Bessere Freunde.

Legos etwas gespaltenes Verhältnis zum weiblichen Teil seiner Zielgruppe ist ja inzwischen legendär. Mythenumwoben und geheimnisvoll ist es, mystisch, auf jeden Fall aber unverständlich. Jungs wollen bauen, stellten sie in Billund fest, und zwar Autos! Darum lieferten sie den kleinen Ingenieuren Räder, Räder, Räder und Zahnräder. Aber Mädchen, ja Mädchen, die wollen irgendwas anderes, wahrscheinlich Puppen. Dem trug man ab 1971 Rechnung, indem man die Puppenhausmöbel ins Programm nahm, und zwar ausdrücklich für „das kleine Mädchen mit der grossen[!] Phantasie“, wenngleich der so betitelte Katalog erst im Jahre 1974 die Geburt der passenden Lego-Püppchen anpreist, die der Großköpfe nämlich. Das war ja auch soweit nicht verkehrt. Ein weiterer Versuch, die kleinen Mädchen zu umgarnen, waren 1979 die Scala-Schmucksets, eine Idee, die später noch einmal mit den Clikits-Schmucksets aufgegriffen wurde, während der wohlklingende Name „Scala“ 1997 für einen Barbie-Verschnitt mißbraucht wurde, der mit Lego nicht mehr viel zu tun hatte, aber mal wieder die kleinen Mädchen in die Zielgruppe des Konzerns integrieren sollte. Für einige Jahre zeitgleich blies die Belville-Reihe ins selbe Horn, mit ähnlichen Figuren, aber etwas Lego-gerechter, insofern die Belville-Häuser wenigstens mit Hilfe althergebrachter Lego-Noppen zusammengehalten wurden. Es ist wohl nicht allzu weit hergeholt, auch der Fabuland-Reihe mit ihren niedlichen Tierfiguren zu unterstellen, vor allem die kleinen Mädchen ansprechen zu sollen.

All diesen Serien ist gemein, daß sie nicht auf die Minifig als identifikationsstiftende Spielfigur setzten. Zugegeben, 1974 gab es die Minifig noch gar nicht, aber seit 1978 ja schon. Zunächst wurde in der Minifigwelt neben den Rittern und Raumschiffen und Bauarbeitern, die (jaja, Klischee) sicher vor allem auf die Gunst der kleinen Jungs abzielten, ja auch den Mädchen eine Möglichkeit gegeben, sich wiederzufinden. Es gab eingerichtete Wohnhäuser, sogar einen Ponyhof (jaja, Klischee), aber die Action-lastigen Modelle waren stets in der Mehrheit. Ausdrücklich weibliche Minifigs waren ebenfalls rar gesät, wenngleich man einem Polizisten mit Mütze natürlich nicht ansah, ob es sich um eine männliche oder eine weibliche Figur handelte, denn alle hatten dasselbe freundliche Smiley-Gesicht. Ob Mädchen sich tatsächlich nur wenig für die Minifigwelt interessierten, vermag ich nicht zu beurteilen, aber im Jahre 1992 startete Lego einen weiteren Versuch, dieses Interesse zu wecken. Die Paradisa-Reihe setzte vermehrt auf erkennbar weibliche Minifigs, auf Strandvergnügen und Ponyhofromantik – und auf die Farbe rosa! Dieser Kotau vor dem Barbie-Kitsch erboste mich damals sehr; da wußte ich halt noch nicht, was noch kommen sollte (Scala, Belville, Clikits). Immerhin, Paradisa, das waren noch Minifigs.

Seit Anfang des Jahres stehen also nun die Friends-Sets in den Läden. Natürlich, in dieser Mädchen-Welt namens „Heartlake City“ geht es wieder um niedliche Tiere, um Freizeitgestaltung und um den Traum, ein Popstar zu werden; und das Farbschema setzt auf pink, violett und Pastelltöne. Soll sein! Und so nah an der Minifigwelt war Legos soundsovielter Mädchenversuch auch seit Paradisa nicht mehr, denn die Proportionen von Autos und Gebäuden sind nicht weit von dieser Welt entfernt. Und dennoch: knapp vorbei. Denn die Friends-Figuren sind eben keine Minifiguren, sondern ziemlich magere Frisurmodels (ohne jetzt den Bulimievorwurf lautwerden lassen zu wollen). Warum, so frage ich mich, dürfen Mädchen nicht mit Minifigs spielen? Warum sollen sich Mädchen und Jungs nicht in einer gemeinsamen Lego-Welt aufhalten? Na gut, wahrscheinlich tun sie das trotzdem, aber dann bitteschön klar unterscheidbar! Minifigs für die Jungs, irgendwas anderes für die Mädchen.

