CD-Regal revisited: Deep Purple.

26. Januar 2018

Kleines Interludium.

Im Rahmen der Black-Sabbath-Retrospektive fiel ja das ein oder andere Mal der Name „Deep Purple“, weil verschiedentlich Musiker, die mal bei Deep Purple gespielt hatten oder zumindest in einer der Nachfolgebands von Deep Purple, eine freigewordene Position bei Black Sabbath besetzten. Und im Gegensatz zu Black Sabbath oder Pink Floyd, die ich in Kindertagen nur dem Namen nach kannte, konnte ich den Begriff „Deep Purple“ mit Fleisch füllen. Weil: „Smoke on the Water“. Als ich irgendwann in den 1990er Jahren mein erstes Radio bekam (aber im Haushalt meiner Eltern wohnte und kein eigenes Einkommen hatte, weil ich ja noch Schüler war; also Füße stillgehalten, GEZ!), wurden im WDR noch Lieder gespielt, die so um die 20 Jahre alt waren, und wenn es sich um „Smoke on the Water“ oder irgendwas von Queen handelte, auch durchaus im Tagesprogramm und nicht bloß in Roger Handts abendlicher Oldie-Show. Auch heute noch werden im WDR 20 Jahre alte Lieder gespielt, mit dem feinen Unterschied, daß Songs, die damals 20 Jahre alt waren, oft cooler sind als Lieder, die heute 20 Jahre alt sind. Wie dem auch sei, „Smoke on the Water“ kannte ich jedenfalls, und sobald ich wußte, nach welcher Band ich suchen mußte, stapfte ich in einer unterrichtsfreien Stunde zum der Schule nahegelegenen Saturn oder zu Karstadt und suchte nach einer CD, die dieses Lied enthielt. Ich Naivling. Statt das Album anzuschaffen, auf dem der Song enthalten ist, kaufte ich eine Kompilations-CD, ich wußte es halt nicht besser, und wahrscheinlich war sie schlicht billiger. „Deepest Purple – The Very Best of Deep Purple“ enthält zwölf Lieder, zusammengeklaubt von sechs Alben und zwei Singles. Die Zusammenstellung ist © 1980, stammt also noch aus Schallplattenzeiten, denn CDs wurden erst ab 1982 hergestellt und verkauft. Aber mein Exemplar muß auf jeden Fall ein frühes sein, denn das äußerst spartanische Booklet legt mehr Wert auf die Erklärung des Compact-Disc-Digital-Audio-Formats in vier Sprachen, denn auf Erläuterungen zu Deep Purple und den enthaltenen Liedern. Die Cover-Gestaltung wurde also wohl eins-zu-eins von der Langspielplatte übernommen.

Aber immerhin lernte ich hier die Mitglieder der Band kennen, und seither sind mir Ritchie Blackmore und Ian Gillan ein Begriff. Der Erstgenannte, weil „Blackmore“ für mich ein irgendwie einprägsamer Name war, und Zweiterer, weil ich „Gillan“ gerne mit „Gilliam“ velwechserte, bekannt aus der Monty-Python-Riege. Ansonsten legte ich seinerzeit nur wenig Wert darauf, Bandmitglieder namentlich zu kennen. Vermutlich beschränkte sich dies bei mir damals auf die Beatles. Die kannte sogar meine Mutter.

Da „Smoke on the Water“ immer schon der Über-Hit der Band war, die Mutter aller Gitarrenriffs enthält und daher unzweifelhaft in die Ahnenreihe des Heavy Metal einzugliedern ist, bildet dieser Titel an zwölfter Stelle den Höhepunkt der Platte. Auf die Kassette „Altes (aber Gutes)“, die ich mir irgendwann später mit Altem (aber Gutem) zusammenstellte, schaffte es neben „Smoke“ außerdem „Child in Time“. Mit Blick auf das heutige Radioprogramm, gespeist aus dem, was die Plattenindustrie so hervorpreßt, ist das „aber“ durch „darum“ zu ersetzen. (Aber nein, es gibt auch heute noch Gutes, bloß zahlen deren Produzenten die Radiostationen nicht dafür, es in die Heavy Rotation aufzunehmen.)

Ob so eine Best-of-Zusammenstellung wirklich das Beste aus dem Katalog eines Musikers oder einer Band erfaßt, ist streitbar. Naturgemäß ist der zur Verfügung stehende Platz begrenzt, und es sollen möglichst alle Schaffensepochen repräsentiert sein. 1980, dem Zeitpunkt, da dieses Best-of erstellt wurde, befand sich Deep Purple im Zustand der zwischenzeitlichen Nichtexistenz, nämlich seit 1976 bereits; demzufolge war das Material überschaubar und gut einzugrenzen, da ja aktuell nichts Neues hinzukam. Dennoch sind nur sechs der bis dahin zehn Studioalben der Band berücksichtigt. Nun ja, da ich ja außer dieser einen Platte (noch) nichts weiter von Deep Purple kenne, kann ich mir darüber kein Urteil erlauben. Allerdings kristallisierten sich beim neuerlichen Durchhören der CD durchaus andere Stücke als Anspieltipps heraus, neben meinen damaligen Favoriten. Genannt sei „Demons Eye“:

Wie die Suche nach einem verlinkbaren Titel von „Deepest Purple“ ergab, gibt es inzwischen neuere Auflagen dieses Best-ofs, welche mehr Songs enthalten. Doch statt meine Ausgabe up-zu-graden (Wie notiert man denn solch ein Half-und-Halb-Word im Deutschen grammatisch annehmbar, wenn nicht gar korrekt?), dürfte es sich durchaus lohnen, wenn ich mich darauf konzentriere, die Diskographie Deep Purples strukturiert aufzuarbeiten. Ich kann ja nicht anders.

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CD-Regal restocked: Black Sabbath (Zweiter Nachtrag)

23. Dezember 2017

The Eternal Idol

Durch das verhinderte Soloprojekt „Seventh Star“ hatte sich unwillentlich aller Beteiligten – vielleicht mit Ausnahme der Plattenfirma – etabliert, daß „Black Sabbath“ allein mit Tony Iommi stehen und fallen würde. Zunächst blieb Sabbath stehen, aber die Besetzung der Band war nicht mehr in Erz gegossen. Wie übrigens auch das Titelbild des 1987er Albums „The Eternal Idol“ nicht, wiewohl es die photographische Darstellung einer Bronzeskulptur gleichen Namens von Auguste Rodin zu sein scheint; aber es konnten keine Bildrechte am Werk erworben werden, also wurden kurzerhand Modells angeheuert und in Farbe getüncht, um die Figurengruppe abzulichten. Jedenfalls, die Besetzung. Langsam wurde es unübersichtlich. Eigentlich wollte Iommi mit dem Seventh-Star-Lineup weitermachen, welchselbiges ja auf der Tour schon nicht mehr dem des Albums entsprach, da Glenn Hughes abgesprungen war und durch Ray Gillen ersetzt wurde. Geoff Nicholls ist gesetzt. Dave Spitz hingegen ist auf dem Backcover als Bassist angegeben, ohne jedoch auf dem Album vertreten zu sein; an seiner statt bassiert Bob Daisley, nicht die erste Eingemeindung aus Ritchie Blackmore’s „Rainbow“ (zuvor Ronnie James Dio), und es sollte auch nicht die letzte bleiben. Daisley ging nach den Album-Aufnahmen freilich nicht mit auf Tour, sondern schloß sich Gary Moore an. Drummer Eric Singer tat es ihm nach; später gründete er gemeinsam mit Sänger Ray Gillen die Band „Badlands“. Aber Gillen war da schon gar nicht mehr der Sänger von Black Sabbath, da er, statt die Arbeit an „Eternal Idol“ abzuschließen, lieber eine Band namens „Blue Murder“ gründete. Die Stimme auf dem Album gehört einem (damals) jungen Mann aus Birmingham, welcher Tony Iommi aufgefallen war, weil er in einer von einem befreundeten Manager betreuten Band sang und sich zuvor bereits bei Sabbath beworben hatte. Tony Martin ist der Name, und was als Verlegenheitslösung begonnen haben mochte, war stabil genug, um zu einer Ära zu werden, mithin der dritten solchen in der Geschichte von Black Sabbath.
Hören wir doch zwischendurch mal hinein, zum Beispiel in den Titel „Ancient Warrior“:

Der Text ist etwas ambig. „He is the king of all kings“ (Dschieses?), „The keeper of the light“ (Luzifer?) – das hat klassisches Sabbath-Potenzial. Dasselbe gilt für das Titelstück, mit dem dieses Album in der Urversion endet. Es bietet einen pessimistischen Blick auf Politik und Gesellschaft, vermengt mit religiösen Motiven. Die Nicht-Urversion des Albums, namentlich die Deluxe-Edition aus dem Jahre 2010, enthält zusätzlich zwei Single-B-Seiten („Black Moon“ und „Some Kind of Woman“) sowie auf der zweiten Disc Studiosessions des Albums mit Ray Gillen am Mikro. Das ist freilich nicht das einzige, was von Ray Gillen blieb, denn sein boshaftes Lachen im Lied „Nightmare“ wurde auch in die von Tony Martin gesungene und ursprünglich veröffentlichte Version eingesamplet.

