Transzodiac.

23. November 2018

Folgendes Gespräch hatten wir kürzlich die Gelegenheit, aufzuzeichnen:

Herr X, Sie beschreiben sich selbst als transzodiac. Was verstehen Sie darunter?

X: Also erstmal vorweg: Ich bezeichne mich nicht als transzodiac, sondern ich bin transzodiac.

Bitte erläutern Sie kurz, was Sie darunter verstehen.

X: Kurz gesagt, ich identifiziere mich nicht mit dem Sternzeichen, unter dem ich geboren wurde.

Aha? Unter welchem Sternzeichen wurden Sie denn geboren?

X: Das möchte ich eigentlich nicht näher erörtern, denn dieses Leben habe ich hinter mir gelassen. Ich identifiziere mich als Libra.

Das ist das Sternzeichen Waage, richtig?

X: Richtig.

Sie wurden aber nicht unter dem Sternzeichen Waage geboren, wenn ich das richtig verstanden habe? Wie kann es denn sein, daß jemand unter einem – ich nenne es mal – falschen Sternzeichen geboren wird? Ist für die Zuordnung des Sternzeichens nicht der Zeitpunkt der Geburt ausschlaggebend?

X: Im Allgemeinen schon. Allerdings spielen da ganz verschiedene Faktoren eine Rolle. Ausgehend vom Zeitpunkt und dem Ort der Geburt haben die Konstellation der Gestirne im Tierkreis, der Aszendent, der Stand von Mond, Sonne und den Planeten, sowie die Position jeglicher anderer Himmelskörper Einfluß auf das eigentliche Sternzeichen des Neugeborenen.

Und all dies zusammengenommen ergibt für sie ein Sternzeichen, welches nicht mit ihrem offiziellen Sternzeichen übereinstimmt.

X: So kann man es sagen, ja.

Wie haben Sie festgestellt, daß Sie transzodiac sind?

X: Schon seit langem hatte ich den Eindruck, ein falsches Leben zu führen.

Damit dürften Sie keineswegs alleine dastehen. Wenn ich also diesbezüglich um einige Beispiele zur Veranschaulichung bitten dürfte…

X: Die Umstände meines Lebens stimmten auffällig oft nicht mit den Vorhersagen des Horoskops überein; geschäftliche Entwicklungen nahmen einen anderen Verlauf, Krankheiten stellten sich ohne Vorwarnung ein, und ähnliches. Und die Wahl meiner Lebenspartner gestaltete sich ungewöhnlich schwierig, obwohl ihre charakterlichen Merkmale gut zu meinem offiziellen Sternzeichen hätten passen sollen. Im Zuge dessen wurde mir bisweilen angedeutet, daß meine eigenen Wesenszüge in eklatantem Widerspruch stünden zu den Merkmalen, die gemäß dem mir zugewiesenen Sternzeichen erwartbar wären. Man selbst hat ja oft eine eingeschränkte Sicht auf sich selbst, also bedurfte es der Perspektive von außen, um mich auf diese Widersprüche aufmerksam zu machen. So wurde ich schließlich mißtrauisch und begann zu recherchieren. Sie können sich mein Erschrecken vorstellen, als ich schließlich erkannte, daß ich mein bisheriges Leben unter einem falschen Sternzeichen geführt hatte!

Ich versuche gerade, es mir vorzustellen, allerdings fällt es mir, offen gestanden, nicht leicht.

X: Wo liegen Ihre Schierigkeiten?

Meine Schwierigkeit besteht vor allem darin, zu erkennen, wo das Sternzeichen tatsächlich einen Einfluß auf unser alltägliches Leben hat.

X: Aber das habe ich doch gerade versucht, Ihnen zu erläutern!

Sie meinen, das Horoskop stimmte nicht?

X: Zum Beispiel. Was meinen Sie, was das für eine Unsicherheit mit sich bringt. Nichts scheint so, wie es sein sollte. Alle Entscheidungen sind unwägbar. Das Verhältnis zu den Mitmenschen ist von der ständigen Furcht überschattet, falsche Einschätzungen vorgenommen zu haben. Und nicht zuletzt ist da der Zweifel an der eigenen Identität. Ein fürchterlicher Zustand, der mich direkt in die Depression trieb.

Weil Sie glaubten, ein, beispielsweise, Skorpion zu sein, aber eigentlich sind Sie Waage?

X: Na sicher! Und was meinen Sie, was ich für Schwierigkeiten beim Einwohnermeldeamt hatte.

Beim Einwohnermeldeamt?

X: Ja.

Was hat denn das Einwohnermeldeamt damit zu tun?

X: Na, ich sprach natürlich dort vor, um mein Geburtsdatum meinem Sternzeichen anzupassen!

Das geht?

X: Einfach ist es nicht. Die Schalterbeamtin wußte zunächst gar nicht, was ich von ihr wollte.

Das ist bei Behörden ja nicht grundsätzlich ungewöhnlich.

X: Ja, aber sie nahm mich sichtlich nicht ernst, lachte mir offen ins Gesicht. Es schien für Fälle wie meinen nicht einmal ein Formblatt zu geben! Da zeigt sich doch das Dilemma in nuce: Das Problem ins Lächerliche zu ziehen, ist Ausdruck der mangelnden Anerkennung, und mangelnde Anerkennung, ja Leugnung, ist der Kern der Diskriminierung. Und es ist strukturelle Diskriminierung, wie sich daran zeigt, daß die Behörden der Bundesrepublik Deutschland nicht auf Probleme wie meine vorbereitet sind und augenscheinlich nicht einmal ein Interesse daran haben, zur Lösung beizutragen.

Fühlen Sie sich verfolgt?

X: Na, wie würden Sie das denn wohl nennen?

Das kommt darauf an, unter welchen Repressionen Sie zu leiden haben.

X: Wollen Sie etwa den Status des Verfolgtseins von der Qualität und Intensität der Repressalien abhängig machen?

Nicht?

X: Ich bin Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Das Grundgesetz sichert mir das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit zu. Gleichzeitig werde ich von Amtsträgern der Bundesrepublik an meiner Persönlichkeitsentfaltung gehindert, indem man mir die Änderung des Geburtsdatums verweigert. Was muß denn noch geschehen, um als diskriminiert zu gelten?

Das Verfahren ist also noch schwebend?

