Zurück in die Zukunft.

19. November 2020
Die Stimme der Vernunft. Ehrlich. Man muß sich bloß mal darauf einlassen und zwei Stunden in die Ansicht dieses Videos investieren.


Verschwörungstheorie.

5. November 2020

Der Begriff „Verschwörungstheorie“ ist sowieso falsch. Laien, also Menschen wie ich, denken häufig an die landläufige Dichotomie von „Theorie und Praxis“ und halten eine Theorie demzufolge für ein substanzloses Hirngespinst, für wildes Rumgerate ohne Anker in der dinglichen Wirklichkeit, im Kontrast eben zur Praxis, dem tatkräftigen Vollzug ebendieser Wirklichkeit. Hence, was in der so verstandenen „Theorie“ wohl klappen mag, scheitert an der erprobten Realität, der Praxis. Unter dieser Maßgabe ist der Laie, also ein Mensch wie ich, geneigt, jedwedes wilde Rumgerate als „Theorie“ zu bezeichnen. So neigt denn nachts um 2, wenn die Wirtin schon die letzte Runde ausgerufen hat, der Thekennachbar sein rotgeädertbenastes Haupt hinüber, läßt unter schweren Lidern die wässrigen in Alkohol schwimmenden Äuglein einen Ansprechpartner gleichwelchen Geschlechts (Hand aufs Herz: einen Mann) suchen, hebt, im Falle des Sucherfolgs, kurz innehaltend, die wahlweise rechte oder linke Hand, den Zeigefinger ausgestreckt, und äußert Laute, denen der Muttersprachler ungefähr diese Worte ablauschen kann, freilich erst nach einer weiteren Generalpause, sicherheitshalber gefolgt von einer zweiten, denn so eine Bedeutungsschwangerschaft erfordert ja eigentlich neun Monate der Vorbereitung, aber so käme man ja nie zum Punkt. Also:

„Hömma, ich, ich habe eine Theorie. Die Merkel, nä? Die Merkel, das is‘ ein Amphibienwesen. Nee, wattema, Rep… (Ein kurzes Aufstoßen scheint am Platze.) Reptilienweib. Also Wesen. Reptilienwesen. Weißte? Die Merkel ist ein Reptilienwesen. Das is‘ meine Theorie.“

Dann holt die Wirtin das Taxi, um den Besinnungslosen vor allen Dingen mal wegzufahren, bestenfalls zu dessen Wohnstatt. Den Deckel kann er anderntags bezahlen. Die Zeche für ein solches Theorie-Verständnis zahlen früher oder später wir alle.

Der Laie, also prinzipiell ein Mensch wie ich, hält es also für sinnvoll und nur gerecht, so eine „Theorie“ jeder anderen Theorie, zum Beispiel einer wissenschaftlichen, in jeder Hinsicht gleichzustellen. Wenn also die Wisschaft so etwas wie die Evolutionstheorie in den Ring wirft, sieht sich der Laie, der diese wissenschaftliche Theorie weder in Gänze gelesen, geschweige denn verstanden hat, selbstverständlich berechtigt, diese Theorie zu kontern, etwa mit der einzig anderen vorstellbaren Alternative zur Evolution: Gott hat die Dinosaurierknochen verbuddelt! Und er nennt’s Theorie und fordert die gleichberechtigte Lehre in Schule und Universität, und was halt noch so alles damit einhergeht. Denn wenn das ..äh.. wilde Rumgerate, welches die Wissenschaftler „Theorie“ nennen, (Die haben sich doch schon so oft geirrt und revidieren alle Naselang ihre Erkenntnisse! Was ist also von der sogenannten Wissenschaft überhaupt zu halten, na?) Auswirkungen auf gesellschaftliche Diskurse, die Gesetzgebung und all sowas hat, dann verlangt der Laie aber, daß sein eigenes wildes Rumgerate mindestens genauso Berücksichtigung findet im gesellschaftlichen Diskurs. Das wird man doch wohl noch mal sagen dürfen! Meinungsfreiheit!

