CD-Regal revisited: Pink Floyd (9)

29. Oktober 2021

Konnten Pink Floyd nach dem Band-Austritt von Roger Waters also als aufgelöst betrachtet werden? Ja. (Waters zufolge.) Nein. (Gilmour zufolge.) Um dieses sein Ansinnen zu unterstreichen, veröffentlichte dieser 1987 das Album „A Momentary Lapse Of Reason“, zu Deutsch etwa „Ein vorübergehendes Aussetzen des Verstandes“. Ja, das kann man so sagen.

A Momentary Lapse Of Reason

Bis dahin waren Pink Floyd eine Band gewesen, die sich durch eine sehr dauerhafte Besetzung ausgezeichnet hatte. Nach dem ersten Album war zwar Syd Barrett mehr oder weniger, und nach dem zweiten Album vollständig durch David Gilmour ersetzt worden, und Rick Wright war mit „The Wall“ ausgeschieden; aber im Kern war Pink Floyd bekannt und erfolgreich in der Besetzung Waters/Mason/Wright/Gilmour, nur vereinzelt unterstützt durch Dick Parry am Saxophon, mit Gastauftritten von Clare Torry und Roy Harper, nicht zu vergessen auch Ron Geesin nebst Chor und Orchester auf „Atom Heart Mother“. Auf dem vorliegenden Album jedoch…
„Pink Floyd“ steht drüber, Nick Mason und David Gilmour sind abgebildet, aber die Besetzungsliste führt 19 (neunzehn) Musiker auf, darunter neben Nick Mason vier weitere Schlagzeuger und/oder Perkussionisten. Die Liste läßt sich überdies erweitern durch vier zusätzliche Song-Schreiber (die nicht Mitglieder der Band Pink Floyd sind) neben dem Produzenten Bob Ezrin, die bei den einzelnen Tracks angegeben sind. Das liest sich nicht wie ein Album, das von einer Band mit einem kohärenten Plan als Gruppe geschaffen wurde, sondern wie ein Solo-Album mit Gast-Musikern, nämlich David Gilmours Solo-Album, aber unter dem zugkräftigen Namen „Pink Floyd“. In your face, Roger Waters! Rick Wright ist als Gast-Musiker übrigens auch vertreten; aus vertraglichen Gründen durfte er nicht als Band-Mitglied aufgeführt werden, was aber auch keinen Unterschied gemacht hätte.

Die Titelgestaltung oblag traditionsgemäß Storm Thorgerson, ebenfalls als Solo-Künstler, da seine Agentur „Hipgnosis“ seit 1985 nicht mehr existierte. Das aufwendige Betten-Bild hat als Cover durchaus Kraft, jedoch wird es beschnitten durch zeittypische spät-80er Graphik-Elemente, die benutzt werden mußten, weil ja jetzt Computer verfügbar waren. Insofern paßt es perfekt zum Sound des Albums, der ebenfalls sehr 80er-typisch ist, mit Synthesizern und Hall.

David Gilmour war erkennbar darum bemüht, den typischen Pink-Floyd-Sound, der auf „The Final Cut“ so schmerzlich vermißt wurde, wieder aufleben zu lassen. Zu diesem End waren sicher der vermehrte Einsatz von Keyboards und vielleicht sogar Fast-Mitglied Rick Wright hilfreich. Demgegenüber fehlt naturgemäß das aggressiv-prägnante Baßspiel von Roger Waters, wiewohl in Person von Tony Levin ein prominenter Ersatz gefunden wurde.

Lassen wir doch zwischendurch mal „Yet Another Movie“ erklingen, bereitgestellt von Pink Floyds eigenem Youtube-Kanal:

Nun, da ich das Album nach langer Zeit mal wieder höre, finde ich es gar nicht so schlecht. Es klingt vielleicht etwas zu bombastisch, ist klanglich ganz sicher zu deutlich in den 80er Jahren verortbar, aber abgekoppelt vom Namen „Pink Floyd“ kann es was. Ein Konzept-Album durfte man unter den gegebenen Umständen nicht erwarten, und es ist auch kein solches. Sicher gibt es Hörer, die durch dieses Album zum allerersten Mal überhaupt mit Pink Floyd in Berührung kamen und dies für den ultimativen Pink-Floyd-Klang halten, aber höre ich es in Reihe mit klassischen Alben wie „Meddle“, „Dark Side Of The Moon“, „Wish You Were Here“ oder „Animals“, läßt es doch Wünsche offen. Und ich kann ja nicht einmal von mir behaupten, die Band in ihrer Blüte, nämlich eben in den 70er Jahren, bewußt erlebt zu haben.

Trotzdem besitze ich „A Momentary Lapse Of Reason“ auch als Schallplatte.

Delicate Sound of Thunder

Selbstverständlich gingen Pink Floyd mit dem neuen Album im Seesack (völlig sinnlose Wortwahl, wollte mich bloß etwas abheben) auch auf Tour. Sehr viel weniger selbstverständlich ist, daß im Jahre 1988 auch ein Live-Album veröffentlicht wurde, war es doch nach der ersten Hälfte von „Ummagumma“ und dem Konzertfilm „Live at Pompeji“ erst der dritte offizielle Live-Release von Pink Floyd; das Live-Album zur Wall-Tour erschien erst im Jahre 2000. Und da ich selbst mich die längste Zeit gar nicht für Live-Alben interessierte, nahm ich es erst kürzlich mit, als es beim Gebraucht-CD-Händler halt so rumstand und den Daumen rausstreckte. (Schon wieder so sinnlos, diese Wortwahl.)

Das Album, also darf man annehmen: auch das Konzert, beginnt direkt mal mit dem fast 12minütigen „Shine On You Crazy Diamond“, womit alle Konzertbesucher unmittelbar im Boot gewesen sein dürften. (Mit Seesack. Hmpf.) Im Folgenden wird das aktuelle Album abgehandelt, sechs der zehn Songs werden zur Aufführung gebracht: „Learning To Fly“, „Yet Another Movie“, „Round And Around“, „Sorrow“, „The Dogs of War“ und „On The Turning Away“. Die Live-Behandlung tut den Songs gut. Beispielhaft „Learning To Fly“:

Die zweite Scheibe ist dann eine Greatest-Hits-Revue, die allerdings mit „One Of These Days“ eingeleitet wird. Es folgen „Time“, „Wish You Were Here“, „Us & Them“, „Money“, „Another Brick In The Wall part II“, „Comfortably Numb“ und „Run Like Hell“. Songs von „The Final Cut“ fehlen, was kaum zur Verwunderung Anlaß zu geben vermag, wiewohl es unvermeidlich war, Lieder zu spielen, an denen Roger Waters Rechte hat. Er verdient also mit, soll er sich mal nicht so anstellen.
Weil es als das Paradebeispiel für David Gilmours Gitarrenspiel gilt, bringen wir hier mal „Comfortably Numb“ zu Gehör, ebenfalls von PFs eigenem Youtube-Kanal:

Wie eingedenk der extensiven Besetzungsliste von „A Momentary Lapse Of Reason“ zu erwarten war, rekrutiert sich auch das Personal dieser Konzertscheibe aus mehr Musikern als den drei Pink-Floyd-Mitgliedern. Guy Pratt zupft den Baß, Scott Page bedient das Saxophon. Außerdem gibt es je einen zusätzlichen Gitarristen, Keyboarder und Perkussionisten, die alle auch Gesangsparts haben, nebst drei Hintergrundsängerinnen. Auf diese Weise bringt man also einen Sound auf die Bühne, der einem den Ruf als larger-than-life Stadion-Rock-Band beschert.

(Nur mal so: „larger than life“ heißt im Deutschen „überlebensgroß“ und bezeichnet eigentlich Statuen, die im Maßstab größer sind als ein Mensch, wie etwa Michelangelos David (5,17 m hoch). Wer das mit „größer als das Leben!“ übersetzt und unironisch so verwendet, ist für mich kein falscher Freund, sondern ein echter Feind.)

The Division Bell

Mit dem 1994er Album „The Division Bell“ durfte sich auch Rick Wright endlich wieder als vollwertiges Pink-Floyd-Mitglied fühlen, sogar mit Writing-Credits. Es hätte dies mein erstes bewußt wahrgenommenes PF-Album sein können, wenn ich nicht erst 1996 überhaupt dieses Bewußtsein entwickelt hätte. Aber das erwähnte ich ja bereits vor über drei Jahren, als ich diese retrospektive Rezensionsreihe begann. Alter! Die Zeit!

