Yoko Ono.

31. Mai 2021

Den Namen Yoko Ono kenne ich seit meiner Kindheit. Von mir auf andere schließend behaupte ich, den Namen kennt jeder. Und wenn man sonst nichts weiß, dann immerhin, daß sie irgendwie mit John Lennon und so. Das war jedenfalls bis neulich ungefähr ziemlich genau der Stand meines Wissens. Außerdem könnten deutschsprachige Musik-Connoisseure sich an eine kurze Charakter-Beschreibung von Die Ärzte erinnern.

Zu Ostern nutzte ich die Gelegenheit, im WDR-Fernsehen den „Imagine“-Film von John Lennon und Yoko Ono zu sehen. (Bis zum 5ten Juli 2021 ist er noch in der Mediathek des WDR verfügbar.) Neben der erwartbar sehr brauchbaren Musik von John Lennon fand ich auch das durch die Bildsprache wirkende Zeitportrait von 1970 sehr inspirierend. Und eben Yoko Ono. Sie und John Lennon scheinen sich ernsthaft geliebt zu haben.

Es gibt da ja jetzt dieses Internet, und da soll man annähernd jede Information finden, die man sucht. Ist auch so, wie ich feststellte. Zum Beispiel weiß ich nun, daß Yoko sieben Jahre älter war als John, und daß sie jetzt 88 Jahre alt ist und noch lebt. Außerdem halten viele Beatles-Fans sie für den Spaltpilz, der die „schrillen vier aus Liverpool“ auseinandertrieb, was freilich von den Mitgliedern nie bestätigt wurde. George Harrison ist Gaststar im „Imagine“-Film und Ringo Starr gastiert auf Yokos Debut-Album. Kann also nicht so schlimm gewesen sein, aber für viele Hardcore-Beatles-Kuttenträger ist sie ein rotes Tuch. In vielen Youtube-Kommentaren wird, zusammengefaßt, abschätzig darauf hingewiesen, daß Yoko Ono eine talentfreie Schreihälsin sei. Hinzu kommt ihr Engagement als Friedens-Aktivistin und Feministin, womit sie naturgemäß nicht bei jedem offene Türen einrennt. Und zu allem Überflux bleibt ihr künstlerisches Schaffen, welches der Fluxus-Bewegung zuzurechnen ist, den allermeisten Menschen, wohlwollend ausgedrückt, rätselhaft. Die Mehrheitsmeinung scheint also mit Die Ärzte konform zu gehen, daß Yoko Ono zumindest mal nervt.

Ich bin freilich stets um Unvoreingenommenheit bemüht, weshalb ich in einigen Stichproben auf Youtube eigene Höreindrücke sammelte. Diese fielen weit weniger ungünstig aus als das Leumundszeugnis. Sogar ausreichend günstig, um mir direkt mal ein Album zu besorgen. Daß Yoko Ono selbst Platten veröffentlichte, war mir zuvor auch nicht bewußt gewesen. Wenn dein Boyfriend Ex-Beatle und Präsident von Apple Records ist, mag der Weg zur eigenen Langspielplatte wohl auch nicht so weit sein. Jedenfalls. Ich erwarb das Album „Approximately Infinite Universe“ von 1972 und legte es eingedenk der Vorwarnungen mit banger Erwartung auf – – –

Vergeblich wartete ich auf talentfreies Geschrei. Sicherlich hat Yoko Ono nicht die allergüldenste Stimme des Planeten, aber eine Florence Foster Jenkins ist sie bei weitem nicht. Ihre warme Alt-Stimme ist sogar recht wandelbar, wenn man bedenkt, daß sie zu dem Zeitpunkt schon fast 40 war und keine formale Gesangsausbildung genossen hatte. Die Songs sind teils rockig, teils bluesig, teils nehmen sie geradezu den Punk vorweg, bisweilen spielt Yoko mit ihrer japanischen Herkunft, und einige Lieder könnten gar im Soundtrack eines Tarantino-Films auftauchen. Die Texte gehen mit ihrer Berufung als feministische Aktivistin einher, wozu auch der im Innern des Gatefolds abgedruckte Text paßt. Das Doppel-Album beginnt auf Seite 1 mit „Yang Yang“:

Dreht man die Scheibe um, landet man auf Seite 4, wer denkt sich denn den Quatsch aus? „Move On Fast“:

Die zweite Scheibe enthält demzufolge die Seiten 2 und 3. Der Titelsong „Approximately Infinite Universe“:

Und schließlich „Shiranakatta (I didn’t Know)“:

Was soll ich sagen? Ich mag’s.

Aber woher kommen jetzt die Andeutungen, daß Yoko Ono talentfrei herumschreien würde? Jahá! die kommen nicht von ungefähr. Denn das oben besprochene Album „Approximately Infinite Universe“ war ja nicht Yokos erstes Werk. Bis zu diesem kamen viele potenzielle Zuhörer erst gar nicht, denn zuvörderst hatten sie „Plastic Ono Band“ gehört, eine Art Kooperation mit ihrem geliebten John Lennon, der die Klampfe rührt, unter Beteiligung, ich erwähnte es, von Ringo Starr am Schlagzeug. Beatles-Fans hatten also möglicherweise große Erwartungen, genährt durch den Umstand, daß es sich um eine Doppel-Veröffentlichung in zwei Alben handelte, eine Platte von John, eine Platte von Yoko, mit annähernd identischen Titelbildern mit subtiler Unterscheidung.

Falls es nicht zu erkennen ist: Auf Johns Album ruht sein Kopf in Yokos Schoß, auf Yokos Album ihr Kopf in Johns. Die Rückseiten der jeweiligen Alben zieren Kinderfotos. Dieses Konzept finde ich durchaus süß.

John Lennons Album bietet erwartbar sehr brauchbare Musik. Yoko Onos Album hingegen beginnt mit dem ..äh.. Song „Why“. Und exakt diese Frage drängt sich auf. Dringend.

Dankenswerterweise beantwortet der zweite ..äh.. Song die Frage umgehend: „Why not“.

Die B-Seite beginnt mit einem experimentellen Rehearsal-Tape. Mit „AOS“ imitiert Yoko – ich möchte sagen: gekonnt! – das schief in den Angeln hängende Gartentor, das dich bei Ostwind die ganze Nacht nicht schlafen läßt:

Der dem talentfreien Geschrei hinterlegte Groove von John Lennon, Ringo Starr und Klaus Voormann am Baß ist recht entspannt. Mit etwas Wohlwollen, welches aufzubringen ich durchaus gewillt bin, möchte ich dem Werk das Troubadix-Zitat zugestehen: „Nicht ohne künstlerische Qualitäten!“, aber die Quelle des Zitats sagt dann vielleicht doch etwas über die Genießbarkeit des Dargebotenen aus. Das Album umfaßt sechs ..äh.. Songs. Auf der CD-Veröffentlichung gäbe es noch Bonus-Tracks, aber so weit geht meine Liebe nicht. Und ich kann nachvollziehen, weshalb Beatles-Fans keine besonders hohe Meinung von Yoko Ono haben, sofern sie eben nur ins Plastic-Ono-Band-Album reingehört haben, selbst wenn sie Yoko nicht für das Auseinanderbrechen der Beatles verantwortlich machen. Nach diesem ersten Höreindruck werden sich die allermeisten die folgenden Alben Yoko Onos ansatzlos gespart haben. Das schlägt sich auch in der Veröffentlichungshistorie von Yokos Alben nieder. Während jedes einzelne Beatles-Album über Jahrzehnte hundertfach nachgepreßt, neuverlegt, remastert und auf den verschiedensten Tonträgern wiederveröffentlicht wurde, kennt Discogs für Yokos „Plastic Ono Band“ 31 Versionen. Und auch nur so viele, weil es im Erscheinungsjahr 1970 als LP in verschiedenen Ländern veröffentlich wurde, 1997 als CD erschien und 2016 nochmal ein Reissue erfuhr, wiederum in mehreren Ländern.

