MOC zum Tage: 9. Oktober 1967

9. Oktober 2017

Natürlich ist das MOC nur eine Konserve, die ich bereits mindestens im Jahre 2011 einweckte, sofern die Daten unter Flickr-Bildern zuverlässig sind. Aber das ist insofern angemessen, als der Stichtag ja nicht heute ist, sondern heute vor 50 Jahren. Da starb Che Guevara von Mörderhand. Ich bin fern davon, den singenden Zahnarzt zu glorifizieren (sang er?), aber dank propagandamäßig verbreiteter Photographien, insbesondere jener von Alberto Korda, wurde er zur Kult- und Kulturikone für alle, die sich für links halten.

Und falls er nicht selbst sang, wurde er immerhin besungen. Sei es von Wolf Biermann, der ihn den „Jesus Christus mit der Knarre“ nannte, oder von Carlos Puebla, dessen Lied „Hasta siempre, comandante“ Biermann frei ins Deutsche übertrug.

Mir selbst sind derlei Verklärungen ja suspekt. Zumal Ches Idealismus ja gutgemeint gewesen sein mag, aber die Knarre trug er halt auch nicht nur zum Nasepopeln. Dementsprechend fühlen sich bis heute viele seiner Verehrer und VerehrerInnen mit Binnen-I nebst Verehrer*innen mit Idioten-Asterisk in der Nachfolge ihres Idols gerechtfertigt, zu brutalen Mitteln zu greifen, um vermeintlichen Segen über die Menschheit zu bringen. Weil der Marxismus, wenn er denn mal in staatstragende Anwendung gebracht wurde, ja überall für Frieden und Wohlstand gesorgt hat, nöch? Nä, geht mir weg mit Ideologien jeglicher Art!

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CD-Regal revisited: Metallica. (Vol. 3)

21. September 2017

„St. Anger“ erwarb ich, wie gesagt, nicht, nachdem ich die Singles „St. Anger“ und „Frantic“ in Videoform auf Viva oder MTV gesehen hatte und sie mich nicht ansprachen. Insgesamt erlahmte mein Interesse an Metallica deutlich. Wenn ich mal in der Stimmung war, legte ich zwar „Ride the Lightning“, „Master of Puppets“, „…And Justice for All“ oder das schwarze Album auf, aber meine CD-Sammlung wuchs in andere Richtungen (Anathema zum Beispiel). So bekam ich nicht einmal zeitnah mit, daß Metallica 2008 ein neues Album herausgebracht hatten. Und als ein Freund, den ich aus Sorge vor Rechtshändeln besser nicht namentlich nenne, mir das neue Album in MP3-Form zukömmlich machte, traute ich mich zunächst nicht, es anzuhören, da ich befürchtete, daß es mich st-anger-mäßig enttäuschen könnte. Tja, ich bin halt nur ein Schönwetter-Fan. Oder vielleicht eher ein Schön-Musik-Fan? Dabei hatte Bernhard (Jetzt ist es ja doch raus. Aber is‘ Okay, Lars, ich habe „Death Magnetic“ inzwischen legal gekauft!) sogar angemerkt: „Is‘ ganz gut. Wieder wie früher.“

Death Magnetic

Das Wiefrüherste an diesem Album ist zunächst mal der Metallica-Schriftzug, nun wieder mit Widerhaken an M und A. Dieser überlagert (als Aufkleber auf der CD-Hülle) einen weißen Sarg in einer vermutlich 6 Fuß tiefen Grube, um die herum sich Feldlinien gebildet haben; dieses Bild zieht sich durchs gesamte Booklet. Wie früher sind wieder alle Texte vollständig abgedruckt, sogar zu dem Song „Suicide & Redemption“, einem Instrumental. Im Gegensatz zu „St. Anger“ zeichnet James Hetfield wieder alleinig für die Texte verantwortlich, und offenbar war es nötig, zum Abdruck der Lyrics seine Einwilligung zu holen, denn es ist eigens vermerkt, daß sie „reprinted by permission“ sind. Der Abdruck im Beiheft folgt auch nicht der Reihenfolge der Songs auf dem Album, was verwirrend ist, aber den Vorteil birgt, daß die Textzeile „Death magnetic“ aus dem letzten Lied „My Apocalypse“ dadurch ganz am Anfang steht und so den Titeltrack kennzeichnet.
Und die Musik? Das erste, was man hört, sind Herztöne. Das ist nicht wie früher, sondern eher wie Pink Floyd. Aber dann setzen Gitarren, Baß und Schlagzeug ein, und es geht los. Und wie! Es gibt Riffs, es gibt Solos, es gibt Melodien, und Lars Ulrich hat seine Blechtrommel beiseitegestellt, um sie nur einmal kurz augenzwinkernd wieder hervorzuholen. So thrashig war Metallicas Musik seit „…And Justice for All“ nicht mehr, sogar der verlorengegangenen Kunst des Instrumentals erinnerten sich die Jungs. Die zehn Stücke dauern zwischen 5 und 10 Minuten (Jaja, 5:01 und 9:57. Klugscheißer.) und füllen 75 Minuten CD-Platz.
Ein Beispiel zum Beispiel. „The Day That Never Comes“ tarnt sich nach einem melodischen Intro harmlos als Ballade, um sich zunächst an Intensität, dann im Tempo zu steigern und schließlich in einem Thrash-Stakkato zu enden.

Eingedenk dessen, daß Metallica im Jahr 2001 als Band beinahe gestorben wäre und das Album „St. Anger“ nicht wirklich den Klang bot, der Metallica ausmacht, kann „Death Magnetic“ durchaus als musikalische Wiedergeburt bezeichnet werden. Die öffentliche Kritik richtet sich daher auch weniger gegen die Musik, wiewohl natürlich immer einige unzufrieden sind. Vielmehr rückte die Produktion in den Mittelpunkt, da der Produzent Rick Rubin mit diesem Album in den Loudness War zog. Als Folge der hohen Kompression soll der Klang schlecht sein, was so sein mag, aber meine Ohren bekommen dergleichen nicht mit.
Wie gewohnt erreichte das Album die Spitze der Albumcharts aller relevanten Länder, und da dies in Amerika zum fünften Mal in Folge der Fall war, setzte Metallica damit einen neuen Rekord. So hätte es also weitergehen können, aber zunächst ging Metallica ausgiebig auf Tour, und neues Material kam für längere Zeit nicht. Das nächste eigene Album erschien sogar erst acht Jahre später, was aber nicht heißen soll, daß die Band in der Zwischenzeit untätig war.

Lulu

Jahaha, Überraschung! Als ich meine Metallica-CDs hervorholte und begann, sie systematisch durchzuhören und diese Blog-Berichte zu schreiben, besaß ich „Lulu“ noch nicht, also ist sie nicht im oben… nee, unten abgebildeten CD-Stapel zu sehen. Aber ich bin ja Komplettist. Und je mehr ich mich in die Materie Metallica einarbeitete, desto deutlicher wurde mir, daß ich dieses Kapitelchen nicht auslassen wollte. Die Doppel-CD kostet auch nur schlappe 7 Euro, daher dachte ich mir: „scheiß drauf!“ und kaufte sie. Gebraucht wäre sie noch billiger gewesen und vermutlich trotzdem nahezu in Neuzustand, denn ich kann mir nicht vorstellen, daß „Lulu“ von irgendwem häufig aufgelegt wird.

What the fuck is „Lulu“, und wie konnte es dazu kommen?
Im Jahre 2009 wurde Metallica in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, was – wie könnte es anders sein – für Kontroversen sorgte, da Robert Trujillo ja erst seit kaum sechs Jahren Bandmitglied war und bislang nur an einem Album und zwei Touren mitgewirkt hatte; wie konnte er da schon in die Hall of Fame einziehen? Aber Metallica versteht sich als Family, also alle oder keiner! Jason Newsted wurde als ehemaliges aber bedeutsames Mitglied natürlich auch aufgenommen, ebenso der verblichene Cliff Burton, bei der Zeremonie repräsentiert durch seinen Vater. Dave Mustaine wurde wohl ebenfalls eingeladen, doch der wollte nicht. Jedenfalls. Im selben Jahr feierte die Hall of Fame 25jähriges Jubiläum, und beim Festakt spielte Metallica gemeinsam mit Lou Reed, seinerseits Halleninsasse mit The Velvet Underground. Die Idee kam auf, mal was zusammen zu machen. Für Projekte außerhalb der Norm ist Metallica ja immer zu haben, und im April 2011 war es dann soweit, man jammte mit Lou Reed.
„Lulu“ ist im wesentlichen ein Spoken-Word-Album von Lou Reed, mit Gedichten, die er einst für ein Frank-Wedekind-Projekt verfaßte, und Metallica unterlegt dies mit einem Klangteppich in Metal-Optäääakustik. Wer also geglaubt hatte, mit „Lulu“ hielte er ein Thrash-Metal-Album in den Händen, mußte enttäuscht werden. Verausgabt wurde es am 31sten Oktober 2011, Halloween, und es gruselte die Fans in der Tat. Denn obwohl alle Vorabrezensionen und auch die Band selbst davor warnten, ein typisches Metallica-Album zu erwarten, kauften die Fans halt ein „Metallica-Album“ – und konnten mit dem Dargebotenen nichts anfangen.
Als eines der eingängigeren Stücke zeige ich mal beispielhaft „Iced Honey“:

Die Kritiken der Fachpresse waren also verhalten, die Reaktion der Fans war vernichtend, am besten zusammengefaßt als: „Wer braucht den Scheiß?“ Gebraucht hätte das niemand, aber Metallica ist Metallica, und Metallica macht, was Metallica will. Allein die Chuzpe, als größte Metal-Band der Welt so ein Artsy-Fartsy-Projekt durchzuziehen und es öffentlich zu präsentieren, war es das schon wert, finde ich. Ja, öffentlich aufgeführt wurde „Lulu“ auch, während einer kurzen Radio-Station-Tour gemeinsam mit Lou Reed. Das längste Set scheint dabei ausgerechnet im WDR bzw. auf Eins Live gespielt worden zu sein; außerdem wurde die Aufführung bei dieser Gelegenheit gefilmt und dient jetzt sogar auf Metallicas offizieller Homepage als Referenz. Dem anwesenden Publikum war dabei auch gleichgültig, ob ihnen die Lulu-Lieder gefielen, hatten sie doch das Privileg, einer einmaligen Aufführung in Club-Atmosphäre beizuwohnen und der Band so nahe zu kommen wie nie.

Beyond Magnetic

Und es war ja nicht alles schlecht im Jahre 2011. Der deutsche Fußball-Meister fand mein Gefallen, und Metallica konnte das 30jährige Band-Jubiläum begehen. Dies geschah an vier Dezemberabenden im „Fillmore“ in San Francisco, und diese vier Shows müssen so ziemlich das Exklusivste gewesen sein, was ein Metallica-Konzert je zu bieten hatte. Naturgemäß boten diese Feierstunden eine Retrospektive, zu der Metallica Freunde und Weggefährten eingeladen hatte, unter anderem die ursprünglichen Gründungsmitglieder Ron McGovney und Lloyd Grant, die an der allerersten Veröffentlichung von „Hit the Lights“ beteiligt waren und nun hier nach nur 30 Jahren zum ersten Mal live mit Metallica auf der Bühne standen. Auch Dave Mustaine zeigte Größe und teilte die Bühne mit seinen ehemaligen Band-Kameraden, und Jason Newsted war natürlich auch dabei. Außerdem sang Marianne Faithfull live ihren Part von „The Memory Remains“, Apocalyptica ersetzten das Sinfonieorchester bei „No Leaf Clover“, Lou Reed performte Teile aus „Lulu“, und einige der Bands, deren Lieder Metallica im Laufe der Jahre gecovert hatten, traten ebenfalls auf, zum Beispiel Glenn Danzig von den Misfits sowie Geezer Butler und Ozzy „the Iron Man“ Osbourne von Black Sabbath. Auch John Marshall, der Gitarrenstimmer, der bisweilen in Shows für James Hetfield die Gitarre spielen mußte, wenn dieser sich mal wieder beim Skaten die Hand gebrochen hatte oder von der Bühnen-Pyro erwischt worden war, hatte seinen Auftritt. Viele Songs, die bis dahin selten oder nie live gespielt wurden, erlebten hier ihr Bühnendebüh. Debut. Alles in allem war es also eine fette Party, bei der James Hetfield nicht nur als Conférencier am Mikro glänzen konnte, sondern auch die ganze Woche über aus allen Poren strahlte. (Ich tu grad so, als wäre ich dabeigewesen; war ich natürlich nicht, aber auf Youtube gibt’s ja alles.)
Als wäre das alles nicht schon grandios genug gewesen, wurde an jedem der Abende einer von vier unveröffentlichten Songs aufgeführt, die bei den Aufnahmen von „Death Magnetic“ übriggeblieben waren, weil sie nicht ins Gesamtkonzept des Albums passten und sowieso keinen Platz mehr gefunden hätten. Deren einer ist „Just a Bullet Away“, bei dem man nach 4 Minuten nicht glauben darf, daß der Song jetzt zu Ende sei, denn nach einer kurzen Erholungspause setzt ein opetheskes Interludium ein, bis das Lied schließlich zu seiner thrashigen Form zurückfindet.

