CD-Regal revisited: Pink Floyd (2)

5. Oktober 2018

Mein erster Eindruck von Pink Floyds Musik war dermaßen günstig, daß ich sehr bald der CD-Abteilung von Saturn einen weiteren Besuch abstattete, um Nachschub zu besorgen. Nach wie vor war mein Wissen um die Band begrenzt, hatte ich doch zu jenem Zeitpunkt noch keinen Zugang zum Internet. Jedoch lief damals eine Fernsehserie mit Dirk Bach, „Lukas“, die ich selten schaute, weil ich generell selten fernsehe. Bin kurzsichtig. Mindestens eine Folge sah ich allerdings, und ausgerechnet da legte Dirk Bach alias Lukas das Album „Dark Side of the Moon“ auf, weil dies seinen Angaben zufolge das perfekte Kiffer-Album sei. Nun war ich zwar nie Kiffer (Ernsthaft. Nie.), aber durch diese Lukas-Episode kannte ich nun ein zweites Album von Pink Floyd, und genau das erwarb ich dann bei nächster Gelegenheit.

Dark Side of the Moon.

So steht es auf dem Rücken der CD, auf dem Titelbild fehlt jeglicher Schriftzug. Es zeigt einzig vor schwarzem Hintergrund einen Lichtstrahl, der durch ein Prisma in die Farben des Regenbogens gespalten wird. Dieses Cover ist eine Ikone der Cover-Kunst, und das Motiv begegnet einem in der ursprünglichen oder abgewandelten Form all überall in der wirklichen und virtuellen Welt, vornehmlich auf T-Shirts, getragen von Menschen, denen man nicht unbedingt angesehen hätte, daß sie auf Pink Floyd stehen. Aber so ungewöhnlich ist das gar nicht, gehört die Platte doch zu den erfolgreichsten und meistverkauften der vergangenen 50 Jahre; selbst Homer Simpson nannte ein Exemplar des Albums sein eigen. Angeblich kamen die hohen Verkaufszahlen allerdings dadurch zustande, daß audiophile Zeitgenossen dieses perfekt produzierte Werk dazu benutzten, ihre Plattenspieler zu justieren, und gegebenenfalls ein Ersatzexemplar beschafften, um stets makellosen Klang garantieren zu können. Ich hingegen legte stumpf die CD in mein schon erwähntes CD-Radio und scherte mich nicht um bestmöglichen Klang.

Es beginnt mit Herzschlag und anderen Soundeffekten und Gesprächsschnippseln, welche ins erste Lied „Breathe“ übergehen, welches in ein Instrumentalstück übergeht, welches ins nächste Lied übergeht, und das hatte ich schon mal gehört. Das hat jeder schon mal gehört! Wannimmer in einem Fernseh- oder Radiobeitrag ein Bezug zum Verlauf der Zeit hervorgehoben werden soll, erklingt entweder das Weckerklingel-Intro des Songs „Time“, oder im Hintergrund läuft der Gesangspart. Das Ende des Tracks von „Time“ ist als eigenes Lied ausgewiesen, „Breathe Reprise“, und geht schließlich über ins nächste Stück „The Great Gig in the Sky“, welches wiederum ein Instrumental ist, sofern man die ekstatische Stimme von Clare Torry als Instrument begreift.
Daß nach dem Verklingen der letzten Töne von „The Great Gig in the Sky“ früher mal die Schallplatte umgedreht werden mußte, merkt man daran, daß der Track nicht nahtlos ins nächste Lied übergeht. Und auch dieses Lied hatte ich schon mal gehört, weil jeder das schon mal gehört hat. Wannimmer in einem Fernseh- oder Radiobeitrag übers große Geld gesprochen wird und mal nicht auf ABBA zurückgegriffen werden soll, erklingt das Registrierkassen-Intro von „Money“. Selbst wenn DSOTM nicht bis heute ein Verkaufsschlager wäre, könnten die Bandmitglieder wahrscheinlich gut von den Tantiemen leben, die ihnen allein aus der Nutzung von „Money“ zufließen. Nachfolgend gehen die Songs wiederum ineinander über. Es folgen „Us and Them“, das Instrumentalstück „Any Colour You Like“, „Brain Damage“, welches sozusagen der Titeltrack des Albums ist, da er die Worte „dark side of the moon“ enthält, und es endet mit „Eclipse“, das wiederum mit Herzklopfen endet, womit das Album wieder am Beginn angelangt wäre.
Da die Single-Auskopplungen „Time“ und „Money“ eh allseits bekannt sein dürften, sei an dieser Stelle mal „Us and Them“ verlinkt. Dick Parry ist hier als Ergänzung zur Band am Saxophon zu hören:

Ob das alles ein passender Soundtrack zum Kiffen ist, vermag ich nicht zu beurteilen; ich kann das auch bei klarem Kopf schönfinden. Auch bei dieser Platte handelt es sich um ein Konzeptalbum, wenn auch vielleicht nicht so augen- oder ohrenfällig wie bei „The Wall“. Beschrieben wird das Leben eines Menschen, der durch verschiedene Aspekte der modernen Welt in Mitleidenschaft gezogen wird, bis es eben zum „Brain Damage“ kommt. Der Herzschlag, der an Beginn und Ende zu hören ist und sich symbolisch durch das ganze Album zieht, wird in der aufklappbaren Plattenhülle durch den grünen Streifen des Regenbogens als Oszillogramm dargestellt:

1973 ist der Titel der Scheibe übrigens noch „The Dark Side of the Moon“ (Hervorhebung von mir), und das Prisma ist nicht massiv ausgefüllt:

Außerdem lagen der Schallplatte zwei Poster bei, deren eines die Pyramiden von Gizeh in blauer Nacht zeigt, was ich oben als Lego-Illustration nachzuempfinden versuchte. (Bei der Gelegenheit merkte ich, daß mein Vorrat an blauen 2×4-Steinen begrenzt ist und die vorhandenen zum Teil starke Vergilbung aufweisen, aber das nur am Rande.) Nach Anhören dieses Albums war mir jedenfalls umgehend klar, daß das nicht mein letztes Album von Pink Floyd gewesen sein konnte.

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CD-Regal revisited: Pink Floyd.

30. September 2018

Ich habe ja nie einen Hehl daraus gemacht, daß ich nicht nur Pink-Floyd-Fan bin, sondern mich sogar so bezeichnen würde, was nicht für alles gilt, wofür ich sympathisches Interesse hege. Aber wie konnte es dazu kommen? In meinem Elternhause jedenfalls lernte ich nicht, ein Ohr zu entwickeln für moderne Spielarten der Tonkunst; da war bei Tschaikowski Schluß, was den Inhalt des Plattenschranks angeht, und es begann bei Schütz, Händel, Bach. Trotzdem schwang „Pink Floyd“ natürlich irgendwie im kulturellen Hintergrundrauschen mit, ohne daß ich dem Begriff konkret Musik hätte zuordnen können. Ein visueller Eindruck zumindest stellte sich spätestens 1994 ein, als in der „ADAC-Motorwelt“ das Golf-Sondermodell „Pink Floyd“ beworben wurde nebst Hinweisen darauf, daß Volkswagen in Deutschland die Konzerte jener Band präsentierte. Oder so.

An meinem letzten Schultag vor den Abiturprüfungen schließlich, mit Abistreich und Musikbeschallung in verdunkelter Pausenhalle, legte der DJ neben dem unvermeidlichen „School’s Out“ von Alice Cooper auch ein Lied auf, welches ich schon zuvor mal gehört hatte, und welches die Zeilen enthielt „We don’t need no education / We don’t need no thought control“, und ich frug einfach mal, wer das sänge? Aha, Pink Floyd. Weiter konnte ich mich nicht damit beschäftigen, denn ich mußte die letzte Gelegenheit nutzen, doch endlich mal zu schwänzen. Ich entfernte mich also von der Schule, um durch die Fahrprüfung zu fallen. Was ich dann auch tat.