Ich habe Metallicas Lou-Reed-Album „Lulu“ überlebt, ich kann auch mit Yoko Ono umgehen. Nehme ich „Approximate Infinite Universe“ zum Maßstab, kann ich mir sogar gut eine Erweiterung der Sammlung vorstellen.


What Corona does to a man.

30. April 2021

Der Friseur ist ein vermeidbarer Kontakt. Das muß ich meiner Cheffin auch jeden Tag verklickern, wenn sie darauf hinweist, daß meine Haare lang seien und die Friseure doch geöffnet hätten. Dabei bin ich noch nicht mal ganz beim fünften Bildchen angelangt, und bis zur 70er-Jahre-Fußballer-Frisur oder gar zur Thomas-Anders-Imitation ist es noch ein langer Weg. Ich hätte auch gar keine Veranlassung, ein Nora-Kettchen zu tragen.


Mittelalterliche Schmiede 21325

25. Januar 2021

Jau, Lego stellte mir auf Vermittlung von 1000steines Chefdiplomaten Dirk ein Rezensionsexemplar der mittelalterlichen Schmiede 21325 zur Verfügung. „Mittelalterliche Schmiede“ – zu Ungarisch: „Középkori kovács“ – ist in der Tat der deutsche Name des Sets, der auf der Seitenlasche des Kartons vermerkt ist. Lego verteilt solche Freiexemplare selbstverständlich in der Erwartung, wohlwollende Besprechungen zu ernten, und dessen können sie sich auch bei diesem Set sicher sein, denn es ist, fürwahr, ein tolles Modell; was soll ich da groß drumrumreden. Im Prinzip ersonnen hat es Clemens Fiedler, und wäre sein Ideas-Vorschlag eins-zu-eins (1:1) übernommen worden, hätte es so ausgesehen: klick. Ein Bild des Originals ist vorne in der Bauanleitung abgedruckt, nebst dem Konterfei des Erbauers. Wie bei Ideas-Sets inzwischen gewohnt, wurde das Modell allerdings nicht 1:1 übernommen, sondern durch Legos eigene Designer Wes Talbot und Austin William Carlson, welchselbige ebenfalls in der Anleitung abgebildet sind, in eine Façon, Fassong, Fassung, also Form gebracht, die Legos selbstauferlegten Richtlinien zur Set-Gestaltung mehr entspricht als anarchisches AFOL-Rumgebaue ohne Beschränkungen in Formen, Farben, Bautechniken und nicht zuletzt einem Budget im Verhältnis zu einem verantwortbaren Verkaufspreis. An der Barracuda-Bucht 21322 kann man beispielhaft feststellen, daß nach Legos Überarbeitungsprozeß der Ideas-Idee vom ursprünglich eingereichten Fan-Entwurf nicht viel mehr übrig bleiben mag als der Grundgedanke. Und wurde das Piratenset in seiner Endfassung eine Hommage an die glorreichsten Tage des Themas in Legos Produkthistorie, so fügten Wes und Austin, die Lego-Designer, Clemens‘ Entwurf ebenfalls eine Dimension hinzu, von der dieser wohl nicht zu träumen gewagt hätte, so er davon überhaupt je geträumt hat. Denn wie ein weiteres Bild in der Bauanleitung zeigt, vollzog sich Clemens‘ Lego-Sozialisation wohl vornehmlich im gegenwärtigen Jahrtausend. Alles in allem ist das Set 21325 aber sehr viel näher am Fan-Entwurf, als es die Barracuda-Bucht ist.

Wenn Lego Rezensionsexemplare verschickt, dann nicht mit DPD, sondern mit der Bundespost (hätte ich jetzt fast gesagt, aber so mittelalterlich ist Lego ja dann doch nicht), also DHL. Und zwar direkt in einer Umverpackung, in der wohl auch Vertragshändler und Lego-Stores ihre Ware erhalten. Mit einem dezenten Hinweis, ab wann der Verkauf legoseits erwünscht und gestattet ist.

Keine Sorge, ich werd’s erst nach dem ersten Februar bei mir ins Regal stellen, bis dahin bleibt’s hier aufm Schreibtisch stehen. Und zwar dergestalt:

Wir befinden uns im finsteren Mittelalter, entsprechend schummerig ist die Illumination. Wobei… „Mittelalter“ ist natürlich eher eine poetische Umschreibung für eine romantisierte Phantasie-Vergangenheit, wie sie etwa auf den sogenannten Mittelaltermärkten heraufbeschworen wird, und wie sie das künstlerische Konzept annähernd jedes im Mittelalter angesiedelten Films oder Computerspiels dominiert; es ist dies ein Phänomen, das durchaus nicht unserer Zeit entspringt, sondern schon vor zweihundert Jahren die Epoche der Romantik prägte. Die Wartburg zum Beispiel wurde nach den Vorstellungen Goethes und Konsorten ihrerzeit in einen Zustand versetzt, der dem entsprach, wie man sich ein ideales Mittelalter vielleicht gewünscht hätte: Pittoresk und idyllisch. Romantisch eben. Und in bezug auf das vorliegende Set ist so eine Mittelalter-Vorstellung auch gar nicht schlimm, ist doch Lego immer noch irgendwie etwas, das mit Phantasie, Vorstellungskraft, in Verbindung gebracht wird. Und warum also nicht auch mit Fantasy? Legos Ritter-Serie war nie etwas anderes, wenn auch von den Anfängen 1978 bis zu *würg* „Nexo Knights“ 2016 die Skala von „realistisch“ über „phantastisch“ immer weiter zu „unrealistischer Bullenkack“ hin ausgereizt wurde. Beim vorliegenden Set bewegen wir uns nun wieder im Spektrum von realistischer Darstellung und Fantasy-Setting.

Und idyllisch ist das doch wohl allemal! Der große Baum, der im ursprünglichen Ideas-Entwurf neben dem Gebäude aufragte, wurde hier zu einem Apfelbäumchen verkrüppelt; der Weltuntergang kann also getrost kommen. (Ich bin schuldenfrei.) Erkennbar wurde sich bemüht, AFOL-gerechte Bautechniken zu verwenden und den Baum individuell zu gestalten. Der Charakter eines Apfelbaums wurde durchaus gut getroffen, allerdings ist mir so etwas persönlich bisweilen zuviel „Hauptsache, irgendwie anders gebaut“ für ein Lego-Set. Aber ja, hübsch ist es.
Am Baum hängt eine Zielscheibe, und eine grüngewandete Figur übt das Bogenschießen. Da muß ich natürlich ans Robin-Hood-Baumversteck 6054 denken, wenn es auch eine sehr vage Andeutung ist.

Das Gebäude ist rundum geschlossen. Auf der Rückseite lockert ein Erker die Fassade auf. (Heißt es auf der Rückseite auch „Fassade“?) Das ist niedlich und unterstreicht den romantischen Charakter. Clemens Fiedler stammt aus Hannover, also ist Einbeck nicht weit weg. Die Gestaltung des Gebäudes mit überbordetem Treppenaufgang, prominent außen angebrachtem Kamin, mit Dachgaube und Erker wurde vom Ideas-Beitrag ins fertige Set übernommen. Vollkommen zu Recht.

Der Vollständigkeit halber noch eine Draufsicht im Gegenlicht:

Im Mittelalter, um da mal nicht locker zu lassen, gab es in Weltgegenden, in denen derartige Gebäude heimisch gewesen wären, allerdings noch keine Kürbisse. Und Huskies vielleicht auch eher nicht. Petitessen.

