Buch der Woche: Die Legende vom heiligen Georg

23. April 2010

Alle Pfadfinder in Deutschland werden es wissen – am 23ten April ist der Sankt-Georgs-Tag. Da mich das auch persönlich angeht, hieve ich heute diesen Folianten auf den Büchertisch:

Dargestellt ist hier Tabaluga, bevor er den heiligen Georg durch seine bloße Anwesenheit und kesse Sprüche so sehr nervte, daß diesem der Geduldsfaden riß und er jenen rittlings erlanzte. Mit der Lanze tötete. Analog zu „erdolchen“, aber das hätte bei der Lederhaut des reptilienartigen Kryptozoons nicht ausgereicht. Dergleichen scheint öfter vorgekommen zu sein, wie an den vielen Geschichten von drachentötenden Rittern ersichtlich wird; Siegfried von Xanten schlachtete ja auch mal son Vieh. Leugner der Evolutionstheorie halten es darob für wahrscheinlich, daß die Dinosaurier – unstrittig sollte sein, daß es sich bei Drachen um Dinosaurier handelt – durch die aus purer Langeweile betriebene Drachentöterei des niederen Adels in frühmittelalterlicher Zeit ausgerottet wurden. Seither hat man jedenfalls keine Drachen/Schrägstrich/Saurier mehr gesehen; ist also logisch. Die Bisons verschwanden ja aus einem ähnlichen Grund von den Prärien Nordamerikas. Doch ich schweife ab.

Der heilige Georg! Legenden ranken sich um ihn. Was für einen Heiligen nicht nur nicht untypisch ist, sondern nachgerade sein einziger Existenznachweis. In der älteren Legende war Georg noch ein langweiliger Märtyrer, wie es viele gegeben hatte. Irgendwo in Anatolien wird er um das Jahr 300 herum gefoltert, um ihn dazu zu bringen, dem Christentum abzuschwören. Legendärerweise half ihm sein starker Glaube jedoch, die Folter äußerst lange zu ertragen, bis er schließlich seinen Peinigern ins Gesicht sagte: „So Jungs, jetzt ist mal bald gut.“ – und verstarb. Am 23ten April a. D. CCCIII war das.

So ein Tod war für die Hüter einer damals noch jungen Religion, die sich mit einer komplizierten Geschichte von einem zwar lebendigen, aber unsichtbaren Gott, der gleichzeitig Vater, Geist und als Mensch geborener, gekreuzigter, begrabener, wiederauferstandener und gen Himmel entrückter Sohn ist, gegen bildgewaltige Gottheiten vom Format eines Jupiter oder Baal durchsetzen wollte, ein gefundenes Fressen. Denn das Volk braucht irgendwas Handfestes zum Dranglauben und keine Schachtelsätze. Auf Märtyrer konnte man erstens als Zeugen verweisen („Nee echt, das stimmt alles, die Sache mit Gott und Jesus und so. Der heilige Ixypsilos ist sogar dafür gestorben!“). Und zweitens konnte man deren sterbliche Überreste, oder was man halt immer dafür ausgab, anstelle eines goldenen Kalbes verehren lassen.

Und der heilige Georg eignete sich zum Verehren ganz besonders, denn! Das war ein Heiliger, der richtig Action gemacht hatte! Wo andere nur träge vor sich hin märtyrierten, vollbrachte der eine echte Heldentat, so erzählte man sich. Ein Drache hätte eine Königstochter als Opfer verlangt, doch Georg, Held in schimmernder Rüstung, habe dem Drachen was gehustet und ihn mit eingelegter Lanze niedergeritten. Danach habe er sich die schwarzen Blutspritzer vom Gesicht gewischt und fast beiläufig erwähnt: „Ach übrigens. Jetzt könnt ihr euch ja taufen lassen.“ Was für eine erlesene Coolness!

Im 11ten Jahrhundet war soviel Coolness auch bitter nötig, denn mit den Kreuzzügen lief’s nicht so. Ganz schnell mußte eine neue Werbe-Ikone her. Die bisherige Ikone, der Erzengel Michael, seinerseits Drachentöter, hatte nämlich versagt und wurde in den Ruhestand versetzt. Darum dachte sich die Kreativabteilung in Rom die oben wiedergegebene Schote mit Georg und dem Drachen aus, und alle, alle fielen darauf herein. Reihenweise erkoren die Ritterorden diesen Georg zu ihrem Idol und machten sich auf die Suche nach tötbaren Drachen, fanden aber nur Mamelukken, Juden und Byzantiner. Naja, in der Not frißt der Teufel Fliegen.