Headless Cross

Nach dem Abgang von Drummer und Bassisten mußte Tony Iommy mal wieder die Band neustrukturieren. Als Konstanten blieben Geoff Nicholls am Keyboard und Tony Martin am Mikrophon. Und Tony Iommi an der Gitarre, aber das ahnte man schon. Auf dem Album „Headless Cross“ von 1989 ist Laurence Cottle am Baß zu hören, aber *seufz* die anschließende Tour machte nicht er mit, sondern Neil Murray stieg bei Black Sabbath ein. Das Schlagzeug bediente Cozy Powell, vormals … na? Richtig! „Rainbow“. Einzig die Unersetzlichkeit Tony Iommis scheint Ritchie Blackmore davon abgehalten zu haben, höchstselbst bei Sabbath die Gitarre zu spielen. Oder? Brian May ist als Gastsolist im Lied „When Death Calls“ zu hören, also hätte Ritchie durchaus… Blödsinn.
Nachdem Tony Martin auf „The Eternal Idol“ für das bereits so gut wie fertige Album lediglich die Texte anstelle von Ray Gillen eingesungen hatte, oblag es ihm nun, selbst die Texte zu verfassen, wie man es gemeinhin vom Sänger erwartet. Was insofern verwunderlich ist, als dies ja in den Anfangstagen der Band keineswegs die Norm war, insofern Bassist Geezer Butler und eben nicht Ozzy Osbourne den Großteil der Texte verfaßt hatte. Tony (Martin) sah sich also mit der Aufgabe konfrontiert, sabbathtypische Songs zu schreiben, und er flüchtete sich in düstere, teils okkulte Motive, die den Teufel nicht ausließen. Auch das Kreuz als erstes inoffizielles Black-Sabbath-Symbol durfte nicht fehlen, hence the title. Nach einem ominösen Intro mit Namen „The Gates of Hell“ steht das Titelstück als zweiter Track am Beginn des Albums:

Das Motiv des keltischen Kreuzes mit dem romantogothischen Bandnamen war, wie anfangs erwähnt, meine erste Begegnung mit Black Sabbath – auf dem T-Shirt eines mir nicht namentlich bekannten Mitschülers in der Pausenhalle. Mein Klassenkamerad Jan Freitag war es, der anmerkte, daß „das Satanisten“ seien. Diesen Eindruck könnte man angehörs des vorliegenden Albums in der Tat gewinnen, denn während bei Geezer Butler in den 70ern die Erwähnung Satans keineswegs dazu diente, ein verehrungswürdiges Bild des Gehörnten zu zeichnen, sondern eher als Symbol stand für den Zustand einer gottverlassenen Welt, in welcher augenscheinlich finstere, korrupte Mächte am Werke waren, ist dies auf „Headless Cross“ durchaus nicht der Fall. Schon das Titelmotiv des zerbrochenen Kreuzes (bildlich dargestellt auf der Rückseite des Covers) deutet auf eine antichristliche Einstellung hin, und auch die Beschreibungen von Satan bzw. dem Devil sind, wenn zwar nicht gerade offen verehrend, so doch auch nicht deutlich ablehnend. Dessen ungeachtet denke ich, daß dies vor allem Tony Martins Bestreben geschuldet ist, vielleicht etwas überambitioniert, eine Stimmung zu erzeugen, die der Legende „Black Sabbath“ angemessen schien. Übrigens war wohl Tony Iommi zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt, denn er wies seinen Frontman an, es mit der Teufelsbuhlerei nicht zu sehr zu übertreiben und das alles auf dem nächsten Album etwas zurückzuschrauben.

TᛉR

1990 erschien mit „Tyr“ das dritte Sabbath-Album in Folge mit demselben Sänger, und auch der Rest der Band ist gegenünber dem Vorgängeralbum beinahe unverändert, mit Ausnahme von Neil Murray, der erst mit dem Beginn der Headless-Cross-Tour als Bassist eingestiegen war; soviel Konstanz hatte es seit dem Bodensee… Falsche Konnotation. Seit über 10 Jahren nicht mehr gegeben.
Auf den ersten Blick scheint „Tyr“ ein Konzept-Album zu sein, das Artwork ist nordischen Schnitzereien nachempfunden, Tyr ist ein Gott der nordischen Mythologie (ein Sohn Odins), und der Titel ist in Runen geschrieben, freilich falsch, den die Algiz-Rune (ᛉ) repräsentiert kein y, sondern x oder z, aber geschenkt. In des Albums Mitte bzw. zu Beginn der B-Seite nimmt ein Triptychon von „The Battle of TYR“, „Odin’s Court“ und „Valhalla“ den Albumtitel thematisch auf. Auch das zweite Lied der Platte „The Law Maker“ kann mit dem Gott Tyr in Verbindung gebracht werden, welcher gemäß Wikipedia „Souverän des Rechts“ ist. (Benjamin Hederichs „Gründliches Mythologisches Lexikon“ ist leider nicht so gründlich, daß es sich um die nordische Mythologie scheren würde. Punktabzug! Aber soeben fällt mir wieder ein, daß Rudolf Simeks „Lexikon der germanischen Mythologie“ hier ja auch steht. Wenn Tyr da nicht drinsteht… Er steht. Aha: In vorgermanischen, also indogermanischen Zeiten war Týr als Himmels- Kriegs- und Versammlungsgott noch so bedeutend, daß sein Name auf „Zeus“ einwirkte und schlechthin für „dei“, also „Götter“ im Allgemeinen stand. Klammer zu.) Die andere Hälfte des Albums nimmt keinen Bezug zu nordischen Gottheiten, sondern spielt auf das mittelalterliche Christentum an, musikalisch besonders deutlich im Opener „Anno Mundi (The Vision)“:

Ob der Titel „Jerusalem“ eine Anspielung auf Englands dritte oder vierte Nationalhymne „Jerusalem“ ist, weiß ich nicht. Aber da Tony Iommi Tony Martin (Dativ) ja quasi verboten hatte, ständig auf Black Sabbath‘ Satanismusklischee herumzureiten, schmuggelte dieser mit „The Sabbath Stones“ wenigstens das Sabbath-Selbstbezug-Klischee ein. Musikalisch überwiegen düstere atmosphärische Klänge, weniger Tony Iommis Gitarrenriffs.

Dehumanizer

Tony (Martin, again) hatte sich durchaus als stimmgewaltiger Sänger und fähiger Lyriker… Lyrizist… Songwriter erwiesen, doch die drei Alben, die mit ihm am Mikro entstanden, blieben hinter den Erwartungen zurück. Vor allem hinter Tony Iommis finanziellen Erwartungen. Darum strebte Tony (Iommi, diesmal) eine erneute Zusammenarbeit mit Ronnie James Dio an. Auch konnte er Geezer Butler wieder ins Boot holen. Da Cozy Powell sich das Schlüsselbein brach, mußte auch der Platz am Schlagzeug neubesetzt werden, und Vinny Appice kehrte dorthin zurück. Somit war das Lineup des Albums „Mob Rules“ wieder vereint, und im Jahre 1992 erschien das Album „Dehumanizer“. Tony (also Martin jetzt) gibt an, nie formell gefeuert worden zu sein; Tony (Iommi) war möglicherweise zu introvertiert, um dergleichen offiziell und endgültig zu tun. Irgendwie konnten verschiedene Inkarnationen von Black Sabbath zeitgleich nebeneinander existieren, was später noch einmal deutlich wurde.
Das Titelbild von „Dehumanizer“ zeigt in 90er-Jahre-Airbrush-Optik einen Roboter-Sensenmann, welcher einen T-Shirt-Träger vermittelst Sith-Blitzen vom Menschenleben zum Robotertod befördert – etwas cheesy. Musikalisch knüpft dieses Album aber in der Tat an „Mob Rules“ an. Ronnie James Dios druckvolle Stimme kämpft mit Tony Iommis Gitarre und Geezer Butlers Baß um die akustische Vorherrschaft. Thematisch sind die Texte zum Teil im damals noch argwöhnisch beäugten Computer-Zeitalter angesiedelt, spiegeln aber nach wie vor Ronnie James Dios Vorliebe für Fantasy wieder.
„I“:

Am Ende der Dehumanizer-Tour stand ein gemeinsamer Auftritt von Black Sabbath mit Ozzy Osbournes Solo-Band (Ein Oᛉᛉymoron. Ha!) im kalifornischen Costa Mesa. NaTÜRlich war Ronnie nicht dazu zu bewegen, die Bühne mit seinem erklärten Erzfeind Ozzy Osbourne zu teilen, und da sein Vertrag mit Black Sabbath sowieso auslief, qittierte er den Dienst. Judas-Priest-Sänger Rob Halford erhielt so die Gelegenheit, sich in die illustre Liste von Black-Sabbath-Sängern einzureihen, da er Ronnie bei diesen Shows ersetzte. Überdies kam es zu einer tatsächlichen One-Night-Only-Wiedervereinigung von Black Sabbath mit Ozzy und Bill Ward für immerhin vier Lieder.

Cross Purposes

Ronnie James Dio war beleidigt abgezogen, aber das machte ja nichts, denn eigentlich war ja sowieso Tony Martin der aktuelle Sabbath-Sänger. Da aber auch Vinny Appice seinen Platz hinterm Drum kit wieder räumte, mußte Ersatz her, dieses Mal Bobby Rondinelli, welchselbiger auch schon mal bei „Rainbow“ gespielt hatte, Black Sabbath‘ Ersatzteillager. Geezer Butler blieb und verlieh dem 1994er Album „Cross Purposes“ somit ein wenig klassischen Black-Sabbath-Glanz. Theoretisch. Denn leider muß ich sagen, daß dieses Album genau diesen Glanz vermissen läßt. Bis auf ein paar gelungene Riffs („Immaculate Deception“) und nette Melodien („The Hand that Rocks the Cradle“) kommt da nicht viel. Tony Martins Stimme wirkt müde und entwickelt nicht denselben großen Umfang wie auf den vorherigen drei Alben. Die Songs klingen irgendwie uninspiriert, mehr wie eine Pflichtübung denn wie eine Herzensangelegenheit. Pflichtschuldigst werden ein paar Kreuze eingestreut („Cross of Thorns“), einige religiöse Motive dazwischengeworfen („Back to Eden“), wird etwas Morbidität vorgetäuscht („Dying for Love“). Schon das Titelbild ist irgendwie fadenscheinig, ein Engel mit brennenden Flügeln, na toll. Band- und Album-Namen in uninteressanter Antiqua-Schrift, glatt und belanglos. Vielleicht war die Mitte der 90er einfach nicht die Zeit für Bands wie Black Sabbath, denn am mangelnden Talent kann das ja nicht gelegen haben. Für sich genommen sind die Lieder nicht einmal schlecht, aber als Album merkwürdig kraftlos. Als Höreindruck „Cross of Thorns“:

Wer weiß. Wenn man 1994 zum ersten Mal ein Black-Sabbath-Album auflegte und es „Cross Purposes“ war, dann mag es einem wie ein grandioses Album vorgekommen sein, vielleicht sogar zu Recht. Hätte zum Beispiel mir durchaus passieren können, denn in jener Zeit erwachte ich aus meinem kindlichen Dornröschenschlaf und begann, mich der populären Musik zuzuwenden, wiewohl ich aus zuvor genannten Gründen an Black Sabbath keinen Gedanken verschwendete. Wie auch immer. Wenn man die sechzehn vorherigen Sabbath-Alben im Ohr hatte, wird „Cross Purposes“ nicht prominent hervorgeklungen haben. Irgendwann ist eine Band vielleicht auch einfach so ausgebrannt wie Engelsflügel.

