CD-Regal revisited: Pink Floyd (8)

22. März 2021

Nachdem Pink Floyd ihr Monumentalwerk „The Wall“ (1979) in den Jahren 1980 und 1981 mit einer monumentalen Bühnenshow im Rahmen einer kaum monumental zu nennenden Tour, welche nur die Weltstädte Los Angeles, New York, London und Dortmund berührte, zur Aufführung gebracht hatten, war das Bandgefüge endgültig zerrüttet. Richard Wright war nach den Studioaufnahmen zu „The Wall“ eigentlich eh schon gefeuert worden, durfte dann aber als bezahlter Session-Musiker die Tour begleiten, um für das Publikum die Illusion aufrecht zu erhalten, Pink Floyd, augenscheinlich auf dem Höhepunkt ihres kreativen Schaffens, seien noch Pink Floyd. Rick bekam also Geld für seine Auftritte, die restlichen Mitglieder zahlten drauf, weil das ganze Brimborium mit live auf der Bühne gebauter Mauer durch Herstellung, Transport und Aufbau während der Show in einer mietpreisintensiven Halle, die dafür ausreichend Platz bot, mehr kostete, als es einbrachte. Tja. Wright war nach der Tour jedenfalls raus, und es mußte schnell Geld her, weshalb 1981 rasch das Kompilationsalbum „A Collection of Great Dance Songs“ veröffentlich wurde, welches ich nicht besitze, wie ich söben feststelle. Soëben. Schad’t nix, denn enthalten sind eben nur alternative Mixe von „Shine on You Crazy Diamond“ und „Another Brick In The Wall (Part 2)“, außerdem „One Of These Days“, „Sheep“ und „Wish You Were Here“, sowie eine Neueinspielung von „Money“, die David Gilmour ohne Zutun seiner Bandkollegen vornahm. Das amerikanische Label Columbia Records erhielt nämlich von Capitol Records, die ursprünglich „DSOTM“ in den USA veröffentlicht hatten, keine Lizenz für die Verwendung dieses Songs. Nunja.
Im Jahre 1982 kam überdies die Filmadaption von „The Wall“, mit Bob Geldof in der Hauptrolle und Animationen von Gerald Scarfe, in die Kinos. Zusätzlich zu den Songs des Albums ist im Film auch das Lied „When the Tigers Broke Free“ enthalten.

The Final Cut

Pink Floyd waren nun also nur noch zu dritt. Das 1983er Album „The Final Cut“ trägt jedoch den Untertitel „A requiem for the post war dream by Roger Waters. Performed by Pink Floyd“. Ohne Rick Wright. Und das merkt man. War sein Keyboardspiel bisher integraler Bestandteil des Pink-Floyd-Sounds gewesen, so fehlt dies hier, was dem Album einen gänzlich ungewohnten Charakter verleiht. Zumal ja auch die Beiträge von David Gilmour und Nick Mason sich aufs Abspielen von Roger Waters‘ Kompositionen beschränken.

(In der LP-Version ist der Titel als Aufkleber auf dem Cover ausgeführt.)
Thematisch verarbeitet Roger Waters mit dem Album sein Trauma des im Krieg gebliebenen Vaters, nimmt also diesen Aspekt aus „The Wall“ wieder auf, zum Teil wurde Material verarbeitet, welches auf dem Vorgängeralbum keine Verwendung gefunden hatte. Der kriegskritische Tenor („Ténor“), sich ursprünglich aus der Thematisierung des Zweiten Weltkriegs speisend, war 1983 hochaktuell, denn just 1982 kämpfte Großbritannien mit Argentinien um die Falkland-Inseln und obsiegte. Dies wird, neben dem Afghanistan-Krieg und dem Nahost-Konflikt, in dem Sechszeiler „Get your filthy hands off my desert“ angesprochen. Angespielt werden soll hier jedoch das Titelstück „The Final Cut“, welches klingt, als könne es noch von „The Wall“ stammen:

Mein CD-Exemplar ist die „Digital Remasters“-Version von 1994. Auf neueren Veröffentlichungen des Albums ist zusätzlich „When the Tigers Broke Free“ enthalten, wodurch die Stellung von „The Final Cut“ als Continuatio von „The Wall“ augenfällig wird. Gleichzeitig ist das Album aber schon durch den Untertitel als De-facto-Soloprojekt von Roger Waters gekennzeichnet, und 1985 erfolgte schließlich der finale Schnitt durchs Tischtuch – Roger Waters verließ Pink Floyd. Es wurde schmutzig. Es sprachen lediglich noch die Anwälte von Waters und Gilmour miteinander. Waters versuchte, „Pink Floyd“ durch seinen Bandaustritt für offiziell und endgültig aufgelöst zu erklären, der Bandname sollte fürderhin nicht genutzt werden dürfen. Gilmour hatte diesem Ansinnen gänzlich widersprechende Ambitionen und bekam vor Gericht Recht. Seitdem zürnt Roger Waters. Seit 36 Jahren. Das ist fast dreimal länger, als es die Band überhaupt in ihrer klassischen Besetzung gegeben hat.

