Der 31ste Oktober 1517.

31. Oktober 2017

Da an obgenanntem Tage Martin Luther an die Schloßkirche zu Wittenberg wummerte und, einem alten Halloween-Brauch folgend, dem Papst Süßes oder Saures bot, begehen Protestanten heute den Reformationstag. Das auslösende Ereignis jährt sich zum 500sten Male. Oder zum 499sten? Derlei Rechenspiele kann ich ja immer nicht. Egal. Schon vor gut 15 Jahren nahm ich dieses Datum zum Anlaß, kleine Szenen aus dem Leben Luthers in Lego umzusetzen, welche ich nun zum Jubiläum stumpf wiederverwende, einschließlich der jeweils zugehörigen Bildunterschriften.

Und eigentlich begann alles am 2ten Juli 1505:

Der junge Martin Luther, Magister Artium der Philosophie und Doktor der Juristerey, befindet sich auf dem Weg von Mansfeld, dem Wohnort seiner Eltern, nach Erfurt, dem Sitz seiner Universität. Unterwegs überrascht ihn auf freiem Felde ein heftiges Gewitter. Die Menschen des Mittelalters wissen inzwischen, daß weder Zeus noch Donar für derartige Naturerscheinungen verantwortlich sind, dennoch ist ein Unwetter nach wie vor geeignet, sie in Angst und Schrecken zu versetzen. Keineswegs unbegründet, denn auch heutzutage sterben noch jedes Jahr mehrere hundert Menschen durch Blitzschlag und Unwetter.

Auch Luther steht Todesnöte aus, und der damaligen Sitte gemäß wirft er sich zu Boden und ruft eine ihm bekannte Schutzheilige an, deren Nummer er zufällig im Kopf hat, in seinem Fall die heilige Anna. Das ist die Schutzheilige der Bergleute; Luthers Vater war lange Zeit Bergmann, später sogar Bergwerksbesitzer. So eine Schutzheilige hilft natürlich nicht einfach so aus Barmherzigkeit, denn sie ist ja katholisch. Als Gegenleistung für die Rettung muß man ihr etwas geloben, und Luther gelobt, Mönch zu werden, sollte er dieses Unwetter lebend überstehen.

Wie wir wissen, überlebt Luther das Gewitter, und nun muß er Mönch werden. Dumm gelaufen, bei Dreckswetter von Mansfeld nach Erfurt nämlich. Mit seiner Juristenkarriere ist es damit natürlich vorbei, aber als guter Rechtsgelehrter erfüllt er den Vertrag mit der heiligen Anna. Er tritt in ein Augustinerkloster in Erfurt ein und startet nun eine Theologenkarriere. Diese findet ihren vorläufigen Höhepunkt am 31. Oktober des Jahres MDXVII (1517):

Am 31sten Oktober im Jahre des HErrn MDXVII schlug der Augustinermönch Dr. Martin Luther 95 Thesen wider den Ablaßhandel an die Pforte der Schloßkirche zu Wittenberg. Er bezweckte lediglich, einen theologisch-wissenschaftlichen Disput über die Praxis des Handels mit der GOettlichen Vergebung in Gang zu setzen. Doch es war der Startschuß zur Reformation und zur erneuten Spaltung der hl. Mutter Kirche, welche in den folgenden Jahrhunderten zu Krieg und Verwüstung in ganz Mitteleuropa führte.

Nachdem er seine 95 Thesen wider den Ablaßhandel veröffentlicht hatte, pflog Luther einem kurzen Schriftwechsel mit dem Papst in Rom, wiewohl der päpstliche Anteil an der Konversation hauptsächlich in der formellen Mitteilung bestand, daß Luther sich als Ketzer für exkommuniziert zu betrachten habe, so er nicht seine Schriften widerrufe. Überdies ließ der Papst verfügen, daß alle Schriften Luthers verbrannt und aus dem Gedächtnis der Menschheit getilgt würden, denn sie paßten ihm gar schlecht ins Konzept einer auf weltliche Macht aufgebauten Kirche. Nicht vor Gott sollte der Gläubige sich verantworten, sondern vor der Kirche, und für ein reines Gewissen hatte er gefälligst etwas zu zahlen.

Daß Luther dies anders beurteilte, brachte ihm natürlich die Sympathien der einfachen Leute ein, schon deswegen, weil sie dieser ewigen Zahlerei an das Schatzamt in Rom überdrüssig waren; aber auch, weil er sich standhaft gegen die Dekrete der Oberen zur Wehr setzte und nichts widerrief. So etwas gefällt dem Volk. Nicht jedoch gewannen Luthers theologische Schriften ihm die Gunst Karls V. Dieser war katholisch und fühlte sich als Kaiser des „heiligen römischen Reiches“ verpflichtet, die Einheit der Kirche und der Christenheit zu schützen, sei es gegen die Heere Süleymans des Prächtigen oder gegen kleine widerborstige Mönche aus der sächsischen Provinz.¹ Daher hätte er liebend gern den Bannspruch des Papstes schlicht bestätigt und über Luther ohne Vertun die Reichsacht verhängt.

¹) Dieser Anspruch hinderte Karl jedoch nicht daran, seine Truppen im Jahre 1527 Rom plündern zu lassen und Papst Klemens VII. unter Hausarrest auf der Engelsburg zu stellen. Aber das tat er nicht in seiner Eigenschaft als römischer Kaiser sondern als Spanier², der gegen Frankreich in Italien Krieg führte.
²) Er war von Geburt kein Deutscher, sondern in den Niederlanden geborener Spanier. Die Herrschaft über das heilige römische Reich deutscher Nation war ihm als Habsburger eher von Abstammung wegen zugefallen, kümmerte ihn aber wenig.

Das aber wußte Luthers offensichtlich seinem Beinamen gerecht werdender Landesherr, Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, zu verhindern. Er erwirkte beim Kaiser, daß Luther die Gelegenheit erhielt, sich vor einer Verurteilung wenigstens zu rechtfertigen, wie es das gültige Recht vorsah. Schon gar nicht dürfe Luther nach Rom an die Inquisition ausgeliefert werden, weil er als Deutscher einen Anspruch darauf habe, nur innerhalb seiner Landesgrenzen gerichtet zu werden. Überdies habe ihm für seine An- und Abreise zum Prozeß freies Geleit zugesichert zu werden. Und so geschah es; der Kaiser lud den Doktor vor den Reichstag, der 1521 in Worms stattfand, daß er sich dort verantworte.