Mit diesem Album waren Pink Floyd in der CD-Ära angekommen, bei der Gestaltung des Albumcovers wurde sogar der plastene Griffrand miteinbezogen: In Braille steht da „Pink Floyd“, eine Kordel oder Schlange (?) nebst dem aktuellen PF-Logo sind ertastbar. Abermals war bandfremdes Personal an der Entstehung des Albums beteiligt. Guy Pratt durfte nach seinem vorangegangenen Tourengagement nun auch hier mittun, Dick Parry gibt sich als Saxophonist zum wiederholten Male die Ehre, und war Pink Floyd einst Vorreiter auf dem Gebiet des Samplens gewesen, so erfahren sie nun bei der Programmierung von Percussion und Keyboard Unterstützung durch Gary Wallis und Jon Carin respective. Außerdem ist eine gewisse Polly Samson maßgeblich am Schreiben der Liedtexte beteiligt, wofür David Gilmour sie vom Fleck weg heiratete. Als Special Guest computerspricht Stephen Hawking Zeilen im Song „Keep Talking“, und Douglas Adams warf sein Handtuch in den Ring, als es um den Namen des Albums ging. Hut ab! High Hopes:

„High Hopes“ ist der Titelsong dieses Albums, insofern es Glockengeläut und die Worte „The ringing of the division bell“ enthält. Außerdem ist es auch der Titelgebende Song des folgenden Albums, denn es endet auf die Worte „The endless river / forever and ever“, doch dazu kommen wir noch.
„The Division Bell“ ist ein sehr gutes ..äh.. Poprock-Album. Gelegentlich läßt es Anklänge an die klassische PF-Ära erahnen, mit sehr viel gutem Willen könnte man sogar einen roten Faden spinnen und über den Begriff „Konzeptalbum“ nachdenken, um ihn aber dann doch nicht auf das vorliegende Werk anzuwenden. Alles in allem wirkt es jedoch geschlossener und einheitlicher, mehr als Gruppenarbeit erkennbar als die vorherige Scheibe. Verfolgt man im Internet, namentlich auf Youtube, Album-Hierarchien von PF-Fans und Musik-Connoisseuren, was ich tue, so kann man beobachten, daß „The Division Bell“ erstaunlich oft vordere Plätze in diesen Rankings einnimmt. Das mag an der Gefälligkeit des Materials liegen, die zwiefellos gegeben ist, vor allem im Vergleich mit Alben wie „Atom Heart Mother“, „More“ oder gar „Ummagumma“. Mir ist das freilich zu glatt. Elegische Klangteppiche hin, präzise Gilmour-Gitarre her, ich vermisse die politische Rotzigkeit des Waters’schen Basses.

Pulse

Is’n Live-Album, interessiert mich nicht. So dachte ich jahrzehntelang, bis, hach! es im Gebraucht-CD-Laden stand und mich auffordernd anblinkte. Zuvor hatte ich schon neuere Ausgaben des Albums unbeachtet stehen gelassen, weil sie mich nicht anblinkten, aber hier griff ich dann doch mal zu.

Das geht gar so weit, daß ich die CD nun, jetzt, in diesem Moment, da ich dies schreibe, zum ersten Mal einlege, um sie zu hören. Inzwischen liegt das weniger an etwaig nicht vorhander Liebe für Live-Auftritte von Pink Floyd, denn mittlerweile ist diese Liebe in mir gewachsen. Stundenlang lauschte ich historischen Mitschnitten aus der psychedelischen und programmatischen Phase der Band. Vielmehr weckte speziell diese späte Phase mit ihrem lendengeschürzten Bombastrock mein lebhaftes Desinteresse. Aber jetzt war der Sammeltrieb doch stärker, und seitdem pulsiert es hinter mir im CD-Regal; was für eine Batterieverschwendung!

„Pulse“ ist jedenfalls das 1995er Konzertalbum zur Division-Bell-Tour. Doch ein wirkliches Konzertalbum ist es gar nicht, denn es wurden Aufnahmen aus verschiedenen Veranstaltungen verwendet, die späteste datiert vom 20. Oktober 1994. Das ist insofern schade, als eine Woche später Douglas Adams als Anhalter in diese Galaxis der Spacerock-Veteranen mitgenommen wurde und auf seiner Gitarre Begleitakkorde klampfen durfte.

Und apropos Spacerock: Abermals beginnt das Konzert mit „Shine On You Crazy Diamond“, doch dann folgt „Astronomy Dominé“, welches einst das Debutalbum eröffnete. Es schließen sich an Songs vom aktuellen Album „Division Bell“, von „Momentary Lapse Of Reason“ und „The Wall“. Stephen Hawkings Beitrag zu „Keep Talking“ war dankenswerterweise eh ein Soundschnipsel, so daß der Star-Physiker nicht bei jedem Konzerttermin persönlich anwesend sein mußte. Trotzdem spielen wir hier mal „Astronomy Dominé“ an:

Die zweite Konzerthälfte wird von „Dark Side Of The Moon“ dominiert, welches in Gänze zur Darbietung kommt. Den Abschluß bilden schließlich „Wish You Were Here“, „Comfortably Numb“ und „On The Run“.

Ausgerechnet das reduzierte „Wish You Were Here“ war die Single-Auskopplung aus diesem bombastischen Live-Album.

In der Veröffentlichungshistorie folgte dann im Jahre 2000 „Is There Anybody Out There? The Wall Live 1980–81“, wovon wir es, wie der geneigte Leser sich sicher erinnern wird, bereits bei der Besprechung von „The Wall“ hatten. Hieran schlossen sich zwei Kompilationsalben an, die ich mir schenkte, weil ich von ihrer Existenz nichts mitbekam. Im Jahre 2005 traten Pink Floyd im Rahmen des Live-8-Konzerts gemeinsam auf, und gemeinsam heißt hier: zu viert, Gilmour, Mason, Wright und Waters! War das die langersehnte Versöhnung, die Wiedervereinigung, die Einmottung des Kriegsbeils? Nä. Es war ein publikumswirksamer Fototermin, nichts weiter. Im Jahre 2006 verstarb Syd Barrett. Im Jahre 2008 folgte ihm Richard Wright nach. Und so erschien schließlich und endlich, 20 Jahre nach dem vermeintlich letzten Studioalbum von Pink Floyd, im Jahre 2014:

The Endless River

Was soll man dazu sagen? Dies wäre meine Chance gewesen, auf den letzten Drücker noch ein Pink-Floyd-Album frisch bei Verkaufsstart zu erwerben, und ich ließ sie ungenutzt verstreichen. Meine Erwartungen an dieses Album, bei dem vorab klarwar, daß es keine amtliche Reunion sein würde, waren gedämpft. Richard Wright war bereits 2008 gestorben. Das Verhältnis mit Roger Waters war lange vorher schon tot. Selbst Storm Thorgerson, etatmäßiger Titelgestalter für Pink Floyd, hatte 2013 das Zeitliche gesegnet. „The Endless River“ wurde von David Gilmour und Nick Mason in Erinnerung an Rick Wright aus unveröffentlichtem Studiomaterial zusammengestellt, das bei den Aufnahmen zu „The Division Bell“ übriggeblieben war. Dazu haben Mason und Gilmour auch einiges neueingespielt. Roger Waters war nicht dazu zu bewegen, um alter Freudschaftsbande willen zu diesem Album irgendwas beizutragen. Und so bleibt es denn bei sphärischem Ambient-Sound, Klangteppichen und Collagen. Aber natürlich kaufte ich es dann irgendwann doch.

Da ist manch schöner Klang dabei, es taugt alles ganz gut als Hintergrundberieselung, zum Beispiel in diesem Augenblick. Keine Songtexte irritieren mich beim Schreiben dieser Zeilen, denn es gibt keine, es ist ein fast reines Instrumentalalbum. Einzig Stephen Hawkings Wortbeitrag zu „Keep Talking“ erklingt im Stück „Talkin‘ Hawkin'“, und nach einer Dreiviertelstunde ertönt dann doch noch David Gilmours Stimme, „Louder Than Words“:

Hätt’s das gebraucht? Vermutlich nicht. Vielleicht war das Gilmours Versuch, nach der Erfahrung mit Syd Barretts Schicksal, das in der Band dauerhaft unverarbeitet blieb und als ewiger Schatten über allem lag, wenigstens das Verhältnis zu Rick Wright, das ja in der Wall-Periode ebenfalls zerrüttet war, zu einem würdigen Abschluß zu bringen, wenn auch nur noch posthum. Mit Freund Waters war das aber offenbar nicht angemessen möglich. Schade drum. So oder so wird es nicht „The Endless River“ sein, was von Pink Floyd in Erinnerung bleiben wird. Großartige Musik von, na, sagen wir dreizehn anderen Alben wird ins musikalische Gedächtnis der Menschheit eingehen und seinen festen Platz behaupten. Behaupte ich mal.


CD-Regal revisited: Pink Floyd (7)

29. September 2020

Nachdem das Album „Dark Side of the Moon“ (DSOTM) im Jahre 1973 ein weltweiter Verkaufsschlager gewesen war, konnten sich die Jungs von Pink Floyd zunächst nur mit Mühe dazu aufraffen, sich abermals an die Arbeit zu einer weiteren Platte zu begeben, zu groß war die Last des Erfolgs. Aber half ja nichts, die Sache wollt’s. Im Januar 1975 überquerten die vier die Abbey Road, um das Studio zu entern.

