Autoreferenzialität.

18. Mai 2022

An der Ruhr-Universität Bochum sammelte ich im Hörsaal mal ein studentisches Flugblatt auf, ohne es aus der Luft fangen zu müssen, wie der Begriff suggerieren könnte, des bemosernden Inhalts, daß „Evaluation“ ja wohl für viele Professoren ein Fremdwort sei. Ich mußte das damals auch erstmal nachschlagen, ohne gewalttätig werden zu müssen, wie der Begriff suggerieren könnte. Aber egal, lange her, längst zerknüllt, und „Professoren“ gibt es an Universitäten schon längst nicht mehr, zwischenzeitlich „ProfessorInnen“, dann „Professor*innen“, nun höchstens noch „Professierende“.
Was das alles hiermit zu tun hat? Nichts! Außer, daß das auch schon lange her ist.

Aber jetzt gibt es Waldorf und Statler als vorgeformte Lego-Minifiguren. Und entgegen meiner Gewohnheit habe ich das alte Bauwerk mal auf den neusten Stand gebracht, diesbezüglich.

Diesen Logenplatz baute ich vor mindestens mal 13 Jahren, und hier kommt die Autoreferenzialität ins Spiel, in Form des folgenden Links: Logenplatz


„Kennst du eine alte preußische Bauernregel?“ –
„Das Moor hat seine Schuldigkeit getan. Das Moor kann gehen.“


Bauhof mit Doppelgarage 6383.

1. Mai 2022

So nennt der Lego Collector’s Guide (also ich) das Set 6383 von 1981, welches leider nicht im deutschen Lego-Katalog verzeichnet war und darum keinen deutschen Namen hat. Das ist freilich nur die halbe Wahrheit, denn im Quellekatalog war es, dort sah ich es auch und wunderte mich, aber als Fünfjähriger hatte ich halt keinerlei Handhabe.

So wie eine Polizeistation die zentrale Sammelstelle für Polizisten ist und eine Feuerwehrstation für Feuerwehrleute, ist ein Bauhof der morgendliche Sammelpunkt für Bauarbeiter. Umso trauriger ist es, daß das Set in Deutschland nur limitiert erhältlich war, nämlich neben Quelle auch in Vedes-Geschäften, aber eben nicht allüberall in den Spielzeugabteilungen.

Der Spielmöglichkeiten sind viele, trotz eklatantem Mangel an Katapulten und angreifenden Lavamonstern. Das beginnt beim Öffnen und Schließen der Rolltore, welche den Zugriff auf die mitgelieferten Fahrzeuge gestatten, führt weiter über die Bedienung des Greifbaggers auf der Förderschiene, und endet nicht bei der Entwicklung des Verständnisses für Abläufe im Baugewerbe. Hinzu kommen die zwischenmenschlichen Dramen, die sich innerhalb des Kollektivs der sozialversicherungspflichtigen, abhängig beschäftigten Arbeitnehmer (f/m/d) abspielen.

Das Set genügt sich selbst, der Arbeitsablauf könnte also damit beginnen, daß der Greifbagger Schotter in den Trichter der ..äh.. Schotterwaschanlage einfüllt. (Man weiß ja, wie korruptionsanfällig so Baulöwen sind.) Unterdessen wird der Kipplaster fachgerecht unter der Auslaßöffnung der Anlage geparkt.


Der Auslaß erfordert Handbetrieb. Außerdem im Bild: Der Riß im Raum-Zeit-Kontinuum, weshalb ich als fünfundvierzigjähriger Deutscher ein Set bespiele, das nur für sechs- bis zwölfjährige Amerikaner zugelassen war.



Die Darstellung der Industrieanlage erfolgte meisterhaft mit den Mitteln der Teile- und Farbpalette, die im Jahre 1981 zu Gebote standen.

Der Schotter kann nun entweder zur Baustelle irgendwo in der Kinderzimmerstadt gekarrt werden, oder aber, er wird setintern in der dafür vorgesehenen Schütte abgeladen.



Dies könnte sogar der Ausgangspunkt im Arbeitsablauf sein, insofern hier der kleine Ladebagger zum Einsatz kommt und seinerseits den Kipplaster belädt. Oder der Greifbagger greift sich das Schüttgut und transportiert es zum Trichter der ..äh.. Schotterwaschanlage.



