Eigentlich ganz simpel.

21. Juni 2017


Seit fast 20 Jahren …naja… laß sagen, seit 15 Jahren schwebt mir vor, meinen Lieblingsroman in Brick-Testament-Manier in Lego nachzubauen. Ein zum Scheitern verurteiltes Projekt, weil: Mein Projekt. Und ich krich ja den Arsch nicht hoch. Dabei habe ich es immerhin geschafft, Grimmelshausens „Abenteuerlichen Simplicissimus“ dreimal zu lesen, 720 frühneuhochdeutsche Seiten. Einmal im Rahmen eines Seminars an der Uni, inclusive Hausarbeit zum Thema, einmal als Vorbereitung auf die Zwischenprüfung, und dann noch mal für Spaß. Und obendrein las ich ohne Not auch noch die verwandten Werke „Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche“ (von Bertolt Brecht später als „Mutter Courage und ihre Kinder“ auf die Bühne gebracht) und den „Seltzamen Springinsfeld“, welcher recht eigentlich als Sequel zum „Simplicissimus“ betrachtet werden kann.

Die „Courasche“ ist leider arg zerfleddert, weil ich das Reclam-Bändchen eine Zeitlang in meiner Gesäßtasche mit mir trug, was töricht war, denn so übertrieben leicht zu bekommen sind diese Ausgaben gar nicht, handelt es sich doch eher um spezielle Literaturkost, die nicht jede Buchhandlung einfach so vorrätig hält. Nach wie vor erhältlich ist freilich der „Simplicissimus“. Immerhin ist es der erste große Roman von deutschlandweiter Weltgeltung, weshalb man ihn in der Klassiker-Abteilung einer „Meyerschen“ durchaus findet. Und bei dieser Gelegenheit wird man mit Bestürzen feststellen, daß das Klassiker-Regal dieser „Meyerschen“ ungefähr einmeterfuchzich breit ist, während für moderne Esoterik-Literatur eine ganze Etage reserviert ist und für pseudohistorische Frauenromane („Die Base des Bischofs“. „Die Nelkenumtopferin“. „Die Jäterin im Klostergarten“.) eigens angebaut wurde. Aber was soll’s, Hauptsache, die Leute lesen überhaupt noch irgendwas anderes als Twitter-Nachrichten und radikal-unempathische Facebook-Foren. Wie dem auch sei, auch ich fand in der Buchhandlung noch zwei Ausgaben des „Simplicissimus“, die ich einfach mal so haben wollte, ohne sie je tatsächlich zum Lesen benutzen zu wollen. Man kann ja nicht immer nur Lego sammeln.

Hier ist die rechte Ausgabe in historischer Orthographie und Interpunktion, während das Buch in der Mitte schlicht Reclams Edelausgabe des Buches links ist, welches mir fernerhin und wie gehabt als Leseexemplar dienen soll. Derartige Edelausgaben historisch bedeutsamer Werke der Literatur gab es vom Reclam-Verlag schon immer. Also mindestens seit den 1950er Jahren. In meines Vaters Bücherschrank fanden sich eine derartige Ausgabe des „Dil Ulenspiegel“ und von Sebastian Brants „Narrenschiff“. Leider keine des „Simplicissimus“, was eigentlich unverzeihlich ist, zumal mein Vater ansonsten die Weltliteratur quasi komplett hatte, Manesse, Insel und Reclam sei Dank.

Meine Lesebändchen-Ausgabe des Romans ist ziemlich eindeutig eine moderne Variante dieser 50er-Jahre-Prachtausgaben aus dem Reclam-Verlag. Und ich bin ja da so: Ich will den „Simplicissimus“ auch in so einer historischen Ausgabe haben! Ich will ich will ich will, aber is nich so einfach. Meine stichprobenartigen Recherchen bei Ebay bringen insofern Treffer, als ich mir sicher sein kann, daß es den Roman damals in einer solchen Ausgabe gab. Aber die angebotenen Exemplare sind alle arg mängelbehaftet, vor allem hinsichtlich des Schutzumschlags. Aber ohne den tu ich’s nicht.

So, und was hat das alles jetzt mit Lego zu tun? Nicht viel, leider. Weiter als bis zum Frontispiz bin ich nie gekommen.


Aller guten Dinge sind vier.

28. Mai 2017

Was war denn da los? Da komme ich abends von der Arbeit nach Hause, schalte den Livestream der ARD an und muß mir verwundert die Augen reiben: Borussia Dortmund hat den DFB-Pokal gewonnen! Nun hat Fränkie Mill… nee, wie heißt er gleich? Marco Reus. Nun hat er endlich seinen Titel. Meine Gratulation!

