Über die Sinnlosigkeit, Kraftausdrücke zu maskieren.

21. Juni 2014

Du sollst nicht fluchen! Warum eigentlich nicht? Weil das ja auch Kinder hören könnten, klar; und denen sollst du ja ein gutes Vorbild sein. Darum überqueren wir nicht bei Rotlicht die Straße, essen unseren Teller immer fein leer, sagen „bitte“ und „danke“ und sind überhaupt immer höflich und bescheiden. Am Ende eines derart geprägten Erziehungsprozesses sind die Kinder zu Menschen herangewachsen, die den kategorischen Imperativ verinnerlicht haben, ohne ihn vielleicht je gehört zu haben. Kants Formulierung ist eh viel zu kompliziert. Und das Wort Sch… Hm. Das Wort Sch… Kehr! Jedenfalls kennen sie das Wort Sch… Mann! Sie kenne es nicht, dieses Wort. Nie hörten sie es, nie lasen sie es, und selbst benutzt haben sie es selbstverständlich auch nie. Wenn also irgendwo jemand von einem „Sch…-Tag“ spricht, den er gehabt habe, oder etwas „auf Deutsch gesagt Sch…“ findet, wissen diese Wohlerzogenen überhaupt rein gar nichts mit diesem Zischlaut anzufangen. Ist doch so, oder nicht?

Meine Oma war eine sanftmütige Frau, in der kein Arg wohnte. Ich habe sie in der Tat nie fluchen hören. Vielleicht hatte sie einfach keinen Grund dazu, trotz Flucht aus Schlesien, Ungewißheit über den Verbleib des Gatten und die Zukunft ihrer Kinder, später trotz zänkischer Nachbarn oder verglimmenden Augenlichts. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt! So war meine Oma. Eines Tages – ich war sicher noch keine zehn Jahre alt – berichtete sie mir: „Denk mal, als der Opa aus der Gefangenschaft nach Hause kam, da sagte er Scheiße!“ Sicher nicht ausgerechnet in dem Augenblick, da er nach seiner Ankunft zur Tür hereinkam, sondern überhaupt; aber ich verstand schon. Der Opa hatte vermutlich in Krieg und Gefangenschaft Situationen erlebt, in denen Höflichkeit nicht weitergeholfen hätte. Leider hatte ich nie Gelegenheit, ihn danach zu fragen. Aber meine Oma war erschüttert, daß ein gebildeter, halbwegs frommer Mann plötzlich solche Wörter kannte und benutzte.

Du sollst nicht fluchen. Warum eigentlich nicht? Weil: Wenn man den Teufel nennt, kommt er gerennt! „Meine Waffe ist das Wort“, behaupten nicht nur praktizierende Theologen. In früheren Zeiten – und nicht nur dann – wurde dem gesprochenen Wort eine Wirkmächtigkeit zuerkannt, die über schlichte perlokutive Akte hinausgeht: Wenn der König huldvoll sagt: „Ich begnadige dich!“, bist du durch diesen Sprechakt begnadigt. Freilich hängt dies ganz entscheidend mit der Person des Königs als Herrscher zusammen. Fluchworte hingegen sollten, so vermeinte man, kraft ihrerselbst wirksam sein. Abrakadabra, Simsalabim. Wer die richtigen Worte kannte, konnte durch sie große und schreckliche Taten vollbringen. Drum wurden solche Beschwörungen vor Publikum auch gerne halblaut gemurmelt, damit zwar jedem klarwar, daß hier was beschworen wurde, jedoch nicht jeder die Worte deutlich kennenlernte. Denn Wissen ist Macht! Ganz sicher aber kam es auf die exakte Formulierung, auf den exakten Wortlaut an. Verhaspeltes galt nicht. Ordentlich Gefluchtes galt dafür umso mehr, also hütet euch! Und noch heute loben wir ungern den Tag vor dem Abend, weil wir befürchten, dadurch doch noch das Unglück heraufzubeschwören.

Benutzt ein Kind erstmals zum namenlosen Entsetzen der umstehenden Erziehungsberechtigten das Wort Scheiße, lautet die erste Frage: „Woher kennst du das Wort?!“ Heutzutage gottlob nicht mehr verbunden mit einer schallenden Ohrfeige oder gefolgt von Stubenarrest. Man darf sowieso fragen, wieso Schallwellen der Qualität [ˈʃaɪ̯sə] schlimmer sein sollen als Schläge auf Kinderwangen, aber nun gut. Wenn das Kind dann leicht verwirrt gebeichtet hat, daß der Dominik im Kindergarten das gesagt habe, folgt die Belehrung: „Scheiße sagt man nicht. Das heißt Scheibenkleister!“ Der Ausdruck Scheibenkleister ist also eine Ersetzung für das Wort Scheiße, was ja schon durch den gleichlautenden Schei-Anklang deutlich wird.
(Schlimmer ist übrigens, wenn nicht der Dominik im Kindergarten das gesagt hat, sondern der Papa gestern, als ihm der Werkzeugkasten umgekippt ist. Das untergräbt natürlich die Autorität, weshalb dann streng darauf verwiesen werden muß, daß der Papa das in Ausnahmefällen sagen darf, kleine Kinder aber unter gar keinen Umständen!)
Es ist aber auch ärgerlich, daß trotz jeglicher Vorsichtsmaßnahmen jedes Kind früher oder später doch dieses Wort lernt! Noch ärgerlicher ist es, daß Tabus nachgerade dazu herausfordern, gebrochen zu werden. Tja.