Works

Noch 1983 erschien ein weiteres Sammelalbum, „Works“, und zwar bei Capitol Records. Diese Plattenfirma wollte offensichtlich sowohl mit dem gegenwärtigen Pink-Floyd-Album „The Final Cut“ konkurrieren, als auch die Sammlung großartiger Tanzlieder (s.o.) kontern, die beide bei Floyds neuem US-Label Columbia Records erschienen waren. Die „Works“-CD hatte ich bei meinen Streifzügen durch die CD-Abteilungen von Karstadt und Saturn Ende der 1990er Jahre durchaus im Pink-Floyd-Fach stehen sehen, aber auch stets dort stehen gelassen, denn was interessierte mich eine Zusammenstellung von Songs, die ich ohnehin schon alle auf den zugehörigen Alben hatte? Gar nicht interessierte mich sowas. Einzig das Lied „Embryo“ kannte ich nicht, aber das dünkte mich nicht wert, eigens dafür diese CD zu erwerben.

Ich erwarb sie erst kürzlich, und natürlich nur wegen „Embryo“. Dieses Lied lernte ich erst durch Youtube kennen, wo ich mir Live-Darbietungen von Pink Floyd anschaute und -hörte. Dort tauchten eben auch Live-Versionen von „Embryo“ auf, offenbar aus den frühen 70er Jahren, aber eine Album-Version war mir nicht bekannt. Bis ich mich dieser „Works“-CD entsann, die ich immer verschmäht hatte. Also kaufte ich sie doch, und ich war enttäuscht. Denn die 4-Minuten-40-Studio-Version kommt bei weitem nicht an die 10-Minuten-Live-Jams heran, die bei Youtube kursieren:

Offenbar war dieser Song schon seit 1968 ein Dauerbrenner im Live-Set Pink Floyds gewesen, doch penetrant ließ man jegliche Gelegenheit verstreichen, ihn in irgendeiner Form auf einen Tonträger zu bannen. (Das stimmt nur bedingt. Harvest Records veröffentlichte „Embryo“ in der „Works“-Studioversion bereits 1970 auf dem Multi-Artist-Sampler „Picnic – A Breath of Fresh Air“, neben Songs von Deep Purple, Barclay James Harvest, Roy Harper und anderen.) Jedenfalls wäre die Live-Scheibe von „Ummagumma“ so eine Gelegenheit gewesen. Oder die „Relics“-Kompilation. Auch in Pompeji hätten sie’s spielen können. Aber nein. Offizielle Live-LPs waren bis hierhin, 1983, sowieso nicht Pink Floyds Sache gewesen. Außer der schon erwähnten Live-Scheibe von „Ummagumma“ gab die Diskographie nichts her. Den Pompeji-Film mußte man seinerzeit im Kino gesehen haben, ehe man ihn irgendwann physisch als DVD seiner Sammlung hinzufügen konnte, als Schallplatte wurde das ..naja.. „Konzert“ nicht veröffentlicht; und selbst „The Wall Live“ erschien erst im Jahre 2000 zum zwanzigjährigen Tour-Jubiläum. Was jedoch kursierte, waren Bootlegs. Und derer viele, wie die Fülle an Konzertmitschnitten auf Youtube zeigt. Um also die haptische Repräsentation einer Live-Darbietung von „Embryo“ in Händen halten zu können, mußte ich zu drastischen Mitteln greifen. Kunstpause, Spannungsaufbau. Ich kaufte eine Bootleg-CD.

Es ist eine Papphülle mit Papier-Inlay. Zwar steht Toshiba-EMI Limited drauf, inklusive EMI-Logo, doch bei Discogs ist der Handel dieser CD unterbunden, so verboten ist das! Enthalten ist ein Live-Mitschnitt von 1970, zu hören bekommt man „Green Is The Colour“, Careful With That Axe, Eugene“, „If“ und „Atom Heart Mother“, mit Bläser- und Chorbegleitung. Und eben „Embryo“:

Und weil ich grad dabei war, ersteigerte ich gleich noch eine Single-Zusammenstellung, weil ich ja noch nicht genügend Compilations mit ohnehin in meiner Sammlung befindlichen PF-Songs hatte. Auf der CD „The Pink Floyd – The Early Singles“ sind aber tatsächlich all jene Singles und B-Seiten enthalten, die auf den bisherigen Kompilationen so sträflich unbeachtet geblieben waren. Namentlich „Candy and a Current Bun“, „Apples and Oranges“, „It Would Be So Nice“ und „Point Me At The Sky“ sind hier erstmals auf CD erhältlich.

Ursprünglich war diese CD Teil des Box-Sets „Shine On“ von 1992, welches einige, aber nicht alle! Pink-Floyd-Alben bis zu diesem Zeitpunkt umfaßte. Wer sich sowas wieder ausgedacht hat! Die obige Single-Zusammenstellung ist quasi ein Extra-Gimmick in diesem Box-Set, und da ich sie einzeln kaufte, fehlt sie jetzt irgendjemandem. Einerlei. „Point Me At The Sky“ ist so early, daß es sogar noch nach den Beatles klingt:

Damit wollen wir es für heute bewenden lassen.


Weiße Weihnachten!

8. Februar 2021

Gerüchten zufolge soll es ja früher™, als alles besser war, wie etwa die Luftqualität im Ruhrgebiet und die Wasserqualität der Emscher, jedes Jahr zu Weihnachten geschneit haben. Meine Kindheit war offenbar nicht früher genug, denn meiner Erinnerung nach war das nur selten der Fall.
Aber jetzt, im Februar 2021, jetzt schneit’s. Und ein Blick in den Kühlschrank versicherte mich darin, daß noch ..äh.. Weihnachten ist. Gelobt sei die Vorratshaltung!


