Aberglauben.

7. Juni 2020

Wieviel Glück muß man eigentlich haben, um im 21sten Jahrhundert mitten in der Stadt ein Hufeisen am Straßenrand zu finden? So geschehen mir gestern. Der Straßenrand ist die begraste Umfassung eines ehemaligen Straßenbahnoberleitungspfostens a. D., und ich gehe jeden Tag daran vorbei. Das Bändel am Hufeisen mag darauf hindeuten, daß es nicht direktermang einem Pferd die Schuhe ausgezogen hat, sondern das Ding irgendwo als Deko an der Wand hängen sollte und beispielsweise bei einem Umzug verloren ging. Wieviel Pech muß eigentlich jemand haben, um ein Hufeisen zu verlieren? Als Fußgänger!

Wenn ich noch wüßte, zwischen welche Buchseiten ich es einst zum Trocknen steckte, könnte ich auch das Beweisfoto eines von mir selbstgeernteten vierblättrigen Kleeblatts beibringen. Ungefähr 1994, auf der Wiese unseres Ferienhauses auf Amrum, bückte ich mich in der Ecke, in welcher der Klee wucherte, und zupfte, ohne hinzugucken, irgendein Blättchen heraus. Es hatte vier Blätter. Um den Nimbus nicht zu zerstören, prüfte ich lieber nicht nach, ob das für alle Kleepflanzen in jener Wiesenecke zutraf.

Dabei bin überhaupt nicht abergläubisch. Nee, ehrlich. Das gefundene Hufeisen halte ich vor allem für eine Kuriosität, und ich brauche keine dem Volksglauben nach mystischen Gegenstände und Talismane als Glücksbringer. Auch erschließt sich mir nicht der Zusammenhang zwischen dem Teddy auf dem Pult der Wer-wird-Millionär-Kandidatin und der Beantwortbarkeit der zufällig zugewiesenen Fragen. Zumal die ja dann doch alle nicht bis zur Million kommen. Macht das eigentlich niemanden stutzig?

Meine frommen Eltern würden Aberglauben ungefähr als etwas definiern, was Menschen glauben, ohne daß es Teil der ortsüblichen Religion wäre bzw. derselben widerspricht, mithin alles von Katholizismus (Hostien, Heiligenverehrung, Mariä Himmelfahrt) über Anthroposophie (Die Lehren Rudolf Steiners stehen halt nicht in der Bibel) und Homöopathie (reine Glaubenssache) bis hin zu den folkloristischen Aberglaubenstopoi wie Handlesen, Kartenlegen, Talismane und Astrologie (um nur eine Auswahl zu nennen). Wäre da nicht ihre Frömmigkeit, könnte man meine Eltern also fast als aufgeklärte Skeptiker bezeichnen, die mir beibrachten, nicht jeden Hokuspokus unhinterfragt zu glauben. Aber auch abseits der Erziehung ließ ich mich von Helden der Kindheit beeinflussen. Da wäre zum Beispiel der Mann, der schneller zieht als sein Schatten:

Glücklicherweise übernahm ich lediglich Lucky Luke’s* eher rationale, um nicht zu sagen: unzeremonielle Herangehensweise an realweltliche Probleme, nicht seine Liebe zum Toback. Es kommt ihm also nur eine selektive Vorbildfunktion zu.

*) Diese Verwendung des Apostrophen schaute ich mir bei Thomas Mann ab. Im „Zauberberg“ apostrophierte er bei fremdländischen Namen (Settembrini) das Genitiv-s, weil der deutsche Leser möglicherweise die Form- und Lautgestalt des Grundworts nicht kennte. Es ist dies also kein Deppenapostroph.

Und auch der andere Comic-Held meines Vertrauens zeigt Tendenzen zu abgeklärter Vernünftigkeit.