X: Ach, Verfahren. Es gibt kein Verfahren! Man hielt ja kein Formblatt vorrätig, um eine Änderung des Geburtsdatums zu beantragen, und ohne Formular geht ja mal gar nichts. Typisch deutsch, der Amtsschimmel wiehert! Ich sag’s ja: Strukturelle Diskriminierung in Vollendung, und das im einundzwanzigsten Jahrhundert! Man sollte meinen, daß wir solche Auswüchse staatlicher Willkür längst hinter uns gelassen hätten.

Ich habe gerade den Eindruck, daß Sie sich etwas zu sehr hineinsteigern…

X: Ach? Ich steigere mich also hinein, ja? Ich bin also auch noch selbst schuld, meinen Sie das? Ich habe schon gemerkt, daß Sie zu den Zweiflern zählen. Sie sind Teil des Systems! Menschen wie Sie sind es, die unsereinem das Leben zur Hölle machen! Menschen wie Sie sind es, die hinter unserem Rücken tuscheln und lachen und sich an unserer Qual weiden. Und nach vorne raus geben Sie sich jovial und interessiert und tun so, als stünden Sie auf der Seite der Unterdrückten. Widerlich, ganz ekelhaft! Mit Journalisten wie Ihnen ist es ja kein Wunder, daß die Demokratie in diesem Lande zum Teufel geht. Was sind Sie, Krebs?

Nö.

X: Wassermann?

Auch nicht.

X: Ach, lecken Sie mich doch am Arsch! [Dreht sich um, geht.]

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CD-Regal revisited: Pink Floyd (3)

14. November 2018

Da ich nach „The Wall“ und „Dark Side of the Moon“ keinerlei Anhaltspunkte mehr hatte, griff ich beim nächsten Trip zum Plattenladen (Was in meinem Fall heißt: Geschäft, welches CDs führt.) wahllos ins Fach mit den Pink-Floyd-Scheiben. Es war also Zufall, daß ich das Debut-Album herauszog, zumal alle CDs im Fach unabhängig vom tatsächlichen Erscheinungsdatum der Alben ℗ 1994 waren, weil Pink Floyd zu jener Zeit ihren Katalog einem Re-Mastering unterwarfen. Nicht, daß ich damals gewußt hätte, was das bedeutet. Oder daß ich das heute so ganz genau wüßte. Jedenfalls erscheint es opportun, im folgenden chronologisch vorzugehen, denn die Reihenfolge meiner Anschaffungen ist im Mittelteil kaum mehr zu rekonstruieren.

Wie alles begann

Syd Barrett war in Cambridge ein Schulfreund von Roger Waters und spielte in seiner Freizeit mit David Gilmour Gitarre. Nach dem Abi, oder wie das in England auch heißen mag, zog es die Jungs nach London, wo Syd sich an der Kunsthochschule einschrieb und Roger Waters Architektur studierte. Dessen Kommilitonen waren unter anderem Nick Mason und Richard Wright, mit denen er in Bands unter wechselnden Namen spielte, ehe schließlich 1965 selbviert mit Syd Barrett die Band „The Pink Floyd Sound“ entstand. Der Name geht zurück auf Syds favorisierte Blues-Musiker Pink Anderson und Floyd Council, wiewohl ich meine obige Lego-Darstellung der Namensfindung auch plausibel finde, denn die Band spielte nach anfänglichen Blues- und Jazz-Interpretationen schließlich psychedelischen Rock, und das nicht ohne Drogeneinfluß. Durch intensive Live-Auftritte machte sich die Band in Londons Musikszene rasch einen Namen, und ab 1966 war sie die Hausband des UFO-Clubs. Mit „Arnold Lane“ und „See Emily Play“ wurden in März und Juni 1967 zwei erste Singles veröffentlicht, ehe im August das Debut-Album „The Piper at the Gates of Dawn“ in die Läden kam. Auf diesem Album sind die beiden Lieder der ersten Single und der A-Seiten-Titel der zweiten Single nicht enthalten; so war das früher. Zu den Singles kommen wir aber aus Gründen später. Übrigens war der „Sound“ inzwischen aus dem Band-Namen gestrichen worden, weil der Hörer ja nicht eigens darauf hingewiesen werden mußte, daß da was klang.

The Piper at the Gates of Dawn

Der Titel des Albums geht auf eine Kapitelüberschrift im Kinderbuch „Der Wind in den Weiden“ zurück, von dem sich Syd Barrett inspiriert sah. Er war schon bei den vorab veröffentlichten Singles der Hauptsongschreiber gewesen, und auch dieses Album trägt seine Handschrift sowohl hinsichtlich der Texte, die er schrieb und sang, als auch der Melodien, die er komponierte und als Gitarrist zu Gehör brachte. Zehn der elf Stücke sind nach damaligem, an den Beatles orientierten Geschmack eher kurze, zwischen 2:11 und 4:26 Minuten lange Popsongs, doch mit „Interstellar Overdrive“ eröffnet ein fast 10-minütiges Instrumentalstück die B-Seite. Da auch die A-Seite mit einem weltraumthematischen Stück, „Astronomy Domine“, beginnt und der sphärisch-psychedelische Klang auch durch die Songs „Lucifer Sam“ und „Pow R. Toc H.“ wabert, kann das Abum als prominentes Beispiel für das Subgenre Space Rock gelten. Gleichzeitig wartet „Pow R. Toc H.“ aber auch mit einem Jazz-artigen Klavierpart und hiphop-mäßigen Stimmeffekten, dargeboten von Syd Barrett, auf. Wenn das nicht progressiv ist! Da weiß ich gar nicht, was ich als Hörbeispiel einbinden soll.
Versuchen wir’s mal mit „Lucifer Sam“, das auch einem Tarantino-Soundtrack gut zu Gehör stehen würde:

Nach „Dark Side of the Moon“ und „The Wall“ bemerkte ich damals, ca. 1998, durchaus, daß dieses Album anders klang. Anders, aber auch gut; ich war ja unvoreingenommen und Neuem gegenüber offen. Den Begriff „Psychedelic Rock“ kannte ich da noch gar nicht, und dennoch war mein Interesse geweckt.