In der Wissenschaft hingegen ist eine Theorie durchaus nicht das Ergebnis wilden Rumgerates. Vielmehr ist die Theorie das Ergebnis eines oft sehr langen wissenschaftlichen Prozesses. Am Anfang steht eine Beobachtung, vielleicht auch der Ausgang eines Experiments. Sicherheitshalber wird das Experiment wiederholt, wird noch mal genau hingeschaut. Kollegen werden gebeten, ebenfalls mal hinzugucken, ein ähnliches Experiment durchzuführen. Wenn das Ergebnis sich als reproduzierbar erweist, wird eine Einordnung vorgenommen: Wie paßt es mit den bekannten Axiomen, Theorien, Naturkonstanten und so weiter zusammen? Es wird eine Hypothese formuliert, und zielgerichtet werden abermals Bebachtungen vorgenommen, Experimente werden erdacht, die geeignet sind, das beobachtete Phänomen ad absurdum zu führen. Erweist sich das Phänomen weiterhin als nicht weg zu diskutieren, kann darüber nachgedacht werden, eine Theorie zu entwickeln. Diese muß wiederum mit den bekannten Axiomen und Naturgesetzen im Einklang stehen. Der Formulierung einer Theorie geht also eine ganze Menge Praxis voraus, die Theorie muß zu den Fakten passen, es werden nicht die Fakten so gewählt, daß sie zur Theorie passen. Die Theorie ist der Endpunkt eines langwierigen wissenschaftlichen Prozesses, keineswegs der Startpunkt in Form wilden Rumgerates.

Eine Verschwörungstheorie ist demnach in den seltensten Fällen eine Theorie im wissenschaftlichen Sinne. Nicht selten hat derjenige, der einer Verschwörungstheorie Glauben schenkt, sowieso schon ein irgendwie komisches Gefühl bei einer Sache, paßt etwas nicht mit seiner Sicht der Dinge zusammen. Und da ist es doch angenehm, wenn es eine „Theorie“ gibt, die das eigene komische Gefühl zu bestätigen scheint. Irgendwie läuft im eigenen Leben alles falsch, aber klar, die Merkel ist ja auch ein Reptilienwesen, das erklärt’s.

Dessen ungeachtet gibt es natürlich Verschwörungen. Jedes Kartell, das unerlaubte Preisabsprachen betreibt, ist eine Verschwörung. Jede Kriegsgrundherbeiführung, mit welcher dem Volk plausibel gemacht werden soll, daß doch aber die Polen den Sender Gleiwitz angegriffen haben, oder daß Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitze, geht auf eine Verschwörung zurück. Skepsis ist also nicht verkehrt. Aber Skepsis ist nicht, etwas, was einem nicht gefällt, gefühlsmäßig abzulehnen. Skepsis ist, etwas nicht ohne triftigen Grund, also bestenfalls nur auf Grundlage von Beweisen, zu glauben, wobei rationales Denken zielführender ist als unbestimmtes Bauchgefühl. In diesem Sinne bin ich, wiewohl natürlich wissenschaftlicher Laie, doch nicht unbedingt ein Mensch wie die, die so Thekentheorien aufstellen. Im Gegensatz zu denen bin ich ein Verstandesmensch. Das heißt nicht, daß ich viel davon habe, sondern lediglich, daß ich viel davon halte.

Trotzdem möchte ich eine kleine Verschwörungstheorie zum Besten geben, die ich mir gerade mal während des Tippens aus den Fingern sauge. Gestern hamse ja in den Vereinigten Staaten von Amerika einen neuen Präsidenten gewählt. Oder vorgestern, oder wann das halt war, Zeitverschiebung, Warterei, egal. Am Dienstag.