Vor uns sehen wir den hohen Saal, der Kaiser thront, vor ihm in zwei Viertelkreisen beobachten die Kurfürsten, gewandet in rot und weiß, das Geschehen³, der Saal ist gefüllt mit Würdenträgern aus Adel, Kirche und den Reichstädten, sowie Prozeßbeobachtern der Deutschen Presseagentur und Reuters’. In des Saales Mitte ist ein Tisch aufgebaut, darauf Luthers Schriften liegen, die er widerrufen soll, andernfalls er eines gestrengen, höchstkaiserlichen Urteils gewährtig sein muß, Gott helfe ihm, Amen! Vor dem roten Teppich vertritt Johann Eck als sachverständiger Theologe die Sache des Kaisers, hinter dem Tisch steht Luther selbst. Er erläutert, daß es ihm unmöglich sei, seine Bücher und Schriften, die er selbstverständlich anerkenne, zu widerrufen, da er sie im Einklang mit den Worten der Heiligen Schrift verfaßt habe, sodaß eine Widerrufung seiner Bücher und Schriften einer Widerrufung der Heiligen Schrift gleichkomme. Sollte ihm jedoch nachgewiesen werden, daß er in seinen Schriften Fehler im Sinne der Heiligen Schrift begangen habe, sei er der erste, der eigenhändig sein Geschreibsel den Flammen übergebe. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, soll er zum Abschluß seines Plädoyers gesagt haben.
³) Es müßten eigentlich ihrer sieben sein, doch das hätte an unerwünschter Stelle die Symmetrie beeinträchtigt.

Nun, es konnte ihm niemand formelle Fehler nachweisen, aber darum ging es ja auch nicht. Dem Kaiser ging es wie dem Papst um schnöde Politik, und sie waren gewohnt, diese kraft des ihnen verliehenen Amtes durchzusetzen, sodaß es sie mehr als wurmte, daß ein unbedeutender Mönch aus der kursächsischen Pampa ihrem Willen nicht gehorsamst Folge leistete, potz Fickerment noch eins! Dem Dr. Luther hingegen war die politische Tragweite seiner Anmaßung schnurz, ihm ging es um das Verhältnis des Menschen zu Gott, das er nicht durch eine Kirche vermittelt sehen wollte, die ihre Authorität als religiöse Instanz für bloß irdische Machtinteressen mißbrauchte.

Luther widerrief nicht und reiste ab, durchaus begleitet vom Beifall so manchen Reichsritters. Der Kaiser malte ihm noch die Reichs-8 auf den Rücken und erklärte ihn zum Vogelfreien, den jedermann jederzeit ohne Strafverfolgung beseitigen durfte. Ein Rechtsstaat war das halt damals nicht.

Als Luther vor den Reichstag zu Worms geladen wurde, hatte sein Landesherr, der Kurfürst von Sachsen, sich für ihn ausbedungen, daß ihm freies Geleit für die An- und Abreise zugesichert würde. Der Mann wußte schon, weshalb. Denn auf dem Reichstag schlug der Kaiser erwartungsgemäß den Doktor Luther in Acht und Bann. Somit war er nun ein recht- und staatenloser Illegaler, vogelfrei, und der Willkür eines jeden ausgeliefert, der seiner habhaft wurde und ihm etwas anhaben wollte. Kaiser und Kirche hofften, daß recht viele dies wollten und das Problem „Martin Luther“ für sie aus der Welt räumen würden.
Auf seiner Rückreise von Worms nach Wittenberg wurde Luther denn auch prompt von einer Bande Strauchdiebe, wie es den Anschein hatte, einkassiert. Er hatte es schon fast bis nach Hause geschafft, befand sich schon am Rande des Thüringer Waldes, als am Abend des 4. Mai 1521 das Verhängnis doch noch zuschlug. Er wurde aufgegriffen und auf die Wartburg verschleppt.

Doch zu seinem Glück stellte sich heraus, daß es sich bei den Entführern um Schergen Friedrichs des Weisen handelte. Dieser befand sich in einer Zwickmühle: Als Untertan und Kurfürst seines Kaisers konnte er natürlich nicht öffentlich einem Geächteten Hilfe gewähren, und dennoch wollte er seinen brillantesten Theologieprofessor schützen. Also ließ er seine eigenen Leute dem Doktor auflauern, damit diese ihn faßten, bevor es jemand anderes tat. Nicht verbürgt sind die Worte, mit denen er sie auf ihre Mission entließ: „Und laßt es wie einen Unfall aussehen!”

Die Wartburg, wie wir sie hier sehen, bietet nicht ganz den Anblick dar wie zu Luthers Zeiten. Denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts, nach den erfolgreichen Befreiungskriegen gegen Napoleon, gewann sie nicht zuletzt aufgrund der hier von Luther geschaffenen Bibelübersetzung Bedeutung als Symbol der deutschen Einheit, als Fundament der nationalen Erneuerung, ja, man könnte fast sagen: Sie errang Kultstatus. Zum 300. Jahrestag des Thesenanschlags fand im Oktober 1817 in ihren Mauern das „Wartburgfest“ statt, sozusagen das Gründungsfest der studentischen Burschenschaften. Ein weiteres Wartburgfest fand im Revolutionsjahr 1848 statt.
Die Burg selbst wurde (auf Initiative Goethes hin) in großen Teilen restauriert. Hierbei wurden einige der Gebäude komplett neu errichtet, und zwar in historisierendem und vor allem auch romantisierendem Stil, getreu dem Motto: „Wir bauen uns das Mittelalter, wie wir es schön gefunden hätten.“ Das sieht hübsch aus und ist inzwischen auch schon wieder fast 200 Jahre alt, doch darf man eben nicht glauben, die gesamte Burg sei original mittelalterlich.

Nachdem über Martin Luther aufgrund diverser Schriften gegen die herrschende Lehrmeinung der hl. Mutter Kirche die Reichsacht verhängt und er in Bann geschlagen worden war, wurde er vom gutmeinenden Fürsten Sachsens entführt und auf der Wartburg versteckt. Dort lebte er unter dem Decknamen „Junker Jörg“ (welch Namen sich Walt Disney nicht besser hätte ausdenken können) und übersetzte aus lauter Langeweile das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Und wie er so in seiner Stube saß und übersetzte, erschien ihm – der Legende nach – der Teufel.