Unmittelbar nach der Aufführung standen die Songs jeweils den Fanclub-Mitgliedern zum Download bereit. Da Metallica jedoch diesem Internet mißtraut und mit der Downloadbarkeit von eigenem Material schlechte Erfahrungen gemacht hat, wurde die EP „Beyond Magnetic“ mit allen vier Liedern im Januar 2012 auch als akkurate CD veröffentlicht. Es wäre auch zu schade gewesen, diese Songs als Mastertapes in Lars Ulrichs Keller verschimmeln zu lassen, denn diese EP war durchaus geeignet, die Fans über „Lulu“ hinwegzutrösten und die Wartezeit aufs nächste Album zu verkürzen.

Through the Never

Doch Metallica hatte keine Zeit, für ein neues Album ins Studio zu gehen, denn andere Projekte nahmen ihre ganze Aufmerksamkeit in Beschlag. Projekte, Projekte, Projekte! Vor allem war schon Jahre zuvor die Idee an die Band herangetragen worden, einen Konzertfilm zu drehen, doch war es dazu nie gekommen. Jetzt jedoch war die Zeit reif. Und zwar sollte es ein IMAX-3D-Film sein. Mit Handlung! Schlicht das ganze Equipment nach Pompeji zu karren und das Konzert zu filmen, war nicht genug. Und ein Konzeptalbum, das die Handlung anhand der Songs erzählt, hat Metallica nicht im Œuvre; Pink Floyd schieden als Vorbild demnach aus. Klar war allerdings, daß der Konzertanteil an diesem Film spektakulär sein mußte, und daß so etwas wie ein „Best of“ unausweichlich war. Es wurde also eine Setlist zusammengestellt, die Songs aus allen Epochen der Band-Geschichte beinhaltete (außer „St. Anger“…), und diese Epochen sollten bei einer Live-Aufführung durch Special Effects auf der Bühne repräsentiert werden, wobei die ikonographischen Album-Titelbilder als Anhaltspunkt dienten. Mit derart spektakulären Bühnenshows hat Metallica insofern Erfahrung, als auf der Justice-Tour während der Konzerte eine Justizia-Statue gebaut und zum Einsturz gebracht wurde; dieser Effekt durfte also nicht fehlen. Aber statt die olle „Doris“, wie die Statue liebevoll getauft worden war, aus dem Keller zu holen, wurde sie für den Film neugebaut – in größer. Außerdem wuchsen während „Master of Puppets“ weißleuchtende Kreuze aus dem Boden, war „Fuel“ prädestiniert für Pyrotechnik, wurde das Verdun-Intro zu „One“ nicht nur auf Videoleinwänden gezeigt, sondern die Granateinschläge fanden ihren Wiederhall auf der Bühne, nebst Laser-Unterstützung. Und als besonderen Clou ließ man zu „Ride the Lightning“ den elektrischen Stuhl über der Bühne schweben und von Blitzen bebrutzeln, die in riesigen Tesla-Spulen erzeugt wurden. Die Bühne, auf der all das möglich wurde, war die größte und teuerste Bühne, die je für ein Rockkonzert gebaut wurde, und benötigte 40 Trucks für den Transport. Denn transportiert werden mußte das alles natürlich auch, nämlich erst nach Mexiko-Stadt, wo in acht Veranstaltungen das Konzert geprobt wurde, ehe es schließlich in Kanada auch gefilmt wurde. Vermutlich wurde es in Mexiko geübt, weil dort die Versicherungskosten niedriger sind – falls was passiert wäre, was angesichts von Tesla-Spulen in der Konzerthalle nicht einmal unwahrscheinlich war. Das Konzertkonzept stand also, fehlte noch die Handlung. Diese überließ Metallica dem angeworbenen Regisseur, Antal Nimrod. Die Rahmenhandlung ist nun nicht oscarreif. Im Grunde geht’s darum, daß, während in der Halle das Konzert vor einem aus gutem Grund enthusiasmierten Publikum stattfindet (immerhin sehen die Leute im Film tatsächlich gerade die spektakulärste Bühnenshow seit „The Wall“), die wirkliche Welt draußen in Gewalt und Chaos versinkt und ein junger Roadie das Pech hat, sich durch diese apokalyptischen Zustände kämpfen zu müssen, um irgendwas zu holen, was bis zum Ende des Konzerts auf der Bühne sein muß. Dabei sind die auf der Bühne gespielten Songs jeweils an die Spielfilmszenen angepaßt. Beziehunsgweise eigentlich andersherum, denn die Lieder waren ja zuerst da. „Kill ’em All“ wird hier, die Trennung zwischen Konzert und Rahmenhandlung durchbrechend, sozusagen dargestellt durch einen hammerschwingenden Todesreiter, der in der Tat alle killt, die ihm in den Weg treten. Für four horsemen hat’s freilich nicht gereicht. Am Ende bricht die Bühne parallel zur Welt außerhalb und aufgrund der Ereignisse, die dort stattfinden, zusammen, James merkt an, daß man diesen ganzen Plunder ja eigentlich eh nicht brauche, und Metallica spielt „Hit the Lights“ minimalistisch im Garagenstil. Das hat seinen Charme.
Der unglückselige Roadie kann gegen alle Widerstände seine Mission erfüllen und wird in der dann leeren Konzerthalle mit einer Exklusivdarbietung von „Orion“ belohnt, durch welche auch Cliff Burton irgendwie in diesen Film findet. Die Idee, ihn als Hologramm einzubinden, kam zwar auf, wurde aber als too cheesy verworfen.
Da im Film an passender Stelle nur das Riff angerissen, der Song aber nicht auf der Leinwand ausgespielt wird, sei „Wherever I May Roam“ der Anspieltipp:

Den Rest der Show gibt’s im Film, sehenswert ist er allemal. Die Produktionskosten von über 30 Millionen Dollar konnten 2013 an den IMAX- bzw. Kino-Kassen freilich nicht eingespielt werden. Wenn wir also irgendwann lesen, daß Metallica, wie alle anderen Superstars auch, pleite sind, wissen wir, warum. Die Jungs, inzwischen zu ausgewachsenen Männern über 50 herangereift, sind also weiterhin darauf angewiesen, ihre Brötchen auf Tour zu verdienen. Und das taten sie gerade im Jahr 2013 besonders fleißig. Innerhalb von 12 Monaten gaben sie Konzerte auf allen Kontinenten, was weniger außergewöhnlich klingen mag, als es tatsächlich ist, wenn man nämlich die Antarktis dazuzählt. Die südamerikanische Coca-Cola-Filiale hatte für Gewinner eines Wettbewerbs eben dies getan: Ein Metallica-Konzert bei der argentinischen Südpolarforschungsstation organisiert und Band wie Fans samt Ausrüstung ins ewige Eis transportiert. Dieser Auftritt war also noch exklusiver als die Geburtstagsshows in San Francisco, und er brachte Metallica einen offiziellen Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde ein.

(Und während ich all das schreibe, fällt mir soeben auf, daß ich jetzt „Lulu“ schon zum mindestens dritten Mal durchlaufen lasse. Auch das dürfte ein nie dagewesener Rekord sein. Und was soll ich sagen: Es ist weniger schmerzhaft als „St. Anger“.)

Hardwired… To Self-Destruct

Inzwischen ist das Jahr 2016 über uns gekommen, und da ist es doch noch, das neue Metallica-Album! Als Appetizer war bereits im Jahre 2014 der Song „Lords of Summer“ zunächst digital, schließlich auch als Vinyl-Single veröffentlicht worden, wovon ich natürlich nichts mitbekam, was mir aber eh nichts genützt hätte, da ich weder mit iTunes noch mit Vinyl was anfangen kann. 2015 gingen die Herren dann endlich ins Studio, um das zehnte Album aufzunehmen. Man ließ sich Zeit und legte alles in die Produktion, um so ein Semidesaster wie mit der Kompression von „Death Magnetic“ zu vermeiden. Die 12 Songs des Albums haben eine Gesamtspieldauer von 77:22 min, hätten also – seit „Load“ wissen wir das – wahrscheinlich auf eine CD gepaßt, aber um den bestmöglichen Klang rüberzubringen, wurden sie auf zwei Scheiben verteilt, was „Hardwired… To Self-Destruct“ somit zu einem Doppelalbum macht, irgendwie. In der Deluxe-Version bekommt man sogar drei Scheiben, wo dann „Lords of Summer“ in einer verkürzten Neueinspielung ebenfalls enthalten ist, neben drei neuen Cover-Songs und 10 Live-Aufnahmen. Wie dem auch sei.
„Hardwired“ ist dann auch direkt zu Beginn der Titeltrack, eine 3-minütige Thrash-Ansage, die das Thema des Albums setzt: „We’re so fucked“, denn die Welt ist im Arsch, und die Menschen sind Arschlöcher, aber wir können ja nicht anders, denn wir sind hardwired to self-destruct. Mit „Atlas, Rise!“ geht es in einigermaßen schnellem Tempo weiter, und man fragt sich, wie die alten Männer das noch ohne die Gefahr von Herzkaspern und Sehnenscheidenentzündungen auf die Bühne bringen wollen. Doch im Folgenden wird die Geschwindigkeit etwas gedrosselt und kommt im düster-dräuenden „Dream No More“ fast ganz zum erliegen, wenn Cthulhu angekrochen kommt. „Hardwired… To Self-Destruct“ hat unbestreitbar seine Höhepunkte, aber gerade im zweiten Teil durchaus auch seine Längen. Das könnte daran liegen, daß Hetfield und Ulrich quasi alles alleine komponieren mußten, da Hammett der Anekdote nach das iPhone mit seinen Song-Ideen verschludert hatte, seine Beiträge sich also auf die Soli beschränkten und weiterer Input fehlte. Wir schleppen uns also wohlwollend, denn einige gute Riffs und Melodien gibt es in jedem Song, durch die zweite CD, verdrücken bei „Murder One“, einer Hommage an den kurz zuvor verstorbenen Lemmy Kilmister, ein Tränchen und werden für unsere Geduld schließlich durch „Spit Out the Bone“ mit einer Thrash-Explosion belohnt, die alles hat: Geschwindigkeit, Rhythmuswechsel, Riffs und Soli, derer eines sogar vom Baß. Insgesamt ist das Album mehr als solide, aber ob es ein Klassiker wird, muß die Zeit zeigen. Gemessen daran, daß die zu ihrer Zeit ungeliebten Load-Alben inzwischen Klassikerpotenzial haben, besteht diese Chance also für „Hardwired…“ durchaus auch.
Als Hörbeispiel wähle ich „Atlas, Rise“:

Da Metallica es können, haben sie zu allen 12 Songs (bzw. 13 inklusive „Lords of Summer“) offizielle Videos veröffentlicht. Von diesen ist nicht jedes einzelne ein Höhepunkt der Videokunst, da bisweilen halt einfach Konzert- und Behind-the-Scenes-Material der Band verwendet wird, aber einige sehr gute Ideen sind auch hier dabei, vor allem das animierte Lemmy-Tribute und die dystopische Matrix-Adaption zu „Spit Out the Bone“. Und wann hätte eine Band jemals Videos zu allen Liedern auf einem Album veröffentlicht?

