Telephonstreich.

19. März 2020

Wer regelmäßig im Auto unterwegs ist und dabei Radio hört, vor allem auf langen Strecken, hat mit mindestens zwei Ärger-, aber nur selten mit Hornissen zu kämpfen: Alle 35 Kilometer ändert sich die Frequenz des eingestellten Radiosenders. Und Radio-Comedy. Ersteres könnte die Rettung vor zweiterem sein, würde nicht ausnahmslos jeder Radiosender es darauf anlegen, seine Hörer, Hörerinnen und Unentschiedene mit Comedy-Beiträgen zu töten. Weil man vor Langeweile am Steuer einschläft. Mit etwas Glück ist man aber schon tot, ehe das Comedy-Segment geschaltet wird, weil man auf der Tour bereits zehnmal die Superhits der 80er, der 90er und das Beste von heute gehört hat, wobei das Beste von heute die Endlosschleife der immerselben Retortenhits darstellt, welche bis zum Erbrechen durchzunudeln die Sendeanstalten sich gegenüber der Musikindustrie offenbar verpflichtet haben, und zwar auch die Öffentlich-Rechtlichen. Wozu zahle ich eigentlich Gebühren, wenn es dann nur fürs GEMA-Rundumsorglospaket reicht?

Die Comedy jedenfalls und an dieser Stelle bricht der Satz ab, weil mir da echt die Worte fehlen. Das war übrigens ein Anakoluth. Kann jeder selbst googlen. Die allerhöchste Kunst in dieser Disziplin ist dann der – so heißt es wohl in der Sprache unserer Zeit – Prank Call. Also ein Scherzanruf. Ein Mensch mit lustiger Stimme ruft bei jemandem an und konfrontiert die arglose Person mit irgendwas, was potenziell herzinfarktwürdig wäre; aber dann wird’s halt nicht gesendet. Lustig, lustig. Nachfolgend Tralalalala aus der Hitmaschine. Es freuen sich der Zahnarzt und der Mechaniker, der das verbissene Lenkrad austauschen darf.

Apropos Telephon. Es gibt ja PayPal, ne? Damit kann man Geldbeträge an Mail-Adressen versenden, was sehr praktisch ist. Sicherheitshalber muß man in seinem PayPal-Konto eine Telephonnummer hinterlegt haben, um gegebenenfalls auf diesem Wege sein Paßwort zurücksetzen oder sich überhaupt authentifizieren zu können. Sehe ich ein, also habe auch ich dort meine Telephonnummer angegeben. Vor ungefähr 16 oder 17 Jahren. Laß es 18 Jahre sein. So, fast forward ins Jetzt, vor zwei Tagen wollte ich mich bei PayPal einloggen. Ging nicht. Schuldbewußt akzeptierte ich, daß ich mich offenbar beim Paßwort vertippt hatte und versuchte es erneut. Ging nicht. „Wir können Sie nicht einloggen“, stand da, mit Hinweisen zur Fehlerbehebung, namentlich Sicherheitsfrage, Paßwortzurücksetzen, Captcha-Authentifizierung und – jetzt kommt’s – telephonischer Code-Übermittlung. Nacheinander probierte ich sämtliche Angebote aus. Ging nicht. Ging nicht. Ging nicht. Ging nicht. Und mit „Ging nicht“ meine ich nicht, daß meine Sicherheitsfragenantworten falsch oder meine Code-Übermittlung fehlerhaft gewesen wären, keineswegs. Alles wurde mit grünen Häkchen bestätigt. Aber das Ergebnis blieb: „Wir können Sie nicht einloggen.“ Also ich schweren Herzens beim Kundendienst angerufen. Prädikat weggelassen, um Ereignisnähe zu dokumentieren. Die freundliche Dame beim Kundendienst konnte auch in der Tat die wahrscheinliche Fehlerquelle identifizieren.