Forbidden

Der Plattenvertrag lief aus und andere große Ereignisse warfen ihre Schatten voraus, aber zuvor mußte noch ein Album beim bisherigen Label produziert werden. Nach der Cross-Purposes-Tour stieg Geezer Butler mal wieder aus und wurde durch den Rückkehrer Neil Murray ersetzt (der zwar kein Rainbow-Ehemaliger ist, aber immerhin bei „Whitesnake“ gespielt hatte, einem anderen Deep-Purple-Ableger). Auch Cozy Powell übernahm nach auskuriertem Schlüsselbeinbruch wieder die Drumsticks von Bobby Rondinelli. Physisch stießen die beiden allerdings nicht direkt zu den Tonys und Geoff Nichols, so daß die Arbeiten am 1995er Album „Forbidden“ zunächst in gestutzter Besetzung stattfanden. Hierbei kollaborierte Black Sabbath mit der Rap-Metal-Band „Body Count“, Ernie-C fungierte als Produzent und Ice-T hat einen Wortbeitrag im Eröffnungstitel „The Illusion of Power“. Dieser Umstand allein genügte wohl schon, um die Sabbath-Fanbasis in Aufruhr zu versetzen: Was hatte Black Sabbath mit Rap am Hut? (Meine Standardantwort: Nichts, nämlich.) Sollte es Tony Iommis Intention gewesen sein, mithilfe dieser Zusammenarbeit den Sound der Band zu modernisieren und auf den Stand der Zeit zu bringen, um neue Fans zu gewinnen und alte bei der Stange zu halten, so ging dieser Plan gründlich schief. Fans wollen nichts revolutionär Neues, sie wollen dasselbe, bloß anders. So superrevolutionär anders ist der Sound auf „Forbidden“ zwar gar nicht, immerhin sind hier dieselben Musiker am Werke wie auf „Tyr“, aber das liebgewonnene Selbe ist es halt auch nicht.
Hier irgendwo ist also Ice-T zu hören, „The Illusion of Power“:

Is‘ aber auch egal, denn nach „Forbidden“ war die über eine Dekade dauernde Zwischenepisode der Uneinheitlichkeit für Black Sabbath sowieso vorbei. Schon seit einiger Zeit hatte Tony Iommi die Fühler ausgestreckt, um seine eigentlichen Band-Kollegen wieder zusammenzubringen, vermutlich war er im Auftrag des Herrn unterwegs. Geezer Butler war ja zwischenzeitlich schon wieder Sabbath-Mitglied gewesen, und mit Ozzy Osbourne und Bill Ward hatte es immerhin schon einen gemeinsamen Auftritt gegeben. Eine Wiedervereinigung lag quasi in der Luft.


CD-Regal restocked: Black Sabbath (Erster Nachtrag)

19. November 2017

Als Ozzy Osbourne die Band verließ bzw. gefeuert wurde, geschah dies gefühlt mitten im Album „Never Say Die!“. Denn im drittletzten Lied der Platte sang er „I’m handing my future over to you“, dann folgte ein Instrumentalstück, und das letzte Lied sang Bill Ward. Und das war’s. Und für Black Sabbath als Band hätte es das auch sein können, doch schon während sich abzeichnete, daß es mit Ozzy nicht mehr lange so weitergehen würde, hatte Tony Iommi Kontakt mit Ronald James Padavona, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Ronnie James Dio. Das war ein kleiner Mann mit großem Ego und noch größerer Stimme, der just als Sänger von Ritchie Blackmores Band „Rainbow“ ausgeschieden war. Sabbath und Dio wurden sich schnell einig, also konnte das Studio geentert werden.

Heaven and Hell

Für die anderen drei Bandmitglieder bedeutete das Engagement von Dio eine Umstellung. Denn war die Arbeitsteilung zuvor so gewesen, daß Iommi mit einer Riff-Idee begann, Geezer Butler einen Text verfaßte, Bill Ward den Rhythmus vorgab und Ozzy Osbourne eine Gesangsmelodie entwickelte, so sprühte Dio dermaßen vor kreativer Energie, daß er die Songs gleich komplett schrieb und bloß noch ein paar Riffs und Solos eingearbeitet werden mußten. Auch wird schon mit den ersten Klängen des 1980er Albums deutlich, daß der neue Sänger einen weitaus besseren Stimmumfang hatte als Ozzy. Nicht an erster Stelle steht das Titelstück, „Heaven and Hell“:

Mit den grollenden Klängen der frühen 70er Jahre ist das zwar auch nicht vergleichbar, aber im Kontrast zum vorherigen Album ist „Heaven and Hell“ rockiger und wirkt insgesamt aus einem Guß. Textlich hat Dio ein Faible für Ritter und Elfen, nicht so sehr für den Höllenfürst, und musikalisch ist der Stil nun eher dem Power-Metal zuzuordnen. Überhaupt kann man sagen, daß Ronnie James Dio Black Sabbath erst zu einer Metal-Band gemacht hat, denn zuvor war sich die Band ja weder im Klaren darüber, daß sie dieses Genre aus der Taufe gehoben hatten, noch waren sich die Mitglieder einig über ihren musikalischen Standpunkt. Darob wird Dio von vielen Fans gottgleich verehrt, und seine Zeit bei Black Sabbath vielfach höher geschätzt als die Ozzy-Jahre. Ozzy Osbourne sah dies freilich anders. Zwar hatte er von sich aus ein Solo-Projekt gestartet, aber aus der Band geworfen worden zu sein, schmerzte ihn denn doch. Auf der Bühne verspottete er darob seinen Nachfolger bei Black Sabbath, indem er einen Kleinwüchsigen ihm aufwarten ließ, was Ronnie wiederum bitter aufstieß. Er bezeichnete Ozzy als Clown, der sich melden könne, wenn er (Ozzy) so gut singen könne wie er (Ronnie). Die beiden wurden ihr Lebtag keine Freunde. Wie auch immer, bei den Fans kam Dio gut an, und das Album wurde als glückliche Wiedergeburt der zuvor doch etwas dahindümpelnden Band gefeiert.

Mob Rules

Darum folgte auch bereits im Jahr 1981 das nächste Album. Daran keinen Anteil hatte leider Drummer Bill Ward. Dieser mußte familiäre Schicksalsschläge verarbeiten, was vor allem dazu führte, daß sein Alkoholkonsum, der immer schon notorisch hoch gewesen war, nun über kritische Ausmaße hinausging. Darum quittierte er während der Heaven-and-Hell-Tour den Dienst und wurde durch den jüngeren Schlagzeuger Vinny Appice ersetzt, wie Dio ein Amerikaner. Ebenfalls während der Tour arbeitete Black Sabbath bereits an Material fürs Album „Mob Rules“, befeuert dadurch, daß sie die Anfrage erreichte, einen Song zum Trickfilm „Heavy Metal“ beizusteuern. Die Band quartierte sich im ehemaligen Haus des erst kurz zuvor ermordeten John Lennon ein und nahm rasch eine Demoversion des Songs „The Mob Rules“ auf, welche auch direkt vom Filmteam akzeptiert wurde, ohne die Reinschrift abzuwarten. Fürs Album wurde der Song natürlich noch mal ordentlich aufgenommen und klingt so:

„If you listen to fools / The mob rules.“ Diese Textzeilen allein sind schon den Preis des Albums wert, so wahr sind sie. Während der Tour zu „Mob Rules“ wurden mehrere Live-Mitschnitte aufgenommen. Drei Konzertabende zur Jahreswende 81/82 im Londoner Hammersmith Odeon, die erst 2007 als streng limitierte Sonder-Edition (5000 Exemplare) auf CD veröffentlicht wurden und seit 2010 die zweite Scheibe der Deluxe Expanded Edition von „Mob Rules“ füllen. Und Konzertmitschnitte von amerikanischen Veranstaltungsorten wurden 1982 als „Live Evil“ veröffentlicht, mithin das erste offizielle Live-Album der Band; alle zuvor auf Platte gepreßten Mitschnitte früherer Konzerttouren waren Bootlegs oder sonstwie von Black Sabbath nicht authorisierte Veröffentlichungen gewesen, namentlich das Album „Live at Last“. Und beim Abmischen des Live-Evil-Albums traten Differenzen zwischen Ronnie James Dio auf der einen und Tony Iommi nebst Geezer Butler auf der anderen Seite zu Tage, welche wohl die Lautstärke von Gesang- und Gitarrenstimmen betrafen. Letztlich wurde Dio beschuldigt, nachts heimlich Veränderungen in seinem Sinne vorgenommen zu haben. Klingt reichlich kindisch, war es auch, und man darf vermuten, daß diese Kinkerlitzchen lediglich die Kulmination von vorher schon bestehenden Spannungen darstellten, denn immerhin hatten sich hier die gut gefütterten Egos von zuvor bereits erfolgreichen Musikern verschiedener Bands getroffen. Das ging einige Jahre gut, aber eine längere Zusammenarbeit war nicht möglich. Dio verließ also Black Sabbath und nahm Vinny Appice gleich mit. Was blieb, waren zwei sehr gute Studio-Alben, welche Black Sabbath zurück ins Bewußtsein des Publikums gehievt hatten.

Kleiner blasphemischer Einwurf: Vielleicht hatte Dio die Gelegenheit, bei der Legende Black Sabbath am Mikro zu stehen, nicht zuletzt auch dafür genutzt, seinen eigenen Namen bekannter zu machen. Wer sich selbst den Künstlernamen „Dio“ (ital.: „Gott“) gibt, leidet wohl nicht an mangelndem Selbstbewußtsein, und nach seiner Trennung von Iommi und Butler nannte er seine neue Band bescheiden nach sich selbst: Dio. Über den Song „The Sign of the Southern Cross“ sagte er mal in einem Interview: „Hey, it’s Sabbath, so a cross is always fitting“, darauf anspielend, daß die Bandmitglieder gewöhnlich schwere Metallkreuze vor der Brust trugen, ihr Markenzeichen. Für mich ist das entlarvend: Er hatte also vor allem mit dem Klischee gespielt und geliefert, um eine angenommene Erwartungshaltung zu befriedigen. Darüber hinaus sprach Dio in Interviews zwar gerne darüber, daß er über alle Menschen, mit denen er je zu tun hatte, stets nur Gutes gesagt habe, nannte dann aber zwei Sätze später Ritchie Blackmore einen phantastischen Musiker aber fürchterlichen Menschen (was stimmen mag), oder lästerte über Ozzys, seiner Ansicht nach, mangelndes Gesangstalent und alberne Bühnenperformance. Also wer weiß, vielleicht lag es ja doch ein bißchen auch an Ronnie selbst, daß er bei Rainbow mit Blackmore aneinandergeriet und mit Black Sabbath keine langfristige Zusammenarbeit zustandekam. (Zum Glück hat mein Blog keine große Reichweite, sonst hätte ich mir mit dieser auf wenigen Interview-Eindrücken beruhenden Einschätzung eine Menge Feinde gemacht. Und über Tote soll man Gutes sagen, also merke ich noch an, daß Dio während seines Engagements bei Black Sabbath die mano cornuta in die Metal-Szene eingeführt hat. 🤘)