Mittelalterliche Schmiede 21325

25. Januar 2021

Jau, Lego stellte mir auf Vermittlung von 1000steines Chefdiplomaten Dirk ein Rezensionsexemplar der mittelalterlichen Schmiede 21325 zur Verfügung. „Mittelalterliche Schmiede“ – zu Ungarisch: „Középkori kovács“ – ist in der Tat der deutsche Name des Sets, der auf der Seitenlasche des Kartons vermerkt ist. Lego verteilt solche Freiexemplare selbstverständlich in der Erwartung, wohlwollende Besprechungen zu ernten, und dessen können sie sich auch bei diesem Set sicher sein, denn es ist, fürwahr, ein tolles Modell; was soll ich da groß drumrumreden. Im Prinzip ersonnen hat es Clemens Fiedler, und wäre sein Ideas-Vorschlag eins-zu-eins (1:1) übernommen worden, hätte es so ausgesehen: klick. Ein Bild des Originals ist vorne in der Bauanleitung abgedruckt, nebst dem Konterfei des Erbauers. Wie bei Ideas-Sets inzwischen gewohnt, wurde das Modell allerdings nicht 1:1 übernommen, sondern durch Legos eigene Designer Wes Talbot und Austin William Carlson, welchselbige ebenfalls in der Anleitung abgebildet sind, in eine Façon, Fassong, Fassung, also Form gebracht, die Legos selbstauferlegten Richtlinien zur Set-Gestaltung mehr entspricht als anarchisches AFOL-Rumgebaue ohne Beschränkungen in Formen, Farben, Bautechniken und nicht zuletzt einem Budget im Verhältnis zu einem verantwortbaren Verkaufspreis. An der Barracuda-Bucht 21322 kann man beispielhaft feststellen, daß nach Legos Überarbeitungsprozeß der Ideas-Idee vom ursprünglich eingereichten Fan-Entwurf nicht viel mehr übrig bleiben mag als der Grundgedanke. Und wurde das Piratenset in seiner Endfassung eine Hommage an die glorreichsten Tage des Themas in Legos Produkthistorie, so fügten Wes und Austin, die Lego-Designer, Clemens‘ Entwurf ebenfalls eine Dimension hinzu, von der dieser wohl nicht zu träumen gewagt hätte, so er davon überhaupt je geträumt hat. Denn wie ein weiteres Bild in der Bauanleitung zeigt, vollzog sich Clemens‘ Lego-Sozialisation wohl vornehmlich im gegenwärtigen Jahrtausend. Alles in allem ist das Set 21325 aber sehr viel näher am Fan-Entwurf, als es die Barracuda-Bucht ist.

Wenn Lego Rezensionsexemplare verschickt, dann nicht mit DPD, sondern mit der Bundespost (hätte ich jetzt fast gesagt, aber so mittelalterlich ist Lego ja dann doch nicht), also DHL. Und zwar direkt in einer Umverpackung, in der wohl auch Vertragshändler und Lego-Stores ihre Ware erhalten. Mit einem dezenten Hinweis, ab wann der Verkauf legoseits erwünscht und gestattet ist.

Keine Sorge, ich werd’s erst nach dem ersten Februar bei mir ins Regal stellen, bis dahin bleibt’s hier aufm Schreibtisch stehen. Und zwar dergestalt:

Wir befinden uns im finsteren Mittelalter, entsprechend schummerig ist die Illumination. Wobei… „Mittelalter“ ist natürlich eher eine poetische Umschreibung für eine romantisierte Phantasie-Vergangenheit, wie sie etwa auf den sogenannten Mittelaltermärkten heraufbeschworen wird, und wie sie das künstlerische Konzept annähernd jedes im Mittelalter angesiedelten Films oder Computerspiels dominiert; es ist dies ein Phänomen, das durchaus nicht unserer Zeit entspringt, sondern schon vor zweihundert Jahren die Epoche der Romantik prägte. Die Wartburg zum Beispiel wurde nach den Vorstellungen Goethes und Konsorten ihrerzeit in einen Zustand versetzt, der dem entsprach, wie man sich ein ideales Mittelalter vielleicht gewünscht hätte: Pittoresk und idyllisch. Romantisch eben. Und in bezug auf das vorliegende Set ist so eine Mittelalter-Vorstellung auch gar nicht schlimm, ist doch Lego immer noch irgendwie etwas, das mit Phantasie, Vorstellungskraft, in Verbindung gebracht wird. Und warum also nicht auch mit Fantasy? Legos Ritter-Serie war nie etwas anderes, wenn auch von den Anfängen 1978 bis zu *würg* „Nexo Knights“ 2016 die Skala von „realistisch“ über „phantastisch“ immer weiter zu „unrealistischer Bullenkack“ hin ausgereizt wurde. Beim vorliegenden Set bewegen wir uns nun wieder im Spektrum von realistischer Darstellung und Fantasy-Setting.

Und idyllisch ist das doch wohl allemal! Der große Baum, der im ursprünglichen Ideas-Entwurf neben dem Gebäude aufragte, wurde hier zu einem Apfelbäumchen verkrüppelt; der Weltuntergang kann also getrost kommen. (Ich bin schuldenfrei.) Erkennbar wurde sich bemüht, AFOL-gerechte Bautechniken zu verwenden und den Baum individuell zu gestalten. Der Charakter eines Apfelbaums wurde durchaus gut getroffen, allerdings ist mir so etwas persönlich bisweilen zuviel „Hauptsache, irgendwie anders gebaut“ für ein Lego-Set. Aber ja, hübsch ist es.
Am Baum hängt eine Zielscheibe, und eine grüngewandete Figur übt das Bogenschießen. Da muß ich natürlich ans Robin-Hood-Baumversteck 6054 denken, wenn es auch eine sehr vage Andeutung ist.