Nach dem Abi spülte mir der Zivildienst nie zuvor gekannte Geldsummen aufs Konto, satte 13 D-Mark am Tag! Ausgerüstet mit derartigem Reichtum konnte ich ohne Reue bei Saturn nach CDs stöbern, wo mir eines Tages tatsächlich ein Album als Nice-Price-Angebot in die Hände fiel:

The Wall

Ein Doppelalbum für 15 D-Mark, doch gab es keine Titelliste auf der Rückseite. Aber wenn das einzige mir bekannte Pink-Floyd-Lied „Another Brick in the Wall“ nicht auf dem Album „The Wall“ vertreten war, wo dann? Ich ging also das Risiko ein und nahm die CD mit. Kaufenderdings; nicht daß hier noch der Eindruck entsteht, ich würde der Liste meiner Schandtaten neben Schuleschwänzen nun etwa auch noch Ladendiebstahl hinzufügen, nee, nee.

Unbeleckt von jeglichem Vorwissen legte ich daheim Disc 1 in mein CD-Radio, um mir mit schlechtem Klang ein vermutlich bis ins Kleinste ausgetüfteltes High-Fi-Sound-Erlebnis zu geben, aber ich wußte es ja nicht besser und konnte auch nicht anders. Die Musik jedenfalls überzeugte mich fast unmittelbar. Die Mischung aus schönen Harmonien und Brachialität bot mir just die Interessanz, für die ich empfänglich war, und das bereits, ohne daß ich mich näher mit den Texten und dem alles umfassenden Konzept auseinandergesetzt hätte. Daß es sich um ein Konzeptalbum handelt, bekam ich indes schnell spitz. Auf das ouvertürenhafte „In The Flesh?“, welches das Publikum auf die zu erwartende Show vorbereitet, folgt auf der ersten Scheibe über alle Lieder verteilt der Abriß des Werdegangs eines jungen Mannes, unter besonderer Berücksichtigung aller Faktoren, die zu seinen späteren Psychosen führen: Die dominante Mutter, der Verlust des Vaters im Krieg, die eigenen Erlebnisse im Bombenhagel, die seelenlosen, grausamen Lehrer in der Erziehungsanstalt, die verkorkste Pubertät und die treulose Freundin, sowie allgemein die betonierte Gesellschaft. All dies sind Ziegel in der Mauer, mit der sich Pink – so wird der Protagonist im Lied „In the Flesh“ bezeichnet, was somit das Album als irgendwie autobiographisch ausweist – umgeben fühlt, und welche mit jeder Begebenheit weiter in die Höhe wächst, bis er emotional komplett abgeschottet ist. Als Höreindruck soll nun nicht „Another Brick In The Wall“ dienen, welches als wiederkehrendes Motiv auf der ersten Disc in drei Teile aufgesplittet ist, sondern „Young Lust“:

(„The Wall“ erschien 1979, drei Jahre zuvor hatten bereits Black Sabbath „Dirty Women“ besungen, aber das tut hier nichts zur Sache.)
Die zweite Scheibe stellt zunächst Pinks Seelenzustand in der Isolation dar. Er fühlt sich einsam und der Welt nicht weiter zugehörig, betäubt sich mit Fernsehen und Drogen, was er freilich abstreitet, und entwickelt als Folge der rigiden Erziehung, die, da er hinter seiner Mauer sitzt, nun nicht mehr durch äußere Eindrücke korrigiert werden kann, ein faschistisches Weltbild, fühlt sich gehetzt und wartet eigentlich bloß noch auf den Tod. Schließlich imaginiert er nach einem Zwischenfazit, welches die Publikumsansprache der Ouvertüre wieder aufgreift, eine Art jüngstes Gericht, freilich nicht unter dem Vorsitz Gottes, sondern von Richter Wurm, da Leichen nun mal von Würmern zerfressen werden, mit der Anklage, Gefühle von beinahe menschlicher Natur zu haben. Das Urteil lautet: Öffentliche Zurschaustellung, also weg mit der Mauer!
Als Anspieltipps böte sich hier so manches an, das längste Stück der Platte, „Comfortably Numb“, das getriebene „Run Like Hell“ oder auch das operettenartige „The Trial“, aber mir hat es „Hey You“ angetan:

Was ich damals, 1996 oder 1997, alles noch gar nicht wußte:
„The Wall“ ist in der Tat irgendwie autobiographisch, insofern Roger Waters, der Bassist und Hauptsongschreiber jener Tage, hier die Traumata seiner eigene Kindheit aufarbeitet. Auf der vorausgegangenen Tour hatte er an sich selbst Verhaltensweisen bemerkt, die ihm ganz und gar nicht behagten, was ihm die Idee zu diesem Konzeptalbum gab. Die anderen Bandmitglieder waren am kreativen Prozeß nur marginal beteiligt, einzig David Gilmour konnte mit „Comfortably Numb“ ein wahres Highlight aufs Album schmuggeln. Pianist Richard Wright wurde sogar nach Abschluß der Studioaufnahmen aus der Band gefeuert, da er sich mit Roger Waters so gar nicht mehr verstand, ironischerweise jedoch für die folgenden Live-Darbietungen als bezahlter Bühnenmusiker wieder engagiert.

Diese Bühnen-Show war das Aufwendigste (mit e!), was seit barocken Opernaufführungen vor Publikum zelebriert wurde. Quer über die Bühne wurde während der Show eine Mauer aus Pappquadern gebaut, auf diese Mauer wurden von Gerald Scarfe animierte Szenen projiziert, davor wackelten überlebensgroße Marionetten über die Bühne, eine Pseudo-Band in Masken der originalen Pink-Floyd-Mitglieder spielte vor der Mauer, während die Band selbst dahinter weitgehend im Verborgenen blieb. Am Ende fiel die Mauer mit lautem Getöse in sich zusammen. Das alles war so teuer, platzfordernd und eben aufwendig, daß „The Wall“ 1980 und 1981 nur an vier Orten weltweit überhaupt aufgeführt wurde, namentlich Los Angeles, wo die Premiere stattfand, New York, selbstverständlich London und – – – Dortmund. Damals galt die Westfalenhalle noch als erste Adresse für derlei Veranstaltungen.

Irgendwann später (im Jahr 2000) erwarb ich dieses opulente Live-Doppelalbum, wiewohl ich früher überhaupt kein Freund von Live-Versionen irgendwelcher Lieder war. Aber seit ich erfahren hatte, daß ausgerechnet Dortmund Schauplatz der exklusiven The-Wall-Show war, drängte es mich, ein Dokument dessen zu besitzen. Das Live-Album wurde freilich in London aufgenommen. Vergebens war die Anschaffung dennoch nicht, denn die Longbox enthält ein Buch, das den Produktionsprozeß der Show dokumentiert. Passend zur den Rahmen sprengenden Bühnen-Show ist auch diese Verpackung so voluminös, daß sie nicht vernünftig in mein CD-Regal paßt. Nun ja.