So, ich bin durch, mehr habe ich nicht von Metallica. Ich habe mal bei einem örtlichen Ebay-Anbieter Lego abgeholt. Der hatte einen halben Meter CDs im Schrank und merkte an: „Mehr gibt es nicht von Metallica.“ Da waren dann alle Singles und Konzertalben dabei, und was weiß ich, was es sonst noch gibt. So komplett muß ich’s auch wieder nicht haben. Zumal man auf der offiziellen Homepage der Band feststellen kann, daß es noch sooo viel mehr gäbe: Sondereditionen, Fanclub-Specials, und inzwischen annähernd von jedem einzelnen Konzert offizielle „Bootlegs“, falls man das noch so nennen kann, wenn der Mitschnitt im Auftrag der Band selbst erstellt wurde. Wer das alles haben möchte, kann der Band „Through The Never“ im Alleingang refinanzieren. Ich jedenfalls habe meinen Beitrag dazu geleistet.

Schlußbemerkung

Und warum ist Metallica jetzt die größte Metal-Band der Welt? Die sind doch nur zu viert?
Metallica ist auf jeden Fall mehr als die Summe seiner Bestandteile. Da hätten wir James Hetfield, der von sich selbst sagt, daß er von Musik eigentlich kaum was verstehe, und dessen Gesangskünste er zumindest zu Beginn selbst in Zweifel zog, worin ihm bis heute viele beipflichten, wenn man den Kommentaren unter Youtube-Videos Glauben schenkt. Sodann haben wir Lars Ulrich, der zwar von keinerlei Selbstzweifeln geplagt zu sein scheint, dessen Fähigkeiten an den Drumms aber vor der Bandgründung von James arg in Frage gestellt wurden. Auch hier folgt ihm eine nicht unbedeutende Anzahl Youtube-Kritiker, die Lars nicht nur wegen seines schlampigen Schlagzeugspiels hassen, sondern auch wegen seiner Rolle in der Napster-Affäre. Dann wäre da noch Kirk Hammett, dessen Name selten genannt wird, wenn die größten Gitarristen des Planeten aufgezählt werden, vor allem soll er an seinen Vorgänger Dave Mustaine nicht annähernd herankommen. Und schließlich haben wir Cliff Burton, den Gott am Baß; aber der ist tot. Sein Nachfolger Jason Newsted ist ebenfalls nicht mehr in der Band, wofür er von den Kritikern abgefeiert wird. Die gegangen sind, sind offenbar immer die Besten. Robert Trujillos kreative Beiträge waren bislang überschaubar, er überzeugt eher durch seine animalische Bühnenpräsenz. Wenn wir das alles zusammenfassen, müßte Metallica also eine bestenfalls mediokre Band ohne nennenswerte Anhängerschaft sein.

Is‘ aber nich‘ so. Stattdessen haben die Jungs als Kollektiv ungefähr… ich zähle mal schnell durch: 10, 8, 8, 9, 12, 14, 13, 2, 1, 11, 10, (10), 4, 1, 12 eigene nebst mindestens 11, 16, 3 gecoverten Songs veröffentlicht, im Zuge dessen unzählige Riffs und Melodien von einzigartiger Wiedererkennbarkeit geschaffen und ebensoviele Metal-Klassiker in die Welt gebracht, ein ganzes Genre mitbegründet und geprägt, waren Vorbild für Dutzende Nachfolgebands und verdienten sich den Respekt der meisten, wenn nicht aller ihrer eigenen Vorbilder. Außerdem war der Dude Roadie für Metallica, noch Fragen?

Davon, daß Metallica eine phantastische Live-Band ist, worauf von Beginn an ein großer Teil ihres Ruhms fußte, überzeugte ich mich neulich auch endlich. Da ich ja bis jetzt vor allem ein Schönwetter-Fan war, fuhr ich also im Regen nach Köln und sah die Altherrencombo amtlich abrocken. Bei der Gelegenheit wurde ich von James Hetfield in der Metallica-Familie willkommen geheißen, darum ist mein Leben jetzt vollkommen.


CD-Regal revisited: Metallica. (Vol. 2)

11. September 2017

Mit dem schwarzen Album im Repertoire tourte Metallica ausgiebig, zum Teil gemeinsam mit Guns n‘ Roses, und kletterte sogar durch den 1991 sehr löchrig gewordenen Eisernen Vorhang, um neben AC/DC, Pantera und den Black Crows ein Konzert in Moskau zu spielen, vor geschätzt anderthalb Millionen Menschen, die von der örtlichen Gendarmerie zusammengeknüppelt wurden, wenn sie zu headbangen und pogen wagten. Die mediale Präsenz der Band zu jener Zeit war gewaltig, Festival-Auftritte wurden live im Fernsehen gezeigt, die Videos zu „Enter Sandman“ und „Nothing Else Matters“ und sogar gelegentlich „One“ liefen häufig bei MTV und in der schon erwähnten Sendung „Hit Clip“. Natürlich konnte Metallica auf diese Weise zahllose Fans hinzugewinnen (zum Beispiel mich), die bis zum Erscheinen des nächsten Albums Gelegenheit hatten, sich mit den bisherigen 47 Songs und dem spezifischen Stil von Metallica vertraut zu machen. Thrash-Metal, yeah! Pommesgabel! Bang the head, that doesn’t bang! (Außer in Moskau; da andersrum.)
Dann wurde im Jahre 1996 endlich, nach fünf Jahren, das neue Album angekündigt.

Load

Moment mal… Das Logo, einst von James Hetfield höchstselbst mit Haushaltsmitteln entworfen, hatte sich verändert, die Wolfsangeln an M und A wurden abgefeilt. Ein vervierfachtes Metallica-M zierte bloß noch als Ninjastern die runde CD. Anzeichen für einen Image-Wechsel? Auch ein Blick ins Booklet schien darauf hinzudeuten. Die Jungs hatten ihre langen Haare abgeschnitten und zeigten sich dandyhaft zigarrerauchend und – durfte es denn wahr sein? – geschminkt! Um diese Stilveränderung auch noch besonders zu betonen, ist Bildern der Band mehr Platz zugedacht als einer ordentlichen Repräsentation der Songtexte, von welchen jeweils nur einige exemplarische Zeilen abgedruckt sind. Vielen altgedienten Headbangern genügte vermutlich all dies schon, um das Album nach äußerlicher Begutachtung im Plattenladen zuzuklappen und wieder ins Regal zu stellen. Um es später heimlich über Mittelsmänner doch zu kaufen, denn irgendwer muß ja dafür gesorgt haben, daß es in den USA, GB und Deutschland an die Spitze der Album-Charts stürmte.
Das Album heißt „Load“, und vollbeladen ist es wahrlich; die 14 Lieder füllen die CD über fast 80 Minuten bis an den Rand. „80 verschwendete Minuten“, jammern die obbedachten Headbanger. Denn nicht nur sind die Thrash-Momente seltener geworden. Überhaupt ist die Musik bisweilen kaum als Metal zu bezeichnen, sondern tendiert zu Hardrock, mit Blues- und Country-Einflüssen. Die Melodieführung ist noch weniger Riff-basiert als auf dem Vorgängeralbum, das Tempo ist mäßig. Dessen ungeachtet ist der Sound druckvoll und satt. Damals, 1996, besaß ich nur das schwarze Album und „Master of Puppets“, doch auch mir Laien fiel durchaus auf, daß der Stil sich verändert hatte, aber mir gefiel’s. Ich war und bin ja kein traditioneller Metalhead. Wenn eine Band wie Metallica experimentierfreudiger ist als ihre Kernhörerschaft, dann ist das halt so. Nach viereinhalb Jahren auf Tour mit immer denselben gespielten Liedern aus dem umfangreichen Back-Catalog muß man einer Band wohl zugestehen, daß sie sich am eigenen Material sattgehört hat und etwas anderes ausprobieren möchte. Immerhin verfielen sie nicht auf seichten Pop, sondern schrieben weiterhin gitarregetriebene Lieder mit introvertierter, düsterer Thematik. Nerviger als die meiner Ansicht nach legitimen musikalischen Experimente finde ich, daß James in seinem Gesangsstil einen gewissen Manierismus entwickelte, der sich in „whoas“ und „yeas“ am Ende von Textzeilen äußert.
Als Höreindruck wähle ich mal „Bleeding Me“, das ganze Album in einem Song: Bluesiges Intro, Riffs, Druck, Solo und mysteriöse Lyrics.

Nach der ausufernden Tour hatte Metallica soviel Material, daß das neue Album eigentlich ein Doppelalbum werden sollte, was das Management ihnen aber ausredete. Aber auch so paßten die erarbeiteten Songs nur mit knapper Not auf die CD, so daß das letzte Stück „The Outlaw Torn“ auf schlanke 9:47 min gekürzt werden mußte, weil so eine CD halt nur 78:59 min faßt. So lange dauerte also eine Aufführung von Beethovens 9ter Sinfonie unter der Leitung Herbert von Karajans. Anyway, den Song in voller Länge packte man als B-Seite auf eine Single des Folge-Albums, welches ja eigentlich der zweite Teil dieses Albums hätte werden sollen. Entsprechend erschien es auch bereits im Jahr darauf, 1997:

ReLoad

Der zweite Teil des Load-Doppels ist insgesamt weniger bluesig und dafür etwas härter und düsterer, drohender. Zum allerersten Male wird ein Metallica-Album nicht mit Gitarrenklängen eröffnet, sondern von James Hetfields Stimme, der nach Zündstoff im Song „Fuel“ verlangt, einer schnellen Nummer. Dieses Intro schreckte mich beim erstmaligen Hören direkt ab, wiewohl das Lied eigentlich recht gut ist, und bestimmte so meine Erwartungsgrundhaltung für alles Folgende. Nun, mit 20 Jahren Abstand, beurteile ich die gelieferten Songs durchaus wohlwollender, obschon ich „Load“ bevorzuge. Das Grundthema auf „ReLoad“ scheint die Verführbarkeit und Sündhaftigkeit der Menschen zu sein, und wo dergleichen hinführt. Im Lied „The Memory Remains“, die Todsünde der Vanitas behandelnd, gibt Marianne Faithfull ein Gastspiel. Und der Teufel lauert immer irgendwo, am offensten im Danse-Macabre-Stück „Devil’s Dance“, welches in seiner schleppenden Düsterkeit geradezu deathmetallen anmutet, original mit Growling-Einlagen von Jason Newsted im Hintergrund. Da ich mich nur schwer für ein repräsentatives Anspielstück entscheiden kann, nehmen wir halt das:

„Load“ und „ReLoad“ fanden zwar reißenden Absatz, wurden aber, wie erwähnt, von den angestammten Fans verhalten aufgenommen. Der Headbanger angunfürsisch erwartete von Metallica reinen Thrash-Metal, mindestens im Stile der Alben „Ride the Lightning“, „Master of Puppets“ und „…And Justice for All“, besser noch wie auf dem Erstling „Kill ’em All“, und die Band verweigerte sich stumpf diesem Ansinnen. Der äußerliche Stilwechsel, am augenfälligsten natürlich die neuen Kurzhaarfrisuren, trugen zum Eindruck bei, Metallica habe sich und ihre Wurzeln verloren. Da wußten die Fans ja noch nicht, was noch alles kommen sollte.

Garage Inc.