Meinetwegen. Mädchen wollen rosa und lila und Blümchen und Kleidchen und Pferdchen. Was soll ich mich dagegen sträuben, ich bin ja kein Mädchen. Sollen sie. Und soll Lego diesem Verlangen halt nachgeben. Wie man dies im Rahmen eines Minifig-zentrierten Themas tun könnte, zeigt Lego sogar selbst, denn es gibt solche Figuren. Meiner Ansicht nach wären dies die besseren Friends gewesen:

Weiterhin unverständlich bleibt, warum Lego solche Minifigs immer in irgendwelchen kaum beachteten Randsets versteckt, nummerntlich in den Creator-Sets 5508 und 4625.

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2 Responses to Bessere Freunde.

  1. Guddi73 sagt:

    Tja Jojo, genau diese Frage stelle ich mir seit einiger Zeit auch. Als LEGO-verrückter Vater einer sechsjährigen Tochter und eines vierjährigen Sohnes beobachte ich die Interessen meiner Sprösslinge genau. Man hofft ja irgend wie immer, dass der Nachwuchs die Interessen der Eltern (irgendwann) teilt.
    Hin und wieder versuche ich es also deren Interesse für das eine oder andere LEGO-Set zu wecken. Erstaunlicherweise gelingt mir das bei meinem Sohn viel eher als bei meiner Tochter. Warum nur?
    Keine Frage – wenn Papa die LEGO-Stadt aufbaut (bestehend aus den Eisenbahnsets 7897, 7939 und 10194 und den CREATOR-Sets 4956, 4996, 5891 und 6754 sowie vielen Strassenplatten und weiteren aktuellen LEGO-Sets), dann spielen beide mit großer Freude und Ausdauer damit. Beobachtet man jedoch bereits die Aufbauphase dann stellt man fest, dass „Sohn“ sogleich mit dem Verlegen der Gleise und Strassen beginnt, die Autos vor die Garagen stellt und energisch darauf hinweist, dass die Batterien im ICE schon wieder leer sind. „Tochter“ begnügt sich derweil damit, die Blumendekoration am Straßenrand anzubringen, die Pferdekoppel gemütlich zu gestalten und – jetzt kommts – die weiblichen Minifigs in die Häuser zu verteilen. Man kann also sagen, dass das die Kinder die Rollenverteilung der Eltern auch im kleinen LEGO-Miniversum nachspielen. Hoffentlich denkt jetzt niemand wir wären unendlich altmodisch. Das sind wir nicht, glaube ich ?!.
    Aber nun zur eigentlichen Frage zurück, warum LEGO mit dem Thema „Friends“ eine neue Offensive im weiblich, kindlichen Kundensegment startet. Fakt ist, die Welt der Mädchen zwischen 6-12 Jahren ist rosa, pink und lila. Das Farbschema der neuen Serie passt also. Fakt ist auch, dass sehr viele kleinen Mädels sehr früh einen Sinn für Fürsorglichkeit und Gemeinschaftssinn entwickeln. LEGO hat das mit den kleinen Hündchen und Katzen, etc. umgesetzt. Und was leider auch eine bittere Tatsache ist – an den dünnbeinigen und langhaarigen Puppen mit „B“ der Firma Mattel kommt man nicht vorbei. In den Medien wird diese Produkt sehr intensiv beworben. Für meinen Geschmack sogar viel zu stark. Es vergeht kein Sonntag, an dem nicht irgend eine Wiederholung eines „B-Filmes“ zu sehen ist. Ich vermute aber, dass LEGO genau deshalb und somit ganz bewusst die Form der Minifigs und die dazu passenden Themen der einzelnen Sets so gewählt hat.
    Natürlich spielt meine Tochter auch mit den kleinen, „normalen“ Minifiguren (wie oben beschrieben). Das funktioniert aber meistens nur dann, wenn wir gemeinsam spielen. Ist sie sich selbst und ihrer Phantasie überlassen, dann sind wieder die Dünnbeinigen und Langhaarigen am Start.
    Und genau deswegen wird Papa dem Osterhasen zuflüstern was er ins Osternest legen muss, damit beide auch weiterhin „Friends“ bleiben.

  2. riepichiep sagt:

    Gerüchten zufolge wurde das Design der Friends-Figuren ja entwickelt, weil man angeblich Mädchen befragt hatte und diese das Minifig-Design ablehnten (wie gesagt, nur ein Gerücht)

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