Der Schmied ist dem Namen nach die Hauptperson in diesem Set. Früher waren Schmiede mal so verbreitet, wie es heutzutage Automatenspielhöllen und Apotheken sind. Umso erstaunlicher, daß Lego diesen Berufsstand stets eher halbherzig in seine Ritter-Serien integrierte. Klar, schon 1984 gab es als kleine Ergänzung fürs Burgenland die Schmiede 6040. Hier dengelt der Schmied verschämt an einem Wagenrad. Erst im Jahre 2011 greift Lego eigenständig das Thema wieder mit dem Set 6918 auf. Hier paßt der Meister nicht mal in eigener Person in sein Kabäus-chen, und Lego legt jede Zurückhaltung ab: Jetzt werden Waffen geschmiedet! Man sieht förmlich, wie die sprühenden Ideen der Set-Entwickler („Wir sollten eine Wassermühle bauen!“ „Wir sollten eine Schmiede bauen!“) zusammenbudgetiert wurden in dieses kleinste Set der Serie. Chance vertan!

Jedoch, wenn Lego es selbst nicht hinkriegt, dann dürfen die Fans ran. Und früher oder später bauen die dann eine ernstzunehmende Schmiede. Sehr früh sogar. Das allererste von einem Fan entworfene und in ein offizielles Lego-Set gegossene Set war vor fast zwanzig Jahren, 2002, Daniel Siskinds „Schmiedewerkstatt“ 3739. Diese war seinerzeit das beste Set aller Zeiten (bis dahin), weil sie den damaligen Set-Stil, der ja noch eher schlicht und naiv war, was ich nicht negativ verstanden wissen will, erweiterte zu einem richtigen Haus. Mit Bettchen für die zwei Minifigs.

Natürlich gibt es Parallelen. Beides sind Schmieden. Beide setzen Fachwerk auf ein gemauertes Erdgeschoß. Beide haben ein blaues Dach. Vielleicht hat die Siskind-Schmiede bei Clemens‘ Ideenfindung eine Rolle gespielt, vielleicht aber auch nicht. Die Unterschiede überwiegen.

Jedenfalls, der Schmied. Nennen wir ihn Tormund. Auch er schmiedet Waffen. Sein Zunftschild, bedruckt, wird er wohl auch selbst geschmiedet haben. Was er sonst noch für Pläne hat, wissen wir nicht.

Das Schmiedefeuer facht er über einen Blasebalg an, ernsthaft! Der Blasebalg drückt auf den Mechanismus des Lichtsteins, um das Feuer zum Glühen zu bringen. Exquisit!
Vor der Esse ist ein Abklingbecken angedeutet, worin der glühende Stahl abgekühlt und ausgehärtet wird. Die Designer scheinen sich also eingehend mit dem Schmiedehandwerk auseinandergesetzt zu haben.

Das Wasser fürs Becken holt Tormund aus seinem eigenen Brunnen. Dieser ist wiederum sehr idyllisch unterm Apfelbaum gelegen, was darüber hinwegtröstet, daß er durchaus noch etwas detaillierter hätte gestaltet werden können. Er ist zwar nicht sehr tief, kaum bis zur Tischplatte, aber eine Seilwinde könnte sich als hülfreich erweisen.
Im Hintergrund ist das Holzdepot unter dem Treppenaufgang zu erahnen. Dieses Holz mag für Schwertgriffe und Speerschäfte dienen, vielleicht auch zum Befeuern des Herdes, nicht jedoch für die Schmiedeesse, denn für Stahl braucht man Kohle, Subventionen hin oder her.

Und tatsächlich, im Innern der Werkstatt gibt es ein Kohlelager.
Die Tür zur Werkstatt ist fünf Steinbreiten hoch, der Durchgang ist allerdings nur gut vier Steinhöhen hoch. Im Mittelalter waren die Türen ja niedriger.
Auf dem Amboß wartet bereits ein glühendes Stück Roheisen darauf, in Form gehämmert zu werden.

Leider war in den letzten zwei Wochen nur für eine halbe Stunde die Sonne zu sehen, so daß meine Bilder nur funzelig beleuchtet sind. Wenn auch wahrscheinlich heller, als es das Innere der Werkstatt wäre, denn dem Schmied muß das Licht genügen, das durch die kleinen Fenster bricht.

Vielleicht kann man erahnen, daß Tormund nicht nur scharfe Klingen und Rüstungen schmiedet, sondern bisweilen auch Töpfe und Tiegel. Das Faß in der hinteren Ecke beinhaltet überdies eine Auswahl eiserner Stangen für den Hausgebrauch.

Seinen vollendeten Schwertern kann Tormund direkt den richtigen Schliff geben. Ein nettes Detail.

Doch genug von Tormund. Die Firma Lego legt erkennbar Wert darauf, zumindest in ihren Topsets das Personal ausgewogen zu rekrutieren, möglichst frei von Stereotypen. Wenn also hier der Schmied schon ein testosteronimprägnierter Vollbartträger ist und eine Hühne obendrein, der sich bücken muß, wenn er die Tür zu seiner Werkstatt durchschreitet, und eben keine Schmiedin, wie im Film „Ritter aus Leidenschaft„, dann muß es auch mindestens eine weibliche Figur geben, die als starke Persönlichkeit mit traditionellen Geschlechterrollen bricht. Mindestens eine. Hier haben wir also zum Beispiel eine Bogenschützin im grünen Wams.

Manchmal schlüpft Maid Marian aber dann doch in ihre Rolle als Frau Schmidt und gebietet über Haus und Herd.

Die Stube ist gemütlich eingerichtet. Auf Stühlen mit gedrechselten Beinen und Rückenlehnen liegen buntkarierte Kissen. Das ist sehr hübsch, aber vielleicht ein bißchen überdimensionierter, als es einem Lego-Set geziemt. Und die Stubentür ist hier sechs Steinbreiten hoch und dennoch zu klein für die Türöffnung. Das hätte man besser lösen können.

Heute gibt’s Kohlsuppe mit Möhreneinlage. Zum Schneiden des Gemüses stünden mehrere Schwerter oder ein schwarzes Metzgerbeil zur Verfügung. Neben dem schön gemauerten Herd finden wir das Butterfaß. Als Protegé der Waffenlobby lebt man gutsituiert.

Es sei mir ein persönlicher Exkurs in meine Kindheit erlaubt: Damals, in den späten 80er Jahren, hatte Mein Männchen™ auch immer die bestausgestattetste Wohnstätte, die man sich denken konnte. Selbstverständlich besaß er mein einziges braunes Faß, meine einzige Mistforke (an der keine Zinke abgebrochen war), mein einziges braunes Roß. Ähnlich schön haben es die Schmidts.

Das Wohnidyll setzt sich im Dachgeschoß fort. Im Kamin prasselt ein wärmendes Feuer. Das behagliche Bett mit gesteppter Tagesdecke lädt unter anderem zum Schlafen ein. 21325 ist ein „18+“-Set, denkt euch euern Teil. Die Erkernische füllt ein Schreibpult aus, denn der Handwerker oder die Bogenschützin von heute hat selbstverfreilich eine lyrische Ader. Märchenhaft mutet das Set in seiner Gesamtheit an, und ein Märchen fließt auch aus der blauen Feder. Daß diese Feder blau ist, ist vielleicht wohlüberlegt.
Beherrscht wird das Dachgeschoß durch das Fell eines selbsterlegten Bären.