Der Maschinist im Kranbagger sitzt äußerst beengt. Ich finde, am heutigen Ersten Mai darf man ruhig mal auf diesen bedenklichen arbeitsschutzrechtlichen Mißstand hinweisen.



Die Greifschaufel, das geilste Formteil, welches Lego je entwarf, faßt nur soundsoviele 1×1-Steine, im Set enthalten sind aber soundsoviele + x, also sind mehrere Fuhren notwendig. Außerdem ist die Reichweite des Kranauslegers begrenzt, was ein Eingreifen der Diplomfachkräfte mit Schaufel und Besen unumgänglich macht.

Nach getaner Arbeit möge der Kranführer versuchen, sein Arbeitsgerät unfallfrei zu verlassen. Good luck, buddy! Wir recken die Faust in kameradschaftlicher Solidarität, Genosse! Überdies verlangt der Bürokram sein Recht. Ein weißer Pfeil auf blauem Grund weist auf den Eingang zur Kabause hin, falls nicht jedem die Architektur und der Zweck einer Tür geläufig ist.

Naturgemäß fehlten bei meinem gebraucht erworbenen Exemplar die Aufkleber, die über mehrere Teile reichten. Es sind dies der Warnstreifen am Ladebagger und die Stechuhr am Kabuff, dieses Triezgerät zur Unterjochung des Proletariats. Die Ausrichtung der Kleber auf dem Aufkleberbogen (ein kostspieliger Zukauf zwecks Vervollständigung des Sets) ist uneindeutig, aber Arbeitsbeginn ist 5 Uhr morgens. Eine unchristliche Zeit, welche die protestantische Arbeitsethik sehr fragwürdig erscheinen läßt.

Der Blick ins Kabuff zeigt: Das papierlose Büro! Ein Traum. Ganz im Gegensatz zum papierlosen Klo; das ist ein Alptraum. Aber ein Klo gibt’s hier eh nicht. Das prangere ich an!
(Zum Glück gibt es aber zwei Bäume, hinter die man zur Not…)

Die Fahrzeughalle ist leider mangelhaft geplant; der Kipplaster paßt nicht zur Gänze hinein. Und welcherlei Funkwellen die Antenne auf dem Dach empfangen und welche Information damit wohin geleitet werden soll, ist auch noch nicht erforscht. Ein divers aufgestelltes Team internationaler Spitzenleute befasst sich bis heute mit dieser Problematik, bisher ohne Ergebnis.

Apropos divers. Wer bisher die hier bei der Arbeit gezeigten Minifiguren als Bauarbeiter (männlich, weiß, testosterongeladen und toxisch-energetisch) interpretiert hatte, soll sich was schämen, patriarchalisches Gesocks! Es handelt sich natürlich, wie 1981 üblich, um BauarbeiterInnen, wenn nicht gar um Bauarbeiter*innen, -_innen oder -/innen.

Darum sind die hier auch nicht scharf. Um Sexismusvorwürfen zu begegnen.

„Drum links, zwo drei, drum links, zwo, drei,
Wo dein Platz, Genosse, ist!
Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront,
Weil du auch ein Arbeiter bist!“

(Bertolt Brecht war nicht als großer Frauenrechtler bekannt.)


Bis zum letzten Ukrainer.

26. April 2022

205

Es ist ja alles ganz furchtbar. Aber weil dies so ist, möchte ich mal eine, wie ich finde, sehr kluge und weitgehend sachliche Analyse von Michael Lüders verlinken. Den Herrn kann man als Nahost-Experten aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen kennen, oder auch aus zwei sehenswerten Gesprächen mit Thilo Jung: Erstens. Und Zweitens. Und welcher Osten wäre derzeit näher als die Ukraine? „Unna!“ würde meine neben mir sitzende Freundin hineinrufen, hätte ich denn eine.


2022 – Die’s nicht überlebt haben.

1. Januar 2022

„Soylent Boom“

Spiegel Online versorgt mich mit einer ausgewogenen Mischung aus wissenswerten politischen Neuigkeiten und Boulevard-Quatsch. Aktuell läßt sich hier die Silvesterbilanz nachlesen. An Tagen wie diesen erwacht in mir der menschenfeindliche Zyniker (und gewinnt die Oberhand über den menschenfreundlichen Zyniker, der ich überlicherweise bin). Also:

Um Unfälle durch den unsachgemäßen Gebrauch von Knallkörpern und Raketen zu vermeiden und damit die durch Corona bereits extrem belasteten Krankenhäuser zu entlasten, galt auch zu diesem Jahreswechsel ein Verkaufsverbot für Silvesterfeuerwerk.