Born Again

Black Sabbath standen also erneut ohne Sänger da, aber immerhin war Bill Ward wieder fit und konnte seinen Platz am Schlagzeug wieder einnehmen. Als Vokalist wurde schließlich nach einer durchzechten Nacht im Pub der ehemalige Deep-Purple-Frontman (Mk II) Ian Gillan vorgestellt, was die traditionell spöttische englische Presse zur Bezeichnung „Deep Sabbath“ veranlaßte. (Von „Black Rainbow“ in den Dio-Jahren war meines Wissens freilich nicht die Rede gewesen. Oder vielleicht auch doch, wer weiß.) 1983 erschien jedenfalls das neue Sabbath-Album, und es wurde von Fach- und Laienpublikum mit allgemeinem Kotzen aufgenommen. Das lag zunächst am Titelbild. Und das kam so: Der Designer Steve „Krusher“ Joule erhielt von Sabbath‘ Manager Don Arden den Auftrag, Entwürfe für ein Albumcover einzureichen, was Joule in eine prekäre Situation brachte, denn er hatte auch Aufträge von Ozzy Osbourne und dessen Frau Sharon Osbourne, pikanterweise geborene Arden. Drama, Baby! Krusher wollte die Ozzys nicht als Kunden verlieren, aber auch nicht offen einen Auftrag von Black Sabbath ablehnen, also beschloß er, für Sabbath einen Entwurf einzureichen, der so offensichtlich unannehmbar war, daß er abgelehnt wurde und er, Krusher aus dem Schneider war. Also rasch ein Babyfoto aus einem medizinischen Fachmagazin ausgeschnitten, mit dem Kopierer den Kontrast erhöht, absurde Fingernägel und dämonische Reißzähne nebst Hörnern reinretouchiert, das Ganze in die dem Auge unfreundlichst mögliche Farbkombination getaucht, lieblos „Black Sabbath“ und „Born Again“ in bastardiertem Olde-English-Font draufgeklebt – wäre doch gelacht! Tja, und dann hat Tony Iommi tatsächlich gelacht, Ian Gillan gibt an, gekotzt zu haben, aber Geezer Butler hat einen ausreichend morbiden Humor, um so etwas genial-scheiße zu finden. Entwurf angenommen! Den zweiten Grund, das Album abzulehnen, stellte die mehr als rauhe Produktion dar. Der Sound war anscheinend dem Ohr annähernd so unerträglich, wie der Anblick des Covers dem Auge. Aber das konnte durch ein Remastering behoben werden. Inhaltlich gefällt mir das Album sogar ziemlich gut. So gut, daß der Höreindruck bei Youtube ausschlaggebend war, meine Sabbath-Diskographie nicht nach der Ozzy-Ära enden zu lassen, sondern – in Abänderung meines ursprünglichen Plans – doch alles anzuschaffen; was soll der Geiz!
Auf „Born Again“ ist der doomige, düstere Sound verganger Jahre zurückgekehrt, treibende Riffs dominieren, und Gillans kreischende Stimme, vor allem im Song „Disturbing The Priest“, erinnert sogar ein wenig an Ozzys Tembre. Black Sabbath waren 1968 angetreten, schaurige Musik zu machen, welche die Hörer gruseln ließ. In dieser Tradition steht auch das Album „Born Again“. Als Höreindruck wähle ich „Zero The Hero“ mit vorangestelltem Intro „The Dark“:

Mit dem Abgang der Amerikaner Dio und Appice und dem Bandeintritt von Ian Gillan war Black Sabbath wieder eine britische Band, und dieser Umstand wird mit dem atmosphärischen Instrumentalstück „Stonehenge“ gefeiert, dem ältesten Kulturzeugnis auf englischem Boden – also der Steinkreis, nicht das Lied. Da seit Pink Floyds „The Wall“ Bühnenshows plötzlich übermenschliche Großereignisse sein mußten, wollten auch Black Sabbath dahinter nicht zurückstehen und orderten also als Bühnendeko Stonehenge® in Styropor®, 15 Fuß breit pro Segment. Was kam, war Stonehenge, aber 15 Meter breit, also viel zu groß für die meisten Bühnen. Das hätte der größte Stolperstein auf der Tour sein können, aber leider erlebte Bill Ward einen Rückfall in den Alkoholismus und konnte abermals die Tour nicht beenden. Kurzfristig sprang der Schlagzeuger des Electric Light Orchestra, Beverley „Bev“ Bevan, ein, ein Junge aus Birmingham. Nach dem Ende der Tour deutete sich an, daß Deep Purple sich wiedervereinigen würden, also Ian Gillan, soviel Spaß er mit Black Sabbath auch gehabt hatte, seiner ursprünglichen Band den Vorzug geben würde. Und Geezer Butler war ebenfalls ohne Bill und sowieso ohne Ozzy nicht mehr so recht in der Stimmung. Und plötzlich stand Tony Iommi alleine da beziehungsweise konnte Black Sabbath als aufgelöst betrachten.

Hiatus heißt sowas wohl. Für das 1985er Live-Aid-Konzert fanden alle vier Gründungsmitglieder sogar noch einmal für drei Lieder („Children of the Grave“, „Iron Man“, „Paranoid“) zusammen, und die Fans drückten alle Daumen, aber zur tatsächlichen Wiedervereinigung kam es dennoch nicht. Für Tony Iommi bot dies die Gelegenheit, sich einem Soloprojekt zu widmen, wie es Freund Osbourne seit geraumer Zeit und ziemlich erfolgreich betrieb; 1983 erschien nach „Blizzard of Ozz“ und „Diary of a Madman“ bereits Ozzys drittes Solo-Album „Bark at the Moon“, 1986 in Gestalt von „The Ultimate Sin“ das vierte.

Seventh Star

Mit Eric Singer am Schlagzeug, Dave Spitz am Baß und Geoff Nichols, dessen Name hier bis jetzt nicht fiel, obwohl er bereits seit 1979 für Black Sabbath am Keyboard tätig war, hatte Tony eine kompetente Band beisammen, die er schließlich mit Glenn Hughes am Mikrophon vervollständigen konnte. Glenn hatte von 1973 bis 76 bei Deep Purple den Baß gezupft und auch gesungen, in Tony Iommis Solo-Band sollte er nur singen. Die Plattenfirma war allerdings nicht bereit, den zugkräftigen Namen „Black Sabbath“ sterben zu lassen, und drängte darauf, das Album „Seventh Star“ 1986 unter der etwas abenteuerlichen Bezeichnung „Black Sabbath featuring Tony Iommi“ zu veröffentlichen. Das Titelbild ist 80er-Jahre-typisch schlecht und zeigt einsam einen traurig zu Boden blickenden Tony Iommi in schwarzer Western-Style-Lederjacke. Die Lieder tragen natürlich Tonys Handschrift und sind um seine Gitarrenriffs herum arrangiert, allerdings ist der Stil weniger düster und grollend, als man es von einer ..äh.. echten Black-Sabbath-Platte erwartet hätte. Der Song „Heart Like A Wheel“ ist eine astreine Blues-Nummer, was in Anbetracht von Black Sabbath‘ Anfängen als Blues-Band nicht einmal fehl am Platze wirkt. Glenn Hughes singt vor allem von persönlichen Befindlichkeiten, nicht über den schlimmen Zustand der Welt, außer vielleicht auf dem Titeltrack, „Seventh Star“, hier komplett mit Intro „Sphinx (The Guardian)“:

Glenn Hughes war gar nicht glücklich damit, daß diesem Album der Black-Sabbath-Stempel aufgedrückt wurde, denn damit war klar, daß auf der Tour auch die alten Sabbath-Klassiker zum Vortrage gebracht werden mußten, und das war gar nicht sein Ding. Zu seinem Glück hatte er sich aber nach fünf Shows mit einem Tourmanager in den Haaren, es kam zu Raufhändeln, und er wurde ausgeknockt, so daß er nicht mehr singen konnte. Der Amerikaner Ray Gillen ersetzte ihn auf der Tour und bei den Aufnahmen für das folgende Album.
Der Umstand, daß aus dem Soloprojekt Tony Iommis ein offizielles Black-Sabbath-Album wurde, setzte einen Präzedenzfall. Denn plötzlich schien es nicht mehr notwendig zu sein, daß Geezer Butler und Bill Ward zurückkehrten, um ein Sabbath-Album aufzunehmen, ganz zu schweigen von Ozzy Osbourne. Es konnte auch mit Tony Iommi als einzigem Gründungsmitglied weitergehen.


CD-Regal restocked: Black Sabbath

17. November 2017

Im Zuge meiner Recherchen zu Metallica und Metal-Music allgemein war es unvermeidlich, daß ich mehr als einmal über „Black Sabbath“ stolperte, denn jeder Metal-Musiker, der etwas auf sich hält (also alle), gefragt nach seinen Einflüssen, nennt diese Band fundamental nicht nur für seine eigene, sondern für die Entwicklung des gesamten Genres. Auch mir selbst war natürlich irgendwie seit meiner Kindheit bewußt, daß es Black Sabbath gab, aber sie rauschten halt so mit im musikalischen Farbspektrum, das von Pink Floyd über Deep Purple bis eben Black Sabbath reichte, ohne daß mich konkret mit irgendeiner dieser Bands etwas verbunden hätte. Zwar ist mir erinnerlich, in der Pausenhalle mal einen älteren Schüler mit einem Black-Sabbath-T-Shirt gesehen zu haben, das so ein keltisches Kreuz mit dem Namen der Band in phantasievoller Frakturschrift zeigte, zwar beherbergt meine Festplatte seit nicht ganz einer vollen, aber bestimmt einer halben, wenn nicht gar einer Dreifünftelewigkeit die Songs „Paranoid“ und „Children of the Grave“, die auch von mir gerne gehört wurden. Aber trotz all dem vermeinte ich über Black Sabbath nur dreierlei zu wissen, was ich im Laufe der Jahre so aufgeschnappt hatte: Sie sind eine Metalband, die es schon sehr lange gibt; Ozzy Osbourne ist ein Wahnsinniger, der auf der Bühne Fledermäusen die Köpfe abbeißt und mal in so einer Art Reality-TV-Show auftrat; und man bringt Black Sabbath mit Satanismus in Verbindung.
Vielleicht war es der letzte Punkt, der mich, aus gutem christlichen Hause stammend, davon abhielt, der Musik dieser Band meine nähere Aufmerksamkeit zu widmen, denn mit Satanismus wollte ich natürlich nix zu tun haben, Gott bewahre! Tja, mein Pech. Aber inzwischen habe ich mich von religiös motivierten Ressentiments dieser Art befreit, ich ging der Sache also in den letzten Monaten auf den Grund, und guess what: So satanistisch sind die gar nicht.