Du sollst nicht fluchen? Warum eigentlich nicht! Fluchen reinigt doch die Seele, heißt es. Jedenfalls können wir den Drang, in einer emotional angespannten Situation unserem Ärger verbal Luft zu machen, nur schwer unterdrücken. Im Prinzip ist es auch gleichgültig, welche Gestalt diese Emotionsäußerung hat, sei es Mit-dem-Fuß-Aufstampfen, Mit-der-Hand-auf-den-Tisch-Schlagen oder eben einen Kraftausdruck zu rufen. Es ist immer eine Ersatzhandlung. Wenn uns die Ehefrau /slash/ der Ehemann nervt, hauen wir demjenigen nicht das Beil übern Kopf, sondern wir lassen eine Zimmertür knallen. Mittelfristig ist das dem menschlichen Miteinander zuträglicher.
Die Wortbedeutung des jeweils verwendeten Kraftausdrucks ist hier auch nicht entscheidend. Der Hundehaufen auf der Straße: Scheiße. Die Wurst in der Kloschüssel: Scheiße. Die übergekochte Milch auf der Herdplatte: [Kraftausdruck]. Natürlich soll der Kraftausdruck erkennbar einem unangenehmen Sachverhalt angelehnt sein (Exkremente stinken), denn auch Fluchen ist ein kommunikativer Akt, und die Umgebung soll ja auch mitbekommen, daß wir ungehalten sind. Aber die Wörter sind austauschbar. Im Amerikanischen zum Beispiel wird anders als in weiten Teilen Europas weniger auf Fäkalausdrücke zurückgegriffen (shit, Scheiße, merde!), sondern sich der unflätigen Kopulationssprache bedient. Es bleibt freilich im Unterkörper angesiedelt: Fuck!
Natürlich könnte sich auch jemand angewöhnen, statt des stigmatisierten Wortes Scheiße beispielsweise „Zucker!“ zu rufen. Der spontanen Emotionsäußerung desjenigen mag dies genügen, in seiner Mitteilungsfunktion an die Umwelt wäre Zucker aber mißverständlich. Kraftausdrücke sind wie jedes andere Wort einer Sprache in ihrer Bedeutung und Funktion erlernt und werden entsprechend verstanden. Das gilt auch für das Scheißevermeidungswort Scheibenkleister. Wer „Scheibenkleister“ hört, weiß nicht nur: „Aha, Kraftausdruck“, sondern er weiß überdies: „Eigentlich Scheiße.“ Die eigene Erfahrung und der Kontext lassen keine andere Deutung zu, sofern es nicht gerade darum geht, Fenster mit Transparentpapier adventlich zu schmücken. Nicht auf die Gestalt des Kraftausdrucks kommt es an, sondern einzig auf die Intention.
Zugegebenermaßen ist Scheibenkleister eine Entschärfung von Scheiße, insofern dem stinkenden Exkrement ein in Wortgestalt und Sinngehalt irgendwie lustiges Wort entgegengestellt wird, das darum, aber auch wegen seiner Funktion als Tabu-Andeutung, für Kinder natürlich attraktiv ist.

Jedenfalls ist es sinnlos, Scheiße durch das bekannte Ersatzwort zu maskieren; der Empfänger der Botschaft dechiffriert es sowieso. Das gilt umso mehr für die in schriftlicher Kommunikation oft verwendete schamhafte Andeutung Sch… oder Schei…. Der Schreiber möge sich nicht dem Wahn hingeben, er hätte nicht geflucht! Natürlich hat er das. Er hat seiner Gefühlswelt Ausdruck verliehen, und er kann sich sicher sein, daß auch das maskierte Wort so verstanden wird, wie es gemeint ist. Niemand wird sich am Kopfe kratzen und fragen, was wohl mit „Sch…“ gemeint sein könnte? Hm, Schmetterling? Scheitelpunkt? Schmarrn!

Schlimmer noch. Und das ist überhaupt der Grund, weshalb ich diesen ..äh.. Essay schreibe. Wer seine Kraftausdrücke maskiert, zieht sich scheinheilig aus der Affäre und schiebt die Verantwortung dem Empfänger der Botschaft in die Schuhe: „Ja wie, du liest aus ‚Sch…‘ Scheiße? Habe ich nicht gesagt! Ich kann nichts für deine schmutzige Phantasie!“ Aber sehr wohl!

Schlimmer noch. Ja, noch schlimmer. Denn wer in einer Situation, in der eine spontane Gefühlsäußerung einen ehrlichen Kraftausdruck plausibel erscheinen ließe, die Zeit findet, eine reflektierte Wahl zu treffen und statt des vulgären Wortes einen Ersatzausdruck zu gebrauchen oder das vulgäre Wort zu maskieren, der hätte gleichermaßen die Wahl treffen können, aufs Fluchen komplett zu verzichten. Aber so weit will denn doch niemand gehen. Und das ist doch verlogene Bigotterie.

Du sollst nicht lügen. Also fluch ruhig! Oder laß es ganz bleiben.

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