The Pink Floyd, wie sich ja damals nannten, machten unterdessen weiter Musik und legten noch im selben Jahr, immer noch 1967, eine weitere Single nach, welche die Songs „Apples and Oranges“ als A- und „Paint Box“ als B-Seite enthielt, aber kommerziell weniger erfolgreich war als die vorherigen Scheiben. Im April 1968 folgte als Überbrückung bis zur Veröffentlichung des zweiten Albums eine weitere Single, weil es die Gesetze des Schallplattenmarktes in den 60er Jahren so wollten. „It Would Be So Nice“ mit der B-Seite „Julia Dream“ kam ohne die Mitwirkung von Syd Barrett zustande, stattdessen ist David Gilmour zu hören. Wie konnte das sein?
Wie oben beiläufig erwähnt, spielten Drogen eine Rolle, und Syd experimentierte gerne damit. Offenbar vertrug er psychoaktive Substanzen aber weniger gut als seine Bandkollegen, die auch keine Kinder von Traurigkeit gewesen sein dürften. Er veränderte sich, wurde lethargisch, unzuverlässig. Auf der Bühne war er bisweilen ein Totalausfall, stand nur herum, spielte seine Gitarre nicht, sang irgendwas oder gar nichts. Daher wurde Syds Freund David Gilmour, den Roger Waters ja auch kannte, gebeten, bei Konzerten als zweiter Gitarrist zur Unterstützung Syds mitzuspielen, was dazu führte, daß David mit zunehmender Abwesenheit des etatmäßigen Bandleaders bald zum ersten und alleinigen Gitarristen wurde und auch die Gesangsparts von Barrett übernahm. Irgendwann traten Pink Floyd dann ganz ohne Syd auf, benachrichtigten ihn nicht einmal mehr über Auftrittstermine. An den Arbeiten zum zweiten Longplayer nahm er aber noch teil, so daß Pink Floyd für kurze Zeit eine fünfköpfige Combo war.

A Saucerful of Secrets

Auch auf diesem Album vom April 1968 sind die vorab veröffentlichten Singles nicht enthalten. Bedingt durch die psychischen Probleme des vormaligen Hauptsongschreibers wird „A Soucerful of Secrets“ nicht von diesem dominiert, vielmehr befindet sich nur ein Stück Barretts auf dem Album. Mindestens zwei Songs aus seiner Feder wurden zwar aufgenommen, blieben aber bis heute unveröffentlicht im Giftschrank der Band, weil sie die anderen Mitglieder für die Öffentlichkeit unzumutbar deuchten.
So traurig der Zusammenbruch Syds auch war, den anderen eröffnete er die Gelegenheit, ihr eigenes kreatives Potential zur Geltung zu bringen. Neben Syd konnte so vor allem Roger Waters mit vier, aber auch Rick Wright mit drei Nennungen Writing-Credits ergattern. Das fast zwölf Minuten lange Titelstück, von Experimentierfreude geprägt, trägt gar die Namen von allen vier Mitgliedern, wobei David Gilmour das vierte ist, denn Syd Barrett war da schon offiziell aus der Band entlassen.
So kann es nicht wundernehmen, daß die Gesamttonlage des Albums weniger poppig ist als auf dem Vorgänger. Dem psychedelischen Space-Sound blieb die Band aber treu, namentlich bei den Songs „Let there be More Light“ und „Set the Controls for the Heart of the Sun“, welches hier als Höreindruck dienen soll:

Daß man sich gezwungen sah, Syd Barrett aus der Band zu feuern, ging den verbliebenen Mitgliedern und dem ihn ersetzenden David Gilmour lange nach, denn immerhin war Syd nicht nur der kreative Kopf der Gruppe, sondern ein Freund und ein netter Kerl. Aber abgesehen davon, daß eine gedeihliche Arbeit mit ihm schlicht nicht mehr möglich war, waren weder die Jungs in der Lage, mit der Situation angemessen umzugehen, noch stand professionelle psychologische und psychiatrische Unterstützung zur Verfügung. Und so hing das Schicksal Syd Barretts fürderhin wie eine Nemesis über dem weiteren Schaffen von Pink Floyd. Die Band kompensierte ihr schlechtes Gewissen unterdessen mit Auftritten und Aufnahmen; schon im Dezember 1968 folgte die nächste Album-unabhängige Single „Point Me at the Sky“ mit der B-Seite „Careful with that Axe, Eugene“. Aber zu den Singles kommen wir, wie gesagt, später. Zum Teil sehr viel später.

„Music from the Film More“ und „Zabriskie Point“.

Im Jahre 1969 waren The Pink Floyd nicht mehr nur in der Londoner Clubszene ein Begriff, sondern durchaus weltweit bekannt, wenngleich sie auch noch keine Superstars waren. Dieser Status brachte es mit sich, daß sie einerseits interessant geworden waren für Filmproduzenten, gleichzeitig aber auch noch nicht reich genug, um Auftragsarbeiten abzulehnen. Im Jahre 1969 wurden sie daher von Barbet Schroeder (ein Männername!) beauftragt, die Musik für sein Regiedebüt „More“ zu schreiben, einem Drogendrama vor dem Hintergrund der Hippie-Bewegung. Dreizehn der im Film verwendeten Stücke wurden als Soundtrack-Album veröffentlicht, durch die bauartbedingte Höchstspieldauer einer Langspielplatte mußten weitere Songs unter den Tisch fallen; diese wurden erst 2017 im Rahmen einer Gesamtretrospektive veröffentlicht, liegen mir aber nicht vor. Dafür liegt mir zusätzlich zur CD auch eine LP-Version vor, die im Unterschied zur CD „Soundtrack from the Film More“ heißt.

Zunächst war ich seinerzeit, immer noch Ende der 90er, von diesem Album enttäuscht, da ich inzwischen anderes von Pink Floyd gewohnt war. Ihrer Bestimmung als Soundtrack gemäß enthält die Platte vermehrt kürzere Instrumentalstücke, die ohne störenden Gesang Szenen im Film musikalisch untermalen. Anders als bei einem normalen Album geht es auch nicht darum, die Grundstimmung des Albums aufrechtzuerhalten und durchzuziehen, sondern die Musik reagiert auf die situationsbedingt wechselnden Stimmungen im Film. Daher bietet „More“ zum einen lyrische Passagen wie „Cirrus Minor“ und „Cymbaline“ zum andern aber auch rockige Stücke wie „Ibiza Bar“ oder „The Nile Song“, welcher geradezu als Hardrock-Song zu bezeichnen ist. Bei nochmaligem Anhören und eingedenk ihrer Funktion vermag die Scheibe durchaus zu gefallen. Zur Abwechslung sei daher mal der „Nile Song“ zu Gehör gebracht:

Auch Michelangelo Antonioni („Blow Up“) sicherte sich die Dienste Pink Floyds für den Soundtrack zu seinem Film „Zabriskie Point“. Allerdings sollte PF hier nicht in Eigenregie den kompletten Score füllen, sondern mußte sich den Platz unter anderem mit The Greatful Dead teilen. Auf der Sondtrack-LP sind drei Songs von Pink Floyd enthalten, von denen einer eine modifizierte Neueinspielung von „Careful with that Axe, Eugene“ ist.