Whish You Were Here

War DSOTM ein Konzeptalbum über die großen Fragen des Lebens gewesen, so gab sich Pink Floyd nun introspektiver. Den Hauptteil des Albums nimmt die Beschäftigung mit dem vormaligen Band-Kollegen und Freund Syd Barrett ein, welcher das zeittypische Rockstar-Leben der späten 60er Jahre nicht unbeschadet überstanden hatte. Kurz hatte sein Stern aufgeblitzt, hatte sein Talent als Song-Schreiber und Gitarrist zu mehreren erfolgreichen Singles und einem sehr beachtenswerten Debütalbum geführt, dann erlag sein einst wacher Geist dem Einfluß bewußtseins- ..nun ja.. -verändernder Drogen, und seine Persönlichkeit änderte sich in dem Maße, daß er für die Band als kreativer Inputgeber und verläßlicher Live-Musiker nicht mehr tragbar war. Zunächst holte man David Gilmour als zusätzlichen Gitarristen in die Band und spielte bei Auftritten um Syd herum, während dieser teilnahmslos an seinem Mikro stand. Da das kein akzeptabler Zustand war, holten die anderen vier ihn irgendwann gar nicht mehr ab und absolvierten die Auftritte ohne ihn. Zum zweiten Studio-Album steuerte er mit „Jugband Blues“ noch einen Song bei, dann wurde er gefeuert und führte fortan ein zurückgezogenes Leben in der Obhut seiner Mutter.
Der Umgang der verbliebenen Mitglieder Pink Floyds mit Syd Barrett war, gelinde gesagt, unglücklich. Halbherzig unterstützten sie ihn im Jahre 1970 noch bei der Produktion zweier Soloalben, dann brach der Kontakt weitgehend ab, unter dem Vorwand, das dies besser sei für Syd. Doch das schlechte Gewissen nagte, und das Schicksal des einstigen Freundes hing fortan wie eine Nemesis über dem Schaffen von Pink Floyd.

Im Jahre 1975 war das alles noch gar nicht so lange her, wie es aus heutiger Sicht scheint. Und dennoch. Während sie so im Studio saßen und musikalische Vergangenheitsbewältigung betrieben, fiel ihnen irgendwann ein Typ auf, groß, kahlgeschoren und aufgedunsen, den niemand zuordnen konnte. Bis sie schließlich – genau – Syd Barrett erkannten, der die Band besuchte, während sie an Songs über ihn arbeitete. Von großem Hallo und Wiedersehensfreude wird indessen nicht berichtet, die Situation war wohl vor allen Dingen awkward.

Das Album umfaßt vier Lieder, wiewohl der Song „Schine On You Crazy Diamond“ mit einer Gesamtlänge von fast 26 Minuten zweigeteilt wurde und als atmosphärische Anfangs- und Schlußsequenz die übrigen drei Stücke einrahmt. Als verrückter Diamant wird hier Syd Barrett besungen, man ahnte es. Die Songs „Welcome To The Machine“ und „Have A Cigar“ können als Abrechnung mit der Pattenindustrie aufgefaßt werden. Ersterer behandelt den zynischen Umgang der Produzenten mit den Ambitionen junger Musiker, denen man ein ausschweifendes Starrummelleben verspricht, was man ebenfalls – vielleicht überinterpretierend – auf Syd Barrett beziehen könnte. Der andere entlarvt die Musikbranche als das, was sie ist, nämlich weder an der Kunst interessiert noch an den Künstlern, sondern einzig am finanziellen Erfolg; und der ist umso größer, je weniger man in die Qualität der Musik investiert, nimm dir ’ne Zigarre! Als Gastsänger fungiert hier Roy Harper. Auf die Idee, Syd Barrett in die Produktion dieses Albums einzubeziehen, wo er doch schon mal da war, kam offenbar niemand.

Und während Syd also da saß, zugegebenermaßen nur einen Tag, und seinen alten Kollegen bei der Arbeit zusah, heißt der Titelsong „Wish You Were Here“. Der Text ist verklausuliert, aber die Titelzeile ist eindeutig. Selbst als er körperlich anwesend war, früher als Bandmitglied, nun als unerwarteter Besucher, so war er doch geistig ganz weit weg. Das war schockierend und traurig, aber irgendwie mußten Waters, Gilmour, Wright und Mason damit umgehen.
Der Song taugt auch ohne den Syd-Barrett-Kontext als – sagen wir – Liebeslied, und ist auch heute noch bisweilen im Radio zu hören, weshalb er neben „Another Brick In The Wall“, „Time“ und „Money“ zu den allgemein bekannteren Songs Pink Floyds zählt.

Und dann ist da ja noch Hipgnosis, die Graphikagentur, verantwortlich für unzählige ikonische Plattencover, unter anderem von Pink-Floyd-Alben. Der thematische Inhalt dieser Alben interessierte Storm Thorgerson und Kollegen selten, wenn es um die visuelle Repräsentation dieser Musik ging. Während Pink Floyd auf „Wish You Were Here“ gegen die Dämonen ihrer Geschichte antraten, machte Hipgnosis sein eigenes Ding.

Auf den vier Seiten der Plattenhülle – Vorder- und Rückseite der Außen- sowie Vorder- und Rückseite der Innenhülle – sind die vier Elemente dargestellt. Als ich vor langer Zeit die Bilder aufnahm, wußte ich noch nicht, was ich dazu schreiben würde, darum habe ich die Rückseiten nicht abgelichtet. Zu sehen sind Feuer und Luft (Wind). Als zusätzliches Gimmick lag der Schallplatte eine Bildpostkarte bei, die das Wasser-Motiv wiederholt:

Gewiefte Wicca-Praktizierende mögen die Verbindung sehen zwischen den vier Elementen und irgendwelchen Dämonen. Da hier die Darstellung des Elements „Erde“ fehlt, fügen wir es musikalisch in Gestalt eines Diamanten hinzu. Shine on!

Wie aus Band-Kreisen verlautbarte, war dies das letzte Pink-Floyd-Album, bei dem sich alle vier (aktiven) Mitglieder kreativ einbringen konnten. Insbesondere Rick Wrights Tasteninstrumente tragen weite Teile der Kompositionen.

Animals

Zwei Jahre später veröffentlichten Pink Floyd das letzte Album, welches vor meiner Geburt entstand, wenn auch knapp, immerhin im selben Jahr, 1977. An dieser Stelle müßte ich das Bild wieder hervorkramen, welches ich schon zuvor als Symbolfoto für Pink Floyd ver(sch)wendet hatte, das aber eindeutig dem Album „Animals“ zugeordnet ist:

Dieses Mal hat das Plattencover, wiederum gestaltet von Hipgnosis, einen deutlichen Bezug zum Inhalt des Albums. Schweine spielen eine Rolle. Und durch die vier Schornsteine wirkt die Battersea Power Station, das alte Londer Heizkraftwerk, wie ein auf dem Rücken liegendes, totes Tier. Gleichzeitig wird durch den Art-Deco-Stil des Gebäudes, steil und bedrohlich ausgeführt als „Ziegel-Kathedrale“, ein Gefühl des Unbehagens erzeugt. Dessen ungeachtet fand ich das Titelbild mit dem ersten Ansehen sehr schön, wie gemalt. In Vor-Internet-Zeiten kannte ich die Battersea Power Station natürlich gar nicht und hielt das Bild für ein Produkt der Phantasie. Aufgrund der optischen Attraktivität des Titelbildes war „Animals“ wahrscheinlich eine meiner frühesten Pink-Floyd-Erwerbungen.

Vor dem Hintergrund der Erwartungen, die sich aus meinen bisherigen Höreindrücken (Wall, DSOTM, Piper At The Gates Of Dawn) speisten, war ich beim Erklingen des ersten Songs zunächst etwas enttäuscht. „Pigs On The Wing“ ist ein kleines, akustisches Gitarrenstück, das alles vermissen ließ, was ich zu schätzen gelernt hatte: elegische Keyboard-Passagen, ausschweifende Gitarren-Soli, vernehmbaren Bass und elaboriertes Schlagzeugspiel. Doch ist es nur der Auftakt. Es folgt der Song „Dogs“. Dieser bietet alles, was ich erwartet hatte, bloß besser.
Thematisch lehnt sich „Animals“ an George Orwells „Farm der Tiere“ an, ohne jedoch eine direkte musikalische Umsetzung des Romans zu sein; vielmehr diente dieser Roger Waters als Inspiration für eine eigene sozialkritische Parabel. Oder Fabel. Die Hunde sind hier die rücksichtlosen, kapitalistischen Herrscher, Zyniker, die über Leichen gehen und am Ende einsam und verbittert zugrundegehen. 17 Minuten dauert das Lied. Es folgt „Pigs (Three Different Ones)“ mit 11 Minuten 20. Die Schweine sind hier die bigotten Politiker, denen man nicht über den Weg trauen kann, da sie nicht unsere Interessen im Sinn haben. Namentlich angesprochen wird Mary Whitehouse, eine konservative britische Aktivistin zur Entstehungszeit des Albums. Durch die Nennung des Namens ist der Song thematisch nicht unbedingt zeitlos, aber musikalisch über jeden Zweifel erhaben.
„Sheep“, ebenfalls über 10 Minuten lang, beginnt mit einem sehr entspannten Piano-Intro, für das Rick Wright eigentlich einen Writing Credit verdient gehabt hätte, welcher ihm aber verweigert wurde. Bis auf „Dogs“, für das David Gilmour einen Credit bekam, ist bei allen Songs des Albums nur Roger Waters als Autor ausgewiesen, eine Tendenz, die sich auf den folgenden Alben fortsetzen sollte. Die Schafe, um bei „Animals“ zu bleiben, sind natürlich die ahnungslosen Schafsköppe, die sich von den Hunden und Schweinen an der Nase herumführen lassen. Den Abschluß des Albums bildet die zweite Strophe von „Pigs On The Wing“. Erst im Zuge meiner recherchierenden Beschäftigung mit dem Album zur Vorbereitung auf diesen Artikel erfuhr ich, daß die 8-Track-Version von „Animals“ eine andere Version dieses Songs enthielt, sozusagen die Vollversion an einem Stück mit Gitarrensolo.