Zunächst kam im Jahre 1998 ein Doppelalbum mit Cover-Versionen. Nachdem sie in den vorangegangenen zwei Jahren zwei Alben mit insgesamt 27 neuen Liedern veröffentlicht hatten, mußten sich die Jungs wohl zwischendurch beim Nachspielen von andererleuts Songs erholen. Dergleichen war für Metallica keineswegs untypisch, hatten sie doch in ihren Anfangstagen, wie vermutlich jede junge Band, ihre Setlist mangels eigener Songs vornehmlich mit Coversongs aufgefüllt. Auch später erwiesen sie bisweilen einer Vorbild-Band ihre Reverenz und nahmen Cover-Songs als Single-B-Seiten auf, zum Beispiel vier Motörhead-Songs anläßlich Lemmys 50stem Geburtstag. Und zum Einstand Jason Newsteds veröffentlichten sie 1987 die $5.98-EP „Garage Days Re-Revisited“. All dies packten sie nun auf die zweite Scheibe des aktuellen Garage-Inc-Albums. Für Disc 1 nahmen sie elf neue alte Lieder aus fremder Feder auf, nachdem sie offenbar ausgiebig in Lars Ulrichs Vinyl-Sammlung geschwelgt hatten. Die Liste umfaßt kurze knackige Punk-Klassiker („Die, Die My Darling“ der Misfits), Heavy-Metal-Legenden („Sabra Cadabra“ von Black Sabbath), aber auch Düsterrock („Loverman“ von Nick Cave & The Bad Seeds) nebst einigen anderen. Natürlich durfte auch Ulrichs erklärte Lieblingsband Diamond Head nicht fehlen, die bereits in seiner sagenumwobenen Zeitungsanzeige erwähnt wurde, welche zur Gründung Metallicas führte. Die Idee, ein komplettes Coveralbum einzuspielen, kam den „Metallicats“ (so eine scherzhafte Bezeichnung im CD-Booklet) wohl relativ spontan, aber da nun schon mal ein neues Album vorlag, veröffentlichten sie natürlich auch Singles. Neben „Die, Die Darling“ waren dies „Turn the Page“ von Bob Seger und „Whiskey in the Jar“, welches gemeinhin Thin Lizzy zugeschrieben wird, aber eigentlich ein traditionelles irisches Trinklied ist; da waren die Veröffentlichungsrechte wohl am unkompliziertesten. Aber da es dazu ja auch Videos gab, die jeder kennt, sei als Anspieltip stattdessen „Astronomy“ von Blue Öyster Cult genannt:

Eigentlich bin ich kein großer Freund von Coverversionen, mir sind Originalsongs einer Band prinzipiell lieber. Zumal, wenn der ganze Ruhm eines Sängers oder einer Band auf einer erfolgreich lancierten Cover-Version eines Klassikers beruht, wie es im Radiopop nicht selten vorkommt, finde ich das äußerst frag- und keineswegs unterstützenswürdig. Metallica ist dessen freilich unverdächtig. Ihre frühen Cover waren sicherlich Fingerübungen und halfen ihnen dabei, ihren eigenen Stil zu entwickeln und die Beherrschung ihrer Instrumente zu verfeinern, aber den Ruhm erarbeiteten sie sich durch selbstgeschriebene Lieder. Später aufgenommene Cover-Songs sind als Ehrerweisung gegenüber dem jeweiligen Originalkünstler zu verstehen, als Karriereschub hatte Metallica so etwas schlichterdings nicht nötig, denn die Nummer 1 der Metal-Welt waren sie ohnehin. Das vorliegende Album war ein Spaßprojekt, das vor allem der Abwechslung im Touralltag diente. Die Qualität der aufgenommenen Songs ist metallicamäßig hervorragend, gebraucht hätte ich es trotzdem nicht. Dennoch kaufte ich das Album, weil ich 1998 alles kaufte, wo Metallica draufstand – außer „Kill ’em All“. Aber ich glaube, ich habe das jetzt erst zum zweiten Mal komplett durchgehört und werd’s auch so bald nicht wieder auflegen.

S&M

Nachdem Metallica 1998 andere Bands gecovert hatte, ergab sich 1999 die Gelegenheit, sich selbst zu covern. Michael Kamen, Dirigent und Komponist von Filmmusik, der bereits 1991 die Streicher in „Nothing Else Matters“ arrangiert hatte, kam auf Metallica zu, um ein Projekt zu verwirklichen, das ihm vorschwebte: Die Verbindung von traditionellem Sinfonieorchester und kraftvoller Rockmusik. Metallica, nie davor zurückscheuend, sich auf musikalische Gratwanderungen zu begeben, stimmte zu. Kamen komponierte für eine Reihe Metallica-Songs Orchester-Adaptionen, teilweise unterstützend und begleitend, teilweise der Melodie eines Songs diametral entgegenarbeitend. Um herauszufinden, wie das klang, gab es für Metallica nur eine Möglichkeit: Ein gemeinsames Konzert mit dem San Francisco Symphony Orchestra. Selbstredend wurde dieses Konzert umfänglich aufgezeichnet und auf Platte und DVD gebannt. Als kleines Schmankerl brachten Hetfield, Ulrich und Co. zwei bisher unveröffentlichte Lieder im Rahmen dieses Konzerts zur Aufführung, „No Leaf Clover“ und „Minus Human“. Überdies hielt dieses Konzert für die Band die Freude parat, daß ihr langjähriges Einlauflied, Ennio Morricones „Ecstasy of Gold“ aus dem Film „The Good, the Bad and the Ugly“ hier einmal live von einem Orchester gespielt wurde, während es bei ihren Konzerten sonst als Konserve vom Band läuft. Der Mehrwert fürs Orchester war vermutlich, daß hier eine Interaktion mit dem Publikum stattfand, die bei Sinfoniekonzerten gemeinhin unüblich ist. „Hier spielt die Musik!“ gilt bei Rockkonzerten nur eingeschränkt.
Als Höreindruck sinnvoll wäre sicher so mancher Song, der hier mit Orchesterbegleitung dargeboten wird. Da es jedoch „No Leaf Clover“ nur auf diesem Album gibt, soll es dieses sein. Leider habe ich keinen Konzertausschnitt gefunden, der das Albumtitelbild zeigt, aber was soll’s.

Es ist fast schon selbstverständlich, daß auch „S&M“ in Deutschland den Gipfel der Album-Charts erklomm. In den USA schaffte es die Platte freilich nur auf Platz 2. Trotz oder gerade wegen dieses kommerziellen Erfolgs beurteilten die treuen Metal-Fans dieses Konzert-Album kritisch. Denn was hatte Metal mit einem Sinfonieorchester zu tun? Nichts, nämlich. Schlagzeug, Klampfe, Baß und Stimme, fertig! Und hier saß die Band, ordentlich rasiert und gekämmt und in saubere Oberhemden gewandet, und spielte umrahmt von Musikern in Frack und Fliege – Snobs! Die Kluft zwischen Fans und Band wurde also augenscheinlich immer größer. Und trotzdem waren alle Konzerte stets ausverkauft.

Das Drama

Metallica hatte also innerhalb von vier Jahren vier Alben veröffentlicht, 1996, 1997, 1998, 1999. Damit das Jahr 2000 nicht ohne Neuveröffentlichung blieb, steuerte Metallica für den Film „Mission: Impossible 2“ den Song „I Disappear“ bei. Da ich ja (bis auf „Kill ’em All“) alles kaufte, lehnt das Soundtrack-Album zum Film am Stapel mit den Metallica-CDs. Aber nicht jeder war bereit, eigens ein ganzes Compilation-Album zu kaufen, bloß um einen neuen Metallica-Song zu hören. Im Jahr 2000 war die Lösung: Napster. In dieser Online-Tauschbörse fand man alles, was man hören wollte – kostenlos. Unter anderem auch eine Demo-Version von „I Disappear“, die dann bei Radiostationen gespielt wurde. So fand Metallica heraus, daß ihre Musik im Internet zum Download bereitstand, und war not amused. Unter Federführung von Lars Ulrich strengte Metallica daher eine Klage gegen Napster und die Universitäten an, auf deren Servern ein Großteil der Songs lagerte, und verlangte die Sperrung von Usern, die Metallica-Songs zum Download anboten. Sobald diesem Ansinnen stattgegeben worden war, zog Metallica die Klage gegen die Unis zurück, aber die Fans waren trotzdem sauer. Rock ’n‘ Roll und vor allem Metal bedeuteten doch Freiheit, und hier schwang sich die größte aller Metal-Bands auf und wollte die Freiheit der Internet-Nutzer – ihrer Fans! – beschränken, zugunsten des Kommerzes! Für viele paßte dies ins zuvor schon beschriebene Bild, demzufolge die Band sich von ihren Fans immer weiter entfremdete.
Dessen ungeachtet wurde es im Jahre 2001 für Metallica Zeit, ein neues Studioalbum aufzunehmen. Denn wiewohl die Vorjahre vier große Veröffentlichungen gesehen hatten, war die Hälfte davon kein eigenes oder kein neues Material. Das Management war hinsichtlich dieses neuen Albums offenbar ambitionierter als die Band selbst, weshalb es (das Management) zwei professionelle Dokumentarfilmer samt Crew anheuerte, um den Entstehungsprozeß für die Nachwelt festzuhalten, in einer Weise, die über übliche Making-Offs oder Behind-the-Scenes hinausging; Geld spielte keine Rolle. Doch in der Band lief es plötzlich nicht mehr rund. Schon seit längerem fühlte sich Jason Newsted kreativ unterfordert, weshalb er sich verstärkt seinem Nebenprojekt Echobrain widmete. Nun wollte er dieses Projekt professionalisieren, aber James Hetfield hatte was dagegen. Metallica hatte der Mittelpunkt der Metallica-Mitglieder zu sein, und es hatte keine Soloprojekte zu geben! Jasons Ego war ausreichend groß, um die Konsequenz zu ziehen: Bye, bye, Metallica! Die Eier muß man erstmal haben, die größte Band der Welt zu verlassen.

Nun hatte Metallica also Querelen mit den Fans, stand mal wieder ohne Bassisten da, hatte ein Album vor der Brust und eine Filmcrew im Nacken, und es wurde deutlich, daß nach 20 Jahren das Verhältnis zwischen James und Lars, den beiden Alpha-Tieren, arg angespannt war; und der arme Kirk Hammett saß zwischen allen Stühlen. Aber das Studio war gebucht und Metallicas Haus- und Hofproduzent Bob Rock stand Gewehr bei Fuß, es mußte also weitergehen. Mit Unterstützung des zu Rate gezogenen Gruppentherapeuten Phil Towle (Metallica zahlte ihm $40.000 im Monat für 24-stündige Verfügbarkeit) und mit Bob Rock am Baß ging es auch weiter. Drei erste Songs wurden aufgenommen, mit Ecken, Kanten, Haken, Ösen und allem. Aber vor allem James merkte, daß er am Limit war, auch familiär, und schuld war: der Alkohol. Jahrzehntelang war James Hetfield nicht ohne Bierkanne in der Hand vorstellbar gewesen, und jetzt war es zuviel. Während der Aufnahmen fürs neue Album verabschiedete er sich in die Rehabilitation und blieb zehn Monate weg. Für Lars Ulrich war das Ende für Metallica spürbar. Später gab er zu Protokoll, daß es ohne den Therapeuten und ohne die ständig anwesende Kamera als Katalysator das neue Album und damit die Band vermutlich nicht gegeben hätte. Jedenfalls, Hetfield kehrte zur Band zurück, voll rehabilitiert und alkoholfrei, wofür allein ihm schon jeder Respekt gebührt. Doch das Verhältnis zu Lars blieb zunächst problematisch, zumal gerade durch Hetfields Trockenlegung eine neue Inkongruenz entstanden war: Während James jetzt viel besonnener und vernünftiger wirkte und seine wiedergewonnene Familie in den Mittelpunkt rückte, war Lars der unzähmbare Irrwisch geblieben, für den Metallica an erster Stelle stand. Überdies war Kirk angepißt, weil das Album keine Gitarrensolos enthalten sollte. Doch immerhin, die Arbeiten am Album schritten voran, die Unstimmigkeiten zwischen Lars und James wurden unter der unverzichtbaren Vermittlung von Kirk geglättet, und am Ende waren die beiden wieder soweit auf einer Wellenlänge, daß sie sich gegen den Therapeuten verbünden konnten. Es war geschafft. Das Auseinanderbrechen Metallicas war abgewendet, und im Juni 2003 stand das neue Album. Statt der geplanten Wochen oder Monate hatte es fast drei Jahre bis zu seiner Vollendung gedauert.

