Neutralität führt uns nirgendwo hin.

2. September 2021

Laut Wahl-O-Mat 2021 könnte ich auch die Grünen oder Die Linke wählen. Will ich aber gar nicht.


Aberglauben.

7. Juni 2020

Wieviel Glück muß man eigentlich haben, um im 21sten Jahrhundert mitten in der Stadt ein Hufeisen am Straßenrand zu finden? So geschehen mir gestern. Der Straßenrand ist die begraste Umfassung eines ehemaligen Straßenbahnoberleitungspfostens a. D., und ich gehe jeden Tag daran vorbei. Das Bändel am Hufeisen mag darauf hindeuten, daß es nicht direktermang einem Pferd die Schuhe ausgezogen hat, sondern das Ding irgendwo als Deko an der Wand hängen sollte und beispielsweise bei einem Umzug verloren ging. Wieviel Pech muß eigentlich jemand haben, um ein Hufeisen zu verlieren? Als Fußgänger!

Wenn ich noch wüßte, zwischen welche Buchseiten ich es einst zum Trocknen steckte, könnte ich auch das Beweisfoto eines von mir selbstgeernteten vierblättrigen Kleeblatts beibringen. Ungefähr 1994, auf der Wiese unseres Ferienhauses auf Amrum, bückte ich mich in der Ecke, in welcher der Klee wucherte, und zupfte, ohne hinzugucken, irgendein Blättchen heraus. Es hatte vier Blätter. Um den Nimbus nicht zu zerstören, prüfte ich lieber nicht nach, ob das für alle Kleepflanzen in jener Wiesenecke zutraf.

Dabei bin überhaupt nicht abergläubisch. Nee, ehrlich. Das gefundene Hufeisen halte ich vor allem für eine Kuriosität, und ich brauche keine dem Volksglauben nach mystischen Gegenstände und Talismane als Glücksbringer. Auch erschließt sich mir nicht der Zusammenhang zwischen dem Teddy auf dem Pult der Wer-wird-Millionär-Kandidatin und der Beantwortbarkeit der zufällig zugewiesenen Fragen. Zumal die ja dann doch alle nicht bis zur Million kommen. Macht das eigentlich niemanden stutzig?

Meine frommen Eltern würden Aberglauben ungefähr als etwas definiern, was Menschen glauben, ohne daß es Teil der ortsüblichen Religion wäre bzw. derselben widerspricht, mithin alles von Katholizismus (Hostien, Heiligenverehrung, Mariä Himmelfahrt) über Anthroposophie (Die Lehren Rudolf Steiners stehen halt nicht in der Bibel) und Homöopathie (reine Glaubenssache) bis hin zu den folkloristischen Aberglaubenstopoi wie Handlesen, Kartenlegen, Talismane und Astrologie (um nur eine Auswahl zu nennen). Wäre da nicht ihre Frömmigkeit, könnte man meine Eltern also fast als aufgeklärte Skeptiker bezeichnen, die mir beibrachten, nicht jeden Hokuspokus unhinterfragt zu glauben. Aber auch abseits der Erziehung ließ ich mich von Helden der Kindheit beeinflussen. Da wäre zum Beispiel der Mann, der schneller zieht als sein Schatten:

Glücklicherweise übernahm ich lediglich Lucky Luke’s* eher rationale, um nicht zu sagen: unzeremonielle Herangehensweise an realweltliche Probleme, nicht seine Liebe zum Toback. Es kommt ihm also nur eine selektive Vorbildfunktion zu.

*) Diese Verwendung des Apostrophen schaute ich mir bei Thomas Mann ab. Im „Zauberberg“ apostrophierte er bei fremdländischen Namen (Settembrini) das Genitiv-s, weil der deutsche Leser möglicherweise die Form- und Lautgestalt des Grundworts nicht kennte. Es ist dies also kein Deppenapostroph.

Und auch der andere Comic-Held meines Vertrauens zeigt Tendenzen zu abgeklärter Vernünftigkeit.

Augenfällig an obigem Bild ist auch die Gewandung des Sehers. Um seine zur Schau gestellte „Gabe“ der Prophetie dem gutgläubigen Volk plausibel zu machen, wählte er ein ominöses Erscheinungsbild. Klappern gehört zum Handwerk. Was wäre ein katholischer Gottesdienst ohne prunkvolle Gewänder und unverständliches Latein? Was wäre eine schamanische Geistheilung ohne Federschmuck und magisches Gemurmel? Und warum sehen Fernsehastrologen immer so wallend und klunkerbehangen aus? Zumindest gemäß meinen wenigen, unbeabsichtigten Stichproben im Zuge unmotivierten Herumzappens sehen sie das. Jedenfalls mißtraue ich all diesen ostentativen Attributen des Magischen zutiefst.

Hach ja, die Astrologie. Wenn mich jemand nach meinem Sternzeichen fragt, nenne ich immer irgendwas. Prinzipiell müßten die ja mein Sternzeichen anhand meines Charakters erkennen, angeblich gibt es doch da eindeutige Zuordnungen.
Allen antiken Kulturen ist gemein, daß sie Astrologie betrieben. Unbeleckt von industrieller Lichtverschmutzung konnten die Menschen nächtens den Blick über die volle Breite der Milchstraße („Galaxie“) wandern lassen, und so, wie sie Gebilde in Wolkenformationen identifizierten, identifizierten sie auch Gebilde in Sternformationen, bloß blieben die Sterngebilde im Unterschied zu den Wolken augenscheinlich immer dieselben, bewegten sich starr über den Himmel. Und zwischen den fest verankert, also fixierten, Fixsternen bewegten sich die frei beweglichen Planeten, ebenfalls als Lichtpunkte, weil auch sie, wie der Mond, von der Sonne angestrahlt werden, was die Leute damals aber nicht wußten, weshalb man Planeten auch Wandelsterne nennt. Was dort oben am sternenvollen Himmelszelt vor sich ging, konnte doch kein Zufall sein, konnte es? Zumal ja gleichzeitig hinieden auch Dinge sich ereigneten, parallel zu den sich ändernden Sternenformationen und Planetenstellungen. Da mußte doch ein Zusammenhang bestehen, mußte er? „Draußen regnet’s, drinnen spielen sie Brahms“, pflegte mein Vater zu sagen; soviel zum Zusammenhang. Korellationen sind keine Kausalitäten.

