfolg, das Album verkaufte sich fast 16 Millionen mal allein in den USA, erreichte die vordersten Chart-Plätze in allen relevanten Ländern. Die Kritiker haben also recht. Was erlaube Metallica! Wenn das darf!

Zwischenfazit.

Zu diesem Zeitpunkt, Anfang der 90er Jahre, war Metallica endgültig die größte Rock-Band der Welt, und das nicht nur gemessen an den Plattenverkäufen und abgesetzten Konzerttickets. Viele nachfolgende Bands geben Metallica als Vorbild an, der musikalische Einfluß ist also immens. Trotzdem, oder vielleicht auch genau deswegen, sah sich Metallica fast von Beginn an Kritik ausgesetzt. Wie beschrieben war einigen bereits das zweite Album nicht mehr thrashig genug. Für andere/dieselben begann der Abstieg Metallicas, als sie Dave Mustaine rauswarfen, und sie werfen der Band vor, Daves Musik „gestohlen“ zu haben, da sie noch Input von ihm auf ihren ersten beiden Alben verwendeten. Selbstverständlich sei Dave auch ein besserer Gitarrist als sein Nachfolger Kirk Hammett. Für andere ist alles, was nach Cliff Burton kam, verzichtbar. Einige akzeptieren noch „…And Justice for All“ als soliden Thrash-Metal, aber mit dem schwarzen Album sei Metallica im Grunde eine Pop-Band ohne Metal-Seele geworden. Mir ist das alles egal.
In Vorbereitung auf diesen Artikel (und zwischendurch) habe ich stundenlang Dokumentationen über und Interviews mit Metallica auf Youtube gesehen, gepriesen sei dieses unschätzbare Kulturarchiv! Jedenfalls wurde mir eines deutlich: Als Lars und James Metallica gründeten, taten sie dies nicht, weil sie Rockstars werden wollten, wiewohl sie sich dagegen natürlich nicht wehrten. Vielmehr gründeten sie die Band, um die Musik zu machen, von der sie fühlten, daß sie in ihnen war. Darum genügte es ihnen nicht, schlicht in einer Garage zu jammen und die Songs ihrer Vorbilder zu spielen, wie 1000 andere junge Combos, die nie über das Stadium einer Schülerband hinauskommen und der Musik höchstens als Hobby frönen. Als Metallica ins Studio ging, um ihr erstes Album aufzunehmen, hatten sie neun konzerterprobte, selbstgeschriebene Songs im Gepäck, Cliff steuerte sein Bass-Solo bei, und fertig war das Album. Schon während der Tour zum ersten Album schrieben sie Songs fürs nächste. Die Musik ist es, was Metallica antreibt. Wenn etwas zwischen sie und die Musik kommt, dann scheuen sie auch nicht vor einem radikalen Schnitt zurück, wie Dave Mustain brutal erfahren mußte. Und wie sie auszogen, Heavy Metal zu erneuern, den sie liebten, hielten sie sich auffällig fern von den meisten gängigen Klischees, von Totenköpfen, Ketten, Schwertern und Dämonen, und sie verordneten sich kein Bühnenoutfit in Leder und Nieten. Und während andere Bands sehr darum bemüht sind, Bühnencharaktere zu schaffen und ein spezifisches Image von sich selbst zu kultivieren, hatte Metallica das nie nötig. Klar, eine headbangfähige Haartracht war Pflicht, und Alkoholexzesse blieben nicht aus. Aber bei Presseterminen und in Interviews gaben sich James, Lars und Kirk (und der jeweilige Bassist) erfrischend freundlich, offen, wenn auch bisweilen etwas linkisch und zurückhaltend, keineswegs schnodderig arrogant, wie man es von Rockstars in Kostümierung und Sonnenbrille oft zu sehen bekommt, ohne Attitüden. Als Dampfventil für ihre Aggressionen dienten die Bühnenperformance und die Musik, kein Grund also, außerhalb der Show noch den Rambo zu geben. Und schon früh hatten die Jungs das Selbstbewußtsein, dem eigenen Anspruch an ihre Musik absoluten Vorrang zu geben gegenüber den Erwartungen der Fans; wer sich nicht mit der Band gemeinsam weiterentwickeln wollte, hatte, sorry, Pech gehabt.