Black Sabbath

Da ich ja gerne strukturiert vorgehe, fing ich also vorne an. Zu meiner Überraschung stammt das selbstbetitelte Debüt-Album bereits aus dem Jahre 1970. Ich hatte ja geahnt, daß Black Sabbath einer frühen Periode der Metal-Musik zuzurechnen sind, aber ich hatte mehr so an die Zeit von Venom und Judas Priest oder Iron Maiden gedacht. Aber 1970, das ist ja die Zeit der Beatles (noch) und der Rolling Stones (immer), da gab es The Who und Genesis, die Yardbirds (schon nicht mehr), Led Zeppelin (in der Nachfolge der Yardbirds), Deep Purple und Pink Floyd. Als sich 1968 in Birmingham die vier Freunde Tony Iommi, Geezer Butler, Bill Ward und Ozzy Osbourne, deren bürgerliche Namen in willkürlicher Reihenfolge Terence, Michael, Joseph, John, Frank, Anthony, Thomas und William umfassen (Mehrfachnennungen möglich), nebst zwei weiteren Musikanten die „Polka Tulk Blues Band“ gründeten, welche nach Abgang dieser beiden weiteren Musikanten in „Earth“ umbenannt wurde, war England amtierender Fußball-Weltmeister, führten die USA einen moralisch kaum zu rechtfertigenden Krieg in Vietnam, und Hippies aßen Blumen, rauchten alles mögliche und warfen LSD ein. Adenauer war freilich schon tot (knapp). Die junge Band probte gegenüber einem Kino, in dem unter anderem Horrorfilme gezeigt wurden, deren einer „Black Sabbath“ hieß, und da der Name „Earth“ bereits vergeben war und „Black Sabbath“ fein schaurig und makaber klang, benannten die Jungs ihre Band entsprechend um. Außerdem hatten sie Bock darauf, Musik zu machen, die das schaurige Tembre der damaligen Horror-Filme wiedergab, und mit diesem Ansinnen begann sie, eigene Lieder zu schreiben und zur Aufführung zu bringen. Als sie schließlich ins Studio gingen, um ihr Songmaterial auf Vinyl zu pressen, nahmen sie am ersten Tag alle sieben oder acht oder auch mehr Songs auf, die sie im Repertoire hatten (Darunter mit „Evil Woman“ und „Warning“ zwei Cover-Songs), am zweiten Tag wurde abgemischt, und der Soundingenieur fügte noch coole Effekte wie Glockenschlag und Gewittergrollen hinzu. Fertig war das Album. Heute enthält es acht Songs, aber einige Lieder haben Intros und Outros, die bisweilen als eigene Tracks gezählt wurden, und der Song „Wicked World“ war ursprünglich nicht auf dem Album enthalten, sondern wurde nur als Single herausgegeben.
Das selbstbetitelte Album beginnt mit dem selbstbetitelten Lied „Black Sabbath“, damit auch jeder wußte, womit er es hier zu tun hatte. Nach Glockenschlag und Regenprasseln setzt, haha! der Tritonus, das Teufelsinterval ein, ein schweres Riff, bis schließlich Ozzy Osbournes unvelwechserbare Stimme erklingt:

Birmingham ist eine Industriestadt. Gitarrist Tony Iommi hatte sich bei einem Arbeitsunfall im Walzwerk zwei Fingerkuppen abgequetscht. Ozzy Osbourne fand es als Halbstarker mal notwendig, sich als Dieb zu betätigen, kam für einige Wochen in den Knast und tätowierte sich dort „Ozzy“ auf die Finger. Bassist Geezer Butler hatte nicht nur diesen ulkigen Spitznamen (geezer heißt sowas wie „komischer Kauz“), sondern beschäftigte sich auch mit Okkultismus und dergleichen. Also man merkt schon, das waren hier nicht die glatten Beatles oder die Intellektuellen von Pink Floyd. Nein, das war Heavy Metal, bloß wußte das damals noch keiner. Gemeinhin wird dieses Album zwar, trotz deutlicher Blues-Einflüsse inklusive Maultrommel und Mundharmonika, als Geburt des Heavy Metal angesehen, aber auch das Debutalbum von Led Zeppelin (1969) ist im Rennen um diese Ehre. Is‘ aber auch egal, denn düsterer und baßlastiger als Black Sabbath war zu diesem Zeitpunkt niemand, ganz zu schweigen von den harten Riffs. Und ja, der Deibel findet seine Erwähnung; im Titelsong grinst sich Satan eins, und der Song „N.I.B.“ ist gar aus der Perspektive Lucifers geschrieben. Allerdings kann man bei beiden Liedern kaum davon sprechen, daß der Leibhaftige hier verehrt würde, vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Dessen ungeachtet fand es der fürs Artwork zuständige Mitarbeiter der Plattenfirma angemessen, im Innern ein umgedrehtes Kreuz zu platzieren, worauf die Band also wohl keinen Einfluß hatte, aber auch wenige Einwände vorbrachte, denn als Zeichen der Rebellion hatten die Jungs nichts dagegen. Aber fürderhin hatte Black Sabbath den Ruf weg, Teufelsanbeterei zu betreiben.

Paranoid

Noch im selben Jahr, 1970, nahm Black Sabbath das zweite Album auf. Es beginnt mit einem schweren Riff und Sirenengeheul in der Anti-Kriegs-Hymne „War Pigs“. Abermals wird der lachende Satan erwähnt, und abermals nicht zu seinem Ruhme. Es folgt ein kurzer Song, den die Band am Ende der Aufnahme-Sessions noch rasch aus dem Ärmel schüttelte, um eine Gesamtspieldauer von über 40 Minuten zu erzielen. Doch statt eines bloßen Lückenfüllers wurde „Paranoid“ der Titeltrack, eine Single-Auskopplung und im Grunde das Aushängeschild von Black Sabbath.

Mit dem Lied „Iron Man“, der mit der Comicfigur nichts zu tun hat, beinhaltet das Album nicht nur einen weiteren Black-Sabbath-Klassiker, sondern mit „Hand of Doom“ brachten sie nach dem Metal-Genre als ganzem gleich auch noch das Doom-Subgenre mit auf den Weg. Aber eigentlich waren Iommi, Osbourne, Ward und Butler zu jener Zeit vor allem zugedröhnte Hippies, denen Psychedelic Rock nicht hart genug war und die als Kinder des düsteren Birmingham mit Flower Power nichts am Hut hatten. Das Album ist politischer und gesellschaftskritischer als das Debut, auch lösten sich die Musiker deutlich von ihren Wurzeln als Blues-Band und wandten sich mehr dem Hard Rock zu, weil sie ja immer noch nicht wußten, daß sie eigentlich Heavy Metal machten. Der Song „Planet Caravan“ zeigt aber dann doch psychedelische Einflüsse.
Ursprünglich sollten Album und Titeltrack „Walpurgis“ heißen, weil: Hexensabbath. Klever. Das war den Verantwortlichen des Plattenlabels aber plötzlich zu schwarzmagisch; jüngste Erfahrungen einer USA-Tour hatten gezeigt, daß dortselbst die Auftrittsmöglichkeiten eingeschränkt waren, wenn sich die Band zu antichristlich gab. Also wurde der Songtitel in „War Pigs“ geändert, was wenigstens die Lautgestalt einigermaßen beibehielt, und der Text entsprechend umgeschrieben. Das Umschlagbild zeigte darob einen in ein Schweinskostüm gewandeten Säbelschwinger. Und dann nahm die Plattenfirma erneut eine Umbenennung vor, weshalb das War-Pig-Bild nun nicht zum endgültigen Titel „Paranoid“ paßt.

Master of Reality

Die Tantiemen der ersten beiden Alben waren rasch versoffen, darum wurde im Juli 1971 gleich das dritte nachgeschoben. Tony Iommi hatte zuvor schon, um seine verletzten Finger zu schonen, seine Gitarre mit leichteren Saiten bespannt. Nun verringerte er zusätzlich den Druck, indem er die Gitarre soundsoviele Schritte tiefer stimmte. Seine Bandkollegen folgten seinem Beispiel, und so ergab sich ein noch düsterer, schwererer Klang. Spätestens jetzt spielte Black Sabbath also Heavy Metal.
Nach einem geechoten Huster von Tony setzt mit „Sweet Leaf“ eine Ode auf süßes Rauchkraut ein, gefolgt von dem geradezu christlich anmutenden Lied „After Forever“, mit dem Geezer vielleicht endlich dem verbreiteten Eindruck entgegenwirken wollte, daß die Band sich dem Teufel verschrieben habe. Das kurze Instrumentalstück „Embryo“ leitet schließlich als Höhepunkt der A-Seite „Children of the Grave“ ein. Besser geht’s nicht!

Das schaurig gehauchte „children of the grave“ am Ende war auf der Langspielplatte als Endlosschleife angelegt, so daß sich, wer wollte, die ganze Nacht hindurch begruseln lassen konnte. Das Lied handelt davon, daß Kinder, die in dieser düsteren Zeit von Krieg und atomarer Wettrüstung auf die Welt kommen, sozusagen direkt aus dem Grab heraus geboren werden, so sich denn nicht bald mal was zum Besseren ändert.
Die B-Seite beginnt mit dem geradezu lieblichen Instrumentalstück „Orchid“. Und dann zeigt der Teufel doch noch sein Gesicht: „You made me master of the world where you exist / The soul I took was not even missed.“ Das rifflastige Lied „Lord of the World“ beklagt aus der Sicht des Gehörnten den Hang der Menschen, auf bösen Wegen durch die Welt zu wandeln, statt die Liebe zu wählen. Wie dergleichen Texte überhaupt je als satanistisch mißverstanden werden konnten, ist mir schleierhaft. Zumindest gibt es hier von Verehrung keine Spur, sondern die Lieder bieten eine Bestandsaufnahme des Weltzustands, die so düster und pessimistisch ausfallen muß, weil die Realität nun mal leider so düster ist. Am Ende bleibt nur die Flucht „Into the Void“, wo hoffentlich eine bessere Zukunft wartet.
Mit nicht einmal 35 Minuten ist „Master of Reality“ bedauerlich kurz, dafür enthält es aber auch ausschließlich phantastische Songs, die musikalisch und textlich auf den Punkt kommen. Der LP lag ein Poster bei, welches die Band auf der Kuppe eines Waldwegs zeigt. Auf dem obigen Bild habe ich versucht, dies in Lego einzufangen.