Augenfällig an obigem Bild ist auch die Gewandung des Sehers. Um seine zur Schau gestellte „Gabe“ der Prophetie dem gutgläubigen Volk plausibel zu machen, wählte er ein ominöses Erscheinungsbild. Klappern gehört zum Handwerk. Was wäre ein katholischer Gottesdienst ohne prunkvolle Gewänder und unverständliches Latein? Was wäre eine schamanische Geistheilung ohne Federschmuck und magisches Gemurmel? Und warum sehen Fernsehastrologen immer so wallend und klunkerbehangen aus? Zumindest gemäß meinen wenigen, unbeabsichtigten Stichproben im Zuge unmotivierten Herumzappens sehen sie das. Jedenfalls mißtraue ich all diesen ostentativen Attributen des Magischen zutiefst.

Hach ja, die Astrologie. Wenn mich jemand nach meinem Sternzeichen fragt, nenne ich immer irgendwas. Prinzipiell müßten die ja mein Sternzeichen anhand meines Charakters erkennen, angeblich gibt es doch da eindeutige Zuordnungen.
Allen antiken Kulturen ist gemein, daß sie Astrologie betrieben. Unbeleckt von industrieller Lichtverschmutzung konnten die Menschen nächtens den Blick über die volle Breite der Milchstraße („Galaxie“) wandern lassen, und so, wie sie Gebilde in Wolkenformationen identifizierten, identifizierten sie auch Gebilde in Sternformationen, bloß blieben die Sterngebilde im Unterschied zu den Wolken augenscheinlich immer dieselben, bewegten sich starr über den Himmel. Und zwischen den fest verankert, also fixierten, Fixsternen bewegten sich die frei beweglichen Planeten, ebenfalls als Lichtpunkte, weil auch sie, wie der Mond, von der Sonne angestrahlt werden, was die Leute damals aber nicht wußten, weshalb man Planeten auch Wandelsterne nennt. Was dort oben am sternenvollen Himmelszelt vor sich ging, konnte doch kein Zufall sein, konnte es? Zumal ja gleichzeitig hinieden auch Dinge sich ereigneten, parallel zu den sich ändernden Sternenformationen und Planetenstellungen. Da mußte doch ein Zusammenhang bestehen, mußte er? „Draußen regnet’s, drinnen spielen sie Brahms“, pflegte mein Vater zu sagen; soviel zum Zusammenhang. Korellationen sind keine Kausalitäten.

Die Grundlage der heute praktizierten Astrologie ist die antike Astrologie, immerhin geht es um dieselben Sterne. Und man würde ja wohl nicht annähernd ununterbrochen seit Tausenden von Jahren diese Kunst ausüben, wenn sich die Horoskope nicht als zuverlässige Anhaltspunkte zur Lebensbewältigung und Entscheidungsfindung bewährt hätten, würde man? (Spoiler Alert: Man würde.)

Wenn ich das richtig verstanden habe, wofür es keine Garantie gibt, ist für eine astrologische Vorhersage oder ein Horoskop die Stellung der Planeten zueinander und zu den Sternbildern entscheidend. Den Sternbildern und Planeten sowie der Sonne und dem Mond sind jeweils Eigenschaften, Symbolismen, Wertigkeiten und was weiß denn ich! zugeschrieben, und auf die Kombination all dessen kommt es an. Abgesehen davon, daß ich mir die Frage stelle, woher denn die Erdenbewohner wissen wollen, welche bedeutungsvollen Eigenschaften einer doch letztendlich zufällig zu einer benamsten Konstellation gruppierten Anzahl Sterne innewohnen; und außer Acht lassend, daß unterschiedliche Kulturen rund um den Globus jeweils andere Sterne (zum Teil solche, die in anderen Teilen der Welt gar nicht zu sehen sind) zu jeweils anderen Konstellationen mit jeweils anderen zugeschriebenen Eigenschaften zusammenfaßten; und ignorierend, daß die Menschen des Altertums die Erde, auf der sie lebten, gar nicht als einen der Wandelsterne erkannten, die da fix über den Himmel zischten, sondern sie als den Mittelpunkt betrachteten, um den sich alles dreht; all dies vernachlässigend gibt es einen weiteren Grund, weshalb noch nie, noch nie ein Horoskop gestimmt haben kann: Das Inventar ist einfach nicht vollständig.