Die Grundlage der heute praktizierten Astrologie ist die antike Astrologie, immerhin geht es um dieselben Sterne. Und man würde ja wohl nicht annähernd ununterbrochen seit Tausenden von Jahren diese Kunst ausüben, wenn sich die Horoskope nicht als zuverlässige Anhaltspunkte zur Lebensbewältigung und Entscheidungsfindung bewährt hätten, würde man? (Spoiler Alert: Man würde.)

Wenn ich das richtig verstanden habe, wofür es keine Garantie gibt, ist für eine astrologische Vorhersage oder ein Horoskop die Stellung der Planeten zueinander und zu den Sternbildern entscheidend. Den Sternbildern und Planeten sowie der Sonne und dem Mond sind jeweils Eigenschaften, Symbolismen, Wertigkeiten und was weiß denn ich! zugeschrieben, und auf die Kombination all dessen kommt es an. Abgesehen davon, daß ich mir die Frage stelle, woher denn die Erdenbewohner wissen wollen, welche bedeutungsvollen Eigenschaften einer doch letztendlich zufällig zu einer benamsten Konstellation gruppierten Anzahl Sterne innewohnen; und außer Acht lassend, daß unterschiedliche Kulturen rund um den Globus jeweils andere Sterne (zum Teil solche, die in anderen Teilen der Welt gar nicht zu sehen sind) zu jeweils anderen Konstellationen mit jeweils anderen zugeschriebenen Eigenschaften zusammenfaßten; und ignorierend, daß die Menschen des Altertums die Erde, auf der sie lebten, gar nicht als einen der Wandelsterne erkannten, die da fix über den Himmel zischten, sondern sie als den Mittelpunkt betrachteten, um den sich alles dreht; all dies vernachlässigend gibt es einen weiteren Grund, weshalb noch nie, noch nie ein Horoskop gestimmt haben kann: Das Inventar ist einfach nicht vollständig.

Im Altertum schauten die Sternkundler in den Himmel und sahen mit bloßem Auge – zugegeben – sehr viel mehr Sterne als wir. Außerdem sahen sie die Sonne, den Mond, ab und zu einen Kometen, bisweilen Sternschnuppen, ganz selten Supernovae, und sie sahen die fünf Planeten. Auf dieser Grundlage erstellten sie ihre Horoskope oder wie auch immer sie es nannten; sie deuteten die Sterne. Fünf Planeten? Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn.

Und was ist mit Uranus? Was ist mit Neptun? Was ist mit Pluto, ganz gleich ob Planet oder Planetoid? Was ist mit Ceres, mit Sedna, mit Haumea, Quaoar und wie sie alle heißen? Was ist mit den einzelnen Gesteinsbrocken im Astereoidengürtel, was mit den Objekten in der Oortschen Wolke? Ist nicht letztlich jedes Staubkörnchen in den Ringen des Saturn ein Objekt, welches für sich genommen und in Konstellationen mit anderen derartigen Objekten eine Eigenschaft und Bedeutung haben müßte, wie sie auch die damals bekannten Objekte im Universum zugesprochen bekamen? Zwar sind all diese Planeten und Planetoiden, Meteoriten und Asteroiden mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen (außer Uranus, wenn man ganz genau hinschaut und weiß, wo man suchen muß, was die Alten aber nicht wußten), nichtsdestotrotz sind sie da. Sie haben physikalische Eigenschaften, die sie den immer schon bekannten Planeten gleichstellen, also müßten sie auch metaphysikalisch vergleichbare Eigenschaften haben und Einfluß auf die Geschicke der Erdenmenschen nehmen. Doch mehrere tausend Jahre lang wurde dieser Einfluß qua Unkenntnis beiseite gelassen, von dem Einfluß, den die Abermilliarden anderen Galaxien außerhalb unserer Milchstraße haben müßten, gar nicht zu reden. Im Lichte dieser Erkenntnis kann ich nur zu einem Schluß kommen: Noch nie hat ein Horoskop alle Faktoren berücksichtigt, also kann noch nie ein Horoskop gestimmt haben. Sollte mal etwas wie vorhergesehen eingetroffen sein, ist das allenfalls auf den Zufall zurückzuführen.

Doch zurück zum Hufeisen. Es ist das Symbol für das Pferdewesen und den Reitsport, nicht zuletzt bei Lego. Es erhebt sich über dem Reiterhof 6379 ebenso, wie es das Hemd der Paradisa-Pferdewirtin ziert. Hat man ja alles. Und weil dieses Emblem so schön plakativ in Rittertradition auf der Brust der ProtagonistInn*en prangt, hob ich just ein neues Rittergeschlecht aus der Taufe:

Dies müssen die wahren Glücksritter sein. Ach nee, glaube ich ja nicht.


Telephonstreich.