Damals, im März, als urplötzlich Corona über die Welt schwappte, huschte ein Lächeln über das vertrauenerweckende Antlitz eines der Berater Donald Trumps. Diese Leute sind ja nicht dumm. Um andere für dumm zu verkaufen, muß man selbst ja zumindest ein bißchen schlauer sein. Also, das Virus eroberte Land für Land, Menschen erkrankten, Menschen starben, viele, und die Maßnahmen, die in vielen Ländern ergriffen wurden, um der Seuche Herr zu werden, umfaßten vor allem: Mund und Nase bedecken und größtmöglichen Abstand zu anderen Menschen halten, im Grunde das sinnvolle Vorgehen, welches bei jeder Infektionskrankheit ratsam wäre, aber dieses Mal: Wirklich jetzt! Denn Covid-19 ist fieser als ein Schnupfen; sie heben ja nicht ohne Grund Massengräber in Spanien und Italien aus, was bei einer saisonalen Grippewelle sonst nicht geschieht.

Das kann den Verantwortlichen in Washington ja nicht verborgen geblieben sein. Dennoch taten sie sich mit der öffentlichen Anerkennung der Gefahr und somit mit dem Anordnen der sinnvollen Maßnahmen schwer. Wieso? Sie sahen im Hinblick auf den Wahlkampf eine Strategie heraufdämmern. So Wahlkampfstrategen kennen ihr Zielpublikum und das ihres Gegners ganz genau. Trumps Berater wissen natürlich, daß die Anhänger des demokratischen Bewerbers um die Präsidentschaft potenziell eher rational und wissenschaftlich denken als die Anhänger Donald Trumps, der ja in Auftreten und Person nichts weniger als den Intellekt anspricht.

Rational und sinnvoll ist es, während einer Virus-Epidemie Menschenansammlungen zu meiden, seine Atemwege mit einer Maske zu schützen, und auch am Wahltag möglichst nicht ins proppevolle Wahllokal zu stratzen, sondern schön geschützt seine Stimme per Briefwahl abzugeben. Und das war es, was dem vertrauenserweckenden Star-Spangled-Banner-Pin-am-Revers-Träger das Lächeln ins Gesicht zauberte: Da war sie, die Strategie!

Konsequent verharmloste das Trump-Lager die Gefahr, die von Corona (jaja, nicht das Bier) ausgeht, zogen ohne Rücksicht auf Verluste Wahlkampfveranstaltungen durch, die Spitzengestalten zeigten sich demonstrativ ohne Maske. Als Sahnehäubchen infizierte sich der Präsident, der Donald, der Trump, sogar mit diesem Virus, und er überstand offenbar mit Leichtigkeit eine Krankheit, die kaum so gefährlich wie eine leichte Erkältung schien. Ebenso konsequent forderte Trump seine Anhänger auf, am Wahltag gut amerikanisch ihre Stimme im Wahllokal abzugeben. Denn Briefwahlstimmen, und das ist der Punkt, könnten ja ach so leicht gefälscht werden! Vorsorglich kündigte Trump lange vor dem Wahltermin an, Briefwahlstimmen einfach nicht anzuerkennen und gegebenenfalls alle juristischen Mittel auszuschöpfen. Denn, so das Kalkül, vor allem Biden-Anhänger, diese wissenschafthörigen Toren, würden per Brief wählen, und wenn man diese Stimmen alle per juristischer Anfechtung eliminieren könnte, wäre das doch super! Natürlich würden ein paar hunderttausend Trump-Fans an Covid-19 verrecken, aber das sind ja Amerikaner. Und wenn ein Amerikaner im Dienste für seinen Führer stirbt, ist er ein Held, und mit der Aussicht auf Heldenruhm bekommt man sie im Zweifelsfalle alle.

Und genau so geschieht es jetzt: Trump legt, wie geplant, Widerspruch gegen die Auszählung von Briefwahlzetteln in den Battleground States ein.

tl/dr

Trump geht über Leichen. Seine Anhänger sind zu doof, das zu bemerken, oder zu skrupellos, daß es sie störte.