Im Altertum schauten die Sternkundler in den Himmel und sahen mit bloßem Auge – zugegeben – sehr viel mehr Sterne als wir. Außerdem sahen sie die Sonne, den Mond, ab und zu einen Kometen, bisweilen Sternschnuppen, ganz selten Supernovae, und sie sahen die fünf Planeten. Auf dieser Grundlage erstellten sie ihre Horoskope oder wie auch immer sie es nannten; sie deuteten die Sterne. Fünf Planeten? Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn.

Und was ist mit Uranus? Was ist mit Neptun? Was ist mit Pluto, ganz gleich ob Planet oder Planetoid? Was ist mit Ceres, mit Sedna, mit Haumea, Quaoar und wie sie alle heißen? Was ist mit den einzelnen Gesteinsbrocken im Astereoidengürtel, was mit den Objekten in der Oortschen Wolke? Ist nicht letztlich jedes Staubkörnchen in den Ringen des Saturn ein Objekt, welches für sich genommen und in Konstellationen mit anderen derartigen Objekten eine Eigenschaft und Bedeutung haben müßte, wie sie auch die damals bekannten Objekte im Universum zugesprochen bekamen? Zwar sind all diese Planeten und Planetoiden, Meteoriten und Asteroiden mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen (außer Uranus, wenn man ganz genau hinschaut und weiß, wo man suchen muß, was die Alten aber nicht wußten), nichtsdestotrotz sind sie da. Sie haben physikalische Eigenschaften, die sie den immer schon bekannten Planeten gleichstellen, also müßten sie auch metaphysikalisch vergleichbare Eigenschaften haben und Einfluß auf die Geschicke der Erdenmenschen nehmen. Doch mehrere tausend Jahre lang wurde dieser Einfluß qua Unkenntnis beiseite gelassen, von dem Einfluß, den die Abermilliarden anderen Galaxien außerhalb unserer Milchstraße haben müßten, gar nicht zu reden. Im Lichte dieser Erkenntnis kann ich nur zu einem Schluß kommen: Noch nie hat ein Horoskop alle Faktoren berücksichtigt, also kann noch nie ein Horoskop gestimmt haben. Sollte mal etwas wie vorhergesehen eingetroffen sein, ist das allenfalls auf den Zufall zurückzuführen.

Doch zurück zum Hufeisen. Es ist das Symbol für das Pferdewesen und den Reitsport, nicht zuletzt bei Lego. Es erhebt sich über dem Reiterhof 6379 ebenso, wie es das Hemd der Paradisa-Pferdewirtin ziert. Hat man ja alles. Und weil dieses Emblem so schön plakativ in Rittertradition auf der Brust der ProtagonistInn*en prangt, hob ich just ein neues Rittergeschlecht aus der Taufe:

Dies müssen die wahren Glücksritter sein. Ach nee, glaube ich ja nicht.


1984. Es war nicht alles schlecht.

4. April 2020

Okay, ich bin in der Midlife-Crisis. Die Kindheit entschwindet, mit ihr der Kindheit unschuldige Spiele. Zunehmend stelle ich fest, daß ich den Gesprächen von Mittzwanzigern nicht mehr folgen kann, und das, obwohl ich, wie sie, kaum fernsehe; aber ein Smartphone habe ich halt auch nicht. Die Chancen, die Frau fürs Leben zu finden, schwinden von Tag zu Tag, mit jedem ausgefallenen Haar. Alter, Krankheit und Tod habe ich sowieso berufsbedingt ständig vor Augen. Unsere Schwesternschülerinnen sind halb so alt wie ich, unsere Kunden doppelt so alt. Mithin: Ich stehe in der Mitte des Lebens, Zeit für die Krise! Andere würden sich jetzt um die Anschaffung eines schnellen roten Autos kümmern, aber ich bin da bescheidener. Ich kaufe Lego. Ach nee, das habe ich ja mein Lebtag getan. Also kaufe ich Schallplatten. Es ist nie zu spät, ein Hipster zu werden. Coronabedingt haben die Friseure geschlossen, also werden die Haare auch länger.