19. März 2020

Wer regelmäßig im Auto unterwegs ist und dabei Radio hört, vor allem auf langen Strecken, hat mit mindestens zwei Ärger-, aber nur selten mit Hornissen zu kämpfen: Alle 35 Kilometer ändert sich die Frequenz des eingestellten Radiosenders. Und Radio-Comedy. Ersteres könnte die Rettung vor zweiterem sein, würde nicht ausnahmslos jeder Radiosender es darauf anlegen, seine Hörer, Hörerinnen und Unentschiedene mit Comedy-Beiträgen zu töten. Weil man vor Langeweile am Steuer einschläft. Mit etwas Glück ist man aber schon tot, ehe das Comedy-Segment geschaltet wird, weil man auf der Tour bereits zehnmal die Superhits der 80er, der 90er und das Beste von heute gehört hat, wobei das Beste von heute die Endlosschleife der immerselben Retortenhits darstellt, welche bis zum Erbrechen durchzunudeln die Sendeanstalten sich gegenüber der Musikindustrie offenbar verpflichtet haben, und zwar auch die Öffentlich-Rechtlichen. Wozu zahle ich eigentlich Gebühren, wenn es dann nur fürs GEMA-Rundumsorglospaket reicht?

Die Comedy jedenfalls und an dieser Stelle bricht der Satz ab, weil mir da echt die Worte fehlen. Das war übrigens ein Anakoluth. Kann jeder selbst googlen. Die allerhöchste Kunst in dieser Disziplin ist dann der – so heißt es wohl in der Sprache unserer Zeit – Prank Call. Also ein Scherzanruf. Ein Mensch mit lustiger Stimme ruft bei jemandem an und konfrontiert die arglose Person mit irgendwas, was potenziell herzinfarktwürdig wäre; aber dann wird’s halt nicht gesendet. Lustig, lustig. Nachfolgend Tralalalala aus der Hitmaschine. Es freuen sich der Zahnarzt und der Mechaniker, der das verbissene Lenkrad austauschen darf.

Apropos Telephon. Es gibt ja PayPal, ne? Damit kann man Geldbeträge an Mail-Adressen versenden, was sehr praktisch ist. Sicherheitshalber muß man in seinem PayPal-Konto eine Telephonnummer hinterlegt haben, um gegebenenfalls auf diesem Wege sein Paßwort zurücksetzen oder sich überhaupt authentifizieren zu können. Sehe ich ein, also habe auch ich dort meine Telephonnummer angegeben. Vor ungefähr 16 oder 17 Jahren. Laß es 18 Jahre sein. So, fast forward ins Jetzt, vor zwei Tagen wollte ich mich bei PayPal einloggen. Ging nicht. Schuldbewußt akzeptierte ich, daß ich mich offenbar beim Paßwort vertippt hatte und versuchte es erneut. Ging nicht. „Wir können Sie nicht einloggen“, stand da, mit Hinweisen zur Fehlerbehebung, namentlich Sicherheitsfrage, Paßwortzurücksetzen, Captcha-Authentifizierung und – jetzt kommt’s – telephonischer Code-Übermittlung. Nacheinander probierte ich sämtliche Angebote aus. Ging nicht. Ging nicht. Ging nicht. Ging nicht. Und mit „Ging nicht“ meine ich nicht, daß meine Sicherheitsfragenantworten falsch oder meine Code-Übermittlung fehlerhaft gewesen wären, keineswegs. Alles wurde mit grünen Häkchen bestätigt. Aber das Ergebnis blieb: „Wir können Sie nicht einloggen.“ Also ich schweren Herzens beim Kundendienst angerufen. Prädikat weggelassen, um Ereignisnähe zu dokumentieren. Die freundliche Dame beim Kundendienst konnte auch in der Tat die wahrscheinliche Fehlerquelle identifizieren.

*Trommelwirbel*

Und zwar ist die von mir bei PayPal hinterlegte Telephonnummer eine Festnetznummer. Damit konnte der Gesetzgeber ja nicht rechnen, als er, modern, wie son Gesetzgeber ja traditionell ist, bestimmte, daß derartige Bezahlsysteme im Zuge der Multifaktorauthentifizierung mithilfe von Mobiltelephonen die Konto-Sicherheit erhöhen müssen. Ich besitze aber gar kein Mobiltelephon.

„Ach, äh, sprichst du von einem Mobiltelephon aus? *seufz* Ich kenn‘ Sie nicht! Wer ist da? Kommen Sie nicht her! Ich hänge jetzt auf! Telephonstreich! Telephonstreich!“ So reagierte Lance, als Vincent ihm mitten in der Nacht vom Handy aus ankündigte, in größtmöglicher zeitlicher Kürze die überdosierte Gattin des örtlichen Gangsterbosses vorbeizubringen. Weil son Mobiltelephon einfach zu unsicher war. Aber für PayPal reicht’s.

Ungeachtet der Sicherheitsproblematik, die am Ende des zweiten Jahrzehnts des 21sten Jahrhunderts vielleicht keine mehr ist, was ich kaum glauben kann, fühle ich mich als Nichtbesitzer eines Handys zunehmend diskriminiert. Ernsthaft. Als ich einen Instagram-Account anlegte, mußte ich feststellen, daß ich ohne Handy dort gar keine Bilder hochladen kann. Als ich einen Twitter-Account anlegte, wurde mir ein Riegel vorgeschoben, indem von mir eine Handy-Nummer zur Authentifizierung verlangt wurde. Einen Facebook-Account kann man ebenfalls nur noch anlegen, wenn man eine Handy-Nummer angibt. Das alles wäre mir schnuppe. Aber nach 16 oder 17 Jahren, laß es 18 sein, die ich unbeanstandet per PayPal bezahlen konnte, wird mir nun quasi ein Handy aufgezwungen. So ich denn auf den zwar nicht nennenswerten aber doch vorhandenen und vor allem mir zustehenden Betrag zugreifen möchte, der sich derzeit auf meinem PayPal-Konto befindet. Der moderne Gesetzgeber überschätzt die Ubiquität des Handybesitzes. Ubiquität kann auch jeder selbst googlen, ihr habt ja alle ein Handy.
Ich gehöre nicht mehr dazu. Wesentliche Bereiche des Internets sind mir verschlossen, weil das Gesetz es befahl. Und dafür zahle ich Steuern? Das halte ich für einen groben Streich.