Luther, der sich ja schon zuvor als resolut und couragiert erwiesen hatte, griff zum Tintenfaß und warf es nach dem Teufel, um ihn zu vertreiben. – Den Fleck, den die Tinte an der Wand hinterließ, malt man heute noch nach, um ihn stolz den Besuchern zu präsentieren.

Ob sich der Wurf des Tintenfasses tatsächlich so ereignet hat – mal abgesehen vom Erscheinen des Teufels –, ist umstritten. Auch ist es nicht klar, ob, falls überhaupt, es sich auf der Wartburg begeben hat. Denn auch für Luthers Stube in Wittenberg gibt es eine Anekdote, in die der Doktor, der Teufel und ein Tintenfaß involviert sind. Luther selbst hatte gesagt, er habe den Teufel mit Tinte ausgetrieben. Wahrscheinlicher als ein Wurf mit dem Tintenfaß ist allerdings, daß er diese Aussage metaphorisch auf seine Schriften bezog.

So. Das waren bis hierhin fünf Episoden aus meinem Luther-Zyklus, erstmals in historisch korrekter Reihenfolge dargeboten.

Und heute? Heute ist die Hälfte der Christenheit nicht katholisch, was unter anderem auf das Wirken Martin Luthers zurückzuführen ist. Gespalten war die Kirche freilich schon vorher, als sich im Morgenländischen Schisma die griechisch-orthodoxe Kirche von der römisch-katholischen schied, was bereits 500 Jahre vor der Reformation stattfand. Und unabhängig davon, ob man den theologischen Gedanken Luthers, Zwinglis, Calvins und der anderen wirkmächtigen Reformatoren folgt, und auch gleichgültig, ob man überhaupt in irgendeiner Form religiös gebunden ist, so hatte die Reformation doch klare weltliche Auswirkungen. Die Standhaftigkeit Luthers und seiner Mitstreiter zeigte den Zeitgenossen, daß die Macht der Kirche nicht unwidersprochen hingenommen werden mußte, daß es möglich war, gegen die Dogmen des Klerus aufzubegehren. Freilich verstanden viele zu ihrem Unglück die Brandreden Luthers als Aufforderung, gewaltsam gegen die Herrschenden vorzugehen, wodurch zunächst die Bauernkriege ausgelöst wurden und längerfristig der 30jährige Krieg in Gang gesetzt wurde. Aber, so behaupte ich, auch die europäische Aufklärung hätte ohne die Reformation und das durch sie erzwungene Umdenken in der katholischen Kirche und ihren Machtverlust durch die Abspaltung großer Teile der abendländischen Christenheit keinen Raum zum Atmen gehabt.

Luther selbst war natürlich nicht aufgeklärt, sondern manches gäbe es an ihm und seinen Auffassungen zu kritisieren – aus heutiger Sicht. Theologisch war er ein Hardliner, zwar nicht bezogen auf die Dogmen der römischen Kirche, von denen er sich berechtigterweise löste, aber in seiner wörtlichen Bibelauslegung. Und seine Tiraden gegen Juden und Hexen müßten uns schockieren, würden wir nicht bedenken, daß auch ein Mensch vom intellektuellen Format eines Martin Luther doch auch immer ein Kind seiner Zeit ist und somit von den ihn umgebenden Umständen geprägt.

In meinem Leben war Luther immer präsent. Eine Bleistiftzeichnung mit seinem Antlitz, stilvoll mit Doktorhut, hing hinter dem Schreibtisch im Arbeitszimmer meines Vaters, ein Pastor. Mir war also immer bewußt, daß es Luther gegeben hatte, daß es die Reformation gegeben hatte, und daß wir deswegen evangelisch sind und mit der theologisch fragwürdigen katholischen Kirche nichts am Hut haben. Der Katechismus kam später hinzu. Persönlich imponiert mir an Luther vor allem, wie er mit spitzfindiger Bibelauslegung dem weltlichen Machtanspruch der Kirche (der einzigen, die es damals in Westeuropa gab) die Grundlage entzog, insofern es eben für den Christenmenschen nicht der Vermittlung der Kirche qua Ablaß und strikter Unterwerfung unter die kirchlichen Dogmen bedarf, um zu Gott zu kommen, da Jesus davon nun mal nichts gesagt hatte; eine Argumentation, die ich religionsimmanent immer noch für belastbar halte. Außerdem ist sein Mut, es als kleiner Mönch, der nach dem Willen der Herrschenden doch eigentlich ein Rädchen in ihrem Machtapparat sein sollte, gegen Papst und Kaiser zu opponieren, nach wie vor bewundernswert, selbst wenn sein berühmter Spruch: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ nur eine Legende sein sollte. Darum war ich immer froh und bin es bis heute, in eine protestantische Familie hineingeboren worden zu sein.

Advertisements

Huch!