Roger Waters hatte „The Wall“ nicht bloß als Konzeptalbum entworfen, sondern die visuelle Präsentation von vornherein mitgeplant. Innerhalb des Albums selbst wird die „Show“ mehrfach erwähnt (Der Song „The Show Must Go On“ ist freilich weniger im Bewußtsein der Öffentlichkeit, als es Queens Lied unter demselben Titel sein mag.), und auch die Pseudo-Band vor der Bühnen-Mauer findet Erwähnung. Die Aufmachung der Album-Hülle (außen schlicht und innen farbenprächtig) wurde ebenso von Gerald Scarfe entworfen wie die Animationen, die während der Show über die Mauer flackerten, und die animierten Passagen im surrealistischen Film von 1982. Die Hauptrolle des Pink spielt dort Bob Geldof, und die Handlung wird nahezu ausschließlich anhand der Musik des Albums erzählt. Der Song „When The Tigers Broke Free“, der nicht mehr auf die Schallplatte gepaßt hatte, konnte im Film verwendet werden.
Na gut, also doch „Another Brick In The Wall part 2“:

Auch diesen Film kaufte ich erst sehr viel später, und die DVD-Hülle ist so schmal, daß sie in der Tat quer über die CDs ins Regal paßt.

Den Titel Mutter aller Konzeptalben dürfte „The Wall“ trotz der epochalen Begleitumstände nicht für sich beanspruchen, denn da ist „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ vor. Das war mir natürlich schnurz, mir gefiel’s, sehr sogar. Als erste Begegnung mit der Musik von Pink Floyd hätte es freilich fatal sein können, denn der zum Teil bombastische Sound von „The Wall“ ist keineswegs charakteristisch für das frühere Œuvre der Band. Des wurde ich sehr bald gewahr, denn dieses Album machte mir umgehend Appetit auf mehr, so daß mein Kauf eines zweiten Pink-Floyd-Albums nicht lange auf sich warten ließ.


Stein auf Stein.

28. August 2018

Kürzlich habe ich endlich alle Nexo-Knights-Sets auseinandergebaut, die hier aufgebaut herumstanden. Leider ist das gleichbedeutend mit: Alle Nexo-Knights-Sets. Du weißt, daß mit Legos Ritter-Thema was schiefgelaufen ist, wenn nach dem Auseinandernehmen mehr Space-Räder, noppenlose Technic-Balken und orangetransparente 1×1-Rundplättchen übrigbleiben als graue Steine und Bögen. (Ja, ich wiederhole mich, aber es gibt dutzende Indizien für die generelle Blödheit der Nexo-Knights-Serie.)

Davon abgesehen ist mir aber im Zuge dessen etwas anderes wieder bewußt geworden: Lego (in Person des jeweils diensthabenden Set-Designers) legt immer weniger Wert auf stabile Verbundbauweise. Zwar sind die Modelle am Ende durchaus noch stabil, von Ausnahmen abgesehen, aber entweder durch exzessiven Gebrauch von Technic-Lochbalken und schwarzen Pins, oder durch eine einzelne verbindende Schicht über einem größeren Baukomplex, der in sich instabil gebaut ist. Wieso ist das so? Lego selbst hat doch erst 1970 *hust* in seinem „Lego® Magazin“ darauf hingewiesen, wie man stabile Mauern baut.

Das Magazin ist eine Mischung aus Bauspielbuch und Katalog, und nach der Vorstellung der sehr unpuristisch gebastelten Figuren „Herr und Frau Knopf“, die als Zeichnung durch das Magazin führen, werden die Grundlagen erklärt:

Es ist ganz einfach, wenn Du „richtig“ baust. Du mußt Deine Steine so setzen, wie es auch die Maurer auf einer großen Baustelle tun. Ein Stein wird so gelegt, daß er zwei andere verbindet. In der Bausprache heißt das: „im Verbund bauen“. Dadurch wird Deine Konstruktion stabiler. Auf den Bildern hier unten siehst Du, was wir meinen.

Lego wußte also mal, wie es geht, und jedes Kind wußte es ebenfalls, zumindest, wenn es dieses Magazin durchgeblättert hatte. Das haben die aktuellen Set-Entwickler ganz offensichtlich nicht getan, denn allzu oft werden einfach stumpf 1×4-Steine übereinandergesteckt, oft angeordnet neben 5-hohen Säulen und eventuell einer Konstruktion aus SNOT-Konvertern*, an welche dann eine andere Baugruppe seitlich angeflanscht wird. Davon blieben nach der Abbausession auch ganz viele übrig. Und genau da liegt möglicherweise der Hase im Pfeffer. Lebendig natürlich, denn für diesen Blog-Eintrag wurden keine Tiere gequält! Jedenfalls werden Mauerstrukturen nicht mehr grundsätzlich in Stein-auf-Stein-Bauweise ausgeführt; das hat Lego sozusagen gar nicht mehr nötig. Denn der Teilekatalog umfaßt dieser Tage dermaßen viele verschiedene Teile, daß es offenbar ein Sakrileg wäre, sich dieser Teile und der damit einhergehenden Bautechniken nicht zu bedienen.

*) Studs Not On Top, also irgendwie seit- oder unterwärts.

Nun spricht natürlich nichts dagegen, an Stellen, wo die Bausituation es erfordert, eine gewiefte SNOT-Konstruktion zur Anwendung zu bringen, um die gewünschte Form des Bauwerks herzustellen. Ich selbst rühme mich des Einsatzes solcher Bautechniken. Ein Beispiel zum Beispiel. Beim Bau der Veste Falckenstein kam ich nicht umhin, ein Eckpaneel durch eine hochkant eingebaute Dachschräge zu ersetzen, weil der Vorsprung der daneben angeordneten Zinne hineinragte (Bilder = Links):

Wenn man vor einem derartigen Bauproblem steht und einem solch eine Lösung einfällt, dann freut man sich. Vor allem aber ist die SNOT-Bauweise kein Selbstzweck, sondern dient lediglich dem in sich konsistenten Erscheinungsbild. Dahingegen habe ich bei vielen SNOT-Konstruktionen in aktuellen Sets den Eindruck, daß die angewendete Technik keinem höheren Zweck dient als dem, die Versiertheit des Konstrukteurs unter Beweis zu stellen. Vielleicht soll es auch den Bauprozeß interessanter machen, aber das wäre ja sowieso subjektiv. Vielfach sind solche SNOT-Kontruktionen nicht nur nicht notwendig, sondern es gebricht ihnen auch an einem ästhetischen Mehrwert, insofern sie eine eigentlich logische, klare Struktur unnötigerweise unruhig machen. Da es notwendig ist, für das geSNOTete Teilstück eine entsprechend glatt umrandete Lücke zu lassen, kommt also im Verein mit den oft daneben angeordneten unflexiblen Großteilen das Stabilitätsproblem noch hinzu.

À propos Großteile. Früher, als nicht alles besser war, aber manches halt doch, waren selbst die oft geschmähten Wandformteile noch so gebaut, daß sie Verbundbauweise ermöglichten.


Neben den Einbuchtungen an den vier Ecken, über die das das alte Burgwand-Paneel mit der Umgebung verzahnt werden konnte, verfügte es zusätzlich über einen Steg in der dritten Dimension und somit weitere Einbaumöglichkeiten. Freilich war das Teil ein POOP, also ein „piece out of pieces“, welches auch aus herkömmlichen Teilen gebaut werden konnte, weshalb es insgesamt die etwas problematische 5er-Breite hatte, weil so die Schießscharte durch einen 1×3-Bogen dargestellt werden konnte. Das Paneel in der Mitte ist kein POOP, denn das 1-breite Fenster ist mittig in 4er Breite angeordnet, was sich so nicht mit kleineren Teilen darstellen läßt. Dafür fehlt dem Formteil unten die Verzahnungsmöglichkeit. Durch die geringere Höhe kann es allerdings oben sicher überbaut werden. Das rosa Fensterpaneel ist nicht auf Verzahnung ausgelegt.


Bei den Eckpaneelen ergibt sich ein ähnliches Bild – Verzahnung ist allenfalls oben möglich. Zugegebenermaßen verursachen die Einbuchtungen am alten Paneel (im Bild grau) eine etwas unelegante Form, während die neue Form sehr viel schlanker wirkt. Aber eben auch unverbundener.