Mit dem schwarzen Album im Repertoire ging Metallica ausschweifend auf Tour. Bis zur nächsten Albumveröffentlichung sollte es fünf Jahre dauern.


CD-Regal revisited: Anathema.

11. März 2017


Bannfluch!!!! heißt das. Ein Name, der jedenfalls einer Doom-Death-Goth-Metal-Band würdig ist.

Ungefähr im Jahre 1999 vertrieb ich mir die Zeit nach der Vorlesung bei meinem Freund Bernhard. Er, kulturbeflissener Geigenspieler und kurzhaariger Headbanger, der er ist, legte Musik auf. Musik! Schöne, kraftvolle, moll-gestimmte Musik. Es war dies das Album „alternative 4“ von Anathema. Ich kannte die Band nicht, war aber unmittelbar überzeugt. Es kann nicht lange gedauert haben, bis ich mir im Plattenladen das Album ebenfalls kaufte. Und dann noch eins. Und noch eins.

Gestern kam ich kaum ins Bett, weil ich mich bei Youtube durch Anathema-Videos hörte. In der Kommentarspalte unter einem der Videos sprach ein User davon, daß er gerade (also vor vier Jahren oder so, als das Video halt hochgeladen wurde) „binge hearing“ von Anathema-Songs betreibe. „Gute Idee“, dachte ich mir da, „mache ich ja im Prinzip auch gerade.“ Aber natürlich habe ich es nicht nötig, mich durch zufällige Videos zu klicken, die mir in der Vorschlagsspalte angeboten werden, sondern ich kann strukturierter vorgehen; mein Plattenschrank gibt’s her und mein Naturell erfordert’s.

Ich bin ja Sammler, falls das schon mal wem aufgefallen ist. Mit Musik verhält sich das kaum anders als mit Lego; prinzipiell strebe ich Komplettheit an. Zu meinem Glück muß ich allerdings nicht Erstveröffentlichungen auf Vinyl sammeln, sondern mir kommt es auf den Inhalt an. Die oberste CD im oben abgebildeten Stapel ist die auf einem Tonträger zusammengefaßte Wiederveröffentlichung zweier EPs: „The Crestfallen EP“ und „Pentecost III“, ursprünglich von 1992 und 1995. In Vor-Internet-Zeiten hätte ich mich in Fachmagazinen wie etwa der „Rock Hard“ informieren können, tat ich aber nicht. Vielmehr schaffte ich bei meinen Einkaufsgängen nach und nach in wahlloser Reihenfolge diejenigen CDs an, die ich halt noch nicht hatte, irgendwann dann eben auch diese Doppel-EP. Nun, da ich strukturiert vorgehe, lege ich sie also als erstes auf…

Weg, CD, einlegen, Booklet aus der Hülle nehmen, den dumpfen, schleppenden Klängen von jungen langhaarigen Death-Doom-Musikern lauschen.

Okaaay. Wie ich befürchtet hatte, der Hörgenuß ist getrübt. Zwar wird an diesem frühen Werk der Band bereits deutlich, daß die Jungs ihre Instrumente beherrschen und in der Lage sind, wohlgesetzte Harmonien zu erzeugen. Auch mit der Thematik der Texte und der depressiven Grundstimmung der Musik kann ich umgehen. Jedoch, der genretypische gutturale Sprechgesang, das Growling, den die Death-Doom-Szene sich als Stilmittel auserkiesen zu müssen meinte, schmeichelt nicht meinem Ohr. Sorry, ihr Todgeweihten, euch mag dieses Kernelement eurer Musik wichtig sein – mir nicht. Fangen wir zum Beispiel mal vorne an: …And I Lust


Gut, die ersten fünf Stücke auf der CD entsprechen der Crestfallen-EP, danach wird erst mal das Album „Serenades“ aufgelegt.

