CD-Regal revisited: Metallica. (Vol. 1)

1. September 2017

Ich bin aufgewachsen in den 80er und 90er Jahren. (Des 20sten Jahrhunderst, falls man dies hier auch noch Jahrhunderte später lesen kann.) Das war die Zeit, als die „Superhits der 80er und 90er“ noch gleichzeitig „das Beste von heute“ waren. Davon bekam ich allerdings zunächst nur wenig mit, denn wenn meine Eltern mal das Radio einschalteten, dann vor allem für informative Wortbeiträge, und im Plattenschrank konnte ich wählen zwischen Bach und Händel, Mozart und Beethoven nebst etwas Smetana und Tschaikowski. Die einzige Popmusik der Gegenwart, zu der ich regelmäßig Zugang hatte, befand sich auf einer Kassette, die werkseits dem Walkman (von Sony!) beilag, den ich gegen Ende der 80er zu Weihnachten bekam. Darauf befanden sich – wie ich erst später nach und nach rekonstruierte – Teile des Soundtracks von „Dirty Dancing“ und von Michael Jacksons Alben „Thriller“ und „Bad“ nebst einigen Einzelstücken. Alles in allem keine schlechte Musik, die ich rauf und runter hörte.

Auf dem Gymnasium kristallisierte sich irgendwann heraus, daß in meiner Klasse Heavy Metal die bevorzugte Musikrichtung war, und während in der Parallelklasse, deren Raum ich bisweilen zwecks konfessionell gesonderten Religionsunterrichts betrat, Poster von Jon Bon Jovi und Van Halen die Wand zierten, zogen meine Klassenkameraden und -kameradinnen Megadeth und Metallica vor, Danzig und Machine Head. Derlei Musik dominierte die Lautsprecher des Busses, wenn wir auf Klassenfahrten fuhren, was den Klassenlehrer zu der Frage nötigte, ob es sich hierbei um eine Direktübertragung aus dem Dieselmotor handele? Huahua. Aus gutem Grund war Metallica hier der allgemeine Favorit, und meine Kameraden kannten Details der Bandgeschichte, die sie sich, wir mir im Nachhinein gewahr wurde, selbst erst später erschlossen haben konnten, denn daß sie zu Grundschulzeiten bereits die „Rock Hard“ lasen oder sich regelmäßig bei „Idiots Records“ in Dortmund umtaten, bezweifle ich. Jedenfalls, Metallica.

Metallica ist die größte und einflußreichste Metal-Band unserer Zeit. Wer dagegen argumentieren will, muß schon mächtig was vorzubringen haben, denn Metallica bringen alles mit, um Legendenstatus zu rechtfertigen. Neben Talent (dazu später mehr) und der Chuzpe, ihrer Band schon vor dem ersten Plattenvertrag einen Namen mit Alleinvertretungsanspruch zu verpassen, können sie einen amtlichen Gründungsmythos vorweisen, der gleichzeitig die Theogenese einer weiteren gefeierten Metal-Band darstellt. Und die Geschichte der Band ist nicht arm an Dramen, Tragödien, Wiederauferstehungen und Rekorden.

Der Gründungsmythos

Im Jahre 1981 gab ein verhinderter Tennisprofi namens Lars Ulrich, den es aus Dänemark nach Los Angeles verschlagen hatte, eine Zeitungsanzeige auf, in der er, Drummer, Mitmusikanten zwecks Gründung einer Metal-Band suchte. Denn Lars war zunehmend so angewidert von dem, was sich zu jener Zeit Metal schimpfte, all diese posenden Hairspray-Bands, die das Erbe von Black Sabbath, Motörhead, Iron Maiden und Judas Priest schändeten, daß er beschloß, einfach selbst die Musik zu machen, die er gern hören würde. Auf seine Anzeige hin meldete sich ein gewisser James Hetfield, der ähnlich empfand und selbst solch eine Anzeige aufgegeben hatte, dummerweise aber zunächst einmal Lars‘ Talent am Schlagzeug in Zweifel und mit seiner Gitarre wieder abzog. Aber das konnte Lars mit seinen zarten 18 Jahren nicht aufhalten. Er meldete bei einem Freund, der einen Sampler mit Aufnahmen örtlicher Metal-Bands pressen wollte, einen eigenen Beitrag an, bekam die Zusage, und mit diesem Pfund wuchernd wandte er sich erneut an Hetfield, der sich nun nicht mehr verweigerte. Die Band wurde komplettiert durch den Bassisten Ron McGovney, einen Bekannten Hetfields, und Lloyd Grant, der sich auf eine weitere Zeitungsanzeige, das Social Medium der damaligen Zeit, gemeldet hatte. Die erste Eigenkomposition „Hit the Lights“ kam auf den erwähnten Sampler, und Lloyd Grant wurde durch einen gewissen Dave Mustaine ersetzt, der schließlich Mitglied von Metallica wurde. Die Band spielte erste Konzerte und nahm zwei Demo-Tapes auf, die sich lauffeuerartig verbreiteten. So erspielte sich die junge Combo bereits eine solide Fanbase, ehe sie das erste Album aufgenommen hatte. Offenbar waren Lars und James nicht die einzigen, die neuen, echten Heavy Metal hören wollten.
Ron McGovney verließ dessen ungeachtet die Band, und Metallica mußte sich erstmals auf die Suche nach einem neuen Bassisten begeben. Der Kandidat, der James‘ und Lars‘ Ansprüchen genügte, hieß Cliff Burton und wohnte in San Francisco, wo er auch bleiben wollte. Man zuckte die Schultern und zog von LA nach SanFran, vermutlich zum Bedauern der losangelikalen Metal-Freunde.
Unterdessen verschafften die ruhmreichen Demo-Tapes den Jungs eine Auftrittsmöglichkeit in New York. Auf dieser Reise trennte man sich von Dave Mustaine, da dieser es mit dem Drogenkonsum allzu stark übertrieb, wiewohl die anderen Bandmitglieder einem gepflegten Besäufnis mit edlem Dosenbier ihrerseits nicht abgeneigt waren, aber zuviel ist zuviel; Syd Barrett könnte ein Lied davon singen. Dave Mustaine gründete daraufhin aus purem Trotz die Band Megadeth, um es seinen alten Band-Kollegen zu zeigen. Megadeth, sozusagen die Stiefschwesterband von Metallica, wurde unter Metal-Anhängern fast ebenso beliebt wie Metallica selbst, und genau das wurde Daves Nemesis: Jahrzehntelang bemühte er sich vergeblich, an die Erfolge heranzukommen, die Metallica nach und nach erringen konnten, und der mit diesem Gefühl der Zweitrangigkeit einhergehende Drogenkonsum hätte Dave beinahe umgebracht, ungeachtet der zahllosen Erfolge, die er mit seiner Band über die Jahre erzielte.
Metallica ersetzte Dave Mustain durch den Leadgitarristen Kirk Hammett, dessen Name spartakulöser und härter klingt, als das schmächtige Kerlchen auf der Bühne wirkt, vor allem im Vergleich mit James Hetfield, dem Hünen am Mikro. Aber das Line-up stand, und man war bereit für den ersten Longplayer.

