CD-Regal revisited: Pink Floyd (5)

5. Juni 2019

Der Titel ist fehlgeleitet, denn der Chronologie gemäß müßte jetzt vermutlich die Kompilation „The Best of The Pink Floyd“ folgen, welche ich nicht besitze, schon gar nicht als CD. Als Veröffentlichungsdatum für jene Scheibe finde ich überall nur „1970“ angegeben, also könnte sie durchaus auch nach dem Album „Atom Heart Mother“ (AHM) aus demselben Jahr erschienen sein. Jedoch sind hier nur Songs von Singles und Alben versammelt, die vor 1970 erschienen, und AHM kam erst im Oktober 1970 raus, also gehen wir mal davon aus, daß dieses Best-of die Wartezeit bis zu ebenjenem Album überbrücken sollte.

Warum die Scheibe ausgerechnet „Best of“ genannt wurde, ist nicht ganz einsichtig, denn im Wesentlichen handelt es sich um eine Zusammenfassung der ersten vier Singles, ergänzt um zwei Songs vom Debütalbum, die ich persönlich allesamt nicht als das Beste von Pink Floyd bezeichnen würde. Interessant ist die Zusammenstellung dennoch, da die Songs jener Singles ja bis auf die Ausnahme „Scarecrow“ nicht auf Alben erschienen waren. Wären statt der Songs „Mathilda Mother“ und „Chapter 24“ vom Album „The Piper at the Gates of Dawn“ die beiden Songs der fünften Non-Album-Single „Point me at the Sky“/“Careful with that Axe, Eugene“ auf die Scheibe gekommen, wäre es eine perfekte Single-Kompilation gewesen. So halt nicht.

Ebenfalls erwähnenswert ist, daß nahezu alle Songs aus der Ära Syd Barretts stammen, welcher zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser LP aber längst durch David Gilmour ersetzt war. Das Titelkupfer der Erstauflage dieses Albums zeigt darob ein Gruppenfoto Pink Floyds mit David. Das ist, als würde Metallica im Booklet zu „St. Anger“ den Bassisten Robert Trujillo nennen, obwohl dieser zum Zeitpunkt der Aufnahmen fürs Album noch gar nicht in der Band war. (Ach so, hamse ja auch. Egal.)

Jedenfalls. Dieses Album besitze ich, wie gesagt, sowieso nicht. Was ich hingegen zufälligerweise besitze, weil ich es im Gebraucht-CD-Laden mit Plattenkeller nicht stehenlassen konnte, ist eine Wiederveröffentlichung dieses Albums unter dem hochtrabenden Namen „Masters of Rock: Pink Floyd“ (Vol. 1):

(Wie eine just erfolgte Internetrecherche soeben ergab, gibt es weitere Titel der Masters-of-Rock-Serie, wo dann der Union Jack gegebenenfalls durch das Star Spangled Banner ersetzt ist. Vol. 2 beschäftigt sich mit der Band Grand Funk Railroad, Vol. 3 mit der Steve Miller Band, Vol. 4 mit Steppenwolf, Vol. 5 Jeff Beck; des weiteren gibt es noch Ausgaben mit Rare Earth, Geordie, The Band, East of Eden, der Edgar Broughton Band, Wizzard und dem Electric Light Orchestra, alle in ähnlicher Aufmachung wie das gezeigte Album.)

Da die meisten Stücke auf diesem Sampler (um also mal zurück zu Pink Floyd zu kommen) auch in anderer Form veröffentlicht wurden, sei als Höreindruck „It Would Be So Nice“ gegeben, ein Lied aus der Feder Rick Wrights. Syd Barrett war nicht mehr zurechnungsfähig oder gar schon aus der Band entfernt worden, so daß er als Hit-Autor nicht mehr zur Verfügung stand; also versuchten die anderen Band-Mitglieder nun, in seinem Stil Hit-Singles zu schreiben. Das mißlang, die Single fiel an den Kassen der Plattenläden durch und schaffte es 1968 nicht in die Charts. Hören wir dennoch mal rein:

Ach, hier ist David Gilmour doch zu hören. Dem Vernehmen nach mögen die anderen Bandmitglieder diesen Song nicht, es wurde sich mehrfach abfällig über die Komposition, den Text und den Gesangsstil geäußert. Ob dies eine Reaktion auf den ausbleibenden Erfolg war oder tatsächlich ihrer Meinung entsprach, bleibe dahingestellt. Immerhin veröffentlichten sie das Lied nicht als B-, sondern sogar als A-Seite der ursprünglichen Single. Nach der Best-of-Scheibe jedoch verbannten sie es für lange Jahre in den Giftschrank.