Und just heute vor 20 Jahren gewann der BVB den Europapokal der Landesmeister gegen Juventus Turin. Juve könnte zum Jubiläum diesen Triumph wiederholen, steht die alte Dame doch kommenden Samstag im Finale gegen Real Madrid. Borussia blieb der Verabredung zum Jubiläumsspiel ja leider fern, weil das Viertelfinale gegen den AS Monaco verloren wurde. Freilich wäre Dortmund den Turinern bereits im Halbfinale begegnet, also was soll’s. Derlei Gedankenspiele sind sowieso als sinnlose Überhöhung unzusammenhängender Ereignisse zu bewerten.

Nachtrag mit Klarstellung am 6. Juni 2017: Natürlich hat Juventus vor 20 Jahren das Finale verloren, weil der BVB dasselbe Finale ja gewann. Und genau das hat Juve am Samstag gegen Real Madrid auch wiederholt. Gewonnen hatten sie im Jahr zuvor, 1996.


Aller guten Dinge sind vier?

27. April 2017

Am Mittwoch ist der BVB zum vierten Mal in Folge ins Finale des DFB-Pokals eingezogen, als erste Mannschaft überhaupt. Diesen Rekord haben wir also für mindestens drei (oder vier?) Jahre sicher. Den Rekord für drei verlorene Pokalfinalniederlagen in Folge hatten wir ja schon letzte Saison aufgestellt. Und wettbewerbsübergreifend wird Borussia Dortmund somit zum sechsten Mal in Folge ein Finalspiel am Saisonende bestreiten; 2012 war es das gewonnene Pokalfinale, 2013 das verlorene Champions-League-Finale, und 2014/15/16 wurde jeweils das Pokalfinale verloren, zum Teil unter dubiosen Umständen, aber halt doch. Vor Jahresfrist unkte ich noch, daß ich mir für die nun laufende Saison eigentlich ein frühes Ausscheiden aus allen Wettbewerben wünschte, weil mir die ewigen Finalniederlagen auf den Sack gingen. Dieses Jahr verlieren wir dann also gegen Eintracht Frankfurt. Glückwunsch, SGE!

Und die Bayern? Die Bayern haben von den letzten sieben Pflichtspielen bloß eins gewonnen (und zwar ausgerechnet das Bundesligarückspiel gegen Dortmund), verbunden mit dem Ausscheiden aus zwei Wettbewerben. Das kann man durchaus als Krise bezeichnen, darüber kann nicht mal ein 8-Punkte-Vorsprung an der Tabellenspitze hinwegtäuschen, bei noch vier ausstehenden Spielen. Vielleicht entlassen Hoeneß und Rummenigge ja ihren Trainer auf der Meisterfeier. Lustig wär’s, zumindest für den Augenblick. Denn wie wir die Bayern kennen, werden sie diese schon jetzt für sie wertlose Saison nicht auf sich sitzen lassen und blutige Rache nehmen an allen, die ihnen mal wieder das ihnen doch eigentlich rechtmäßig zustehende Triple versaut haben. Aubameyang, Weigl und Dembelé werden also sehr bald „in München ein Thema“, vermutlich in der Woche vor dem Pokalfinale.

Dabei muß die Niederlage der Bayern doch an völlig außerweltlichen Faktoren liegen. Denn wie ist es zu erklären, daß sie es trotz 6 (sechs) Minuten Nachspielzeit nicht vermocht haben, das Spiel zu gewinnen oder zumindest in die Verlängerung zu zwingen, um diese dann zu gewinnen? Hallo, Gehörnter? Pakt aufgekündigt?

Ach so, eigentlich sollte ich mich ja über den Finaleinzug des BVB freuen. Tu ich auch irgendwie. Aber die Erfahrung hat mich mißtrauisch gemacht. Naja, olé!

Nachtrag am 30. Ma 2017:
Tja, da hatte ich so hämisch über den FC Bayern gespöttelt, daß die dortigen Bosse den Trainer wegen Nur-Gewinns der Meisterschaft entlassen würden. Und jetzt entlassen die Bosse meines Vereins (Anm. d. Red.: Borussia Dortmund) ihren Trainer. Trotz Pokalsiegs, trotz zweimaligen Erreichens der Champions League und über zwei Jahre sensationeller Punktausbeute in der Bundesliga. Aber wenn das Verhältnis zwischen den Protagonisten nicht vertauensvoll ist, dann isses das halt nicht, zumal das wohl nicht nur für die Führungsriege galt, sondern auch für Teile der Mannschaft. Also ist es wohl besser, wenn man sich sauber trennt, statt noch eine weitere Saison irgendwie scheel weiterzuwurschteln. Trotzdem finde ich es schade, denn irgendwie mag ich Thomas Tuchel.


A Redneck’s Dream.