*Trommelwirbel*

Und zwar ist die von mir bei PayPal hinterlegte Telephonnummer eine Festnetznummer. Damit konnte der Gesetzgeber ja nicht rechnen, als er, modern, wie son Gesetzgeber ja traditionell ist, bestimmte, daß derartige Bezahlsysteme im Zuge der Multifaktorauthentifizierung mithilfe von Mobiltelephonen die Konto-Sicherheit erhöhen müssen. Ich besitze aber gar kein Mobiltelephon.

„Ach, äh, sprichst du von einem Mobiltelephon aus? *seufz* Ich kenn‘ Sie nicht! Wer ist da? Kommen Sie nicht her! Ich hänge jetzt auf! Telephonstreich! Telephonstreich!“ So reagierte Lance, als Vincent ihm mitten in der Nacht vom Handy aus ankündigte, in größtmöglicher zeitlicher Kürze die überdosierte Gattin des örtlichen Gangsterbosses vorbeizubringen. Weil son Mobiltelephon einfach zu unsicher war. Aber für PayPal reicht’s.

Ungeachtet der Sicherheitsproblematik, die am Ende des zweiten Jahrzehnts des 21sten Jahrhunderts vielleicht keine mehr ist, was ich kaum glauben kann, fühle ich mich als Nichtbesitzer eines Handys zunehmend diskriminiert. Ernsthaft. Als ich einen Instagram-Account anlegte, mußte ich feststellen, daß ich ohne Handy dort gar keine Bilder hochladen kann. Als ich einen Twitter-Account anlegte, wurde mir ein Riegel vorgeschoben, indem von mir eine Handy-Nummer zur Authentifizierung verlangt wurde. Einen Facebook-Account kann man ebenfalls nur noch anlegen, wenn man eine Handy-Nummer angibt. Das alles wäre mir schnuppe. Aber nach 16 oder 17 Jahren, laß es 18 sein, die ich unbeanstandet per PayPal bezahlen konnte, wird mir nun quasi ein Handy aufgezwungen. So ich denn auf den zwar nicht nennenswerten aber doch vorhandenen und vor allem mir zustehenden Betrag zugreifen möchte, der sich derzeit auf meinem PayPal-Konto befindet. Der moderne Gesetzgeber überschätzt die Ubiquität des Handybesitzes. Ubiquität kann auch jeder selbst googlen, ihr habt ja alle ein Handy.
Ich gehöre nicht mehr dazu. Wesentliche Bereiche des Internets sind mir verschlossen, weil das Gesetz es befahl. Und dafür zahle ich Steuern? Das halte ich für einen groben Streich.


Bitte nicht rauchen!

12. März 2020

Nee, mache ich ja nicht. Wiewohl ja mein ..äh.. guter Vorsatz für das Jahr 2018 gewesen war: Einmal eine Zigarre rauchen. Aber das ureigenste Charakteristikum guter Vorsätze ist natürlich, daß sie nicht eingehalten werden. So auch dieser. Und seitdem habe ich dieser bescheuerten Silvester-Tradition abgeschworen.

Wenn ich also rauche, dann allerhöchstens unfreiwillig und passiv. Das aber dann besonders intensiv, denn der Raucher zieht den Zigarettenrauch ja wenigstens noch durch den Filter in seine Lungen; was jedoch vorne von der glimmenden Spitze des Stengels abqualmt und sich im Raum verteilt, gelangt ungefiltert in meine Atemwege, vielen Dank auch!

Bisweilen erhielt ich auch schon postalisch Lieferungen mit gebrauchtem Lego, das dann dermaßen nach Qualm stank. Aber so dermaßen! Dann frage ich mich immer, ob da im Kinderzimmer geraucht wurde? Wohl kaum. Also haben treusorgende Eltern ihren Kindern eine legohaltige Erziehung angedeihen lassen, was ich gutheiße, gleichzeitig aber den Keim des Krebses in sie gepflanzt, indem sie ohne Rücksicht auf irgendwas die Wohnung zugequarzt haben. Weil man sich ja von der Gesundheitsdiktatur nicht unterkriegen läßt, woll?