Das Gebäude ist rundum geschlossen. Auf der Rückseite lockert ein Erker die Fassade auf. (Heißt es auf der Rückseite auch „Fassade“?) Das ist niedlich und unterstreicht den romantischen Charakter. Clemens Fiedler stammt aus Hannover, also ist Einbeck nicht weit weg. Die Gestaltung des Gebäudes mit überbordetem Treppenaufgang, prominent außen angebrachtem Kamin, mit Dachgaube und Erker wurde vom Ideas-Beitrag ins fertige Set übernommen. Vollkommen zu Recht.

Der Vollständigkeit halber noch eine Draufsicht im Gegenlicht:

Im Mittelalter, um da mal nicht locker zu lassen, gab es in Weltgegenden, in denen derartige Gebäude heimisch gewesen wären, allerdings noch keine Kürbisse. Und Huskies vielleicht auch eher nicht. Petitessen.

Der Schmied ist dem Namen nach die Hauptperson in diesem Set. Früher waren Schmiede mal so verbreitet, wie es heutzutage Automatenspielhöllen und Apotheken sind. Umso erstaunlicher, daß Lego diesen Berufsstand stets eher halbherzig in seine Ritter-Serien integrierte. Klar, schon 1984 gab es als kleine Ergänzung fürs Burgenland die Schmiede 6040. Hier dengelt der Schmied verschämt an einem Wagenrad. Erst im Jahre 2011 greift Lego eigenständig das Thema wieder mit dem Set 6918 auf. Hier paßt der Meister nicht mal in eigener Person in sein Kabäus-chen, und Lego legt jede Zurückhaltung ab: Jetzt werden Waffen geschmiedet! Man sieht förmlich, wie die sprühenden Ideen der Set-Entwickler („Wir sollten eine Wassermühle bauen!“ „Wir sollten eine Schmiede bauen!“) zusammenbudgetiert wurden in dieses kleinste Set der Serie. Chance vertan!

Jedoch, wenn Lego es selbst nicht hinkriegt, dann dürfen die Fans ran. Und früher oder später bauen die dann eine ernstzunehmende Schmiede. Sehr früh sogar. Das allererste von einem Fan entworfene und in ein offizielles Lego-Set gegossene Set war vor fast zwanzig Jahren, 2002, Daniel Siskinds „Schmiedewerkstatt“ 3739. Diese war seinerzeit das beste Set aller Zeiten (bis dahin), weil sie den damaligen Set-Stil, der ja noch eher schlicht und naiv war, was ich nicht negativ verstanden wissen will, erweiterte zu einem richtigen Haus. Mit Bettchen für die zwei Minifigs.

Natürlich gibt es Parallelen. Beides sind Schmieden. Beide setzen Fachwerk auf ein gemauertes Erdgeschoß. Beide haben ein blaues Dach. Vielleicht hat die Siskind-Schmiede bei Clemens‘ Ideenfindung eine Rolle gespielt, vielleicht aber auch nicht. Die Unterschiede überwiegen.

Jedenfalls, der Schmied. Nennen wir ihn Tormund. Auch er schmiedet Waffen. Sein Zunftschild, bedruckt, wird er wohl auch selbst geschmiedet haben. Was er sonst noch für Pläne hat, wissen wir nicht.

Das Schmiedefeuer facht er über einen Blasebalg an, ernsthaft! Der Blasebalg drückt auf den Mechanismus des Lichtsteins, um das Feuer zum Glühen zu bringen. Exquisit!
Vor der Esse ist ein Abklingbecken angedeutet, worin der glühende Stahl abgekühlt und ausgehärtet wird. Die Designer scheinen sich also eingehend mit dem Schmiedehandwerk auseinandergesetzt zu haben.

Das Wasser fürs Becken holt Tormund aus seinem eigenen Brunnen. Dieser ist wiederum sehr idyllisch unterm Apfelbaum gelegen, was darüber hinwegtröstet, daß er durchaus noch etwas detaillierter hätte gestaltet werden können. Er ist zwar nicht sehr tief, kaum bis zur Tischplatte, aber eine Seilwinde könnte sich als hülfreich erweisen.
Im Hintergrund ist das Holzdepot unter dem Treppenaufgang zu erahnen. Dieses Holz mag für Schwertgriffe und Speerschäfte dienen, vielleicht auch zum Befeuern des Herdes, nicht jedoch für die Schmiedeesse, denn für Stahl braucht man Kohle, Subventionen hin oder her.

Und tatsächlich, im Innern der Werkstatt gibt es ein Kohlelager.
Die Tür zur Werkstatt ist fünf Steinbreiten hoch, der Durchgang ist allerdings nur gut vier Steinhöhen hoch. Im Mittelalter waren die Türen ja niedriger.
Auf dem Amboß wartet bereits ein glühendes Stück Roheisen darauf, in Form gehämmert zu werden.

Leider war in den letzten zwei Wochen nur für eine halbe Stunde die Sonne zu sehen, so daß meine Bilder nur funzelig beleuchtet sind. Wenn auch wahrscheinlich heller, als es das Innere der Werkstatt wäre, denn dem Schmied muß das Licht genügen, das durch die kleinen Fenster bricht.