Vol. 4

Fürs vierte Album zogen Black Sabbath 1972 ins Record-Plant-Studio nach Los Angeles. Hatten die vier in ihrem bisherigen Rockstarleben vor allem dem Alkohol zugesprochen und des Marihuanas genossen (Jahá! Ein Objektgenitiv!), so lernten sie in L.A. die bewußtseins… äh… verändernde Wirkung von Kokain kennen und schätzen. So begeistert waren sie von dem weißen Pulver, daß sie nicht nur den Song „Snowblind“ schrieben, sondern ihn gleich zum Titeltrack für das gesamte Album machen wollten. Das war mal wieder nicht im Sinne der Plattenfirma, also benamsten sie die LP trotzigerweise gar nicht, sondern nannten sie schlicht „Vol 4“. Das ikonische Titelbild zeigt den Wizard of Ozz, der das Publikum mit dem Peace-Zeichen segnet. Der Umstand, daß einzig Ozzy einen Platz auf dem Cover bekam, ließ der Legende nach Tony Iommi leicht vergnatzt sein und veranlaßte ihn, des Sängers Mikrophon fortan von der Bühnenmitte an den linken Rand zu verlegen. Wie auch immer. Das Album ist insgesamt noch härter und rifflastiger als die Vorgänger, mit gelegentlichen Experimenten. Der Track „FX“ ist bloß eine Effektspielerei mit allerhand Gegenständen auf Tonys Gitarrenseiten; was Bands in jener Zeit halt so taten. Aus dem Riffgewitter stechen außerdem die geradezu als Schnulze zu bezeichnende Ballade „Changes“ sowie das elegische Gitarrensolo „Laguna Sunrise“ hervor. Es ist beim Durchhören des Albums schwierig, sich für einen exemplarischen Höreindruck zu entscheiden, also ergreife ich die letzte Chance und verlinke das doomige „Under the Sun/Every Day Comes and Goes“, mit dem die Platte endet:

Mit Vol. 4 schien Black Sabbath sich für eine härtere Stilrichtung entschieden zu haben, wiewohl Streicher zum Einsatz kommen und der Song „Changes“ eine Klavierballade ist. Annähernd jeder Track auf dem Album wird von irgendwem als absoluter Klassiker angesehen, vielleicht mit Ausnahme von „FX“. Dummerweise war die Studioarbeit aber auch begleitet von exzessivem Kokainkonsum, was von den Musikern zunächst als kreativitätsfördernd empfunden wurde, mittelfristig aber nicht ohne negative Auswirkungen auf das Gefüge innerhalb der Band bleiben sollte.

Sabbath Bloody Sabbath

Und da war er wieder: Black Sabbath‘ Okkultismus! Gleich auf dem symbolträchtigen Titelbild der 1973er Veröffentlichung springt er dem Betrachter entgegen. Nackte Dämonen bedrängen einen Sterbenden unter dem Zeichen von Totenkopf und *raun* 666. (Auf der Rückseite des Covers stirbt derselbe Mann im Kreise seiner Lieben und unter Engelsflügeln. Also alles Ansichtssache.) Diesmal ließ sich die Band auch nicht von der Plattenfirma dreinreden, sondern setzte den Titeltrack direkt an den Anfang.

So heavy und gitarrengetrieben dieser Song auch ist, mit diesem Album treten Black Sabbath in ihre progressivere Phase ein. Die Songstrukturen werden komplizierter, und die Instrumentierung geht über das klassische Gitarre-Baß-Schlagzeug-Gesang-Arrangement hinaus, insofern neben Synthesizern auch verschiedene Percussion-Instrumente nebst Pauken, sowie Flöte und Dudelsack zum Einsatz kommen. Auch Streicher sind wieder dabei, und Yes-Tastengott Rick Wakeman konnte zu einem Gastauftritt beim Song „Sabbra Cadabra“ nicht nein sagen. Das klingt alles ziemlich opulent, und das, obwohl die Band zu Beginn der Studioaufnahmen in L.A. unter einer lähmenden Schreibblockade litt. Vielleicht war das Kokain, das der Legende nach kartonweise angeliefert wurde, dem kreativen Prozeß doch nicht so förderlich. Jedenfalls verlagerte die Band ihre Aufnahmen schließlich vom sonnigen Kaliformien ins heimische England, wo die mittelaterliche Atmosphäre des Clearwell Castle offenbar belebend wirkte, denn am Ende stand dieses Album, das neben dem Titeltrack und dem schon erwähnten „Sabbra Cadabra“ auch die Klassiker „A National Acrobat“ und „Spiral Architect“ beinhaltet. Der Song „Killing Yourself to Live“ ist übrigens keine Anleitung zum Selbstmord, sondern eine Aufforderung, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen, und bei „Looking for Today“ vermeine ich sogar einen Beatles-Einfluß zu hören. Vielleicht interpretiere ich zuviel hinein, aber immerhin gibt Ozzy an, großer Beatles-Fan zu sein. (Und als er schließlich mit Mitte 50 sein Idol Paul McCartney, Anfang 60, zum ersten Mal persönlich trifft und vor Ehrfurcht zerfließt, behandelt Sir Paul den Prince of Darkness wie ein hundsgemeines Groupie.)

Sabotage

Im Jahre 1974 gab es kein neues Album von Black Sabbath. Was war da los? Nun, die Band fand sich in einen Rechtsstreit mit ihrem vormaligen Manager verwickelt, den sie feuern mußten, weil er sie über’n Tisch gezogen hatte. Tony, Bill, Geezer und Ozzy hatten den Eindruck, daß ihnen durch die Musikindustrie Knüppel zwischen die Beine geworfen wurden, was schließlich 1975 zum Albumtitel „Sabotage“ führte, durch den Sab-Anklang sowieso passend. Der Ärger und die Frustration, die mit dem ganzen Rechtskram einhergingen, befeuerten den kreativen Prozeß, das Lied „The Writ“ (Der Schrieb) ist eine direkte Reaktion auf die Situation. Musikalisch wird der Weg, der auf dem Vorgängeralbum eingeschlagen wurde, nicht weiterbeschritten. Auf dem Quasi-Instrumentalstück „Supertzar“ erklingt zwar vielstimmiger Chorgesang, der mich (und vermutlich ausschließlich mich) ein wenig an Pink Floyds „Atom Heart Mother Suite“ gemahnt. Ansonsten reicht das Spektrum jedoch von Hard Rock über Heavy Metal und Progressive Rock zu beinahe schon Pop. Der Song „Am I Going Insane (Radio)“ ist in der Tat radiotauglich, auch wenn das „Radio“ im Titel mit dem Rundfunkempfangsgerät gar nichts zu tun hat, sondern ein Slang-Wort für „mental“ ist (gemäß Wikipedia). Von Hölle und Teufel ist auf diesem Album freilich kaum die Rede. Das fast neuneinhalbminütige Stück „Megalomania“ wäre ein guter Anspieltip, aber ich entscheide mich für „Symptom of the Universe“, weil es geradezu Thrash-Metal ist, welchselbiges Genre Black Sabbath somit auch erfunden hätten. In your Face, Metallica!

Und dann dieses Titelbild! Der sabotierte Spiegel, der eben nicht das Spiegelbild zeigt, ist genial. (Die Rückseite des Covers zeigt die ganze Szene übrigens von hinten.) Aber warum trägt Bill Ward eine rote Strumpfhose und Ozzy Osbourne einen seidigen Morgenmantel? Bill Ward erklärte später, daß er keinen Bock hatte, beim Phototermin einfach seine Jeans zu tragen, weil ihm das zu langweilig war. Darum zog er eine zufällig vorhandene Strumpfhose seiner Freundin an, welche freilich allzu deutlich betonte, daß er – ganz Rockstar – keine Unterhose trug. Also bat er Ozzy um dessen Unterhose, was dem recht war, bloß hatte Ozzy dann ja selbst keine Unterhose mehr, und der Photograph drückte aufs Tempo. Kurzerhand schlüpfte er darob in den Morgenmantel. Es mögen Drogen im Spiel gewesen sein.

Technical Ecstasy

Im Jahre 1976 trat Black Sabbath in eine Phase ein, über die Ozzy Osbourne später ungefähr sagte (in schwer verständlichem Birminghamer Working-Class-English): „Wir dachten, wir seien die Beatles. Oder Pink Floyd.“ Der Vergleich ist nicht verkehrt, denn die Band entfernte sich sichtlich (Jawohl, sichtlich, denn das Titelbild, von Pink Floyds House-and-Court-Titelbildentwerfer Hipgnosis entworfen, zeigte, wie abermals der um Bonmots niemals verlegene Mr. Osbourne bemerkte „two robots screwing on an escalator“, was zu den vorherigen Alben nicht gepaßt hätte, hier aber nicht fehl am Platze wirkt.) und hörentlich vom gewohnten schweren Doom-Sound der Anfangstage. Zwar beginnt der erste Song „Back Street Kids“ mit einem schweren Riff, zwar ist „You Won’t Change Me“ hard & heavy, aber das von Bill Ward gesungene „It’s ALright“ ist beinahe ein Softrock-Song, „She’s Gone“ knüpft in seiner streichergetragenen Schnulzigkeit an „Changes“ vom Vol-4-Album an, ohne es zu erreichen, und „Rock ’n‘ Roll Doctor“ ist annähernd ein Rock-n-Roll-Song. Das sind alles keine schlechten Lieder, im Gegenteil, aber eben anders. Da ich mich als Anspieltipp nicht zwischen „You Won’t Change Me“ und „Gypsy“ entscheiden kann, schmuggle ich das eine hintenrum rein und verlinke das andere offen:

Der Song „Dirty Women“ wurde auch in jüngerer Zeit noch auf Live-Konzerten vorgetragen, aber über die musikalische Ausrichtung der Band bestand wohl schon damals intern Unstimmigkeit. Zu jener Zeit kamen in England, Amerika und sogar Australien zahlreiche neue Bands auf, die drohten, Black Sabbath den Rang abzulaufen. Auf der Tour zum Album wurde Black Sabbath von AC/DC als Vorband begleitet, die eine Show boten, mit der Sabbath nicht mithalten konnte. Auch pflegten Iommi und Genossen noch die Tugend musikalischer Diversität, wie „Technical Ecstasy“ durchaus beweist, während junge Bands sich als Genrespezialisten betätigten. Die Mitglieder von Black Sabbath hatten rundheraus keine Ahnung, auf welches Genre sie sich denn einigen sollten. Hinzu kamen die immer noch anhaltenden Rechtshändel und der zunehmende Drogenkonsum, der die Stimmung in der Band aufs Zerreißen spannte. Und so kam es, daß Ozzy nach der Tour zum Album die Band verließ und sich dem Soloprojekt „Blizzard of Ozz“ widmete.