Lucky Luke fand ich ja durchaus cooler, als er noch Raucher war. Nicht, weil das Rauchen so cool gewesen wäre, obwohl es auch diesbezüglich einige sehr gute Gags gab, sondern weil das Rauchen ihn rauher erscheinen ließ, kantiger, nicht als makellosen Helden und strahlenden Saubermann, vielmehr als Typen mit Fehlern, ein Cowboy, dem auch nicht immer alles gelang. Doch das nur am Rande.

Sofern ich nicht einer Fälschung aufgesessen bin, hat Lego mal ein Straßenschild mit dem Nichtrauchersymbol bedruckt. Zum welchem Anlaß, weiß ich nicht. In Sets kam es jedenfalls nicht vor. Dementsprechend selten und teuer ist das Teil auf dem einschlägigen Gebrauchtmarkt, aber als sich die Gelegenheit ergab, habe ich zugeschlagen, denn das Thema ist mir offenkundig ausreichend wichtig, um es auch im Lego-Kontext repräsentiert sehen zu wollen.


Politisches Dschungelcamp.

18. Februar 2020

Justament lese ich bei Spiegel-Online – und jeder weiß, daß der „Spiegel“ die „Bild“ der sich für intellektuell Haltenden ist – Doppelpunkt, Anführungszeichen unten, Zitat: „Problem M – Bei den Christdemokraten laufen sich potenzielle Nachfolger warm – doch wird die Kanzlerin vorzeitige Neuwahlen ermöglichen? Viel deutet darauf hin, dass Angela Merkel einfach weiter regieren will. Das wird zur Schwierigkeit für die CDU.“

Ich brauche den hinter diesem Anreißer steckenden Artikel nicht einmal zu lesen, um sooo eine Krawatte zu bekommen. Allenthalben wird bejammert, daß die Menschen („die Menschen draußen im Land“) das Vertrauen in die Politik verloren hätten (hatten sie dieses Vertrauen jemals?), daß die Politiker die Menschen (s. o.) nicht mehr erreichten, daß die Menschen (…) politikverdrossen seien. Von „Machteliten“ ist die nicht lobhudelnd gemeinte Rede, von verkrusteten Strukturen und Prozessen, die mit der Lebenswirklichkeit dieser …na, wie gleich…? ach ja: Menschen nichts zu tun hätten, und all son mittlerweile ritualisiert vorgetragener Killefitt. Überdies stehen alle Beteiligten am politischen Spiel sich ratlos am Kopfe kratzend vor der in der Tat bedauerlichen Tatsache, daß gewisse Bevölkerungsgruppen rechts des Konservativismus nicht einmal mehr der „Bild“ noch Glauben schenken und nicht müde werden, völlig ironiefrei von der „Lügenpresse“ zu schwadronieren.

Aber ist das so verwunderlich? Die Politiker, nämlich die Berufspolitiker, also vor allem diejenigen Politiker in höheren staatstragenden Positionen und Ämtern, mithin „die da oben“ tun ja auch so allerhand, was den *hüstel* Menschen, die sich wählenderweise bitte für die Politik zu interessieren haben, aber mehr bitte auch nicht, nur schwer verständlich gemacht werden kann. So wird zum Beispiel monatelang ein Europawahlkampf mit Spitzenkandidaten geführt, um den Menschen mit solchen plakattauglichen Personen das Excitement zu geben, das sie aus ihren nationalen Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen gewohnt sind, und das sie bisher in diesen drögen Europawahlen vermißt hatten (wie die Parteistrategen herausgefunden zu haben meinen), und dann? Dann wird nach erfolgter Wahl der mehr oder weniger vom Wählervotum getragene sogenannte Spitzenkandidat gar nicht berücksichtigt, und jemand völlig Ungewähltes wird zur Spitzenkandidatin befördert, im Hinterzimmer, ohne auch nur den Hauch eines Wählerauftrags, wiewohl der ganze Spitzenkandidatszinnober zuvor natürlich auch nur Augenwischerei gewesen war. Hilfreich? Na, weiß nicht.