Ich persönlich glaube ja, der Georg hat seine Schwiegermutter kaltgemacht und ist mit der Prinzessin durchgebrannt. Prinzipiell wäre diese Version der Geschichte nicht weniger glaubhaft als jegliche andere Legende. Und, o Wunder, im Jahre 1969 erkannte dies sogar die römische Kirche und strich Georg offiziell aus dem Heiligenkalender. Denn außer dem Todesdatum ist von der historischen Person nichts weiter bekannt. Die ..naja.. nennen wir sie „Gläubigen“ verehrten Georg aber dessen ungeachtet weiter, und England änderte ebenfalls nicht seine Landesfahne, also tat es in Rom einen Seufzer, und Georg tauchte 1975 wieder im liturgischen Kalender auf, als wäre er nie fortgewesen.

Na gut, ich geb’s zu, Lego mag bei dem Buch, das Baby Thomas im Set 3152 zur Erheiterung dient, auch an Astrid Lindgrens „Drachen mit den roten Augen“ gedacht haben. Wer weiß das schon.


Flausch am Montag

19. April 2010

Was Niggemeier kann, kann ich ..äh.. zwar nicht schon lange, aber immerhin auch. Zumindest Videos einbetten.

(Hier blökt der Komponist noch selbst.)


Glorreichtum.

17. April 2010

Ich will dem Hans ja nicht seinen Spektakulärer-Rückzug-Thread highjacken. Ich bin ja Narzist (leider nicht Goldmund) genug, um selbst neugierig zu sein, wie wohl die Reaktionen ausfielen, sollte ich meinerseits einmal so einen Abgang mit Salto hinlegen. Da ich aber Narzist bin und nach Zustimmung giere, würde ich so einen Rückzug sowieso nicht durchhalten, sondern früher oder später wieder meine Brillanz vorführen wollen.* Daher lasse ich das lieber. Also den Rückzug.

Das Highjacken mache ich hier, aus der Loge heraus: Unter diesen Beitrag setze ich einfach mal einen grünen Zustimmungsdaumen. Und unter diesen auch.

Und hier möchte ich fragen: Und wer sind die alle, die daran schuld sind? Immer dieses unreflektierte Geschwafel. Und alle stimmen sie bedauernd zu und können nachvollziehen, ohne aber konkret zu benennen, was genau sie denn eigentlich stört. Eigentlich wäre das fast schon ein Grund, dem Forum tatsächlich den Rücken zu kehren.

*) Ich gehöre eindeutig zu den „sich deutlich überschätzenden“, die Jörg ausgemacht hat.


O Captain, my Captain!

13. April 2010


Es gibt ja so manches. Zum Beispiel auch diesen Aufkleberbogen, den Kinder im englischen Lego Club bekamen, schätzungsweise 1988. Bei meinem Exemplar hat das vorbesitzende Kind drei der Sticker benutzt, was es mir erleichterte, ebenfalls Aufkleber zu entnehmen, ohne das Gefühl zu haben, etwas Unantastbares zu ..äh.. betasten. Nee, das Wort heißt „anzutasten“. However.

whiteknight-800 Nun konnte ich mit puristischen Mitteln dem legendären schwarzen Ritter diesen leicht ver- schüchterten weißen Ritter entgegenstellen.

Und in Sir Robin of Locksleys Schild schimmert auch nicht mehr das blanke braune Holz durch. Ob’s ein echter Gewinnst ist? Ich weiß nicht. Aber machbar ist’s, und nur darauf kömmt es ja an.

Dem Aufkleberbogen ist sein eher halboffizieller Charakter deutlich anzumerken. Der weiße Torsoaufkleber ist eine Idee zu breit, wodurch er an den abgerundeten Ecken des Oberkörpers leicht übersteht. Beim Schildaufkleber wurde der Zirkel wohl nicht ganz mittig angesetzt. Es ist dadurch annähernd unmöglich, bei paralleler Oberkante auch an den Backen rechts und links gleiche Abstände zu haben.