Never Say Die!

Da es für Black Sabbath ja auch ohne Ozzy weitergehen mußte, heuerten sie einen neuen Sänger an, Dave Walker, und arbeiteten an neuem Songmaterial. Doch dann kehrte Ozzy 1978 zur Band zurück, und Dave Walker durfte wieder abziehen, denn Mr. Osbourne hatte die älteren Rechte. Naturgemäß weigerte er sich, die Songs zu singen, die in seiner Abwesenheit enstanden waren, also mußten unter relativem Zeitdruck acht neue Lieder geschrieben werden. Den Song „Junior’s Eyes“ sang Ozzy dann doch, aber für „Swinging The Chain“ mußte Bill Ward ans Mikro, der ja bewiesen hatte, daß er es konnte. Wie üblich zeigt der Klang auf diesem Album Abweichungen vom Gewohnten, ist insgesamt noch weniger düster als auf dem vorherigen Album. Der Opener „Never ay Die!“ ist schnell, hell und kurz. Das Auftaktriff von „Johnny Blade“ kommt vom Synthesizer. „Air Dance“ klingt wie die Vorspannmelodie einer 70er-Jahre-Fernsehserie. Das Instrumentalstück „Breakout“ ist eine Jazz-Nummer mit Bläsern. Ach, hören wir mal „Air Dance“:

Neben dem Zeitruck, unter dem die Aufnahmen stattfanden, erschwerte auch die weitgehende Unzurechnungsfähigkeit einzelner oder aller Bandmitglieder infolge massiven Zugedröhntseins die Fertigstellung des Albums. Am schlimmsten trieb es in dieser Hinsicht, natürlich, Ozzy Osbourne. Und weil der schon zuvor mit einem Soloprojekt geliebäugelt hatte und insgesamt nicht mit dem Herzen bei der Sache war, gaben seine Drogenexzesse schließlich den Ausschlag, die Zusammenarbeit mit ihm zu beenden. Ozzy wurde gefeuert. Unter Tränen, denn er war ein Freund, aber die Differenzen in Arbeitsethos und musikalischer Ausrichtung schienen diesen Schritt unvermeidlich zu machen. Und so war es dann vorbei mit Black Sabbath, wie diejenigen, die sie kannten, sie kannten.


Der 31ste Oktober 1517.

31. Oktober 2017

Da an obgenanntem Tage Martin Luther an die Schloßkirche zu Wittenberg wummerte und, einem alten Halloween-Brauch folgend, dem Papst Süßes oder Saures bot, begehen Protestanten heute den Reformationstag. Das auslösende Ereignis jährt sich zum 500sten Male. Oder zum 499sten? Derlei Rechenspiele kann ich ja immer nicht. Egal. Schon vor gut 15 Jahren nahm ich dieses Datum zum Anlaß, kleine Szenen aus dem Leben Luthers in Lego umzusetzen, welche ich nun zum Jubiläum stumpf wiederverwende, einschließlich der jeweils zugehörigen Bildunterschriften.

Und eigentlich begann alles am 2ten Juli 1505:

Der junge Martin Luther, Magister Artium der Philosophie und Doktor der Juristerey, befindet sich auf dem Weg von Mansfeld, dem Wohnort seiner Eltern, nach Erfurt, dem Sitz seiner Universität. Unterwegs überrascht ihn auf freiem Felde ein heftiges Gewitter. Die Menschen des Mittelalters wissen inzwischen, daß weder Zeus noch Donar für derartige Naturerscheinungen verantwortlich sind, dennoch ist ein Unwetter nach wie vor geeignet, sie in Angst und Schrecken zu versetzen. Keineswegs unbegründet, denn auch heutzutage sterben noch jedes Jahr mehrere hundert Menschen durch Blitzschlag und Unwetter.

Auch Luther steht Todesnöte aus, und der damaligen Sitte gemäß wirft er sich zu Boden und ruft eine ihm bekannte Schutzheilige an, deren Nummer er zufällig im Kopf hat, in seinem Fall die heilige Anna. Das ist die Schutzheilige der Bergleute; Luthers Vater war lange Zeit Bergmann, später sogar Bergwerksbesitzer. So eine Schutzheilige hilft natürlich nicht einfach so aus Barmherzigkeit, denn sie ist ja katholisch. Als Gegenleistung für die Rettung muß man ihr etwas geloben, und Luther gelobt, Mönch zu werden, sollte er dieses Unwetter lebend überstehen.

Wie wir wissen, überlebt Luther das Gewitter, und nun muß er Mönch werden. Dumm gelaufen, bei Dreckswetter von Mansfeld nach Erfurt nämlich. Mit seiner Juristenkarriere ist es damit natürlich vorbei, aber als guter Rechtsgelehrter erfüllt er den Vertrag mit der heiligen Anna. Er tritt in ein Augustinerkloster in Erfurt ein und startet nun eine Theologenkarriere. Diese findet ihren vorläufigen Höhepunkt am 31. Oktober des Jahres MDXVII (1517):

Am 31sten Oktober im Jahre des HErrn MDXVII schlug der Augustinermönch Dr. Martin Luther 95 Thesen wider den Ablaßhandel an die Pforte der Schloßkirche zu Wittenberg. Er bezweckte lediglich, einen theologisch-wissenschaftlichen Disput über die Praxis des Handels mit der GOettlichen Vergebung in Gang zu setzen. Doch es war der Startschuß zur Reformation und zur erneuten Spaltung der hl. Mutter Kirche, welche in den folgenden Jahrhunderten zu Krieg und Verwüstung in ganz Mitteleuropa führte.

Nachdem er seine 95 Thesen wider den Ablaßhandel veröffentlicht hatte, pflog Luther einem kurzen Schriftwechsel mit dem Papst in Rom, wiewohl der päpstliche Anteil an der Konversation hauptsächlich in der formellen Mitteilung bestand, daß Luther sich als Ketzer für exkommuniziert zu betrachten habe, so er nicht seine Schriften widerrufe. Überdies ließ der Papst verfügen, daß alle Schriften Luthers verbrannt und aus dem Gedächtnis der Menschheit getilgt würden, denn sie paßten ihm gar schlecht ins Konzept einer auf weltliche Macht aufgebauten Kirche. Nicht vor Gott sollte der Gläubige sich verantworten, sondern vor der Kirche, und für ein reines Gewissen hatte er gefälligst etwas zu zahlen.

Daß Luther dies anders beurteilte, brachte ihm natürlich die Sympathien der einfachen Leute ein, schon deswegen, weil sie dieser ewigen Zahlerei an das Schatzamt in Rom überdrüssig waren; aber auch, weil er sich standhaft gegen die Dekrete der Oberen zur Wehr setzte und nichts widerrief. So etwas gefällt dem Volk. Nicht jedoch gewannen Luthers theologische Schriften ihm die Gunst Karls V. Dieser war katholisch und fühlte sich als Kaiser des „heiligen römischen Reiches“ verpflichtet, die Einheit der Kirche und der Christenheit zu schützen, sei es gegen die Heere Süleymans des Prächtigen oder gegen kleine widerborstige Mönche aus der sächsischen Provinz.¹ Daher hätte er liebend gern den Bannspruch des Papstes schlicht bestätigt und über Luther ohne Vertun die Reichsacht verhängt.

¹) Dieser Anspruch hinderte Karl jedoch nicht daran, seine Truppen im Jahre 1527 Rom plündern zu lassen und Papst Klemens VII. unter Hausarrest auf der Engelsburg zu stellen. Aber das tat er nicht in seiner Eigenschaft als römischer Kaiser sondern als Spanier², der gegen Frankreich in Italien Krieg führte.
²) Er war von Geburt kein Deutscher, sondern in den Niederlanden geborener Spanier. Die Herrschaft über das heilige römische Reich deutscher Nation war ihm als Habsburger eher von Abstammung wegen zugefallen, kümmerte ihn aber wenig.

Das aber wußte Luthers offensichtlich seinem Beinamen gerecht werdender Landesherr, Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, zu verhindern. Er erwirkte beim Kaiser, daß Luther die Gelegenheit erhielt, sich vor einer Verurteilung wenigstens zu rechtfertigen, wie es das gültige Recht vorsah. Schon gar nicht dürfe Luther nach Rom an die Inquisition ausgeliefert werden, weil er als Deutscher einen Anspruch darauf habe, nur innerhalb seiner Landesgrenzen gerichtet zu werden. Überdies habe ihm für seine An- und Abreise zum Prozeß freies Geleit zugesichert zu werden. Und so geschah es; der Kaiser lud den Doktor vor den Reichstag, der 1521 in Worms stattfand, daß er sich dort verantworte.

Vor uns sehen wir den hohen Saal, der Kaiser thront, vor ihm in zwei Viertelkreisen beobachten die Kurfürsten, gewandet in rot und weiß, das Geschehen³, der Saal ist gefüllt mit Würdenträgern aus Adel, Kirche und den Reichstädten, sowie Prozeßbeobachtern der Deutschen Presseagentur und Reuters’. In des Saales Mitte ist ein Tisch aufgebaut, darauf Luthers Schriften liegen, die er widerrufen soll, andernfalls er eines gestrengen, höchstkaiserlichen Urteils gewährtig sein muß, Gott helfe ihm, Amen! Vor dem roten Teppich vertritt Johann Eck als sachverständiger Theologe die Sache des Kaisers, hinter dem Tisch steht Luther selbst. Er erläutert, daß es ihm unmöglich sei, seine Bücher und Schriften, die er selbstverständlich anerkenne, zu widerrufen, da er sie im Einklang mit den Worten der Heiligen Schrift verfaßt habe, sodaß eine Widerrufung seiner Bücher und Schriften einer Widerrufung der Heiligen Schrift gleichkomme. Sollte ihm jedoch nachgewiesen werden, daß er in seinen Schriften Fehler im Sinne der Heiligen Schrift begangen habe, sei er der erste, der eigenhändig sein Geschreibsel den Flammen übergebe. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, soll er zum Abschluß seines Plädoyers gesagt haben.
³) Es müßten eigentlich ihrer sieben sein, doch das hätte an unerwünschter Stelle die Symmetrie beeinträchtigt.

Nun, es konnte ihm niemand formelle Fehler nachweisen, aber darum ging es ja auch nicht. Dem Kaiser ging es wie dem Papst um schnöde Politik, und sie waren gewohnt, diese kraft des ihnen verliehenen Amtes durchzusetzen, sodaß es sie mehr als wurmte, daß ein unbedeutender Mönch aus der kursächsischen Pampa ihrem Willen nicht gehorsamst Folge leistete, potz Fickerment noch eins! Dem Dr. Luther hingegen war die politische Tragweite seiner Anmaßung schnurz, ihm ging es um das Verhältnis des Menschen zu Gott, das er nicht durch eine Kirche vermittelt sehen wollte, die ihre Authorität als religiöse Instanz für bloß irdische Machtinteressen mißbrauchte.