Und Thüringen. Was soll ich dazu noch Worte verlieren. Die Parteien, die’s gewohnt sind, irgendwie die Macht unter sich aufzuteilen, und die sich als „demokratisch“ verstehen im Gegensatz zur „verfickten AfD“, wie mein Europaabgeordneter Sonneborn diese ehemalige Anti-Euro-, später Anti-alles-, und inzwischen anti-antifaschistische Partei zu titulieren beliebt, können sich nicht zusammenreißen und wählen lieber einen von dieser AfD mitgewählten 5%-Abgeordneten zum Ministerpräsidenten, statt ihrem Gewäsch des Musters „unter Demokraten ist jeder mit jedem koalitionsfähig“ mal was Handfestes folgen zu lassen, nämlich die Erfüllung dieses Demokratieschwurs. Ein Bubenstück von Bernd H. und insgesamt eine Hanswurstiade ersten Ranges, keine Frage, sehr publikumswirksam und gewiß recht unterhaltend, aber hilfreich? Na, ich weiß ja nicht.

Im Zuge dieser thüringer Bratwurstiade rollten Köpfe, nicht zuletzt jener der erst kürzlich unter großem Hallo mit Casting-Show und allem gewählten Vorsitzenden der Christlich Demokratischen Union Deutschlands (vulgo: CDU), einer politischen Partei (dies nur für alle, die bei diesen ganzen Casting-Shows den Überblick verloren haben, wer da eigentlich jeweils was ist). Dieses CDU-Casting war irgendwie nötig geworden, weil die amtierende Bundeskanzlerin vor geraumer Zeit angekündigt hatte, kurzfristig nicht wieder für den Vorsitz dieser Partei zu kandidieren, und mittelfristig nach Ablauf ihres Engagements als Bundeskanzlerin ihren Vertrag nicht verlängern zu wollen. Und hier kommt der oberwähnte „Spiegel“-Artikel, den ich nicht gelesen habe, ins Spiel: Angela Merkel ist nämlich noch Kanzlerin, denn als solche wurde sie von der Mehrheit des Bundestages gewählt, und das bleibt sie so lange, bis sie durch ein von der Mehrheit des Bundestages gewähltes Kanzler-Asterisk gleichwelchen grammatischen Geschlechts ersetzt wird, entweder durch ein konstruktives Mißtrauensvotum, oder weil nach einer Neuwahl des Bundestages eben eine andere Bundestagesabgeordnete oder ein anderer Bundestagsabgeordneter oder ein ander* Bundestagesabgeordnet* (Seufz) zum/zur/zu* Bundeskanzler*in/In (Seufz) gewählt wird.

Nun steht im Teaser aber, „dass Angela Merkel einfach weiter regieren will“, und es klingt, als wäre das seitens Merkels eine unverfrorene Anmaßung. Und das macht wiederum mich fassungslos angesichts all der oben angerissenen Probleme hinsichtlich des beobachtbaren Vertrauensverlustes von Politik und Medien. Gefragt wird, ob die Kanzlerin vorzeitige Neuwahlen ermöglichen werde, was insinuiert, daß dies gängige verfassungsgewollte Praxis zur Beendigung einer Kanzlerschaft sei.