„Serenades“ ist das erste richtige Album von Anathema, Jahrgang 1993. Und wiewohl auch hier noch arg gegrowlt wird, zeichnet sich eine Tendenz zu klarerem Gesang hin ab. Das dritte Stück „J’ai Fait une Promesse“ wird gar mit glockenheller Mädchenstimme dargeboten. Musikalisch ist ebenfalls eine deutliche Entwicklung erkennbar, insofern der Sprechgesang weniger dominant ist und die Melodien in den Vordergrund treten. Den Anhängern der Szene gilt das Album wohl als Klassiker, mir nicht unbedingt, aber es ist hörbar. Den Schluß bildet eine Keyboard-Collage von pinkfloydesken Ausmaßen: 22 1/2 Minuten. Als Hörbeispiel empfehle ich jedoch der Tageszeit entsprechend Sleepless:


Zurück zur EP. Die Chronologie erfordert es, die zweite Hälfte zu hören, welche der „Pentecost III“ entspricht.

Natürlich ist der Gesang auch hier noch düsterer Sprechgesang aus tiefster Kehle, aber stilistisch schließt sich diese EP nahtlos an das vorangegangene Album an, und das ist gut. Für mich als Genrefremden ist die zweite Hälfte der CD jedenfalls eingängiger als der doch etwas schrammelige Beginn. Aber eigentlich liegen ja auch fast drei Jahre Entwicklung dazwischen. Kingdom:


So, EP raus und das zweite Album rein: The Silent Enigma.

Dieses Album wurde 1995 veröffentlich, und wie ich soeben recherchierte, hat der Sänger gewechselt: Statt des ausscheidenden Darren White übernahm Vincent Cavanagh. Nach meinem Dafürhalten war das kein Verlust. Der Stil ist nun eher dem Gothic Metal zuzuordnen, die Vocals würden von meiner Mama weiterhin nicht als Gesang anerkannt werden, haben aber immerhin nicht mehr den Hang zum Grunzen. Ich, der ich vom späteren Album „alternative 4“ ausging, erkenne in der Melodieführung und den Arrangements der Lieder aber schon den typischen Anathema-Stil, der mich zu Beginn so gefesselt hatte. Familie Cavanagh und Consorten sind Meister der melancholischen Melodiösität. Gleichzeitig schaffen sie es, durch Tempiwechsel und was weiß ich, was für musikalische Kabinettstückchen (ich bin so unmusikalisch, daß ich kaum als Banause tauge), die einzelnen Songs auch anspruchsvoll und interessant zu halten. Wiewohl also der Gesangsstil auf diesem Album noch nicht der von mir favorisierte ist, fallen für mich Melodien und Instrumentalisierung stärker ins Gewicht. Insbesondere eingedenk der pseudo-mythologischen Thematik klingt das Album, als sei es die Vertonung eines Gemäldes von Arnold Böcklin, wenn nicht gar Gustave Dorés. Als Höreindruck sei gegeben A Dying Wish:

Bereits ein Jahr nach „The Silent Enigma“ legten die Kreativbiester von Anathema „Eternity“ vor, also 1996. Vincent, der schon auf dem Vorgängeralbum den Gesangspart übernommen hatte, fühlte sich nun nicht mehr verpflichtet, deathmetalmäßig zu growlen, sondern sang klar. Vermutlich wandte sich manch Szenekundiger tiefenttäuscht ab, ich aber begrüße diesen Stilwechsel. Überdies erweiterten Anathema ihre musikalischen Ausdrucksmittel um das Piano; der Hörer wurde direkt in der Eröffnungssequenz mit Tastenklängen überrascht. Auch die Songstrukturen änderten sich: Waren vordem manche Lieder 8 bis 10 Minuten lang, zum Teil länger, so erreicht auf „Eternity“ kein Song die 6-Minuten-Marke. Dafür gehen die Lieder zum Teil ineinander über, und der Titeltrack ist sozusagen in drei Stücke aufgeteilt. Als besonderes Schmankerl darf Roy Harpers Wortbeitrag angesehen werden, mit dem er das Lied „Hope“ einleitet, welches wiederum Anathemas Coverversion von Roy Harpers gleichnamigen Song ist. Und da Harper zudem ein Pink-Floyd-Intimus ist, der 20 Jahre zuvor auf „Wish You Were Here“ mitspielte, schließt sich auch dieser Bogen, denn ein gewisser Pink-Floyd-Einfluß ist dem gesamten Album nicht abzusprechen. Das alles war mir damals, als ich mich erstmals in Anathema einhörte, natürlich nicht bewußt. Mein Zugang zu Anathema vollzog sich ungefähr über den selben Zeitraum, in dem ich mir auch Pink Floyd erschloß, aber durchaus unabhängig von einander. Mein Musikgeschmack ist also vielleicht doch nicht so divergent, wie ich dachte, oder zumindest in diesen beiden Zweigen sehr konsistent. Vielleicht hängt auch bloß alles mit allem zusammen, ’ne liegende 8, Eternity:

Nun also 1998, nun also „Alternative 4“. Wie meine Recherche ergab, geht der Albumtitel auf „Alternative 3“ zurück, eine Pseudo-Dokumentation des britischen Fernsehens in der Tradition von Orson Welles’ „The War of the Worlds“: Es ist nicht so, wie es scheint. Freilich stehen weitere Deutungsmöglichkeiten zur Verfügung. Anathema stammen aus Liverpool. Wer sonst stammt aus Liverpool? Richtig, die „Fab Four“! Vielleicht sind Vincent und Danny Cavanagh, Duncan Patterson und Shaun Steels als Line-up auf diesem Album ja die „Alternative Four“, hm? Außerdem handelt es sich hier um das vierte Album der Band. Wie auch immer. Das Album ist deutlich geprägt von atmosphärischen Passagen und dem Willen zum Experiment; neben zum Teil programmierten Drum-Sequenzen kommt eine Geige zum Einsatz. Die Grundstimmung ist gewohnt düster, die Songs handeln von widersprüchlichen Gefühlen, Unsicherheit, innerer Leere und Zerrissenheit. Themen, die weit über das klassische Death-Doom-Sujet hinausgehen, und schon lange nicht mehr ins Gewand dieses Genres gehüllt sind. Vielmehr schlägt Anathema den Weg in Richtung Progressive Metal oder Alternative Rock ein. Die einst so depressiven Jungs haben sich weiterentwickelt, es blieb die Melancholie als alles verbindendene Klammer. Ob man „Alternative 4“ darob schon als Konzeptalbum bezeichnen kann, weiß ich nicht, hielte das aber auch nicht für allzu weit hergeholt. Genuß ohne Reue, Regret:

Es ist 1999, und Anathema drucken neue Visitenkarten: Auf dem fünften Album „Judgement“ prangt das Band-Logo erstmals nicht in der gewohnten Romantic-Death-Metal-Optik. Diese vorletzte Verbindungsfaser zur längst fremden Vergangenheit wäre also gekappt. Die letzte Verbindung ist freilich der Name, aber den ändert man ja nicht so leichthin. Stilistisch läßt sich das Album wiederum als Alternative/Progressive Rock/Metal einordnen. Wenn man es denn überhaupt der Mühe wert erachtet, die Musik dieser Band zu kategorisieren. Sowieso habe ich den Eindruck, daß bisweilen die Bezeichnungen „Rock“ oder „Metal“ vor allem zugeschrieben werden, weil eine Band ihre Wurzeln in diesen Genres hatte, ohne aber nun überhaupt noch viel damit zu tun zu haben. Aber meinetwegen, sofern sie zum Einsatz kommen, sind die Drums satt und die Gitarren prägnant, nennen wir es Metal. Daß Anathema aus dem Tongeschlecht derer von Moll stammen, sollte inzwischen klargeworden sein. Und dieses Mal haben die Gebrüder Cavanagh, Herz und Hirn der Band, auch echten Grund zur Trauer, denn ihre Mutter Helen ist gestorben; ihr sind das Album und der Song One Last Goodbye gewidmet:


So. Erstmal zwischenspeichern und ins Bett gehen. Hatte ich ernsthaft geglaubt, an einem Abend mal eben zwölf einstündige Alben durchhören und nebenbei einen Blogbeitrag schreiben zu können? Naivling!
[Mehrere Stunden später]
Weiter geht’s. Zwischendurch wechselte das Millennium, wir schreiben das Jahr 2001, die Sonne scheint, a fine day to exit.

Zufällig ist das auch der Titel des sechsten Anathema-Albums. Dieses mußte man zwar weiterhin in der Hard-n-Heavy-Metal-Abteilung des Plattenladens suchen, besser aufgehoben wäre es aber zum Beispiel neben Radiohead, so denn die alphabetische Sortierung solches zuließe, denn mit Metal hat das alles nichts mehr zu tun. Was freilich nicht bedeutet, daß die Musiker ihr Stimmungstief überwunden hätten, im Gegenteil. Die innere Zerrissenheit bleibt, die Texte handeln von verschiedenen psychischen Stresszuständen und dem möglichen Umgang mit diesen. Der Titel und die Gestaltung des Titelbildes lassen keinen Zweifel: Selbstmord wird in Betracht gezogen. Musikalisch dominieren ruhige Moll-Töne, bisweilen abgelöst von eher getriebenen Passagen. Mein Windows-Media-Player möchte das Album unter „Pop“ einsortieren; so weit würde ich nicht gehen. Als Höreindruck Leave No Trace:

Das Jahr 2003 sieht „a natural disaster“, mithin das siebte Album von Anathema. Die Gebrüder Vincent und Danny Cavenagh haben hier ihren Bruder Jamie zurück ins Boot geholt, und der Trend geht mit druckvolleren Drums und prägnanteren Gitarren wieder etwas zum Metal (was sogar mein Media-Palyer anerkennt). Das Booklet stellt die Songtexte als eine fortlaufenden Textur dar, was gut zum Aufbau des Albums paßt, wo die Lieder einen fast nahtlosen Klangteppich bilden. Traurig sind die Jungs immer noch, und sie verstehen es, diese Stimmung durch die Musik zu transportieren. Bei wem das Lied „Flying“ keinen Klos im Hals erzeugt, der hat keinen Hals!

Dann kam längere Zeit nichts, bis 2008 das Album „Hindsight“ erschien. Es ist dies freilich kein wirklich neues Album, sondern eine Zusammenstellung älterer Lieder von vorherigen Alben in neuem Arrangement. Da bei MTV ja keine Musik mehr läuft, mußte die Band sich ihr Unplugged-Album selbst zusammenstellen. Üblicherweise vermeide ich Best-of- und Komplilations-Platten, weil ich das alles ja schon auf den eigentlichen Alben habe, aber durch die akkustischen Neueinspielungen wurden es hier fast neue Lieder. Das ist auch alles sehr schön, aber. Beim Durchhören muß ich feststellen, daß mich die neue Gestalt der Songs eher irritiert. Hier covert die Band zwar ihr eigenes Material, aber der Effekt ist – zumindest für mich – derselbe: Ich ziehe das Original vor. Das einzige neue Stück auf der Platte ist Unchained (Tales of the Unexpected):