Luther widerrief nicht und reiste ab, durchaus begleitet vom Beifall so manchen Reichsritters. Der Kaiser malte ihm noch die Reichs-8 auf den Rücken und erklärte ihn zum Vogelfreien, den jedermann jederzeit ohne Strafverfolgung beseitigen durfte. Ein Rechtsstaat war das halt damals nicht.

Als Luther vor den Reichstag zu Worms geladen wurde, hatte sein Landesherr, der Kurfürst von Sachsen, sich für ihn ausbedungen, daß ihm freies Geleit für die An- und Abreise zugesichert würde. Der Mann wußte schon, weshalb. Denn auf dem Reichstag schlug der Kaiser erwartungsgemäß den Doktor Luther in Acht und Bann. Somit war er nun ein recht- und staatenloser Illegaler, vogelfrei, und der Willkür eines jeden ausgeliefert, der seiner habhaft wurde und ihm etwas anhaben wollte. Kaiser und Kirche hofften, daß recht viele dies wollten und das Problem „Martin Luther“ für sie aus der Welt räumen würden.
Auf seiner Rückreise von Worms nach Wittenberg wurde Luther denn auch prompt von einer Bande Strauchdiebe, wie es den Anschein hatte, einkassiert. Er hatte es schon fast bis nach Hause geschafft, befand sich schon am Rande des Thüringer Waldes, als am Abend des 4. Mai 1521 das Verhängnis doch noch zuschlug. Er wurde aufgegriffen und auf die Wartburg verschleppt.

Doch zu seinem Glück stellte sich heraus, daß es sich bei den Entführern um Schergen Friedrichs des Weisen handelte. Dieser befand sich in einer Zwickmühle: Als Untertan und Kurfürst seines Kaisers konnte er natürlich nicht öffentlich einem Geächteten Hilfe gewähren, und dennoch wollte er seinen brillantesten Theologieprofessor schützen. Also ließ er seine eigenen Leute dem Doktor auflauern, damit diese ihn faßten, bevor es jemand anderes tat. Nicht verbürgt sind die Worte, mit denen er sie auf ihre Mission entließ: „Und laßt es wie einen Unfall aussehen!”

Die Wartburg, wie wir sie hier sehen, bietet nicht ganz den Anblick dar wie zu Luthers Zeiten. Denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts, nach den erfolgreichen Befreiungskriegen gegen Napoleon, gewann sie nicht zuletzt aufgrund der hier von Luther geschaffenen Bibelübersetzung Bedeutung als Symbol der deutschen Einheit, als Fundament der nationalen Erneuerung, ja, man könnte fast sagen: Sie errang Kultstatus. Zum 300. Jahrestag des Thesenanschlags fand im Oktober 1817 in ihren Mauern das „Wartburgfest“ statt, sozusagen das Gründungsfest der studentischen Burschenschaften. Ein weiteres Wartburgfest fand im Revolutionsjahr 1848 statt.
Die Burg selbst wurde (auf Initiative Goethes hin) in großen Teilen restauriert. Hierbei wurden einige der Gebäude komplett neu errichtet, und zwar in historisierendem und vor allem auch romantisierendem Stil, getreu dem Motto: „Wir bauen uns das Mittelalter, wie wir es schön gefunden hätten.“ Das sieht hübsch aus und ist inzwischen auch schon wieder fast 200 Jahre alt, doch darf man eben nicht glauben, die gesamte Burg sei original mittelalterlich.

Nachdem über Martin Luther aufgrund diverser Schriften gegen die herrschende Lehrmeinung der hl. Mutter Kirche die Reichsacht verhängt und er in Bann geschlagen worden war, wurde er vom gutmeinenden Fürsten Sachsens entführt und auf der Wartburg versteckt. Dort lebte er unter dem Decknamen „Junker Jörg“ (welch Namen sich Walt Disney nicht besser hätte ausdenken können) und übersetzte aus lauter Langeweile das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Und wie er so in seiner Stube saß und übersetzte, erschien ihm – der Legende nach – der Teufel.

Luther, der sich ja schon zuvor als resolut und couragiert erwiesen hatte, griff zum Tintenfaß und warf es nach dem Teufel, um ihn zu vertreiben. – Den Fleck, den die Tinte an der Wand hinterließ, malt man heute noch nach, um ihn stolz den Besuchern zu präsentieren.

Ob sich der Wurf des Tintenfasses tatsächlich so ereignet hat – mal abgesehen vom Erscheinen des Teufels –, ist umstritten. Auch ist es nicht klar, ob, falls überhaupt, es sich auf der Wartburg begeben hat. Denn auch für Luthers Stube in Wittenberg gibt es eine Anekdote, in die der Doktor, der Teufel und ein Tintenfaß involviert sind. Luther selbst hatte gesagt, er habe den Teufel mit Tinte ausgetrieben. Wahrscheinlicher als ein Wurf mit dem Tintenfaß ist allerdings, daß er diese Aussage metaphorisch auf seine Schriften bezog.

So. Das waren bis hierhin fünf Episoden aus meinem Luther-Zyklus, erstmals in historisch korrekter Reihenfolge dargeboten.

Und heute? Heute ist die Hälfte der Christenheit nicht katholisch, was unter anderem auf das Wirken Martin Luthers zurückzuführen ist. Gespalten war die Kirche freilich schon vorher, als sich im Morgenländischen Schisma die griechisch-orthodoxe Kirche von der römisch-katholischen schied, was bereits 500 Jahre vor der Reformation stattfand. Und unabhängig davon, ob man den theologischen Gedanken Luthers, Zwinglis, Calvins und der anderen wirkmächtigen Reformatoren folgt, und auch gleichgültig, ob man überhaupt in irgendeiner Form religiös gebunden ist, so hatte die Reformation doch klare weltliche Auswirkungen. Die Standhaftigkeit Luthers und seiner Mitstreiter zeigte den Zeitgenossen, daß die Macht der Kirche nicht unwidersprochen hingenommen werden mußte, daß es möglich war, gegen die Dogmen des Klerus aufzubegehren. Freilich verstanden viele zu ihrem Unglück die Brandreden Luthers als Aufforderung, gewaltsam gegen die Herrschenden vorzugehen, wodurch zunächst die Bauernkriege ausgelöst wurden und längerfristig der 30jährige Krieg in Gang gesetzt wurde. Aber, so behaupte ich, auch die europäische Aufklärung hätte ohne die Reformation und das durch sie erzwungene Umdenken in der katholischen Kirche und ihren Machtverlust durch die Abspaltung großer Teile der abendländischen Christenheit keinen Raum zum Atmen gehabt.

Luther selbst war natürlich nicht aufgeklärt, sondern manches gäbe es an ihm und seinen Auffassungen zu kritisieren – aus heutiger Sicht. Theologisch war er ein Hardliner, zwar nicht bezogen auf die Dogmen der römischen Kirche, von denen er sich berechtigterweise löste, aber in seiner wörtlichen Bibelauslegung. Und seine Tiraden gegen Juden und Hexen müßten uns schockieren, würden wir nicht bedenken, daß auch ein Mensch vom intellektuellen Format eines Martin Luther doch auch immer ein Kind seiner Zeit ist und somit von den ihn umgebenden Umständen geprägt.

In meinem Leben war Luther immer präsent. Eine Bleistiftzeichnung mit seinem Antlitz, stilvoll mit Doktorhut, hing hinter dem Schreibtisch im Arbeitszimmer meines Vaters, ein Pastor. Mir war also immer bewußt, daß es Luther gegeben hatte, daß es die Reformation gegeben hatte, und daß wir deswegen evangelisch sind und mit der theologisch fragwürdigen katholischen Kirche nichts am Hut haben. Der Katechismus kam später hinzu. Persönlich imponiert mir an Luther vor allem, wie er mit spitzfindiger Bibelauslegung dem weltlichen Machtanspruch der Kirche (der einzigen, die es damals in Westeuropa gab) die Grundlage entzog, insofern es eben für den Christenmenschen nicht der Vermittlung der Kirche qua Ablaß und strikter Unterwerfung unter die kirchlichen Dogmen bedarf, um zu Gott zu kommen, da Jesus davon nun mal nichts gesagt hatte; eine Argumentation, die ich religionsimmanent immer noch für belastbar halte. Außerdem ist sein Mut, es als kleiner Mönch, der nach dem Willen der Herrschenden doch eigentlich ein Rädchen in ihrem Machtapparat sein sollte, gegen Papst und Kaiser zu opponieren, nach wie vor bewundernswert, selbst wenn sein berühmter Spruch: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ nur eine Legende sein sollte. Darum war ich immer froh und bin es bis heute, in eine protestantische Familie hineingeboren worden zu sein.


MOC zum Tage: 9. Oktober 1967

9. Oktober 2017

Natürlich ist das MOC nur eine Konserve, die ich bereits mindestens im Jahre 2011 einweckte, sofern die Daten unter Flickr-Bildern zuverlässig sind. Aber das ist insofern angemessen, als der Stichtag ja nicht heute ist, sondern heute vor 50 Jahren. Da starb Che Guevara von Mörderhand. Ich bin fern davon, den singenden Zahnarzt zu glorifizieren (sang er?), aber dank propagandamäßig verbreiteter Photographien, insbesondere jener von Alberto Korda, wurde er zur Kult- und Kulturikone für alle, die sich für links halten.

Und falls er nicht selbst sang, wurde er immerhin besungen. Sei es von Wolf Biermann, der ihn den „Jesus Christus mit der Knarre“ nannte, oder von Carlos Puebla, dessen Lied „Hasta siempre, comandante“ Biermann frei ins Deutsche übertrug.

Mir selbst sind derlei Verklärungen ja suspekt. Zumal Ches Idealismus ja gutgemeint gewesen sein mag, aber die Knarre trug er halt auch nicht nur zum Nasepopeln. Dementsprechend fühlen sich bis heute viele seiner Verehrer und VerehrerInnen mit Binnen-I nebst Verehrer*innen mit Idioten-Asterisk in der Nachfolge ihres Idols gerechtfertigt, zu brutalen Mitteln zu greifen, um vermeintlichen Segen über die Menschheit zu bringen. Weil der Marxismus, wenn er denn mal in staatstragende Anwendung gebracht wurde, ja überall für Frieden und Wohlstand gesorgt hat, nöch? Nä, geht mir weg mit Ideologien jeglicher Art!