24. März 2017

Da Gunther (Technix) just den Technic-Tractor 42054 gebaut hat und im Chat bei 1000steine.de von den großen Rädern schwärmte, dachte ich mir, daraus muß sich doch was machen lassen. Naja, irgendwas läßt sich ja immer machen. Im Prinzip ist es ein 4-breites Fahrzeug:


Nachtrag am 29sten März:

Auf vielfachen Wunsch (in einfacher Ausführung eines einzelnen Kommentierers, hallo Maik!) sei hier noch ein schlechtbelichtetes Bild hinterhergeschoben:

Das ganze Fuhrwerk wirkt absurd schmal. Aber da es sich ja um ein Auto in klassischer 4er-Breite handelt, sollte der Abstand zwischen den Rädern halt nur 2 Noppen betragen.


CD-Regal revisited: Anathema.

11. März 2017


Bannfluch!!!! heißt das. Ein Name, der jedenfalls einer Doom-Death-Goth-Metal-Band würdig ist.

Ungefähr im Jahre 1999 vertrieb ich mir die Zeit nach der Vorlesung bei meinem Freund Bernhard. Er, kulturbeflissener Geigenspieler und kurzhaariger Headbanger, der er ist, legte Musik auf. Musik! Schöne, kraftvolle, moll-gestimmte Musik. Es war dies das Album „alternative 4“ von Anathema. Ich kannte die Band nicht, war aber unmittelbar überzeugt. Es kann nicht lange gedauert haben, bis ich mir im Plattenladen das Album ebenfalls kaufte. Und dann noch eins. Und noch eins.

Gestern kam ich kaum ins Bett, weil ich mich bei Youtube durch Anathema-Videos hörte. In der Kommentarspalte unter einem der Videos sprach ein User davon, daß er gerade (also vor vier Jahren oder so, als das Video halt hochgeladen wurde) „binge hearing“ von Anathema-Songs betreibe. „Gute Idee“, dachte ich mir da, „mache ich ja im Prinzip auch gerade.“ Aber natürlich habe ich es nicht nötig, mich durch zufällige Videos zu klicken, die mir in der Vorschlagsspalte angeboten werden, sondern ich kann strukturierter vorgehen; mein Plattenschrank gibt’s her und mein Naturell erfordert’s.

Ich bin ja Sammler, falls das schon mal wem aufgefallen ist. Mit Musik verhält sich das kaum anders als mit Lego; prinzipiell strebe ich Komplettheit an. Zu meinem Glück muß ich allerdings nicht Erstveröffentlichungen auf Vinyl sammeln, sondern mir kommt es auf den Inhalt an. Die oberste CD im oben abgebildeten Stapel ist die auf einem Tonträger zusammengefaßte Wiederveröffentlichung zweier EPs: „The Crestfallen EP“ und „Pentecost III“, ursprünglich von 1992 und 1995. In Vor-Internet-Zeiten hätte ich mich in Fachmagazinen wie etwa der „Rock Hard“ informieren können, tat ich aber nicht. Vielmehr schaffte ich bei meinen Einkaufsgängen nach und nach in wahlloser Reihenfolge diejenigen CDs an, die ich halt noch nicht hatte, irgendwann dann eben auch diese Doppel-EP. Nun, da ich strukturiert vorgehe, lege ich sie also als erstes auf…

Weg, CD, einlegen, Booklet aus der Hülle nehmen, den dumpfen, schleppenden Klängen von jungen langhaarigen Death-Doom-Musikern lauschen.

Okaaay. Wie ich befürchtet hatte, der Hörgenuß ist getrübt. Zwar wird an diesem frühen Werk der Band bereits deutlich, daß die Jungs ihre Instrumente beherrschen und in der Lage sind, wohlgesetzte Harmonien zu erzeugen. Auch mit der Thematik der Texte und der depressiven Grundstimmung der Musik kann ich umgehen. Jedoch, der genretypische gutturale Sprechgesang, das Growling, den die Death-Doom-Szene sich als Stilmittel auserkiesen zu müssen meinte, schmeichelt nicht meinem Ohr. Sorry, ihr Todgeweihten, euch mag dieses Kernelement eurer Musik wichtig sein – mir nicht. Fangen wir zum Beispiel mal vorne an: …And I Lust


Gut, die ersten fünf Stücke auf der CD entsprechen der Crestfallen-EP, danach wird erst mal das Album „Serenades“ aufgelegt.