Der Umstand, daß neue Teilformen wenig Wert auf Verbundbauweise legen, deutet darauf hin, daß es sich im Einzelfall nicht um individuelle Bauentscheidungen des zuständigen Set-Entwicklers handelt, sondern auch eine systemimmanente Unternehmenskultur dahintersteckt. Verbundbauweise erfordert nämlich gegebenenfalls ungeradzahlige Steinlängen, um zum Beispiel Übergänge an Ecken zu bewerkstelligen. Verzichtet man auf Verbund, kann man eventuell Steineformen weglassen, die ansonsten im entsprechenden Set nicht benötigt werden. Aus demselben Grund wurde das normale 1×1-Plättchen gewissermaßen in Sets zur Seltenheit; denn alle Stellen, an denen ein 1×1 großes Plättchen benötigt wird, werden durch die eine sowieso im Set enthaltene 1×1 große Platte ausgefüllt, ungeachtet deren Form, Farbe und Opazität oder Transparenz.
Auf diese Weise wird der Sortier- und Verpackungsprozeß verschlankt, da bei der Zusammenstellung des Sets weniger verschiedene Kisten mit sortenreinen Teilen aus dem Hochregal geholt werden müssen, ergo ergibt sich eine Kostenersparnis. Am Ende geht es immer um Kostenreduzierung. Das ist gut für Lego, die Firma, aber nicht unbedingt gut für Lego, das Bausystem. Denn durch die Einsparung von Teilen, die bei Verbundbauweise benötigt würden, ergeben sich eben objektive Qualitätsmängel, von der eventuell beeinträchtigten optischen Erscheinung ganz abgesehen. Darüber können auch die vielen tollen Bautechniken nicht hinwegtäuschen, besonders, wenn sie bloße Augenwischerei ohne funktionalen Mehrwert sind. Das mag der gegenwärtigen Kernkundschaft gleichgültig sein, da sie es nicht anders kennt. Ich als Veteran hingegen, der seit mindestens 1980 mit Lego aufgewachsen ist, habe den Vergleich. Dieser Vergleich mag durch den nostalgischen Blickwinkel beeinträchtigt sein, jedoch nicht ausschließlich, wie ich oben darzulegen versuchte. Und er fällt häufig – nicht immer! – zu Ungunsten der aktuellen Sets aus. Ich kann’s ja auch nicht ändern!


Mogelpackung.

29. Juni 2018

Dieser Blogeintrag nämlich. Ich schreibe nur rasch was, damit der Juni nicht beitragsfrei bleibt. Arbeit und schönes Wetter und so, da habe ich nicht groß Lust, mir sinnvollen ..äh.. Content aus den Fingern zu saugen. Und zwischendurch nehme ich so nach und nach die ganzen doofen Nexo-Knights-Sets auseinander. Warum habe ich die überhaupt? Scheiß Denkzwänge immer! Da ist irgendwas im weitesten Sinne mit viel gutem Willen und noch mehr Augenzugekneife der Sphäre der Rittersets zuzuordnen, und schon meine ich Dösbaddel, ich müsse das alles haben. Schön blöd. Dabei könnte man wissen: Lego macht was falsch, wenn beim Auseinandernehmen einer kompletten Ritterserie so viele Schaltknüppel anfallen, daß sie nicht mehr in die Sortierschublade passen. Schaltknüppel! In Rittersets!

Aber die Kernkundschaft will es ja so. Oder? Im Forum bei 1000steine.de durfte ich mir mal was anhören, weil ich die kühne Behauptung aufstellte: „Kinder finden jeden Scheiß toll.“ „Gar nicht wahr!“ schallte es mir von empörten Müttern und ebensolchen Mitläufern entgegen. „Wohl wahr“, behaupte ich weiterhin. Ich mache das den Kindern auch gar nicht zum Vorwurf, denn sie wissen es ja nicht besser, und genau das ist ja das Problem. Mangels Lebenserfahrung können Kinder neue Eindrücke nicht mit bisherigen Eindrücken kontrastieren und qualitativ einordnen, wie sollten sie auch! Aber die Spielzeughersteller – in unserem Falle: Lego – meinen, sie müßten etwelche Wünsche befriedigen, welchselbige jedoch überhaupt erst anhand des Angebots erwachen. Schwerlich erfüllt die Firma Lego ein vorhandenes Bedürfnis, vielmehr schafft sie es erst.

Ob eine Themenserie bei der Kundschaft Anklang findet, ist also meines Erachtens weniger eine Frage des Themas an sich. Denn Kinder können ja, meiner Behauptung zufolge, jeden Scheiß tollfinden. Ob eine Themenserie Erfolg hat, liegt eher an der Sorgfalt, mit der Lego selbst das Thema behandelt. Ungeachtet dessen, daß ich persönlich zum Beispiel die Nexo Knights doof finde, weil ich halt aus meinem reichhaltigen Lego-Erfahrungsschatz schöpfen kann und Roboterritter nicht für Ritter halte, sind diese Sets ja durchaus mit Pfiff gebaut, haben interessante Funktionen und transportieren sogar bisweilen einen gewissen Humor, dem ich meine Anerkennung nicht verweigern möchte. Ziehen wir weiterhin in Betracht, daß Lego die Nexo-Knights-Serie mit verschiedenen Antrigger-Tricks ans Kind bringt, seien es monatliche Magazine mit Gimmick oder zum Sammeln reizende Blindtütchensets, dann ist es nicht verwunderlich, wenn so ein Blödsinn ein Erfolg wird. Kunststück.

Dahingegen wurden beispielsweise die letzten beiden Piratenserien mit nichts weniger als Liebe bedacht. Von vornherein wurden die Serien strikt budgetiert. Sie wurden offensichtlich als Ein-Jahr-und-das-war’s-Thema angelegt, insofern alles, was in früheren Zeiten (konkret 1989 bis 1997, durchgängig) über etliche Sets und Jahre verteilt wurde, so daß jedem Set der Raum und die Ausführung zukam, die es als Modell brauchte, in den neuen Serien in fünf Sets untergebracht werden mußte. „Mußte“, war ja ein selbstauferlegter Zwang von Lego. Da waren dann die Modelle schlampig gebaut, bröckelig, in sich unlogisch und voller sachlicher Mängel (Ladebaum, dessen Kranhaken nicht mal bis zum Boden reicht *facepalm*), und sie ließen jegliches Flair vermissen. Niemand kann mir erzählen, daß Kinder nicht auf Piraten stehen, und dennoch waren diese Serien kein Erfolg. Aber eben halt nicht, weil das Bedürfnis nicht dagewesen wäre, sondern weil dieses Bedürfnis allenfalls halbherzig, eigentlich sogar bloß viertel- oder fünftelherzig befriedigt wurde und somit eben nicht befriedigt wurde. Und daraus dann legoseits die Konsequenz zu ziehen: „Okay, Kinder stehen offenbar nicht auf so antiquierten Kram, also machen wir jetzt moderne Roboterritter“, halte ich für fragwürdig.

So. Is‘ ja doch noch ein ganz ansehnlicher Rant geworden.


Steinwerfer: 1843 (Unbenanntes Raumfahrt-Ritter-Kombiset)

19. April 2018

Amerika. Da hätte man im Jahre 1996 dieses themenübergreifende und -verbindende Set erstehen können, zu einem Preis, der angeblich unter demjenigen vergleichbarer Sets lag. Nun ja. Als Alteuropäer und Zuspätgekommener erwarb ich es schließlich irgendwann in den 2000ern zu einem Preis, der deutlich über dem vergleichbarer Sets… Aber was soll ich mich echauffieren! Es hat mich ja niemand mit vorgehaltenem Speer gezwungen, Lego-Rittersets auf Komplettheit hin zu sammeln.