Als CD besitze ich diesen Soundtrack gar nicht, da ich aus dem Umstand, daß es sich um eine Kompilation mit mehreren Bands handelt, irgendwie nie eine erhöhte Mußichhabenhaftigkeit abgeleitet habe. Die LP hätte ich auch nicht, wäre sie mir nicht beiläufig im Gebraucht-CD-Laden (mit Platten-Keller) in die Hände gefallen; da ließ ich sie natürlich nicht stehen. Vielleicht sollte ich doch mal die Augen offenhalten. Als Höreindruck bis dahin erstmal „Crumbling Land“:

Bereits zuvor hatte Pink Floyd Musik zu Soundtracks beigesteuert. 1968 eine Live-Aufnahme von „Interstellar Overdrive“ für „San Francisco“, und ebenfalls 1968 eigens geschriebene Musik für den Film „The Committee“. Aber das kennt ja alles niemand. Nein, ich auch nicht. Ich hab’s auch gerade erst im Zuge meiner Recherchen gelesen.


CD-Regal revisited: Pink Floyd (2)

5. Oktober 2018

Mein erster Eindruck von Pink Floyds Musik war dermaßen günstig, daß ich sehr bald der CD-Abteilung von Saturn einen weiteren Besuch abstattete, um Nachschub zu besorgen. Nach wie vor war mein Wissen um die Band begrenzt, hatte ich doch zu jenem Zeitpunkt noch keinen Zugang zum Internet. Jedoch lief damals eine Fernsehserie mit Dirk Bach, „Lukas“, die ich selten schaute, weil ich generell selten fernsehe. Bin kurzsichtig. Mindestens eine Folge sah ich allerdings, und ausgerechnet da legte Dirk Bach alias Lukas das Album „Dark Side of the Moon“ auf, weil dies seinen Angaben zufolge das perfekte Kiffer-Album sei. Nun war ich zwar nie Kiffer (Ernsthaft. Nie.), aber durch diese Lukas-Episode kannte ich nun ein zweites Album von Pink Floyd, und genau das erwarb ich dann bei nächster Gelegenheit.

Dark Side of the Moon.

So steht es auf dem Rücken der CD, auf dem Titelbild fehlt jeglicher Schriftzug. Es zeigt einzig vor schwarzem Hintergrund einen Lichtstrahl, der durch ein Prisma in die Farben des Regenbogens gespalten wird. Dieses Cover ist eine Ikone der Cover-Kunst, und das Motiv begegnet einem in der ursprünglichen oder abgewandelten Form all überall in der wirklichen und virtuellen Welt, vornehmlich auf T-Shirts, getragen von Menschen, denen man nicht unbedingt angesehen hätte, daß sie auf Pink Floyd stehen. Aber so ungewöhnlich ist das gar nicht, gehört die Platte doch zu den erfolgreichsten und meistverkauften der vergangenen 50 Jahre; selbst Homer Simpson nannte ein Exemplar des Albums sein eigen. Angeblich kamen die hohen Verkaufszahlen allerdings dadurch zustande, daß audiophile Zeitgenossen dieses perfekt produzierte Werk dazu benutzten, ihre Plattenspieler zu justieren, und gegebenenfalls ein Ersatzexemplar beschafften, um stets makellosen Klang garantieren zu können. Ich hingegen legte stumpf die CD in mein schon erwähntes CD-Radio und scherte mich nicht um bestmöglichen Klang.

Es beginnt mit Herzschlag und anderen Soundeffekten und Gesprächsschnippseln, welche ins erste Lied „Breathe“ übergehen, welches in ein Instrumentalstück übergeht, welches ins nächste Lied übergeht, und das hatte ich schon mal gehört. Das hat jeder schon mal gehört! Wannimmer in einem Fernseh- oder Radiobeitrag ein Bezug zum Verlauf der Zeit hervorgehoben werden soll, erklingt entweder das Weckerklingel-Intro des Songs „Time“, oder im Hintergrund läuft der Gesangspart. Das Ende des Tracks von „Time“ ist als eigenes Lied ausgewiesen, „Breathe Reprise“, und geht schließlich über ins nächste Stück „The Great Gig in the Sky“, welches wiederum ein Instrumental ist, sofern man die ekstatische Stimme von Clare Torry als Instrument begreift.
Daß nach dem Verklingen der letzten Töne von „The Great Gig in the Sky“ früher mal die Schallplatte umgedreht werden mußte, merkt man daran, daß der Track nicht nahtlos ins nächste Lied übergeht. Und auch dieses Lied hatte ich schon mal gehört, weil jeder das schon mal gehört hat. Wannimmer in einem Fernseh- oder Radiobeitrag übers große Geld gesprochen wird und mal nicht auf ABBA zurückgegriffen werden soll, erklingt das Registrierkassen-Intro von „Money“. Selbst wenn DSOTM nicht bis heute ein Verkaufsschlager wäre, könnten die Bandmitglieder wahrscheinlich gut von den Tantiemen leben, die ihnen allein aus der Nutzung von „Money“ zufließen. Nachfolgend gehen die Songs wiederum ineinander über. Es folgen „Us and Them“, das Instrumentalstück „Any Colour You Like“, „Brain Damage“, welches sozusagen der Titeltrack des Albums ist, da er die Worte „dark side of the moon“ enthält, und es endet mit „Eclipse“, das wiederum mit Herzklopfen endet, womit das Album wieder am Beginn angelangt wäre.
Da die Single-Auskopplungen „Time“ und „Money“ eh allseits bekannt sein dürften, sei an dieser Stelle mal „Us and Them“ verlinkt. Dick Parry ist hier als Ergänzung zur Band am Saxophon zu hören:

Ob das alles ein passender Soundtrack zum Kiffen ist, vermag ich nicht zu beurteilen; ich kann das auch bei klarem Kopf schönfinden. Auch bei dieser Platte handelt es sich um ein Konzeptalbum, wenn auch vielleicht nicht so augen- oder ohrenfällig wie bei „The Wall“. Beschrieben wird das Leben eines Menschen, der durch verschiedene Aspekte der modernen Welt in Mitleidenschaft gezogen wird, bis es eben zum „Brain Damage“ kommt. Der Herzschlag, der an Beginn und Ende zu hören ist und sich symbolisch durch das ganze Album zieht, wird in der aufklappbaren Plattenhülle durch den grünen Streifen des Regenbogens als Oszillogramm dargestellt:

1973 ist der Titel der Scheibe übrigens noch „The Dark Side of the Moon“ (Hervorhebung von mir), und das Prisma ist nicht massiv ausgefüllt:

Außerdem lagen der Schallplatte zwei Poster bei, deren eines die Pyramiden von Gizeh in blauer Nacht zeigt, was ich oben als Lego-Illustration nachzuempfinden versuchte. (Bei der Gelegenheit merkte ich, daß mein Vorrat an blauen 2×4-Steinen begrenzt ist und die vorhandenen zum Teil starke Vergilbung aufweisen, aber das nur am Rande.) Nach Anhören dieses Albums war mir jedenfalls umgehend klar, daß das nicht mein letztes Album von Pink Floyd gewesen sein konnte.