Nightmares in the Digital Age.

26. Oktober 2020

Und dann war da noch der Typ, der nachts um drei schweißgebadet aufschreckte und ins ungewisse Dunkel hinein ausstieß: „Scheiße, ich habe vergessen zu liken, zu subscriben und die Glocke zu drücken!“


CD-Regal revisited: Pink Floyd (7)

29. September 2020

Nachdem das Album „Dark Side of the Moon“ (DSOTM) im Jahre 1973 ein weltweiter Verkaufsschlager gewesen war, konnten sich die Jungs von Pink Floyd zunächst nur mit Mühe dazu aufraffen, sich abermals an die Arbeit zu einer weiteren Platte zu begeben, zu groß war die Last des Erfolgs. Aber half ja nichts, die Sache wollt’s. Im Januar 1975 überquerten die vier die Abbey Road, um das Studio zu entern.

Whish You Were Here

War DSOTM ein Konzeptalbum über die großen Fragen des Lebens gewesen, so gab sich Pink Floyd nun introspektiver. Den Hauptteil des Albums nimmt die Beschäftigung mit dem vormaligen Band-Kollegen und Freund Syd Barrett ein, welcher das zeittypische Rockstar-Leben der späten 60er Jahre nicht unbeschadet überstanden hatte. Kurz hatte sein Stern aufgeblitzt, hatte sein Talent als Song-Schreiber und Gitarrist zu mehreren erfolgreichen Singles und einem sehr beachtenswerten Debütalbum geführt, dann erlag sein einst wacher Geist dem Einfluß bewußtseins- ..nun ja.. -verändernder Drogen, und seine Persönlichkeit änderte sich in dem Maße, daß er für die Band als kreativer Inputgeber und verläßlicher Live-Musiker nicht mehr tragbar war. Zunächst holte man David Gilmour als zusätzlichen Gitarristen in die Band und spielte bei Auftritten um Syd herum, während dieser teilnahmslos an seinem Mikro stand. Da das kein akzeptabler Zustand war, holten die anderen vier ihn irgendwann gar nicht mehr ab und absolvierten die Auftritte ohne ihn. Zum zweiten Studio-Album steuerte er mit „Jugband Blues“ noch einen Song bei, dann wurde er gefeuert und führte fortan ein zurückgezogenes Leben in der Obhut seiner Mutter.
Der Umgang der verbliebenen Mitglieder Pink Floyds mit Syd Barrett war, gelinde gesagt, unglücklich. Halbherzig unterstützten sie ihn im Jahre 1970 noch bei der Produktion zweier Soloalben, dann brach der Kontakt weitgehend ab, unter dem Vorwand, das dies besser sei für Syd. Doch das schlechte Gewissen nagte, und das Schicksal des einstigen Freundes hing fortan wie eine Nemesis über dem Schaffen von Pink Floyd.

Im Jahre 1975 war das alles noch gar nicht so lange her, wie es aus heutiger Sicht scheint. Und dennoch. Während sie so im Studio saßen und musikalische Vergangenheitsbewältigung betrieben, fiel ihnen irgendwann ein Typ auf, groß, kahlgeschoren und aufgedunsen, den niemand zuordnen konnte. Bis sie schließlich – genau – Syd Barrett erkannten, der die Band besuchte, während sie an Songs über ihn arbeitete. Von großem Hallo und Wiedersehensfreude wird indessen nicht berichtet, die Situation war wohl vor allen Dingen awkward.