Bloß 17 Jahre nach Beginn der Ritterserie war im Jahr 1995 urplötzlich der König ins Blickfeld gerückt. Sein Reich war klein, gebot er doch lediglich über seine Burg Königstolz, eine Turmbrücke und einen schäbigen Kerker sowie über eine Kutsche mit zu wenigen Pferdestärken. Als rechtmäßig ins Amt geborener Potentat und Schirmherr über die öffentliche Ordnung stand es ihm nicht an, innerhalb seines Reiches Kriege zu führen, weshalb das Katalogprogramm keinerlei Belagerungs- und Kriegsgerät für ihn vorsah. Und auch dieses hier zu besprechende Katapültchen ist nur wenig geeignet, zur Usurpation gewillte Thronräuber in Furcht zu versetzen.

Da die Gefolgschaft des Königs klein ist, kann nur ein einzelner Soldat zur Bedienung des Steinwerfers abgestellt werden.

Naturgemäß muß der arme Kerl ordentlich ranklotzen. Zwei akkurat auf Quaderform zugehauene Wurfgeschosse stehen ihm als Munition zur Verfügung.

Nach dem Beladen muß der wackere Artillerist das Katapult auch selbst abfeuern. Augenscheinlich hat bei der Konstruktion des Geräts jemand mitgedacht und eine Wegrollsperre eingebaut. „Schön gedacht“, wie man auf dem Amateurfußballplatz sagt, wenn eine technisch einwandfrei vorgetragene, butterweiche Flanke im Nichts landet. Dortselbst landet nämlich auch das Projektil. Erwartungsvoll legte ich mir den Zollstock bereit, um die Wurfweite zu messen; bei offener Zimmertür ist die nächste Wand erst in 6 1/2 Metern im Weg, wenn ich das Katapult auf dem Fußboden vor dem Schreibtisch in Position bringe. Ein beherzter Druck auf den Hebel, und ich kann berichten: ca 80 cm hoch und -10 cm weit landete der 1×2-Stein auf dem Schreibtisch. *Daumenhochemotikon*

Ob dieser Schmach bitter enttäuscht schiebt der Reichsrittergehilfe mit seinem rollenden Löffel ab.

Eine unerwartete Begegnung reißt ihn schließlich aus seinen Gedanken, die düster um das bevorstehende Donnerwetter seines Vorgesetzten und die zu erwartende drakonische Strafe kreisten, die ein popeliger Untergebener kaum abzuwenden hoffen durfte. Ein Spyrius-Astronaut? Ausgerechnet hier im Burgenland und in meiner Wohnung?

Ja, denn er ist ja mitsamt seinem formunschönen Flugapparat im selben Set enthalten wie das Katapult, also war sein Erscheinen unvermeidlich.

Ein Antriebssystem ist zunächst nicht erkennbar, aber in der Zukunft des ausgehenden 20sten Jahrhunderts mag das auch nicht nötig sein.

Wie es sich für ein Raumfahrtset geziemt, läßt sich am Modell irgendwas klappen, in diesem Fall die Flügel. Und schon zeigt sich auch der nach hinten gerichtete Impulsantrieb.

Da es sich bei dem Fliegzeug um einen Bodencruiser handelt und nicht etwa um ein Raumschiff, muß der Pilot nicht in einer Kapsel sitzen, und für den Auftrieb sind die gespreizten Flügel nützlich.

Wer braucht noch ein Katapult mit Durchschlagskraft, wenn er magische Fluggeräte aufbieten kann? Das eine UFO allein dürfte genügen, den Usurpatoren die Schweißperlen auf die Stirn zu treiben. Und falls das nicht ausreicht, kann der Pilot auch zu Schild und Waffe und in den Nahkampf eingreifen, denn für den Katapultisten ist das zweite Paar ja sicher nicht gedacht.

Na gut, muß man dieses Set besitzen? Ja, weil man – ich nämlich – ja Sammler ist. Übrigens waren die blauen 2×6-Bögen zum Zeitpunkt des Erscheinens gewissermaßen eine Rarität. Zwar waren derer 6 zwei Jahre zuvor im Belville-Puppenhaus 5890 verbaut, aber welcher kleine Junge würde schon zugeben, so etwas zu besitzen? Zuvor waren sie 1985 im Dacta-Set 1056 enthalten gewesen, also für den Normalkunden nicht erhältlich. Davor waren sie 1978 in der Kugelkopftankstelle 330 anzutreffen gewesen. Das Hauptvorkommen blauer 2×6-Bögen datiert auf die Jahre 1972 und 1973, wannselbst man insgesamt 9 (14) Exemplare hätte sammeln können. (Das Ferienhaus mit Fensterläden 356, welches 5 solche Bögen enthält, erschien in Amerika unter der Nummer 540, ist also als zwei Sets zu rechnen.) Bliebe die Frage, ob man diese Bögen in blau überhaupt je vermißt hat? Bis 2017 waren sie in keinem Set mehr verbaut, aber ein großes Seufzen über die eingeschränkte Verfügbarkeit habe zumindest ich nicht vernommen.


CD-Regal restocked: Black Sabbath

17. November 2017

Im Zuge meiner Recherchen zu Metallica und Metal-Music allgemein war es unvermeidlich, daß ich mehr als einmal über „Black Sabbath“ stolperte, denn jeder Metal-Musiker, der etwas auf sich hält (also alle), gefragt nach seinen Einflüssen, nennt diese Band fundamental nicht nur für seine eigene, sondern für die Entwicklung des gesamten Genres. Auch mir selbst war natürlich irgendwie seit meiner Kindheit bewußt, daß es Black Sabbath gab, aber sie rauschten halt so mit im musikalischen Farbspektrum, das von Pink Floyd über Deep Purple bis eben Black Sabbath reichte, ohne daß mich konkret mit irgendeiner dieser Bands etwas verbunden hätte. Zwar ist mir erinnerlich, in der Pausenhalle mal einen älteren Schüler mit einem Black-Sabbath-T-Shirt gesehen zu haben, das so ein keltisches Kreuz mit dem Namen der Band in phantasievoller Frakturschrift zeigte, zwar beherbergt meine Festplatte seit nicht ganz einer vollen, aber bestimmt einer halben, wenn nicht gar einer Dreifünftelewigkeit die Songs „Paranoid“ und „Children of the Grave“, die auch von mir gerne gehört wurden. Aber trotz all dem vermeinte ich über Black Sabbath nur dreierlei zu wissen, was ich im Laufe der Jahre so aufgeschnappt hatte: Sie sind eine Metalband, die es schon sehr lange gibt; Ozzy Osbourne ist ein Wahnsinniger, der auf der Bühne Fledermäusen die Köpfe abbeißt und mal in so einer Art Reality-TV-Show auftrat; und man bringt Black Sabbath mit Satanismus in Verbindung.
Vielleicht war es der letzte Punkt, der mich, aus gutem christlichen Hause stammend, davon abhielt, der Musik dieser Band meine nähere Aufmerksamkeit zu widmen, denn mit Satanismus wollte ich natürlich nix zu tun haben, Gott bewahre! Tja, mein Pech. Aber inzwischen habe ich mich von religiös motivierten Ressentiments dieser Art befreit, ich ging der Sache also in den letzten Monaten auf den Grund, und guess what: So satanistisch sind die gar nicht.