Kill ’em All

1983 also wurde das erste Album aufgenommen, welches nach dem Willen der Band eigentlich „Metal up your Ass“ heißen und auf dem Cover einen aus der Kloschüssel ragenden Dolch zeigen sollte. Aber das lehnte der Plattenvertrieb ab, weil: Amerikaner und Profanity und so; God forbid! Cliff Burton soll der Legende nach geantwütet haben: „Let’s kill ’em all!“ Und das war als Titel dann okay, weil: Amerikaner und Waffengewalt und so; Null Problemo.
Die Platte wird eröffnet mit Metallicas erstem Lied „Hit the Lights“, einer Absichtserklärung, einem Manifest dessen, was die Band mit ihrer Musik ausdrücken möchte. Ob die übrigen neun Lieder des Albums auch in der Reihenfolge ihrer Entstehung angeordnet sind, weiß ich nicht, ist aber unwahrscheinlich. Denn beim zweiten, vierten, sechsten und letzten Lied ist noch Dave Mustaine als Mitkomponist angegeben.
Metallica war angetreten, um frischen Heavy Metal auf die Bühne zu bringen, und was wäre frischer, als ein komplett neues Subgenre? „Thrash Metal“ wurde dieses Subgenre später genannt, weil da die Gitarrensaiten gedroschen werden, daß es eine Art hat, und Metallica gehörte neben Slayer, Anthrax, Dave Mustains neuer Band Megadeth und Kirk Hammets alter Band Exodus zu den ersten, die diesen neuen Stil pflegten, einen Stil, der sich auszeichnet durch harte aber präzise Riffs und hohe Geschwindigkeit nebst wütenden, aggressiven Texten.
Das vermutlich bekannteste Lied des Albums, „Seek & Destroy“ wird heute noch regelmäßig auf Metallica-Konzerten gespielt, doch als Hörbeispiel sei gegeben „Whiplash“, weil dies als Paradebeispiel für Thrash-Metal gilt:

Im Bass-Solo „(Anesthesia) Pulling Teeth“ durfte Cliff Burton zeigen, was er konnte. Der Song ist der Beginn einer immerhin vier Alben lang durchgehaltenen Tradition, mindestens ein Instrumentalstück auf der Platte zu haben. Die zehn Eigenkompositionen der Band wurden in späteren Pressungen des Albums ergänzt durch die Cover-Songs „Am I Evil“ von Diamond Head und „Blitzkrieg“ von Blitzkrieg. Bevor Metallica einen umfangreichen eigenen Katalog mit Songs hatte, spielten die Jungs, wie vermutlich jede junge Band, auf ihren Konzerten vor allem Songs aus fremder Feder, ohne sich dessen zu schämen; weshalb sollten sie auch?

Ride the Lightning

Noch während der Tour zum Debutalbum arbeitete die Band bereits an neuen Songs, wiederum Ideen von Dave Mustain einbeziehend, dessen Name bei zwei Liedern angegeben ist. Unter widrigen finanziellen Bedingungen nahm Metallica schließlich im Februar 1984 „Ride the Lighning“ auf – in Dänemark bei Nacht, weil anders die Studiokosten nicht zu stemmen waren. Metallica waren zwar bereits in der Metal-Szene respektierte Newcomer, das erste Album verkaufte sich gut, aber reich waren die Jungs noch lange nicht. Überdies ist Alkohol ja in Dänemark besonders teuer, also blieb auch kein Geld für ein Hotel. Darum war es nur vernünftig, die Nächte im Studio zu verbringen.
Als das neue Album Ende Juli 1984 veröffentlicht wurde, wandten sich bereits die ersten Fans enttäuscht ab. Denn das war kein reines Thrash-Album mehr, warum auch immer derlei Genre-Zuschreibungen für irgendwen irgendeine Rolle spielen sollten. Aber Hetfield, Ulrich, Hammett und vor allem Burton waren musikalisch zu talentiert und auch zu ambitioniert, um für längere Zeit auf einem musikalischen Status Quo zu verharren. Das Tempo wurde gedrosselt, und die Songs sind melodischer und komplexer, weisen progressivere Elemente auf jenseits von reinem Riff-Gedresche. Auch die Texte entfernen sich von den Metal-Themen „böse“ und „Satan“. In der ..äh.. Literatur habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, aber meiner unmaßgeblichen Meinung nach ist es nicht allzu weit hergeholt, „Ride the Lightning“ als Konzeptalbum zu bezeichnen. Wie ein schwarzer Faden zieht sich das Thema „Tod“ durch alle Lieder. Wenn es nicht ausdrücklich um verschiedene Todesarten geht (elektrischer Stuhl, ertrinken unter Eis, hingeschlachtet durch den Engel des Todes), handeln die Lieder von Vergänglichkeit und der Angst oder dem Wunsch, diese Welt zu verlassen. Und in seinem Haus in R’lyeh wartet träumend der tote Cthulhu, den Metallica aus irgendeinem Grunde „Ktulu“ schreibt und instrumental ans Ende setzt.
Für den Höreindruck entschied ich mich jedoch für „For Whom the Bell Tolls“, und sei es nur des „whom“ halber. Der Titel ist eine Referenz auf Ernest Hemingways gleichnamigen Roman, der den Spanischen Bürgerkrieg behandelt.

Während also 1984 in Dänemark dieses wegweisende Metal-Album produziert wurde, war ich sieben Jahre alt und legte mein Augenmerk auf ein anderes dänisches Produkt. Der 1984er Lego-Katalog pries neue Burg-Modelle an, und ich war hin und weg. Aber das nur am Rande.

Master of Puppets

Von den Querulanten, die nach „Kill ’em All“ den Glauben an Metallica verloren hatten, abgesehen, sind sich alle einig, daß das 1986er Album „Master of Puppets“ ein Meisterwerk ist, ein zeitloser Klassiker, ein düster leuchtender Stern am Metal-Himmel. Metallica verleugnen hier keineswegs ihre Herkunft als Thrash-Band, schnelle Riffs haben ihren Platz; aber ebenso bedeutsam sind die elegischen und melodiösen Passagen. Grundthema des Albums sind Menschen, die nicht Herr ihrer selbst sind, die in der ein oder anderen Weise an den Schnüren des Marionettenspielers hängen. Dieser Puppenspieler kann auftreten in Form eines Gottes, eines befehlsgewaltigen Kriegsherrn, als dein eigenes wahnsinniges Über-Ich, als Abhängigkeit von Drogen oder als manipulativer Sektenführer. Auflehnung tut not! Das Stück „The Thing That Should Not Be“ greift H. P. Lovecrafts Cthulhu-Kult wieder auf, der schon im Instrumental des Vorgängeralbums anklang. Die bedrohlich schleppenden Riffs dieses Songs wirken beinahe Doom-Metal-artig. Insgesamt ist die musikalische Darbietung noch ausgereifter und vielfältiger als auf den vorherigen Scheiben, die Songstrukturen sind noch komplizierter, man könnte sagen: Noch progressiver.
Als Hörbeispiel wähle ich „Welcome Home (Sanitarium)“:

Spätestens mit diesem Album war Metallica angekommen, hatte einen neuen Gipfel des künstlerischen Schaffens erklommen und machte keine Anstalten, sich dort auszuruhen. Der Durchbruch war geschafft. Man ging mit Ozzy Osbourne auf Tour. Es hätte also alles gut sein können. Aber der Puppenspieler hatte etwas dagegen.