Das klingt für mich nach einer vernünftigen Maßnahme. Was fordern vernünftige Maßnahmen üblicherweise heraus? Des Menschen Unvernunft nämlich, sich Bahn brechend in trotzigen Handlungen ohne Sinn und Verstand.

Trotzdem waren im ganzen Land Böller zu hören und Raketen zu sehen, nicht wenige davon stammten vermutlich aus illegalen Quellen. Wie jedes Jahr gab es bei der Knallerei schwere Unfälle.

Wie jedes Jahr. Man hätte also gewarnt sein können. Aber die Erfahrungen anderer sind wertlos, Warnungen werden in den Wind geschlagen. Der eine weiß es besser, der andere möchte seine Erfahrungen selbst machen.

(Bloß einer Bundesregierung, die aufgrund einer neuartigen Situation keinerlei Erfahrung im Umgang mit – willkürliches Beispiel – einer Corona-Pandemie hat und haben kann, wirft man natürlich vor, wenn sie „falsche“ Entscheidungen trifft.)

Jedenfalls. Bitte sehr, macht eure Erfahrungen:

Bei der Explosion eines Feuerwerkskörpers in Hennef bei Bonn ist ein Mann ums Leben gekommen, ein weiterer wurde schwer verletzt. Die beiden 37 und 39 Jahre alten Männer hatten mit einer zehnköpfigen Gruppe Silvester gefeiert.

Die übrigen acht Feiernden konnten dann die erlaubte Anzahl der Gruppe mit Freunden auffüllen, die zuvor aufgrund der Corona-Maßnahmen nicht eingeladen werden konnten. Hat also alles sein Gutes!

Ein Polizeisprecher vermutete am frühen Samstagmorgen, dass es sich bei dem Feuerwerkskörper um einen selbst gebauten Böller gehandelt haben könnte.

Da man ja aus Fehlern lernt, wird der 39-Jährige (der 37-Jährige ist ja tot) zum nächsten Jahreswechsel die Rezeptur entsprechend verändern und einen neuen Versuch starten.

Weiter:

Auf einer privaten Silvesterparty im Osten von Berlin sind zwölf Menschen bei der Explosion von illegalem Feuerwerk verletzt worden. Alle Verletzten mussten zur Behandlung in Kliniken gebracht werden, teilte die Feuerwehr am Neujahrsmorgen mit. Es habe aber glücklicherweise keine sehr schweren Verletzungen gegeben.

Wenn du einen Idioten mit „Idiot!“ titulierst, wird er dich anzeigen, weil er es als Beleidigung mißversteht, und das ist ja illegal. Wenn der Idiot hingegen illegales Feuerwerk zündet… Ach, egal.

Der jüngste Verletzte ist laut Feuerwehr ein elfjähriger Junge, die anderen Verletzten seien Jugendliche und Erwachsene.

Normalerweise kommen den Menschen ja Tränen der Rührung, wenn Kinder involviert sind. Alles würden sie zum Schutze ihrer Kinder tun. Alles! Außer natürlich, den Kindern einen lebenswerten Planeten hinterlassen, da sollen sich die Blagen mal nicht so anstellen und Freitags lieber in die Schule gehen. Und Feuerwerk geht sowieso vor!

Weiter:

Mindestens zwei Menschen wurden in Hamburg beim Abbrennen von Feuerwerk schwer verletzt. In Bramfeld explodierte nach Angaben der Polizei ein Böller in einer selbst gebastelten Abschussvorrichtung und verletzte einen 50-jährigen Mann schwer im Gesicht. Er schwebe in Lebensgefahr.

Das darf man alles nicht so negativ sehen. Denn wer träumte nicht davon, einmal zu schweben? Zugegeben, die Sache mit der Lebensgefahr ist etwas heikel. Aber schweben! Hach!

Weiter:

In einem anderen Fall müsse einem Mann nach missglückter Böllerei möglicherweise eine Hand amputiert werden.

Der dachte auch, er habe alles im Griff. (Pun intended.)