St. Anger

Um zu verstehen, weshalb „St. Anger“ klingt, wie es klingt, ist es unbedingt angeraten, den Dokumentarfilm „Some Kind of Monster“ anzuschauen, der anstelle des eigentlich geplanten Making-Off-Films entstanden war. Den gibt es zum Beispiel bei Netflix, oder halt auf DVD, am besten in der 2-Disc-Version, denn die zusätzlichen Szenen sind ebenfalls sehr sehenswert. Das Album spiegelt das ganze Drama wieder, das ich oben kurz umrissen habe, und das der Dokumentarfilm ausführlich schildert. Entsprechend wütend und roh ist der Klang; James‘ Gesang ist wenig melodiöses Geschrei, und die Drums erschlagzeugen wüstes Geschepper, weil Lars offenbar drei Jahre lang vergessen hat, seine Snare-Drum ordentlich zu spannen. Nee, das sollte natürlich so sein, aber dem Ohr ist es nicht angenehm. Der beste Moment auf dem Album ist eine Textzeile im ersten Song „Frantic“, welche, wie der Film offenbart, aus Kirk Hammetts Feder stammt: „My lifestyle determines my deathstyle“. Das erfüllt mich mit einer gewissen Befriedigung, weil normalerweise Kirk im Schatten von Lars und James steht, eher Erfüllungsgehilfe denn vollwertiges Mitglied des Kreativteams ist, und das finde ich schade. Also hier:

Der Kontrast zum glatten, orchestralen S&M-Album, dem Vorgänger, könnte nicht härter sein. Überhaupt ist „St. Anger“ anders als alles andere, was Metallica vorher und nachher produziert hat, und da brauche ich nicht einmal auf die Musik zu referieren. Rein äußerlich unterscheidet es sich schon dadurch, daß kein Metallica-Logo auf dem Titel prangt, sondern dieser von der wütenden St.-Anger-Faust dominiert wird, passenderweise in aggresivem Rot und Orange. Es gibt freilich ein Metallica-Logo, jedoch nur im Innern des Booklets und auf dem Tonträger selbst. Dieses Logo ist wiederum anders als der Schriftzug, der auf den Load-Alben verwendet wird, aber es ist auch nicht das klassische Metallica-Signé.
Und das Album wurde aufgenommen ohne gültigen Bassisten, denn Bob Rock spielte die Baß-Tracks ja nur aushilfsweise ein. Dennoch wird im Beiheft Robert Trujillo als viertes Band-Mitglied aufgeführt, wiewohl er erst nach Fertigstellung des Albums als neuer Bassist gecastet wurde. Die Wahl fiel auf ihn, weil sein Spielstil dem Cliff Burtons unter allen Bewerbern am nächsten kam. Außerdem ist er ein freundlicher, cooler Typ. An den Aufnahmen fürs St.-Anger-Album war er freilich nicht beteiligt, obwohl das Booklet ihn zeigt, sondern seine ersten Auftritte hatte er in den Videos zu den Single-Auskopplungen. Und damit teilt er das Schicksal so ziemlich jedes seiner Vorgänger. Bereits Cliff stieß erst zur Band, als die ersten neun Songs des Debütalbums bereits fertig und zum Teil auf Demo-Tapes veröffentlicht waren, aber immerhin durfte er sie fürs Album einspielen. Jason Newsted hatte dann drei Alben aufzuholen, deren Lieder er für Konzerte parat haben mußte, und auf seinem ersten Album mit Beteiligung ist sein Baßspiel nicht zu hören. Und nun also Robert Trujillo. Der „Neue“ ist ja inzwischen auch schon seit 14 Jahren dabei und darf als etabliert gelten. Überdies wagt er sich an Songs heran, die seit Cliffs Tod nicht mehr live aufgeführt wurden, allen voran „(Anesthesia)–Pulling Teeth“, um das die Band 2013 anläßlich des 30jährigen Album-Jubiläums von „Kill ’em All“ nicht herumkam.

À propos. „St. Anger“ kaufte ich damals nicht. Heute kann ich dem Album ja eine gewisse Sympathie entgegenbringen, zumal es zwar musikalisch das schlechteste, dennoch für den Bestand der Band vielleicht das wichtigste Album ist. Es bedarf sozusagen einer Meta-Sichtweise, um es zu mögen, und diese Meta-Ebene hatte ich damals nicht, da ich die Hintergründe nicht kannte. Zu jenem Zeitpunkt hatte Metallica schlicht eine Entwicklung genommen, die mich nicht mehr interessierte. Damit war ich sicher nicht allein.
Stattdessen kaufte ich „Kill ’em All“, womit dieser Running-Gag auch endlich aus der Welt wäre.


CD-Regal revisited: Metallica. (Vol. 1)

1. September 2017

Ich bin aufgewachsen in den 80er und 90er Jahren. (Des 20sten Jahrhunderst, falls man dies hier auch noch Jahrhunderte später lesen kann.) Das war die Zeit, als die „Superhits der 80er und 90er“ noch gleichzeitig „das Beste von heute“ waren. Davon bekam ich allerdings zunächst nur wenig mit, denn wenn meine Eltern mal das Radio einschalteten, dann vor allem für informative Wortbeiträge, und im Plattenschrank konnte ich wählen zwischen Bach und Händel, Mozart und Beethoven nebst etwas Smetana und Tschaikowski. Die einzige Popmusik der Gegenwart, zu der ich regelmäßig Zugang hatte, befand sich auf einer Kassette, die werkseits dem Walkman (von Sony!) beilag, den ich gegen Ende der 80er zu Weihnachten bekam. Darauf befanden sich – wie ich erst später nach und nach rekonstruierte – Teile des Soundtracks von „Dirty Dancing“ und von Michael Jacksons Alben „Thriller“ und „Bad“ nebst einigen Einzelstücken. Alles in allem keine schlechte Musik, die ich rauf und runter hörte.

Auf dem Gymnasium kristallisierte sich irgendwann heraus, daß in meiner Klasse Heavy Metal die bevorzugte Musikrichtung war, und während in der Parallelklasse, deren Raum ich bisweilen zwecks konfessionell gesonderten Religionsunterrichts betrat, Poster von Jon Bon Jovi und Van Halen die Wand zierten, zogen meine Klassenkameraden und -kameradinnen Megadeth und Metallica vor, Danzig und Machine Head. Derlei Musik dominierte die Lautsprecher des Busses, wenn wir auf Klassenfahrten fuhren, was den Klassenlehrer zu der Frage nötigte, ob es sich hierbei um eine Direktübertragung aus dem Dieselmotor handele? Huahua. Aus gutem Grund war Metallica hier der allgemeine Favorit, und meine Kameraden kannten Details der Bandgeschichte, die sie sich, wir mir im Nachhinein gewahr wurde, selbst erst später erschlossen haben konnten, denn daß sie zu Grundschulzeiten bereits die „Rock Hard“ lasen oder sich regelmäßig bei „Idiots Records“ in Dortmund umtaten, bezweifle ich. Jedenfalls, Metallica.

Metallica ist die größte und einflußreichste Metal-Band unserer Zeit. Wer dagegen argumentieren will, muß schon mächtig was vorzubringen haben, denn Metallica bringen alles mit, um Legendenstatus zu rechtfertigen. Neben Talent (dazu später mehr) und der Chuzpe, ihrer Band schon vor dem ersten Plattenvertrag einen Namen mit Alleinvertretungsanspruch zu verpassen, können sie einen amtlichen Gründungsmythos vorweisen, der gleichzeitig die Theogenese einer weiteren gefeierten Metal-Band darstellt. Und die Geschichte der Band ist nicht arm an Dramen, Tragödien, Wiederauferstehungen und Rekorden.

Der Gründungsmythos

Im Jahre 1981 gab ein verhinderter Tennisprofi namens Lars Ulrich, den es aus Dänemark nach Los Angeles verschlagen hatte, eine Zeitungsanzeige auf, in der er, Drummer, Mitmusikanten zwecks Gründung einer Metal-Band suchte. Denn Lars war zunehmend so angewidert von dem, was sich zu jener Zeit Metal schimpfte, all diese posenden Hairspray-Bands, die das Erbe von Black Sabbath, Motörhead, Iron Maiden und Judas Priest schändeten, daß er beschloß, einfach selbst die Musik zu machen, die er gern hören würde. Auf seine Anzeige hin meldete sich ein gewisser James Hetfield, der ähnlich empfand und selbst solch eine Anzeige aufgegeben hatte, dummerweise aber zunächst einmal Lars‘ Talent am Schlagzeug in Zweifel und mit seiner Gitarre wieder abzog. Aber das konnte Lars mit seinen zarten 18 Jahren nicht aufhalten. Er meldete bei einem Freund, der einen Sampler mit Aufnahmen örtlicher Metal-Bands pressen wollte, einen eigenen Beitrag an, bekam die Zusage, und mit diesem Pfund wuchernd wandte er sich erneut an Hetfield, der sich nun nicht mehr verweigerte. Die Band wurde komplettiert durch den Bassisten Ron McGovney, einen Bekannten Hetfields, und Lloyd Grant, der sich auf eine weitere Zeitungsanzeige, das Social Medium der damaligen Zeit, gemeldet hatte. Die erste Eigenkomposition „Hit the Lights“ kam auf den erwähnten Sampler, und Lloyd Grant wurde durch einen gewissen Dave Mustaine ersetzt, der schließlich Mitglied von Metallica wurde. Die Band spielte erste Konzerte und nahm zwei Demo-Tapes auf, die sich lauffeuerartig verbreiteten. So erspielte sich die junge Combo bereits eine solide Fanbase, ehe sie das erste Album aufgenommen hatte. Offenbar waren Lars und James nicht die einzigen, die neuen, echten Heavy Metal hören wollten.
Ron McGovney verließ dessen ungeachtet die Band, und Metallica mußte sich erstmals auf die Suche nach einem neuen Bassisten begeben. Der Kandidat, der James‘ und Lars‘ Ansprüchen genügte, hieß Cliff Burton und wohnte in San Francisco, wo er auch bleiben wollte. Man zuckte die Schultern und zog von LA nach SanFran, vermutlich zum Bedauern der losangelikalen Metal-Freunde.
Unterdessen verschafften die ruhmreichen Demo-Tapes den Jungs eine Auftrittsmöglichkeit in New York. Auf dieser Reise trennte man sich von Dave Mustaine, da dieser es mit dem Drogenkonsum allzu stark übertrieb, wiewohl die anderen Bandmitglieder einem gepflegten Besäufnis mit edlem Dosenbier ihrerseits nicht abgeneigt waren, aber zuviel ist zuviel; Syd Barrett könnte ein Lied davon singen. Dave Mustaine gründete daraufhin aus purem Trotz die Band Megadeth, um es seinen alten Band-Kollegen zu zeigen. Megadeth, sozusagen die Stiefschwesterband von Metallica, wurde unter Metal-Anhängern fast ebenso beliebt wie Metallica selbst, und genau das wurde Daves Nemesis: Jahrzehntelang bemühte er sich vergeblich, an die Erfolge heranzukommen, die Metallica nach und nach erringen konnten, und der mit diesem Gefühl der Zweitrangigkeit einhergehende Drogenkonsum hätte Dave beinahe umgebracht, ungeachtet der zahllosen Erfolge, die er mit seiner Band über die Jahre erzielte.
Metallica ersetzte Dave Mustain durch den Leadgitarristen Kirk Hammett, dessen Name spartakulöser und härter klingt, als das schmächtige Kerlchen auf der Bühne wirkt, vor allem im Vergleich mit James Hetfield, dem Hünen am Mikro. Aber das Line-up stand, und man war bereit für den ersten Longplayer.

Kill ’em All

1983 also wurde das erste Album aufgenommen, welches nach dem Willen der Band eigentlich „Metal up your Ass“ heißen und auf dem Cover einen aus der Kloschüssel ragenden Dolch zeigen sollte. Aber das lehnte der Plattenvertrieb ab, weil: Amerikaner und Profanity und so; God forbid! Cliff Burton soll der Legende nach geantwütet haben: „Let’s kill ’em all!“ Und das war als Titel dann okay, weil: Amerikaner und Waffengewalt und so; Null Problemo.
Die Platte wird eröffnet mit Metallicas erstem Lied „Hit the Lights“, einer Absichtserklärung, einem Manifest dessen, was die Band mit ihrer Musik ausdrücken möchte. Ob die übrigen neun Lieder des Albums auch in der Reihenfolge ihrer Entstehung angeordnet sind, weiß ich nicht, ist aber unwahrscheinlich. Denn beim zweiten, vierten, sechsten und letzten Lied ist noch Dave Mustaine als Mitkomponist angegeben.
Metallica war angetreten, um frischen Heavy Metal auf die Bühne zu bringen, und was wäre frischer, als ein komplett neues Subgenre? „Thrash Metal“ wurde dieses Subgenre später genannt, weil da die Gitarrensaiten gedroschen werden, daß es eine Art hat, und Metallica gehörte neben Slayer, Anthrax, Dave Mustains neuer Band Megadeth und Kirk Hammets alter Band Exodus zu den ersten, die diesen neuen Stil pflegten, einen Stil, der sich auszeichnet durch harte aber präzise Riffs und hohe Geschwindigkeit nebst wütenden, aggressiven Texten.
Das vermutlich bekannteste Lied des Albums, „Seek & Destroy“ wird heute noch regelmäßig auf Metallica-Konzerten gespielt, doch als Hörbeispiel sei gegeben „Whiplash“, weil dies als Paradebeispiel für Thrash-Metal gilt:

Im Bass-Solo „(Anesthesia) Pulling Teeth“ durfte Cliff Burton zeigen, was er konnte. Der Song ist der Beginn einer immerhin vier Alben lang durchgehaltenen Tradition, mindestens ein Instrumentalstück auf der Platte zu haben. Die zehn Eigenkompositionen der Band wurden in späteren Pressungen des Albums ergänzt durch die Cover-Songs „Am I Evil“ von Diamond Head und „Blitzkrieg“ von Blitzkrieg. Bevor Metallica einen umfangreichen eigenen Katalog mit Songs hatte, spielten die Jungs, wie vermutlich jede junge Band, auf ihren Konzerten vor allem Songs aus fremder Feder, ohne sich dessen zu schämen; weshalb sollten sie auch?