Die Tragödie

Am 27sten September 1986 starb Cliff Burton, als frühmorgens der Tourbus auf dem Weg von Stockholm nach Kopenhagen von der Straße abkam und umstürzte. 24 Jahre war er alt. Die übrigen Businsassen blieben weitgehend unverletzt, und Kirk Hammett hatte exakt das Glück, das Cliff fehlte, als er aus dem Bus geschleudert und von diesem begraben wurde. Denn die beiden hatten am Abend zuvor erst um die Schlafkojenplätze gepokert, und Cliff hatte gewonnen, so daß sie die Plätze tauschten. Diese Tragödie für Cliff und seine Familie hätte leicht das Ende der Band sein können. Wie gehen junge Männer von Anfang 20, die auf der Bühne die harten Rocker geben, mit so einem Verlust um, mit dem Tod eines Freundes, der beinahe ein Bruder ist? Keiner der Jungs war in idealen Familienverhältnissen aufgewachsen, James Hetfield hatte bereits früh den Tod der Mutter verkraften müssen. Die Band war ihr Leben nicht nur, weil sie ihnen Erfolg bescherte, sondern weil sie gewissermaßen die Familie ersetzte. Das Familienmitglied, welches nun fehlte, war menschlich sowieso und musikalisch nahezu unersetzbar. Aber gerade weil Metallica für Ulrich, Hetfield und Hammett wie eine Familie war, konnten sie das Projekt nicht aufgeben, es mußte weitergehen, ein neuer Bassist mußte her, half ja nichts. Und in der Zwischenzeit half ihnen der Alkohol über die Runden.

Also wurde die Stelle des Bassisten ausgeschrieben und ein Vorspieltermin anberaumt. Metallica war zu diesem Zeitpunkt die allseits anerkannt beste Metal-Band der Gegenwart, daher war die Liste der Interessenten nicht kurz. Aber die meisten Kandidaten waren chancenlos, entweder, weil sie halt nicht gut genug den Baß zupfen konnten, oder weil sie die geforderten Lieder nicht draufhatten, oder weil sie James und Lars einfach so nicht gefielen. Die Meßlatte war: Cliff Burton, und wer sollte da schon herankommen können? Jason Newsted war als Fan von Metallica zum Vorspielen angereist und hatte alle Lieder eingeübt und abrufbereit. Also alle Lieder, die Metallica bis dahin veröffentlicht hatten, nicht bloß die Handvoll fürs Vorspielen geforderten Songs. Er bekam den Job und mußte natürlich sofort ran, denn die Show ging ja weiter. Die erste Studioaufnahme mit Jason war dann 1987 eine EP mit Coversongs, „Garage Days Re-Revisited“, welche ich nicht besitze. Diese Lieder wurden aber später auf dem Cover-Album „Garage Inc.“ wiederveröffentlicht, dazu also zu gegebener Zeit mehr.

… And Justice for All

1988 erschien denn „…And Justice For All“, das erste Album mit Jason Newsted als neuem Bassisten, und direkt beim ersten Song, „Blackened“, ist er in den Writing Credits aufgeführt. Tja. Und damit mußte Jason sich auch erstmal zufriedengeben, denn zu behaupten, die Baßspur sei auf dem Album prominent in Szene gesetzt, wäre grob gelogen. Ohne Cliff Burton schienen die Bosse (Hetfield und Ulrich) dem Baß nur geringen Wert beizumessen. Oder der „Neue“ hatte noch nicht das Selbstbewußtsein, sich in den Vordergrund zu spielen. Dessen ungeachtet sind die neun Lieder der Platte musikalisch sehr komplex und progressiv. Nach meinem Empfinden weniger melodiös als auf dem Vorgängeralbum, werden sie getragen von Rhythmuswechseln und aggressiven Riffs. Das Hauptthema des Albums klingt im Titel schon an: „And justice for all“ sind die Schlußworte des amerikanischen Treueschwurs, den alle Kinder dortselbst täglich mit tränenden Augen und Hand auf dem Herzen vor Schulbeginn vorzutragen haben, wie es in faschistischen Staaten… Ach nee. Metallica stellen dieses Versprechen in Frage und beschäftigen sich mit der Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen und der amerikanischen Gesellschaft im Besonderen.
Besonderes Augen- und Ohrenmerk gebührt zwei Liedern: „One“ ist inspiriert vom Anti-Kriegs-Roman „Johnny Got His Gun“ von Dalton Trumbo aus dem Jahre 1939 bzw. von der filmischen Umsetzung dieses Romans (1971). Geschildert wird das Schicksal eines Soldaten im ersten Weltkrieg, der durch eine Granatexplosion nahezu alle Sinne und Extremitäten verliert und somit ohne direkte Kommunikationsmöglichkeit in seinem Körper gefangen ist, was ihn zunehmend verzweifelter werden läßt. Das Lied beginnt als Metal-Ballade und endet in hartem Speed-Metal-Stakkato, welches an Maschinengewehrfeuer gemahnt. Metallica, die bis zu diesem Zeitpunkt schon Millionen Alben verkauft hatten, ohne daß ihre Lieder im Radio gespielt worden wären und gleich gar, ohne ein Musikvideo gedreht zu haben, entschlossen sich dazu, die Rechte am vorgenannten Film zu erwerben, um Szenen daraus in einem Video verarbeiten zu können. Dieses Video lief erfolgreich bei MTV, was Metallica einem breiterem Publikum bekanntgemacht haben dürfte. Für „One“ erhielt die Band 1990 einen Grammy.
Das vorletzte Lied des Albums, „To Live Is To Die“, wurde zum Teil aus Riffs zusammengesetzt, die Cliff Burton hinterlassen hatte. Es ist im wesentlichen ein Instrumentalstück, jedoch wird gegen Ende von James Hetfield ein kurzes Gedicht Cliffs vorgetragen. Analog zu Cliff Burtons Leben endet das Lied abrupt und geht in das letzte Lied „Dyers Eve“ über.
Als Höreindruck sei jedoch weder das eine noch das andere gegeben, sondern überraschenderweise „Eye Of The Beholder“, welches die Meinungsfreiheit als bedrohtes Verfassungsrecht in den Fokus rückt:

Da, wie eingangs beschrieben, Jason Newsteds Baßspiel auf diesem Album wenig zur Geltung kommt, kursieren im Netz, i.e: auf Youtube verschiedene Remixe der Platte unter dem Motto „… And Justice for Jason“, die versuchen, die Baßtöne hervorzuheben. Dessen ungeachtet wurde dieses Album in der Form, in der es veröffentlicht wurde, so erfolgreich verkauft, wie keine Metallica-Platte zuvor.