Neulich fiel mir auf, daß das Jahr 1984 entgegen der skeptischen Prognose George Orwells gar nicht so schlecht war. Ich wurde sieben Jahre alt, und der Lego-Katalog desselben Jahres offerierte mir eine Offenbarung. Graue Burgen! Mit Rittern auf Pferden! Und Wagenrädern und Flitzebögen und Speeren in braun! Dergleichen hatte es nie gegeben. Was stimmte, wobei mein „nie“ den durch mich überschaubaren Zeitraum von ..na.. sagen wir: vier bis fünf Jahren umfaßte. Das katastrophale Element dieser Apokalypse stellte der Hinweis dar: „Neuheit. Lieferbar ab April ’84.“ Na toll, Geburtstag im März.

Zum Geburtstag gab es dann halt das burgähnliche Set 1592, das meine Mutter als Sonderposten im örtlichen Vedes-Geschäft erstehen konnte. Ein durchaus trostspendender Ersatz, mit dem ich sehr ausgiebig spielte, und das bis heute zu meinen absoluten Lego-Favoriten zählt. Und die grauen Burgen konnte ich bis Weihnachten im Katalog bewundern. Was ich ebenfalls ausgiebig tat. Zu Weihnachten gab es dann 6073: „Kleine Burg (aufklappbar) mit Wachttürmen, Zugbrücke, Rittern und Pferden“.

Gestern schließlich wandelte mich die Lust an, das Ding nochmal zu bauen. Ich hab’s ja da, im Eigenkarton gelagert auf meinem Kleiderschrank. Im funzeligen Licht der Schreibtischlampe ahnte ich schon die ein oder andere Vergilbung, als ich – musikalisch begleitet von Iron Maiden und Metallica – die kleine Burg baute.

Iron Maiden und Metallica hörte ich natürlich nicht, als ich das Modell am Heiligen Abend 1984 erstmals baute, doch auch da war das Licht funzelig. Unmittelbar feierte ich die Adlerritter, bis heute mein Signé. Nicht unbedingt angetan war ich seinerzeit von der asymmetrischen Gestaltung des Torbogens.

Diese Form ergibt sich scheinbar aus den verwendeten Teilen; die rote Seilwinde ist offenkundig zu groß für die gewählte Tiefe des Torbogens. Trotzdem hätte man die sich daraus ergebende Form ja auf der anderen Seite spiegeln können, indem man die Dimensionen des Formteils durch andere Teile simuliert. Daß dies nicht geschehen ist, muß ich also dem puren Mutwillen des Designers zuschreiben. Überhaupt ist der gesamte Aufbau dieses Gemäuers sehr viel weniger symmetrisch, als es auf den ersten Blick scheint. Zwar sind Tor und Klappnaht mittig angeordnet, zwar erheben sich beidseits ähnliche Türme, doch da endet die Symmetrie.

Der blaue Turm wird gestützt durch einen massiven Holzpfosten, an welchem die kämpfende Garde ein Schwert vorfindet, sollte es gebraucht werden. Unter dem gelben Turm hingegen befindet sich der Kerker.


Durch diese massiv gebaute Kerkertür frißt sich niemand! Ich finde sie in ihrer schlichten Zweckmäßigkeit nach wie vor spitze. Durch den etwas ausladenderen Platzbedarf des Verlieses ergibt sich die Notwendgkeit, den steinernen Pfosten des darüberliegenden Turms mit einer Art Blendzinne zu umgeben.

Wie vom Katalog versprochen und auch hier bereits vorexerziert, läßt sich die Burg aufklappen. Weitere im Programm vorgesehene Burgwandstücke ließen sich auf diese Weise in die Burg integrieren. Im Jahre 1984 waren dies bereits das Mauerstück beim Belagerungsturm 6061 und die Schmiede 6040. In den folgenden Jahren kamen das Gasthaus 6067, das Waffendepot 6041 und die belagerte Mauer 6062 hinzu. Auch das Nachfolgemodell für die hier besprochene Burg 6073, das seinerseits aufklappbare Ritterschloß 6074, konnte in die modulare Gesamtstruktur eingepaßt werden, auf zwiefache Weise sogar. Dies nur, um mal zu verdeutlichen, weshalb die auf mehrere Jahre angelegte modulare Systemstrategie vergangener Lego-Epochen, namentlich 1984 bis 1992, nicht nur dank nostalgischer Verklärtheit, sondern auch objektiv besser war als die lieblos hingerotzten Friß-oder-stirb-Serien, mit denen Lego das Rittersegment in den letzten Jahren punktuell bediente.