Weiter:

In Leipzig wurde ein Mann beim Zünden eines vermutlich ebenfalls selbst gebauten Böllers lebensbedrohlich verletzt, wie ein Polizeisprecher sagte.

Es wäre jetzt allzu billig, von „Leipzig“ über „Sachsen“ auf „Pegida“, „AfD“ und die in Sachsen virulente Impfnachlässigkeit zu schließen. Mein krankes Hirn knüpft da zwar Verbindungen, aber geböllert wird ja bundes- und weltweit, auch in Jahren, in denen mal kein Corona-bedingtes Verkaufsverbot für Feuerwerkskörper gilt. Also weise ich die Jury an, diese Aussage des Zeugen bei der Urteilsfindung nicht zu berücksichtigen.

Weiter:

In Wernigerode im Harz hat eine Rakete einen Wohnungsbrand mit viel Schaden verursacht. Nach Zeugenaussagen flog der Feuerwerkskörper am Freitag auf einen Balkon im fünften Stock des Hauses, teilte die Polizei am Samstag mit. Zunächst soll es zu einer Rauchentwicklung gekommen sein. Anschließend griff das Feuer auf die Wohnung eines 22-jährigen Mannes über und zerstörte diese teilweise.

Das muß also nicht mal eine illegale Rakete gewesen sein. Allgemein wird ja das farbenprächtige Höhenfeuerwerk wohlwollender bewertet als das stumpfe Geböllere. Ob der 22-Jährige, der die Nacht nach der Zerstörung seiner Wohnung durch die Rakete der Nachbarn im Freien verbringen mußte, das auch so sieht, ist nicht überliefert. Zum Glück war’s ja frühlingshaft warm, also nicht so schlimm. Kimawandel ist super!

Weiter:

In Stuttgart kam es gegen Mitternacht beim zentralen Schlossplatz zu Auseinandersetzungen zwischen Feierwütigen und der Polizei. Einige aggressive Partygänger hätten die Beamten bedrängt und mit Böllern beworfen. Die Polizei ging nach eigenen Angaben mit Schlagstöcken und Pfefferspray gegen die Menge vor. Ein Polizist habe ein Knalltrauma erlitten, zwei weitere seien leicht verletzt worden.

„Pyrotechnik ist kein Verbrechen!“
Und was hatte ich eigentlich gerade an Sachsen auszusetzen? Die Querdenkerszene hat ihren Ursprung ja in Stuttgart.

Weiter:

Ein 23 Jahre alter Mann ist in der Silvesternacht bei der Explosion eines Feuerwerkskörpers in Österreich tödlich verletzt worden. Ein 21-Jähriger wurde zudem schwer verletzt […] Dabei hätten sie sogenannte Kugelbomben gezündet. Als eine der Bomben nicht sofort zündete, näherten sich den Angaben nach vier aus der Gruppe dem Feuerwerkskörper, der dann explodierte.

Österreicher? *schulterzuck*

Und schließlich hier:

Trotz Böllerverbots hat ein Mann bei Enschede auf der Straße mit einem Metallgerät Feuerwerkspulver explodieren lassen. Dabei kam ein Kind ums Leben, ein weiteres wurde schwer verletzt.

Enschede? Da war doch mal was. Aber die Letzten, die dabeiwaren, sind eh lange tot, zwanzig Jahre nämlich schon. Es wurde also höchste Zeit für eine Erinnerungsauffrischung.

In den Niederlanden gilt eigentlich ein landesweites Böllerverbot an Silvester. Die Regierung hatte das Verbot das zweite Jahr in Folge verhängt, um die Krankenhäuser in der Coronapandemie nicht zusätzlich zu belasten.

Es ist also gut, daß wenigstens eins der Kinder starb, so fällt es dem Gesundheitssystem nicht mehr zur Last. Bei dem anderen Kind darf man noch die Daumen drücken.

So. „Zynismus: Ende!“?

Ich selbst habe mein Lebtag noch keinen Betrag irgendeiner Währung für Feuerwerkskörper ausgegeben. Mit geschenkten Böllern habe ich als Kind freilich auch schon meine Erfahrungen gemacht. Ein harmloses Zisselmännchen entwickelte im kleinen, hochgekachelten Klo auf der halben Treppe eine erstaunliche Knallwirkung, und mit einem Ladykracher lockerte ich die Teile eines Lego-Modells 6066 (eins meiner grauen Burgwandformteile weist nach wie vor Schmauchspuren auf) und brannte ein schwarzes Loch in die Teppichfliese in meinem Kinderzimmer.