Metallica – „Das schwarze Album“

Mit „…And Justice for All“ sahen sich Metallica in einer Sackgasse: Zum einen waren die Songs inzwischen so kompliziert und lang geworden, daß in dieser Richtung kaum noch eine Steigerung möglich schien. Zum andern war auch die klangliche Qualität der bisherigen Alben nicht zur allgemeinen Zufriedenheit, sondern wurde als zu trocken und steril empfunden. Beides sollte sich ändern, deshalb sah sich die Band 1990 nach einem neuen Produzenten um, den sie in Bob Rock fand, der bereits Alben von Bon Jovi und Mötley Crüe produziert hatte. Rock verordnete den Jungs eine neue Arbeitsweise im Studio, insofern sie die Lieder nicht mehr Instrument für Instrument aufnahmen, sondern als Ensemble die Songs mehrfach spielten. Außerdem führte er auch neue Aufnahmetechniken ein, welche den Klang insgesamt satter machten. Die Baßspur ist auch drauf. Wie geplant wurden die Songs selbst kürzer und prägnanter, nicht mehr um eine Aneinanderreihung mehrerer Riffs komponiert, sondern eher einem Hauptmotiv folgend. „Holier Than Thou“, „Don’t Tread on Me“ und „The Struggle Within“ sind mit unter vier Minuten so kurz, wie kein Metallica-Song seit dem Debüt-Album, wo „Motorbreath“ mit 3:07 min. den Kürzerekord hält. Kein Lied auf dem schwarzen Album erreicht die 7-Minuten-Marke, und es gibt kein Instrumentalstück.
Während die Vorgängeralben jeweils unter einem Thema standen, das sich in allen Liedern der Platte wiederfand und zum Teil recht politisch war, beschäftigen sich die Lieder des schwarzen Albums eher mit persönlich Befindlichkeiten, ohne einem Gesamtthema unterworfen zu sein. Konsequenterweise gibt es daher kein Titellied und eben auch keinen Album-Titel, sondern die 12 Songs repräsentieren „Metallica“. Allenfalls ist ein Albumtitel bildlich durch die kaum vom schwarzen Hintergrund des Covers abgehobene Klapperschlange dargestellt, zu welcher dann „Don’t Tread on Me“ als Titelstück gehört. Beides, Schlange und Spruch, fanden sich auf einer revolutionären Flagge („Gadsden flag“) in der Frühzeit der Vereinigten Staaten während des Unabhängigkeitskampfes mit Großbritannien.
Von den zwölf Liedern des Albums wähle ich ausgerechnet das längste, „My Friend of Misery“, als Anspieltipp:

Mit dem schwarzen Album gelang Metallica 1991 sozusagen der Schritt in die Öffentlichkeit. Fünf Singles wurden ausgekoppelt, zu jedem ein Video veröffentlicht, und einige der Songs liefen tatsächlich im Radio. Da die Band somit aus dem Untergrund auftauchte, in dem sich die Metal-Community gerne wähnt, wurde ihr von vielen Headbangern und Kuttenträgern Kommerzialisierung und Verrat vorgeworfen. Und Thrash-Metal ist das ja auch kaum noch! Und tatsächlich: Typen wie ich, der ich mit der Metal-Kultur als solcher nichts am Hut habe, fanden durch dieses Album Zugang zur Musik von Metallica und Metal insgesamt. Wiewohl ich, wie eingangs beschrieben, schon recht früh über die Buslautsprecher bei Klassenfahrten mit derlei Musik beschallt wurde, bedurfte es schließlich doch des schwarzen Albums, um mich gänzlich zu überzeugen. Natürlich war es ausgerechnet das unmetallischste Lied „Nothing Else Matters“ (mit Streichereinsatz!), welches ich als Video in der nachmittäglichen WDR-Sendung „Hit Clip“ mit Thomas Germann sah, das mich zum Kauf des Albums bewog. Es war eine meiner ersten CDs überhaupt, nach „Nevermind“ und „Automatic for the People“. Die „Master of Puppets“ folgte alsbald, aber die Alben „Ride the Lightning“ und „…And Justice for All“ kaufte ich erst Jahre später, „Kill ’em All“ sogar erst verhältnismäßig kürzlich.
Für Metallica ist „Metallica“ der größte kommerzielle Erfolg, das Album verkaufte sich fast 16 Millionen mal allein in den USA, erreichte die vordersten Chart-Plätze in allen relevanten Ländern. Die Kritiker haben also recht. Was erlaube Metallica! Wenn das darf!

Zwischenfazit.

Zu diesem Zeitpunkt, Anfang der 90er Jahre, war Metallica endgültig die größte Rock-Band der Welt, und das nicht nur gemessen an den Plattenverkäufen und abgesetzten Konzerttickets. Viele nachfolgende Bands geben Metallica als Vorbild an, der musikalische Einfluß ist also immens. Trotzdem, oder vielleicht auch genau deswegen, sah sich Metallica fast von Beginn an Kritik ausgesetzt. Wie beschrieben war einigen bereits das zweite Album nicht mehr thrashig genug. Für andere/dieselben begann der Abstieg Metallicas, als sie Dave Mustaine rauswarfen, und sie werfen der Band vor, Daves Musik „gestohlen“ zu haben, da sie noch Input von ihm auf ihren ersten beiden Alben verwendeten. Selbstverständlich sei Dave auch ein besserer Gitarrist als sein Nachfolger Kirk Hammett. Für andere ist alles, was nach Cliff Burton kam, verzichtbar. Einige akzeptieren noch „…And Justice for All“ als soliden Thrash-Metal, aber mit dem schwarzen Album sei Metallica im Grunde eine Pop-Band ohne Metal-Seele geworden. Mir ist das alles egal.
In Vorbereitung auf diesen Artikel (und zwischendurch) habe ich stundenlang Dokumentationen über und Interviews mit Metallica auf Youtube gesehen, gepriesen sei dieses unschätzbare Kulturarchiv! Jedenfalls wurde mir eines deutlich: Als Lars und James Metallica gründeten, taten sie dies nicht, weil sie Rockstars werden wollten, wiewohl sie sich dagegen natürlich nicht wehrten. Vielmehr gründeten sie die Band, um die Musik zu machen, von der sie fühlten, daß sie in ihnen war. Darum genügte es ihnen nicht, schlicht in einer Garage zu jammen und die Songs ihrer Vorbilder zu spielen, wie 1000 andere junge Combos, die nie über das Stadium einer Schülerband hinauskommen und der Musik höchstens als Hobby frönen. Als Metallica ins Studio ging, um ihr erstes Album aufzunehmen, hatten sie neun konzerterprobte, selbstgeschriebene Songs im Gepäck, Cliff steuerte sein Bass-Solo bei, und fertig war das Album. Schon während der Tour zum ersten Album schrieben sie Songs fürs nächste. Die Musik ist es, was Metallica antreibt. Wenn etwas zwischen sie und die Musik kommt, dann scheuen sie auch nicht vor einem radikalen Schnitt zurück, wie Dave Mustain brutal erfahren mußte. Und wie sie auszogen, Heavy Metal zu erneuern, den sie liebten, hielten sie sich auffällig fern von den meisten gängigen Klischees, von Totenköpfen, Ketten, Schwertern und Dämonen, und sie verordneten sich kein Bühnenoutfit in Leder und Nieten. Und während andere Bands sehr darum bemüht sind, Bühnencharaktere zu schaffen und ein spezifisches Image von sich selbst zu kultivieren, hatte Metallica das nie nötig. Klar, eine headbangfähige Haartracht war Pflicht, und Alkoholexzesse blieben nicht aus. Aber bei Presseterminen und in Interviews gaben sich James, Lars und Kirk (und der jeweilige Bassist) erfrischend freundlich, offen, wenn auch bisweilen etwas linkisch und zurückhaltend, keineswegs schnodderig arrogant, wie man es von Rockstars in Kostümierung und Sonnenbrille oft zu sehen bekommt, ohne Attitüden. Als Dampfventil für ihre Aggressionen dienten die Bühnenperformance und die Musik, kein Grund also, außerhalb der Show noch den Rambo zu geben. Und schon früh hatten die Jungs das Selbstbewußtsein, dem eigenen Anspruch an ihre Musik absoluten Vorrang zu geben gegenüber den Erwartungen der Fans; wer sich nicht mit der Band gemeinsam weiterentwickeln wollte, hatte, sorry, Pech gehabt.