Dessen ungeachtet ist die „Kleine Burg“ 6073 für sich genommen nicht besonders spektakulär. Sie stellt den Rittern und Knappen keinerlei Wohnunterkünfte zur Verfügung, vielmehr handelt es sich um eine rein militärische Festungsanlage. So lange nämlich, bis die oben erwähnten modularen Komponenten hinzugefügt werden und aus der Burg eine Stadt wird. Dennoch scheint es sich um eine Ganerbenburg zu handeln, erkennbar an den beiden farblich unterschiedlichen Wappen derselben Familie. Jeder Erbe bewohnt seinen Turm, das wird im Winter ganz schön zugig.

Die oben gezeigten Schallplatten wollte ich jetzt hier nicht rezensieren, also mache ich’s auch nicht. „The Top“ ist ganz gut, „Powerslave“ und „Ride The Lightning“ sind phantastisch, „Hyaena“ ist sehr gut. Das Reunion-Album von Deep Purple geht so. Die unverbrauchte Spontaneität von „In Rock“, „Fireball“ und „Machinehead“ wird erwartungsgemäß nicht wieder erreicht. Außerdem hat Ian Gillans Stimme nach seinem Black-Sabbath-Intermezzo („Born Again“) ganz schön gelitten.


Telephonstreich.

19. März 2020

Wer regelmäßig im Auto unterwegs ist und dabei Radio hört, vor allem auf langen Strecken, hat mit mindestens zwei Ärger-, aber nur selten mit Hornissen zu kämpfen: Alle 35 Kilometer ändert sich die Frequenz des eingestellten Radiosenders. Und Radio-Comedy. Ersteres könnte die Rettung vor zweiterem sein, würde nicht ausnahmslos jeder Radiosender es darauf anlegen, seine Hörer, Hörerinnen und Unentschiedene mit Comedy-Beiträgen zu töten. Weil man vor Langeweile am Steuer einschläft. Mit etwas Glück ist man aber schon tot, ehe das Comedy-Segment geschaltet wird, weil man auf der Tour bereits zehnmal die Superhits der 80er, der 90er und das Beste von heute gehört hat, wobei das Beste von heute die Endlosschleife der immerselben Retortenhits darstellt, welche bis zum Erbrechen durchzunudeln die Sendeanstalten sich gegenüber der Musikindustrie offenbar verpflichtet haben, und zwar auch die Öffentlich-Rechtlichen. Wozu zahle ich eigentlich Gebühren, wenn es dann nur fürs GEMA-Rundumsorglospaket reicht?

Die Comedy jedenfalls und an dieser Stelle bricht der Satz ab, weil mir da echt die Worte fehlen. Das war übrigens ein Anakoluth. Kann jeder selbst googlen. Die allerhöchste Kunst in dieser Disziplin ist dann der – so heißt es wohl in der Sprache unserer Zeit – Prank Call. Also ein Scherzanruf. Ein Mensch mit lustiger Stimme ruft bei jemandem an und konfrontiert die arglose Person mit irgendwas, was potenziell herzinfarktwürdig wäre; aber dann wird’s halt nicht gesendet. Lustig, lustig. Nachfolgend Tralalalala aus der Hitmaschine. Es freuen sich der Zahnarzt und der Mechaniker, der das verbissene Lenkrad austauschen darf.