Ride the Lightning

Noch während der Tour zum Debutalbum arbeitete die Band bereits an neuen Songs, wiederum Ideen von Dave Mustain einbeziehend, dessen Name bei zwei Liedern angegeben ist. Unter widrigen finanziellen Bedingungen nahm Metallica schließlich im Februar 1984 „Ride the Lighning“ auf – in Dänemark bei Nacht, weil anders die Studiokosten nicht zu stemmen waren. Metallica waren zwar bereits in der Metal-Szene respektierte Newcomer, das erste Album verkaufte sich gut, aber reich waren die Jungs noch lange nicht. Überdies ist Alkohol ja in Dänemark besonders teuer, also blieb auch kein Geld für ein Hotel. Darum war es nur vernünftig, die Nächte im Studio zu verbringen.
Als das neue Album Ende Juli 1984 veröffentlicht wurde, wandten sich bereits die ersten Fans enttäuscht ab. Denn das war kein reines Thrash-Album mehr, warum auch immer derlei Genre-Zuschreibungen für irgendwen irgendeine Rolle spielen sollten. Aber Hetfield, Ulrich, Hammett und vor allem Burton waren musikalisch zu talentiert und auch zu ambitioniert, um für längere Zeit auf einem musikalischen Status Quo zu verharren. Das Tempo wurde gedrosselt, und die Songs sind melodischer und komplexer, weisen progressivere Elemente auf jenseits von reinem Riff-Gedresche. Auch die Texte entfernen sich von den Metal-Themen „böse“ und „Satan“. In der ..äh.. Literatur habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, aber meiner unmaßgeblichen Meinung nach ist es nicht allzu weit hergeholt, „Ride the Lightning“ als Konzeptalbum zu bezeichnen. Wie ein schwarzer Faden zieht sich das Thema „Tod“ durch alle Lieder. Wenn es nicht ausdrücklich um verschiedene Todesarten geht (elektrischer Stuhl, ertrinken unter Eis, hingeschlachtet durch den Engel des Todes), handeln die Lieder von Vergänglichkeit und der Angst oder dem Wunsch, diese Welt zu verlassen. Und in seinem Haus in R’lyeh wartet träumend der tote Cthulhu, den Metallica aus irgendeinem Grunde „Ktulu“ schreibt und instrumental ans Ende setzt.
Für den Höreindruck entschied ich mich jedoch für „For Whom the Bell Tolls“, und sei es nur des „whom“ halber. Der Titel ist eine Referenz auf Ernest Hemingways gleichnamigen Roman, der den Spanischen Bürgerkrieg behandelt.

Während also 1984 in Dänemark dieses wegweisende Metal-Album produziert wurde, war ich sieben Jahre alt und legte mein Augenmerk auf ein anderes dänisches Produkt. Der 1984er Lego-Katalog pries neue Burg-Modelle an, und ich war hin und weg. Aber das nur am Rande.

Master of Puppets

Von den Querulanten, die nach „Kill ’em All“ den Glauben an Metallica verloren hatten, abgesehen, sind sich alle einig, daß das 1986er Album „Master of Puppets“ ein Meisterwerk ist, ein zeitloser Klassiker, ein düster leuchtender Stern am Metal-Himmel. Metallica verleugnen hier keineswegs ihre Herkunft als Thrash-Band, schnelle Riffs haben ihren Platz; aber ebenso bedeutsam sind die elegischen und melodiösen Passagen. Grundthema des Albums sind Menschen, die nicht Herr ihrer selbst sind, die in der ein oder anderen Weise an den Schnüren des Marionettenspielers hängen. Dieser Puppenspieler kann auftreten in Form eines Gottes, eines befehlsgewaltigen Kriegsherrn, als dein eigenes wahnsinniges Über-Ich, als Abhängigkeit von Drogen oder als manipulativer Sektenführer. Auflehnung tut not! Das Stück „The Thing That Should Not Be“ greift H. P. Lovecrafts Cthulhu-Kult wieder auf, der schon im Instrumental des Vorgängeralbums anklang. Die bedrohlich schleppenden Riffs dieses Songs wirken beinahe Doom-Metal-artig. Insgesamt ist die musikalische Darbietung noch ausgereifter und vielfältiger als auf den vorherigen Scheiben, die Songstrukturen sind noch komplizierter, man könnte sagen: Noch progressiver.
Als Hörbeispiel wähle ich „Welcome Home (Sanitarium)“:

Spätestens mit diesem Album war Metallica angekommen, hatte einen neuen Gipfel des künstlerischen Schaffens erklommen und machte keine Anstalten, sich dort auszuruhen. Der Durchbruch war geschafft. Man ging mit Ozzy Osbourne auf Tour. Es hätte also alles gut sein können. Aber der Puppenspieler hatte etwas dagegen.

Die Tragödie

Am 27sten September 1986 starb Cliff Burton, als frühmorgens der Tourbus auf dem Weg von Stockholm nach Kopenhagen von der Straße abkam und umstürzte. 24 Jahre war er alt. Die übrigen Businsassen blieben weitgehend unverletzt, und Kirk Hammett hatte exakt das Glück, das Cliff fehlte, als er aus dem Bus geschleudert und von diesem begraben wurde. Denn die beiden hatten am Abend zuvor erst um die Schlafkojenplätze gepokert, und Cliff hatte gewonnen, so daß sie die Plätze tauschten. Diese Tragödie für Cliff und seine Familie hätte leicht das Ende der Band sein können. Wie gehen junge Männer von Anfang 20, die auf der Bühne die harten Rocker geben, mit so einem Verlust um, mit dem Tod eines Freundes, der beinahe ein Bruder ist? Keiner der Jungs war in idealen Familienverhältnissen aufgewachsen, James Hetfield hatte bereits früh den Tod der Mutter verkraften müssen. Die Band war ihr Leben nicht nur, weil sie ihnen Erfolg bescherte, sondern weil sie gewissermaßen die Familie ersetzte. Das Familienmitglied, welches nun fehlte, war menschlich sowieso und musikalisch nahezu unersetzbar. Aber gerade weil Metallica für Ulrich, Hetfield und Hammett wie eine Familie war, konnten sie das Projekt nicht aufgeben, es mußte weitergehen, ein neuer Bassist mußte her, half ja nichts. Und in der Zwischenzeit half ihnen der Alkohol über die Runden.

Also wurde die Stelle des Bassisten ausgeschrieben und ein Vorspieltermin anberaumt. Metallica war zu diesem Zeitpunkt die allseits anerkannt beste Metal-Band der Gegenwart, daher war die Liste der Interessenten nicht kurz. Aber die meisten Kandidaten waren chancenlos, entweder, weil sie halt nicht gut genug den Baß zupfen konnten, oder weil sie die geforderten Lieder nicht draufhatten, oder weil sie James und Lars einfach so nicht gefielen. Die Meßlatte war: Cliff Burton, und wer sollte da schon herankommen können? Jason Newsted war als Fan von Metallica zum Vorspielen angereist und hatte alle Lieder eingeübt und abrufbereit. Also alle Lieder, die Metallica bis dahin veröffentlicht hatten, nicht bloß die Handvoll fürs Vorspielen geforderten Songs. Er bekam den Job und mußte natürlich sofort ran, denn die Show ging ja weiter. Die erste Studioaufnahme mit Jason war dann 1987 eine EP mit Coversongs, „Garage Days Re-Revisited“, welche ich nicht besitze. Diese Lieder wurden aber später auf dem Cover-Album „Garage Inc.“ wiederveröffentlicht, dazu also zu gegebener Zeit mehr.

… And Justice for All

1988 erschien denn „…And Justice For All“, das erste Album mit Jason Newsted als neuem Bassisten, und direkt beim ersten Song, „Blackened“, ist er in den Writing Credits aufgeführt. Tja. Und damit mußte Jason sich auch erstmal zufriedengeben, denn zu behaupten, die Baßspur sei auf dem Album prominent in Szene gesetzt, wäre grob gelogen. Ohne Cliff Burton schienen die Bosse (Hetfield und Ulrich) dem Baß nur geringen Wert beizumessen. Oder der „Neue“ hatte noch nicht das Selbstbewußtsein, sich in den Vordergrund zu spielen. Dessen ungeachtet sind die neun Lieder der Platte musikalisch sehr komplex und progressiv. Nach meinem Empfinden weniger melodiös als auf dem Vorgängeralbum, werden sie getragen von Rhythmuswechseln und aggressiven Riffs. Das Hauptthema des Albums klingt im Titel schon an: „And justice for all“ sind die Schlußworte des amerikanischen Treueschwurs, den alle Kinder dortselbst täglich mit tränenden Augen und Hand auf dem Herzen vor Schulbeginn vorzutragen haben, wie es in faschistischen Staaten… Ach nee. Metallica stellen dieses Versprechen in Frage und beschäftigen sich mit der Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen und der amerikanischen Gesellschaft im Besonderen.
Besonderes Augen- und Ohrenmerk gebührt zwei Liedern: „One“ ist inspiriert vom Anti-Kriegs-Roman „Johnny Got His Gun“ von Dalton Trumbo aus dem Jahre 1939 bzw. von der filmischen Umsetzung dieses Romans (1971). Geschildert wird das Schicksal eines Soldaten im ersten Weltkrieg, der durch eine Granatexplosion nahezu alle Sinne und Extremitäten verliert und somit ohne direkte Kommunikationsmöglichkeit in seinem Körper gefangen ist, was ihn zunehmend verzweifelter werden läßt. Das Lied beginnt als Metal-Ballade und endet in hartem Speed-Metal-Stakkato, welches an Maschinengewehrfeuer gemahnt. Metallica, die bis zu diesem Zeitpunkt schon Millionen Alben verkauft hatten, ohne daß ihre Lieder im Radio gespielt worden wären und gleich gar, ohne ein Musikvideo gedreht zu haben, entschlossen sich dazu, die Rechte am vorgenannten Film zu erwerben, um Szenen daraus in einem Video verarbeiten zu können. Dieses Video lief erfolgreich bei MTV, was Metallica einem breiterem Publikum bekanntgemacht haben dürfte. Für „One“ erhielt die Band 1990 einen Grammy.
Das vorletzte Lied des Albums, „To Live Is To Die“, wurde zum Teil aus Riffs zusammengesetzt, die Cliff Burton hinterlassen hatte. Es ist im wesentlichen ein Instrumentalstück, jedoch wird gegen Ende von James Hetfield ein kurzes Gedicht Cliffs vorgetragen. Analog zu Cliff Burtons Leben endet das Lied abrupt und geht in das letzte Lied „Dyers Eve“ über.
Als Höreindruck sei jedoch weder das eine noch das andere gegeben, sondern überraschenderweise „Eye Of The Beholder“, welches die Meinungsfreiheit als bedrohtes Verfassungsrecht in den Fokus rückt:

Da, wie eingangs beschrieben, Jason Newsteds Baßspiel auf diesem Album wenig zur Geltung kommt, kursieren im Netz, i.e: auf Youtube verschiedene Remixe der Platte unter dem Motto „… And Justice for Jason“, die versuchen, die Baßtöne hervorzuheben. Dessen ungeachtet wurde dieses Album in der Form, in der es veröffentlicht wurde, so erfolgreich verkauft, wie keine Metallica-Platte zuvor.