Nun ist die Geschichte der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland in der Tat geprägt von vorzeitigen Kanzlerschaftsenden. Konrad Adenauer (CDU) trat 1963 im Alter von 88 Jahren zurück, geschwächt durch die Spiegel-Affäre, und weil in seiner Partei auch mal Jüngere ans Ruder wollten. Sein Nachfolger Ludwig Erhardt (CDU) trat 1966 zurück, weil ihm der Koalitionspartner, die FDP, von der Fahne ging. Es kam ab Dezember 1966 zur großen Koalition unter dem bis dahin ungeohrfeigten Kurt Georg Kiesinger (NSDAP/CDU), welcher zwar nicht Bundestagsabgeordneter, aber Ministerpräsident von Baden-Württemberg war und als solcher die Berechtigung zur Teilnahme an Bundestagssitzungen innehatte. Stimmrecht im Bundestag hatte er während seiner Kanzlerschaft ebensowenig wie ein Wählermandat. Bei den folgenden Bundestagswahlen 1969 bekam Kiesinger zwar das Wählermandat, jedoch nicht die erneute Kanzlerschaft, denn zu seinem Nachfolger wurde Willy Brandt (SPD) gewählt. Dieser überstand zwar 1972 ein konstruktives Mißtrauensvotum, durch welches Rainer Barzel (CDU) sich erhofft hatte, zu Kanzlerwürden zu kommen, doch mußte er 1974 vor dem regulären Ende seiner zweiten Amtszeit zurücktreten, weil sein persönlicher Referent als Spion der DDR enttarnt worden war. Sein Nachfolger wurde Helmut Schmidt (SPD). Dieser wiederum trat nicht zurück, obwohl er dies während der Ereignisse des „Deutschen Herbstes“ erwogen hatte, hätte es denn bei der Erstürmung der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ Tote unter den Passagieren gegeben. Am 1. Oktober 1982 kam es zum Konstruktiven Mißtrauensvotum gegen ihn, weil ihm sein Koalitionspartner, die FDP, von der Fahne ging. Zum Nachfolger wurde der Abgeordnete Dr. Helmut Kohl (CDU) gewählt. Da Kohl bei den Bundestagswahlen 1980 nicht Kanzlerkandidat gewesen war, und weil die FDP unter der Voraussetzung einer beabsichtigten Koalition mit der SPD in den vorherigen Wahlkampf gezogen war, hatten alle ein schlechtes Gewissen und wollten ihre frisch geschmiedete Koalition durch vorgezogene Bundestagswahlen vom Staatsvolk legitimiert wissen. Klingt ehrenhaft. Zu diesem Zweck stellte sich Kohl, soeben frisch gewählter Bundeskanzler, direkt einem nicht konstruktiven Mißtrauensvotum, und eine erforderliche Mehrheit der Abgeordneten von CDU und FDP, einzig ihrem Gewissen unterworfen, verweigerte dem kürzlich erst gewählten Kanzler die Gefolgschaft, was eine Auflösung des Bundestags und Neuwahlen unumgänglich machte. Klingt nicht gar so ehrenhaft. Kohl regierte anschließend für 16 Jahre und wurde dann nicht wiedergewählt, obwohl die Wahlkampfkasse der CDU doch gutgefüllt war. Sein Nachfolger wurde 1998 Gerhard Schröder (SPD) in einer Koaltion mit den Grünen. In seiner ersten Amtszeit konnte er sich auf eine komfortable Bundestagsmehrheit stützen, in seiner zweiten nur noch auf eine hauchdünne. Dies nahm Schröder (immer noch SPD) zum Anlaß, im Jahre 2005 durch vorgezogene Neuwahlen die Fronten neu klären zu lassen. Ähnlich wie sein Vorgänger stellte darum auch er die Vertrauensfrage in der Absicht, das Vertrauen nicht ausgesprochen zu bekommen, was – o Wunder! – auch genau so eintraf. Bei den durch dieses Maneuver neutig gewordenen Wahlen kamen Mehrheitsverhältnisse zustande, die zu einer großen Koalition unter Angela Merkel (CDU) führten. Und seitdem ist sie Kanzlerin.