„We’re here because we’re here“, jubelten Anathema schließlich im Jahre 2010. Die langjährige Background- und Gastsängerin Lee Douglas wurde endlich als unverzichtbarer Bestandteil offizielles Bandmitglied, und das scheint den Jungs gutgetan zu haben. Die düstere Stimmung ist verflogen, das Album klingt geradezu lebensbejahend. Nein, streiche „geradezu“, es ist lebensbejahend. „Suddenly / Life has new meaning / Suddenly / Feeling is being“, heißt es im Song „Dreaming Light“. Sehr schön! Brauchen wir uns also einstweilen keine Sorgen zu machen. Sogar der Mensch, der auf „A Fine Day To Exit“ ins Wasser gegangen war, scheint hier der alles verschlingenden See wieder entstiegen zu sein. Summernight Horizon:

Anathema haben über Jahre atmosphärisch dichte Klänge erzeugt. In der Atmosphäre entsteht das Wetter, und das 2012er Album „Weather Systems“ trägt somit den passenden Namen. Einige Songs sind auch nach Wetterphänomenen benannt, was aber natürlich vor allem metaphorisch zu verstehen ist; inhaltlich geht es um die Stellung des Menschen in der Welt. Die Band-Mitglieder scheinen 20 Jahre nach ihrer düsteren Death-Doom-Phase nun endlich angekommen zu sein und Ruhe gefunden zu haben, doch auf dem Wege dahin wurden sie von den Stürmen des Lebens zerzaust. Dies findet seinen Widerhall in den Liedern dieses Albums, die teils lieblich dahinsäuseln, teils eine Wucht entfalten wie eine Klopstock-Ode. (Siehe das Paralipomenon zu diesem Blogbeitrag: Klopstock.) Als Beispiel sei genannt The Storm before the Calm:

Und schließlich und endlich, 2014, erschien das vorerst letzte Anathema-Album: „Distant Satellites“. Per aspera ad astra! Geboren in der Doom-Hölle, allen Unbilden des Lebens zum Trotz bis ans Meer vorgekämpft, kurz abgetaucht, erfrischt dem Ozean entstiegen und in atmosphärische Höhen aufgestiegen, das waren Anathema bis hierhin. Nun also greifen sie nach den Sternen. Der Vergleich mit Pink Floyd wurde ja oft bemüht, traf auch häufig ins Schwarze, wurde vielleicht ebenso häufig überstrapaziert. Aber jedenfalls zählten Pink Floyd seinerzeit zur Space-Rock-Fraktion innerhalb des Psychedelic Rock. Sphärische Klänge sollten den Hörer gleichsam schwerelos auf einem Klangteppich schweben lassen. Nun also schießen Anathema einen Satelliten hoch, und an spärischen Klängen mangelt es ebenfalls nicht. Der Kreis schließt sich also. Aber hm, der Kreis schließt sich. Langsam wird’s selbstreferentiell, der sechste Song auf dem Album heißt sogar „Anathema“. Der Kreis schließt sich. Die elegischen Loops und sphärischen Passagen haben inzwischen eine Intensität erreicht, welche die Songstrukturen in bloßen Klang aufzulösen droht. Fehlte mir zu Beginn der Anathema-Reise der Zugang zum schrammeligen Doom-Gegrunze, so entgleitet mir am Ende das Interesse an den hochfeinen Space-Klängen. Vielleicht bin ich nach 12 Stunden des Dauerhörens (mit Schlafpause) aber auch bloß akut übersättigt. Jedenfalls: Anathema

Die Hörbeispiele sind fremdeingebunden und sollen lediglich einen Eindruck vermitteln. Ich empfehle selbstverständlich den Kauf der Tonträger.

Nachtrag am 27sten März 2017:
Gerade erfuhr ich, daß Anathema am 9ten Juni dieses Jahres ein neues Album veröffentlichen werden. „The Optimist“ wird es heißen. Einen Höreindruck gibt es ebenfalls schon: Springfield