Das Album umfaßt vier Lieder, wiewohl der Song „Schine On You Crazy Diamond“ mit einer Gesamtlänge von fast 26 Minuten zweigeteilt wurde und als atmosphärische Anfangs- und Schlußsequenz die übrigen drei Stücke einrahmt. Als verrückter Diamant wird hier Syd Barrett besungen, man ahnte es. Die Songs „Welcome To The Machine“ und „Have A Cigar“ können als Abrechnung mit der Pattenindustrie aufgefaßt werden. Ersterer behandelt den zynischen Umgang der Produzenten mit den Ambitionen junger Musiker, denen man ein ausschweifendes Starrummelleben verspricht, was man ebenfalls – vielleicht überinterpretierend – auf Syd Barrett beziehen könnte. Der andere entlarvt die Musikbranche als das, was sie ist, nämlich weder an der Kunst interessiert noch an den Künstlern, sondern einzig am finanziellen Erfolg; und der ist umso größer, je weniger man in die Qualität der Musik investiert, nimm dir ’ne Zigarre! Als Gastsänger fungiert hier Roy Harper. Auf die Idee, Syd Barrett in die Produktion dieses Albums einzubeziehen, wo er doch schon mal da war, kam offenbar niemand.

Und während Syd also da saß, zugegebenermaßen nur einen Tag, und seinen alten Kollegen bei der Arbeit zusah, heißt der Titelsong „Wish You Were Here“. Der Text ist verklausuliert, aber die Titelzeile ist eindeutig. Selbst als er körperlich anwesend war, früher als Bandmitglied, nun als unerwarteter Besucher, so war er doch geistig ganz weit weg. Das war schockierend und traurig, aber irgendwie mußten Waters, Gilmour, Wright und Mason damit umgehen.
Der Song taugt auch ohne den Syd-Barrett-Kontext als – sagen wir – Liebeslied, und ist auch heute noch bisweilen im Radio zu hören, weshalb er neben „Another Brick In The Wall“, „Time“ und „Money“ zu den allgemein bekannteren Songs Pink Floyds zählt.

Und dann ist da ja noch Hipgnosis, die Graphikagentur, verantwortlich für unzählige ikonische Plattencover, unter anderem von Pink-Floyd-Alben. Der thematische Inhalt dieser Alben interessierte Storm Thorgerson und Kollegen selten, wenn es um die visuelle Repräsentation dieser Musik ging. Während Pink Floyd auf „Wish You Were Here“ gegen die Dämonen ihrer Geschichte antraten, machte Hipgnosis sein eigenes Ding.

Auf den vier Seiten der Plattenhülle – Vorder- und Rückseite der Außen- sowie Vorder- und Rückseite der Innenhülle – sind die vier Elemente dargestellt. Als ich vor langer Zeit die Bilder aufnahm, wußte ich noch nicht, was ich dazu schreiben würde, darum habe ich die Rückseiten nicht abgelichtet. Zu sehen sind Feuer und Luft (Wind). Als zusätzliches Gimmick lag der Schallplatte eine Bildpostkarte bei, die das Wasser-Motiv wiederholt:

Gewiefte Wicca-Praktizierende mögen die Verbindung sehen zwischen den vier Elementen und irgendwelchen Dämonen. Da hier die Darstellung des Elements „Erde“ fehlt, fügen wir es musikalisch in Gestalt eines Diamanten hinzu. Shine on!

Wie aus Band-Kreisen verlautbarte, war dies das letzte Pink-Floyd-Album, bei dem sich alle vier (aktiven) Mitglieder kreativ einbringen konnten. Insbesondere Rick Wrights Tasteninstrumente tragen weite Teile der Kompositionen.

Animals

Zwei Jahre später veröffentlichten Pink Floyd das letzte Album, welches vor meiner Geburt entstand, wenn auch knapp, immerhin im selben Jahr, 1977. An dieser Stelle müßte ich das Bild wieder hervorkramen, welches ich schon zuvor als Symbolfoto für Pink Floyd ver(sch)wendet hatte, das aber eindeutig dem Album „Animals“ zugeordnet ist:

Dieses Mal hat das Plattencover, wiederum gestaltet von Hipgnosis, einen deutlichen Bezug zum Inhalt des Albums. Schweine spielen eine Rolle. Und durch die vier Schornsteine wirkt die Battersea Power Station, das alte Londer Heizkraftwerk, wie ein auf dem Rücken liegendes, totes Tier. Gleichzeitig wird durch den Art-Deco-Stil des Gebäudes, steil und bedrohlich ausgeführt als „Ziegel-Kathedrale“, ein Gefühl des Unbehagens erzeugt. Dessen ungeachtet fand ich das Titelbild mit dem ersten Ansehen sehr schön, wie gemalt. In Vor-Internet-Zeiten kannte ich die Battersea Power Station natürlich gar nicht und hielt das Bild für ein Produkt der Phantasie. Aufgrund der optischen Attraktivität des Titelbildes war „Animals“ wahrscheinlich eine meiner frühesten Pink-Floyd-Erwerbungen.

Vor dem Hintergrund der Erwartungen, die sich aus meinen bisherigen Höreindrücken (Wall, DSOTM, Piper At The Gates Of Dawn) speisten, war ich beim Erklingen des ersten Songs zunächst etwas enttäuscht. „Pigs On The Wing“ ist ein kleines, akustisches Gitarrenstück, das alles vermissen ließ, was ich zu schätzen gelernt hatte: elegische Keyboard-Passagen, ausschweifende Gitarren-Soli, vernehmbaren Bass und elaboriertes Schlagzeugspiel. Doch ist es nur der Auftakt. Es folgt der Song „Dogs“. Dieser bietet alles, was ich erwartet hatte, bloß besser.
Thematisch lehnt sich „Animals“ an George Orwells „Farm der Tiere“ an, ohne jedoch eine direkte musikalische Umsetzung des Romans zu sein; vielmehr diente dieser Roger Waters als Inspiration für eine eigene sozialkritische Parabel. Oder Fabel. Die Hunde sind hier die rücksichtlosen, kapitalistischen Herrscher, Zyniker, die über Leichen gehen und am Ende einsam und verbittert zugrundegehen. 17 Minuten dauert das Lied. Es folgt „Pigs (Three Different Ones)“ mit 11 Minuten 20. Die Schweine sind hier die bigotten Politiker, denen man nicht über den Weg trauen kann, da sie nicht unsere Interessen im Sinn haben. Namentlich angesprochen wird Mary Whitehouse, eine konservative britische Aktivistin zur Entstehungszeit des Albums. Durch die Nennung des Namens ist der Song thematisch nicht unbedingt zeitlos, aber musikalisch über jeden Zweifel erhaben.
„Sheep“, ebenfalls über 10 Minuten lang, beginnt mit einem sehr entspannten Piano-Intro, für das Rick Wright eigentlich einen Writing Credit verdient gehabt hätte, welcher ihm aber verweigert wurde. Bis auf „Dogs“, für das David Gilmour einen Credit bekam, ist bei allen Songs des Albums nur Roger Waters als Autor ausgewiesen, eine Tendenz, die sich auf den folgenden Alben fortsetzen sollte. Die Schafe, um bei „Animals“ zu bleiben, sind natürlich die ahnungslosen Schafsköppe, die sich von den Hunden und Schweinen an der Nase herumführen lassen. Den Abschluß des Albums bildet die zweite Strophe von „Pigs On The Wing“. Erst im Zuge meiner recherchierenden Beschäftigung mit dem Album zur Vorbereitung auf diesen Artikel erfuhr ich, daß die 8-Track-Version von „Animals“ eine andere Version dieses Songs enthielt, sozusagen die Vollversion an einem Stück mit Gitarrensolo.

Als Höreindruck wählen wir mal „Sheep“, und sei es nur fürs Intro, offiziell von Pink Floyds Youtube-Channel:

Vor der Schlußbemerkung gönnen wir uns auch hier noch einen Blick auf die Schapllplatte. Auf ihr kommt das grandiose Titelbild naturgemäß besser zur Geltung, was hier im Internet freilich ohne Auswirkung bleibt. Die Innenhülle zeigt alle Songtexte in Nick Masons Handschrift.