Locksley und der schwarze Ritter haben übrigens beide ihren Auftritt in Sir Walter Scotts klassischem Ritterroman „Ivanhoe“ (1820), den ich hiermit zur Lektüre empfehlen möchte. Von weißen Rittern steht da freilich nichts. Derartige Farbspielereien entspringen eher der über- bordenden Phantasie von Comic-Autoren und Lego-Designern.


Da packste dir doch an’n Kopp.

10. April 2010

Wie ich soeben erfuhr, werden wir von Cretins regiert; wer hätte damit rechnen können? Der „Spiegel“ hat’s herausgefunden: [klick]

Die Sache ist die: Tausende Verkehrsschilder entsprechen nicht mehr den graphisch genormten Vorgaben und werden ungültig, weshalb sie ausgetauscht werden müssen. Kann man sich ein dringenderes Problem vorstellen? Schwerlich. Die Kommunen sind glücklich, endlich zu wissen, wofür sie ihr im Übermaß vorhandenes Geld verschwenden können. Die schon bestellten Tieflader, mit denen die Banknoten zu den Krematorien transportiert werden sollten, um der Geldflut Herr zu werden, wurden spontan wieder abbestellt.

← Eines der ungültigen Schilder. Für den Gesetzgeber ist es unerträglich, daß hier nur vor Mädchen mit Zopf gewarnt wird. Gänzlich außer Acht gelassen werde, so ein hochrangiger Regierungsvertreter, der nicht namentlich genannt werden möchte, daß vermehrt auch Mädchen beobachtet würden, welche keinen Zopf trügen, vor denen aber dennoch gewarnt werden müsse. Dies sei ein Skandal ersten Ranges, dem mit dem Ersetzen der Schilder durch frisurneutrale Varianten nun begegnet werde.

Vielen Dank.

Nachtrag, 13. April 2010:
Und ausgerechnet der CSU-Minister scheint doch das Hirn am rechten Fleck zu haben. Der Spiegel hat’s erneut recherchiert: [klick].


Buch der Woche: Der Herr der Ringe

10. April 2010

Der Herr der Ringe ist ein moderner Klassiker von J. R. R. Tolkien aus dem Jahre 1954 (Deutsch 1969), ein Roman, der als Kinderbuch beginnt und sich zu einer Geschichte voller Abenteuer, Mythen und Verzweiflung entwickelt, den ewigen Kampf von Gut gegen Böse beschreibt und am Ende gut ausgeht. In einer Mischung aus Märchen und altenglischer Volkssage treten hier Zauberer und Zwerge; Menschen und Elben; Drachen, Trolle und magische Tiere; Orks und Hobbits auf, sogar die Geister Verstorbener und sprechende Bäume.

Der einzige, der eigentlich nicht in Erscheinung tritt, ist der Herr der Ringe selbst. Das ist ein gewisser Sauron, eine Art Halbgott, der die Zauberringe der Elben, Zwerge und Menschen beherrschen wollte und zu diesem Zweck seine eigene Macht in den Einen Ring schmiedete. Sehr bald aber muß er einsehen, daß das eine blöde Idee war, denn als ihm dieser Ring vom Finger geschnitten wird, ist seine Macht dahin und er muß Jahrtausende lang als körperloser Geist darauf warten, daß seine Diener diesen scheiß Ring wiederfinden und er seine Stärke zurückerlangt. Überhaupt ist der Plan mit dem Beherrschenwollen der anderen Ringe so gut wie fehlgeschlagen, insofern als die Elben, mit ihren Drei Ringen, viel zu rein und weise sind, als sich von einem schnöden Ring der Macht beherrschen zu lassen. Die Zwerge ihrerseits, deren Fürsten Sieben Ringe besaßen, sind zu starrköpfig und scheren sich nicht um die machtpolitischen Interessen anderer. Die meisten ihrer Ringe gehen irgendwann verloren, einige gelangen zurück in Saurons Besitz. Einzig bei den Menschen hatte Sauron einen gewissen Erfolg, aber auch das nur zum Teil. Denn der Menschen sind viele, und sie sind untereinander uneins. Mit den neun Ringen, die Sauron unter ihre Vornehmsten verteilte, konnte er nicht alle Menschen beherrschen. Lediglich die Träger der Neun Ringe wurden zu seinen Sklaven, ihre Reiche zerstarben, konnten jedoch nicht von Sauron beherrscht werden. Und dann ging ihm, dem Dunklen Herrscher, sein eigener Ring flöten. Schön blöd, seine Seligkeit an ein kleines, verlierbares Ding zu knüpfen. Doch immerhin, dieser Ring übt auf die eine oder andere Weise Einfluß auf die anderen Ringe aus, und sei es nur, daß sein Vorhandensein den anderen Ringträgern Wachsamkeit auferlegt und sie zu einem Leben in Abgeschiedenheit zwingt, wie mit den Elbenringen geschehen.