Vielleicht kann man erahnen, daß Tormund nicht nur scharfe Klingen und Rüstungen schmiedet, sondern bisweilen auch Töpfe und Tiegel. Das Faß in der hinteren Ecke beinhaltet überdies eine Auswahl eiserner Stangen für den Hausgebrauch.

Seinen vollendeten Schwertern kann Tormund direkt den richtigen Schliff geben. Ein nettes Detail.

Doch genug von Tormund. Die Firma Lego legt erkennbar Wert darauf, zumindest in ihren Topsets das Personal ausgewogen zu rekrutieren, möglichst frei von Stereotypen. Wenn also hier der Schmied schon ein testosteronimprägnierter Vollbartträger ist und eine Hühne obendrein, der sich bücken muß, wenn er die Tür zu seiner Werkstatt durchschreitet, und eben keine Schmiedin, wie im Film „Ritter aus Leidenschaft„, dann muß es auch mindestens eine weibliche Figur geben, die als starke Persönlichkeit mit traditionellen Geschlechterrollen bricht. Mindestens eine. Hier haben wir also zum Beispiel eine Bogenschützin im grünen Wams.

Manchmal schlüpft Maid Marian aber dann doch in ihre Rolle als Frau Schmidt und gebietet über Haus und Herd.

Die Stube ist gemütlich eingerichtet. Auf Stühlen mit gedrechselten Beinen und Rückenlehnen liegen buntkarierte Kissen. Das ist sehr hübsch, aber vielleicht ein bißchen überdimensionierter, als es einem Lego-Set geziemt. Und die Stubentür ist hier sechs Steinbreiten hoch und dennoch zu klein für die Türöffnung. Das hätte man besser lösen können.

Heute gibt’s Kohlsuppe mit Möhreneinlage. Zum Schneiden des Gemüses stünden mehrere Schwerter oder ein schwarzes Metzgerbeil zur Verfügung. Neben dem schön gemauerten Herd finden wir das Butterfaß. Als Protegé der Waffenlobby lebt man gutsituiert.

Es sei mir ein persönlicher Exkurs in meine Kindheit erlaubt: Damals, in den späten 80er Jahren, hatte Mein Männchen™ auch immer die bestausgestattetste Wohnstätte, die man sich denken konnte. Selbstverständlich besaß er mein einziges braunes Faß, meine einzige Mistforke (an der keine Zinke abgebrochen war), mein einziges braunes Roß. Ähnlich schön haben es die Schmidts.

Das Wohnidyll setzt sich im Dachgeschoß fort. Im Kamin prasselt ein wärmendes Feuer. Das behagliche Bett mit gesteppter Tagesdecke lädt unter anderem zum Schlafen ein. 21325 ist ein „18+“-Set, denkt euch euern Teil. Die Erkernische füllt ein Schreibpult aus, denn der Handwerker oder die Bogenschützin von heute hat selbstverfreilich eine lyrische Ader. Märchenhaft mutet das Set in seiner Gesamtheit an, und ein Märchen fließt auch aus der blauen Feder. Daß diese Feder blau ist, ist vielleicht wohlüberlegt.
Beherrscht wird das Dachgeschoß durch das Fell eines selbsterlegten Bären.

Im Hintergrund ist überdies die simple aber clevere Technik erkennbar, mithilfe derer der Knick im Dach ins Werk gesetzt wurde: Knopfkupplungen. Überhaupt: Das Dach. Im Set ist es nicht gar so zerfurcht und schroff wie in Clemens‘ Ideas-Entwurf. Doch durch die Verwendung von Fünfeckfliesen (die ebenfalls Teil des Dachs im Originalentwurf waren) in blau, dunkelblau und schwarz sowie bemoostem statüegrün wird ein ähnlicher Effekt erzielt. Einige der überlappenden Schindeln sind bereits verwittert und müßten dringend ausgetauscht werden. Schön ist das vorgeklippste Giebelgebälk. Das Dach der seitlichen Gaube hätte eine Schindellage mehr vertragen können.



Die Bespielbarkeit der Dachkammer ist gewährleistet, indem das ..äh.. im Bild östliche (könnt ihr nicht wissen) Dach einfach ausgehängt wird. „Das ist doch kein Lego, wenn da nichts noppigerdings oder sonstwie verbunden ist!“ höre ich meckern. Papperlapapp, die Technik ist cool, und das lose Dachseitenteil hält auch allein durch die Schwerkraft ganz sicher.


Und was ist jetzt mit den Adlerrittern, die da oben in ihrem Pferdekarren um die Ecke biegen? Gemach. Zuerst muß ich den Karren abkanzeln. Der ist so schlecht, daß ich ihn nicht mal für würdig befand, gesondert photographiert zu werden. Oder ich hab’s einfach vergessen, aber schlecht ist er wirklich. Was am Dach noch eine gewitzte Bautechnik war, die Kuppelverbindung nämlich, zeigt hier die vollkommene Witzlosigkeit der Lego-Designer, wenn es um Pferdefuhrwerke geht: Die gekuppelte Deichsel an einem zweiachsigen Karren. Die Vorderachse ist wieder einmal nicht lenkbar, seit fast zwanzig Jahren geht das so. Was soll der Quatsch? Dafür gibt es von mir aus Prinzip Punktabzug. Zum Glück ist dieses Fuhr- und Machwerk ein zu vernachlässigender Teil des Sets, also fällt dieses Manko nicht allzu stark ins Gewicht. Das falbe Pferd ist entschuldigt; das ist schön.