Politisches Dschungelcamp.

18. Februar 2020

Justament lese ich bei Spiegel-Online – und jeder weiß, daß der „Spiegel“ die „Bild“ der sich für intellektuell Haltenden ist – Doppelpunkt, Anführungszeichen unten, Zitat: „Problem M – Bei den Christdemokraten laufen sich potenzielle Nachfolger warm – doch wird die Kanzlerin vorzeitige Neuwahlen ermöglichen? Viel deutet darauf hin, dass Angela Merkel einfach weiter regieren will. Das wird zur Schwierigkeit für die CDU.“

Ich brauche den hinter diesem Anreißer steckenden Artikel nicht einmal zu lesen, um sooo eine Krawatte zu bekommen. Allenthalben wird bejammert, daß die Menschen („die Menschen draußen im Land“) das Vertrauen in die Politik verloren hätten (hatten sie dieses Vertrauen jemals?), daß die Politiker die Menschen (s. o.) nicht mehr erreichten, daß die Menschen (…) politikverdrossen seien. Von „Machteliten“ ist die nicht lobhudelnd gemeinte Rede, von verkrusteten Strukturen und Prozessen, die mit der Lebenswirklichkeit dieser …na, wie gleich…? ach ja: Menschen nichts zu tun hätten, und all son mittlerweile ritualisiert vorgetragener Killefitt. Überdies stehen alle Beteiligten am politischen Spiel sich ratlos am Kopfe kratzend vor der in der Tat bedauerlichen Tatsache, daß gewisse Bevölkerungsgruppen rechts des Konservativismus nicht einmal mehr der „Bild“ noch Glauben schenken und nicht müde werden, völlig ironiefrei von der „Lügenpresse“ zu schwadronieren.

Aber ist das so verwunderlich? Die Politiker, nämlich die Berufspolitiker, also vor allem diejenigen Politiker in höheren staatstragenden Positionen und Ämtern, mithin „die da oben“ tun ja auch so allerhand, was den *hüstel* Menschen, die sich wählenderweise bitte für die Politik zu interessieren haben, aber mehr bitte auch nicht, nur schwer verständlich gemacht werden kann. So wird zum Beispiel monatelang ein Europawahlkampf mit Spitzenkandidaten geführt, um den Menschen mit solchen plakattauglichen Personen das Excitement zu geben, das sie aus ihren nationalen Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen gewohnt sind, und das sie bisher in diesen drögen Europawahlen vermißt hatten (wie die Parteistrategen herausgefunden zu haben meinen), und dann? Dann wird nach erfolgter Wahl der mehr oder weniger vom Wählervotum getragene sogenannte Spitzenkandidat gar nicht berücksichtigt, und jemand völlig Ungewähltes wird zur Spitzenkandidatin befördert, im Hinterzimmer, ohne auch nur den Hauch eines Wählerauftrags, wiewohl der ganze Spitzenkandidatszinnober zuvor natürlich auch nur Augenwischerei gewesen war. Hilfreich? Na, weiß nicht.

Und Thüringen. Was soll ich dazu noch Worte verlieren. Die Parteien, die’s gewohnt sind, irgendwie die Macht unter sich aufzuteilen, und die sich als „demokratisch“ verstehen im Gegensatz zur „verfickten AfD“, wie mein Europaabgeordneter Sonneborn diese ehemalige Anti-Euro-, später Anti-alles-, und inzwischen anti-antifaschistische Partei zu titulieren beliebt, können sich nicht zusammenreißen und wählen lieber einen von dieser AfD mitgewählten 5%-Abgeordneten zum Ministerpräsidenten, statt ihrem Gewäsch des Musters „unter Demokraten ist jeder mit jedem koalitionsfähig“ mal was Handfestes folgen zu lassen, nämlich die Erfüllung dieses Demokratieschwurs. Ein Bubenstück von Bernd H. und insgesamt eine Hanswurstiade ersten Ranges, keine Frage, sehr publikumswirksam und gewiß recht unterhaltend, aber hilfreich? Na, ich weiß ja nicht.

Im Zuge dieser thüringer Bratwurstiade rollten Köpfe, nicht zuletzt jener der erst kürzlich unter großem Hallo mit Casting-Show und allem gewählten Vorsitzenden der Christlich Demokratischen Union Deutschlands (vulgo: CDU), einer politischen Partei (dies nur für alle, die bei diesen ganzen Casting-Shows den Überblick verloren haben, wer da eigentlich jeweils was ist). Dieses CDU-Casting war irgendwie nötig geworden, weil die amtierende Bundeskanzlerin vor geraumer Zeit angekündigt hatte, kurzfristig nicht wieder für den Vorsitz dieser Partei zu kandidieren, und mittelfristig nach Ablauf ihres Engagements als Bundeskanzlerin ihren Vertrag nicht verlängern zu wollen. Und hier kommt der oberwähnte „Spiegel“-Artikel, den ich nicht gelesen habe, ins Spiel: Angela Merkel ist nämlich noch Kanzlerin, denn als solche wurde sie von der Mehrheit des Bundestages gewählt, und das bleibt sie so lange, bis sie durch ein von der Mehrheit des Bundestages gewähltes Kanzler-Asterisk gleichwelchen grammatischen Geschlechts ersetzt wird, entweder durch ein konstruktives Mißtrauensvotum, oder weil nach einer Neuwahl des Bundestages eben eine andere Bundestagesabgeordnete oder ein anderer Bundestagsabgeordneter oder ein ander* Bundestagesabgeordnet* (Seufz) zum/zur/zu* Bundeskanzler*in/In (Seufz) gewählt wird.