Black Sabbath

Da ich ja gerne strukturiert vorgehe, fing ich also vorne an. Zu meiner Überraschung stammt das selbstbetitelte Debüt-Album bereits aus dem Jahre 1970. Ich hatte ja geahnt, daß Black Sabbath einer frühen Periode der Metal-Musik zuzurechnen sind, aber ich hatte mehr so an die Zeit von Venom und Judas Priest oder Iron Maiden gedacht. Aber 1970, das ist ja die Zeit der Beatles (noch) und der Rolling Stones (immer), da gab es The Who und Genesis, die Yardbirds (schon nicht mehr), Led Zeppelin (in der Nachfolge der Yardbirds), Deep Purple und Pink Floyd. Als sich 1968 in Birmingham die vier Freunde Tony Iommi, Geezer Butler, Bill Ward und Ozzy Osbourne, deren bürgerliche Namen in willkürlicher Reihenfolge Terence, Michael, Joseph, John, Frank, Anthony, Thomas und William umfassen (Mehrfachnennungen möglich), nebst zwei weiteren Musikanten die „Polka Tulk Blues Band“ gründeten, welche nach Abgang dieser beiden weiteren Musikanten in „Earth“ umbenannt wurde, war England amtierender Fußball-Weltmeister, führten die USA einen moralisch kaum zu rechtfertigenden Krieg in Vietnam, und Hippies aßen Blumen, rauchten alles mögliche und warfen LSD ein. Adenauer war freilich schon tot (knapp). Die junge Band probte gegenüber einem Kino, in dem unter anderem Horrorfilme gezeigt wurden, deren einer „Black Sabbath“ hieß, und da der Name „Earth“ bereits vergeben war und „Black Sabbath“ fein schaurig und makaber klang, benannten die Jungs ihre Band entsprechend um. Außerdem hatten sie Bock darauf, Musik zu machen, die das schaurige Tembre der damaligen Horror-Filme wiedergab, und mit diesem Ansinnen begann sie, eigene Lieder zu schreiben und zur Aufführung zu bringen. Als sie schließlich ins Studio gingen, um ihr Songmaterial auf Vinyl zu pressen, nahmen sie am ersten Tag alle sieben oder acht oder auch mehr Songs auf, die sie im Repertoire hatten (Darunter mit „Evil Woman“ und „Warning“ zwei Cover-Songs), am zweiten Tag wurde abgemischt, und der Soundingenieur fügte noch coole Effekte wie Glockenschlag und Gewittergrollen hinzu. Fertig war das Album. Heute enthält es acht Songs, aber einige Lieder haben Intros und Outros, die bisweilen als eigene Tracks gezählt wurden, und der Song „Wicked World“ war ursprünglich nicht auf dem Album enthalten, sondern wurde nur als Single herausgegeben.
Das selbstbetitelte Album beginnt mit dem selbstbetitelten Lied „Black Sabbath“, damit auch jeder wußte, womit er es hier zu tun hatte. Nach Glockenschlag und Regenprasseln setzt, haha! der Tritonus, das Teufelsinterval ein, ein schweres Riff, bis schließlich Ozzy Osbournes unvelwechserbare Stimme erklingt:

Birmingham ist eine Industriestadt. Gitarrist Tony Iommi hatte sich bei einem Arbeitsunfall im Walzwerk zwei Fingerkuppen abgequetscht. Ozzy Osbourne fand es als Halbstarker mal notwendig, sich als Dieb zu betätigen, kam für einige Wochen in den Knast und tätowierte sich dort „Ozzy“ auf die Finger. Bassist Geezer Butler hatte nicht nur diesen ulkigen Spitznamen (geezer heißt sowas wie „komischer Kauz“), sondern beschäftigte sich auch mit Okkultismus und dergleichen. Also man merkt schon, das waren hier nicht die glatten Beatles oder die Intellektuellen von Pink Floyd. Nein, das war Heavy Metal, bloß wußte das damals noch keiner. Gemeinhin wird dieses Album zwar, trotz deutlicher Blues-Einflüsse inklusive Maultrommel und Mundharmonika, als Geburt des Heavy Metal angesehen, aber auch das Debutalbum von Led Zeppelin (1969) ist im Rennen um diese Ehre. Is‘ aber auch egal, denn düsterer und baßlastiger als Black Sabbath war zu diesem Zeitpunkt niemand, ganz zu schweigen von den harten Riffs. Und ja, der Deibel findet seine Erwähnung; im Titelsong grinst sich Satan eins, und der Song „N.I.B.“ ist gar aus der Perspektive Lucifers geschrieben. Allerdings kann man bei beiden Liedern kaum davon sprechen, daß der Leibhaftige hier verehrt würde, vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Dessen ungeachtet fand es der fürs Artwork zuständige Mitarbeiter der Plattenfirma angemessen, im Innern ein umgedrehtes Kreuz zu platzieren, worauf die Band also wohl keinen Einfluß hatte, aber auch wenige Einwände vorbrachte, denn als Zeichen der Rebellion hatten die Jungs nichts dagegen. Aber fürderhin hatte Black Sabbath den Ruf weg, Teufelsanbeterei zu betreiben.

Paranoid

Noch im selben Jahr, 1970, nahm Black Sabbath das zweite Album auf. Es beginnt mit einem schweren Riff und Sirenengeheul in der Anti-Kriegs-Hymne „War Pigs“. Abermals wird der lachende Satan erwähnt, und abermals nicht zu seinem Ruhme. Es folgt ein kurzer Song, den die Band am Ende der Aufnahme-Sessions noch rasch aus dem Ärmel schüttelte, um eine Gesamtspieldauer von über 40 Minuten zu erzielen. Doch statt eines bloßen Lückenfüllers wurde „Paranoid“ der Titeltrack, eine Single-Auskopplung und im Grunde das Aushängeschild von Black Sabbath.

Mit dem Lied „Iron Man“, der mit der Comicfigur nichts zu tun hat, beinhaltet das Album nicht nur einen weiteren Black-Sabbath-Klassiker, sondern mit „Hand of Doom“ brachten sie nach dem Metal-Genre als ganzem gleich auch noch das Doom-Subgenre mit auf den Weg. Aber eigentlich waren Iommi, Osbourne, Ward und Butler zu jener Zeit vor allem zugedröhnte Hippies, denen Psychedelic Rock nicht hart genug war und die als Kinder des düsteren Birmingham mit Flower Power nichts am Hut hatten. Das Album ist politischer und gesellschaftskritischer als das Debut, auch lösten sich die Musiker deutlich von ihren Wurzeln als Blues-Band und wandten sich mehr dem Hard Rock zu, weil sie ja immer noch nicht wußten, daß sie eigentlich Heavy Metal machten. Der Song „Planet Caravan“ zeigt aber dann doch psychedelische Einflüsse.
Ursprünglich sollten Album und Titeltrack „Walpurgis“ heißen, weil: Hexensabbath. Klever. Das war den Verantwortlichen des Plattenlabels aber plötzlich zu schwarzmagisch; jüngste Erfahrungen einer USA-Tour hatten gezeigt, daß dortselbst die Auftrittsmöglichkeiten eingeschränkt waren, wenn sich die Band zu antichristlich gab. Also wurde der Songtitel in „War Pigs“ geändert, was wenigstens die Lautgestalt einigermaßen beibehielt, und der Text entsprechend umgeschrieben. Das Umschlagbild zeigte darob einen in ein Schweinskostüm gewandeten Säbelschwinger. Und dann nahm die Plattenfirma erneut eine Umbenennung vor, weshalb das War-Pig-Bild nun nicht zum endgültigen Titel „Paranoid“ paßt.