30. August 2016

Wenn mir nicht bald was einfällt, droht der August blogbeitragsfrei zu bleiben.
(„Blogbeitragsfrei“ schreibt man klein (außer am Satzanfang) und zusammen (ausnahmslos). Wenn die mittlerweile auch schon 20 Jahre alte Rechtschreibreform für eins gesorgt hat, dann für Verunsicherung unter der schreibenden Weltbevölkerung Deutschlands darüber, was wie geschrieben wird und was jetzt richtig ist, was früher richtig war, was früher beliebig war und was jetzt beliebig ist. Im Zweifelsfall bestehen keine Zweifel, (Dieses Komma ist nun beliebig, leider. Leider, weil durch das Komma sichergestellt war, daß durch das „und“ keine bloße Reihung gebildet wird, sondern zwei Hauptsätze miteinander verbunden sind.) und der Schreibende schreibt irgendwie, ohne sich um Regeln zu kümmern. Ganz besonders freidenkende Unkundige behaupten ja gerne, daß ihre Rechtschreibfehler gewollt und Ausdruck ihrer Kreativität seien, wie man bisweilen in Signaturen unter Beiträgen in Internetforen lesen kann. Bullshit! Fehler ist Fehler. Flüchtigkeitsfehler sind unbeabsichtigt, Rechtschreibfehler sind ebenso unbeabsichtigt, jedoch hätten sie nicht verhindert werden können, weil der Schreibende (oder, jaja, die Schreibende) es leider nicht besser wußte. Die Schuld für dieses Nicht-besser-Wissen würde ich nicht einmal immer beim Fehlschreiber selbst suchen, sondern der Orthographie-Erziehung zur Last legen wollen. Und den Umwelteinflüssen in Form von zahllosen falschgeschriebenen Texten, welche den meinetwegen sogar Lernwilligen in der Lernphase beeinflussen und ihm keine Chance lassen, korrektes Schreiben durch das Lesen korrekt geschriebener Texte zu erlernen. Es kommt ja nicht von ungefähr, daß Grundschülern, die eben erst schreiben lernten, empfohlen wurde, viel zu lesen. Denn zu lesen gab es Bücher, und Bücher waren sorgfältig von Lektoren der Verlage auf Korrektheit hin durchgearbeitet worden; Zeitungen und Zeitschriften ebenfalls. Wer las, prägte sich auf diese Weise die Regeln von Orthographie und Zeichensetzung so ein, wie er es in den von ihm rezipierten Druckerzeugnissen vorfand. Tipp- und Setzfehler kamen natürlich immer vor, doch fielen sie nicht ins Gewicht, oder anders gesagt: Sie fielen dem Leser noch auf, weil sie unmittelbar als falsch wahrgenommen wurden. Durch die Rechtschreibreform (nicht nur durch diese, aber dazu unten mehr) hat sich das meiner Meinung nach geändert. Zunächst galten noch alte und neue Schreibungen nebeneinander, was die Trennung von „faslch“ (das war übrigens ein Tippfehler) und „richtig“ unschärfer werden ließ und überhaupt das Bewußtsein für eine gültige Schreibweise schwächte. Überdies wurden durch die Rechtschreibreform in einigen Fällen verschiedene Schreibweisen als richtig anerkannt, was zu dieser Bewußtseinstrübung noch beitrug. Der schlimmste Effekt dieser Reform, welche übrigens noch mehrfach nachträglich korrigiert wurde, also inzwischen neugelernte Schreibungen wiederum ungültig werden ließ und somit immer verwirrender wurde, ist aber der durch die Reform vermittelte Eindruck vieler Schriftbenutzer, daß man ja jetzt schreiben könne, wie man wolle. Also gaben es viele vormals gutmeinende Schreiber schlichterdings auf, sich weiterhin überhaupt zu bemühen, korrekt zu schreiben. Hinzu kommen weitere Aspekte. Zum Einen können wir eine zunehmend stärkere Stellung des Individuums beobachten. Das hat unbestreitbar Vorteile, denn wir wollen ja keine gesichts- und rechtlose Masse sein. Wenn aber jeder sich im Mittelpunkt der Welt wähnt, seine eigenen Interessen als das Hauptanliegen nicht nur seiner selbst, sondern aller ansieht, weil ihm dies durch Erziehung und Gesellschaft so vermittelt wurde, führt das in letzter Konsequenz zu massenhaftem Egozentrismus. In Sachen Rechtschreibung führt es zur Überhöhung des Schreibers gegenüber dem – ja, den gibt es auch noch! – Leser. Jeder schreibt, wie er will, weil jeder sein Recht auf ungezwungene Entfaltung der eigenen Persönlichkeit auch beim Schreiben von Texten gleichwelchen Genres höherschätzt als das Recht des Lesers, einen unmittelbar entzifferbaren und verständlichen Text vorzufinden. Verstanden zu werden ist offenbar nachrangig, möglichst einfach und ungezwungen (sprich: ohne Regeln) zu schreiben, hat Vorrang. (Oftmals ist dies verbunden mit einer überschätzten Wichtigkeit der eigenen Person und der (schriftlich) vermittelten Botschaft. Der Leser möge sich bitte bemühen, mein, Schreibers, Geschreibsel zu entziffern, ansonsten entgeht ihm halt Weltbewegendes! Von wegen! Dem Leser ist mein Geschreibsel gerade so wichtig, wie er in der Lage ist, es ohne größere Anstrengung zu lesen. Bietet mir als Leser der Schreiber verquastes Kauderwelsch in unentzifferbarer Rechtschreibung an, erlischt mein Interesse relativ abrupt. Denn der Leser ist natürlich ebenso sich selbst wichtignehmendes Individuum wie der Schreiber.) Zum Anderen hat das Internet dazu geführt, daß nun jedermann schnell was schreiben und weltweit publizieren kann. Es begann Ende der 90er Jahre mit E-Mails und gif-Graphik-triefenden Homepages, führte über Newsgroups und Internetforen hin zu Myspace (tot) und Facebook (noch nicht tot), derzeit gipfelnd in WhatsApp und Twitter. Letztlich schreibt heute jeder, ohne Rücksicht auf irgendwelche Regeln der Orthographie, aus unterschiedlichen Gründen: Sei es weil der Nerd gerne leetspeaks, sei es, weil die Zeichenanzahl begrenzt ist oder es unheimlich schnell gehen soll, sei es, weil von vornherein keine große Kenntnis von Orthographie und Interpunktion vorhanden war (Mehrfachnennungen möglich). Letztlich liest aber auch jeder derlei Geschriebenes, der Chance verlustiggehend, sich durch garantiert korrekt geschriebene Texte, wie zu Zeiten redigierter Bücher und Zeitschriften, seinerseits einen Schriftwortschatz in korrekter Orthographie anzueignen. Aber was soll’s, korrekt schreiben zu können ist keine gefragte Tugend mehr, weil es dafür ja die Autokorrektur gibt. Fluch der Autokorrektur! Und wir wundern uns, daß die Zahl der Legastheniker und Lese-und-Rechtschreib-Schwachen steigt. Vermutlich war der Prozentsatz an Menschen mit Legasthenie und Lese-und-Rechtschreib-Schwäche nie anders als heute, aber im Gegegnsatz zu früher (wo keineswegs alles besser war), als die Schreibfaulen halt kaum was schrieben, schreibt heute jeder (s.o.), also fällt’s jetzt auf. (Übrigens ist mir bewußt, daß es keine natürliche Fähigkeit ist, flüssig lesen und korrekt schreiben zu können, sondern eine erworbene Kulturtechnik. Die Rechtschreibregeln sind nicht gottgegeben (Denn was wäre schon gottgegeben?), sondern menschengemacht und austauschbar, oft nicht einmal in sich logisch. Es mangelt mir nicht an Verständnis für Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich solche willkürlichen und unnatürlichen Regeln einzuprägen und anzuwenden. Aber unsere Gesellschaft ist, wie sie ist, und im eigenen Interesse sollte sich jeder zumindest bemühen, die selbstgegebenen Regeln der Gesellschaft soweit einzuhalten, wie sie nicht menschenrechtswidrig sind. Raum für Veränderung besteht immer, aber bloßes Revoluzzertum (wie bei jenen, die aus Prinzip alles falschschreiben und es so den lernwilligen Legasthenikern noch schwerer machen) oder vorauseilende Kapitulation (wie bei jenen, die trotzigen Stolz zur Schau zu tragen meinen, indem sie zum Behalten der gefundenen Rechtschreibfehler auffordern), ist wenig hilfreich.)
Und warum schreibt man „blogbeitragsfrei“ jetzt klein? „Blog“ ist doch ein Hauptwort, und „Beitrag“ ist auch ein Hauptwort, und die schreibt man doch groß? Richtig, gut beobachtet! Aber „frei“ ist ein Adjektiv, ein Wie-Wort, und die schreibt man klein. Bei einem zusammengesetzten Wort, einem Kompositum, kommt es immer auf den letzten Bestandteil an. Ganz gleich, aus wie vielen Bestandteilen so ein Kompositum besteht – ist der letzte Bestandteil ein Hauptwort, schreibt man das ganze Wort groß, ist der letzte Bestandteil ein Adjektiv, ein Verb oder sonstwas, was einzeln kleingeschrieben würde, schreibt man auch das ganze lange Wort klein, ungeachtet dessen, wie der Bestandteil am Wortanfang einzeln geschrieben würde.)