Mit dem schwarzen Album im Repertoire ging Metallica ausschweifend auf Tour. Bis zur nächsten Albumveröffentlichung sollte es fünf Jahre dauern.

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Journalismus ist überbewertet.

23. August 2017

(Da ich gerade an einem längeren Beitrag schreibe, dessen Fertigstellung ausreichend lange Zeit in Anspruch nimmt, um ihn zwischendurch als Entwurf abzuspeichern, bin ich über einen anderen Entwurf gestolpert, den ich offenbar am 28. März 2015 unveröffentlicht im Zettelkasten hinterlassen habe. Was damals die Richtung dieses Artikels werden sollte, und welches mein Fazit geworden wäre, kann ich nicht mehr sagen; vermutlich wollte ich auf die Diskrepanz zwischen hehrem moralischem Anspruch und der schnöden Alltagswirklichkeit hinaus, also Pillepalle. Angesichts der Entwicklung in der Türkei und in Rußland wäre ich auch fast geneigt, den provokanten Titel zurückzunehmen, denn naTÜRlich ist ein unabhängiger Journalismus wichtig und notwendig für das Funktionieren einer Demokratie. Ich lasse das dennoch so stehen, weil das halt der Text ist, wie ich ihn ursprünglich verfaßt habe, bis mir die Luft ausging.)

Bei BILDblog steht’s, und ich mußte jedem einzelnen Aspekt des Artikels zustimmen:
http://www.bildblog.de/63749/andreas-l/

Die Medien, die Presse, die Journalisten – sie verstehen sich als „die vierte Gewalt“. In einem modernen demokratischen Rechtsstaat, in einer Republik, ist die Staatsgewalt geteilt. War sie in einer absolutistischen Monarchie noch in der Person des Monarchen vereint, so gliedert sie sich nun in Legislative (Gesetzgebung = Parlament), Exekutive (ausführende Gewalt = Regierung) und Judikative (Rechtsprechung = Gerichte). Prinzipiell sind die Gewalten voneinander unabhängig, wiewohl dies in Deutschland auch nicht so ganz stimmt, aber das ist eine andere Geschichte (Stichwort: Gewalten-Verschränkung). Die vierte Gewalt im Staate ist in diesem Sinne nicht Teil des Staatsapparats, sondern sie ist das Kontrollorgan, die kritische Öffentlichkeit, Sprachrohr des Volkes, das den handelnden Politikern, Juristen und Mitgliedern der Exekutive auf die Finger schaut. Und so soll es auch sein, denn dafür steht die Pressefreiheit, die im deutschen Grundgesetz im fünften Artikel manifestiert ist. So weit, so gut.

Freilich ist „die vierte Gewalt“ nicht offiziell, sondern entspringt dem Selbstbewußtsein des Journalistenstandes, befeuert durch die Erfahrung faktischer Macht. Was in der Zeitung steht, hat Auswirkungen. Was einmal gesendet wurde, ist nicht mehr zurückzunehmen. Journalisten recherchieren Mißstände, decken Skandale auf, greifen durch ihre Texte und Bilder unmittelbar ein in die Willensbildung des Volkes. Sie generieren den Druck der Öffentlichkeit, der die handelnden Politiker in ihren Entscheidungen bestärkt oder zögern macht, der einzelne Karrieren fördern oder beenden kann. Eine große Verantwortung, fürwahr. Ethisches Handeln und sicheres Urteilsvermögen müßten für einen Journalisten Grundvoraussetzung sein. Dessen war sich der Deutsche Presserat bewußt und hat darum 1973 den Pressekodex beschlossen. Sehr verkürzt zusammengefaßt steht darin, daß die medial verbreiteten Informationen gut recherchiert sein und stimmen müssen, und daß in Anlehnung an das Grundgesetz die Würde des Menschen, also das Persönlichkeitsrecht gewahrt sein muß. Und noch so einiges andere, was auch wichtig ist. So weit, so gut.

Freilich ist der Pressekodex nur so semiverbindlich, insofern er lediglich eine freiwillige Selbstkontrolle darstellt. Verfehlungen werden bei Kenntnisnahme gerügt, sicher, aber was hilft es? Eine einmal verbreitete Fehlinformation ist in der Welt, und von einem einmal zu Unrecht falsch gezeichneten Bild eines Menschen bleibt immer etwas hängen. Und überdies ist „Journalist“ auch weder eine geschützte Berufsbezeichnung, noch ist es ein Ausbildungsberuf; das Vorhandensein von Journalistenschulen (prominent die Henri-Nannen-Schule) und Journalismus-Studiengängen, zu denen berüchtigterweise nur die profiliertesten Einserabiturienten überhaupt zugelassen werden, könnte da einer falschen Vorstellung Vorschub leisten. Journalist nennen kann sich prinzipiell jeder, der in irgendeiner Form irgendwas publiziert, also auch der Schreiberling eines unbedeutenden Einpersonenblogs. Dem Wortsinne nach ist ein Journalist jemand, der Journale füllt, ganz gleich, mit welchem Inhalt und ungeachtet seiner Geisteshaltung. Zu Bismarcks Zeiten waren Journale noch ausschließlich gedruckte Zeitungen, doch sinnvollerweise umfaßt das Betätigungsfeld des Journalisten heutzutage natürlich jegliches Verbreitungsmedium, von den klassischen Druck-Erzeugnissen Zeitung, Zeitschrift, Magazin über die inzwischen fast schon klassischen Sendungen in Hörfunk und Fernsehen, hin zu den mittlerweile auch schon nicht mehr sooo neuen Medien im Internet, momentan gipfelnd in Facebook und Twitter. Und daß Journale „täglich“ erscheinen, ist auch nur Ausdruck einer Periodizität, die als Pars-pro-toto zu verstehen ist.