Nun steht im Teaser aber, „dass Angela Merkel einfach weiter regieren will“, und es klingt, als wäre das seitens Merkels eine unverfrorene Anmaßung. Und das macht wiederum mich fassungslos angesichts all der oben angerissenen Probleme hinsichtlich des beobachtbaren Vertrauensverlustes von Politik und Medien. Gefragt wird, ob die Kanzlerin vorzeitige Neuwahlen ermöglichen werde, was insinuiert, daß dies gängige verfassungsgewollte Praxis zur Beendigung einer Kanzlerschaft sei.

Nun ist die Geschichte der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland in der Tat geprägt von vorzeitigen Kanzlerschaftsenden. Konrad Adenauer (CDU) trat 1963 im Alter von 88 Jahren zurück, geschwächt durch die Spiegel-Affäre, und weil in seiner Partei auch mal Jüngere ans Ruder wollten. Sein Nachfolger Ludwig Erhardt (CDU) trat 1966 zurück, weil ihm der Koalitionspartner, die FDP, von der Fahne ging. Es kam ab Dezember 1966 zur großen Koalition unter dem bis dahin ungeohrfeigten Kurt Georg Kiesinger (NSDAP/CDU), welcher zwar nicht Bundestagsabgeordneter, aber Ministerpräsident von Baden-Württemberg war und als solcher die Berechtigung zur Teilnahme an Bundestagssitzungen innehatte. Stimmrecht im Bundestag hatte er während seiner Kanzlerschaft ebensowenig wie ein Wählermandat. Bei den folgenden Bundestagswahlen 1969 bekam Kiesinger zwar das Wählermandat, jedoch nicht die erneute Kanzlerschaft, denn zu seinem Nachfolger wurde Willy Brandt (SPD) gewählt. Dieser überstand zwar 1972 ein konstruktives Mißtrauensvotum, durch welches Rainer Barzel (CDU) sich erhofft hatte, zu Kanzlerwürden zu kommen, doch mußte er 1974 vor dem regulären Ende seiner zweiten Amtszeit zurücktreten, weil sein persönlicher Referent als Spion der DDR enttarnt worden war. Sein Nachfolger wurde Helmut Schmidt (SPD). Dieser wiederum trat nicht zurück, obwohl er dies während der Ereignisse des „Deutschen Herbstes“ erwogen hatte, hätte es denn bei der Erstürmung der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ Tote unter den Passagieren gegeben. Am 1. Oktober 1982 kam es zum Konstruktiven Mißtrauensvotum gegen ihn, weil ihm sein Koalitionspartner, die FDP, von der Fahne ging. Zum Nachfolger wurde der Abgeordnete Dr. Helmut Kohl (CDU) gewählt. Da Kohl bei den Bundestagswahlen 1980 nicht Kanzlerkandidat gewesen war, und weil die FDP unter der Voraussetzung einer beabsichtigten Koalition mit der SPD in den vorherigen Wahlkampf gezogen war, hatten alle ein schlechtes Gewissen und wollten ihre frisch geschmiedete Koalition durch vorgezogene Bundestagswahlen vom Staatsvolk legitimiert wissen. Klingt ehrenhaft. Zu diesem Zweck stellte sich Kohl, soeben frisch gewählter Bundeskanzler, direkt einem nicht konstruktiven Mißtrauensvotum, und eine erforderliche Mehrheit der Abgeordneten von CDU und FDP, einzig ihrem Gewissen unterworfen, verweigerte dem kürzlich erst gewählten Kanzler die Gefolgschaft, was eine Auflösung des Bundestags und Neuwahlen unumgänglich machte. Klingt nicht gar so ehrenhaft. Kohl regierte anschließend für 16 Jahre und wurde dann nicht wiedergewählt, obwohl die Wahlkampfkasse der CDU doch gutgefüllt war. Sein Nachfolger wurde 1998 Gerhard Schröder (SPD) in einer Koaltion mit den Grünen. In seiner ersten Amtszeit konnte er sich auf eine komfortable Bundestagsmehrheit stützen, in seiner zweiten nur noch auf eine hauchdünne. Dies nahm Schröder (immer noch SPD) zum Anlaß, im Jahre 2005 durch vorgezogene Neuwahlen die Fronten neu klären zu lassen. Ähnlich wie sein Vorgänger stellte darum auch er die Vertrauensfrage in der Absicht, das Vertrauen nicht ausgesprochen zu bekommen, was – o Wunder! – auch genau so eintraf. Bei den durch dieses Maneuver neutig gewordenen Wahlen kamen Mehrheitsverhältnisse zustande, die zu einer großen Koalition unter Angela Merkel (CDU) führten. Und seitdem ist sie Kanzlerin.

Wie wir sehen konnten, sind die wenigsten Amtszeiten der Bundeskanzler durch eine reguläre Bundestagswahl mit neuen Mehrheiten und somit nichterfolgter Wiederwahl zu Ende gegangen; Kiesinger wurde nicht wiedergewählt, und Kohl ebenfalls nicht. Alle anderen sind vorzeitig zurückgetreten, selten freiwillig, oder scheiterten an einem Mißtrauensvotum, dies sehr viel freiwilliger. Die Art, wie derartige Mißtrauensfragen eingestielt wurden, mutet wenig demokratisch an, denn die Wähler hatten sich ja mal für die jeweiligen Mehrheitsverhältnisse unter der Prämisse entschieden, daß der/die/das Kanditatenwesen dann Kanzlerwesen würde. Die Mauscheleien, die der gewollten Auflösung des Bundestages vorausgingen, waren also politische Taschenspielertricks, die den Anschein der Verfassungstreue wahren sollten, während der Geist der Verfassung mit Füßen getreten wurde (Kann man Geister treten?), denn die bittere Erfahrung der Weimarer Zeit hatte den wenigen Müttern und vielen Vätern des Grundgesetzes gezeigt, daß eine politische Ausnahmesituation ohne funktionstüchtige Regierung unbedingt zu vermeiden sei, weswegen eben das konstruktive Mißtrauensvotum mit unmittelbarer Neuwahl eines Nachfolgers im Amt des Bundeskanzlers installiert wurde; als bloßes Spielzeug in den Händen der – da haben wir sie wieder – Machteliten war es nicht gedacht. Die Institutionen und Prozesse des politischen Lebens werden als altehrwürdig und staatstragend dargestellt, eifrig wird sich bemüht, in politischen Hochämtern öffentlichkeitswirksam dem Buchstaben des Gesetzes Rechnung zu tragen, und doch verkommt all dies zu bloßem Possenspiel und Mummenschanz mit wenig mehr Gehalt als Dschungelcamp und Castingshows.