Ach so, ja, die Adlerritter. Ja, zwei Adlerritter kommen zum Waffenkauf an der Schmiede vorbei. Oder zum Überfall. Oder als Ordnungshüter, die eine grünbewamste Wildfrevlerin festnehmen wollen. Der Spielmöglichkeiten sind viele.

Als Hommage an die beste Zeit des Ritter-Themas in Legos Produkthistorie bewillkommne ich diese Adlerritter natürlich aufs Herzlichste. Und, Überraschung, mindestens eine weibliche Hauptdarstellerin genügte nicht, darum ist einer der Adler eine Knäppin!

Die Geschichte der Adlerritter ist wechselvoll, aber lang. Reicht sie doch von 1984, als noch eine grünweiße Flagge über der kleinen Ritterburg 6073 wehte; über 1986, welch Jahr das Ritterschloß 6074 mit Adlerbanner und gelber Torbeflaggung sah; über 1992, da die Erzschelme und -rivalen des Löwenordens schon nicht mehr im Katalog vertreten waren, die Adler aber noch (in grauen Hosen, wie absurd!) gegen die schwarzen Drachenritter kämpften; bis ins Jahr 2002, da das Ritterschloß als „Legende“ 10039 neuaufgelegt wurde, mit leicht veränderten Wappen auf Brust und Fahne, dasselbe Jahr, das uns auch die erste Fan-Schmiede als Lego-Set brachte. Im Jahr 2010 gab es (in Amerika) einen Adlerritter-Kühlschrankmagneten, während ein geheimnisvoller schwarzer Ritter mit Adlerwappen das Turnier 10223 gewann. Fehldrucke des Brustwappens (Linksgucker (heraldisch Rechtsgucker), invertierte Farben) steckten sie bossgleich weg. Den undefinierten Piepmatz, den die Amerikaner „Black Falcon“ nennen, der für mich aber immer ein Adler war, wegen Bundesadler und Dortmunder Stadtwappen, und der sich auf 1000steine.de schon als Truthahn diffamieren lassen mußte (Zwinkersmiley), versuchte Lego mit der 10223-Version zu modernisieren, und jetzt, im Jahre 2021, ist er erwachsen geworden und stellt unmißverständlich einen Greifvogel dar. Für die Amis halt immer noch einen Falken, aber natürlich ist es ein Adler. Das wäre also geklärt. Auf farbige Umrandung der Schilde wurde verzichtet zugunsten blackfalconesken Schwarzes. Ich persönlich hätte mir eher die silbrigen Schulterpanzer und Helme der beiden jüngsten Sprosse des Ordens etwas dunkler gewünscht.

Wie dem auch sei. Die Adlerritter/:*_Innen sind hier nur das i-Tüpfelchen auf einem ohnehin sehr schönen Set. Der Detailierungsgrad steht dem der modularen Häuser in nichts nach, die Gestaltung ist farbenprächtig und doch ernsthaft-gedeckt. Das Dach auch. Die funktionalen Aspekte einer Schmiede sind ebenso wie die modularen Aspekte des Gebäudes wohldurchdacht und trickreich ausgeführt. Der Karren ist Mist, aber das Set hat Charme. Es macht Spaß, das Modell zu bauen, vier bis fünf Iron-Maiden-Alben sollte man währenddessen durchhören können. Daß auf der Bauanleitung die Setnummer zugunsten eines häßlichen QR-Codes weggelassen wurde: Ärgerlich, aber geschenkt. Und sollte es noch eines finalen Pluspunkts bedurft haben: Es sind keine (in Zahlen: 0) perlgoldene 1×1-Rundplättchen enthalten!

Ich möchte daher eine Empfehlung aussprechen. Mache ich auch: Abstand halten, Maske tragen, bei Gelegenheit impfen lassen, und diese „Mittelalterliche Schmiede“ bauen!

2164 Teile, 149,99€, erhältlich bei Lego ab dem 1. Februar 2021.


Dinner for one.

31. Dezember 2020

Nämlich mich.

2020: Viel Spökes mit dem Virus. (Es heißt „das Virus“ Aber es heißt ja auch „das Blog“, also was red‘ ich.)

Silvester: Ein zarter Duft nach Raclette und Fondue wabert durch die Straßen und Gassen. In anderen Jahren, in allen anderen Jahren zuvor, wurde er vom Gestank des Schwarzpulvers übertüncht.

2021: Weiterhin viel Spökes mit dem Virus.


Zurück in die Zukunft.

19. November 2020
Die Stimme der Vernunft. Ehrlich. Man muß sich bloß mal darauf einlassen und zwei Stunden in die Ansicht dieses Videos investieren.


Verschwörungstheorie.