Wie wir sehen konnten, sind die wenigsten Amtszeiten der Bundeskanzler durch eine reguläre Bundestagswahl mit neuen Mehrheiten und somit nichterfolgter Wiederwahl zu Ende gegangen; Kiesinger wurde nicht wiedergewählt, und Kohl ebenfalls nicht. Alle anderen sind vorzeitig zurückgetreten, selten freiwillig, oder scheiterten an einem Mißtrauensvotum, dies sehr viel freiwilliger. Die Art, wie derartige Mißtrauensfragen eingestielt wurden, mutet wenig demokratisch an, denn die Wähler hatten sich ja mal für die jeweiligen Mehrheitsverhältnisse unter der Prämisse entschieden, daß der/die/das Kanditatenwesen dann Kanzlerwesen würde. Die Mauscheleien, die der gewollten Auflösung des Bundestages vorausgingen, waren also politische Taschenspielertricks, die den Anschein der Verfassungstreue wahren sollten, während der Geist der Verfassung mit Füßen getreten wurde (Kann man Geister treten?), denn die bittere Erfahrung der Weimarer Zeit hatte den wenigen Müttern und vielen Vätern des Grundgesetzes gezeigt, daß eine politische Ausnahmesituation ohne funktionstüchtige Regierung unbedingt zu vermeiden sei, weswegen eben das konstruktive Mißtrauensvotum mit unmittelbarer Neuwahl eines Nachfolgers im Amt des Bundeskanzlers installiert wurde; als bloßes Spielzeug in den Händen der – da haben wir sie wieder – Machteliten war es nicht gedacht. Die Institutionen und Prozesse des politischen Lebens werden als altehrwürdig und staatstragend dargestellt, eifrig wird sich bemüht, in politischen Hochämtern öffentlichkeitswirksam dem Buchstaben des Gesetzes Rechnung zu tragen, und doch verkommt all dies zu bloßem Possenspiel und Mummenschanz mit wenig mehr Gehalt als Dschungelcamp und Castingshows.

Und wer also nun fordert, Angela Merkel solle „Neuwahlen ermöglichen“, um dadurch ihre Amtszeit vorzeitig zu beenden und die Mehrheiten im Bundestag neu durchzumischen, will den von der Verfassung vorgesehenen Ausnahme- und Krisenfall zur Normalität erheben. Was ist denn davon zu halten? Weimar haben wir schon erwähnt, und wem hat der ewige Wechsel in der Reichskanzlei, wem haben die in der Krise erlassenenen Notstandsgesetze letztlich genützt? Eben. Und Medien, die leichthin mit solchen Erwägungen spielen, beklagen sich, daß ihnen das Vertrauen der Menschen draußen im Lande flöten geht. Na weeßte!


Freitag, der 13te Februar 1970.

13. Februar 2020

Black Sabbath. Benannt nach einem Horrorfilm mit Boris Karloff, welcher auf Deutsch „Die drei Gesichter der Furcht“ heißt, im Englischen aber eben „Black Sabbath“. Die Band „Earth“, bestehend aus Toni Iommi, Terence „Geezer“ Butler, Bill Ward und John „Ozzy“ Osbourne, probte mit Blick auf ein Kino, in dem auch dieser Film gezeigt wurde. Die Erkenntnis, daß Menschen Geld dafür bezahlen, um sich begruseln zu lassen, führte zu einer Umbenennung der Band und einer musikalischen Neuausrichtung, war doch das Repertoir zuvor eher vom Blues geprägt gewesen.

Am 17ten November 1969 schließlich nahmen die vier ihr erstes Album auf, welches durchaus noch sehr bluesig daherkommt, inklusive Mundharmonika. Innerhalb von zwölf Stunden spielten sie den Tontechnikern im Studio ihr Bühnenprogramm vor, und fertig war die Platte nebst einer Single, die keine Albumauskopplung war, sondern separat erschien. So lief das damals. Und weil die Musik als horrormäßig empfunden wurde, sollte die Scheibe an einem Freitag dem 13ten veröffentlicht werden. Der nächste solche war eben im Februar des Folgejahres.