Als Höreindruck wählen wir mal „Sheep“, und sei es nur fürs Intro, offiziell von Pink Floyds Youtube-Channel:

Vor der Schlußbemerkung gönnen wir uns auch hier noch einen Blick auf die Schapllplatte. Auf ihr kommt das grandiose Titelbild naturgemäß besser zur Geltung, was hier im Internet freilich ohne Auswirkung bleibt. Die Innenhülle zeigt alle Songtexte in Nick Masons Handschrift.


Gegenwärtig ist das Gebäude in einem traurigeren Zustand, als es die Schwarzweiß-Fotos im Gatefold zeigen. 1977 war das Kraftwerk noch in Betrieb (bis 1983), die Maschinenhalle hatte noch ein Dach. Während der Aufnahmen fürs Plattencover riß sich der Schweineballon los und nahm Kurs auf Heathrow, Polizeihubschrauber nahmen die Verfolgung auf, ein Scharfschütze bereitete sich darauf vor, das Schwein brutal abzuknallen. Doch schließlich landete es auf einem Bauernhof in Kent, wo es die dort ansässigen animals und den freilaufenden Bauern in Aufregung versetzte.

Schlußbemerkung

Auf „Animals“ folgte „The Wall“ mit all dem Drama. Richard Wright nahm an den Aufnahmen teil, verließ die Band, wurde als bezahlter Tourmusiker für die Wall-Aufführungen engagiert und dann endgültig gefeuert. Das besiegelte das Ende der klassischen Periode im Band-Leben Pink Floyds. Dannach kam aber noch so allerhand, dem wir uns zu einem späteren Zeitpunkt widmen werden.

Für interessant erachte ich einen Blick auf die Sequenzierungen der einzelnen Alben, also auf die Song-Aufteilungen. Die ersten beiden Alben und die Soundtracks „More“ und „Obscured by Clouds“ sowie die Compilation-Albums sind da weniger auffällig. Sie enthalten der Reihe nach Songs von mehr oder weniger handelsüblicher Länge. Doch dann geht’s los:

„Ummagumma“ ist ein Doppelalbum, dessen erste Scheibe vier Live-Aufnahmen enthält, und dessen zweite Scheibe vier Solo-Beiträge der einzelnen Band-Mitglieder umfaßt, bzw. fünf, da Roger Waters zwei Songs beisteuerte. So weit, so ungewöhnlich.

„Atom Heart Mother“ füllt die komplette A-Seite mit dem über 20-minütigen Titelstück, auf der B-Seite befinden sich vier Songs von üblicher Länge.

„Meddle“ hat auf der A-Seite fünf „normale“ Songs, dafür füllt „Echoes“ mit über 20 Minuten die komplette B-Seite aus.

„Dark Side Of The Moon“ beinhaltet zwar neun Stücke von unauffälliger Länge, jedoch gehen diese ineinander über, so daß A- und B-Seite sozusagen jeweils einen einzigen Track von um die 20 Minuten enthalten.

„Wish You Were Here“ beginnt und endet mit dem ersten und zweiten Teil eines Songs, jeweils über 10 Minuten lang, dazwischen drei Lieder von üblicher Länge.

„Animals“ beginnt und endet mit dem ersten und zweiten Teil eines Songs, diesmal unter zwei Minuten lang, dafür umrahmt er drei Lieder von über 10 Minuten Länge.

Und „The Wall“ schließlich ist ein Doppelalbum mit einzelnen Songs, die aber einem durchgehenden Konzept folgen, deren Reihenfolge also nicht willkürlich ist.

Offenbar war die Band bemüht, die Sequenzierung abwechslungreich zu gestalten und Wiederholungen zu vermeiden. Wäre „Shine On You Crazy Diamond“ nicht geteilt worden (wie David Gilmour es bevorzugt hätte), hätte sich die formale Wiederholung von „Atom Heart Mother“ oder „Meddle“ ergeben. Und „Pigs On The Wing“ in der Vollversion wäre nur ein uspektakulärer Song neben drei spektakulären Zehnminütern gewesen, so jedoch kommt ihm als „Bookends“ eine Rahmenfunktion zu. Das kann alles kein Zufall sein. Oder vielleicht auch doch. Gute Nacht!


CD-Regal revisited: Pink Floyd (5)

5. Juni 2019

Der Titel ist fehlgeleitet, denn der Chronologie gemäß müßte jetzt vermutlich die Kompilation „The Best of The Pink Floyd“ folgen, welche ich nicht besitze, schon gar nicht als CD. Als Veröffentlichungsdatum für jene Scheibe finde ich überall nur „1970“ angegeben, also könnte sie durchaus auch nach dem Album „Atom Heart Mother“ (AHM) aus demselben Jahr erschienen sein. Jedoch sind hier nur Songs von Singles und Alben versammelt, die vor 1970 erschienen, und AHM kam erst im Oktober 1970 raus, also gehen wir mal davon aus, daß dieses Best-of die Wartezeit bis zu ebenjenem Album überbrücken sollte.

Warum die Scheibe ausgerechnet „Best of“ genannt wurde, ist nicht ganz einsichtig, denn im Wesentlichen handelt es sich um eine Zusammenfassung der ersten vier Singles, ergänzt um zwei Songs vom Debütalbum, die ich persönlich allesamt nicht als das Beste von Pink Floyd bezeichnen würde. Interessant ist die Zusammenstellung dennoch, da die Songs jener Singles ja bis auf die Ausnahme „Scarecrow“ nicht auf Alben erschienen waren. Wären statt der Songs „Mathilda Mother“ und „Chapter 24“ vom Album „The Piper at the Gates of Dawn“ die beiden Songs der fünften Non-Album-Single „Point me at the Sky“/“Careful with that Axe, Eugene“ auf die Scheibe gekommen, wäre es eine perfekte Single-Kompilation gewesen. So halt nicht.

Ebenfalls erwähnenswert ist, daß nahezu alle Songs aus der Ära Syd Barretts stammen, welcher zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser LP aber längst durch David Gilmour ersetzt war. Das Titelkupfer der Erstauflage dieses Albums zeigt darob ein Gruppenfoto Pink Floyds mit David. Das ist, als würde Metallica im Booklet zu „St. Anger“ den Bassisten Robert Trujillo nennen, obwohl dieser zum Zeitpunkt der Aufnahmen fürs Album noch gar nicht in der Band war. (Ach so, hamse ja auch. Egal.)

Jedenfalls. Dieses Album besitze ich, wie gesagt, sowieso nicht. Was ich hingegen zufälligerweise besitze, weil ich es im Gebraucht-CD-Laden mit Plattenkeller nicht stehenlassen konnte, ist eine Wiederveröffentlichung dieses Albums unter dem hochtrabenden Namen „Masters of Rock: Pink Floyd“ (Vol. 1):

(Wie eine just erfolgte Internetrecherche soeben ergab, gibt es weitere Titel der Masters-of-Rock-Serie, wo dann der Union Jack gegebenenfalls durch das Star Spangled Banner ersetzt ist. Vol. 2 beschäftigt sich mit der Band Grand Funk Railroad, Vol. 3 mit der Steve Miller Band, Vol. 4 mit Steppenwolf, Vol. 5 Jeff Beck; des weiteren gibt es noch Ausgaben mit Rare Earth, Geordie, The Band, East of Eden, der Edgar Broughton Band, Wizzard und dem Electric Light Orchestra, alle in ähnlicher Aufmachung wie das gezeigte Album.)

Da die meisten Stücke auf diesem Sampler (um also mal zurück zu Pink Floyd zu kommen) auch in anderer Form veröffentlicht wurden, sei als Höreindruck „It Would Be So Nice“ gegeben, ein Lied aus der Feder Rick Wrights. Syd Barrett war nicht mehr zurechnungsfähig oder gar schon aus der Band entfernt worden, so daß er als Hit-Autor nicht mehr zur Verfügung stand; also versuchten die anderen Band-Mitglieder nun, in seinem Stil Hit-Singles zu schreiben. Das mißlang, die Single fiel an den Kassen der Plattenläden durch und schaffte es 1968 nicht in die Charts. Hören wir dennoch mal rein:

Ach, hier ist David Gilmour doch zu hören. Dem Vernehmen nach mögen die anderen Bandmitglieder diesen Song nicht, es wurde sich mehrfach abfällig über die Komposition, den Text und den Gesangsstil geäußert. Ob dies eine Reaktion auf den ausbleibenden Erfolg war oder tatsächlich ihrer Meinung entsprach, bleibe dahingestellt. Immerhin veröffentlichten sie das Lied nicht als B-, sondern sogar als A-Seite der ursprünglichen Single. Nach der Best-of-Scheibe jedoch verbannten sie es für lange Jahre in den Giftschrank.