„Serenades“ ist das erste richtige Album von Anathema, Jahrgang 1993. Und wiewohl auch hier noch arg gegrowlt wird, zeichnet sich eine Tendenz zu klarerem Gesang hin ab. Das dritte Stück „J’ai Fait une Promesse“ wird gar mit glockenheller Mädchenstimme dargeboten. Musikalisch ist ebenfalls eine deutliche Entwicklung erkennbar, insofern der Sprechgesang weniger dominant ist und die Melodien in den Vordergrund treten. Den Anhängern der Szene gilt das Album wohl als Klassiker, mir nicht unbedingt, aber es ist hörbar. Den Schluß bildet eine Keyboard-Collage von pinkfloydesken Ausmaßen: 22 1/2 Minuten. Als Hörbeispiel empfehle ich jedoch der Tageszeit entsprechend Sleepless:


Zurück zur EP. Die Chronologie erfordert es, die zweite Hälfte zu hören, welche der „Pentecost III“ entspricht.

Natürlich ist der Gesang auch hier noch düsterer Sprechgesang aus tiefster Kehle, aber stilistisch schließt sich diese EP nahtlos an das vorangegangene Album an, und das ist gut. Für mich als Genrefremden ist die zweite Hälfte der CD jedenfalls eingängiger als der doch etwas schrammelige Beginn. Aber eigentlich liegen ja auch fast drei Jahre Entwicklung dazwischen. Kingdom:


So, EP raus und das zweite Album rein: The Silent Enigma.

Dieses Album wurde 1995 veröffentlich, und wie ich soeben recherchierte, hat der Sänger gewechselt: Statt des ausscheidenden Darren White übernahm Vincent Cavanagh. Nach meinem Dafürhalten war das kein Verlust. Der Stil ist nun eher dem Gothic Metal zuzuordnen, die Vocals würden von meiner Mama weiterhin nicht als Gesang anerkannt werden, haben aber immerhin nicht mehr den Hang zum Grunzen. Ich, der ich vom späteren Album „alternative 4“ ausging, erkenne in der Melodieführung und den Arrangements der Lieder aber schon den typischen Anathema-Stil, der mich zu Beginn so gefesselt hatte. Familie Cavanagh und Consorten sind Meister der melancholischen Melodiösität. Gleichzeitig schaffen sie es, durch Tempiwechsel und was weiß ich, was für musikalische Kabinettstückchen (ich bin so unmusikalisch, daß ich kaum als Banause tauge), die einzelnen Songs auch anspruchsvoll und interessant zu halten. Wiewohl also der Gesangsstil auf diesem Album noch nicht der von mir favorisierte ist, fallen für mich Melodien und Instrumentalisierung stärker ins Gewicht. Insbesondere eingedenk der pseudo-mythologischen Thematik klingt das Album, als sei es die Vertonung eines Gemäldes von Arnold Böcklin, wenn nicht gar Gustave Dorés. Als Höreindruck sei gegeben A Dying Wish:

Bereits ein Jahr nach „The Silent Enigma“ legten die Kreativbiester von Anathema „Eternity“ vor, also 1996. Vincent, der schon auf dem Vorgängeralbum den Gesangspart übernommen hatte, fühlte sich nun nicht mehr verpflichtet, deathmetalmäßig zu growlen, sondern sang klar. Vermutlich wandte sich manch Szenekundiger tiefenttäuscht ab, ich aber begrüße diesen Stilwechsel. Überdies erweiterten Anathema ihre musikalischen Ausdrucksmittel um das Piano; der Hörer wurde direkt in der Eröffnungssequenz mit Tastenklängen überrascht. Auch die Songstrukturen änderten sich: Waren vordem manche Lieder 8 bis 10 Minuten lang, zum Teil länger, so erreicht auf „Eternity“ kein Song die 6-Minuten-Marke. Dafür gehen die Lieder zum Teil ineinander über, und der Titeltrack ist sozusagen in drei Stücke aufgeteilt. Als besonderes Schmankerl darf Roy Harpers Wortbeitrag angesehen werden, mit dem er das Lied „Hope“ einleitet, welches wiederum Anathemas Coverversion von Roy Harpers gleichnamigen Song ist. Und da Harper zudem ein Pink-Floyd-Intimus ist, der 20 Jahre zuvor auf „Wish You Were Here“ mitspielte, schließt sich auch dieser Bogen, denn ein gewisser Pink-Floyd-Einfluß ist dem gesamten Album nicht abzusprechen. Das alles war mir damals, als ich mich erstmals in Anathema einhörte, natürlich nicht bewußt. Mein Zugang zu Anathema vollzog sich ungefähr über den selben Zeitraum, in dem ich mir auch Pink Floyd erschloß, aber durchaus unabhängig von einander. Mein Musikgeschmack ist also vielleicht doch nicht so divergent, wie ich dachte, oder zumindest in diesen beiden Zweigen sehr konsistent. Vielleicht hängt auch bloß alles mit allem zusammen, ’ne liegende 8, Eternity:

Nun also 1998, nun also „Alternative 4“. Wie meine Recherche ergab, geht der Albumtitel auf „Alternative 3“ zurück, eine Pseudo-Dokumentation des britischen Fernsehens in der Tradition von Orson Welles’ „The War of the Worlds“: Es ist nicht so, wie es scheint. Freilich stehen weitere Deutungsmöglichkeiten zur Verfügung. Anathema stammen aus Liverpool. Wer sonst stammt aus Liverpool? Richtig, die „Fab Four“! Vielleicht sind Vincent und Danny Cavanagh, Duncan Patterson und Shaun Steels als Line-up auf diesem Album ja die „Alternative Four“, hm? Außerdem handelt es sich hier um das vierte Album der Band. Wie auch immer. Das Album ist deutlich geprägt von atmosphärischen Passagen und dem Willen zum Experiment; neben zum Teil programmierten Drum-Sequenzen kommt eine Geige zum Einsatz. Die Grundstimmung ist gewohnt düster, die Songs handeln von widersprüchlichen Gefühlen, Unsicherheit, innerer Leere und Zerrissenheit. Themen, die weit über das klassische Death-Doom-Sujet hinausgehen, und schon lange nicht mehr ins Gewand dieses Genres gehüllt sind. Vielmehr schlägt Anathema den Weg in Richtung Progressive Metal oder Alternative Rock ein. Die einst so depressiven Jungs haben sich weiterentwickelt, es blieb die Melancholie als alles verbindendene Klammer. Ob man „Alternative 4“ darob schon als Konzeptalbum bezeichnen kann, weiß ich nicht, hielte das aber auch nicht für allzu weit hergeholt. Genuß ohne Reue, Regret:

Es ist 1999, und Anathema drucken neue Visitenkarten: Auf dem fünften Album „Judgement“ prangt das Band-Logo erstmals nicht in der gewohnten Romantic-Death-Metal-Optik. Diese vorletzte Verbindungsfaser zur längst fremden Vergangenheit wäre also gekappt. Die letzte Verbindung ist freilich der Name, aber den ändert man ja nicht so leichthin. Stilistisch läßt sich das Album wiederum als Alternative/Progressive Rock/Metal einordnen. Wenn man es denn überhaupt der Mühe wert erachtet, die Musik dieser Band zu kategorisieren. Sowieso habe ich den Eindruck, daß bisweilen die Bezeichnungen „Rock“ oder „Metal“ vor allem zugeschrieben werden, weil eine Band ihre Wurzeln in diesen Genres hatte, ohne aber nun überhaupt noch viel damit zu tun zu haben. Aber meinetwegen, sofern sie zum Einsatz kommen, sind die Drums satt und die Gitarren prägnant, nennen wir es Metal. Daß Anathema aus dem Tongeschlecht derer von Moll stammen, sollte inzwischen klargeworden sein. Und dieses Mal haben die Gebrüder Cavanagh, Herz und Hirn der Band, auch echten Grund zur Trauer, denn ihre Mutter Helen ist gestorben; ihr sind das Album und der Song One Last Goodbye gewidmet:


So. Erstmal zwischenspeichern und ins Bett gehen. Hatte ich ernsthaft geglaubt, an einem Abend mal eben zwölf einstündige Alben durchhören und nebenbei einen Blogbeitrag schreiben zu können? Naivling!
[Mehrere Stunden später]
Weiter geht’s. Zwischendurch wechselte das Millennium, wir schreiben das Jahr 2001, die Sonne scheint, a fine day to exit.

Zufällig ist das auch der Titel des sechsten Anathema-Albums. Dieses mußte man zwar weiterhin in der Hard-n-Heavy-Metal-Abteilung des Plattenladens suchen, besser aufgehoben wäre es aber zum Beispiel neben Radiohead, so denn die alphabetische Sortierung solches zuließe, denn mit Metal hat das alles nichts mehr zu tun. Was freilich nicht bedeutet, daß die Musiker ihr Stimmungstief überwunden hätten, im Gegenteil. Die innere Zerrissenheit bleibt, die Texte handeln von verschiedenen psychischen Stresszuständen und dem möglichen Umgang mit diesen. Der Titel und die Gestaltung des Titelbildes lassen keinen Zweifel: Selbstmord wird in Betracht gezogen. Musikalisch dominieren ruhige Moll-Töne, bisweilen abgelöst von eher getriebenen Passagen. Mein Windows-Media-Player möchte das Album unter „Pop“ einsortieren; so weit würde ich nicht gehen. Als Höreindruck Leave No Trace:

Das Jahr 2003 sieht „a natural disaster“, mithin das siebte Album von Anathema. Die Gebrüder Vincent und Danny Cavenagh haben hier ihren Bruder Jamie zurück ins Boot geholt, und der Trend geht mit druckvolleren Drums und prägnanteren Gitarren wieder etwas zum Metal (was sogar mein Media-Palyer anerkennt). Das Booklet stellt die Songtexte als eine fortlaufenden Textur dar, was gut zum Aufbau des Albums paßt, wo die Lieder einen fast nahtlosen Klangteppich bilden. Traurig sind die Jungs immer noch, und sie verstehen es, diese Stimmung durch die Musik zu transportieren. Bei wem das Lied „Flying“ keinen Klos im Hals erzeugt, der hat keinen Hals!