Master of Reality

Die Tantiemen der ersten beiden Alben waren rasch versoffen, darum wurde im Juli 1971 gleich das dritte nachgeschoben. Tony Iommi hatte zuvor schon, um seine verletzten Finger zu schonen, seine Gitarre mit leichteren Saiten bespannt. Nun verringerte er zusätzlich den Druck, indem er die Gitarre soundsoviele Schritte tiefer stimmte. Seine Bandkollegen folgten seinem Beispiel, und so ergab sich ein noch düsterer, schwererer Klang. Spätestens jetzt spielte Black Sabbath also Heavy Metal.
Nach einem geechoten Huster von Tony setzt mit „Sweet Leaf“ eine Ode auf süßes Rauchkraut ein, gefolgt von dem geradezu christlich anmutenden Lied „After Forever“, mit dem Geezer vielleicht endlich dem verbreiteten Eindruck entgegenwirken wollte, daß die Band sich dem Teufel verschrieben habe. Das kurze Instrumentalstück „Embryo“ leitet schließlich als Höhepunkt der A-Seite „Children of the Grave“ ein. Besser geht’s nicht!

Das schaurig gehauchte „children of the grave“ am Ende war auf der Langspielplatte als Endlosschleife angelegt, so daß sich, wer wollte, die ganze Nacht hindurch begruseln lassen konnte. Das Lied handelt davon, daß Kinder, die in dieser düsteren Zeit von Krieg und atomarer Wettrüstung auf die Welt kommen, sozusagen direkt aus dem Grab heraus geboren werden, so sich denn nicht bald mal was zum Besseren ändert.
Die B-Seite beginnt mit dem geradezu lieblichen Instrumentalstück „Orchid“. Und dann zeigt der Teufel doch noch sein Gesicht: „You made me master of the world where you exist / The soul I took was not even missed.“ Das rifflastige Lied „Lord of the World“ beklagt aus der Sicht des Gehörnten den Hang der Menschen, auf bösen Wegen durch die Welt zu wandeln, statt die Liebe zu wählen. Wie dergleichen Texte überhaupt je als satanistisch mißverstanden werden konnten, ist mir schleierhaft. Zumindest gibt es hier von Verehrung keine Spur, sondern die Lieder bieten eine Bestandsaufnahme des Weltzustands, die so düster und pessimistisch ausfallen muß, weil die Realität nun mal leider so düster ist. Am Ende bleibt nur die Flucht „Into the Void“, wo hoffentlich eine bessere Zukunft wartet.
Mit nicht einmal 35 Minuten ist „Master of Reality“ bedauerlich kurz, dafür enthält es aber auch ausschließlich phantastische Songs, die musikalisch und textlich auf den Punkt kommen. Der LP lag ein Poster bei, welches die Band auf der Kuppe eines Waldwegs zeigt. Auf dem obigen Bild habe ich versucht, dies in Lego einzufangen.

Vol. 4

Fürs vierte Album zogen Black Sabbath 1972 ins Record-Plant-Studio nach Los Angeles. Hatten die vier in ihrem bisherigen Rockstarleben vor allem dem Alkohol zugesprochen und des Marihuanas genossen (Jahá! Ein Objektgenitiv!), so lernten sie in L.A. die bewußtseins… äh… verändernde Wirkung von Kokain kennen und schätzen. So begeistert waren sie von dem weißen Pulver, daß sie nicht nur den Song „Snowblind“ schrieben, sondern ihn gleich zum Titeltrack für das gesamte Album machen wollten. Das war mal wieder nicht im Sinne der Plattenfirma, also benamsten sie die LP trotzigerweise gar nicht, sondern nannten sie schlicht „Vol 4“. Das ikonische Titelbild zeigt den Wizard of Ozz, der das Publikum mit dem Peace-Zeichen segnet. Der Umstand, daß einzig Ozzy einen Platz auf dem Cover bekam, ließ der Legende nach Tony Iommi leicht vergnatzt sein und veranlaßte ihn, des Sängers Mikrophon fortan von der Bühnenmitte an den linken Rand zu verlegen. Wie auch immer. Das Album ist insgesamt noch härter und rifflastiger als die Vorgänger, mit gelegentlichen Experimenten. Der Track „FX“ ist bloß eine Effektspielerei mit allerhand Gegenständen auf Tonys Gitarrenseiten; was Bands in jener Zeit halt so taten. Aus dem Riffgewitter stechen außerdem die geradezu als Schnulze zu bezeichnende Ballade „Changes“ sowie das elegische Gitarrensolo „Laguna Sunrise“ hervor. Es ist beim Durchhören des Albums schwierig, sich für einen exemplarischen Höreindruck zu entscheiden, also ergreife ich die letzte Chance und verlinke das doomige „Under the Sun/Every Day Comes and Goes“, mit dem die Platte endet:

Mit Vol. 4 schien Black Sabbath sich für eine härtere Stilrichtung entschieden zu haben, wiewohl Streicher zum Einsatz kommen und der Song „Changes“ eine Klavierballade ist. Annähernd jeder Track auf dem Album wird von irgendwem als absoluter Klassiker angesehen, vielleicht mit Ausnahme von „FX“. Dummerweise war die Studioarbeit aber auch begleitet von exzessivem Kokainkonsum, was von den Musikern zunächst als kreativitätsfördernd empfunden wurde, mittelfristig aber nicht ohne negative Auswirkungen auf das Gefüge innerhalb der Band bleiben sollte.

Sabbath Bloody Sabbath

Und da war er wieder: Black Sabbath‘ Okkultismus! Gleich auf dem symbolträchtigen Titelbild der 1973er Veröffentlichung springt er dem Betrachter entgegen. Nackte Dämonen bedrängen einen Sterbenden unter dem Zeichen von Totenkopf und *raun* 666. (Auf der Rückseite des Covers stirbt derselbe Mann im Kreise seiner Lieben und unter Engelsflügeln. Also alles Ansichtssache.) Diesmal ließ sich die Band auch nicht von der Plattenfirma dreinreden, sondern setzte den Titeltrack direkt an den Anfang.

So heavy und gitarrengetrieben dieser Song auch ist, mit diesem Album treten Black Sabbath in ihre progressivere Phase ein. Die Songstrukturen werden komplizierter, und die Instrumentierung geht über das klassische Gitarre-Baß-Schlagzeug-Gesang-Arrangement hinaus, insofern neben Synthesizern auch verschiedene Percussion-Instrumente nebst Pauken, sowie Flöte und Dudelsack zum Einsatz kommen. Auch Streicher sind wieder dabei, und Yes-Tastengott Rick Wakeman konnte zu einem Gastauftritt beim Song „Sabbra Cadabra“ nicht nein sagen. Das klingt alles ziemlich opulent, und das, obwohl die Band zu Beginn der Studioaufnahmen in L.A. unter einer lähmenden Schreibblockade litt. Vielleicht war das Kokain, das der Legende nach kartonweise angeliefert wurde, dem kreativen Prozeß doch nicht so förderlich. Jedenfalls verlagerte die Band ihre Aufnahmen schließlich vom sonnigen Kaliformien ins heimische England, wo die mittelaterliche Atmosphäre des Clearwell Castle offenbar belebend wirkte, denn am Ende stand dieses Album, das neben dem Titeltrack und dem schon erwähnten „Sabbra Cadabra“ auch die Klassiker „A National Acrobat“ und „Spiral Architect“ beinhaltet. Der Song „Killing Yourself to Live“ ist übrigens keine Anleitung zum Selbstmord, sondern eine Aufforderung, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen, und bei „Looking for Today“ vermeine ich sogar einen Beatles-Einfluß zu hören. Vielleicht interpretiere ich zuviel hinein, aber immerhin gibt Ozzy an, großer Beatles-Fan zu sein. (Und als er schließlich mit Mitte 50 sein Idol Paul McCartney, Anfang 60, zum ersten Mal persönlich trifft und vor Ehrfurcht zerfließt, behandelt Sir Paul den Prince of Darkness wie ein hundsgemeines Groupie.)