Gegenwärtig ist das Gebäude in einem traurigeren Zustand, als es die Schwarzweiß-Fotos im Gatefold zeigen. 1977 war das Kraftwerk noch in Betrieb (bis 1983), die Maschinenhalle hatte noch ein Dach. Während der Aufnahmen fürs Plattencover riß sich der Schweineballon los und nahm Kurs auf Heathrow, Polizeihubschrauber nahmen die Verfolgung auf, ein Scharfschütze bereitete sich darauf vor, das Schwein brutal abzuknallen. Doch schließlich landete es auf einem Bauernhof in Kent, wo es die dort ansässigen animals und den freilaufenden Bauern in Aufregung versetzte.

Schlußbemerkung

Auf „Animals“ folgte „The Wall“ mit all dem Drama. Richard Wright nahm an den Aufnahmen teil, verließ die Band, wurde als bezahlter Tourmusiker für die Wall-Aufführungen engagiert und dann endgültig gefeuert. Das besiegelte das Ende der klassischen Periode im Band-Leben Pink Floyds. Dannach kam aber noch so allerhand, dem wir uns zu einem späteren Zeitpunkt widmen werden.

Für interessant erachte ich einen Blick auf die Sequenzierungen der einzelnen Alben, also auf die Song-Aufteilungen. Die ersten beiden Alben und die Soundtracks „More“ und „Obscured by Clouds“ sowie die Compilation-Albums sind da weniger auffällig. Sie enthalten der Reihe nach Songs von mehr oder weniger handelsüblicher Länge. Doch dann geht’s los:

„Ummagumma“ ist ein Doppelalbum, dessen erste Scheibe vier Live-Aufnahmen enthält, und dessen zweite Scheibe vier Solo-Beiträge der einzelnen Band-Mitglieder umfaßt, bzw. fünf, da Roger Waters zwei Songs beisteuerte. So weit, so ungewöhnlich.

„Atom Heart Mother“ füllt die komplette A-Seite mit dem über 20-minütigen Titelstück, auf der B-Seite befinden sich vier Songs von üblicher Länge.

„Meddle“ hat auf der A-Seite fünf „normale“ Songs, dafür füllt „Echoes“ mit über 20 Minuten die komplette B-Seite aus.

„Dark Side Of The Moon“ beinhaltet zwar neun Stücke von unauffälliger Länge, jedoch gehen diese ineinander über, so daß A- und B-Seite sozusagen jeweils einen einzigen Track von um die 20 Minuten enthalten.

„Wish You Were Here“ beginnt und endet mit dem ersten und zweiten Teil eines Songs, jeweils über 10 Minuten lang, dazwischen drei Lieder von üblicher Länge.

„Animals“ beginnt und endet mit dem ersten und zweiten Teil eines Songs, diesmal unter zwei Minuten lang, dafür umrahmt er drei Lieder von über 10 Minuten Länge.

Und „The Wall“ schließlich ist ein Doppelalbum mit einzelnen Songs, die aber einem durchgehenden Konzept folgen, deren Reihenfolge also nicht willkürlich ist.

Offenbar war die Band bemüht, die Sequenzierung abwechslungreich zu gestalten und Wiederholungen zu vermeiden. Wäre „Shine On You Crazy Diamond“ nicht geteilt worden (wie David Gilmour es bevorzugt hätte), hätte sich die formale Wiederholung von „Atom Heart Mother“ oder „Meddle“ ergeben. Und „Pigs On The Wing“ in der Vollversion wäre nur ein uspektakulärer Song neben drei spektakulären Zehnminütern gewesen, so jedoch kommt ihm als „Bookends“ eine Rahmenfunktion zu. Das kann alles kein Zufall sein. Oder vielleicht auch doch. Gute Nacht!


Klixomatrol™.

14. August 2020

Auch Clixomatrol™.