Im Hintergrund ist überdies die simple aber clevere Technik erkennbar, mithilfe derer der Knick im Dach ins Werk gesetzt wurde: Knopfkupplungen. Überhaupt: Das Dach. Im Set ist es nicht gar so zerfurcht und schroff wie in Clemens‘ Ideas-Entwurf. Doch durch die Verwendung von Fünfeckfliesen (die ebenfalls Teil des Dachs im Originalentwurf waren) in blau, dunkelblau und schwarz sowie bemoostem statüegrün wird ein ähnlicher Effekt erzielt. Einige der überlappenden Schindeln sind bereits verwittert und müßten dringend ausgetauscht werden. Schön ist das vorgeklippste Giebelgebälk. Das Dach der seitlichen Gaube hätte eine Schindellage mehr vertragen können.



Die Bespielbarkeit der Dachkammer ist gewährleistet, indem das ..äh.. im Bild östliche (könnt ihr nicht wissen) Dach einfach ausgehängt wird. „Das ist doch kein Lego, wenn da nichts noppigerdings oder sonstwie verbunden ist!“ höre ich meckern. Papperlapapp, die Technik ist cool, und das lose Dachseitenteil hält auch allein durch die Schwerkraft ganz sicher.


Und was ist jetzt mit den Adlerrittern, die da oben in ihrem Pferdekarren um die Ecke biegen? Gemach. Zuerst muß ich den Karren abkanzeln. Der ist so schlecht, daß ich ihn nicht mal für würdig befand, gesondert photographiert zu werden. Oder ich hab’s einfach vergessen, aber schlecht ist er wirklich. Was am Dach noch eine gewitzte Bautechnik war, die Kuppelverbindung nämlich, zeigt hier die vollkommene Witzlosigkeit der Lego-Designer, wenn es um Pferdefuhrwerke geht: Die gekuppelte Deichsel an einem zweiachsigen Karren. Die Vorderachse ist wieder einmal nicht lenkbar, seit fast zwanzig Jahren geht das so. Was soll der Quatsch? Dafür gibt es von mir aus Prinzip Punktabzug. Zum Glück ist dieses Fuhr- und Machwerk ein zu vernachlässigender Teil des Sets, also fällt dieses Manko nicht allzu stark ins Gewicht. Das falbe Pferd ist entschuldigt; das ist schön.

Ach so, ja, die Adlerritter. Ja, zwei Adlerritter kommen zum Waffenkauf an der Schmiede vorbei. Oder zum Überfall. Oder als Ordnungshüter, die eine grünbewamste Wildfrevlerin festnehmen wollen. Der Spielmöglichkeiten sind viele.

Als Hommage an die beste Zeit des Ritter-Themas in Legos Produkthistorie bewillkommne ich diese Adlerritter natürlich aufs Herzlichste. Und, Überraschung, mindestens eine weibliche Hauptdarstellerin genügte nicht, darum ist einer der Adler eine Knäppin!

Die Geschichte der Adlerritter ist wechselvoll, aber lang. Reicht sie doch von 1984, als noch eine grünweiße Flagge über der kleinen Ritterburg 6073 wehte; über 1986, welch Jahr das Ritterschloß 6074 mit Adlerbanner und gelber Torbeflaggung sah; über 1992, da die Erzschelme und -rivalen des Löwenordens schon nicht mehr im Katalog vertreten waren, die Adler aber noch (in grauen Hosen, wie absurd!) gegen die schwarzen Drachenritter kämpften; bis ins Jahr 2002, da das Ritterschloß als „Legende“ 10039 neuaufgelegt wurde, mit leicht veränderten Wappen auf Brust und Fahne, dasselbe Jahr, das uns auch die erste Fan-Schmiede als Lego-Set brachte. Im Jahr 2010 gab es (in Amerika) einen Adlerritter-Kühlschrankmagneten, während ein geheimnisvoller schwarzer Ritter mit Adlerwappen das Turnier 10223 gewann. Fehldrucke des Brustwappens (Linksgucker (heraldisch Rechtsgucker), invertierte Farben) steckten sie bossgleich weg. Den undefinierten Piepmatz, den die Amerikaner „Black Falcon“ nennen, der für mich aber immer ein Adler war, wegen Bundesadler und Dortmunder Stadtwappen, und der sich auf 1000steine.de schon als Truthahn diffamieren lassen mußte (Zwinkersmiley), versuchte Lego mit der 10223-Version zu modernisieren, und jetzt, im Jahre 2021, ist er erwachsen geworden und stellt unmißverständlich einen Greifvogel dar. Für die Amis halt immer noch einen Falken, aber natürlich ist es ein Adler. Das wäre also geklärt. Auf farbige Umrandung der Schilde wurde verzichtet zugunsten blackfalconesken Schwarzes. Ich persönlich hätte mir eher die silbrigen Schulterpanzer und Helme der beiden jüngsten Sprosse des Ordens etwas dunkler gewünscht.

Wie dem auch sei. Die Adlerritter/:*_Innen sind hier nur das i-Tüpfelchen auf einem ohnehin sehr schönen Set. Der Detailierungsgrad steht dem der modularen Häuser in nichts nach, die Gestaltung ist farbenprächtig und doch ernsthaft-gedeckt. Das Dach auch. Die funktionalen Aspekte einer Schmiede sind ebenso wie die modularen Aspekte des Gebäudes wohldurchdacht und trickreich ausgeführt. Der Karren ist Mist, aber das Set hat Charme. Es macht Spaß, das Modell zu bauen, vier bis fünf Iron-Maiden-Alben sollte man währenddessen durchhören können. Daß auf der Bauanleitung die Setnummer zugunsten eines häßlichen QR-Codes weggelassen wurde: Ärgerlich, aber geschenkt. Und sollte es noch eines finalen Pluspunkts bedurft haben: Es sind keine (in Zahlen: 0) perlgoldene 1×1-Rundplättchen enthalten!

Ich möchte daher eine Empfehlung aussprechen. Mache ich auch: Abstand halten, Maske tragen, bei Gelegenheit impfen lassen, und diese „Mittelalterliche Schmiede“ bauen!

2164 Teile, 149,99€, erhältlich bei Lego ab dem 1. Februar 2021.


CD-Regal revisited: Pink Floyd (7)

29. September 2020

Nachdem das Album „Dark Side of the Moon“ (DSOTM) im Jahre 1973 ein weltweiter Verkaufsschlager gewesen war, konnten sich die Jungs von Pink Floyd zunächst nur mit Mühe dazu aufraffen, sich abermals an die Arbeit zu einer weiteren Platte zu begeben, zu groß war die Last des Erfolgs. Aber half ja nichts, die Sache wollt’s. Im Januar 1975 überquerten die vier die Abbey Road, um das Studio zu entern.

Whish You Were Here

War DSOTM ein Konzeptalbum über die großen Fragen des Lebens gewesen, so gab sich Pink Floyd nun introspektiver. Den Hauptteil des Albums nimmt die Beschäftigung mit dem vormaligen Band-Kollegen und Freund Syd Barrett ein, welcher das zeittypische Rockstar-Leben der späten 60er Jahre nicht unbeschadet überstanden hatte. Kurz hatte sein Stern aufgeblitzt, hatte sein Talent als Song-Schreiber und Gitarrist zu mehreren erfolgreichen Singles und einem sehr beachtenswerten Debütalbum geführt, dann erlag sein einst wacher Geist dem Einfluß bewußtseins- ..nun ja.. -verändernder Drogen, und seine Persönlichkeit änderte sich in dem Maße, daß er für die Band als kreativer Inputgeber und verläßlicher Live-Musiker nicht mehr tragbar war. Zunächst holte man David Gilmour als zusätzlichen Gitarristen in die Band und spielte bei Auftritten um Syd herum, während dieser teilnahmslos an seinem Mikro stand. Da das kein akzeptabler Zustand war, holten die anderen vier ihn irgendwann gar nicht mehr ab und absolvierten die Auftritte ohne ihn. Zum zweiten Studio-Album steuerte er mit „Jugband Blues“ noch einen Song bei, dann wurde er gefeuert und führte fortan ein zurückgezogenes Leben in der Obhut seiner Mutter.
Der Umgang der verbliebenen Mitglieder Pink Floyds mit Syd Barrett war, gelinde gesagt, unglücklich. Halbherzig unterstützten sie ihn im Jahre 1970 noch bei der Produktion zweier Soloalben, dann brach der Kontakt weitgehend ab, unter dem Vorwand, das dies besser sei für Syd. Doch das schlechte Gewissen nagte, und das Schicksal des einstigen Freundes hing fortan wie eine Nemesis über dem Schaffen von Pink Floyd.