Apropos Telephon. Es gibt ja PayPal, ne? Damit kann man Geldbeträge an Mail-Adressen versenden, was sehr praktisch ist. Sicherheitshalber muß man in seinem PayPal-Konto eine Telephonnummer hinterlegt haben, um gegebenenfalls auf diesem Wege sein Paßwort zurücksetzen oder sich überhaupt authentifizieren zu können. Sehe ich ein, also habe auch ich dort meine Telephonnummer angegeben. Vor ungefähr 16 oder 17 Jahren. Laß es 18 Jahre sein. So, fast forward ins Jetzt, vor zwei Tagen wollte ich mich bei PayPal einloggen. Ging nicht. Schuldbewußt akzeptierte ich, daß ich mich offenbar beim Paßwort vertippt hatte und versuchte es erneut. Ging nicht. „Wir können Sie nicht einloggen“, stand da, mit Hinweisen zur Fehlerbehebung, namentlich Sicherheitsfrage, Paßwortzurücksetzen, Captcha-Authentifizierung und – jetzt kommt’s – telephonischer Code-Übermittlung. Nacheinander probierte ich sämtliche Angebote aus. Ging nicht. Ging nicht. Ging nicht. Ging nicht. Und mit „Ging nicht“ meine ich nicht, daß meine Sicherheitsfragenantworten falsch oder meine Code-Übermittlung fehlerhaft gewesen wären, keineswegs. Alles wurde mit grünen Häkchen bestätigt. Aber das Ergebnis blieb: „Wir können Sie nicht einloggen.“ Also ich schweren Herzens beim Kundendienst angerufen. Prädikat weggelassen, um Ereignisnähe zu dokumentieren. Die freundliche Dame beim Kundendienst konnte auch in der Tat die wahrscheinliche Fehlerquelle identifizieren.

*Trommelwirbel*

Und zwar ist die von mir bei PayPal hinterlegte Telephonnummer eine Festnetznummer. Damit konnte der Gesetzgeber ja nicht rechnen, als er, modern, wie son Gesetzgeber ja traditionell ist, bestimmte, daß derartige Bezahlsysteme im Zuge der Multifaktorauthentifizierung mithilfe von Mobiltelephonen die Konto-Sicherheit erhöhen müssen. Ich besitze aber gar kein Mobiltelephon.

„Ach, äh, sprichst du von einem Mobiltelephon aus? *seufz* Ich kenn‘ Sie nicht! Wer ist da? Kommen Sie nicht her! Ich hänge jetzt auf! Telephonstreich! Telephonstreich!“ So reagierte Lance, als Vincent ihm mitten in der Nacht vom Handy aus ankündigte, in größtmöglicher zeitlicher Kürze die überdosierte Gattin des örtlichen Gangsterbosses vorbeizubringen. Weil son Mobiltelephon einfach zu unsicher war. Aber für PayPal reicht’s.

Ungeachtet der Sicherheitsproblematik, die am Ende des zweiten Jahrzehnts des 21sten Jahrhunderts vielleicht keine mehr ist, was ich kaum glauben kann, fühle ich mich als Nichtbesitzer eines Handys zunehmend diskriminiert. Ernsthaft. Als ich einen Instagram-Account anlegte, mußte ich feststellen, daß ich ohne Handy dort gar keine Bilder hochladen kann. Als ich einen Twitter-Account anlegte, wurde mir ein Riegel vorgeschoben, indem von mir eine Handy-Nummer zur Authentifizierung verlangt wurde. Einen Facebook-Account kann man ebenfalls nur noch anlegen, wenn man eine Handy-Nummer angibt. Das alles wäre mir schnuppe. Aber nach 16 oder 17 Jahren, laß es 18 sein, die ich unbeanstandet per PayPal bezahlen konnte, wird mir nun quasi ein Handy aufgezwungen. So ich denn auf den zwar nicht nennenswerten aber doch vorhandenen und vor allem mir zustehenden Betrag zugreifen möchte, der sich derzeit auf meinem PayPal-Konto befindet. Der moderne Gesetzgeber überschätzt die Ubiquität des Handybesitzes. Ubiquität kann auch jeder selbst googlen, ihr habt ja alle ein Handy.
Ich gehöre nicht mehr dazu. Wesentliche Bereiche des Internets sind mir verschlossen, weil das Gesetz es befahl. Und dafür zahle ich Steuern? Das halte ich für einen groben Streich.


Bitte nicht rauchen!

12. März 2020

Nee, mache ich ja nicht. Wiewohl ja mein ..äh.. guter Vorsatz für das Jahr 2018 gewesen war: Einmal eine Zigarre rauchen. Aber das ureigenste Charakteristikum guter Vorsätze ist natürlich, daß sie nicht eingehalten werden. So auch dieser. Und seitdem habe ich dieser bescheuerten Silvester-Tradition abgeschworen.