Ins Fußballstadion gehe ich nicht des Feuerwerks wegen; Pyrotechnik ist vielleicht kein Verbrechen (außer vielleicht, wenn es verboten war und dann trotzdem Menschen dadurch zu Schaden kommen), aber ganz gewiß ist Pyrotechnik kein Menschenrecht.

Eine Jahreswendefeier ohne Feuerwerk ist natürlich ungewohnt und wenig spektakulär, aber ich bin zuversichtlich, daß auch ohne Böllerei keine bösen Geister die Herrschaft übernehmen. Zumal jene bösen Geister, die ohnehin an der Macht sind, sich noch nie durchs Feuerwerk haben verscheuchen lassen. Mithin ist so ein Silvesterfeuerwerk nicht essenziell, und ein Verkaufsverbot von Feuerwerkskörpern kein Anlaß, sich in seinen Grundrechten beschränkt zu sehen. Was den Menschen den Spaß am Feiern verdirbt, dürfte weniger das ausgefallene Feuerwerk sein, als vielmehr die durch Feuerwerk verursachten Unfälle mit zum Teil fatalen Folgen. In der Kosten-Nutzen-Risiko-Abwägung kommt Feuerwerk angunfürsisch nicht gut weg.

Letztes Jahr um diese Zeit hatte ich Spätdienst, wie auch schon einige Male zuvor. Spätdienst an Silvester und Neujahr ist klasse, weil man vor Mitternacht fertig ist, dann gegebenenfalls noch mit Freunden feiern kann, und am nächsten Tag muß man nicht früh aufstehen. Und letztes Jahr, da auch schon ein Verkaufsverbot für Pyrogedöns galt, wurde es mir nasenfällig: Es stank nicht nach Pulverdampf, als ich durch die Straßen ging, anders als in den Jahren davor. Stattdessen schnupperte es allüberall aus den Häusern nach Raclette und Fondue. Und dieses Jahr, da ich Frühdienst hatte, konnte ich nachts einigermaßen ungestört durchschlafen, fand morgens keine schweflig-neblige Atemluft vor, und auch die Straßen sind nahezu frei von den Böllerresten, welche wegzuräumen den Böllernden ja noch nie eingefallen ist. Also ich finde das „Böllerverbot“ prima!

Wenn schon Partikularinteressen, dann nicht die der enttäuschten Feierwilligen, sondern bitteschön meine!


Kirche entschuldigt sich!

11. Dezember 2021

Wofür entschuldigt sch die Kirche? Es fiele einem ja so einiges ein, wofür um Verzeihung zu bitten seitens der Kirche durchaus angemessen wäre. Denn, beiläufig gesprochen, „sich entschuldigen“ ist ja ein sprachlicher Ausdruck, der den Vorgang des Um-Verzeihung-Bittens nur unzureichend einfängt. Eigentlich fleht der Missetäter die zum Verzeihen Berechtigten, häufig die durch den Missetäter Geschädigten selbst, auf Knien und unter Tränen an, ihm diese Gnade zuteil werden zu lassen und die Schuld von ihm zu nehmen. Oder ihr. Oder diversirgendwas. Sich selbst entschuldigen, so weit käm’s ja noch! Vor Gericht wäre das freilich sehr praktisch: „Euer Ehren, ich gestehe die Tat, ich erkenne ihre Rechtswidrigkeit an, aber ich habe mich bereits entschuldigt. Ich plädiere daher auf ’nicht schuldig‘!“ Ja nee.

Die heilige Mutter/der heilige Vater/das heilige diverse Elternteil Kirche hat, zugegeben, als Stellvertreter*In Gött*Innens auf der/dem/divers Erde*n (Ker‘, ey!) selbstverständlich das Recht, Entschuldigungen auszusprechen, also nach ihrem (und so weiter) eigenem Selbstverständnis. „Me absolvo“, sozusagen. Also will ich die sprachliche Form mal nicht zu hoch bewerten, zumal diese ja auch nur dem kolportierenden Artikul des/der/* Spiegel*In entnommen ist. Denn: Wofür eigentlich erbittet die römisch-katholische Kirche nun diese ominöse Verzeihung? Es klingt ja fast so, als wäre so eine Entschuldigung zumindest mal ein Schritt in die richtige Richtung, angesichts ihres Sündenregisters.