Atom Heart Mother

Als ich diese CD damals, so ungefähr 1998 oder 99, erstmals in mein CD-Radio einlegte, war ich zunächst etwas verstört. Auf einen Mißakkord, der an den Auftakt zur „Ode an die Freude“ erinnert („Oh Frooohohohohoinde! Nicht soholche Töne!“), folgt ein über 20 Minuten langes Orchesterstück mit Motorrad, Band und Chor. Das hatte ich nicht erwartet. Es handelt sich auch keineswegs bloß um die Band mit Orchesterbegleitung, wie auf Metallicas „S&M“ exerziert, sondern Orchester und Chor tragen große Teile der Komposition. Entsprechend teilen sich Mason, Gilmour, Waters und Wright die Writing-Credits mit Geesin. Den Vornamen dieses Menschen mit dem Nachnamen Geesin erfährt man weder aus dem Booklet der CD, noch ist er irgendwo auf der Hülle der Langspielplatte vermerkt. Auf der Plattenhülle scheint die Kuh übrigens schwarzbunt zu sein, während sie auf der CD rotbunt wirkt; ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll! Einerlei. Pink Floyd nahmen jedenfalls für ihre ehrgeizigen Orchesterpläne die Unterstützung Ron Geesins in Anspruch, welcher aus den unzusammenhängenden Melodiefetzen, die ihm die vier Jungs vorlegten, erst die Suite arrangierte und die Orchesterpassagen dazu komponierte. Derlei lag im Trend, hatten doch Deep Purple nach ihrem orchestral begleiteten Song „April“ gleich ein ganzes „Concerto for Group and Orchestra“ aufgeführt und eingespielt. Pink Floyd führten die Hybris jedoch so weit, daß sie die Atom Heart Mother Suite in ihr Tourprogramm integrierten, inklusive Blechblasensemble und Chor. Was dazu führte, daß diese Tour bald mehr Geld kostete als sie einbrachte, aber: Die Kunst! Im Nachhinein äußerten sich die Floyd-Mitglieder wieder mal kritisch über dieses Stück. Sie konnten es sich also wohl selbst nicht recht machen.

Zweifellos ist die Suite der Höhepunkt des Albums. Es folgen die Lieder „If“ aus der Feder von Roger Waters, „Summer ’68“ von Rick Wright und „Fat Old Sun“ von David Gilmour. Den Abschluß bildet eine experimentelle Soundcollage mit Melodieunterbrechungen des Titels „Alan’s Psychedelic Breakfast“, für die es wohl nicht den Hörspielpreis der Kriegsblinden gegeben hätte. (Hat es nicht.) Für meinen Freund Claudius fiele das Stück wohl in die Kategorie „Unanhörbar“. Als Musikgenuß taugt es in der Tat kaum, doch der Hauptteil des Albums ist sehr gut hörbar, wenn man sich darauf einläßt. „Fat Old Sun“ lernte ich erst über Live-Mitschnitte dank Youtube wirklich schätzen, aber der Song „Summer ’68“ hatte es mir schon früh angetan:

Des Albums Name war ein Zufallsfund. Die Band wußte nicht, unter welchem Namen sie ihr neuestes Werk promoten sollte. Beim Durchblättern der Zeitung fiel der Blick auf einen Artikel des Inhalts, daß eine Frau mit einem Herzschrittmacher ein gesundes Kind zur Welt gebracht habe, wobei der Herzschrittmacher nuklear betrieben war. 1970 eine Sensation! Die Überschrift „Atom Heart Mother“ dünkte Pink Floyd titelwürdig, nicht nur für das 24-Minuten-Stück, sondern für das komplette Album.

Der CD liegt ein Klappkärtchen bei, das zwei Rezepte enthält, deren Urheber nur Brite sein kann, ungeachtet der vorgeblichen Herkunft:

Hier muß der Autor unbedingt fränkische Spracherfahrung besitzen. Gleichzeitig sind die Rechtschreibfehler von einer Art, die nur jemand vor Drucklegung durchgehen lassen kann, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist. Das Rezept auf der Rückseite ist weniger ein intelligentes Frühstück als vielmehr Sättigung für die Massen.

Psychedelisch? Ganz sicher.
Irgendwann 1970 wurde auch noch der Soundtrack zum Film „Zabriskie Point“ veröffentlicht, der Beiträge von Pink Floyd enthält. Aber den hatten wir ja schon. Darum geht’s 1971 weiter mit

Relics

Dieses Album war vermutlich einer meiner frühen Blindkäufe, da ich das Titelbild so ansprechend finde. Das Cover der Digitally-re-mastered-CD zeigt ein phantastisches Musikinstrument, eine Art Dampforgel mit Tausendzassa-Beiwerk im Stile des Steam Punk, ziemlich cool.

Daß es sich dabei um ein Kompilationsalbum handelt, merkte ich erst zu Hause beim Durchhören, weil mir auffiel, daß ich einige Lieder schon von „The Piper at the Gates of Dawn“ kannte. Unmittelbar ärgerte ich mich, denn Sampler fand ich immer doof, weil ich die Dopplung von Songs auf der Sammel-CD und auf deren eigentlichen Alben als Ressourcenverschwendung empfand. Und prinzipiell immer noch empfinde. Jedoch waren mindestens sechs der elf Songs für mich neu, da es sich um solche von Non-Album-Singles handelt, insofern ärgerte ich mich dann doch nicht so fürchterlich. Weshalb freilich Pink Floyd innerhalb von zwei Jahren zwei Compilations mit sich überschneidendem Inhalt veröffentlichten, ist nur schwer nachzuvollziehen. Zumal „Relics“ zwar nicht deckungsgleich ist mit „The Best of Pink Floyd“ (s. o.), aber eben auch erneut nicht ein komplettes Single-Album darstellt, sondern dieses Mal sogar fünf Songs von älteren Alben enthält. Die Single-B-Seite „Careful With That Axe, Eugene“ kam neu hinzu, dessen A-Seite „Point Me At The Sky“ ließ man jedoch weg. Neu ist auch der Song „Biding My Time“, der zuvor unveröffentlich war, jedoch im Live-Programm der Band gespielt wurde. Der Song „Embryo“, der ebenfalls zu jener Zeit ein Live-Dauerbrenner war, schaffte es erneut nicht auf diese Scheibe. Das alles wußte ich natürlich damals nicht, sondern mich ärgerten bloß die Songs, die ich eh schon auf den jeweiligen Alben hatte.

Sehr viel später erfuhr ich erst aus diesem Internet, daß die tolle Dampforgel nicht in dieser Form auf dem originalen Vinyl-Album abgebildet gewesen war. Das obig abgebildete Modell ist ein Nachbau, der eigens für die remasterte Neuauflage der CD zusammengezimmert wurde. Ursprünglich zierte das Cover eine Zeichnung von Nick Mason höchstpersönlich.

Auf Nick Masons Zeichnung ist der programmatische Untertitel des Albums besser zu erkennen als auf dem Foto des Nachbaus in CD-Booklet-Größe: „A bizarre collection of antiques & curios“. Eine bizarre Zusammenstellung ist das in der Tat.
Als den einzigen Song, der ausschließlich auf diesem Album enthalten ist, möchte ich „Biding My Time“ zu Gehör bringen, da dieser den Mehrwert der Kompilation darstellt. Es beginnt harmlos als ruhige Blues-Nummer und steigert sich schließlich zu einer furiosen Jam-Session, welche den Live-Ursprung des Liedes erkennen läßt.

Das wird nicht er letzte Blues-Song von Pink Floyd gewesen sein.


CD-Regal revisited: Pink Floyd (3)

14. November 2018

Da ich nach „The Wall“ und „Dark Side of the Moon“ keinerlei Anhaltspunkte mehr hatte, griff ich beim nächsten Trip zum Plattenladen (Was in meinem Fall heißt: Geschäft, welches CDs führt.) wahllos ins Fach mit den Pink-Floyd-Scheiben. Es war also Zufall, daß ich das Debut-Album herauszog, zumal alle CDs im Fach unabhängig vom tatsächlichen Erscheinungsdatum der Alben ℗ 1994 waren, weil Pink Floyd zu jener Zeit ihren Katalog einem Re-Mastering unterwarfen. Nicht, daß ich damals gewußt hätte, was das bedeutet. Oder daß ich das heute so ganz genau wüßte. Jedenfalls erscheint es opportun, im folgenden chronologisch vorzugehen, denn die Reihenfolge meiner Anschaffungen ist im Mittelteil kaum mehr zu rekonstruieren.