Wenn ich also rauche, dann allerhöchstens unfreiwillig und passiv. Das aber dann besonders intensiv, denn der Raucher zieht den Zigarettenrauch ja wenigstens noch durch den Filter in seine Lungen; was jedoch vorne von der glimmenden Spitze des Stengels abqualmt und sich im Raum verteilt, gelangt ungefiltert in meine Atemwege, vielen Dank auch!

Bisweilen erhielt ich auch schon postalisch Lieferungen mit gebrauchtem Lego, das dann dermaßen nach Qualm stank. Aber so dermaßen! Dann frage ich mich immer, ob da im Kinderzimmer geraucht wurde? Wohl kaum. Also haben treusorgende Eltern ihren Kindern eine legohaltige Erziehung angedeihen lassen, was ich gutheiße, gleichzeitig aber den Keim des Krebses in sie gepflanzt, indem sie ohne Rücksicht auf irgendwas die Wohnung zugequarzt haben. Weil man sich ja von der Gesundheitsdiktatur nicht unterkriegen läßt, woll?

Lucky Luke fand ich ja durchaus cooler, als er noch Raucher war. Nicht, weil das Rauchen so cool gewesen wäre, obwohl es auch diesbezüglich einige sehr gute Gags gab, sondern weil das Rauchen ihn rauher erscheinen ließ, kantiger, nicht als makellosen Helden und strahlenden Saubermann, vielmehr als Typen mit Fehlern, ein Cowboy, dem auch nicht immer alles gelang. Doch das nur am Rande.

Sofern ich nicht einer Fälschung aufgesessen bin, hat Lego mal ein Straßenschild mit dem Nichtrauchersymbol bedruckt. Zu welchem Anlaß, weiß ich nicht. In Sets kam es jedenfalls nicht vor. Dementsprechend selten und teuer ist das Teil auf dem einschlägigen Gebrauchtmarkt, aber als sich die Gelegenheit ergab, habe ich zugeschlagen, denn das Thema ist mir offenkundig ausreichend wichtig, um es auch im Lego-Kontext repräsentiert sehen zu wollen.


Freitag, der 13te Februar 1970.

13. Februar 2020

Black Sabbath. Benannt nach einem Horrorfilm mit Boris Karloff, welcher auf Deutsch „Die drei Gesichter der Furcht“ heißt, im Englischen aber eben „Black Sabbath“. Die Band „Earth“, bestehend aus Toni Iommi, Terence „Geezer“ Butler, Bill Ward und John „Ozzy“ Osbourne, probte mit Blick auf ein Kino, in dem auch dieser Film gezeigt wurde. Die Erkenntnis, daß Menschen Geld dafür bezahlen, um sich begruseln zu lassen, führte zu einer Umbenennung der Band und einer musikalischen Neuausrichtung, war doch das Repertoir zuvor eher vom Blues geprägt gewesen.

Am 17ten November 1969 schließlich nahmen die vier ihr erstes Album auf, welches durchaus noch sehr bluesig daherkommt, inklusive Mundharmonika. Innerhalb von zwölf Stunden spielten sie den Tontechnikern im Studio ihr Bühnenprogramm vor, und fertig war die Platte nebst einer Single, die keine Albumauskopplung war, sondern separat erschien. So lief das damals. Und weil die Musik als horrormäßig empfunden wurde, sollte die Scheibe an einem Freitag dem 13ten veröffentlicht werden. Der nächste solche war eben im Februar des Folgejahres.