CD-Regal revisited: Pink Floyd.

30. September 2018

Ich habe ja nie einen Hehl daraus gemacht, daß ich nicht nur Pink-Floyd-Fan bin, sondern mich sogar so bezeichnen würde, was nicht für alles gilt, wofür ich sympathisches Interesse hege. Aber wie konnte es dazu kommen? In meinem Elternhause jedenfalls lernte ich nicht, ein Ohr zu entwickeln für moderne Spielarten der Tonkunst; da war bei Tschaikowski Schluß, was den Inhalt des Plattenschranks angeht, und es begann bei Schütz, Händel, Bach. Trotzdem schwang „Pink Floyd“ natürlich irgendwie im kulturellen Hintergrundrauschen mit, ohne daß ich dem Begriff konkret Musik hätte zuordnen können. Ein visueller Eindruck zumindest stellte sich spätestens 1994 ein, als in der „ADAC-Motorwelt“ das Golf-Sondermodell „Pink Floyd“ beworben wurde nebst Hinweisen darauf, daß Volkswagen in Deutschland die Konzerte jener Band präsentierte. Oder so.

An meinem letzten Schultag vor den Abiturprüfungen schließlich, mit Abistreich und Musikbeschallung in verdunkelter Pausenhalle, legte der DJ neben dem unvermeidlichen „School’s Out“ von Alice Cooper auch ein Lied auf, welches ich schon zuvor mal gehört hatte, und welches die Zeilen enthielt „We don’t need no education / We don’t need no thought control“, und ich frug einfach mal, wer das sänge? Aha, Pink Floyd. Weiter konnte ich mich nicht damit beschäftigen, denn ich mußte die letzte Gelegenheit nutzen, doch endlich mal zu schwänzen. Ich entfernte mich also von der Schule, um durch die Fahrprüfung zu fallen. Was ich dann auch tat.

Nach dem Abi spülte mir der Zivildienst nie zuvor gekannte Geldsummen aufs Konto, satte 13 D-Mark am Tag! Ausgerüstet mit derartigem Reichtum konnte ich ohne Reue bei Saturn nach CDs stöbern, wo mir eines Tages tatsächlich ein Album als Nice-Price-Angebot in die Hände fiel:

The Wall

Ein Doppelalbum für 15 D-Mark, doch gab es keine Titelliste auf der Rückseite. Aber wenn das einzige mir bekannte Pink-Floyd-Lied „Another Brick in the Wall“ nicht auf dem Album „The Wall“ vertreten war, wo dann? Ich ging also das Risiko ein und nahm die CD mit. Kaufenderdings; nicht daß hier noch der Eindruck entsteht, ich würde der Liste meiner Schandtaten neben Schuleschwänzen nun etwa auch noch Ladendiebstahl hinzufügen, nee, nee.

Unbeleckt von jeglichem Vorwissen legte ich daheim Disc 1 in mein CD-Radio, um mir mit schlechtem Klang ein vermutlich bis ins Kleinste ausgetüfteltes High-Fi-Sound-Erlebnis zu geben, aber ich wußte es ja nicht besser und konnte auch nicht anders. Die Musik jedenfalls überzeugte mich fast unmittelbar. Die Mischung aus schönen Harmonien und Brachialität bot mir just die Interessanz, für die ich empfänglich war, und das bereits, ohne daß ich mich näher mit den Texten und dem alles umfassenden Konzept auseinandergesetzt hätte. Daß es sich um ein Konzeptalbum handelt, bekam ich indes schnell spitz. Auf das ouvertürenhafte „In The Flesh?“, welches das Publikum auf die zu erwartende Show vorbereitet, folgt auf der ersten Scheibe über alle Lieder verteilt der Abriß des Werdegangs eines jungen Mannes, unter besonderer Berücksichtigung aller Faktoren, die zu seinen späteren Psychosen führen: Die dominante Mutter, der Verlust des Vaters im Krieg, die eigenen Erlebnisse im Bombenhagel, die seelenlosen, grausamen Lehrer in der Erziehungsanstalt, die verkorkste Pubertät und die treulose Freundin, sowie allgemein die betonierte Gesellschaft. All dies sind Ziegel in der Mauer, mit der sich Pink – so wird der Protagonist im Lied „In the Flesh“ bezeichnet, was somit das Album als irgendwie autobiographisch ausweist – umgeben fühlt, und welche mit jeder Begebenheit weiter in die Höhe wächst, bis er emotional komplett abgeschottet ist. Als Höreindruck soll nun nicht „Another Brick In The Wall“ dienen, welches als wiederkehrendes Motiv auf der ersten Disc in drei Teile aufgesplittet ist, sondern „Young Lust“:

(„The Wall“ erschien 1979, drei Jahre zuvor hatten bereits Black Sabbath „Dirty Women“ besungen, aber das tut hier nichts zur Sache.)
Die zweite Scheibe stellt zunächst Pinks Seelenzustand in der Isolation dar. Er fühlt sich einsam und der Welt nicht weiter zugehörig, betäubt sich mit Fernsehen und Drogen, was er freilich abstreitet, und entwickelt als Folge der rigiden Erziehung, die, da er hinter seiner Mauer sitzt, nun nicht mehr durch äußere Eindrücke korrigiert werden kann, ein faschistisches Weltbild, fühlt sich gehetzt und wartet eigentlich bloß noch auf den Tod. Schließlich imaginiert er nach einem Zwischenfazit, welches die Publikumsansprache der Ouvertüre wieder aufgreift, eine Art jüngstes Gericht, freilich nicht unter dem Vorsitz Gottes, sondern von Richter Wurm, da Leichen nun mal von Würmern zerfressen werden, mit der Anklage, Gefühle von beinahe menschlicher Natur zu haben. Das Urteil lautet: Öffentliche Zurschaustellung, also weg mit der Mauer!
Als Anspieltipps böte sich hier so manches an, das längste Stück der Platte, „Comfortably Numb“, das getriebene „Run Like Hell“ oder auch das operettenartige „The Trial“, aber mir hat es „Hey You“ angetan:

Was ich damals, 1996 oder 1997, alles noch gar nicht wußte:
„The Wall“ ist in der Tat irgendwie autobiographisch, insofern Roger Waters, der Bassist und Hauptsongschreiber jener Tage, hier die Traumata seiner eigene Kindheit aufarbeitet. Auf der vorausgegangenen Tour hatte er an sich selbst Verhaltensweisen bemerkt, die ihm ganz und gar nicht behagten, was ihm die Idee zu diesem Konzeptalbum gab. Die anderen Bandmitglieder waren am kreativen Prozeß nur marginal beteiligt, einzig David Gilmour konnte mit „Comfortably Numb“ ein wahres Highlight aufs Album schmuggeln. Pianist Richard Wright wurde sogar nach Abschluß der Studioaufnahmen aus der Band gefeuert, da er sich mit Roger Waters so gar nicht mehr verstand, ironischerweise jedoch für die folgenden Live-Darbietungen als bezahlter Bühnenmusiker wieder engagiert.

Diese Bühnen-Show war das Aufwendigste (mit e!), was seit barocken Opernaufführungen vor Publikum zelebriert wurde. Quer über die Bühne wurde während der Show eine Mauer aus Pappquadern gebaut, auf diese Mauer wurden von Gerald Scarfe animierte Szenen projiziert, davor wackelten überlebensgroße Marionetten über die Bühne, eine Pseudo-Band in Masken der originalen Pink-Floyd-Mitglieder spielte vor der Mauer, während die Band selbst dahinter weitgehend im Verborgenen blieb. Am Ende fiel die Mauer mit lautem Getöse in sich zusammen. Das alles war so teuer, platzfordernd und eben aufwendig, daß „The Wall“ 1980 und 1981 nur an vier Orten weltweit überhaupt aufgeführt wurde, namentlich Los Angeles, wo die Premiere stattfand, New York, selbstverständlich London und – – – Dortmund. Damals galt die Westfalenhalle noch als erste Adresse für derlei Veranstaltungen.

Irgendwann später (im Jahr 2000) erwarb ich dieses opulente Live-Doppelalbum, wiewohl ich früher überhaupt kein Freund von Live-Versionen irgendwelcher Lieder war. Aber seit ich erfahren hatte, daß ausgerechnet Dortmund Schauplatz der exklusiven The-Wall-Show war, drängte es mich, ein Dokument dessen zu besitzen. Das Live-Album wurde freilich in London aufgenommen. Vergebens war die Anschaffung dennoch nicht, denn die Longbox enthält ein Buch, das den Produktionsprozeß der Show dokumentiert. Passend zur den Rahmen sprengenden Bühnen-Show ist auch diese Verpackung so voluminös, daß sie nicht vernünftig in mein CD-Regal paßt. Nun ja.

Roger Waters hatte „The Wall“ nicht bloß als Konzeptalbum entworfen, sondern die visuelle Präsentation von vornherein mitgeplant. Innerhalb des Albums selbst wird die „Show“ mehrfach erwähnt (Der Song „The Show Must Go On“ ist freilich weniger im Bewußtsein der Öffentlichkeit, als es Queens Lied unter demselben Titel sein mag.), und auch die Pseudo-Band vor der Bühnen-Mauer findet Erwähnung. Die Aufmachung der Album-Hülle (außen schlicht und innen farbenprächtig) wurde ebenso von Gerald Scarfe entworfen wie die Animationen, die während der Show über die Mauer flackerten, und die animierten Passagen im surrealistischen Film von 1982. Die Hauptrolle des Pink spielt dort Bob Geldof, und die Handlung wird nahezu ausschließlich anhand der Musik des Albums erzählt. Der Song „When The Tigers Broke Free“, der nicht mehr auf die Schallplatte gepaßt hatte, konnte im Film verwendet werden.
Na gut, also doch „Another Brick In The Wall part 2“:

Auch diesen Film kaufte ich erst sehr viel später, und die DVD-Hülle ist so schmal, daß sie in der Tat quer über die CDs ins Regal paßt.

Den Titel Mutter aller Konzeptalben dürfte „The Wall“ trotz der epochalen Begleitumstände nicht für sich beanspruchen, denn da ist „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ vor. Das war mir natürlich schnurz, mir gefiel’s, sehr sogar. Als erste Begegnung mit der Musik von Pink Floyd hätte es freilich fatal sein können, denn der zum Teil bombastische Sound von „The Wall“ ist keineswegs charakteristisch für das frühere Œuvre der Band. Des wurde ich sehr bald gewahr, denn dieses Album machte mir umgehend Appetit auf mehr, so daß mein Kauf eines zweiten Pink-Floyd-Albums nicht lange auf sich warten ließ.


Meteorologischer Jahreszeitenbeginn.

30. August 2018

Okay, ich kann nicht an mich halten. Wie jedes Jahr, und wie jedes Jahr ungefähr viermal, wird wieder dieserlei verkündet:

2018 war laut DWD der zweitheißeste Sommer – und der endet dieses Wochenende mit kühlen Temperaturen. Doch dafür beginnt der Herbst zumindest im Nordwesten warm.

„Spiegel Online“, 30. August 2018, von mir gelesen um 16:57h.

Warum kann ich nicht an mich halten? Weil’s Blödsinn ist, und weil dieser Blödsinn unkritisch aber mit wichtiger Kennermine über alle Morgenmagazine und Boulevard-Gazetten verbreitet wird, als handele es sich um ein knallhartes Faktum. Handelt es sich aber nicht. Am 31sten August endet nicht der Sommer, und es beginnt nicht der Herbst am 1sten September. Die Jahreszeiten stimmen nicht randscharf mit den Monatsgrenzen überein, was für die Zunft der publizierenden Meteorologen das marginale Problem aufwarf, daß sie, Meteorologen, nicht präzise von drei Frühlings-, drei Sommer-, drei Herbst- und drei Wintermonaten sprechen konnten, weil die End- und Anfangspunkte jeder Jahreszeit dummerweise mitten im jeweiligen Monat liegen. Es gibt also jeweils zwei reine Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Wintermonate, und vier Monate, die durch zwei Jahreszeiten geprägt sind. Das war den Wetterfröschen zu kompliziert, weshalb sie einfach behaupteten, die meteorologischen Jahreszeitengrenzen lägen just exakt auf den Monatsgrenzen. Pfiffig, aber halt falsch und ohne Bewandtnis.