Dann kam längere Zeit nichts, bis 2008 das Album „Hindsight“ erschien. Es ist dies freilich kein wirklich neues Album, sondern eine Zusammenstellung älterer Lieder von vorherigen Alben in neuem Arrangement. Da bei MTV ja keine Musik mehr läuft, mußte die Band sich ihr Unplugged-Album selbst zusammenstellen. Üblicherweise vermeide ich Best-of- und Komplilations-Platten, weil ich das alles ja schon auf den eigentlichen Alben habe, aber durch die akkustischen Neueinspielungen wurden es hier fast neue Lieder. Das ist auch alles sehr schön, aber. Beim Durchhören muß ich feststellen, daß mich die neue Gestalt der Songs eher irritiert. Hier covert die Band zwar ihr eigenes Material, aber der Effekt ist – zumindest für mich – derselbe: Ich ziehe das Original vor. Das einzige neue Stück auf der Platte ist Unchained (Tales of the Unexpected):

„We’re here because we’re here“, jubelten Anathema schließlich im Jahre 2010. Die langjährige Background- und Gastsängerin Lee Douglas wurde endlich als unverzichtbarer Bestandteil offizielles Bandmitglied, und das scheint den Jungs gutgetan zu haben. Die düstere Stimmung ist verflogen, das Album klingt geradezu lebensbejahend. Nein, streiche „geradezu“, es ist lebensbejahend. „Suddenly / Life has new meaning / Suddenly / Feeling is being“, heißt es im Song „Dreaming Light“. Sehr schön! Brauchen wir uns also einstweilen keine Sorgen zu machen. Sogar der Mensch, der auf „A Fine Day To Exit“ ins Wasser gegangen war, scheint hier der alles verschlingenden See wieder entstiegen zu sein. Summernight Horizon:

Anathema haben über Jahre atmosphärisch dichte Klänge erzeugt. In der Atmosphäre entsteht das Wetter, und das 2012er Album „Weather Systems“ trägt somit den passenden Namen. Einige Songs sind auch nach Wetterphänomenen benannt, was aber natürlich vor allem metaphorisch zu verstehen ist; inhaltlich geht es um die Stellung des Menschen in der Welt. Die Band-Mitglieder scheinen 20 Jahre nach ihrer düsteren Death-Doom-Phase nun endlich angekommen zu sein und Ruhe gefunden zu haben, doch auf dem Wege dahin wurden sie von den Stürmen des Lebens zerzaust. Dies findet seinen Widerhall in den Liedern dieses Albums, die teils lieblich dahinsäuseln, teils eine Wucht entfalten wie eine Klopstock-Ode. (Siehe das Paralipomenon zu diesem Blogbeitrag: Klopstock.) Als Beispiel sei genannt The Storm before the Calm:

Und schließlich und endlich, 2014, erschien das vorerst letzte Anathema-Album: „Distant Satellites“. Per aspera ad astra! Geboren in der Doom-Hölle, allen Unbilden des Lebens zum Trotz bis ans Meer vorgekämpft, kurz abgetaucht, erfrischt dem Ozean entstiegen und in atmosphärische Höhen aufgestiegen, das waren Anathema bis hierhin. Nun also greifen sie nach den Sternen. Der Vergleich mit Pink Floyd wurde ja oft bemüht, traf auch häufig ins Schwarze, wurde vielleicht ebenso häufig überstrapaziert. Aber jedenfalls zählten Pink Floyd seinerzeit zur Space-Rock-Fraktion innerhalb des Psychedelic Rock. Sphärische Klänge sollten den Hörer gleichsam schwerelos auf einem Klangteppich schweben lassen. Nun also schießen Anathema einen Satelliten hoch, und an spärischen Klängen mangelt es ebenfalls nicht. Der Kreis schließt sich also. Aber hm, der Kreis schließt sich. Langsam wird’s selbstreferentiell, der sechste Song auf dem Album heißt sogar „Anathema“. Der Kreis schließt sich. Die elegischen Loops und sphärischen Passagen haben inzwischen eine Intensität erreicht, welche die Songstrukturen in bloßen Klang aufzulösen droht. Fehlte mir zu Beginn der Anathema-Reise der Zugang zum schrammeligen Doom-Gegrunze, so entgleitet mir am Ende das Interesse an den hochfeinen Space-Klängen. Vielleicht bin ich nach 12 Stunden des Dauerhörens (mit Schlafpause) aber auch bloß akut übersättigt. Jedenfalls: Anathema

Die Hörbeispiele sind fremdeingebunden und sollen lediglich einen Eindruck vermitteln. Ich empfehle selbstverständlich den Kauf der Tonträger.