Im Jahre 1975 war das alles noch gar nicht so lange her, wie es aus heutiger Sicht scheint. Und dennoch. Während sie so im Studio saßen und musikalische Vergangenheitsbewältigung betrieben, fiel ihnen irgendwann ein Typ auf, groß, kahlgeschoren und aufgedunsen, den niemand zuordnen konnte. Bis sie schließlich – genau – Syd Barrett erkannten, der die Band besuchte, während sie an Songs über ihn arbeitete. Von großem Hallo und Wiedersehensfreude wird indessen nicht berichtet, die Situation war wohl vor allen Dingen awkward.

Das Album umfaßt vier Lieder, wiewohl der Song „Schine On You Crazy Diamond“ mit einer Gesamtlänge von fast 26 Minuten zweigeteilt wurde und als atmosphärische Anfangs- und Schlußsequenz die übrigen drei Stücke einrahmt. Als verrückter Diamant wird hier Syd Barrett besungen, man ahnte es. Die Songs „Welcome To The Machine“ und „Have A Cigar“ können als Abrechnung mit der Pattenindustrie aufgefaßt werden. Ersterer behandelt den zynischen Umgang der Produzenten mit den Ambitionen junger Musiker, denen man ein ausschweifendes Starrummelleben verspricht, was man ebenfalls – vielleicht überinterpretierend – auf Syd Barrett beziehen könnte. Der andere entlarvt die Musikbranche als das, was sie ist, nämlich weder an der Kunst interessiert noch an den Künstlern, sondern einzig am finanziellen Erfolg; und der ist umso größer, je weniger man in die Qualität der Musik investiert, nimm dir ’ne Zigarre! Als Gastsänger fungiert hier Roy Harper. Auf die Idee, Syd Barrett in die Produktion dieses Albums einzubeziehen, wo er doch schon mal da war, kam offenbar niemand.

Und während Syd also da saß, zugegebenermaßen nur einen Tag, und seinen alten Kollegen bei der Arbeit zusah, heißt der Titelsong „Wish You Were Here“. Der Text ist verklausuliert, aber die Titelzeile ist eindeutig. Selbst als er körperlich anwesend war, früher als Bandmitglied, nun als unerwarteter Besucher, so war er doch geistig ganz weit weg. Das war schockierend und traurig, aber irgendwie mußten Waters, Gilmour, Wright und Mason damit umgehen.
Der Song taugt auch ohne den Syd-Barrett-Kontext als – sagen wir – Liebeslied, und ist auch heute noch bisweilen im Radio zu hören, weshalb er neben „Another Brick In The Wall“, „Time“ und „Money“ zu den allgemein bekannteren Songs Pink Floyds zählt.

Und dann ist da ja noch Hipgnosis, die Graphikagentur, verantwortlich für unzählige ikonische Plattencover, unter anderem von Pink-Floyd-Alben. Der thematische Inhalt dieser Alben interessierte Storm Thorgerson und Kollegen selten, wenn es um die visuelle Repräsentation dieser Musik ging. Während Pink Floyd auf „Wish You Were Here“ gegen die Dämonen ihrer Geschichte antraten, machte Hipgnosis sein eigenes Ding.

Auf den vier Seiten der Plattenhülle – Vorder- und Rückseite der Außen- sowie Vorder- und Rückseite der Innenhülle – sind die vier Elemente dargestellt. Als ich vor langer Zeit die Bilder aufnahm, wußte ich noch nicht, was ich dazu schreiben würde, darum habe ich die Rückseiten nicht abgelichtet. Zu sehen sind Feuer und Luft (Wind). Als zusätzliches Gimmick lag der Schallplatte eine Bildpostkarte bei, die das Wasser-Motiv wiederholt:

Gewiefte Wicca-Praktizierende mögen die Verbindung sehen zwischen den vier Elementen und irgendwelchen Dämonen. Da hier die Darstellung des Elements „Erde“ fehlt, fügen wir es musikalisch in Gestalt eines Diamanten hinzu. Shine on!

Wie aus Band-Kreisen verlautbarte, war dies das letzte Pink-Floyd-Album, bei dem sich alle vier (aktiven) Mitglieder kreativ einbringen konnten. Insbesondere Rick Wrights Tasteninstrumente tragen weite Teile der Kompositionen.

Animals

Zwei Jahre später veröffentlichten Pink Floyd das letzte Album, welches vor meiner Geburt entstand, wenn auch knapp, immerhin im selben Jahr, 1977. An dieser Stelle müßte ich das Bild wieder hervorkramen, welches ich schon zuvor als Symbolfoto für Pink Floyd ver(sch)wendet hatte, das aber eindeutig dem Album „Animals“ zugeordnet ist:

Dieses Mal hat das Plattencover, wiederum gestaltet von Hipgnosis, einen deutlichen Bezug zum Inhalt des Albums. Schweine spielen eine Rolle. Und durch die vier Schornsteine wirkt die Battersea Power Station, das alte Londer Heizkraftwerk, wie ein auf dem Rücken liegendes, totes Tier. Gleichzeitig wird durch den Art-Deco-Stil des Gebäudes, steil und bedrohlich ausgeführt als „Ziegel-Kathedrale“, ein Gefühl des Unbehagens erzeugt. Dessen ungeachtet fand ich das Titelbild mit dem ersten Ansehen sehr schön, wie gemalt. In Vor-Internet-Zeiten kannte ich die Battersea Power Station natürlich gar nicht und hielt das Bild für ein Produkt der Phantasie. Aufgrund der optischen Attraktivität des Titelbildes war „Animals“ wahrscheinlich eine meiner frühesten Pink-Floyd-Erwerbungen.

Vor dem Hintergrund der Erwartungen, die sich aus meinen bisherigen Höreindrücken (Wall, DSOTM, Piper At The Gates Of Dawn) speisten, war ich beim Erklingen des ersten Songs zunächst etwas enttäuscht. „Pigs On The Wing“ ist ein kleines, akustisches Gitarrenstück, das alles vermissen ließ, was ich zu schätzen gelernt hatte: elegische Keyboard-Passagen, ausschweifende Gitarren-Soli, vernehmbaren Bass und elaboriertes Schlagzeugspiel. Doch ist es nur der Auftakt. Es folgt der Song „Dogs“. Dieser bietet alles, was ich erwartet hatte, bloß besser.
Thematisch lehnt sich „Animals“ an George Orwells „Farm der Tiere“ an, ohne jedoch eine direkte musikalische Umsetzung des Romans zu sein; vielmehr diente dieser Roger Waters als Inspiration für eine eigene sozialkritische Parabel. Oder Fabel. Die Hunde sind hier die rücksichtlosen, kapitalistischen Herrscher, Zyniker, die über Leichen gehen und am Ende einsam und verbittert zugrundegehen. 17 Minuten dauert das Lied. Es folgt „Pigs (Three Different Ones)“ mit 11 Minuten 20. Die Schweine sind hier die bigotten Politiker, denen man nicht über den Weg trauen kann, da sie nicht unsere Interessen im Sinn haben. Namentlich angesprochen wird Mary Whitehouse, eine konservative britische Aktivistin zur Entstehungszeit des Albums. Durch die Nennung des Namens ist der Song thematisch nicht unbedingt zeitlos, aber musikalisch über jeden Zweifel erhaben.
„Sheep“, ebenfalls über 10 Minuten lang, beginnt mit einem sehr entspannten Piano-Intro, für das Rick Wright eigentlich einen Writing Credit verdient gehabt hätte, welcher ihm aber verweigert wurde. Bis auf „Dogs“, für das David Gilmour einen Credit bekam, ist bei allen Songs des Albums nur Roger Waters als Autor ausgewiesen, eine Tendenz, die sich auf den folgenden Alben fortsetzen sollte. Die Schafe, um bei „Animals“ zu bleiben, sind natürlich die ahnungslosen Schafsköppe, die sich von den Hunden und Schweinen an der Nase herumführen lassen. Den Abschluß des Albums bildet die zweite Strophe von „Pigs On The Wing“. Erst im Zuge meiner recherchierenden Beschäftigung mit dem Album zur Vorbereitung auf diesen Artikel erfuhr ich, daß die 8-Track-Version von „Animals“ eine andere Version dieses Songs enthielt, sozusagen die Vollversion an einem Stück mit Gitarrensolo.