Diesen leserunfreundlichen, absatzlosen, von ungeschlossenen Klammern und nicht beendeten Gedanken vermutlich nur so wimmelnden Summs wird sowieso niemand lesen, oder? Und dann auch noch Flattersatz! Egal, wird jetzt, ohne korrigierenderdings noch mal drüberzulesen, veröffentlich. Friß, Leser, oder stirb!


Schnipselruhm.

15. November 2014

Das ist, wenn sich ein Normalsterblicher für einen winzigen Moment in der Aura eines Prominenten befindet und dies seiner Umwelt zur Kenntnis bringt, gerne irgendwie dokumentiert. Früher holte man sich dann ein Autogramm zum Beweis, heutzutage macht man ein schlecht belichtetes, grobkörniges und schiefes Selfie, um es bei Instagram hochzuladen und bei Facebook zu teilen.

Ich mache sowas natürlich nicht. Ich spreche bloß drüber und prahle mit meiner Bescheidenheit. Zum Beispiel kam mir vorhin auf dem Nachhauseweg vom Einkaufen Jürgen Klopp zu Fuß entgegen. Mit leicht verkniffenem Gesichtsausdruck. Eine Millisekunde überlegte ich, ob ich etwas sagen sollte wie: „Lächeln! Wird schon wieder!“ Aber auf derlei Anbiederungen kann er ja auch verzichten, also schwieg ich und ging weiter, als wäre nichts. War ja auch nichts.


Über die Sinnlosigkeit, Kraftausdrücke zu maskieren.

21. Juni 2014

Du sollst nicht fluchen! Warum eigentlich nicht? Weil das ja auch Kinder hören könnten, klar; und denen sollst du ja ein gutes Vorbild sein. Darum überqueren wir nicht bei Rotlicht die Straße, essen unseren Teller immer fein leer, sagen „bitte“ und „danke“ und sind überhaupt immer höflich und bescheiden. Am Ende eines derart geprägten Erziehungsprozesses sind die Kinder zu Menschen herangewachsen, die den kategorischen Imperativ verinnerlicht haben, ohne ihn vielleicht je gehört zu haben. Kants Formulierung ist eh viel zu kompliziert. Und das Wort Sch… Hm. Das Wort Sch… Kehr! Jedenfalls kennen sie das Wort Sch… Mann! Sie kenne es nicht, dieses Wort. Nie hörten sie es, nie lasen sie es, und selbst benutzt haben sie es selbstverständlich auch nie. Wenn also irgendwo jemand von einem „Sch…-Tag“ spricht, den er gehabt habe, oder etwas „auf Deutsch gesagt Sch…“ findet, wissen diese Wohlerzogenen überhaupt rein gar nichts mit diesem Zischlaut anzufangen. Ist doch so, oder nicht?

Meine Oma war eine sanftmütige Frau, in der kein Arg wohnte. Ich habe sie in der Tat nie fluchen hören. Vielleicht hatte sie einfach keinen Grund dazu, trotz Flucht aus Schlesien, Ungewißheit über den Verbleib des Gatten und die Zukunft ihrer Kinder, später trotz zänkischer Nachbarn oder verglimmenden Augenlichts. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt! So war meine Oma. Eines Tages – ich war sicher noch keine zehn Jahre alt – berichtete sie mir: „Denk mal, als der Opa aus der Gefangenschaft nach Hause kam, da sagte er Scheiße!“ Sicher nicht ausgerechnet in dem Augenblick, da er nach seiner Ankunft zur Tür hereinkam, sondern überhaupt; aber ich verstand schon. Der Opa hatte vermutlich in Krieg und Gefangenschaft Situationen erlebt, in denen Höflichkeit nicht weitergeholfen hätte. Leider hatte ich nie Gelegenheit, ihn danach zu fragen. Aber meine Oma war erschüttert, daß ein gebildeter, halbwegs frommer Mann plötzlich solche Wörter kannte und benutzte.