Und wer also nun fordert, Angela Merkel solle „Neuwahlen ermöglichen“, um dadurch ihre Amtszeit vorzeitig zu beenden und die Mehrheiten im Bundestag neu durchzumischen, will den von der Verfassung vorgesehenen Ausnahme- und Krisenfall zur Normalität erheben. Was ist denn davon zu halten? Weimar haben wir schon erwähnt, und wem hat der ewige Wechsel in der Reichskanzlei, wem haben die in der Krise erlassenenen Notstandsgesetze letztlich genützt? Eben. Und Medien, die leichthin mit solchen Erwägungen spielen, beklagen sich, daß ihnen das Vertrauen der Menschen draußen im Lande flöten geht. Na weeßte!


Lego kauft Bricklink.

26. November 2019

Wie man hier, hier, nicht zuletzt hier, und sogar hier erfahren kann, kauft die Lego Company die BrickLink Company. Ein normaler Vorgang in der Geschäftswelt. Eine Firma kauft eine andere, „schluckt“ sie, wie der an Erfahrung verhärmte Volksmund sagt, und alles ist super, wie man den Pressemitteilungen zu entnehmen das Privileg hat. Die kaufende Firma ist einen Konkurrenten los und verleibt sich dessen Ressourcen an Know-How, Klientel und Sachwerten ein, der Eigentümer der verkauften Firma bekommt einen Batzen Geld, und wer auch immer managenderweise seine Finger im Spiel hatte, freut sich über eine Provision, die sich prozentual nach dem Transaktionswert richtet. Alle sind glücklich. Naja, außer in der Regel die Angestellten beider Firmen, insbesondere nicht diejenigen des geschluckten „Partners“. Denn noch nie in der Geschichte des Schluckens ist so ein Deal über die Bühne gegangen, ohne daß dies mit der Verkleinerung des Gesamtumfangs des aus der Fusion entstandenen Unternehmens einhergegangen wäre. Nun, die Zahl der Angestellten von BrickLink ist überschaubar, handelt es sich doch im Wesentlichen um eine Online-Plattform, die mit wenigen Programmierern und Administratoren und vielen freiwillig Beitragenden auskommt; darum soll das also unsere Besorgnis nicht sein!

Von Seiten Legos verlautbart das Erwartbare: Vollkommen excited, totale Wertschätzung, wir tun’s für die supertollen Fans, freuen uns auf den superkreativen Input, nichts wird sich ändern, aber alles wird besser, was son Vielphras halt zu verlautbaren hat. Es kann ja jeder selbst die oben verlinkten Interviews auf Brickset.com und The Brothers Brick nachlesen, auch der CEO von Lego äußerte sich auf Bricklink entsprechend.

Was ist davon zu halten? Nichts, natürlich. Lego hat ein Interesse daran, den größten fanbasierten Online-Marktplatz für seine Produkte unter Kontrolle zu bekommen, sonst hätten sie sich ja nicht zum Kauf entschlossen. Den kreativen Input der AFOLs, von dem in den Verlautbarungen schwadroniert wird, können wir vernachlässigen, denn auf BrickLink geht es hauptsächlich um den Handel mit Lego-Artikeln jeglicher Art. Und wenn der Deal vollzogen ist, kann Lego nicht nur den Erstmarkt steuern, sondern auch noch den Zweitmarkt. Ist das überhaupt zulässig? Im Zweifelsfall kann Lego also auch verhindern, daß via BrickLink gewisse Dinge gehandelt werden, allem voran die ominösen Q-Parts, über deren Herkunft die Firma selbst gerne Aufschluß hätte. Wie Lego wohl mit BrickLink-Händlern verfährt, die unter ihrer, Legos, Jurisdiktion mit solchen Teilen handeln oder in der Vergangenheit gehandelt habemn? Auch der Umstand, daß Lego sehr ausdrücklich darauf bestand, jegliche Dacta- und sonstwie Educational-Sets nicht in den Sammlerkatalog aufzunehmen, könnte zu der Befürchtung Anlaß geben, der neue Eigentümer könnte diesbezüglich in den BrickLink-Katalog eingreifen und den Handel mit solchen Sets unterbinden. Und wie steht’s mit Sets, die Lego bewußt regional exklusiv vertrieben hat, bisweilen in Absprache mit Kooperationspartnern und Lizenzgebern, die ein Interesse an einer solchen Verbreitungspolitik hatten, warum auch immer? Bisher konnte der interessierte Sammler, so er das *pling* nötige Kleingeld (2 Euro ins Phasenschwein) hatte, sich dennoch, neben anderen Quellen, über BrickLink mit solchen Kollektiblen versorgen.