Als Höreindruck wählen wir mal „Sheep“, und sei es nur fürs Intro, offiziell von Pink Floyds Youtube-Channel:

Vor der Schlußbemerkung gönnen wir uns auch hier noch einen Blick auf die Schapllplatte. Auf ihr kommt das grandiose Titelbild naturgemäß besser zur Geltung, was hier im Internet freilich ohne Auswirkung bleibt. Die Innenhülle zeigt alle Songtexte in Nick Masons Handschrift.


Gegenwärtig ist das Gebäude in einem traurigeren Zustand, als es die Schwarzweiß-Fotos im Gatefold zeigen. 1977 war das Kraftwerk noch in Betrieb (bis 1983), die Maschinenhalle hatte noch ein Dach. Während der Aufnahmen fürs Plattencover riß sich der Schweineballon los und nahm Kurs auf Heathrow, Polizeihubschrauber nahmen die Verfolgung auf, ein Scharfschütze bereitete sich darauf vor, das Schwein brutal abzuknallen. Doch schließlich landete es auf einem Bauernhof in Kent, wo es die dort ansässigen animals und den freilaufenden Bauern in Aufregung versetzte.

Schlußbemerkung

Auf „Animals“ folgte „The Wall“ mit all dem Drama. Richard Wright nahm an den Aufnahmen teil, verließ die Band, wurde als bezahlter Tourmusiker für die Wall-Aufführungen engagiert und dann endgültig gefeuert. Das besiegelte das Ende der klassischen Periode im Band-Leben Pink Floyds. Dannach kam aber noch so allerhand, dem wir uns zu einem späteren Zeitpunkt widmen werden.

Für interessant erachte ich einen Blick auf die Sequenzierungen der einzelnen Alben, also auf die Song-Aufteilungen. Die ersten beiden Alben und die Soundtracks „More“ und „Obscured by Clouds“ sowie die Compilation-Albums sind da weniger auffällig. Sie enthalten der Reihe nach Songs von mehr oder weniger handelsüblicher Länge. Doch dann geht’s los:

„Ummagumma“ ist ein Doppelalbum, dessen erste Scheibe vier Live-Aufnahmen enthält, und dessen zweite Scheibe vier Solo-Beiträge der einzelnen Band-Mitglieder umfaßt, bzw. fünf, da Roger Waters zwei Songs beisteuerte. So weit, so ungewöhnlich.

„Atom Heart Mother“ füllt die komplette A-Seite mit dem über 20-minütigen Titelstück, auf der B-Seite befinden sich vier Songs von üblicher Länge.

„Meddle“ hat auf der A-Seite fünf „normale“ Songs, dafür füllt „Echoes“ mit über 20 Minuten die komplette B-Seite aus.

„Dark Side Of The Moon“ beinhaltet zwar neun Stücke von unauffälliger Länge, jedoch gehen diese ineinander über, so daß A- und B-Seite sozusagen jeweils einen einzigen Track von um die 20 Minuten enthalten.

„Wish You Were Here“ beginnt und endet mit dem ersten und zweiten Teil eines Songs, jeweils über 10 Minuten lang, dazwischen drei Lieder von üblicher Länge.

„Animals“ beginnt und endet mit dem ersten und zweiten Teil eines Songs, diesmal unter zwei Minuten lang, dafür umrahmt er drei Lieder von über 10 Minuten Länge.

Und „The Wall“ schließlich ist ein Doppelalbum mit einzelnen Songs, die aber einem durchgehenden Konzept folgen, deren Reihenfolge also nicht willkürlich ist.

Offenbar war die Band bemüht, die Sequenzierung abwechslungreich zu gestalten und Wiederholungen zu vermeiden. Wäre „Shine On You Crazy Diamond“ nicht geteilt worden (wie David Gilmour es bevorzugt hätte), hätte sich die formale Wiederholung von „Atom Heart Mother“ oder „Meddle“ ergeben. Und „Pigs On The Wing“ in der Vollversion wäre nur ein uspektakulärer Song neben drei spektakulären Zehnminütern gewesen, so jedoch kommt ihm als „Bookends“ eine Rahmenfunktion zu. Das kann alles kein Zufall sein. Oder vielleicht auch doch. Gute Nacht!


Aberglauben.

7. Juni 2020

Wieviel Glück muß man eigentlich haben, um im 21sten Jahrhundert mitten in der Stadt ein Hufeisen am Straßenrand zu finden? So geschehen mir gestern. Der Straßenrand ist die begraste Umfassung eines ehemaligen Straßenbahnoberleitungspfostens a. D., und ich gehe jeden Tag daran vorbei. Das Bändel am Hufeisen mag darauf hindeuten, daß es nicht direktermang einem Pferd die Schuhe ausgezogen hat, sondern das Ding irgendwo als Deko an der Wand hängen sollte und beispielsweise bei einem Umzug verloren ging. Wieviel Pech muß eigentlich jemand haben, um ein Hufeisen zu verlieren? Als Fußgänger!

Wenn ich noch wüßte, zwischen welche Buchseiten ich es einst zum Trocknen steckte, könnte ich auch das Beweisfoto eines von mir selbstgeernteten vierblättrigen Kleeblatts beibringen. Ungefähr 1994, auf der Wiese unseres Ferienhauses auf Amrum, bückte ich mich in der Ecke, in welcher der Klee wucherte, und zupfte, ohne hinzugucken, irgendein Blättchen heraus. Es hatte vier Blätter. Um den Nimbus nicht zu zerstören, prüfte ich lieber nicht nach, ob das für alle Kleepflanzen in jener Wiesenecke zutraf.

Dabei bin überhaupt nicht abergläubisch. Nee, ehrlich. Das gefundene Hufeisen halte ich vor allem für eine Kuriosität, und ich brauche keine dem Volksglauben nach mystischen Gegenstände und Talismane als Glücksbringer. Auch erschließt sich mir nicht der Zusammenhang zwischen dem Teddy auf dem Pult der Wer-wird-Millionär-Kandidatin und der Beantwortbarkeit der zufällig zugewiesenen Fragen. Zumal die ja dann doch alle nicht bis zur Million kommen. Macht das eigentlich niemanden stutzig?