Wie alles begann

Syd Barrett war in Cambridge ein Schulfreund von Roger Waters und spielte in seiner Freizeit mit David Gilmour Gitarre. Nach dem Abi, oder wie das in England auch heißen mag, zog es die Jungs nach London, wo Syd sich an der Kunsthochschule einschrieb und Roger Waters Architektur studierte. Dessen Kommilitonen waren unter anderem Nick Mason und Richard Wright, mit denen er in Bands unter wechselnden Namen spielte, ehe schließlich 1965 selbviert mit Syd Barrett die Band „The Pink Floyd Sound“ entstand. Der Name geht zurück auf Syds favorisierte Blues-Musiker Pink Anderson und Floyd Council, wiewohl ich meine obige Lego-Darstellung der Namensfindung auch plausibel finde, denn die Band spielte nach anfänglichen Blues- und Jazz-Interpretationen schließlich psychedelischen Rock, und das nicht ohne Drogeneinfluß. Durch intensive Live-Auftritte machte sich die Band in Londons Musikszene rasch einen Namen, und ab 1966 war sie die Hausband des UFO-Clubs. Mit „Arnold Layne“ und „See Emily Play“ wurden in März und Juni 1967 zwei erste Singles veröffentlicht, ehe im August das Debut-Album „The Piper at the Gates of Dawn“ in die Läden kam. Auf diesem Album sind die beiden Lieder der ersten Single und der A-Seiten-Titel der zweiten Single nicht enthalten; so war das früher. Zu den Singles kommen wir aber aus Gründen später. Übrigens war der „Sound“ inzwischen aus dem Band-Namen gestrichen worden, weil der Hörer ja nicht eigens darauf hingewiesen werden mußte, daß da was klang.

The Piper at the Gates of Dawn

Der Titel des Albums geht auf eine Kapitelüberschrift im Kinderbuch „Der Wind in den Weiden“ zurück, von dem sich Syd Barrett inspiriert sah. Er war schon bei den vorab veröffentlichten Singles der Hauptsongschreiber gewesen, und auch dieses Album trägt seine Handschrift sowohl hinsichtlich der Texte, die er schrieb und sang, als auch der Melodien, die er komponierte und als Gitarrist zu Gehör brachte. Zehn der elf Stücke sind nach damaligem, an den Beatles orientierten Geschmack eher kurze, zwischen 2:11 und 4:26 Minuten lange Popsongs, doch mit „Interstellar Overdrive“ eröffnet ein fast 10-minütiges Instrumentalstück die B-Seite. Da auch die A-Seite mit einem weltraumthematischen Stück, „Astronomy Domine“, beginnt und der sphärisch-psychedelische Klang auch durch die Songs „Lucifer Sam“ und „Pow R. Toc H.“ wabert, kann das Abum als prominentes Beispiel für das Subgenre Space Rock gelten. Gleichzeitig wartet „Pow R. Toc H.“ aber auch mit einem Jazz-artigen Klavierpart und hiphop-mäßigen Stimmeffekten, dargeboten von Syd Barrett, auf. Wenn das nicht progressiv ist! Da weiß ich gar nicht, was ich als Hörbeispiel einbinden soll.
Versuchen wir’s mal mit „Lucifer Sam“, das auch einem Tarantino-Soundtrack gut zu Gehör stehen würde:

Nach „Dark Side of the Moon“ und „The Wall“ bemerkte ich damals, ca. 1998, durchaus, daß dieses Album anders klang. Anders, aber auch gut; ich war ja unvoreingenommen und Neuem gegenüber offen. Den Begriff „Psychedelic Rock“ kannte ich da noch gar nicht, und dennoch war mein Interesse geweckt.

The Pink Floyd, wie sich ja damals nannten, machten unterdessen weiter Musik und legten noch im selben Jahr, immer noch 1967, eine weitere Single nach, welche die Songs „Apples and Oranges“ als A- und „Paint Box“ als B-Seite enthielt, aber kommerziell weniger erfolgreich war als die vorherigen Scheiben. Im April 1968 folgte als Überbrückung bis zur Veröffentlichung des zweiten Albums eine weitere Single, weil es die Gesetze des Schallplattenmarktes in den 60er Jahren so wollten. „It Would Be So Nice“ mit der B-Seite „Julia Dream“ kam ohne die Mitwirkung von Syd Barrett zustande, stattdessen ist David Gilmour zu hören. Wie konnte das sein?
Wie oben beiläufig erwähnt, spielten Drogen eine Rolle, und Syd experimentierte gerne damit. Offenbar vertrug er psychoaktive Substanzen aber weniger gut als seine Bandkollegen, die auch keine Kinder von Traurigkeit gewesen sein dürften. Er veränderte sich, wurde lethargisch, unzuverlässig. Auf der Bühne war er bisweilen ein Totalausfall, stand nur herum, spielte seine Gitarre nicht, sang irgendwas oder gar nichts. Daher wurde Syds Freund David Gilmour, den Roger Waters ja auch kannte, gebeten, bei Konzerten als zweiter Gitarrist zur Unterstützung Syds mitzuspielen, was dazu führte, daß David mit zunehmender Abwesenheit des etatmäßigen Bandleaders bald zum ersten und alleinigen Gitarristen wurde und auch die Gesangsparts von Barrett übernahm. Irgendwann traten Pink Floyd dann ganz ohne Syd auf, benachrichtigten ihn nicht einmal mehr über Auftrittstermine. An den Arbeiten zum zweiten Longplayer nahm er aber noch teil, so daß Pink Floyd für kurze Zeit eine fünfköpfige Combo war.

A Saucerful of Secrets

Auch auf diesem Album vom April 1968 sind die vorab veröffentlichten Singles nicht enthalten. Bedingt durch die psychischen Probleme des vormaligen Hauptsongschreibers wird „A Soucerful of Secrets“ nicht von diesem dominiert, vielmehr befindet sich nur ein Stück Barretts auf dem Album. Mindestens zwei Songs aus seiner Feder wurden zwar aufgenommen, blieben aber bis heute unveröffentlicht im Giftschrank der Band, weil sie die anderen Mitglieder für die Öffentlichkeit unzumutbar deuchten.
So traurig der Zusammenbruch Syds auch war, den anderen eröffnete er die Gelegenheit, ihr eigenes kreatives Potential zur Geltung zu bringen. Neben Syd konnte so vor allem Roger Waters mit vier, aber auch Rick Wright mit drei Nennungen Writing-Credits ergattern. Das fast zwölf Minuten lange Titelstück, von Experimentierfreude geprägt, trägt gar die Namen von allen vier Mitgliedern, wobei David Gilmour das vierte ist, denn Syd Barrett war da schon offiziell aus der Band entlassen.
So kann es nicht wundernehmen, daß die Gesamttonlage des Albums weniger poppig ist als auf dem Vorgänger. Dem psychedelischen Space-Sound blieb die Band aber treu, namentlich bei den Songs „Let there be More Light“ und „Set the Controls for the Heart of the Sun“, welches hier als Höreindruck dienen soll:

Daß man sich gezwungen sah, Syd Barrett aus der Band zu feuern, ging den verbliebenen Mitgliedern und dem ihn ersetzenden David Gilmour lange nach, denn immerhin war Syd nicht nur der kreative Kopf der Gruppe, sondern ein Freund und ein netter Kerl. Aber abgesehen davon, daß eine gedeihliche Arbeit mit ihm schlicht nicht mehr möglich war, waren weder die Jungs in der Lage, mit der Situation angemessen umzugehen, noch stand professionelle psychologische und psychiatrische Unterstützung zur Verfügung. Und so hing das Schicksal Syd Barretts fürderhin wie eine Nemesis über dem weiteren Schaffen von Pink Floyd. Die Band kompensierte ihr schlechtes Gewissen unterdessen mit Auftritten und Aufnahmen; schon im Dezember 1968 folgte die nächste Album-unabhängige Single „Point Me at the Sky“ mit der B-Seite „Careful with that Axe, Eugene“. Aber zu den Singles kommen wir, wie gesagt, später. Zum Teil sehr viel später.

„Music from the Film More“ und „Zabriskie Point“.

Im Jahre 1969 waren The Pink Floyd nicht mehr nur in der Londoner Clubszene ein Begriff, sondern durchaus weltweit bekannt, wenngleich sie auch noch keine Superstars waren. Dieser Status brachte es mit sich, daß sie einerseits interessant geworden waren für Filmproduzenten, gleichzeitig aber auch noch nicht reich genug, um Auftragsarbeiten abzulehnen. Im Jahre 1969 wurden sie daher von Barbet Schroeder (ein Männername!) beauftragt, die Musik für sein Regiedebüt „More“ zu schreiben, einem Drogendrama vor dem Hintergrund der Hippie-Bewegung. Dreizehn der im Film verwendeten Stücke wurden als Soundtrack-Album veröffentlicht, durch die bauartbedingte Höchstspieldauer einer Langspielplatte mußten weitere Songs unter den Tisch fallen; diese wurden erst 2017 im Rahmen einer Gesamtretrospektive veröffentlicht, liegen mir aber nicht vor. Dafür liegt mir zusätzlich zur CD auch eine LP-Version vor, die im Unterschied zur CD „Soundtrack from the Film More“ heißt.

Zunächst war ich seinerzeit, immer noch Ende der 90er, von diesem Album enttäuscht, da ich inzwischen anderes von Pink Floyd gewohnt war. Ihrer Bestimmung als Soundtrack gemäß enthält die Platte vermehrt kürzere Instrumentalstücke, die ohne störenden Gesang Szenen im Film musikalisch untermalen. Anders als bei einem normalen Album geht es auch nicht darum, die Grundstimmung des Albums aufrechtzuerhalten und durchzuziehen, sondern die Musik reagiert auf die situationsbedingt wechselnden Stimmungen im Film. Daher bietet „More“ zum einen lyrische Passagen wie „Cirrus Minor“ und „Cymbaline“ zum andern aber auch rockige Stücke wie „Ibiza Bar“ oder „The Nile Song“, welcher geradezu als Hardrock-Song zu bezeichnen ist. Bei nochmaligem Anhören und eingedenk ihrer Funktion vermag die Scheibe durchaus zu gefallen. Zur Abwechslung sei daher mal der „Nile Song“ zu Gehör gebracht:

Auch Michelangelo Antonioni („Blow Up“) sicherte sich die Dienste Pink Floyds für den Soundtrack zu seinem Film „Zabriskie Point“. Allerdings sollte PF hier nicht in Eigenregie den kompletten Score füllen, sondern mußte sich den Platz unter anderem mit The Greatful Dead teilen. Auf der Sondtrack-LP sind drei Songs von Pink Floyd enthalten, von denen einer eine modifizierte Neueinspielung von „Careful with that Axe, Eugene“ ist.