Das Erscheinen von „Black Sabbath“ war nichts Geringeres als die Geburtsstunde des Heavy Metal, Led Zeppelin hin, Steppenwolf her. Düster, dröhnend und schaurig beginnt das Album mit dem Titeltrack („Black Sabbath“), und auch Satan hat seinen Auftritt. Dies, in Einklang mit dem Umstand, daß im Innern der Plattenhülle ein umgedrehtes Kreuz abgebildet war, deuchte die äußerlich moraltriefenden und innerlich verleichenkellerten Sittenwächter jener Zeit Indiz genug, die Band Black Sabbath als Satanisten abstempeln zu müssen. Dabei hatten die Musiker auf die graphische Gestaltung des Plattencovers gar keinen Einfluß. Auch ist die bloße Nennung des Anklägers an Gottes Gerichtshof (so Satans Rolle in der Bibel) nicht mit Verehrung gleichzusetzen, vielmehr kann man es als Warnung verstehen: Macht was Gutes, ihr Motherf*cker, weil sonst Satan! Überdies war zumindest Bassist und Textschreiber Geezer Butler praktizierender Katholik, weshalb sich auch im Folgenden bemüht wurde, das Satanistenimage, so cool es auch in gewisser Weise sein mochte, abzulegen, schon im Hinblick auf Tourneeauftritte in God’s Own Contry (GOC).

Mir behagt der Gedanke, daß die Gründerväter des Heavy Metal eigentlich kiffende Hippies waren (Und das waren sie!), die freilich mit Flower Power nichts anfangen konnten, weil sie nicht im blumigen San Francisco beheimatet waren, sondern im verrußten Birmingham. Gitarrist Toni Iommi hatte sogar nur wenige Jahre zuvor zwei Fingerkuppen an der Presse im Stahlwerk eingebüßt, wie heavymetal ist das denn!?


Embargo.

30. Januar 2020

So, jetzt ist es offiziell. Seit der letzten Set-Auseinandenehmaktion, Weihnachtsdorfsets, Ninjago-Gedöns, Hidden Side, sind meine Sortierbehältnisse voll. Was zuvor noch gerade so paßte, quillt nun über. Deckel passen nicht mehr. Die überquellenden Behältnisse mit hochgebogenem Deckel passen nicht mehr ins Regal. Ich seh’s ein: Ich habe zuviel Lego. Ich kaufe nichts mehr. Vor allem nichts, was ich auseinandernehmen und der Teilesammlung zuführen würde. Sammelsets, die als solche zusammenbleiben und im Eigenkarton gelagert werden, gehen noch, obwohl auch hier das Ende der Fahnenstange so gut wie erreicht ist.

Was noch passen würde, sind Sammelminifiguren. Aber seit ich mir eben die neuste Serie, die in Kürze im Fachhandel erhältlich sein dürfte, angesehen habe, ziehe ich auch hier die Notwendigkeit in Zweifel, die unbedingt haben zu müssen. Superhelden. Haben mich nie interessiert. Ich wußte nie, warum Comics, die nicht komisch sind, „Comics“ heißen. Und an diesen Sammelfiguren ist nur wenig, was mich anspricht. Zubehör gibt es kaum, und die Köppe sind rosa, wo doch in meiner Minifigwelt strikte Apartheid herrscht und die gelben Köppe die Herren sind. Bei den normalen Minifig-Sammelserien ist wenigstens hin und wieder eine ritterliche oder sonstwie historische Figur dabei, die in mein Thema paßt, aber hier: Nüschte.

Also wäre es eigentlich sinnvoll, wenn ich mir selbst ein Lego-Embargo verordnete. Das hätte ich schon vor Jahren tun sollen, statt stumpf und einem selbstauferlegten Denkzwang folgend, jeden Blödsinn zu kaufen, der auch nur entfernt an Ritter oder Piraten gemahnte, obwohl ich die Sets nicht einmal schön fand, Nexo Knights zum Beispiel. Oder den ganzen Ninjago-Krempel. Schluß damit!

Der unerfreuliche Nebeneffekt der ewigen Setkauferei ist überdies, daß all mein freier Bauplatz mit Sets vollstand, oder, schlimmer, mit wegzusortierenden Teilehaufen gefüllt war. Und wenn ich dann all das Zeugs endlich irgendwie wegsortiert habe, ist meine ganze Lego-Energie dahin, und für Eigenbauten bleibt nichts mehr übrig. Das merke ich jetzt auch schon wieder. Eigentlich wollte ich was bauen, mußte Platz schaffen, jetzt ist Platz, und ich habe keinen Bock mehr. Sind das Erstweltprobleme, oder was?