Du sollst nicht fluchen. Warum eigentlich nicht? Weil: Wenn man den Teufel nennt, kommt er gerennt! „Meine Waffe ist das Wort“, behaupten nicht nur praktizierende Theologen. In früheren Zeiten – und nicht nur dann – wurde dem gesprochenen Wort eine Wirkmächtigkeit zuerkannt, die über schlichte perlokutive Akte hinausgeht: Wenn der König huldvoll sagt: „Ich begnadige dich!“, bist du durch diesen Sprechakt begnadigt. Freilich hängt dies ganz entscheidend mit der Person des Königs als Herrscher zusammen. Fluchworte hingegen sollten, so vermeinte man, kraft ihrerselbst wirksam sein. Abrakadabra, Simsalabim. Wer die richtigen Worte kannte, konnte durch sie große und schreckliche Taten vollbringen. Drum wurden solche Beschwörungen vor Publikum auch gerne halblaut gemurmelt, damit zwar jedem klarwar, daß hier was beschworen wurde, jedoch nicht jeder die Worte deutlich kennenlernte. Denn Wissen ist Macht! Ganz sicher aber kam es auf die exakte Formulierung, auf den exakten Wortlaut an. Verhaspeltes galt nicht. Ordentlich Gefluchtes galt dafür umso mehr, also hütet euch! Und noch heute loben wir ungern den Tag vor dem Abend, weil wir befürchten, dadurch doch noch das Unglück heraufzubeschwören.

Benutzt ein Kind erstmals zum namenlosen Entsetzen der umstehenden Erziehungsberechtigten das Wort Scheiße, lautet die erste Frage: „Woher kennst du das Wort?!“ Heutzutage gottlob nicht mehr verbunden mit einer schallenden Ohrfeige oder gefolgt von Stubenarrest. Man darf sowieso fragen, wieso Schallwellen der Qualität [ˈʃaɪ̯sə] schlimmer sein sollen als Schläge auf Kinderwangen, aber nun gut. Wenn das Kind dann leicht verwirrt gebeichtet hat, daß der Dominik im Kindergarten das gesagt habe, folgt die Belehrung: „Scheiße sagt man nicht. Das heißt Scheibenkleister!“ Der Ausdruck Scheibenkleister ist also eine Ersetzung für das Wort Scheiße, was ja schon durch den gleichlautenden Schei-Anklang deutlich wird.
(Schlimmer ist übrigens, wenn nicht der Dominik im Kindergarten das gesagt hat, sondern der Papa gestern, als ihm der Werkzeugkasten umgekippt ist. Das untergräbt natürlich die Autorität, weshalb dann streng darauf verwiesen werden muß, daß der Papa das in Ausnahmefällen sagen darf, kleine Kinder aber unter gar keinen Umständen!)
Es ist aber auch ärgerlich, daß trotz jeglicher Vorsichtsmaßnahmen jedes Kind früher oder später doch dieses Wort lernt! Noch ärgerlicher ist es, daß Tabus nachgerade dazu herausfordern, gebrochen zu werden. Tja.

Du sollst nicht fluchen? Warum eigentlich nicht! Fluchen reinigt doch die Seele, heißt es. Jedenfalls können wir den Drang, in einer emotional angespannten Situation unserem Ärger verbal Luft zu machen, nur schwer unterdrücken. Im Prinzip ist es auch gleichgültig, welche Gestalt diese Emotionsäußerung hat, sei es Mit-dem-Fuß-Aufstampfen, Mit-der-Hand-auf-den-Tisch-Schlagen oder eben einen Kraftausdruck zu rufen. Es ist immer eine Ersatzhandlung. Wenn uns die Ehefrau /slash/ der Ehemann nervt, hauen wir demjenigen nicht das Beil übern Kopf, sondern wir lassen eine Zimmertür knallen. Mittelfristig ist das dem menschlichen Miteinander zuträglicher.
Die Wortbedeutung des jeweils verwendeten Kraftausdrucks ist hier auch nicht entscheidend. Der Hundehaufen auf der Straße: Scheiße. Die Wurst in der Kloschüssel: Scheiße. Die übergekochte Milch auf der Herdplatte: [Kraftausdruck]. Natürlich soll der Kraftausdruck erkennbar einem unangenehmen Sachverhalt angelehnt sein (Exkremente stinken), denn auch Fluchen ist ein kommunikativer Akt, und die Umgebung soll ja auch mitbekommen, daß wir ungehalten sind. Aber die Wörter sind austauschbar. Im Amerikanischen zum Beispiel wird anders als in weiten Teilen Europas weniger auf Fäkalausdrücke zurückgegriffen (shit, Scheiße, merde!), sondern sich der unflätigen Kopulationssprache bedient. Es bleibt freilich im Unterkörper angesiedelt: Fuck!
Natürlich könnte sich auch jemand angewöhnen, statt des stigmatisierten Wortes Scheiße beispielsweise „Zucker!“ zu rufen. Der spontanen Emotionsäußerung desjenigen mag dies genügen, in seiner Mitteilungsfunktion an die Umwelt wäre Zucker aber mißverständlich. Kraftausdrücke sind wie jedes andere Wort einer Sprache in ihrer Bedeutung und Funktion erlernt und werden entsprechend verstanden. Das gilt auch für das Scheißevermeidungswort Scheibenkleister. Wer „Scheibenkleister“ hört, weiß nicht nur: „Aha, Kraftausdruck“, sondern er weiß überdies: „Eigentlich Scheiße.“ Die eigene Erfahrung und der Kontext lassen keine andere Deutung zu, sofern es nicht gerade darum geht, Fenster mit Transparentpapier adventlich zu schmücken. Nicht auf die Gestalt des Kraftausdrucks kommt es an, sondern einzig auf die Intention.
Zugegebenermaßen ist Scheibenkleister eine Entschärfung von Scheiße, insofern dem stinkenden Exkrement ein in Wortgestalt und Sinngehalt irgendwie lustiges Wort entgegengestellt wird, das darum, aber auch wegen seiner Funktion als Tabu-Andeutung, für Kinder natürlich attraktiv ist.

Jedenfalls ist es sinnlos, Scheiße durch das bekannte Ersatzwort zu maskieren; der Empfänger der Botschaft dechiffriert es sowieso. Das gilt umso mehr für die in schriftlicher Kommunikation oft verwendete schamhafte Andeutung Sch… oder Schei…. Der Schreiber möge sich nicht dem Wahn hingeben, er hätte nicht geflucht! Natürlich hat er das. Er hat seiner Gefühlswelt Ausdruck verliehen, und er kann sich sicher sein, daß auch das maskierte Wort so verstanden wird, wie es gemeint ist. Niemand wird sich am Kopfe kratzen und fragen, was wohl mit „Sch…“ gemeint sein könnte? Hm, Schmetterling? Scheitelpunkt? Schmarrn!