Sabotage

Im Jahre 1974 gab es kein neues Album von Black Sabbath. Was war da los? Nun, die Band fand sich in einen Rechtsstreit mit ihrem vormaligen Manager verwickelt, den sie feuern mußten, weil er sie über’n Tisch gezogen hatte. Tony, Bill, Geezer und Ozzy hatten den Eindruck, daß ihnen durch die Musikindustrie Knüppel zwischen die Beine geworfen wurden, was schließlich 1975 zum Albumtitel „Sabotage“ führte, durch den Sab-Anklang sowieso passend. Der Ärger und die Frustration, die mit dem ganzen Rechtskram einhergingen, befeuerten den kreativen Prozeß, das Lied „The Writ“ (Der Schrieb) ist eine direkte Reaktion auf die Situation. Musikalisch wird der Weg, der auf dem Vorgängeralbum eingeschlagen wurde, nicht weiterbeschritten. Auf dem Quasi-Instrumentalstück „Supertzar“ erklingt zwar vielstimmiger Chorgesang, der mich (und vermutlich ausschließlich mich) ein wenig an Pink Floyds „Atom Heart Mother Suite“ gemahnt. Ansonsten reicht das Spektrum jedoch von Hard Rock über Heavy Metal und Progressive Rock zu beinahe schon Pop. Der Song „Am I Going Insane (Radio)“ ist in der Tat radiotauglich, auch wenn das „Radio“ im Titel mit dem Rundfunkempfangsgerät gar nichts zu tun hat, sondern ein Slang-Wort für „mental“ ist (gemäß Wikipedia). Von Hölle und Teufel ist auf diesem Album freilich kaum die Rede. Das fast neuneinhalbminütige Stück „Megalomania“ wäre ein guter Anspieltip, aber ich entscheide mich für „Symptom of the Universe“, weil es geradezu Thrash-Metal ist, welchselbiges Genre Black Sabbath somit auch erfunden hätten. In your Face, Metallica!

Und dann dieses Titelbild! Der sabotierte Spiegel, der eben nicht das Spiegelbild zeigt, ist genial. (Die Rückseite des Covers zeigt die ganze Szene übrigens von hinten.) Aber warum trägt Bill Ward eine rote Strumpfhose und Ozzy Osbourne einen seidigen Morgenmantel? Bill Ward erklärte später, daß er keinen Bock hatte, beim Phototermin einfach seine Jeans zu tragen, weil ihm das zu langweilig war. Darum zog er eine zufällig vorhandene Strumpfhose seiner Freundin an, welche freilich allzu deutlich betonte, daß er – ganz Rockstar – keine Unterhose trug. Also bat er Ozzy um dessen Unterhose, was dem recht war, bloß hatte Ozzy dann ja selbst keine Unterhose mehr, und der Photograph drückte aufs Tempo. Kurzerhand schlüpfte er darob in den Morgenmantel. Es mögen Drogen im Spiel gewesen sein.

Technical Ecstasy

Im Jahre 1976 trat Black Sabbath in eine Phase ein, über die Ozzy Osbourne später ungefähr sagte (in schwer verständlichem Birminghamer Working-Class-English): „Wir dachten, wir seien die Beatles. Oder Pink Floyd.“ Der Vergleich ist nicht verkehrt, denn die Band entfernte sich sichtlich (Jawohl, sichtlich, denn das Titelbild, von Pink Floyds House-and-Court-Titelbildentwerfer Hipgnosis entworfen, zeigte, wie abermals der um Bonmots niemals verlegene Mr. Osbourne bemerkte „two robots screwing on an escalator“, was zu den vorherigen Alben nicht gepaßt hätte, hier aber nicht fehl am Platze wirkt.) und hörentlich vom gewohnten schweren Doom-Sound der Anfangstage. Zwar beginnt der erste Song „Back Street Kids“ mit einem schweren Riff, zwar ist „You Won’t Change Me“ hard & heavy, aber das von Bill Ward gesungene „It’s ALright“ ist beinahe ein Softrock-Song, „She’s Gone“ knüpft in seiner streichergetragenen Schnulzigkeit an „Changes“ vom Vol-4-Album an, ohne es zu erreichen, und „Rock ’n‘ Roll Doctor“ ist annähernd ein Rock-n-Roll-Song. Das sind alles keine schlechten Lieder, im Gegenteil, aber eben anders. Da ich mich als Anspieltipp nicht zwischen „You Won’t Change Me“ und „Gypsy“ entscheiden kann, schmuggle ich das eine hintenrum rein und verlinke das andere offen:

Der Song „Dirty Women“ wurde auch in jüngerer Zeit noch auf Live-Konzerten vorgetragen, aber über die musikalische Ausrichtung der Band bestand wohl schon damals intern Unstimmigkeit. Zu jener Zeit kamen in England, Amerika und sogar Australien zahlreiche neue Bands auf, die drohten, Black Sabbath den Rang abzulaufen. Auf der Tour zum Album wurde Black Sabbath von AC/DC als Vorband begleitet, die eine Show boten, mit der Sabbath nicht mithalten konnte. Auch pflegten Iommi und Genossen noch die Tugend musikalischer Diversität, wie „Technical Ecstasy“ durchaus beweist, während junge Bands sich als Genrespezialisten betätigten. Die Mitglieder von Black Sabbath hatten rundheraus keine Ahnung, auf welches Genre sie sich denn einigen sollten. Hinzu kamen die immer noch anhaltenden Rechtshändel und der zunehmende Drogenkonsum, der die Stimmung in der Band aufs Zerreißen spannte. Und so kam es, daß Ozzy nach der Tour zum Album die Band verließ und sich dem Soloprojekt „Blizzard of Ozz“ widmete.

Never Say Die!

Da es für Black Sabbath ja auch ohne Ozzy weitergehen mußte, heuerten sie einen neuen Sänger an, Dave Walker, und arbeiteten an neuem Songmaterial. Doch dann kehrte Ozzy 1978 zur Band zurück, und Dave Walker durfte wieder abziehen, denn Mr. Osbourne hatte die älteren Rechte. Naturgemäß weigerte er sich, die Songs zu singen, die in seiner Abwesenheit enstanden waren, also mußten unter relativem Zeitdruck acht neue Lieder geschrieben werden. Den Song „Junior’s Eyes“ sang Ozzy dann doch, aber für „Swinging The Chain“ mußte Bill Ward ans Mikro, der ja bewiesen hatte, daß er es konnte. Wie üblich zeigt der Klang auf diesem Album Abweichungen vom Gewohnten, ist insgesamt noch weniger düster als auf dem vorherigen Album. Der Opener „Never ay Die!“ ist schnell, hell und kurz. Das Auftaktriff von „Johnny Blade“ kommt vom Synthesizer. „Air Dance“ klingt wie die Vorspannmelodie einer 70er-Jahre-Fernsehserie. Das Instrumentalstück „Breakout“ ist eine Jazz-Nummer mit Bläsern. Ach, hören wir mal „Air Dance“:

Neben dem Zeitruck, unter dem die Aufnahmen stattfanden, erschwerte auch die weitgehende Unzurechnungsfähigkeit einzelner oder aller Bandmitglieder infolge massiven Zugedröhntseins die Fertigstellung des Albums. Am schlimmsten trieb es in dieser Hinsicht, natürlich, Ozzy Osbourne. Und weil der schon zuvor mit einem Soloprojekt geliebäugelt hatte und insgesamt nicht mit dem Herzen bei der Sache war, gaben seine Drogenexzesse schließlich den Ausschlag, die Zusammenarbeit mit ihm zu beenden. Ozzy wurde gefeuert. Unter Tränen, denn er war ein Freund, aber die Differenzen in Arbeitsethos und musikalischer Ausrichtung schienen diesen Schritt unvermeidlich zu machen. Und so war es dann vorbei mit Black Sabbath, wie diejenigen, die sie kannten, sie kannten.