Metallica – „Das schwarze Album“

Mit „…And Justice for All“ sahen sich Metallica in einer Sackgasse: Zum einen waren die Songs inzwischen so kompliziert und lang geworden, daß in dieser Richtung kaum noch eine Steigerung möglich schien. Zum andern war auch die klangliche Qualität der bisherigen Alben nicht zur allgemeinen Zufriedenheit, sondern wurde als zu trocken und steril empfunden. Beides sollte sich ändern, deshalb sah sich die Band 1990 nach einem neuen Produzenten um, den sie in Bob Rock fand, der bereits Alben von Bon Jovi und Mötley Crüe produziert hatte. Rock verordnete den Jungs eine neue Arbeitsweise im Studio, insofern sie die Lieder nicht mehr Instrument für Instrument aufnahmen, sondern als Ensemble die Songs mehrfach spielten. Außerdem führte er auch neue Aufnahmetechniken ein, welche den Klang insgesamt satter machten. Die Baßspur ist auch drauf. Wie geplant wurden die Songs selbst kürzer und prägnanter, nicht mehr um eine Aneinanderreihung mehrerer Riffs komponiert, sondern eher einem Hauptmotiv folgend. „Holier Than Thou“, „Don’t Tread on Me“ und „The Struggle Within“ sind mit unter vier Minuten so kurz, wie kein Metallica-Song seit dem Debüt-Album, wo „Motorbreath“ mit 3:07 min. den Kürzerekord hält. Kein Lied auf dem schwarzen Album erreicht die 7-Minuten-Marke, und es gibt kein Instrumentalstück.
Während die Vorgängeralben jeweils unter einem Thema standen, das sich in allen Liedern der Platte wiederfand und zum Teil recht politisch war, beschäftigen sich die Lieder des schwarzen Albums eher mit persönlich Befindlichkeiten, ohne einem Gesamtthema unterworfen zu sein. Konsequenterweise gibt es daher kein Titellied und eben auch keinen Album-Titel, sondern die 12 Songs repräsentieren „Metallica“. Allenfalls ist ein Albumtitel bildlich durch die kaum vom schwarzen Hintergrund des Covers abgehobene Klapperschlange dargestellt, zu welcher dann „Don’t Tread on Me“ als Titelstück gehört. Beides, Schlange und Spruch, fanden sich auf einer revolutionären Flagge („Gadsden flag“) in der Frühzeit der Vereinigten Staaten während des Unabhängigkeitskampfes mit Großbritannien.
Von den zwölf Liedern des Albums wähle ich ausgerechnet das längste, „My Friend of Misery“, als Anspieltipp:

Mit dem schwarzen Album gelang Metallica 1991 sozusagen der Schritt in die Öffentlichkeit. Fünf Singles wurden ausgekoppelt, zu jedem ein Video veröffentlicht, und einige der Songs liefen tatsächlich im Radio. Da die Band somit aus dem Untergrund auftauchte, in dem sich die Metal-Community gerne wähnt, wurde ihr von vielen Headbangern und Kuttenträgern Kommerzialisierung und Verrat vorgeworfen. Und Thrash-Metal ist das ja auch kaum noch! Und tatsächlich: Typen wie ich, der ich mit der Metal-Kultur als solcher nichts am Hut habe, fanden durch dieses Album Zugang zur Musik von Metallica und Metal insgesamt. Wiewohl ich, wie eingangs beschrieben, schon recht früh über die Buslautsprecher bei Klassenfahrten mit derlei Musik beschallt wurde, bedurfte es schließlich doch des schwarzen Albums, um mich gänzlich zu überzeugen. Natürlich war es ausgerechnet das unmetallischste Lied „Nothing Else Matters“ (mit Streichereinsatz!), welches ich als Video in der nachmittäglichen WDR-Sendung „Hit Clip“ mit Thomas Germann sah, das mich zum Kauf des Albums bewog. Es war eine meiner ersten CDs überhaupt, nach „Nevermind“ und „Automatic for the People“. Die „Master of Puppets“ folgte alsbald, aber die Alben „Ride the Lightning“ und „…And Justice for All“ kaufte ich erst Jahre später, „Kill ’em All“ sogar erst verhältnismäßig kürzlich.
Für Metallica ist „Metallica“ der größte kommerzielle Erfolg, das Album verkaufte sich fast 16 Millionen mal allein in den USA, erreichte die vordersten Chart-Plätze in allen relevanten Ländern. Die Kritiker haben also recht. Was erlaube Metallica! Wenn das darf!

Zwischenfazit.

Zu diesem Zeitpunkt, Anfang der 90er Jahre, war Metallica endgültig die größte Rock-Band der Welt, und das nicht nur gemessen an den Plattenverkäufen und abgesetzten Konzerttickets. Viele nachfolgende Bands geben Metallica als Vorbild an, der musikalische Einfluß ist also immens. Trotzdem, oder vielleicht auch genau deswegen, sah sich Metallica fast von Beginn an Kritik ausgesetzt. Wie beschrieben war einigen bereits das zweite Album nicht mehr thrashig genug. Für andere/dieselben begann der Abstieg Metallicas, als sie Dave Mustaine rauswarfen, und sie werfen der Band vor, Daves Musik „gestohlen“ zu haben, da sie noch Input von ihm auf ihren ersten beiden Alben verwendeten. Selbstverständlich sei Dave auch ein besserer Gitarrist als sein Nachfolger Kirk Hammett. Für andere ist alles, was nach Cliff Burton kam, verzichtbar. Einige akzeptieren noch „…And Justice for All“ als soliden Thrash-Metal, aber mit dem schwarzen Album sei Metallica im Grunde eine Pop-Band ohne Metal-Seele geworden. Mir ist das alles egal.
In Vorbereitung auf diesen Artikel (und zwischendurch) habe ich stundenlang Dokumentationen über und Interviews mit Metallica auf Youtube gesehen, gepriesen sei dieses unschätzbare Kulturarchiv! Jedenfalls wurde mir eines deutlich: Als Lars und James Metallica gründeten, taten sie dies nicht, weil sie Rockstars werden wollten, wiewohl sie sich dagegen natürlich nicht wehrten. Vielmehr gründeten sie die Band, um die Musik zu machen, von der sie fühlten, daß sie in ihnen war. Darum genügte es ihnen nicht, schlicht in einer Garage zu jammen und die Songs ihrer Vorbilder zu spielen, wie 1000 andere junge Combos, die nie über das Stadium einer Schülerband hinauskommen und der Musik höchstens als Hobby frönen. Als Metallica ins Studio ging, um ihr erstes Album aufzunehmen, hatten sie neun konzerterprobte, selbstgeschriebene Songs im Gepäck, Cliff steuerte sein Bass-Solo bei, und fertig war das Album. Schon während der Tour zum ersten Album schrieben sie Songs fürs nächste. Die Musik ist es, was Metallica antreibt. Wenn etwas zwischen sie und die Musik kommt, dann scheuen sie auch nicht vor einem radikalen Schnitt zurück, wie Dave Mustain brutal erfahren mußte. Und wie sie auszogen, Heavy Metal zu erneuern, den sie liebten, hielten sie sich auffällig fern von den meisten gängigen Klischees, von Totenköpfen, Ketten, Schwertern und Dämonen, und sie verordneten sich kein Bühnenoutfit in Leder und Nieten. Und während andere Bands sehr darum bemüht sind, Bühnencharaktere zu schaffen und ein spezifisches Image von sich selbst zu kultivieren, hatte Metallica das nie nötig. Klar, eine headbangfähige Haartracht war Pflicht, und Alkoholexzesse blieben nicht aus. Aber bei Presseterminen und in Interviews gaben sich James, Lars und Kirk (und der jeweilige Bassist) erfrischend freundlich, offen, wenn auch bisweilen etwas linkisch und zurückhaltend, keineswegs schnodderig arrogant, wie man es von Rockstars in Kostümierung und Sonnenbrille oft zu sehen bekommt, ohne Attitüden. Als Dampfventil für ihre Aggressionen dienten die Bühnenperformance und die Musik, kein Grund also, außerhalb der Show noch den Rambo zu geben. Und schon früh hatten die Jungs das Selbstbewußtsein, dem eigenen Anspruch an ihre Musik absoluten Vorrang zu geben gegenüber den Erwartungen der Fans; wer sich nicht mit der Band gemeinsam weiterentwickeln wollte, hatte, sorry, Pech gehabt.

Mit dem schwarzen Album im Repertoire ging Metallica ausschweifend auf Tour. Bis zur nächsten Albumveröffentlichung sollte es fünf Jahre dauern.


Journalismus ist überbewertet.

23. August 2017

(Da ich gerade an einem längeren Beitrag schreibe, dessen Fertigstellung ausreichend lange Zeit in Anspruch nimmt, um ihn zwischendurch als Entwurf abzuspeichern, bin ich über einen anderen Entwurf gestolpert, den ich offenbar am 28. März 2015 unveröffentlicht im Zettelkasten hinterlassen habe. Was damals die Richtung dieses Artikels werden sollte, und welches mein Fazit geworden wäre, kann ich nicht mehr sagen; vermutlich wollte ich auf die Diskrepanz zwischen hehrem moralischem Anspruch und der schnöden Alltagswirklichkeit hinaus, also Pillepalle. Angesichts der Entwicklung in der Türkei und in Rußland wäre ich auch fast geneigt, den provokanten Titel zurückzunehmen, denn naTÜRlich ist ein unabhängiger Journalismus wichtig und notwendig für das Funktionieren einer Demokratie. Ich lasse das dennoch so stehen, weil das halt der Text ist, wie ich ihn ursprünglich verfaßt habe, bis mir die Luft ausging.)

Bei BILDblog steht’s, und ich mußte jedem einzelnen Aspekt des Artikels zustimmen:
http://www.bildblog.de/63749/andreas-l/

Die Medien, die Presse, die Journalisten – sie verstehen sich als „die vierte Gewalt“. In einem modernen demokratischen Rechtsstaat, in einer Republik, ist die Staatsgewalt geteilt. War sie in einer absolutistischen Monarchie noch in der Person des Monarchen vereint, so gliedert sie sich nun in Legislative (Gesetzgebung = Parlament), Exekutive (ausführende Gewalt = Regierung) und Judikative (Rechtsprechung = Gerichte). Prinzipiell sind die Gewalten voneinander unabhängig, wiewohl dies in Deutschland auch nicht so ganz stimmt, aber das ist eine andere Geschichte (Stichwort: Gewalten-Verschränkung). Die vierte Gewalt im Staate ist in diesem Sinne nicht Teil des Staatsapparats, sondern sie ist das Kontrollorgan, die kritische Öffentlichkeit, Sprachrohr des Volkes, das den handelnden Politikern, Juristen und Mitgliedern der Exekutive auf die Finger schaut. Und so soll es auch sein, denn dafür steht die Pressefreiheit, die im deutschen Grundgesetz im fünften Artikel manifestiert ist. So weit, so gut.

Freilich ist „die vierte Gewalt“ nicht offiziell, sondern entspringt dem Selbstbewußtsein des Journalistenstandes, befeuert durch die Erfahrung faktischer Macht. Was in der Zeitung steht, hat Auswirkungen. Was einmal gesendet wurde, ist nicht mehr zurückzunehmen. Journalisten recherchieren Mißstände, decken Skandale auf, greifen durch ihre Texte und Bilder unmittelbar ein in die Willensbildung des Volkes. Sie generieren den Druck der Öffentlichkeit, der die handelnden Politiker in ihren Entscheidungen bestärkt oder zögern macht, der einzelne Karrieren fördern oder beenden kann. Eine große Verantwortung, fürwahr. Ethisches Handeln und sicheres Urteilsvermögen müßten für einen Journalisten Grundvoraussetzung sein. Dessen war sich der Deutsche Presserat bewußt und hat darum 1973 den Pressekodex beschlossen. Sehr verkürzt zusammengefaßt steht darin, daß die medial verbreiteten Informationen gut recherchiert sein und stimmen müssen, und daß in Anlehnung an das Grundgesetz die Würde des Menschen, also das Persönlichkeitsrecht gewahrt sein muß. Und noch so einiges andere, was auch wichtig ist. So weit, so gut.