42102 Mini Claas Xerion.

26. Dezember 2019

Neulich erhielt ich die Gelegenheit, ein neues Set des Modelljahres 2020 vorab zu bauen, unter der Voraussetzung, eine Rezension dazu zu schreiben, aber nicht vor dem 26sten Dezember. Na, das mache ich doch gerne! Mehrere Technic-Sets standen zur Auswahl, und da mein zweiter Vorname ja „Bauer“ ist, griff ich mir den kleinen Traktor.

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als 1000 Worte. Ich machte sogar dreizehn Bilder, was also roundabout 13.000 Worten entspricht. Den Unterschied zwischen „Worten“ und „Wörtern“ können wir an dieser Stelle getrost unterpflügen. Oder auch kleinhäckseln, denn das im Lieferumfang enthaltene Anbaugerät ist eine Rotationsschneide. So nennt es der Online-Katalog von Lego, ob der Landwirt es ebenfalls so nennt, weiß ich nicht.


Naturgemäß ist es nicht möglich, in solch einem kleinen Modell aufdringlich viele technische Funktionen unterzubringen. Es sind im Prinzip derer drei: Zum einen läßt sich der Trecker lenken. Das würde mir ja schon genügen, denn statt fleißig zu schreiben, kurve ich hier mit dem Gefährt übern Schreibtisch. Dazu muß ich die Schreibtischlampe einschalten, denn die Beleuchtung des Traktors ist nur aufgeklebt:

Leider taugt der Kleine für die Landwirtschaft nur bedingt, denn die Lenkung ist zwar leichtgängig, aber klobig, und trotz großer Bereifung wird die Ackerkrume vor dem Traktor hergeschoben; von Bodenfreiheit kann keine Rede sein!

(Den Möwen bietet sich dieses Bild:

Klammer zu.)

Die zweite Funktion stellt das von den Hinterrädern angetriebene Schneidwerk dar. Da zwischen den beiden 36er-Zahnrädern des Mähwerks ein 12er-Zahnrad angetrieben wird, drehen sich die großen Räder stets in dieselbe Richtung. Der Monk in mir hatte am Tage des Zusammenbaus Ausgang, darum sind die beiden schwarzen Zahnräder auf den Bildern nicht parallel ausgerichhtet.


Als dritte Funktion schließlich läßt sich das Gerät hoch- und runterklappen.

Unabhängig davon, ob es sich in Arbeits- oder in Feierabendstellung befindet, dreht sich das Schneidwerkzeug immer, wenn der Trecker fährt. Denn das verbindende Zahnrädchen wird durchs Hochklappen nicht vom Antrieb getrennt.

Um Dynamik darzustellen, habe ich komplett beabsichtigt und in dem vollkommenen Bewußtsein darüber, was ich da tat, dieses Unschärfebild geknipst. Vielleicht habe ich aber auch bloß gewackelt.

Die vierte Funktion habe ich zuvor unterschlagen: Man kann das umherwirbelnde Mordsgerät – Feldhasen aller Länder, vereinigt euch! – leicht abbauen. Das böte die Möglichkeit, ein anderes Gerät anzuflanschen, welches man sich freilich selbst bauen müßte.

Außerdem läßt sich dann, so dachte ich, das aufgebaute Modell im Eigenkarton verstauen, lagerzwecks. Is’ aber nich’ so. Auch die Räder müssen abgebaut werden.

Bei dieser Gelegenheit erhaschen wir einen Blick auf das Zweitmodell dieses Sets. Vorderseits war ja großspurig von „2 in 1“ die Rede. Aber enthalten ist natürlich nur die papierne Bauanleitung für den Traktor. Die „Erntemaschine“ (Karton) oder der „Feldhäcksler“ (lego.com) kann nur gebaut werden, wenn ein Zugang zum Internet besteht und man den Link LEGO.com/technic eintippt. Dortselbst möge man die Bauanleitung dann suchen. Spoiler: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt 26.12.2019) ist für Set 42102 noch keine Bauanleitung hinterlegt.