Hier kann man’s nachlesen: Ein sizilianischer Bischof hatte Kindern gesteckt …äh… in diesem Zusammenhang völlig mißratene Wortwahl. Er hatte Kindern gesagt, daß es den Weihnachtsmann gar nicht gebe. Dieser sei bloß ein Auswuchs der Konsumgesellschaft und habe mit Weihnachten im religiösen Sinne nichts zu tun.

*Kunstpause*

Dafür also entschuldigt sich (s.o.) die Kirche. Wenn einer ihrer Vertreter mal (MAL) die Wahrheit sagt.

Kirche, du hast die Wahrheit gesagt, du, du, du! Und jetzt gehst du zu Papa und sagst ihm, daß du es ganz bestimmt nie wieder tun willst! Sonst holt Knecht Ruprecht die Rute raus!


Glasbruch.

22. November 2021

Das Konzept „zerbrochene Bierflasche“ verstehe ich nicht. Es leuchtet mir nicht ein. Wo ist der Sinn, wo der Zweck, welches sind die Beweggründe, was versprechen sich die Menschen davon? Und, die Frage, die man grundsätzlich bei jedem Vorgang in der Gesellschaft stellen sollte: Wem nützt es und wem schadet es?

Ich mein‘, das geschieht ja nicht einfach so, daß so eine Bierflasche zerbricht. Da muß doch eine treibende Kraft dahinterstecken, vermuten wir mal: Ein Mensch. Menschen haben Bedürfnisse, Affekte, Hoffnungen, Wünsche, Erwartungen, Ziele und Motivationen. Welches Motiv regiert das Zerbrechen einer Bierflasche? Gewinnstreben! Hm, nein, durch das Zerbrechen der Flasche gingen dem Besitzer der Flasche just 8 Cent an Pfand verloren, dem Eigentümer der Flasche gar die Flasche selbst. Das Zerbrechen der Flasche war dem Biertrinker also wichtiger als das Einfordern des hinterlegten Pfandes in Höhe von 8 Cent. Die Gefühlslage des Besitzers der Flasche, also wohl der Brauerei, war ihm gänzlich nebensächlich; wie die Brauerei den Verlust der Flasche verkraftet, interessierte ihn nicht, durch die gezahlte Pfandsumme (Euro 0,08) hielt er die Sache für abgegolten. Das ist übrigens nicht der Fall, denn durch die Pfandhinterlegung hat der Käufer des Bieres die Verpackung eben nicht erworben, sondern nur geliehen – darum ja das Pfand, um die Motivation zur Rückgabe zu unterstützen. Die Flasche bleibt Eigentum der Brauerei, welche beabsichtigt, diese Flasche erneut zu befüllen. Das Zerbrechen der Bierflasche stellt strenggenommen also eine Sachbeschädigung dar.

Doch 8 Cent waren offenbar nicht genug der Motivation, um die Flasche am Stück zu belassen, wiewohl in unseren Städten inzwischen hunderte von Flaschensammlern uterwegs sind, die genau auf diese 8 Cent scharf sind, herumliegende Bierflaschen einsammeln und sich hemmungslos am Flaschenpfand bereichern. Das hatte der flaschenzerstörende Biertrinker aber nicht nötig.

Jedenfalls. Allsams- und -sonntäglich liegen allenthalben zerdepperte Bierflaschen auf den Gehwegen. Durch die Beschädigung wurden sie unbrauchbar und hätten also dem Altglas zugeführt werden können, aber Scherben aufzulesen fällt ja niemandem ein, man könnte sich ja verletzen. Nun gut, jetzt liegen die Scherben auf dem Weg, und es könnten sich andere daran verletzen, aber auch das interessiert ja den Biertrinker nicht. Hätte es ihn interessiert, hätte er ja zumindest mit der Schuhsohle die Scherben etwas zur Seite schieben können, um den Gehweg sicherer zu machen. Aber nee.

Was also waren nun die Beweggründe, die den Biertrinker veranlaßten, die Flasche zerschellen zu lassen? Wut? Schlecht kanalisierte Aggression? Reiner Mutwille?