Freilich ist der Pressekodex nur so semiverbindlich, insofern er lediglich eine freiwillige Selbstkontrolle darstellt. Verfehlungen werden bei Kenntnisnahme gerügt, sicher, aber was hilft es? Eine einmal verbreitete Fehlinformation ist in der Welt, und von einem einmal zu Unrecht falsch gezeichneten Bild eines Menschen bleibt immer etwas hängen. Und überdies ist „Journalist“ auch weder eine geschützte Berufsbezeichnung, noch ist es ein Ausbildungsberuf; das Vorhandensein von Journalistenschulen (prominent die Henri-Nannen-Schule) und Journalismus-Studiengängen, zu denen berüchtigterweise nur die profiliertesten Einserabiturienten überhaupt zugelassen werden, könnte da einer falschen Vorstellung Vorschub leisten. Journalist nennen kann sich prinzipiell jeder, der in irgendeiner Form irgendwas publiziert, also auch der Schreiberling eines unbedeutenden Einpersonenblogs. Dem Wortsinne nach ist ein Journalist jemand, der Journale füllt, ganz gleich, mit welchem Inhalt und ungeachtet seiner Geisteshaltung. Zu Bismarcks Zeiten waren Journale noch ausschließlich gedruckte Zeitungen, doch sinnvollerweise umfaßt das Betätigungsfeld des Journalisten heutzutage natürlich jegliches Verbreitungsmedium, von den klassischen Druck-Erzeugnissen Zeitung, Zeitschrift, Magazin über die inzwischen fast schon klassischen Sendungen in Hörfunk und Fernsehen, hin zu den mittlerweile auch schon nicht mehr sooo neuen Medien im Internet, momentan gipfelnd in Facebook und Twitter. Und daß Journale „täglich“ erscheinen, ist auch nur Ausdruck einer Periodizität, die als Pars-pro-toto zu verstehen ist.

Jedenfalls. In den Kommentarspalten des medienkritischen Blogs Stefan Niggemeiers, einem der Gründer des BILDblogs, sammeln sich Menschen, die einem Journalismus hinterhertrauern, der nach ethischen Maßstäben im Sinne des Pressekodex‘ handelt. (Und sicher sammeln sich solche Idealisten noch an ganz vielen anderen Stellen, aber als Fachfremder habe ich halt nicht die ganze Landschaft im Blick.) Da wird dann angesichts der geistig-moralischen Verfehlungen des Standes bloß noch von „Journalismus in Anführungszeichen“ gesprochen. Klar, auch ich würde mir wünschen, daß Journalisten sich nicht nur für die staatstragende vierte Gewalt halten, sondern daß sie auch die fachliche Qualifikation und moralische Integrität mitbrächten, die einen solchen Anspruch rechtfertigten. Allein, bei mir verfestigt sich die Meinung, daß Journalisten halt doch in erster Linie Journale füllen, mit egal was. Und ich frage mich: War es je anders?

Schon die holzschnittlastigen Flugblätter der frühen Neuzeit bedienten nicht ausschließlich das Informationsbedürfnis des damaligen Publikums, sondern auch die Sensationsgier desselben, gemäß dem Horaz-Wort „Aut prodesse volunt aut delectare poetae, aut simul et iucunda et idonea dicere vitae“: „Die Dichter wollen entweder nützen oder erfreuen oder zugleich Erfreuliches und für das Leben Nützliches sagen.“ Warum denn auch nicht; wer eine Information an den Mann (die Frau) bringen will, muß sie in ein attraktives Gewand kleiden (die Information, nicht die Frau). Spätestens in der Reformationszeit verfolgten Flugblätter nicht mehr primär den Zweck einer Informationsvermittlung, sondern vor allem die Verbreitung einer politischen Agenda.
Ob man Bänkelsänger in welchem Sinne auch immer als Journalisten bezeichnen sollte, wäre zu diskutieren, doch unstrittig verbreiteten sie Informationen übers Land. Auch sie kaprizierten sich auf die schauerlichen, sensationsheischenden Geschehnisse ihrer Tage.
Und es steht das Wort „Journaille“, bezeichnend Journalisten, die als Gesamtheit moralisch fragwürdige Methoden anwenden in der Auswahl, der Beschaffung und der Verbreitung von Informationen. Ja, auch die Nazis verwendeten das Wort, um die freie Presse zu diffamieren, doch erfunden haben sie es nicht. Da war Karl Kraus, des Nazitums nahezu unverdächtig, 1902 schon näher dran, als er in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ über „die Verwüstung des Staates durch die Pressmaffia“ ätzte.

Also offenbar wußten Journalisten zu allen Zeiten schon den Zorn der Gerechten auf sich zu ziehen. Bedauerlich, fürwahr.


1000meisterwerke: Captain Roger in lauschiger Nacht.

13. August 2017

Oder halt erstmal ein Meisterwerk, nämlich obgenanntes. Und zwar: Manchmal – und in letzter Zeit vermehrt – überkommt Lego, die Firma, offenbar ein Anflug akuter Nostalgitis. Da werden etwa innerhalb der Nexo-Knights-Serie Embleme und Setnummern längst vergangener Lego-Epochen zitiert, als ob die gegenwärtige Zielgruppe damit etwas anfangen könnte. Oder es tauchen in aktuellen Sets Minifigs auf, die T-Shirts mit Logos ehemaliger Lego-Produktlinien tragen; in Sets zum Lego-Movie zum Beispiel von Fabuland und Blacktron, gar nicht zu reden vom in Stein ausgeführten Rückgriff auf klassische Legoland-Raumfahrt-Designattribute rund um den „80ies something space guy“ Benny und sein Spaceship, Spaceship, SPACESHIP! Dieses LEGO-Movie wiederum wird nun selbst wieder zitiert, wenn in der Sammel-Minifig-Serie zum demnächst anlaufenden Ninjago-Movie ein Pastelgoth- oder Manga-Mädchen ein Hemd mit dem Antlitz von Unikitty trägt. Und eine Laborantin derselben Minifig-Serie offenbart unter dem Kittel ihre Verbundenheit zu Batman, dem Protagonisten des letzten Lego-Kinofilms. Naturgemäß begrüße ich derartige Rückbezüge, sorgen sie doch humorvoll für einen Hauch von Kontinuität innerhalb einer leider sehr unzusammenhängend erzählten Lego-Produktgeschichte. Zumindest läßt die Firma durch solche kleinen Zeichen erkennen, daß sie sich ihrer Geschichte bewußt ist. Und daß sie das Vorhandensein von mehreren Generationen Spielkindern anerkennt, welche ihre Verbundenheit zu Lego schon vor Jahrzehnten geknüpft und nie gelöst haben.

Das Lego-Movie von 2014 bot Gelegenheit, verschiedene Themenwelten und Epochen der Lego-Geschichte miteinander zu verknüpfen, wobei freilich einige Themen nur beiläufig erwähnt werden konnten, während andere stark verfremdet durch andere popkulturelle Einflüsse dargestellt wurden. Die Piratenwelt wurde repräsentiert durch MetalBeard, der ein Schiff in Steampunk-Optik befehligte. Das hatte mit den gewohnten Lego-Piraten natürlich nichts zu tun, und mit Blick auf die jüngsten Versuche Legos, Piraten ins Kinderzimmer zu bringen, war das auch gut so, wurden diese doch mit den Jahren immer halbherziger. Der einzig legitime Botschafter für Legos Piratenthema ist seit jeher Captain Roger von 1989.

Captain Roger entspricht in allem den Klischees eines Piratenkapitäns: Roter Bart, Holzbein, Hakenhand und Augenklappe (weil das Auge durch die allzu häufigen Sonnenbeobachtungen durch den Sextanten geschädigt ist), und am schwarzen Zweispitz prangen Schädel und die gekreuzten Knochen des Jolly Roger. Und Polly möchte einen Cracker. Diese Darstellung ist in ihrer unrealistischen Comichaftigkeit absolut angemessen fürs Kinderzimmer, und als solches ist Captain Roger eine ewigjunge Ikone dieses Spielthemas. Das hat Lego schließlich selbst eingesehen und bei den Aufgüssen des Piratenthemas von 2009 und 2015 (wie schon erwähnt: beide Male halbherzig!) die Gestaltung der neuen Kapitäne auffällig eng an diesen Veteranen der 80er Jahre angelehnt, ohne freilich die schlichte Eleganz des Originals zu erreichen. Wie dem auch sei, in MetalBeards Steampunk-Schiff namens „Sea Cow“ wird die Kajüte geziert durch eine 2×4-Fliese, auf die ich ausnahmsweise den zugedachten Aufkleber anbringen mußte, denn er zeigt das Bildnis von Captain Roger:

„Das gehört in ein Museum!“ Genau. Nachdem ich das Schiff, welches jahrelang hier zustaubte, endlich abgewrackt und wegsortiert hatte, blieb das Gemälde übrig, und ich konnte es einem Museum überantworten.

Das Werk eines unbekannten Meisters zeigt Kapitän Roger in lauschiger Nacht. Dunkle und gedeckte Farben, schwarz und blau, sind vorherrschend, Gesicht und definierende Attribute sind hell hervorgehoben. Das vertikale Format legt nahe, dieses Bild als Bestandteil eines Triptychons zu begreifen, was in seiner religiösen Konnotierung den Status des Dargestellten als Ikone unterstreicht. Über die fehlenden Elemente und Motive des Dreiteilers können lediglich Mutmaßungen angestellt werden, da diese verschollen sind; denkbar auf der Mitteltafel wäre des Kapitäns Schiff „Schwarzhai“, jen- und schmalseits flankiert von einem Weggefährten des Seeräubers, über dessen Identität zu spekulieren sich verbietet. Uns bleibt es, das vorgelegte Artefakt zu betrachten. Der Kapitän dominiert das Bild, die an seinem Hut angebrachten wichtigen Insignien seines Berufsstandes sind ins Zentrum gesetzt. Tendenziell am Rande, jedoch durch auffällige Farbgebung hervorgehoben und dadurch in seiner Bedeutung als Symboltier erhöht ist der Begleiter Rogers, der Papagei Polly. Auf detaillierte Ausgestaltung der Kleidung legt der Künstler geringen Wert, er beschränkt sich auf Andeutungen und Hinweise, gestattet sich auch die Freiheit, die Wirklichkeit der Bildgestaltung zu unterwerfen und die versehrte Hand des Freibeuters von Backbord nach Steuerbord zu verlegen, während Holzbein und Augenklappe an gewohnter Stelle verbleiben. Somit ist der Vermutung die Grundlage entzogen, es handele sich um ein Selbstbildnis im Spiegel. Vielmehr ist das Sujet durch die – wiederum ein religiöses Konnotat – Palmwedel des Bildhintergrunds in tropischen Gefilden situiert, in Kenntnis der Geschichte einzugrenzen auf die Karibik. Wir begegnen dem Schiffsführer also beim nächtlichen Landgang, der zum Genuß eines Feierabendrums genutzt wird, wie uns schließlich durch das Faß, beinahe versteckt in der rechten unteren Bildecke angeordnet, bedeutet wird. Ausgelassen sind Schwert und Pistole, welche Roger als Ausüber von brutaler Gewalt kennzeichnen und als den Bringer von Tod und Verwüstung charakterisieren würden, vielmehr bemüht sich die Darstellung um Verharmlosung und Verklärung des Piratenlebens, die immanenten Gefahren außer Acht lassend.

Der Einfluß dieses Gemäldes auf die karibische Kunstgeschichte ist mit „immens“ nur unzureichend beschrieben. Kraftvollere Begriffe sind am Platze, eingedenk der Wirkung, welche das Schaffen des Portraitierten auf die großen wie kleinen Antillen ausübte. Der Kapitän eines der gefürchtetsten Piratenschiffe zwischen Savannah und Maracaibo, zwischen Panama und Hispaniola, muß zwangsläufig einen Machtfaktor in seinem Wirkungskreis darstellen, zumal seine signifikante persönliche Erscheinung begleitet von Kanonendonner und der scheinbaren Unabhängigkeit von Zeit und Raum, beflügelt von der Schnelligkeit seines Schiffs, ihm den Anschein nahezu gottgleicher Machtfülle verlieh. Die gezeigte Repräsentation des Freibeuters verweist mit ihren kodifizierten Merkmalen: Jolly Roger als Insignium der Macht, Holzbein und Augenklappe als spezifische Attribute ähnlich traditionellen Heiligendarstellungen, Papagei als Symboltier, wie wir es von den Evangelisten kennen, auf einen religiös motivierten Kontext. Roger ist demnach mehr als ein einzelner Pirat; er verkörpert die Transzendenz des Glücksritters von Hoffnung zu Sehnsucht und von Gewalt zum Erfolg, die diesen Berufsstand wie eine Gloriole umgibt und deren Wirkmächtigkeit bis heute anhält. Die Faszination ist ungebrochen und findet ihren Nachhall in zahllosen literarischen und cineastischen Bearbeitungen von unterschiedlichster Schaffenstiefe.

Und jetzt: Licht aus, und Ruh‘ im Schiff!