Warum falsch? Weil die Jahreszeiten durch den Umlauf der schiefstehenden Erde um die Sonne definiert werden und ihre Begrenzung an den Sonnenwendpunkten bzw. Äquinoktien haben. Der Winter beginnt ungefähr am 21sten Dezember (die genauen Daten können sich minimal verschieben), der längsten Nacht und dem kürzesten Tag. Im Winter sind die Tage kürzer als die Nächte, die Tage werden aber länger. Der Frühling beginnt an der Tag-und-Nacht-Gleiche, ungefähr am 21sten März (minimale Verschiebung auch hier natürlich möglich), die Tage werden weiterhin länger und sind länger als die Nächte. Ungefähr am 21sten Juni (s.o.) ist der längste Tag des Jahres, gleichzeitig die kürzeste Nacht, und es beginnt mit der Sommersonnenwende der Sommer. Im Sommer sind die Tage länger als die Nächte, die Tage werden aber kürzer. Und ungefähr am 23sten September (s.o.) kommt es zur zweiten Tag-und-Nacht-Gleiche, ab sofort sind die Tage kürzer als die Nächte, und sie werden auch immer noch kürzer bis zur Wintersonnenwende am 21sten Dezember. Das sind die astronomischen Jahreszeiten.

Also, warum nochmal ist das Geschwafel vom meteorologischen Jahreszeitenbeginn Blödsinn? Weil das Wetter nicht das definierende Kriterium für die Jahreszeit ist. Natürlich werden mit den Jahreszeiten gewisse Wetterlagen assoziert. Im Winter erwarten wir Kälte und Schnee, im Frühling laue Luft und blaue Bänder, im Sommer Hitze und Sonne, und im Herbst Sturm und Regen. Aber erstens sind das allenfalls sekundäre Jahreszeitenmerkmale, während die primären Merkmale eben durch den Stand der Sonne gekennzeichnet sind. Und zweitens hält sich das Wetter sowieso nicht an die Absprachen. Wie oft hat man im Februar Tage mit frühlingshaften Temperaturen, so daß die Eisdielen die Stühle rausstellen, und wie oft hatte man schon im August das Bedürfnis, die Wohnung zu beheizen, weil das Wetter so gar nicht sommerlich-warm sein wollte! Würden wir also das Wetter zur Definition der Jahreszeit heranziehen, so läge der meteorologische, das heißt: der auf das Wetter bezogene Frühlingsbeginn, an dem ersten Tag im Jahr, an dem das Wetter frühlingshaft ist. Und warum sollte das ausgerechnet der 1ste März sein, wie von den Meteorologen propagiert? Die nominelle Exaktheit des „meteorologischen“ Jahreszeitenbeginns steht in eklatantem Gegensatz zur Wandelbarkeit und Unschärfe des Wetters. (Und der Wettervorhersagen. Das nur am Rande.)

Exakt hingegen, eindeutig und vorausberechenbar ist die Himmelsmechanik. Die Bibel hat nicht gelogen, als sie in Genesis 1, Vers 14 sagte:

Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, daß sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so.

Wenn die alten Orientalen eines konnten, dann die Sterne und ihre Regelmäßigkeiten beurteilen. Daß Gott gemäß Bibel Sonne, Mond und Sterne erst am vierten Schöpfungstag ans Firmament nagelte, während das Licht bereits am ersten Tag in die Welt kam – geschenkt; das soll hier nicht das Thema sein. Denn es hat sich bis heute nichts daran geändert, daß die Zeiteinteilung auf der Erde durch die Beobachtung der Gestirne möglich ist. Darum ist es eine Frechheit, daß der kalendarische, also der astronomische, Sommer-/Frühlings-/Herbst-/Winter-Beginn eher verschämte Erwähnung findet, als handele es sich bei diesem lediglich um einen schnöden Verwaltungsakt, eine Formalität, während der meteorologische Jahreszeitenbeginn doch so handfest und wissenschaftlich sei, mit spürbaren Auswirkungen auf uns alle, denn wer wäre nicht vom Wetter betroffen? Blödsinn und abermals Blödsinn! Die astronomischen Jahreszeiten sind wissenschaftlich exakt, und alles andere ist unwissenschaftliche Schwammigkeit.


Stein auf Stein.

28. August 2018

Kürzlich habe ich endlich alle Nexo-Knights-Sets auseinandergebaut, die hier aufgebaut herumstanden. Leider ist das gleichbedeutend mit: Alle Nexo-Knights-Sets. Du weißt, daß mit Legos Ritter-Thema was schiefgelaufen ist, wenn nach dem Auseinandernehmen mehr Space-Räder, noppenlose Technic-Balken und orangetransparente 1×1-Rundplättchen übrigbleiben als graue Steine und Bögen. (Ja, ich wiederhole mich, aber es gibt dutzende Indizien für die generelle Blödheit der Nexo-Knights-Serie.)

Davon abgesehen ist mir aber im Zuge dessen etwas anderes wieder bewußt geworden: Lego (in Person des jeweils diensthabenden Set-Designers) legt immer weniger Wert auf stabile Verbundbauweise. Zwar sind die Modelle am Ende durchaus noch stabil, von Ausnahmen abgesehen, aber entweder durch exzessiven Gebrauch von Technic-Lochbalken und schwarzen Pins, oder durch eine einzelne verbindende Schicht über einem größeren Baukomplex, der in sich instabil gebaut ist. Wieso ist das so? Lego selbst hat doch erst 1970 *hust* in seinem „Lego® Magazin“ darauf hingewiesen, wie man stabile Mauern baut.

Das Magazin ist eine Mischung aus Bauspielbuch und Katalog, und nach der Vorstellung der sehr unpuristisch gebastelten Figuren „Herr und Frau Knopf“, die als Zeichnung durch das Magazin führen, werden die Grundlagen erklärt:

Es ist ganz einfach, wenn Du „richtig“ baust. Du mußt Deine Steine so setzen, wie es auch die Maurer auf einer großen Baustelle tun. Ein Stein wird so gelegt, daß er zwei andere verbindet. In der Bausprache heißt das: „im Verbund bauen“. Dadurch wird Deine Konstruktion stabiler. Auf den Bildern hier unten siehst Du, was wir meinen.