Schlimmer noch. Und das ist überhaupt der Grund, weshalb ich diesen ..äh.. Essay schreibe. Wer seine Kraftausdrücke maskiert, zieht sich scheinheilig aus der Affäre und schiebt die Verantwortung dem Empfänger der Botschaft in die Schuhe: „Ja wie, du liest aus ‚Sch…‘ Scheiße? Habe ich nicht gesagt! Ich kann nichts für deine schmutzige Phantasie!“ Aber sehr wohl!

Schlimmer noch. Ja, noch schlimmer. Denn wer in einer Situation, in der eine spontane Gefühlsäußerung einen ehrlichen Kraftausdruck plausibel erscheinen ließe, die Zeit findet, eine reflektierte Wahl zu treffen und statt des vulgären Wortes einen Ersatzausdruck zu gebrauchen oder das vulgäre Wort zu maskieren, der hätte gleichermaßen die Wahl treffen können, aufs Fluchen komplett zu verzichten. Aber so weit will denn doch niemand gehen. Und das ist doch verlogene Bigotterie.

Du sollst nicht lügen. Also fluch ruhig! Oder laß es ganz bleiben.


Mut zur Noppe.

12. Februar 2014

Lego. Sind das nicht diese Plastiksteine mit den Noppen drauf? Die man so kreativ zusammensetzen kann? Ja, könnte sein. Manchmal weiß man’s nicht. Entweder, weil man einem Produkt nicht ansieht, daß es Lego ist, oder weil ein Bauwerk so gar nicht nach Lego aussieht. Und es gibt viele Lego-Bauwerke, denn Lego ist als allgemeines Hobby ..äh.. in der Mitte der Gesellschaft angekommen, um mal etwas zu schwallen. Aber gerade bei den ambitionierteren Bauherren fällt auf, daß sich eifrig bemüht wird, die charakteristischen Noppen möglichst abzudecken. Das kann natürlich seinen Reiz haben. Ein Bauwerk von beispielsweise Neverroads ist mit vielen sichtbaren Noppen kaum vorstellbar. Ich selbst hatte auch schon so Bauten. Andererseits ist Lego halt Lego und nicht Modellbau. Es gibt Überschneidungen, aber im allgemeinen wird ein Lego-Modell seinen Ursprung immer erkennen lassen, schon weil die Form des Modells nur mit den im Lego-System verfügbaren Teilen hervorgebracht werden kann – puristische Bauweise vorausgesetzt. Und verdammt, dann kann man doch auch dazu stehen, daß es sich um Lego handelt! Lego, diese Plastiksteine mit den Noppen drauf.

Im obigen Bild sind nicht so viele Noppen zu sehen. Es ist quasi ein bildgewordenes Oxymoron, um die Pointe mal vorwegzunehmen. Denn angesichts der umsichgreifenden Noppenversteckeritis forderte der Lego-Veteran Cran, es müsse ein Visible Studs Movement geben: Zeigt her eure Noppen!
Sollte ich also tatsächlich mal wieder etwas bauen, werde ich die Noppen nicht verleugnen.


10 Jahre Apartheid!

4. Januar 2014

Kein Grund zum Jubel. Und leider viel Text.

Die Tricolore des Grauens und Braunens, sowie des Neugrauens und Neubraunens. Mithin eine Seicolore, aber wir wollen nicht spitzfindig werden. Oder doch.

Was war geschehen? Ende des Jahres 2003 kamen die ersten Sets des Modelljahres 2004 in den Handel. Irgendwas war komisch. Auf der damaligen Hauptplattform der internationalen AFOLschaft, Lugnet, verkündete Joe Meno die beunruhigende Entdeckung: Lugnet-Posting.
Lego hatte völlig unvermutet – unverhofft sowieso nicht – die Farben grau, dunkelgrau und braun im Farbton verändert, siehe oben. Die Grautöne wurden etwas bläulicher, braun wurde rötlicher.

Nun kann man ja durchaus geteilter Meinung sein, ob man die erdigeren alten Farben oder die frischeren neuen Farben schöner findet. Auch mag die hinzugewonnene Farbvielfalt begrüßenswert sein. Ganz so einfach ist es freilich nicht. Auf Lugnet jedenfalls entsponnen sich in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten recht heftige Diskussionen über den Sinn und Unsinn einer solchen Farbänderung ansich, aber auch über den Umgang der AFOLs mit der Situation, bis hin zu regelrechten Schlammschlachten zwischen Befürwortern und Gegnern des Wechsels und der Durchführung und schließlich Erklärung desselben seitens der Firma Lego. Diese waren zumindest unglücklich.

Ich selbst bin ein Gegner des Wechsels. Und zwar nicht aus bloßem Trotz, weil was verändert wurde, sondern aufgrund – wie ich hoffe – rationaler Argumente.

Erstens finde ich die neuen Farben keineswegs schöner. Die alten Farben waren wärmer, und gerade braun war klarer definiert. Die erdigeren Grautöne sind meiner Meinung nach besser geeignet zur Darstellung von Stein, wie es bei Burg- und und Bergbauten vorkommt, während die bläulicheren neuen Grautöne unnatürlich oder zumindest metallisch wirken, was ja bei entsprechenden Bauten durchaus passend ist. Und Neubraun… naja. Leider wirken altgraue Teile im direkten Kontrast zu neugrauen Teilen vergilbt; auch nicht schön.

Zweitens ist die von vielen Befürwortern ins Felde geführte Farbvielfalt auch nur vordergründig ein Gewinn. Das Argument war, in Wirklichkeit gäbe es ja auch mehr als einen Grauton! Sicher. Aber in der Wirklichkeit gibt es nahezu unendlich viele Grauschattierungen, bei Lego nun zwei, bzw. vier. Zuvor war es eine klare Abstraktion und Reduktion auf einen Grauton pro Schattierung, jetzt ist das nicht mehr ganz so klar. Ich gebe zu, das ist wahrscheinlich ein schwer nachvollziehbarer Gedanke.
Wie dem auch sei, die von den Befürwortern beschworene Kombinierbarkeit von alten und neuen Farben mit dem angeblichen Vorteil der Wirklichkeitsnähe sehe ich kritisch. In einer Mauer aus altfarbenen Grauteilen stechen neufarbene Grauteile unnatürlich blau hervor, in einer Wand aus neugrauen Teilen wirken altfarbene Teile unschön oll. Und gerade in Strukturen, die „wie aus einem Guß“ wirken sollen, ist die Kombination von verschiedenfarbigen Teilen ja ein Schuß ins Knie.