Jedenfalls. In den Kommentarspalten des medienkritischen Blogs Stefan Niggemeiers, einem der Gründer des BILDblogs, sammeln sich Menschen, die einem Journalismus hinterhertrauern, der nach ethischen Maßstäben im Sinne des Pressekodex‘ handelt. (Und sicher sammeln sich solche Idealisten noch an ganz vielen anderen Stellen, aber als Fachfremder habe ich halt nicht die ganze Landschaft im Blick.) Da wird dann angesichts der geistig-moralischen Verfehlungen des Standes bloß noch von „Journalismus in Anführungszeichen“ gesprochen. Klar, auch ich würde mir wünschen, daß Journalisten sich nicht nur für die staatstragende vierte Gewalt halten, sondern daß sie auch die fachliche Qualifikation und moralische Integrität mitbrächten, die einen solchen Anspruch rechtfertigten. Allein, bei mir verfestigt sich die Meinung, daß Journalisten halt doch in erster Linie Journale füllen, mit egal was. Und ich frage mich: War es je anders?

Schon die holzschnittlastigen Flugblätter der frühen Neuzeit bedienten nicht ausschließlich das Informationsbedürfnis des damaligen Publikums, sondern auch die Sensationsgier desselben, gemäß dem Horaz-Wort „Aut prodesse volunt aut delectare poetae, aut simul et iucunda et idonea dicere vitae“: „Die Dichter wollen entweder nützen oder erfreuen oder zugleich Erfreuliches und für das Leben Nützliches sagen.“ Warum denn auch nicht; wer eine Information an den Mann (die Frau) bringen will, muß sie in ein attraktives Gewand kleiden (die Information, nicht die Frau). Spätestens in der Reformationszeit verfolgten Flugblätter nicht mehr primär den Zweck einer Informationsvermittlung, sondern vor allem die Verbreitung einer politischen Agenda.
Ob man Bänkelsänger in welchem Sinne auch immer als Journalisten bezeichnen sollte, wäre zu diskutieren, doch unstrittig verbreiteten sie Informationen übers Land. Auch sie kaprizierten sich auf die schauerlichen, sensationsheischenden Geschehnisse ihrer Tage.
Und es steht das Wort „Journaille“, bezeichnend Journalisten, die als Gesamtheit moralisch fragwürdige Methoden anwenden in der Auswahl, der Beschaffung und der Verbreitung von Informationen. Ja, auch die Nazis verwendeten das Wort, um die freie Presse zu diffamieren, doch erfunden haben sie es nicht. Da war Karl Kraus, des Nazitums nahezu unverdächtig, 1902 schon näher dran, als er in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ über „die Verwüstung des Staates durch die Pressmaffia“ ätzte.

Also offenbar wußten Journalisten zu allen Zeiten schon den Zorn der Gerechten auf sich zu ziehen. Bedauerlich, fürwahr.


1000meisterwerke: Captain Roger in lauschiger Nacht.

13. August 2017

Oder halt erstmal ein Meisterwerk, nämlich obgenanntes. Und zwar: Manchmal – und in letzter Zeit vermehrt – überkommt Lego, die Firma, offenbar ein Anflug akuter Nostalgitis. Da werden etwa innerhalb der Nexo-Knights-Serie Embleme und Setnummern längst vergangener Lego-Epochen zitiert, als ob die gegenwärtige Zielgruppe damit etwas anfangen könnte. Oder es tauchen in aktuellen Sets Minifigs auf, die T-Shirts mit Logos ehemaliger Lego-Produktlinien tragen; in Sets zum Lego-Movie zum Beispiel von Fabuland und Blacktron, gar nicht zu reden vom in Stein ausgeführten Rückgriff auf klassische Legoland-Raumfahrt-Designattribute rund um den „80ies something space guy“ Benny und sein Spaceship, Spaceship, SPACESHIP! Dieses LEGO-Movie wiederum wird nun selbst wieder zitiert, wenn in der Sammel-Minifig-Serie zum demnächst anlaufenden Ninjago-Movie ein Pastelgoth- oder Manga-Mädchen ein Hemd mit dem Antlitz von Unikitty trägt. Und eine Laborantin derselben Minifig-Serie offenbart unter dem Kittel ihre Verbundenheit zu Batman, dem Protagonisten des letzten Lego-Kinofilms. Naturgemäß begrüße ich derartige Rückbezüge, sorgen sie doch humorvoll für einen Hauch von Kontinuität innerhalb einer leider sehr unzusammenhängend erzählten Lego-Produktgeschichte. Zumindest läßt die Firma durch solche kleinen Zeichen erkennen, daß sie sich ihrer Geschichte bewußt ist. Und daß sie das Vorhandensein von mehreren Generationen Spielkindern anerkennt, welche ihre Verbundenheit zu Lego schon vor Jahrzehnten geknüpft und nie gelöst haben.

Das Lego-Movie von 2014 bot Gelegenheit, verschiedene Themenwelten und Epochen der Lego-Geschichte miteinander zu verknüpfen, wobei freilich einige Themen nur beiläufig erwähnt werden konnten, während andere stark verfremdet durch andere popkulturelle Einflüsse dargestellt wurden. Die Piratenwelt wurde repräsentiert durch MetalBeard, der ein Schiff in Steampunk-Optik befehligte. Das hatte mit den gewohnten Lego-Piraten natürlich nichts zu tun, und mit Blick auf die jüngsten Versuche Legos, Piraten ins Kinderzimmer zu bringen, war das auch gut so, wurden diese doch mit den Jahren immer halbherziger. Der einzig legitime Botschafter für Legos Piratenthema ist seit jeher Captain Roger von 1989.

Captain Roger entspricht in allem den Klischees eines Piratenkapitäns: Roter Bart, Holzbein, Hakenhand und Augenklappe (weil das Auge durch die allzu häufigen Sonnenbeobachtungen durch den Sextanten geschädigt ist), und am schwarzen Zweispitz prangen Schädel und die gekreuzten Knochen des Jolly Roger. Und Polly möchte einen Cracker. Diese Darstellung ist in ihrer unrealistischen Comichaftigkeit absolut angemessen fürs Kinderzimmer, und als solches ist Captain Roger eine ewigjunge Ikone dieses Spielthemas. Das hat Lego schließlich selbst eingesehen und bei den Aufgüssen des Piratenthemas von 2009 und 2015 (wie schon erwähnt: beide Male halbherzig!) die Gestaltung der neuen Kapitäne auffällig eng an diesen Veteranen der 80er Jahre angelehnt, ohne freilich die schlichte Eleganz des Originals zu erreichen. Wie dem auch sei, in MetalBeards Steampunk-Schiff namens „Sea Cow“ wird die Kajüte geziert durch eine 2×4-Fliese, auf die ich ausnahmsweise den zugedachten Aufkleber anbringen mußte, denn er zeigt das Bildnis von Captain Roger:

„Das gehört in ein Museum!“ Genau. Nachdem ich das Schiff, welches jahrelang hier zustaubte, endlich abgewrackt und wegsortiert hatte, blieb das Gemälde übrig, und ich konnte es einem Museum überantworten.