Als CD besitze ich diesen Soundtrack gar nicht, da ich aus dem Umstand, daß es sich um eine Kompilation mit mehreren Bands handelt, irgendwie nie eine erhöhte Mußichhabenhaftigkeit abgeleitet habe. Die LP hätte ich auch nicht, wäre sie mir nicht beiläufig im Gebraucht-CD-Laden (mit Platten-Keller) in die Hände gefallen; da ließ ich sie natürlich nicht stehen. Vielleicht sollte ich doch mal die Augen offenhalten. Als Höreindruck bis dahin erstmal „Crumbling Land“:

Bereits zuvor hatte Pink Floyd Musik zu Soundtracks beigesteuert. 1968 eine Live-Aufnahme von „Interstellar Overdrive“ für „San Francisco“, und ebenfalls 1968 eigens geschriebene Musik für den Film „The Committee“. Aber das kennt ja alles niemand. Nein, ich auch nicht. Ich hab’s auch gerade erst im Zuge meiner Recherchen gelesen.


CD-Regal revisited: Pink Floyd (2)

5. Oktober 2018

Mein erster Eindruck von Pink Floyds Musik war dermaßen günstig, daß ich sehr bald der CD-Abteilung von Saturn einen weiteren Besuch abstattete, um Nachschub zu besorgen. Nach wie vor war mein Wissen um die Band begrenzt, hatte ich doch zu jenem Zeitpunkt noch keinen Zugang zum Internet. Jedoch lief damals eine Fernsehserie mit Dirk Bach, „Lukas“, die ich selten schaute, weil ich generell selten fernsehe. Bin kurzsichtig. Mindestens eine Folge sah ich allerdings, und ausgerechnet da legte Dirk Bach alias Lukas das Album „Dark Side of the Moon“ auf, weil dies seinen Angaben zufolge das perfekte Kiffer-Album sei. Nun war ich zwar nie Kiffer (Ernsthaft. Nie.), aber durch diese Lukas-Episode kannte ich nun ein zweites Album von Pink Floyd, und genau das erwarb ich dann bei nächster Gelegenheit.

Dark Side of the Moon.

So steht es auf dem Rücken der CD, auf dem Titelbild fehlt jeglicher Schriftzug. Es zeigt einzig vor schwarzem Hintergrund einen Lichtstrahl, der durch ein Prisma in die Farben des Regenbogens gespalten wird. Dieses Cover ist eine Ikone der Cover-Kunst, und das Motiv begegnet einem in der ursprünglichen oder abgewandelten Form all überall in der wirklichen und virtuellen Welt, vornehmlich auf T-Shirts, getragen von Menschen, denen man nicht unbedingt angesehen hätte, daß sie auf Pink Floyd stehen. Aber so ungewöhnlich ist das gar nicht, gehört die Platte doch zu den erfolgreichsten und meistverkauften der vergangenen 50 Jahre; selbst Homer Simpson nannte ein Exemplar des Albums sein eigen. Angeblich kamen die hohen Verkaufszahlen allerdings dadurch zustande, daß audiophile Zeitgenossen dieses perfekt produzierte Werk dazu benutzten, ihre Plattenspieler zu justieren, und gegebenenfalls ein Ersatzexemplar beschafften, um stets makellosen Klang garantieren zu können. Ich hingegen legte stumpf die CD in mein schon erwähntes CD-Radio und scherte mich nicht um bestmöglichen Klang.

Es beginnt mit Herzschlag und anderen Soundeffekten und Gesprächsschnippseln, welche ins erste Lied „Breathe“ übergehen, welches in ein Instrumentalstück übergeht, welches ins nächste Lied übergeht, und das hatte ich schon mal gehört. Das hat jeder schon mal gehört! Wannimmer in einem Fernseh- oder Radiobeitrag ein Bezug zum Verlauf der Zeit hervorgehoben werden soll, erklingt entweder das Weckerklingel-Intro des Songs „Time“, oder im Hintergrund läuft der Gesangspart. Das Ende des Tracks von „Time“ ist als eigenes Lied ausgewiesen, „Breathe Reprise“, und geht schließlich über ins nächste Stück „The Great Gig in the Sky“, welches wiederum ein Instrumental ist, sofern man die ekstatische Stimme von Clare Torry als Instrument begreift.
Daß nach dem Verklingen der letzten Töne von „The Great Gig in the Sky“ früher mal die Schallplatte umgedreht werden mußte, merkt man daran, daß der Track nicht nahtlos ins nächste Lied übergeht. Und auch dieses Lied hatte ich schon mal gehört, weil jeder das schon mal gehört hat. Wannimmer in einem Fernseh- oder Radiobeitrag übers große Geld gesprochen wird und mal nicht auf ABBA zurückgegriffen werden soll, erklingt das Registrierkassen-Intro von „Money“. Selbst wenn DSOTM nicht bis heute ein Verkaufsschlager wäre, könnten die Bandmitglieder wahrscheinlich gut von den Tantiemen leben, die ihnen allein aus der Nutzung von „Money“ zufließen. Nachfolgend gehen die Songs wiederum ineinander über. Es folgen „Us and Them“, das Instrumentalstück „Any Colour You Like“, „Brain Damage“, welches sozusagen der Titeltrack des Albums ist, da er die Worte „dark side of the moon“ enthält, und es endet mit „Eclipse“, das wiederum mit Herzklopfen endet, womit das Album wieder am Beginn angelangt wäre.
Da die Single-Auskopplungen „Time“ und „Money“ eh allseits bekannt sein dürften, sei an dieser Stelle mal „Us and Them“ verlinkt. Dick Parry ist hier als Ergänzung zur Band am Saxophon zu hören:

Ob das alles ein passender Soundtrack zum Kiffen ist, vermag ich nicht zu beurteilen; ich kann das auch bei klarem Kopf schönfinden. Auch bei dieser Platte handelt es sich um ein Konzeptalbum, wenn auch vielleicht nicht so augen- oder ohrenfällig wie bei „The Wall“. Beschrieben wird das Leben eines Menschen, der durch verschiedene Aspekte der modernen Welt in Mitleidenschaft gezogen wird, bis es eben zum „Brain Damage“ kommt. Der Herzschlag, der an Beginn und Ende zu hören ist und sich symbolisch durch das ganze Album zieht, wird in der aufklappbaren Plattenhülle durch den grünen Streifen des Regenbogens als Oszillogramm dargestellt:

1973 ist der Titel der Scheibe übrigens noch „The Dark Side of the Moon“ (Hervorhebung von mir), und das Prisma ist nicht massiv ausgefüllt:

Außerdem lagen der Schallplatte zwei Poster bei, deren eines die Pyramiden von Gizeh in blauer Nacht zeigt, was ich oben als Lego-Illustration nachzuempfinden versuchte. (Bei der Gelegenheit merkte ich, daß mein Vorrat an blauen 2×4-Steinen begrenzt ist und die vorhandenen zum Teil starke Vergilbung aufweisen, aber das nur am Rande.) Nach Anhören dieses Albums war mir jedenfalls umgehend klar, daß das nicht mein letztes Album von Pink Floyd gewesen sein konnte.


CD-Regal revisited: Pink Floyd.

30. September 2018

Ich habe ja nie einen Hehl daraus gemacht, daß ich nicht nur Pink-Floyd-Fan bin, sondern mich sogar so bezeichnen würde, was nicht für alles gilt, wofür ich sympathisches Interesse hege. Aber wie konnte es dazu kommen? In meinem Elternhause jedenfalls lernte ich nicht, ein Ohr zu entwickeln für moderne Spielarten der Tonkunst; da war bei Tschaikowski Schluß, was den Inhalt des Plattenschranks angeht, und es begann bei Schütz, Händel, Bach. Trotzdem schwang „Pink Floyd“ natürlich irgendwie im kulturellen Hintergrundrauschen mit, ohne daß ich dem Begriff konkret Musik hätte zuordnen können. Ein visueller Eindruck zumindest stellte sich spätestens 1994 ein, als in der „ADAC-Motorwelt“ das Golf-Sondermodell „Pink Floyd“ beworben wurde nebst Hinweisen darauf, daß Volkswagen in Deutschland die Konzerte jener Band präsentierte. Oder so.

