Figuren-Universalkasten 205 (71) bis (81)

24. Mai 2011

Es geht weiter. Mehr drollige Paare in Kostümierung, sich dem Tanzvergnügen hingebend, dieses Mal augenscheinlich auf dem Wiener Opernball, oder wo sonst wird noch Zylinder getragen? Dieses formelle Kopfbedeckungsteil ist der Mörtel, der das ganze Set 205 zusammenhält.

Diese ältere Dame trägt eine Handtasche spazieren. Soweit die Fakten. Über den Inhalt der Handtasche gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, doch Vermutungen laufen in die Richtung „4711 Echt Kölnisch Wasser“, „Feucht- bzw. Erfrischungstücher“, „spitzenumklöppeltes Ta- schentüchlein mit zartem Blumenmotiv, parfüm- beträufelt“, „Lesebrille“, „Pfefferminzpastillen“, „Pillendöschen“, „verschiedene Haarnadeln“, „Bilder der Kinder und Enkel“, jedoch nicht „Werther’s Echte“. Die kenne ich nämlich nicht von meiner Oma, sondern nur aus der Werbung.

Frauen zahlen das Doppelte. Diese funda- mentale Ungerechtigkeit wird selbst in Zeiten fortgeschrittener Emanzipation weitgehend klaglos hingenommen, und die Damen lassen sich durch nichts in der Welt vom Friseurbesuch abhalten. (Psst! Nicht, daß die noch auf die Idee kommen: „Stimmt, is’ ungerecht. Männer zahlen ab sofort ebenfalls das Doppelte!“ Dann müßte ich meine vierteljährlichen Friseurbesuche wieder auf einen halbjährlichen Rhythmus umstellen.)

An ihren Kötteln sollt ihr sie erkennen. Die Schafe nämlich, die über die Straße getrieben wurden, meist von mehreren Hunden und einem Mann mit Filzumhang, Schlapphut und langem Krummstab: einem Schäfer. Krümme des Stabes, Umhang und Filzhut muß man sich hier freilich dazudenken, ebenso den Hund, aber ein Schaf hat es symbolisch aufs Bild geschafft.

Och nee, noch ’ne Handtasche, noch ’ne elegante Robe. Langsam gehen mir für diese feinbeschurzten Damen die Unterscheidungsmerkmale und Ideen aus. Wo wollen die alle hin? Und was dann da tun? Und was geht mich das an? (Ist das überhaupt eine Handtasche und nicht vielleicht ein Fächer? Ist es eine Flamencotänzerin, die ihr Kleid refft? Soll sein.)

Zur einer wahren Seltenheit auf Deutschlands Straßen ist dieser Verkehrspolizist geworden, der hier dirigierend auf seiner kleinen Verkehrsinsel steht. Von diesem Gesetzeshüter würde ich mir allerdings nichts sagen lassen, denn die Uniform ist ja unvollständig! Hier rächte es sich, daß dem Set 205 bloß eine Schirmmütze in rot beigemengt wurde, und keine in weiß oder zumindest schwarz.

Und wo sowieso gerade weiße Manschetten mit schwarzen Armen kombiniert waren (s.o.), fügen wir direkt noch diesen Oberkellner hinzu. Gibt es eigentlich auch Unterkellner, und warum ruft man sie nicht mit „Herr Unter!“ zum Nachbestellen an den Tisch?

Als Einzelkind ohne ältere Schwester durfte ich ohne die Freuden einer von jener Schwester erzwun- genen Kinderteeparty aufwachsen. Hat mir auch nicht geschadet, keinen Lufttee und keinen Sandkuchen vorgesetzt zu bekommen.

Was wäre der Zirkus ohne den dummen August? Und gibt es eigentlich ein weibliches Pendant dazu, etwa die dumme Liese? Dem sei, wie ihm wolle, denn in der uns hier vorliegenden Hanswurstiade gibt es das. Lache, Blut! . .äh .. Bajazzo.

Vielleicht ein Schornsteinfeger. Typisch wäre die Zunfttracht des Essenkehrers, untypisch sein Handwerkszeug. Die Stange in seiner Hand erinnert nur mit viel gutem Willen an eine Kaminbürste, keinesfalls jedoch an eine Leiter. Es sei denn, der Kaminfeger benutzt zum Ersteigen des Hausdaches einen Baumstamm mit Trittkerben.

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Sinnlose Fußballphrasen: „Wenn ich den reinmach, gewinnen wir das Spiel.“

19. Mai 2011

Ja dann mach doch, du Geschichtsklitterer!

Echt ey, ist doch wahr. Im Nachhinein vergebenen Torchancen hinter- herzugreinen und eine alternative Realität herbeizufabulieren, hat doch keinen sittlichen Nährwert.


Aller guten Dinge sind vier.

1. Mai 2011

Ich kann nun leider nicht von mir behaupten, regelmäßiger Stadion-gänger zu sein oder gar zu den „Treuesten der Treuen“ zu gehören, die seit Jahren eine Dauerkarte für die Südtribüne im Westfalenstadion besitzen. Aber gestern habe ich es dann doch mal wieder ins Stadion geschafft, sozusagen als Finaltourist. Auch nicht zum ersten Mal, übrigens. Denn auch im Jahre 2008 konnte ich das DFB-Pokalfinale als Zuschauer im Berliner Olympiastadion verfolgen (verloren), und bereits 1996 verschlug es mich am vorletzten Spieltag nach München ins – ebenfalls – Olympiastadion, woselbst dem BVB ein Unentschieden gegen 1860 München zum Gewinn der Meisterschaft genügte (2:2). Ich habe also den Vergleich.

Diesmal war anders.