Das Werk eines unbekannten Meisters zeigt Kapitän Roger in lauschiger Nacht. Dunkle und gedeckte Farben, schwarz und blau, sind vorherrschend, Gesicht und definierende Attribute sind hell hervorgehoben. Das vertikale Format legt nahe, dieses Bild als Bestandteil eines Triptychons zu begreifen, was in seiner religiösen Konnotierung den Status des Dargestellten als Ikone unterstreicht. Über die fehlenden Elemente und Motive des Dreiteilers können lediglich Mutmaßungen angestellt werden, da diese verschollen sind; denkbar auf der Mitteltafel wäre des Kapitäns Schiff „Schwarzhai“, jen- und schmalseits flankiert von einem Weggefährten des Seeräubers, über dessen Identität zu spekulieren sich verbietet. Uns bleibt es, das vorgelegte Artefakt zu betrachten. Der Kapitän dominiert das Bild, die an seinem Hut angebrachten wichtigen Insignien seines Berufsstandes sind ins Zentrum gesetzt. Tendenziell am Rande, jedoch durch auffällige Farbgebung hervorgehoben und dadurch in seiner Bedeutung als Symboltier erhöht ist der Begleiter Rogers, der Papagei Polly. Auf detaillierte Ausgestaltung der Kleidung legt der Künstler geringen Wert, er beschränkt sich auf Andeutungen und Hinweise, gestattet sich auch die Freiheit, die Wirklichkeit der Bildgestaltung zu unterwerfen und die versehrte Hand des Freibeuters von Backbord nach Steuerbord zu verlegen, während Holzbein und Augenklappe an gewohnter Stelle verbleiben. Somit ist der Vermutung die Grundlage entzogen, es handele sich um ein Selbstbildnis im Spiegel. Vielmehr ist das Sujet durch die – wiederum ein religiöses Konnotat – Palmwedel des Bildhintergrunds in tropischen Gefilden situiert, in Kenntnis der Geschichte einzugrenzen auf die Karibik. Wir begegnen dem Schiffsführer also beim nächtlichen Landgang, der zum Genuß eines Feierabendrums genutzt wird, wie uns schließlich durch das Faß, beinahe versteckt in der rechten unteren Bildecke angeordnet, bedeutet wird. Ausgelassen sind Schwert und Pistole, welche Roger als Ausüber von brutaler Gewalt kennzeichnen und als den Bringer von Tod und Verwüstung charakterisieren würden, vielmehr bemüht sich die Darstellung um Verharmlosung und Verklärung des Piratenlebens, die immanenten Gefahren außer Acht lassend.

Der Einfluß dieses Gemäldes auf die karibische Kunstgeschichte ist mit „immens“ nur unzureichend beschrieben. Kraftvollere Begriffe sind am Platze, eingedenk der Wirkung, welche das Schaffen des Portraitierten auf die großen wie kleinen Antillen ausübte. Der Kapitän eines der gefürchtetsten Piratenschiffe zwischen Savannah und Maracaibo, zwischen Panama und Hispaniola, muß zwangsläufig einen Machtfaktor in seinem Wirkungskreis darstellen, zumal seine signifikante persönliche Erscheinung begleitet von Kanonendonner und der scheinbaren Unabhängigkeit von Zeit und Raum, beflügelt von der Schnelligkeit seines Schiffs, ihm den Anschein nahezu gottgleicher Machtfülle verlieh. Die gezeigte Repräsentation des Freibeuters verweist mit ihren kodifizierten Merkmalen: Jolly Roger als Insignium der Macht, Holzbein und Augenklappe als spezifische Attribute ähnlich traditionellen Heiligendarstellungen, Papagei als Symboltier, wie wir es von den Evangelisten kennen, auf einen religiös motivierten Kontext. Roger ist demnach mehr als ein einzelner Pirat; er verkörpert die Transzendenz des Glücksritters von Hoffnung zu Sehnsucht und von Gewalt zum Erfolg, die diesen Berufsstand wie eine Gloriole umgibt und deren Wirkmächtigkeit bis heute anhält. Die Faszination ist ungebrochen und findet ihren Nachhall in zahllosen literarischen und cineastischen Bearbeitungen von unterschiedlichster Schaffenstiefe.

Und jetzt: Licht aus, und Ruh‘ im Schiff!


Rittersets.de

14. Juli 2017

Kennt der ein oder andere vielleicht. Seit ungefähr dem Jahr 2001 hatte ich da eine kleine Datenbank mit allen mir bekannten Lego-Sets angelegt, die irgendwie einen Bezug zu Rittertum oder Mittelalter haben. (Ergänzt um die Piratenzeit, weil: Wollte ich so.) Zu dem Zweck habe ich die Bilder von Karton oder Bauanleitung eingescannt oder photographiert, was gewissermaßen heikel war, da die Rechte dafür natürlich bei der Firma Lego liegen. Aber andere Datenbanken im Internet machen das ja auch (Lugnet, Brickset), und die Firma hat sich nie daran gestört, solange nicht der Eindruck erweckt wurde, die jeweilige Datenbank werde von Lego betrieben oder unterstützt, was mit entsprechenden Disclaimern kenntlich gemacht wird. Jedenfalls. Die von mir angefertigten Scans und Photographien habe ich im Internet bei einem kostenlosen Bilder-Hoster abgelegt und auf meinen Seiten eingebunden.

„Kostenloser Hoster?“, höre ich fragen. „Immer diese Umsonst-Mentalität im Internet!“, pfeift mir der Luftzug des wedelnden Zeigefingers um die Ohren. Ja, kostenlos, weil ich ja mit dieser Datenbank selbst auch nichts verdiene.

Heute allerdings stellte ich fest, daß der einstmals kostenlose Hoster jetzt 400 Dollar im Jahr dafür verlangt, wenn die bei ihm abgelegten Bilder fremdverlinkt werden, wie ich es halt praktiziere. Ich habe ja Verständnis dafür, wenn so ein Dienstanbieter was verdienen will; soll er ja auch. Aber ich mache das trotzdem nicht mit. Denn ich verdiene ja auch nichts, siehe oben. Die Frage, ob ich also zahlen soll, oder ob ich die Bilder zu einem anderen Anbieter verlagere, habe ich mit „weder noch“ beantwortet. Mit den Jahren ist mein Enthusiasmus betreffend Lego-Rittersets etwas abgeklungen, zumal das aktuelle ..äh.. Ritter-Programm so recht eigentlich gar nichts mit Rittern und Mittelalter zu tun hat. Darum bringe ich nicht den nötigen Willen auf, alle Bilder zu verlegen und alle Links zu ändern. Also wird Rittersets.de jetzt abgeschaltet. Vielen Dank für das Interesse und die freundlichen Zuschriften!