Drittens und schlimmstens führt ein Farbwechsel – unabhängig davon, welche Farben nun individuell für schöner befunden werden – dazu, daß farbkonsistentes Bauen innerhalb des ewigen Lego-Systems nicht mehr uneingeschränkt möglich ist. Denn bisweilen wurden gewisse Teile irgendwann nicht mehr hergestellt (z. B. Fingerscharniere), die es nur in alten Farben gab. Gleichzeitig werden natürlich alle neuen Teilformen bloß in neuer Farbgebung produziert. Wer also optimistisch und weltoffen mit neuen Farben baut, muß, wenn er ein altes Teil verwenden will, dessen nicht mehr aktuellen Farbstich in Kauf nehmen. Ebenso müßten die konservativen Knacker, die weiterhin mit ihrem Vorrat an altfarbenen Teilen bauen wollen, entweder auf neuartige Teilformen verzichten, oder eben deren modernen Farbstich in Kauf nehmen. So oder so ist es eine unbefriedigende Situation.

Und diese Situation besteht nun seit zehn Jahren, und sie wird auch weiterhin bestehen, sofern nicht Lego alte Teilformen reaktiviert. Davon ist jedoch nicht auszugehen. An eine Rückkehr zu den alten Farben glauben eh nur die verhärmtesten Phantasten, denn erstens hat Lego ausdrücklich betont, daß diese drei neuen Farben hinfort unabänderlich seien bis ans Ende aller Dinge (nachzulesen hier), und zweitens sind die Billunder einfach Sturköppe; wenn sie alle anderen Farben ändern würden – diese drei nun aus Prinzip nicht.

Mit dem Farbwechsel ging auch eine zweite Änderung einher. Seit dem Jahre 2004 nämlich sind die Minifigs aus Lizenzthemen nicht mehr gelbgesichtig. In Lizenzthemen stellen die Minifigs realexistierende Schauspieler dar, und die haben ja in natura auch keine gelbe Haut. Bis zum Sündenfall Lando Calrissian aus dem Set 10123 waren auch alle Lizenzfiguren aus den Serien „Star Wars“ und „Harry Potter“ einfach minifigüblich gelbgesichtig. Doch Lando wurde korrekterweise mit braunem Teint dargestellt, während seine hellhäutigen Setgenossen weiterhin gelbe Haut hatten. Damit hatte Lego indirekt zugegeben, daß die gelben Minifigs hellhäutigen Menschen entsprachen. Der blanke Rassismus! Zumal es in all den Jahren nur gelbe Minifigs gegeben hatte, und eben keine Männeken anderer Hautfarbe. Die Konsequenz aus dieser schockierenden Einsicht zog Lego dergestalt, daß hinfort Minifigs, die realexistierenden Menschen entsprachen, auch mit irgendwie natürlicherem Hautton dargestellt wurden.

Das ist ja gutgemeint, aber dennoch kacke. Denn seither gibt es zwei Minifigwelten, die sich nur schwer vereinbaren lassen. Während die Männeken aus Lizenzthemen relativ naturgetreu daherkommen, auch eine nette Vielfalt an unterschiedlichen Ethnien bieten, sind die gelben Minifigs traditioneller Prägung …naja… halt anders. Und zwar keineswegs schlechter. Schon insofern nicht, als ihre Gelbgesichtigkeit geradezu ein klassisches Markenzeichen für Lego überhaupt ist. Ein Markenzeichen, welches die Firma Lego nun selbst entwertet hat.
Doof ist ja auch, daß Lego ein diebisches Vergnügen daran zu finden scheint, den feingestalteten Figuren stets einen minifighautfarbenen Halsausschnitt zu verpassen. Damit man auch ja! nicht gelbe Köppe auf Lizenztorsi setzen kann und umgekehrt.

Jedenfalls. Seit zehn Jahren bestehen diese Dilemmata nun. Sie hatten auch ihr Gutes. Aus bloßem Frust über diese unwillkommenen Änderungen beschloß ich im Jahre 2004, das Sammeln von Star-Wars- und Harry-Potter-Sets ab sofort zu unterlassen, da hier neben die doofen neufarbenen Bauteile obendrein noch die doofen unpassenden Figuren traten, mit denen ich in meiner Lego-Welt nichts anfangen konnte. Durch den Nichterwerb von neuen Sets dieser Serien sparte ich unheimlich viel Geld, das ich sowieso nicht hatte. Das andere Gute war, daß Lego natürlich noch Vorräte an altfarbenen Teilen hatte, die sie aber nicht mehr in neuen Sets zu verwenden gedachten, wohl aber gerne noch zu Geld machen wollten. So kam es, daß in den Wühlkisten der Legoländer und zum Teil auch Lego-Brand-Stores noch für viele Monate altfarbene Neuteile erhältlich waren; eine gute Gelegenheit, das oben gesparte Geld doch noch sinnvoll einzusetzen und meine eigenen Altfarbvorräte anzureichern. Waren doch ausgerechnet grau und braun immer Farben gewesen, von denen man nicht genug haben konnte.

Und neue Sets kaufte ich ja dennoch, namentlich alles Ritterliche, was naturgemäß mit einer wahrnehmbaren Anzahl an grauen und braunen – nun also neugrauen und -braunen – Teilen aufwartete. Da ich jedoch nicht gedachte, dieses Neufarb überhaupt in Eigenbauten einzusetzen, machte ich mir auch kaum die Mühe des Sortierens. Alle Teile dieser drei Farben kamen unsortiert in die Quarantänekiste. Okay, vor einigen Jahren wurde ich doch kurz schwach, ordnete die Kiste in grobe Kategorien … und warf danach alles Neufarbene weiterhin unsortiert in Eisboxen. Das machte das Auseinandernehmen von Neusets zu einer raschen Angelegenheit.

Über eine Dekade hat sich doch einiges angesammelt. Und altersmilde, wie ich langsam werde, überlege ich, den Kram doch mal wie normales Lego zu behandel und zu sortieren, vielleicht sogar für Eigenbauten zu verwenden. Schluß mit der Apartheid!