Menschheitserfolg!

1. Juli 2020


Breitmaulnashorn (Abbildung ähnlich)

Der „Spiegel“ vermeldet in seiner Internet-Ausgabe: „Das Nördliche Breitmaulnashorn ist vom Aussterben bedroht, weltweit gibt es nur noch zwei – beide unfruchtbar.“ Da wird die Bedrohung ja fast schon konkret. Und alle Großwildjäger so, zärtlich das erbeutete Horn in auf Stimulierung positiv ansprechende Körperöffnungen einführend: „Puh, was’n Glück, daß ich meine Trophäe noch schießen konnte, ehe die armen Viecher vom Antlitz unseres einzigartigen und des Schutzes so sehr bedürfenden Planeten verschwinden!“

Soviel zum Nashorn. Tiger gibt’s ja auch noch. Der Wikipedia-Artikel zum Tiger berichtet:

Der Handel mit Tigerprodukten, die vor allem in der traditionellen chinesischen Medizin Verwendung finden, ist ein Grund für die illegale Jagd. Vor allem die Knochen, die zu Pulver zermahlen werden, finden dabei Verwendung. Seit dem Zusammenbruch der chinesischen Tigerbestände in den 1950er bis 1970er Jahren konnte der Markt nicht mehr mit einheimischen Tigern beliefert werden, wodurch auch die anderen Unterarten unter Druck gerieten.

Somit ist es angebracht, noch einen Nachklapp zum Thema „Aberglauben“ zu liefern, siehe unten. Kritiker der Schulmedizin und Freunde der Naturheilkunde schwärmen ja nicht selten auch von der traditionellen chinesischen Medizin. Weil da ja uraltes Wissen tradiert werde, und weil sie so sanft sei. Sanft zum Tiger freilich nicht. Und war es jemals Wissen, aus allen möglichen Tierbestandteilen irgendwelche angeblich heilsamen Pulver, Salben und Tinkturen zu gewinnen? Ist es nicht zum Beispiel auch etwas plump, jedem länglich geformten Gegenstand, nicht zuletzt Nashornhörnern, eine potenzsteigernde Wirkung zuzuschreiben? Und warum überhaupt sollte diese Wirkung zustandekommen, wenn man Penisse von Tieren ißt? Diese bestehen ja auch bloß aus denselben Eiweißen wie der Rest des Tieres und werden im menschlichen Körper zersetzt und verdaut wie anderes Fleisch auch. Schlecht, nämlich. Magisches Wissen vermag ich da auf Seiten der traditionellen Heiler nicht zu erkennen, und besonders weise ist es auch nicht, die Bestände bedrohter Tiere weiter und weiter zu verkleinern. Und wer dergleichen zur Naturheilkunde zählt, dem geht die Natur offenbar am Arsch vorbei.
Naturheilkunde ist übrigens Heilkunde. Da wird die beobachtete Wirkung von Pflanzen eingesetzt, um einen Heilerfolg zu erzielen. Die alten Kräuterweiber und Klostergärtner wußten freilich nicht, auf welchen Substanzen in den Pflanzen und auf welchen biochemischen Prozessen im Körper diese Heilwirkung beruhte, das konnten sie auch nicht wissen, aber immerhin. Kräuterkunde mag auch Teil der traditionellen chinesischen Medizin sein, aber um sich die Kräuterwirkung zunutze zu machen, ist es eben nicht notwendig, das Ganze mit dem Werbe-Claim Traditionelle chinesische Medizin™ zu schmücken. Dieser fast schon Markenname zielt meiner Ansicht nach vor allem auf die Gutgläubigkeit von zu Aberglauben neigenden Menschen ab. Wäre es so, wäre das nicht nur nicht weise, sondern überdies unredlich, denn am Ende geht es doch immer bloß darum, dummen Menschen das Geld aus der Tasche zu locken. Ohne Rücksicht auf Verluste, zum Beispiel im Tierbestand.