5. November 2020

Der Begriff „Verschwörungstheorie“ ist sowieso falsch. Laien, also Menschen wie ich, denken häufig an die landläufige Dichotomie von „Theorie und Praxis“ und halten eine Theorie demzufolge für ein substanzloses Hirngespinst, für wildes Rumgerate ohne Anker in der dinglichen Wirklichkeit, im Kontrast eben zur Praxis, dem tatkräftigen Vollzug ebendieser Wirklichkeit. Hence, was in der so verstandenen „Theorie“ wohl klappen mag, scheitert an der erprobten Realität, der Praxis. Unter dieser Maßgabe ist der Laie, also ein Mensch wie ich, geneigt, jedwedes wilde Rumgerate als „Theorie“ zu bezeichnen. So neigt denn nachts um 2, wenn die Wirtin schon die letzte Runde ausgerufen hat, der Thekennachbar sein rotgeädertbenastes Haupt hinüber, läßt unter schweren Lidern die wässrigen in Alkohol schwimmenden Äuglein einen Ansprechpartner gleichwelchen Geschlechts (Hand aufs Herz: einen Mann) suchen, hebt, im Falle des Sucherfolgs, kurz innehaltend, die wahlweise rechte oder linke Hand, den Zeigefinger ausgestreckt, und äußert Laute, denen der Muttersprachler ungefähr diese Worte ablauschen kann, freilich erst nach einer weiteren Generalpause, sicherheitshalber gefolgt von einer zweiten, denn so eine Bedeutungsschwangerschaft erfordert ja eigentlich neun Monate der Vorbereitung, aber so käme man ja nie zum Punkt. Also:

„Hömma, ich, ich habe eine Theorie. Die Merkel, nä? Die Merkel, das is‘ ein Amphibienwesen. Nee, wattema, Rep… (Ein kurzes Aufstoßen scheint am Platze.) Reptilienweib. Also Wesen. Reptilienwesen. Weißte? Die Merkel ist ein Reptilienwesen. Das is‘ meine Theorie.“

Dann holt die Wirtin das Taxi, um den Besinnungslosen vor allen Dingen mal wegzufahren, bestenfalls zu dessen Wohnstatt. Den Deckel kann er anderntags bezahlen. Die Zeche für ein solches Theorie-Verständnis zahlen früher oder später wir alle.

Der Laie, also prinzipiell ein Mensch wie ich, hält es also für sinnvoll und nur gerecht, so eine „Theorie“ jeder anderen Theorie, zum Beispiel einer wissenschaftlichen, in jeder Hinsicht gleichzustellen. Wenn also die Wisschaft so etwas wie die Evolutionstheorie in den Ring wirft, sieht sich der Laie, der diese wissenschaftliche Theorie weder in Gänze gelesen, geschweige denn verstanden hat, selbstverständlich berechtigt, diese Theorie zu kontern, etwa mit der einzig anderen vorstellbaren Alternative zur Evolution: Gott hat die Dinosaurierknochen verbuddelt! Und er nennt’s Theorie und fordert die gleichberechtigte Lehre in Schule und Universität, und was halt noch so alles damit einhergeht. Denn wenn das ..äh.. wilde Rumgerate, welches die Wissenschaftler „Theorie“ nennen, (Die haben sich doch schon so oft geirrt und revidieren alle Naselang ihre Erkenntnisse! Was ist also von der sogenannten Wissenschaft überhaupt zu halten, na?) Auswirkungen auf gesellschaftliche Diskurse, die Gesetzgebung und all sowas hat, dann verlangt der Laie aber, daß sein eigenes wildes Rumgerate mindestens genauso Berücksichtigung findet im gesellschaftlichen Diskurs. Das wird man doch wohl noch mal sagen dürfen! Meinungsfreiheit!

In der Wissenschaft hingegen ist eine Theorie durchaus nicht das Ergebnis wilden Rumgerates. Vielmehr ist die Theorie das Ergebnis eines oft sehr langen wissenschaftlichen Prozesses. Am Anfang steht eine Beobachtung, vielleicht auch der Ausgang eines Experiments. Sicherheitshalber wird das Experiment wiederholt, wird noch mal genau hingeschaut. Kollegen werden gebeten, ebenfalls mal hinzugucken, ein ähnliches Experiment durchzuführen. Wenn das Ergebnis sich als reproduzierbar erweist, wird eine Einordnung vorgenommen: Wie paßt es mit den bekannten Axiomen, Theorien, Naturkonstanten und so weiter zusammen? Es wird eine Hypothese formuliert, und zielgerichtet werden abermals Bebachtungen vorgenommen, Experimente werden erdacht, die geeignet sind, das beobachtete Phänomen ad absurdum zu führen. Erweist sich das Phänomen weiterhin als nicht weg zu diskutieren, kann darüber nachgedacht werden, eine Theorie zu entwickeln. Diese muß wiederum mit den bekannten Axiomen und Naturgesetzen im Einklang stehen. Der Formulierung einer Theorie geht also eine ganze Menge Praxis voraus, die Theorie muß zu den Fakten passen, es werden nicht die Fakten so gewählt, daß sie zur Theorie passen. Die Theorie ist der Endpunkt eines langwierigen wissenschaftlichen Prozesses, keineswegs der Startpunkt in Form wilden Rumgerates.

Eine Verschwörungstheorie ist demnach in den seltensten Fällen eine Theorie im wissenschaftlichen Sinne. Nicht selten hat derjenige, der einer Verschwörungstheorie Glauben schenkt, sowieso schon ein irgendwie komisches Gefühl bei einer Sache, paßt etwas nicht mit seiner Sicht der Dinge zusammen. Und da ist es doch angenehm, wenn es eine „Theorie“ gibt, die das eigene komische Gefühl zu bestätigen scheint. Irgendwie läuft im eigenen Leben alles falsch, aber klar, die Merkel ist ja auch ein Reptilienwesen, das erklärt’s.