Das Pokalfinale war ein seit fast zwanzig Jahren herbeigesehntes Ereignis, denn der letzte Finaleinzug war 1989 gelungen (Sieg!); und naturgemäß ist so ein Finale ein Entscheidungsspiel, in dem es um Gewinn oder Nichtgewinn des Potts geht. Dementsprechend spannungs- und emotionsgeladen war es.

Die Auswärtsfahrt nach München war für uns junge Burschen damals, 1996, natürlich etwas Besonderes, jedoch wurde die dort errungene Meisterrschaft – der rivalisierende FC Bayern verlor zeitgleich auf Schalke und hatte somit unaufholbare 4 Punkte Rückstand vor dem letzten Spieltag – eher mit Genugtuung hingenommen. Denn es war ja die Titelverteidigung, während im Vorjahr eine zweiunddreißig Jahre währende Durststrecke beendet worden war und jener Titelgewinn alle Dämme zum Brechen gebracht hatte. Das war nicht wiederholbar.

Und nun war ich also gestern erneut Zeuge eines Spiels, in welchem sich die Meisterschaft entscheiden konnte. Gut so! Denn viele BVB-Fans hätten ja am liebsten schon beim vorherigen Auswärtsspiel in Mönchengladbach den Titel bejubelt, ich nicht. Denn ich wollte das natürlich selbst im Westfalenstadion erleben. Die Niederlage beim Tabellenletzten schien mir da einen fetten Strich durch die Rechnung zu machen, konnte man doch mit einem Punktverlust der Leverkusener in Köln keineswegs rechnen.

Entsprechend war die Stimmung im Stadion zwar geprägt von der freudigen Hoffnung, etwas Großes geschehen zu sehen, jedoch nicht von der unbedingten Sicherheit, daß es auf jeden Fall an diesem Tag geschehen werde. Dies war möglich, aber auch nicht unbedingt nötig, denn Borussia hatte mit 5 Punkten Vorsprung ja mehr als einen Matchball.

Dann fielen die Tore. Erst zwei in Dortmund, erzielt von Lucas Barrios und Robert Lewandowski, dann zwei in Köln, durch Novakovic. Ekstatischer Jubel! Da war es klar: Heute würd’s passieren! Aber weil das so klar war, und weil es um das „heute“ ging, war es so anders.

Diese Meisterschaft war keine Erlösung wie 1995, keine unverhoffte Gelegenheit wie 2002. Sondern durch die phantastische Dominanz der Mannschaft über die gesamte Saison hinweg, die ja manche Menschen schon vor der Winterpause dazu veranlaßte, zum Titelgewinn zu gratulieren, konnte, ja mußte man sich seit langem darauf vorbereiten, spätestens am 14ten Mai Deutscher Meister zu sein. Am Ende ist der Meistertitel der verdiente Lohn für eine grandiose Saisonleistung. Natürlich überraschend, wenn man die Ausgangslage vor der Saison zu Grunde legt, aber nun wäre es überraschend gewesen, hätte Borussia das Ding noch aus der Hand gegeben. Am gestrigen Tag wurde die Meisterschaft nicht errungen, sondern gesichert.

Das ist auch neu in Dortmund. So früh stand der Titelgewinn noch nie fest. Die ersten drei Meisterschaften sowieso nicht, denn da wurde der Meister noch in einem Endspiel ermittelt. Aber auch zu Bundesliga-zeiten waren es immer knappe Kisten. 1992 bestand bis zur vorvor-letzten Minute des letzten Spieltags die Chance, Meister zu werden, am Ende mußte der BVB sich aber punktgleich hinter dem VfB Stuttgart einreihen, der in seinem Spiel ein spätes Siegtor erzielte. 1995 mußten wir am letzten Spieltag auf Schützenhilfe ausgerechnet des FC Bayern gegen Werder Bremen hoffen und durften jubeln. 1996 ging man zwar als bereits feststehender Meister ins letzte Heimspiel, bekam dann aber direkt anschließend die Schale überreicht. Und 2002 war es wieder spannend bis zur letzten Minute.

Und jetzt liegt man bereits drei Spieltage vor Schluß uneinholbar vorn.

Wie feiert man da? Der Jubel im Stadion war groß, aber es war spürbar, daß dies so noch nie vorgekommen war. Es gab keine Meisterschale, an der man sich festhalten, auf die sich die Blicke richten konnten. Die Spieler tanzten auf dem Platz, erst in großer Runde, dann in kleinen Grüppchen, aber für die fällige Ehrenrunde fehlte das wichtigste Utensil. Dann waren plötzlich verschiedene Meisterschalen-nachbildungen aus Plastik, Pappe und Stoff auf dem Rasen, aber mehr als eine ist in so einer Situation halt auch wieder zuviel. Die echte Salatschüssel wird nach dem letzten Spiel überreicht, aber dann liegen zwischen dem Jubel über die Meisterschaft und dem Erhalt der Trophäe zwei Wochen. Wie spontan und ekstatisch kann dann noch der Jubel sein?

Mir kann man’s auch gar nicht recht machen.

Aber nein, ich beschwere mich gar nicht. In meiner kurzen Lebens-spanne habe ich nun vier Meisterschaften bejubeln dürfen. Das kann kaum ein Fußballfan meines Alters in Deutschland vorweisen, wenn er nicht gerade Bayern-Anhänger ist. Dabei sah es zu Beginn der 90er Jahre so aus, als würden wir nie nie nie Meister werden, bis es dann umjubelterdings doch klappte. Und nach der haarscharf abgewendeten Pleite 2005 hatte ich auch nicht mehr zu hoffen gewagt, daß mein Verein überhaupt je wieder um den Titel würde mitspielen können. Und jetzt sind’s vier Meistertitel.

Ja, da kann man schon mal glücklich sein.