Nachtrag am 27sten März 2017:
Gerade erfuhr ich, daß Anathema am 9ten Juni dieses Jahres ein neues Album veröffentlichen werden. „The Optimist“ wird es heißen. Einen Höreindruck gibt es ebenfalls schon: Springfield


Ressourcenverschwendung.

24. Februar 2017

Lego ist ja eine Firma. Ab und an muß man sich das wieder ins Gedächtnis rufen, weil man als Fan und Sammler vielleicht das Gefühl dafür verliert, daß Lego eben kein treuer Freund seit Kindheit an ist. Nein, Lego will verdienen, auch an mir, und das sollen sie ja auch. Um ordentlich Rendite zu erwirtschaften, hält Lego seine Kosten möglichst gering, zum Beispiel, indem Produktionsabläufe nach China verlagert werden, offenbar unter Inkaufnahme von unausweichlichen Plagiaten; aber darum soll es hier gar nicht gehen. Denn die wichtigere Stellschraube an der Geldpresse ist vermutlich: Der Kunde! Der Kunde soll möglichst viel Lego kaufen, und zwar zu möglichst hohen Preisen. Lego testet die Belastbarkeit des Gewindes an dieser Stellschraube seit Jahren beharrlich aus, indem die Schraube kontinuierlich angezogen wird. Die hochpreisigen Sets werden immer größer und dementsprechend immer hochpreisiger. Wenn ich mich nicht irre, ist das teuerste aktuell erhältliche Set der Todesstern 75159 für 500 Euro. Fünfhundert Euro! Das sind gut und gerne 1000 D-Mark. Tausend. So einen Preis aufzurufen, hätte sich Lego früher™ nicht getraut. Aber da sie ja die Preisschraube peu à peu angezogen haben, kamen sie zu der Erkenntnis: Der Kunde kauft.

Aber nun gut, die teuren Sets kaufen vielleicht nur Menschen, die es sich leisten können. (Klammer auf: Guter Witz. Als ob der Wohlstandsbürger an und für sich am Ende des Kontostandes auch seine Begehrlichkeiten runterregulieren würde. Gibt doch Ratenzahlung! Ich bin gespannt, wann Lego dergleichen auch anbietet. Klammer zu.) Fieser sind die kleinpreisigen Dinge, mit denen Lego ans Taschengeld der Kernkundschaft will, mithin ans Geld der Kinder. Seit einigen Jahren gibt es im Programm regelmäßig Serien, die aufs Sammeln von gewissen Gegenständen ausgelegt sind, seien es Schwerter in gewissen Farben bei Ninjago, oder seien es verschiedenfarbige Mondsteine bei den Monsterjägern oder Schlüssel in der Elfen-Welt und was dergleichen Dinge mehr sind. Die begehrlichsten Stücke befinden sich natürlich im jeweils größten und teuersten Set der Serie. Doch das genügt Lego nicht. Da muß doch noch mehr Geld zu holen sein! Ist es auch. Sammelkartenspiele sind das Geheimnis der Kinderschröpfung, der Nachfolger der Panini-Sammelbildchen. Für kleines Geld pro Einheit kaufen die lieben Kleinen ganz viele Einheiten, und so wird aus kleinem Geld großes Geld. Auf diese Idee ist Lego natürlich nicht selbst gekommen, sondern das Konzept existiert seit Beginn der 1990er Jahre mit „Magic: The Gathering“, und bekannt sind vor allem „Pokemon“ und „Yu-Gi-Oh“, aber auch jegliches andere Franchise braucht heutzutage solche Sammelkartenspiele. Lego hat derzeit mindestens Ninjago-Sammelkarten und Nexo-Knights-Sammelkarten im Umlauf. Das Problem für Lego ist freilich, daß dieser Krempel in Zusammenarbeit mit Fremdfirmen hergestellt und vertrieben wird, also der Gewinn geteilt werden muß. Aber zum Glück für Lego stellt man ja selbst Dinge her, die klein und sammelfähig sind, zum Beispiel Sammelminifiguren.