Der Eine Ring findet über Zwischenstationen seinen Weg in die Hand eines Hobbits, Bilbo Beutlin geheißen, Angehöriger eines Volkes von Halblingen, deren Existenz Sauron einst wohl nicht einmal bekannt war, er sie zumindest aber nicht ernstnahm, weshalb sie keine Ringe der Macht erhielten. Gut so, denn so sind diese Hobbits bemerkenswert unempfänglich für die Macht des Rings. Darob kann auch niemand anderes als ein Hobbit diesen Ring zum Schicksalsberg bringen, dem einzigen Ort, an dem er zerstört werden kann, denn dort wurde er gemacht. Die Aufgabe fällt Bilbos Neffen Frodo zu, und so begibt sich dieser im Schutze einer Gemeinschaft aus vier Hobbits (neben Frodo selbst sein Gärtner Samweis Gamdschie und seine Vettern Meriadoc „Merry“ Brandybock und Peregrin „Pippin“ Tuk), zwei Menschen (Boromir, der Sohn des Statthalters von Gondor, und Aragorn, im Exil lebender rechtmäßiger Erbe des Throns von Gondor), einem Elben (Legolas, Sohn des Königs von Düsterwald), einem Zwerg (Gimli, Glóins Sohn) und einem „Zauberer“, Gandalf, der eigentlich ebenfalls ein Halbgott ist und nach Mittelerde gesandt wurde, um diese Welt vor dem bösen Einfluß Saurons zu bewahren, auf die abenteuerliche Reise. Das Buch ist quasi ein mittelalterliches Road-Movie.

Nach vielen Irrungen und Wirrungen, wütenden Schlachten und listenreichen wie heldenhaften Taten gelingt das Werk, und Sauron wird vernichtet. Näheres möge bitte im Buch nachgelesen werden, zur Not gäbe es aber auch eine oscarüberhäufte Filmtrilogie. Es ist dies der Sieg der Freundschaft, des Vertrauens, des Mitleids, des Überwindens der Verzweiflung und des Glaubens an das Lebendige und Richtige über den rücksichtslosen Machtwillen und die einsame, seelenlose Selbstsucht. Schön wäre es, wenn die wirkliche Welt ebenso funktionieren würde, aber El Cattivo weiß es besser.

Mit dem Herrn der Ringe schuf der Linguistik-Professor John Ronald Reuel Tolkien nicht nur einen lesenswerten Abenteuerroman, sondern vor allem ein ganze Welt. Denn Mittelerde, der Ort der Handlung, wurde von ihm bis ins Kleinste vom Ursprung seiner Gottheiten über die Erschaffung der Welt und ihrer Bewohner bis über die Handlung des Romans hinaus ausgearbeitet, mit besonderem Augenmerk auf die Sprachen der einzelnen Völker. Dieser Detailreichtum war ohne Vorbild und wird auch nur selten wiederholt, geschweige denn übertroffen. Gleichzeitig wurde Tolkien mit dem Buch zum Vater der Fantasy-Literatur, deren Autoren sich allesamt nicht von diesem Einfluß freisprechen können, dies aber auch kaum wollen.

Lego stellt die Drei Ringe der Elben auf dem Buchumschlag dar. Nebst einem Besen, dem traditionellen Fluggerät der Zauberer:

Quidditch kommt im Herrn der Ringe nicht vor; weiß der Deibel, wo Joanne K. Rowling das herhat. Der einzige sportliche Wettkampf, der bei Tolkien Erwähnung findet, ist das wettbewerbsmäßige Abmurksen von Orks, das Gimli und Legolas zelebrieren. Ansonsten aber ist auch der Harry-Potter-Zyklus ohne den Herrn der Ringe nicht denkbar. Erwähnt sei hier nur der lange Zeit körperlos bleibende Hauptschurke Voldemort. Das Lego-Buch, mit seinem schön gestalteten Rücken eine Zierde für jedes Buchregal, ist Teil der Sets 4719 und 4726.