Natürlich bestünde auch die Chance, das Herz Bricklinks, den Katalog, der über beinahe zwanzig Jahre von Fans ohne intime Kenntnis von Legos Interna zusammengetragen wurde, mit Legos eigener Datenbank abzugleichen, zu vereinheitlichen und auf quasi offiziellen Stand zu bringen. „Chance“ sagte ich, doch auch hier lauert die Gefahr. Denn der Bricklink-Katalog spiegelt die Bedürfnisse der Käufer wieder, seien es nun Sammler oder Eigenbauer, ohne den Produktionserfordernissen Rechnung zu tragen. Soll heißen: Im BL-Katalog werden oft Unterscheidungen vorgenommen, welche den Hersteller naturgemäß nicht interessierten und zum Teil nicht bewußt sind, das auch gar nicht sein müssen; es soll kein Vorwurf sein. Für Lego ist ein roter 2×4-Stein ein roter 2×4-Stein. Für den Sammler ist ein roter 2×4-Stein von 1967 in den verschiedensten Aspekten fundamental unterschiedlich zu einem roten 2×4-Stein von 2019. Wird Lego derlei Details in einem Bricklink-Katalog unter ihrer Ägide noch zulassen? Auch wenn es bedeuten sollte, Qualitätsunterschiede zu ihren Ungunsten anzuerkennen? In den Verlautbarungen ist ja die Rede davon, daß Lego in der Übernahme BrickLinks die Chance sieht, enger mit den AFOLs in Kontakt zu treten und von ihnen zu lernen; wir werden sehen, was solche Aussagen wert sind. Skepsis ist angebracht, denn wir kennen die Firma Lego nicht erst seit gestern. Erinnert sei an das Kommunikationsgebaren anläßlich der Farbumstellungen 2004.

Und schließlich neigt die Firma Lego zu kurzfristigem Denken. Was ihr heute opportun erscheint und mit substanziellen Investitionen vorangetrieben wird, läßt sie morgen fallen wie eine heiße Kartoffel. So lancierte Lego beispielsweise im Oktober 2010 nach aufwendiger Entwicklungsarbeit ein eigenes Multiplayer-Online-Spiel nach Art von Second Life (wer kennt das überhaupt noch?) oder World of Warcraft, und schon im Januar 2012 war das Projekt „Lego Universe“ schon wieder passé. Wir sollten uns also darauf vorbereiten, daß Lego in ungefähr drei Jahren mit großem Bedauern und herzlichem Dank an alle Beteiligten sowie unter dem Bekunden tiefsten Respekts für die AFOLs mitteilt, sich außer Stande zu sehen, Bricklink weiterhin aufrecht zu erhalten, weil Firmenphilosophie und Markterfordernisse und so, ihr versteht schon. Küß die Hand und tschüß!

Vermutlich gäbe es noch viel zu sagen, zum Beispiel hinsichtlich der Vielfalt der auf Bricklink gehandelten Produkte, die bis dato nicht notwendigerweise aus dem Hause Lego stammen mußten, aber da mich das persönlich wenig tangiert, möchte ich zusammenfassen:
Entgegen sämtlichen Ankündigungen wird die Firma Lego zunächst Einfluß auf die Souveränität der einzelnen Händler nehmen, den Handel mit ihnen nicht genehmen Produkten unterbinden, um sodann das Projekt BrickLink binnen dreier Jahre zu beenden.


Jahrestage.

24. Juli 2019

Heute vor zehn (10) Jahren ließ ich mich von Jörg1680 dazu überreden, ein(en) Weblog, also ein(en) Blog, und zwar hier bei WordPress, weil er, Jörg, auch einen solchen hier hatte, zu erstellen. Ohne Konzept und mit unklarer Zielsetzung, was auch direkt zum ersten Eintrag führte, der da unter der Überschrift „Ja und nu?“ lautete: „Ich weiß schon, weshalb ich nie das Bedürfnis verspürte, Tagebuch zu führen.“ Wer den Link anklickt, bekommt genau das.

Genaugenommen wußte ich natürlich überhaupt nicht, weshalb ich nie das Bedürfnis verspürte, Tagebuch zu führen. Ich hatte dieses Bedürfnis halt nie, und ich habe es auch nie getan. Also Tagebuch geführt. Mein erster Beitrag hier war also gleich Murks mit verquerer Logik, denn gemeint hatte ich wohl, daß ich gar nicht wüßte, was ich jetzt hier schreiben sollte, so wie ich ja auch bisher nie gewußt hätte, was ich meinem Tagebuch hätte anvertrauen sollen, wobei ich ein privates Tagebuch irgendwie gedanklich mit einem öffentlich einsehbaren Blog in eine Kategorie steckte. Is‘ aber auch egal, denn zum öffentlichen Tagebuchschreiben kam es hier auch nie. Ich faßte lediglich ein-, zweimal im Monat einige Gedanken in Worte, oft, weil ich diese Gedanken mal loswerden wollte, bisweilen, um in dem Monat überhaupt einen Eintrag verfaßt zu haben. Diesen Ehrgeiz entwickelte ich immerhin.

Jedenfalls, Jahrestage. In den Statistiken, die ich ab und an mal ansehe, in der Hoffnung, durch gezielte Suchanfragen der Leser auf ein zu erörterndes Thema gestoßen zu werden, fand ich nun diese Mitteilung von WordPress:

Glückwunsch zum Jahrestag mit WordPress.com!
Du hast dich vor 10 Jahren auf WordPress.com registriert.
Danke für dein Vertrauen. Weiter viel Erfolg beim Bloggen!

Ja, danke auch. Ich habe unheimlich viel Erfolg. Die Zahl meiner Leser geht in die Dutzende!