An meinem letzten Schultag vor den Abiturprüfungen schließlich, mit Abistreich und Musikbeschallung in verdunkelter Pausenhalle, legte der DJ neben dem unvermeidlichen „School’s Out“ von Alice Cooper auch ein Lied auf, welches ich schon zuvor mal gehört hatte, und welches die Zeilen enthielt „We don’t need no education / We don’t need no thought control“, und ich frug einfach mal, wer das sänge? Aha, Pink Floyd. Weiter konnte ich mich nicht damit beschäftigen, denn ich mußte die letzte Gelegenheit nutzen, doch endlich mal zu schwänzen. Ich entfernte mich also von der Schule, um durch die Fahrprüfung zu fallen. Was ich dann auch tat.

Nach dem Abi spülte mir der Zivildienst nie zuvor gekannte Geldsummen aufs Konto, satte 13 D-Mark am Tag! Ausgerüstet mit derartigem Reichtum konnte ich ohne Reue bei Saturn nach CDs stöbern, wo mir eines Tages tatsächlich ein Album als Nice-Price-Angebot in die Hände fiel:

The Wall

Ein Doppelalbum für 15 D-Mark, doch gab es keine Titelliste auf der Rückseite. Aber wenn das einzige mir bekannte Pink-Floyd-Lied „Another Brick in the Wall“ nicht auf dem Album „The Wall“ vertreten war, wo dann? Ich ging also das Risiko ein und nahm die CD mit. Kaufenderdings; nicht daß hier noch der Eindruck entsteht, ich würde der Liste meiner Schandtaten neben Schuleschwänzen nun etwa auch noch Ladendiebstahl hinzufügen, nee, nee.

Unbeleckt von jeglichem Vorwissen legte ich daheim Disc 1 in mein CD-Radio, um mir mit schlechtem Klang ein vermutlich bis ins Kleinste ausgetüfteltes High-Fi-Sound-Erlebnis zu geben, aber ich wußte es ja nicht besser und konnte auch nicht anders. Die Musik jedenfalls überzeugte mich fast unmittelbar. Die Mischung aus schönen Harmonien und Brachialität bot mir just die Interessanz, für die ich empfänglich war, und das bereits, ohne daß ich mich näher mit den Texten und dem alles umfassenden Konzept auseinandergesetzt hätte. Daß es sich um ein Konzeptalbum handelt, bekam ich indes schnell spitz. Auf das ouvertürenhafte „In The Flesh?“, welches das Publikum auf die zu erwartende Show vorbereitet, folgt auf der ersten Scheibe über alle Lieder verteilt der Abriß des Werdegangs eines jungen Mannes, unter besonderer Berücksichtigung aller Faktoren, die zu seinen späteren Psychosen führen: Die dominante Mutter, der Verlust des Vaters im Krieg, die eigenen Erlebnisse im Bombenhagel, die seelenlosen, grausamen Lehrer in der Erziehungsanstalt, die verkorkste Pubertät und die treulose Freundin, sowie allgemein die betonierte Gesellschaft. All dies sind Ziegel in der Mauer, mit der sich Pink – so wird der Protagonist im Lied „In the Flesh“ bezeichnet, was somit das Album als irgendwie autobiographisch ausweist – umgeben fühlt, und welche mit jeder Begebenheit weiter in die Höhe wächst, bis er emotional komplett abgeschottet ist. Als Höreindruck soll nun nicht „Another Brick In The Wall“ dienen, welches als wiederkehrendes Motiv auf der ersten Disc in drei Teile aufgesplittet ist, sondern „Young Lust“:

(„The Wall“ erschien 1979, drei Jahre zuvor hatten bereits Black Sabbath „Dirty Women“ besungen, aber das tut hier nichts zur Sache.)
Die zweite Scheibe stellt zunächst Pinks Seelenzustand in der Isolation dar. Er fühlt sich einsam und der Welt nicht weiter zugehörig, betäubt sich mit Fernsehen und Drogen, was er freilich abstreitet, und entwickelt als Folge der rigiden Erziehung, die, da er hinter seiner Mauer sitzt, nun nicht mehr durch äußere Eindrücke korrigiert werden kann, ein faschistisches Weltbild, fühlt sich gehetzt und wartet eigentlich bloß noch auf den Tod. Schließlich imaginiert er nach einem Zwischenfazit, welches die Publikumsansprache der Ouvertüre wieder aufgreift, eine Art jüngstes Gericht, freilich nicht unter dem Vorsitz Gottes, sondern von Richter Wurm, da Leichen nun mal von Würmern zerfressen werden, mit der Anklage, Gefühle von beinahe menschlicher Natur zu haben. Das Urteil lautet: Öffentliche Zurschaustellung, also weg mit der Mauer!
Als Anspieltipps böte sich hier so manches an, das längste Stück der Platte, „Comfortably Numb“, das getriebene „Run Like Hell“ oder auch das operettenartige „The Trial“, aber mir hat es „Hey You“ angetan:

Was ich damals, 1996 oder 1997, alles noch gar nicht wußte:
„The Wall“ ist in der Tat irgendwie autobiographisch, insofern Roger Waters, der Bassist und Hauptsongschreiber jener Tage, hier die Traumata seiner eigene Kindheit aufarbeitet. Auf der vorausgegangenen Tour hatte er an sich selbst Verhaltensweisen bemerkt, die ihm ganz und gar nicht behagten, was ihm die Idee zu diesem Konzeptalbum gab. Die anderen Bandmitglieder waren am kreativen Prozeß nur marginal beteiligt, einzig David Gilmour konnte mit „Comfortably Numb“ ein wahres Highlight aufs Album schmuggeln. Pianist Richard Wright wurde sogar nach Abschluß der Studioaufnahmen aus der Band gefeuert, da er sich mit Roger Waters so gar nicht mehr verstand, ironischerweise jedoch für die folgenden Live-Darbietungen als bezahlter Bühnenmusiker wieder engagiert.

Diese Bühnen-Show war das Aufwendigste (mit e!), was seit barocken Opernaufführungen vor Publikum zelebriert wurde. Quer über die Bühne wurde während der Show eine Mauer aus Pappquadern gebaut, auf diese Mauer wurden von Gerald Scarfe animierte Szenen projiziert, davor wackelten überlebensgroße Marionetten über die Bühne, eine Pseudo-Band in Masken der originalen Pink-Floyd-Mitglieder spielte vor der Mauer, während die Band selbst dahinter weitgehend im Verborgenen blieb. Am Ende fiel die Mauer mit lautem Getöse in sich zusammen. Das alles war so teuer, platzfordernd und eben aufwendig, daß „The Wall“ 1980 und 1981 nur an vier Orten weltweit überhaupt aufgeführt wurde, namentlich Los Angeles, wo die Premiere stattfand, New York, selbstverständlich London und – – – Dortmund. Damals galt die Westfalenhalle noch als erste Adresse für derlei Veranstaltungen.

Irgendwann später (im Jahr 2000) erwarb ich dieses opulente Live-Doppelalbum, wiewohl ich früher überhaupt kein Freund von Live-Versionen irgendwelcher Lieder war. Aber seit ich erfahren hatte, daß ausgerechnet Dortmund Schauplatz der exklusiven The-Wall-Show war, drängte es mich, ein Dokument dessen zu besitzen. Das Live-Album wurde freilich in London aufgenommen. Vergebens war die Anschaffung dennoch nicht, denn die Longbox enthält ein Buch, das den Produktionsprozeß der Show dokumentiert. Passend zur den Rahmen sprengenden Bühnen-Show ist auch diese Verpackung so voluminös, daß sie nicht vernünftig in mein CD-Regal paßt. Nun ja.

Roger Waters hatte „The Wall“ nicht bloß als Konzeptalbum entworfen, sondern die visuelle Präsentation von vornherein mitgeplant. Innerhalb des Albums selbst wird die „Show“ mehrfach erwähnt (Der Song „The Show Must Go On“ ist freilich weniger im Bewußtsein der Öffentlichkeit, als es Queens Lied unter demselben Titel sein mag.), und auch die Pseudo-Band vor der Bühnen-Mauer findet Erwähnung. Die Aufmachung der Album-Hülle (außen schlicht und innen farbenprächtig) wurde ebenso von Gerald Scarfe entworfen wie die Animationen, die während der Show über die Mauer flackerten, und die animierten Passagen im surrealistischen Film von 1982. Die Hauptrolle des Pink spielt dort Bob Geldof, und die Handlung wird nahezu ausschließlich anhand der Musik des Albums erzählt. Der Song „When The Tigers Broke Free“, der nicht mehr auf die Schallplatte gepaßt hatte, konnte im Film verwendet werden.
Na gut, also doch „Another Brick In The Wall part 2“:

Auch diesen Film kaufte ich erst sehr viel später, und die DVD-Hülle ist so schmal, daß sie in der Tat quer über die CDs ins Regal paßt.

Den Titel Mutter aller Konzeptalben dürfte „The Wall“ trotz der epochalen Begleitumstände nicht für sich beanspruchen, denn da ist „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ vor. Das war mir natürlich schnurz, mir gefiel’s, sehr sogar. Als erste Begegnung mit der Musik von Pink Floyd hätte es freilich fatal sein können, denn der zum Teil bombastische Sound von „The Wall“ ist keineswegs charakteristisch für das frühere Œuvre der Band. Des wurde ich sehr bald gewahr, denn dieses Album machte mir umgehend Appetit auf mehr, so daß mein Kauf eines zweiten Pink-Floyd-Albums nicht lange auf sich warten ließ.