Meine frommen Eltern würden Aberglauben ungefähr als etwas definiern, was Menschen glauben, ohne daß es Teil der ortsüblichen Religion wäre bzw. derselben widerspricht, mithin alles von Katholizismus (Hostien, Heiligenverehrung, Mariä Himmelfahrt) über Anthroposophie (Die Lehren Rudolf Steiners stehen halt nicht in der Bibel) und Homöopathie (reine Glaubenssache) bis hin zu den folkloristischen Aberglaubenstopoi wie Handlesen, Kartenlegen, Talismane und Astrologie (um nur eine Auswahl zu nennen). Wäre da nicht ihre Frömmigkeit, könnte man meine Eltern also fast als aufgeklärte Skeptiker bezeichnen, die mir beibrachten, nicht jeden Hokuspokus unhinterfragt zu glauben. Aber auch abseits der Erziehung ließ ich mich von Helden der Kindheit beeinflussen. Da wäre zum Beispiel der Mann, der schneller zieht als sein Schatten:

Glücklicherweise übernahm ich lediglich Lucky Luke’s* eher rationale, um nicht zu sagen: unzeremonielle Herangehensweise an realweltliche Probleme, nicht seine Liebe zum Toback. Es kommt ihm also nur eine selektive Vorbildfunktion zu.

*) Diese Verwendung des Apostrophen schaute ich mir bei Thomas Mann ab. Im „Zauberberg“ apostrophierte er bei fremdländischen Namen (Settembrini) das Genitiv-s, weil der deutsche Leser möglicherweise die Form- und Lautgestalt des Grundworts nicht kennte. Es ist dies also kein Deppenapostroph.

Und auch der andere Comic-Held meines Vertrauens zeigt Tendenzen zu abgeklärter Vernünftigkeit.

Augenfällig an obigem Bild ist auch die Gewandung des Sehers. Um seine zur Schau gestellte „Gabe“ der Prophetie dem gutgläubigen Volk plausibel zu machen, wählte er ein ominöses Erscheinungsbild. Klappern gehört zum Handwerk. Was wäre ein katholischer Gottesdienst ohne prunkvolle Gewänder und unverständliches Latein? Was wäre eine schamanische Geistheilung ohne Federschmuck und magisches Gemurmel? Und warum sehen Fernsehastrologen immer so wallend und klunkerbehangen aus? Zumindest gemäß meinen wenigen, unbeabsichtigten Stichproben im Zuge unmotivierten Herumzappens sehen sie das. Jedenfalls mißtraue ich all diesen ostentativen Attributen des Magischen zutiefst.

Hach ja, die Astrologie. Wenn mich jemand nach meinem Sternzeichen fragt, nenne ich immer irgendwas. Prinzipiell müßten die ja mein Sternzeichen anhand meines Charakters erkennen, angeblich gibt es doch da eindeutige Zuordnungen.
Allen antiken Kulturen ist gemein, daß sie Astrologie betrieben. Unbeleckt von industrieller Lichtverschmutzung konnten die Menschen nächtens den Blick über die volle Breite der Milchstraße („Galaxie“) wandern lassen, und so, wie sie Gebilde in Wolkenformationen identifizierten, identifizierten sie auch Gebilde in Sternformationen, bloß blieben die Sterngebilde im Unterschied zu den Wolken augenscheinlich immer dieselben, bewegten sich starr über den Himmel. Und zwischen den fest verankert, also fixierten, Fixsternen bewegten sich die frei beweglichen Planeten, ebenfalls als Lichtpunkte, weil auch sie, wie der Mond, von der Sonne angestrahlt werden, was die Leute damals aber nicht wußten, weshalb man Planeten auch Wandelsterne nennt. Was dort oben am sternenvollen Himmelszelt vor sich ging, konnte doch kein Zufall sein, konnte es? Zumal ja gleichzeitig hinieden auch Dinge sich ereigneten, parallel zu den sich ändernden Sternenformationen und Planetenstellungen. Da mußte doch ein Zusammenhang bestehen, mußte er? „Draußen regnet’s, drinnen spielen sie Brahms“, pflegte mein Vater zu sagen; soviel zum Zusammenhang. Korellationen sind keine Kausalitäten.

Die Grundlage der heute praktizierten Astrologie ist die antike Astrologie, immerhin geht es um dieselben Sterne. Und man würde ja wohl nicht annähernd ununterbrochen seit Tausenden von Jahren diese Kunst ausüben, wenn sich die Horoskope nicht als zuverlässige Anhaltspunkte zur Lebensbewältigung und Entscheidungsfindung bewährt hätten, würde man? (Spoiler Alert: Man würde.)

Wenn ich das richtig verstanden habe, wofür es keine Garantie gibt, ist für eine astrologische Vorhersage oder ein Horoskop die Stellung der Planeten zueinander und zu den Sternbildern entscheidend. Den Sternbildern und Planeten sowie der Sonne und dem Mond sind jeweils Eigenschaften, Symbolismen, Wertigkeiten und was weiß denn ich! zugeschrieben, und auf die Kombination all dessen kommt es an. Abgesehen davon, daß ich mir die Frage stelle, woher denn die Erdenbewohner wissen wollen, welche bedeutungsvollen Eigenschaften einer doch letztendlich zufällig zu einer benamsten Konstellation gruppierten Anzahl Sterne innewohnen; und außer Acht lassend, daß unterschiedliche Kulturen rund um den Globus jeweils andere Sterne (zum Teil solche, die in anderen Teilen der Welt gar nicht zu sehen sind) zu jeweils anderen Konstellationen mit jeweils anderen zugeschriebenen Eigenschaften zusammenfaßten; und ignorierend, daß die Menschen des Altertums die Erde, auf der sie lebten, gar nicht als einen der Wandelsterne erkannten, die da fix über den Himmel zischten, sondern sie als den Mittelpunkt betrachteten, um den sich alles dreht; all dies vernachlässigend gibt es einen weiteren Grund, weshalb noch nie, noch nie ein Horoskop gestimmt haben kann: Das Inventar ist einfach nicht vollständig.

Im Altertum schauten die Sternkundler in den Himmel und sahen mit bloßem Auge – zugegeben – sehr viel mehr Sterne als wir. Außerdem sahen sie die Sonne, den Mond, ab und zu einen Kometen, bisweilen Sternschnuppen, ganz selten Supernovae, und sie sahen die fünf Planeten. Auf dieser Grundlage erstellten sie ihre Horoskope oder wie auch immer sie es nannten; sie deuteten die Sterne. Fünf Planeten? Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn.

Und was ist mit Uranus? Was ist mit Neptun? Was ist mit Pluto, ganz gleich ob Planet oder Planetoid? Was ist mit Ceres, mit Sedna, mit Haumea, Quaoar und wie sie alle heißen? Was ist mit den einzelnen Gesteinsbrocken im Astereoidengürtel, was mit den Objekten in der Oortschen Wolke? Ist nicht letztlich jedes Staubkörnchen in den Ringen des Saturn ein Objekt, welches für sich genommen und in Konstellationen mit anderen derartigen Objekten eine Eigenschaft und Bedeutung haben müßte, wie sie auch die damals bekannten Objekte im Universum zugesprochen bekamen? Zwar sind all diese Planeten und Planetoiden, Meteoriten und Asteroiden mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen (außer Uranus, wenn man ganz genau hinschaut und weiß, wo man suchen muß, was die Alten aber nicht wußten), nichtsdestotrotz sind sie da. Sie haben physikalische Eigenschaften, die sie den immer schon bekannten Planeten gleichstellen, also müßten sie auch metaphysikalisch vergleichbare Eigenschaften haben und Einfluß auf die Geschicke der Erdenmenschen nehmen. Doch mehrere tausend Jahre lang wurde dieser Einfluß qua Unkenntnis beiseite gelassen, von dem Einfluß, den die Abermilliarden anderen Galaxien außerhalb unserer Milchstraße haben müßten, gar nicht zu reden. Im Lichte dieser Erkenntnis kann ich nur zu einem Schluß kommen: Noch nie hat ein Horoskop alle Faktoren berücksichtigt, also kann noch nie ein Horoskop gestimmt haben. Sollte mal etwas wie vorhergesehen eingetroffen sein, ist das allenfalls auf den Zufall zurückzuführen.