Ja, ich bin nicht blöd, sondern mir ist bewußt, daß in den meisten Fällen vermutlich gar keine bewußte Entscheidung unmittelbar der Zerstörung der Flasche vorausging, sondern es bloße Unachtsamkeit war. Mal abgesehen von der bewußten Entscheidung, Bier zu sich zu nehmen, mit allen Konsequenzen. Zum Beispiel mit der Konsequenz, daß durch Alkoholkonsum das Bewußtsein getrübt wird, die Reaktionsfähigkeit vermindert und die Koordination der eigenen Bewegungen beeinträchtigt wird. Weiß man ja vorher, nimmt man in Kauf. Ist ja auch nicht schlimm. Sonst wäre es ja nicht erlaubt und erwünscht, Alkohol zu konsumieren. Erwünscht? Aber ja, der Staat verdient ja immerhin mit.

Zufällig weiß ich, daß in unserer Gesellschaft ein Mensch, der nicht trinkt, keinen Alkohol nämlich, fast so schief angesehen wird wie derjenige, der zuviel davon trinkt. Alkoholismus ist natürlich bäh, klar, das sind ja diese Menschen, die ihren Konsum nicht im Griff haben, die sich gehen lassen, die schon so aussehen! Diese fettigen Haare, diese wässrigen Augen, diese rotgeäderte Nase, dieser Geruch, nicht nur nach Alkohol sondern nach so manchem, was dem Körper entströmt, nee, damit will der haushaltsübliche Bietrinker nichts gemein haben. Außer halt manchmal den Rausch, nö? Und wenn dann einer gar keinen Alkohol trinkt, nicht mal so einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt? Oder mal ein Glas Wein bei einem guten Essen? Oder Silvester! Da aber doch mindestens mal so ein Glas Sekt zum Anstoßen? Nein, auch nicht? „Also das könnte ich nicht!“ hört man dann. Also wenn du das nicht könntest, dann bist du doch eigentlich, also nur mal so, eigentlich, bist du dann nicht auch Alkoholiker? Nein, natürlich nicht.

Die Herstellung, die Präsentation, der Konsum von alkoholischen Getränken sind in unserer Gesellschaft Kulturerrungenschaften. Ganze Landstriche leben ausschließlich vom Weinanbau, von Hopfen, Gerste, Obstplantagen, die Herstellung von Wein, Sekt, Bier, Schnäpsen und Likören (und was es sonst noch so geben mag) ist eine Wissenschaft für sich, hochgeachtet, seit Jahrtausenden nach traditionellen Verfahren durchgeführt. Man ist stolz auf diese Kultur. In der Werbung läßt man die Bügelflaschen plöppen, man erkennt Weinbrannt am Geschmack, und „nette Menschen trinken gerne“ so einen komischen Kräuterlikör. Und die Konsumenten brüsten sich darin, Weinjahrgänge beurteilen zu können, Biere am Geschmack unterscheiden zu können, nicht zuletzt auch mit der Fähigkeit, eine Bierflasche auf die aberwitzigste Weise ohne Zuhilfenahme eines offiziellen Flaschenöffners ihres Kronkorkens entledigen zu können. Und selbstverständlich geht es in ungefähr jedem zweiten Schwank aus der eigenen Jugend um was Lustiges, was man im Vollrausch angestellt hat. „Weißte noch, wie ich damals so hackestramm war und dann, haha! mit dem Scirocco, den wir damals hatten, ey, das war so geil! voll gegen den Brückenpfeiler *gibbel*. Die Brigitte ist damals totgelieben, aber die mußte man sich ja eh schöntrinken. Prost!“

Was also ist der Beweggrund, auf dem Gehweg Scherben zu hinterlassen, einem Flaschensammler 8 Cent und der Brauerei eine Flasche vorzuenthalten und sich als asoziales Arschloch zu geheien? Ich weiß es nicht. Und selbstverständlich hätte es nicht „der Biertrinker“ und „der Konsument“ heißen müssen, denn Frauen und sonstwie Diverse wollen natürlich genauso als asoziale Arschlöcher wahrgenommen werden, wenn auch nur von so trübtassigen Nichtalkoholikern wie mir. Für Mitalkoholiker ist das alles ja ganz normales und akzeptables Verhalten.