Lego wußte also mal, wie es geht, und jedes Kind wußte es ebenfalls, zumindest, wenn es dieses Magazin durchgeblättert hatte. Das haben die aktuellen Set-Entwickler ganz offensichtlich nicht getan, denn allzu oft werden einfach stumpf 1×4-Steine übereinandergesteckt, oft angeordnet neben 5-hohen Säulen und eventuell einer Konstruktion aus SNOT-Konvertern*, an welche dann eine andere Baugruppe seitlich angeflanscht wird. Davon blieben nach der Abbausession auch ganz viele übrig. Und genau da liegt möglicherweise der Hase im Pfeffer. Lebendig natürlich, denn für diesen Blog-Eintrag wurden keine Tiere gequält! Jedenfalls werden Mauerstrukturen nicht mehr grundsätzlich in Stein-auf-Stein-Bauweise ausgeführt; das hat Lego sozusagen gar nicht mehr nötig. Denn der Teilekatalog umfaßt dieser Tage dermaßen viele verschiedene Teile, daß es offenbar ein Sakrileg wäre, sich dieser Teile und der damit einhergehenden Bautechniken nicht zu bedienen.

*) Studs Not On Top, also irgendwie seit- oder unterwärts.

Nun spricht natürlich nichts dagegen, an Stellen, wo die Bausituation es erfordert, eine gewiefte SNOT-Konstruktion zur Anwendung zu bringen, um die gewünschte Form des Bauwerks herzustellen. Ich selbst rühme mich des Einsatzes solcher Bautechniken. Ein Beispiel zum Beispiel. Beim Bau der Veste Falckenstein kam ich nicht umhin, ein Eckpaneel durch eine hochkant eingebaute Dachschräge zu ersetzen, weil der Vorsprung der daneben angeordneten Zinne hineinragte (Bilder = Links):

Wenn man vor einem derartigen Bauproblem steht und einem solch eine Lösung einfällt, dann freut man sich. Vor allem aber ist die SNOT-Bauweise kein Selbstzweck, sondern dient lediglich dem in sich konsistenten Erscheinungsbild. Dahingegen habe ich bei vielen SNOT-Konstruktionen in aktuellen Sets den Eindruck, daß die angewendete Technik keinem höheren Zweck dient als dem, die Versiertheit des Konstrukteurs unter Beweis zu stellen. Vielleicht soll es auch den Bauprozeß interessanter machen, aber das wäre ja sowieso subjektiv. Vielfach sind solche SNOT-Kontruktionen nicht nur nicht notwendig, sondern es gebricht ihnen auch an einem ästhetischen Mehrwert, insofern sie eine eigentlich logische, klare Struktur unnötigerweise unruhig machen. Da es notwendig ist, für das geSNOTete Teilstück eine entsprechend glatt umrandete Lücke zu lassen, kommt also im Verein mit den oft daneben angeordneten unflexiblen Großteilen das Stabilitätsproblem noch hinzu.

À propos Großteile. Früher, als nicht alles besser war, aber manches halt doch, waren selbst die oft geschmähten Wandformteile noch so gebaut, daß sie Verbundbauweise ermöglichten.


Neben den Einbuchtungen an den vier Ecken, über die das das alte Burgwand-Paneel mit der Umgebung verzahnt werden konnte, verfügte es zusätzlich über einen Steg in der dritten Dimension und somit weitere Einbaumöglichkeiten. Freilich war das Teil ein POOP, also ein „piece out of pieces“, welches auch aus herkömmlichen Teilen gebaut werden konnte, weshalb es insgesamt die etwas problematische 5er-Breite hatte, weil so die Schießscharte durch einen 1×3-Bogen dargestellt werden konnte. Das Paneel in der Mitte ist kein POOP, denn das 1-breite Fenster ist mittig in 4er Breite angeordnet, was sich so nicht mit kleineren Teilen darstellen läßt. Dafür fehlt dem Formteil unten die Verzahnungsmöglichkeit. Durch die geringere Höhe kann es allerdings oben sicher überbaut werden. Das rosa Fensterpaneel ist nicht auf Verzahnung ausgelegt.


Bei den Eckpaneelen ergibt sich ein ähnliches Bild – Verzahnung ist allenfalls oben möglich. Zugegebenermaßen verursachen die Einbuchtungen am alten Paneel (im Bild grau) eine etwas unelegante Form, während die neue Form sehr viel schlanker wirkt. Aber eben auch unverbundener.

Der Umstand, daß neue Teilformen wenig Wert auf Verbundbauweise legen, deutet darauf hin, daß es sich im Einzelfall nicht um individuelle Bauentscheidungen des zuständigen Set-Entwicklers handelt, sondern auch eine systemimmanente Unternehmenskultur dahintersteckt. Verbundbauweise erfordert nämlich gegebenenfalls ungeradzahlige Steinlängen, um zum Beispiel Übergänge an Ecken zu bewerkstelligen. Verzichtet man auf Verbund, kann man eventuell Steineformen weglassen, die ansonsten im entsprechenden Set nicht benötigt werden. Aus demselben Grund wurde das normale 1×1-Plättchen gewissermaßen in Sets zur Seltenheit; denn alle Stellen, an denen ein 1×1 großes Plättchen benötigt wird, werden durch die eine sowieso im Set enthaltene 1×1 große Platte ausgefüllt, ungeachtet deren Form, Farbe und Opazität oder Transparenz.
Auf diese Weise wird der Sortier- und Verpackungsprozeß verschlankt, da bei der Zusammenstellung des Sets weniger verschiedene Kisten mit sortenreinen Teilen aus dem Hochregal geholt werden müssen, ergo ergibt sich eine Kostenersparnis. Am Ende geht es immer um Kostenreduzierung. Das ist gut für Lego, die Firma, aber nicht unbedingt gut für Lego, das Bausystem. Denn durch die Einsparung von Teilen, die bei Verbundbauweise benötigt würden, ergeben sich eben objektive Qualitätsmängel, von der eventuell beeinträchtigten optischen Erscheinung ganz abgesehen. Darüber können auch die vielen tollen Bautechniken nicht hinwegtäuschen, besonders, wenn sie bloße Augenwischerei ohne funktionalen Mehrwert sind. Das mag der gegenwärtigen Kernkundschaft gleichgültig sein, da sie es nicht anders kennt. Ich als Veteran hingegen, der seit mindestens 1980 mit Lego aufgewachsen ist, habe den Vergleich. Dieser Vergleich mag durch den nostalgischen Blickwinkel beeinträchtigt sein, jedoch nicht ausschließlich, wie ich oben darzulegen versuchte. Und er fällt häufig – nicht immer! – zu Ungunsten der aktuellen Sets aus. Ich kann’s ja auch nicht ändern!