Doch zurück zum Hufeisen. Es ist das Symbol für das Pferdewesen und den Reitsport, nicht zuletzt bei Lego. Es erhebt sich über dem Reiterhof 6379 ebenso, wie es das Hemd der Paradisa-Pferdewirtin ziert. Hat man ja alles. Und weil dieses Emblem so schön plakativ in Rittertradition auf der Brust der ProtagonistInn*en prangt, hob ich just ein neues Rittergeschlecht aus der Taufe:

Dies müssen die wahren Glücksritter sein. Ach nee, glaube ich ja nicht.


1984. Es war nicht alles schlecht.

4. April 2020

Okay, ich bin in der Midlife-Crisis. Die Kindheit entschwindet, mit ihr der Kindheit unschuldige Spiele. Zunehmend stelle ich fest, daß ich den Gesprächen von Mittzwanzigern nicht mehr folgen kann, und das, obwohl ich, wie sie, kaum fernsehe; aber ein Smartphone habe ich halt auch nicht. Die Chancen, die Frau fürs Leben zu finden, schwinden von Tag zu Tag, mit jedem ausgefallenen Haar. Alter, Krankheit und Tod habe ich sowieso berufsbedingt ständig vor Augen. Unsere Schwesternschülerinnen sind halb so alt wie ich, unsere Kunden doppelt so alt. Mithin: Ich stehe in der Mitte des Lebens, Zeit für die Krise! Andere würden sich jetzt um die Anschaffung eines schnellen roten Autos kümmern, aber ich bin da bescheidener. Ich kaufe Lego. Ach nee, das habe ich ja mein Lebtag getan. Also kaufe ich Schallplatten. Es ist nie zu spät, ein Hipster zu werden. Coronabedingt haben die Friseure geschlossen, also werden die Haare auch länger.

Neulich fiel mir auf, daß das Jahr 1984 entgegen der skeptischen Prognose George Orwells gar nicht so schlecht war. Ich wurde sieben Jahre alt, und der Lego-Katalog desselben Jahres offerierte mir eine Offenbarung. Graue Burgen! Mit Rittern auf Pferden! Und Wagenrädern und Flitzebögen und Speeren in braun! Dergleichen hatte es nie gegeben. Was stimmte, wobei mein „nie“ den durch mich überschaubaren Zeitraum von ..na.. sagen wir: vier bis fünf Jahren umfaßte. Das katastrophale Element dieser Apokalypse stellte der Hinweis dar: „Neuheit. Lieferbar ab April ’84.“ Na toll, Geburtstag im März.

Zum Geburtstag gab es dann halt das burgähnliche Set 1592, das meine Mutter als Sonderposten im örtlichen Vedes-Geschäft erstehen konnte. Ein durchaus trostspendender Ersatz, mit dem ich sehr ausgiebig spielte, und das bis heute zu meinen absoluten Lego-Favoriten zählt. Und die grauen Burgen konnte ich bis Weihnachten im Katalog bewundern. Was ich ebenfalls ausgiebig tat. Zu Weihnachten gab es dann 6073: „Kleine Burg (aufklappbar) mit Wachttürmen, Zugbrücke, Rittern und Pferden“.

Gestern schließlich wandelte mich die Lust an, das Ding nochmal zu bauen. Ich hab’s ja da, im Eigenkarton gelagert auf meinem Kleiderschrank. Im funzeligen Licht der Schreibtischlampe ahnte ich schon die ein oder andere Vergilbung, als ich – musikalisch begleitet von Iron Maiden und Metallica – die kleine Burg baute.

Iron Maiden und Metallica hörte ich natürlich nicht, als ich das Modell am Heiligen Abend 1984 erstmals baute, doch auch da war das Licht funzelig. Unmittelbar feierte ich die Adlerritter, bis heute mein Signé. Nicht unbedingt angetan war ich seinerzeit von der asymmetrischen Gestaltung des Torbogens.

Diese Form ergibt sich scheinbar aus den verwendeten Teilen; die rote Seilwinde ist offenkundig zu groß für die gewählte Tiefe des Torbogens. Trotzdem hätte man die sich daraus ergebende Form ja auf der anderen Seite spiegeln können, indem man die Dimensionen des Formteils durch andere Teile simuliert. Daß dies nicht geschehen ist, muß ich also dem puren Mutwillen des Designers zuschreiben. Überhaupt ist der gesamte Aufbau dieses Gemäuers sehr viel weniger symmetrisch, als es auf den ersten Blick scheint. Zwar sind Tor und Klappnaht mittig angeordnet, zwar erheben sich beidseits ähnliche Türme, doch da endet die Symmetrie.

Der blaue Turm wird gestützt durch einen massiven Holzpfosten, an welchem die kämpfende Garde ein Schwert vorfindet, sollte es gebraucht werden. Unter dem gelben Turm hingegen befindet sich der Kerker.


Durch diese massiv gebaute Kerkertür frißt sich niemand! Ich finde sie in ihrer schlichten Zweckmäßigkeit nach wie vor spitze. Durch den etwas ausladenderen Platzbedarf des Verlieses ergibt sich die Notwendgkeit, den steinernen Pfosten des darüberliegenden Turms mit einer Art Blendzinne zu umgeben.

Wie vom Katalog versprochen und auch hier bereits vorexerziert, läßt sich die Burg aufklappen. Weitere im Programm vorgesehene Burgwandstücke ließen sich auf diese Weise in die Burg integrieren. Im Jahre 1984 waren dies bereits das Mauerstück beim Belagerungsturm 6061 und die Schmiede 6040. In den folgenden Jahren kamen das Gasthaus 6067, das Waffendepot 6041 und die belagerte Mauer 6062 hinzu. Auch das Nachfolgemodell für die hier besprochene Burg 6073, das seinerseits aufklappbare Ritterschloß 6074, konnte in die modulare Gesamtstruktur eingepaßt werden, auf zwiefache Weise sogar. Dies nur, um mal zu verdeutlichen, weshalb die auf mehrere Jahre angelegte modulare Systemstrategie vergangener Lego-Epochen, namentlich 1984 bis 1992, nicht nur dank nostalgischer Verklärtheit, sondern auch objektiv besser war als die lieblos hingerotzten Friß-oder-stirb-Serien, mit denen Lego das Rittersegment in den letzten Jahren punktuell bediente.

Dessen ungeachtet ist die „Kleine Burg“ 6073 für sich genommen nicht besonders spektakulär. Sie stellt den Rittern und Knappen keinerlei Wohnunterkünfte zur Verfügung, vielmehr handelt es sich um eine rein militärische Festungsanlage. So lange nämlich, bis die oben erwähnten modularen Komponenten hinzugefügt werden und aus der Burg eine Stadt wird. Dennoch scheint es sich um eine Ganerbenburg zu handeln, erkennbar an den beiden farblich unterschiedlichen Wappen derselben Familie. Jeder Erbe bewohnt seinen Turm, das wird im Winter ganz schön zugig.

Die oben gezeigten Schallplatten wollte ich jetzt hier nicht rezensieren, also mache ich’s auch nicht. „The Top“ ist ganz gut, „Powerslave“ und „Ride The Lightning“ sind phantastisch, „Hyaena“ ist sehr gut. Das Reunion-Album von Deep Purple geht so. Die unverbrauchte Spontaneität von „In Rock“, „Fireball“ und „Machinehead“ wird erwartungsgemäß nicht wieder erreicht. Außerdem hat Ian Gillans Stimme nach seinem Black-Sabbath-Intermezzo („Born Again“) ganz schön gelitten.