Nachtrag am 21sten Juli 2017:
Auf mehrfachen Wunsch habe ich die Seite (vorerst!) wieder ..äh.. eingeschaltet. Also die Datein wieder auf meinen Webspace hochgeladen. Irgendwie ist aber die Domain http://www.rittersets.de als solche nicht mehr vorhanden; wahrscheinlich, weil die unter chutspe.de eingegliedert war und ich jetzt irgendwas falschgemacht habe. Wer aber noch mal einen Blick werfen will, wird fündig unter:

http://www.chutspe.de/Rittersets/

Einige Verlinkungen waren wohl von Beginn an unglücklich, und ich bekomme sie jetzt nicht mehr ohne größere Recherche hin, also führen diese Links jetzt ins Leere. Und Setbilder gibt es auch nicht.

Und am 13ten Januar 2018 ist endgültig Schluß, denn nur bis zu diesem Datum gilt mein Homepage-Vertrag.


Eigentlich ganz simpel.

21. Juni 2017


Seit fast 20 Jahren …naja… laß sagen, seit 15 Jahren schwebt mir vor, meinen Lieblingsroman in Brick-Testament-Manier in Lego nachzubauen. Ein zum Scheitern verurteiltes Projekt, weil: Mein Projekt. Und ich krich ja den Arsch nicht hoch. Dabei habe ich es immerhin geschafft, Grimmelshausens „Abenteuerlichen Simplicissimus“ dreimal zu lesen, 720 frühneuhochdeutsche Seiten. Einmal im Rahmen eines Seminars an der Uni, inclusive Hausarbeit zum Thema, einmal als Vorbereitung auf die Zwischenprüfung, und dann noch mal für Spaß. Und obendrein las ich ohne Not auch noch die verwandten Werke „Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche“ (von Bertolt Brecht später als „Mutter Courage und ihre Kinder“ auf die Bühne gebracht) und den „Seltzamen Springinsfeld“, welcher recht eigentlich als Sequel zum „Simplicissimus“ betrachtet werden kann.

Die „Courasche“ ist leider arg zerfleddert, weil ich das Reclam-Bändchen eine Zeitlang in meiner Gesäßtasche mit mir trug, was töricht war, denn so übertrieben leicht zu bekommen sind diese Ausgaben gar nicht, handelt es sich doch eher um spezielle Literaturkost, die nicht jede Buchhandlung einfach so vorrätig hält. Nach wie vor erhältlich ist freilich der „Simplicissimus“. Immerhin ist es der erste große Roman von deutschlandweiter Weltgeltung, weshalb man ihn in der Klassiker-Abteilung einer „Meyerschen“ durchaus findet. Und bei dieser Gelegenheit wird man mit Bestürzen feststellen, daß das Klassiker-Regal dieser „Meyerschen“ ungefähr einmeterfuchzich breit ist, während für moderne Esoterik-Literatur eine ganze Etage reserviert ist und für pseudohistorische Frauenromane („Die Base des Bischofs“. „Die Nelkenumtopferin“. „Die Jäterin im Klostergarten“.) eigens angebaut wurde. Aber was soll’s, Hauptsache, die Leute lesen überhaupt noch irgendwas anderes als Twitter-Nachrichten und radikal-unempathische Facebook-Foren. Wie dem auch sei, auch ich fand in der Buchhandlung noch zwei Ausgaben des „Simplicissimus“, die ich einfach mal so haben wollte, ohne sie je tatsächlich zum Lesen benutzen zu wollen. Man kann ja nicht immer nur Lego sammeln.

Hier ist die rechte Ausgabe in historischer Orthographie und Interpunktion, während das Buch in der Mitte schlicht Reclams Edelausgabe des Buches links ist, welches mir fernerhin und wie gehabt als Leseexemplar dienen soll. Derartige Edelausgaben historisch bedeutsamer Werke der Literatur gab es vom Reclam-Verlag schon immer. Also mindestens seit den 1950er Jahren. In meines Vaters Bücherschrank fanden sich eine derartige Ausgabe des „Dil Ulenspiegel“ und von Sebastian Brants „Narrenschiff“. Leider keine des „Simplicissimus“, was eigentlich unverzeihlich ist, zumal mein Vater ansonsten die Weltliteratur quasi komplett hatte, Manesse, Insel und Reclam sei Dank.

Meine Lesebändchen-Ausgabe des Romans ist ziemlich eindeutig eine moderne Variante dieser 50er-Jahre-Prachtausgaben aus dem Reclam-Verlag. Und ich bin ja da so: Ich will den „Simplicissimus“ auch in so einer historischen Ausgabe haben! Ich will ich will ich will, aber is nich so einfach. Meine stichprobenartigen Recherchen bei Ebay bringen insofern Treffer, als ich mir sicher sein kann, daß es den Roman damals in einer solchen Ausgabe gab. Aber die angebotenen Exemplare sind alle arg mängelbehaftet, vor allem hinsichtlich des Schutzumschlags. Aber ohne den tu ich’s nicht.

So, und was hat das alles jetzt mit Lego zu tun? Nicht viel, leider. Weiter als bis zum Frontispiz bin ich nie gekommen.


Aller guten Dinge sind vier.

28. Mai 2017

Was war denn da los? Da komme ich abends von der Arbeit nach Hause, schalte den Livestream der ARD an und muß mir verwundert die Augen reiben: Borussia Dortmund hat den DFB-Pokal gewonnen! Nun hat Fränkie Mill… nee, wie heißt er gleich? Marco Reus. Nun hat er endlich seinen Titel. Meine Gratulation!

Und just heute vor 20 Jahren gewann der BVB den Europapokal der Landesmeister gegen Juventus Turin. Juve könnte zum Jubiläum diesen Triumph wiederholen, steht die alte Dame doch kommenden Samstag im Finale gegen Real Madrid. Borussia blieb der Verabredung zum Jubiläumsspiel ja leider fern, weil das Viertelfinale gegen den AS Monaco verloren wurde. Freilich wäre Dortmund den Turinern bereits im Halbfinale begegnet, also was soll’s. Derlei Gedankenspiele sind sowieso als sinnlose Überhöhung unzusammenhängender Ereignisse zu bewerten.

Nachtrag mit Klarstellung am 6. Juni 2017: Natürlich hat Juventus vor 20 Jahren das Finale verloren, weil der BVB dasselbe Finale ja gewann. Und genau das hat Juve am Samstag gegen Real Madrid auch wiederholt. Gewonnen hatten sie im Jahr zuvor, 1996.