Also, Jahrestage. Sie bedeuten mir wenig. Ein Ereignis fand statt, und einen Sonnenumlauf später jährt sich dieses Ereignis, weil seitdem 365,25 Tage vergangen sind. Mehrere Sonnenumläufe später jährt sich das Ereignis zum soundsovielten Male, erst einmal, dann zweimal, schließlich zehn mal, irgendwann vielleicht 25 mal, 50 mal, 100 mal und so weiter. Andere Kulturen bevorzugen ein anderes Kalendersystem mit anderer Zeitrechnung, insbesondere statt des Sonnenjahres das Mondjahr, und in diesen Kulturen war am 24sten Juli 2009 gar nicht der 24ste Juli 2009, sondern irgendein anderes Datum, und gemäß diesem anderen Kalendersystem jährt sich dieses Datum heute überhaupt nicht zum zehnten Male. Dabei war jener Tag unabhängig vom Kalendersystem derselbe Tag: Die Sonne ging auf, Dinge ereigneten sich, die Sonne ging unter; bloß war das Datum ein ganz anderes.

Dem Jahrestag als solchem wohnt also gar kein Wert an sich inne, sondern ein solcher Wert wird ihm allerhöchstens im Kontext eines zeitlichen Bezugssystems beigemessen, wobei das Bezugssystem austauschbar ist. Komplett willkürlich ist es freilich nicht, denn die Einteilung der Zeit in Tage und Jahre wurde ja von durchaus klugen Menschen an ein unabhängiges, fixes Objekt in der Natur geknüpft, sei es die Sonne, sei es der Mond. Besonders extrovertierte [Wort durch eigentlich gemeintes Wort ersetzen, welches mir nie auf Anhieb einfällt, nie!] Zeitgenossen [exzentrisch! Danke sehr.] richten ihr Leben vielleicht nach dem Venusjahr oder dem Saturnjahr aus, weilses geil finden; nicht, weil es nötig wäre.

Und Jahrestage? Sind die nötig? Immerhin bieten sie einen Anlaß zur Retrospektive, was ich durchaus gutheiße. Aber muß man sie feiern? Ist es eine Errungenschaft, eine Leistung, ein Achievement, wie der Anglophone sagt, ein Jahr, zehn Jahre und so weiter seit dem gefeierten Urereignis durchgehalten zu haben? Vielleicht. Aber Geburtstage beispielsweise empfand ich im Kindesalter bloß wegen der Geschenke als angenehm, nach großartiger Feierei stand mir schon damals nie der Sinn. Zumal ja die tollsten Lego-Kästen (wie wir Sets damals nannten) sowieso immer erst nach meinem Geburtstag in die Läden kamen; 1984 die grauen Ritterburgen, 1989 die Piraten. Was war also der Geburtstag wert? Richtig: Nüschte!

Und überhaupt, die „runden“ Jahrestage. 10, okay, da hat man einmal alle Finger durch. Bei 20 nimmt man noch die Zehen mit, für 21 hätte Mann noch eine Option. 25? Das ist der Halbschritt zur nächsten Null, vor allem aber ein Viertel der vollen 100. Was ist an der 100 so besonders? Das ist so ungefähr ein Lebensalter. Die wenigsten erreichen es, wenige überschreiten es. „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen“, übersetzte Luther im 90sten Psalm. An die 100 als rundeste aller runden Zahlen wurde da noch gar nicht gedacht, aber schon hier waren Vielfache von 10 offenbar ausschlaggebend. Das ist keineswegs selbstverständlich.

So gab es zwar im Griechischen der Antike zum Beispiel die akrophonischen Zahlen, die neben Einsern, welche in entsprechender Anzahl aneinandergereiht wurden, auch Zehner und halbe Zehner, also Fünfer notierte, und dies auch jeweils mit einer, zwei oder drei Nullen mehr, wiewohl es die Null natürlich nicht gab. Gleichzeitig verwendeten die Griechen aber auch die 24 Buchstaben des Alphabets als Zahlen von 1 bis 24.
Im Hebräischen wurden ebenfalls die Buchstaben als Zahlen verwendet, wobei in der Reihenfolge des Alphabets zunächst die Zahlen von 1 bis 9, dann die Zehner von 10 bis 90, dann die Hunderter von 100 bis 400 darstellbar waren, und dank der besonderen Schreibung mancher Buchstaben in Wortendstellung noch weitere fünf Zeichen für die Hunderter von 500 bis 900 zur Verfügung standen, was aber nicht häufig genutzt wurde. In den meisten Texten, insbesondere dem Alten Testament, welches naturgemäß fürs christliche Abendland grundlegend war, wurden Zahlen aber ausgeschrieben, also „dreihundertfünfundsechzig“ statt „365“. Außerdem wurden Zahlen vermieden, die JHWH ergeben hätten oder dem ähnlich sahen. Man muß halt Prioritäten setzen. So oder so ist schon eine Fixierung auf ein 10er-basiertes Zahlensystem erkennbar.
Andernorts, also zum Beispiel hier, war das durchaus nicht so. Hier war die 12 vorherrschend, was zum einen erkennbar ist daran, daß die Zahlenreihe bei Eins beginnend nicht bei zehn endet, sondern noch elf und zwölf als besondere Zahlwörter einschließt, zum andern auch daran, daß es ein auf dem Dutzend basierendes Rechensystem gab. Ein Dutzend kann man mit dem Daumen an einer Hand abzählen, wenn man nämlich die Fingerglieder von der Spitze des Kleinfingers bis zur Wurzel des Zeigefingers durchgeht. Außerdem waren 12×12 ein Gros, und 5×12 ein Schock. Nach mitteleuropäischer Denkungsart wäre also vielleicht eher der 12te Jahrestag „rund“ und feierwürdig gewesen, und eben nicht der 10te.

Wie man sieht, ist das alles, wenn auch nicht rundweg willkürlich, so doch immerhin auch nicht naturgegeben. Und wichtig ist es sowieso nicht.