Seit dem Jahr 2010 bringt Lego also Sammelminifiguren heraus, anfangs zum kleinen Preis von – laß mich nicht lügen – ich glaube 2 Euro pro Tütchen. Inzwischen kosten sie 4 Euro pro Tütchen. Und es gibt auch nicht mehr bloß zwei Serien pro Jahr, sondern mindestens drei, und wenn es Figuren mit Lizenz sind, auch gerne mal 18 oder 20 verschiedene pro Serie, statt, wie sonst üblich, 16. Da man von außen nicht ins Tütchen hineingucken kann, soll man sie eigentlich blind kaufen. Das hätte für Lego den Vorteil, daß der Sammler im Zweifelsfall sehr viel mehr als 16 oder 20 Tütchen kaufen muß, um tatsächlich jede Figur mindestens einmal zu ergattern, weil bei Blindkäufen natürlich viele Doppel- und Mehrfachkäufe dabeisind. Zu Legos Pech sind wir aber nicht doof, sondern können mit ein bißchen Fingerfertigkeit den Inhalt der Tütchen ertasten. In your Face, Lego!

Eigentlich könnte es Lego ja gleichgültig sein, ob eine einzelne Person bloß die erforderlichen 16 (oder 20) Tütchen kauft, oder ob sie etliche ungewollte Doubletten anhäuft, denn am Ende sind diese Tütchen eh immer ausverkauft, Lego hat sein Geld also bekommen. Aber Lego ist das nicht egal. Lego legt es darauf an, den Kunden in die Frustration zu treiben. Im Online-Shop darf man nämlich nur 16 (oder 20) Tütchen kaufen, hat also nur eine sehr geringe Chance, auf einen Schlag alle 16 (oder *gähn* 20) verschiedene Figuren zu erhaschen. Wo liegt denn da der Sinn?

Und dieses Jahr hat Lego dann noch ein Schüppchen draufgelegt. Es gibt nämlich Nexo-Power-Schilde im Sammeltütchen.

Diese Schilde kann man selbstverständlich nicht durch die Tüte erkennen, da sie sich ja nur im Aufdruck unterscheiden. Jackpot! „Can you collect them all?“ fragt Lego noch harmlos, und die Antwort lautet: „Klar, ist nur eine Frage des Geldes.“ Für 4 Euro pro Tütchen bekommt man immerhin zehn Lego-Teile, darunter fünf Schildaufsätze in garantiert fünf verschiedenen Farben. Idealerweise kauft man also sieben solcher Tütchen und hat dann alle 35 verschiedenen Motive. Die Wahrscheinlichkeit, daß das eintrifft, dürfte freilich gen Null tendieren. Ich selbst war blöd genug, zwölf solcher Tütchen zu kaufen, und am Ende fehlten noch fünf Motive, die ich dann via Bricklink beschaffte. Was ich vielleicht gleich hätte tun sollen, woll?
Da es Lego ja darauf ankommt, den Kunden möglichst zu frustrieren, sind überdies fünf dieser Schilde nicht einmal exklusiv in den Sammeltütchen enthalten, sondern kommen auch in anderen Sets der Serie vor, sind also im Prinzip Nieten.
Diese Schilde habe ich jetzt also doppelt (oder dreifach). Für einige hätte ich sicher auch anderweitig Verwendung, für andere hingegen nicht.

Und hier kommt jetzt langsam der Beitragstitel ins Spiel. Denn für das verschwendete Geld hätte ich ja auch Dinge kaufen können, die ich nötiger ..äh.. brauche. Also andere Lego-Sets zum Beispiel. Ist ja nicht so, als wollte ich der Firma meine Kaufkraft vorenthalten, keineswegs. Es wäre bloß sinnvoller, diese Kaufkraft auf Gewünschtes fokussieren zu können, statt sie auf Unnötiges – es gibt kein anderes Wort dafür – zu verschwenden. Dabei sind solche „erzwungenenen“ Mehrfachkäufe noch nicht mal das Schlimmste, denn immerhin bekomme ich für das Geld noch Lego. Viel Schlimmer ist es, wenn Lego die Sammler zwingt, sich die Objekte irgendwo in Übersee zu beschaffen, weil sie auf dem heimischen Markt gar nicht angeboten werden. Und jaja, ihr Klugscheißer, niemand zwingt mich, das zu tun. Ich muß kein Lego kaufen, und ich muß auch nicht alles haben. Aber ich bzw. der Sammler will halt, und Lego weiß das natürlich auch und legt es darauf an. Sinnvoll ist das nicht. Denn wenn ich beispielsweise für ein schlichtes Polybag im 5-Dollar-Bereich erstens einen „Sammlerpreis“ von 30 Dollar zahlen muß, dazu Porto aus den USA, gegebenenfalls Zoll und Einfuhrumsatzsteuer, welche das teure Porto ebenfalls umfaßt, dann habe ich statt dieser 5 Dollar, die es mich bei normaler Erhältlichkeit gekostet hätte, eben 40 oder mehr Euro bezahlt. Und das sind 35 oder mehr Euro, die ich eben nicht in Produkte der Firma Lego investieren konnte, von denen die Firma also keinen Cent sieht. Das kann doch nicht in Legos Sinne sein?