Dessen ungeachtet gibt es natürlich Verschwörungen. Jedes Kartell, das unerlaubte Preisabsprachen betreibt, ist eine Verschwörung. Jede Kriegsgrundherbeiführung, mit welcher dem Volk plausibel gemacht werden soll, daß doch aber die Polen den Sender Gleiwitz angegriffen haben, oder daß Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitze, geht auf eine Verschwörung zurück. Skepsis ist also nicht verkehrt. Aber Skepsis ist nicht, etwas, was einem nicht gefällt, gefühlsmäßig abzulehnen. Skepsis ist, etwas nicht ohne triftigen Grund, also bestenfalls nur auf Grundlage von Beweisen, zu glauben, wobei rationales Denken zielführender ist als unbestimmtes Bauchgefühl. In diesem Sinne bin ich, wiewohl natürlich wissenschaftlicher Laie, doch nicht unbedingt ein Mensch wie die, die so Thekentheorien aufstellen. Im Gegensatz zu denen bin ich ein Verstandesmensch. Das heißt nicht, daß ich viel davon habe, sondern lediglich, daß ich viel davon halte.

Trotzdem möchte ich eine kleine Verschwörungstheorie zum Besten geben, die ich mir gerade mal während des Tippens aus den Fingern sauge. Gestern hamse ja in den Vereinigten Staaten von Amerika einen neuen Präsidenten gewählt. Oder vorgestern, oder wann das halt war, Zeitverschiebung, Warterei, egal. Am Dienstag.

Damals, im März, als urplötzlich Corona über die Welt schwappte, huschte ein Lächeln über das vertrauenerweckende Antlitz eines der Berater Donald Trumps. Diese Leute sind ja nicht dumm. Um andere für dumm zu verkaufen, muß man selbst ja zumindest ein bißchen schlauer sein. Also, das Virus eroberte Land für Land, Menschen erkrankten, Menschen starben, viele, und die Maßnahmen, die in vielen Ländern ergriffen wurden, um der Seuche Herr zu werden, umfaßten vor allem: Mund und Nase bedecken und größtmöglichen Abstand zu anderen Menschen halten, im Grunde das sinnvolle Vorgehen, welches bei jeder Infektionskrankheit ratsam wäre, aber dieses Mal: Wirklich jetzt! Denn Covid-19 ist fieser als ein Schnupfen; sie heben ja nicht ohne Grund Massengräber in Spanien und Italien aus, was bei einer saisonalen Grippewelle sonst nicht geschieht.

Das kann den Verantwortlichen in Washington ja nicht verborgen geblieben sein. Dennoch taten sie sich mit der öffentlichen Anerkennung der Gefahr und somit mit dem Anordnen der sinnvollen Maßnahmen schwer. Wieso? Sie sahen im Hinblick auf den Wahlkampf eine Strategie heraufdämmern. So Wahlkampfstrategen kennen ihr Zielpublikum und das ihres Gegners ganz genau. Trumps Berater wissen natürlich, daß die Anhänger des demokratischen Bewerbers um die Präsidentschaft potenziell eher rational und wissenschaftlich denken als die Anhänger Donald Trumps, der ja in Auftreten und Person nichts weniger als den Intellekt anspricht.

Rational und sinnvoll ist es, während einer Virus-Epidemie Menschenansammlungen zu meiden, seine Atemwege mit einer Maske zu schützen, und auch am Wahltag möglichst nicht ins proppevolle Wahllokal zu stratzen, sondern schön geschützt seine Stimme per Briefwahl abzugeben. Und das war es, was dem vertrauenserweckenden Star-Spangled-Banner-Pin-am-Revers-Träger das Lächeln ins Gesicht zauberte: Da war sie, die Strategie!

Konsequent verharmloste das Trump-Lager die Gefahr, die von Corona (jaja, nicht das Bier) ausgeht, zogen ohne Rücksicht auf Verluste Wahlkampfveranstaltungen durch, die Spitzengestalten zeigten sich demonstrativ ohne Maske. Als Sahnehäubchen infizierte sich der Präsident, der Donald, der Trump, sogar mit diesem Virus, und er überstand offenbar mit Leichtigkeit eine Krankheit, die kaum so gefährlich wie eine leichte Erkältung schien. Ebenso konsequent forderte Trump seine Anhänger auf, am Wahltag gut amerikanisch ihre Stimme im Wahllokal abzugeben. Denn Briefwahlstimmen, und das ist der Punkt, könnten ja ach so leicht gefälscht werden! Vorsorglich kündigte Trump lange vor dem Wahltermin an, Briefwahlstimmen einfach nicht anzuerkennen und gegebenenfalls alle juristischen Mittel auszuschöpfen. Denn, so das Kalkül, vor allem Biden-Anhänger, diese wissenschafthörigen Toren, würden per Brief wählen, und wenn man diese Stimmen alle per juristischer Anfechtung eliminieren könnte, wäre das doch super! Natürlich würden ein paar hunderttausend Trump-Fans an Covid-19 verrecken, aber das sind ja Amerikaner. Und wenn ein Amerikaner im Dienste für seinen Führer stirbt, ist er ein Held, und mit der Aussicht auf Heldenruhm bekommt man sie im Zweifelsfalle alle.

Und genau so geschieht es jetzt: Trump legt, wie geplant, Widerspruch gegen die Auszählung von Briefwahlzetteln in den Battleground States ein.

tl/dr

Trump geht über Leichen. Seine Anhänger sind zu doof, das zu bemerken, oder zu skrupellos, daß es sie störte.