Das Erscheinen von „Black Sabbath“ war nichts Geringeres als die Geburtsstunde des Heavy Metal, Led Zeppelin hin, Steppenwolf her. Düster, dröhnend und schaurig beginnt das Album mit dem Titeltrack („Black Sabbath“), und auch Satan hat seinen Auftritt. Dies, in Einklang mit dem Umstand, daß im Innern der Plattenhülle ein umgedrehtes Kreuz abgebildet war, deuchte die äußerlich moraltriefenden und innerlich verleichenkellerten Sittenwächter jener Zeit Indiz genug, die Band Black Sabbath als Satanisten abstempeln zu müssen. Dabei hatten die Musiker auf die graphische Gestaltung des Plattencovers gar keinen Einfluß. Auch ist die bloße Nennung des Anklägers an Gottes Gerichtshof (so Satans Rolle in der Bibel) nicht mit Verehrung gleichzusetzen, vielmehr kann man es als Warnung verstehen: Macht was Gutes, ihr Motherf*cker, weil sonst Satan! Überdies war zumindest Bassist und Textschreiber Geezer Butler praktizierender Katholik, weshalb sich auch im Folgenden bemüht wurde, das Satanistenimage, so cool es auch in gewisser Weise sein mochte, abzulegen, schon im Hinblick auf Tourneeauftritte in God’s Own Contry (GOC).

Mir behagt der Gedanke, daß die Gründerväter des Heavy Metal eigentlich kiffende Hippies waren (Und das waren sie!), die freilich mit Flower Power nichts anfangen konnten, weil sie nicht im blumigen San Francisco beheimatet waren, sondern im verrußten Birmingham. Gitarrist Toni Iommi hatte sogar nur wenige Jahre zuvor zwei Fingerkuppen an der Presse im Stahlwerk eingebüßt, wie heavymetal ist das denn!?


Embargo.

30. Januar 2020

So, jetzt ist es offiziell. Seit der letzten Set-Auseinandenehmaktion, Weihnachtsdorfsets, Ninjago-Gedöns, Hidden Side, sind meine Sortierbehältnisse voll. Was zuvor noch gerade so paßte, quillt nun über. Deckel passen nicht mehr. Die überquellenden Behältnisse mit hochgebogenem Deckel passen nicht mehr ins Regal. Ich seh’s ein: Ich habe zuviel Lego. Ich kaufe nichts mehr. Vor allem nichts, was ich auseinandernehmen und der Teilesammlung zuführen würde. Sammelsets, die als solche zusammenbleiben und im Eigenkarton gelagert werden, gehen noch, obwohl auch hier das Ende der Fahnenstange so gut wie erreicht ist.

Was noch passen würde, sind Sammelminifiguren. Aber seit ich mir eben die neuste Serie, die in Kürze im Fachhandel erhältlich sein dürfte, angesehen habe, ziehe ich auch hier die Notwendigkeit in Zweifel, die unbedingt haben zu müssen. Superhelden. Haben mich nie interessiert. Ich wußte nie, warum Comics, die nicht komisch sind, „Comics“ heißen. Und an diesen Sammelfiguren ist nur wenig, was mich anspricht. Zubehör gibt es kaum, und die Köppe sind rosa, wo doch in meiner Minifigwelt strikte Apartheid herrscht und die gelben Köppe die Herren sind. Bei den normalen Minifig-Sammelserien ist wenigstens hin und wieder eine ritterliche oder sonstwie historische Figur dabei, die in mein Thema paßt, aber hier: Nüschte.

Also wäre es eigentlich sinnvoll, wenn ich mir selbst ein Lego-Embargo verordnete. Das hätte ich schon vor Jahren tun sollen, statt stumpf und einem selbstauferlegten Denkzwang folgend, jeden Blödsinn zu kaufen, der auch nur entfernt an Ritter oder Piraten gemahnte, obwohl ich die Sets nicht einmal schön fand, Nexo Knights zum Beispiel. Oder den ganzen Ninjago-Krempel. Schluß damit!

Der unerfreuliche Nebeneffekt der ewigen Setkauferei ist überdies, daß all mein freier Bauplatz mit Sets vollstand, oder, schlimmer, mit wegzusortierenden Teilehaufen gefüllt war. Und wenn ich dann all das Zeugs endlich irgendwie wegsortiert habe, ist meine ganze Lego-Energie dahin, und für Eigenbauten bleibt nichts mehr übrig. Das merke ich jetzt auch schon wieder. Eigentlich wollte ich was bauen, mußte Platz schaffen, jetzt ist Platz, und ich habe keinen Bock mehr. Sind das Erstweltprobleme, oder was?