Atom Heart Mother

Als ich diese CD damals, so ungefähr 1998 oder 99, erstmals in mein CD-Radio einlegte, war ich zunächst etwas verstört. Auf einen Mißakkord, der an den Auftakt zur „Ode an die Freude“ erinnert („Oh Frooohohohohoinde! Nicht soholche Töne!“), folgt ein über 20 Minuten langes Orchesterstück mit Motorrad, Band und Chor. Das hatte ich nicht erwartet. Es handelt sich auch keineswegs bloß um die Band mit Orchesterbegleitung, wie auf Metallicas „S&M“ exerziert, sondern Orchester und Chor tragen große Teile der Komposition. Entsprechend teilen sich Mason, Gilmour, Waters und Wright die Writing-Credits mit Geesin. Den Vornamen dieses Menschen mit dem Nachnamen Geesin erfährt man weder aus dem Booklet der CD, noch ist er irgendwo auf der Hülle der Langspielplatte vermerkt. Auf der Plattenhülle scheint die Kuh übrigens schwarzbunt zu sein, während sie auf der CD rotbunt wirkt; ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll! Einerlei. Pink Floyd nahmen jedenfalls für ihre ehrgeizigen Orchesterpläne die Unterstützung Ron Geesins in Anspruch, welcher aus den unzusammenhängenden Melodiefetzen, die ihm die vier Jungs vorlegten, erst die Suite arrangierte und die Orchesterpassagen dazu komponierte. Derlei lag im Trend, hatten doch Deep Purple nach ihrem orchestral begleiteten Song „April“ gleich ein ganzes „Concerto for Group and Orchestra“ aufgeführt und eingespielt. Pink Floyd führten die Hybris jedoch so weit, daß sie die Atom Heart Mother Suite in ihr Tourprogramm integrierten, inklusive Blechblasensemble und Chor. Was dazu führte, daß diese Tour bald mehr Geld kostete als sie einbrachte, aber: Die Kunst! Im Nachhinein äußerten sich die Floyd-Mitglieder wieder mal kritisch über dieses Stück. Sie konnten es sich also wohl selbst nicht recht machen.

Zweifellos ist die Suite der Höhepunkt des Albums. Es folgen die Lieder „If“ aus der Feder von Roger Waters, „Summer ’68“ von Rick Wright und „Fat Old Sun“ von David Gilmour. Den Abschluß bildet eine experimentelle Soundcollage mit Melodieunterbrechungen des Titels „Alan’s Psychedelic Breakfast“, für die es wohl nicht den Hörspielpreis der Kriegsblinden gegeben hätte. (Hat es nicht.) Für meinen Freund Claudius fiele das Stück wohl in die Kategorie „Unanhörbar“. Als Musikgenuß taugt es in der Tat kaum, doch der Hauptteil des Albums ist sehr gut hörbar, wenn man sich darauf einläßt. „Fat Old Sun“ lernte ich erst über Live-Mitschnitte dank Youtube wirklich schätzen, aber der Song „Summer ’68“ hatte es mir schon früh angetan:

Des Albums Name war ein Zufallsfund. Die Band wußte nicht, unter welchem Namen sie ihr neuestes Werk promoten sollte. Beim Durchblättern der Zeitung fiel der Blick auf einen Artikel des Inhalts, daß eine Frau mit einem Herzschrittmacher ein gesundes Kind zur Welt gebracht habe, wobei der Herzschrittmacher nuklear betrieben war. 1970 eine Sensation! Die Überschrift „Atom Heart Mother“ dünkte Pink Floyd titelwürdig, nicht nur für das 24-Minuten-Stück, sondern für das komplette Album.

Der CD liegt ein Klappkärtchen bei, das zwei Rezepte enthält, deren Urheber nur Brite sein kann, ungeachtet der vorgeblichen Herkunft:

Hier muß der Autor unbedingt fränkische Spracherfahrung besitzen. Gleichzeitig sind die Rechtschreibfehler von einer Art, die nur jemand vor Drucklegung durchgehen lassen kann, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist. Das Rezept auf der Rückseite ist weniger ein intelligentes Frühstück als vielmehr Sättigung für die Massen.

Psychedelisch? Ganz sicher.
Irgendwann 1970 wurde auch noch der Soundtrack zum Film „Zabriskie Point“ veröffentlicht, der Beiträge von Pink Floyd enthält. Aber den hatten wir ja schon. Darum geht’s 1971 weiter mit

Relics

Dieses Album war vermutlich einer meiner frühen Blindkäufe, da ich das Titelbild so ansprechend finde. Das Cover der Digitally-re-mastered-CD zeigt ein phantastisches Musikinstrument, eine Art Dampforgel mit Tausendzassa-Beiwerk im Stile des Steam Punk, ziemlich cool.

Daß es sich dabei um ein Kompilationsalbum handelt, merkte ich erst zu Hause beim Durchhören, weil mir auffiel, daß ich einige Lieder schon von „The Piper at the Gates of Dawn“ kannte. Unmittelbar ärgerte ich mich, denn Sampler fand ich immer doof, weil ich die Dopplung von Songs auf der Sammel-CD und auf deren eigentlichen Alben als Ressourcenverschwendung empfand. Und prinzipiell immer noch empfinde. Jedoch waren mindestens sechs der elf Songs für mich neu, da es sich um solche von Non-Album-Singles handelt, insofern ärgerte ich mich dann doch nicht so fürchterlich. Weshalb freilich Pink Floyd innerhalb von zwei Jahren zwei Compilations mit sich überschneidendem Inhalt veröffentlichten, ist nur schwer nachzuvollziehen. Zumal „Relics“ zwar nicht deckungsgleich ist mit „The Best of Pink Floyd“ (s. o.), aber eben auch erneut nicht ein komplettes Single-Album darstellt, sondern dieses Mal sogar fünf Songs von älteren Alben enthält. Die Single-B-Seite „Careful With That Axe, Eugene“ kam neu hinzu, dessen A-Seite „Point Me At The Sky“ ließ man jedoch weg. Neu ist auch der Song „Biding My Time“, der zuvor unveröffentlich war, jedoch im Live-Programm der Band gespielt wurde. Der Song „Embryo“, der ebenfalls zu jener Zeit ein Live-Dauerbrenner war, schaffte es erneut nicht auf diese Scheibe. Das alles wußte ich natürlich damals nicht, sondern mich ärgerten bloß die Songs, die ich eh schon auf den jeweiligen Alben hatte.

Sehr viel später erfuhr ich erst aus diesem Internet, daß die tolle Dampforgel nicht in dieser Form auf dem originalen Vinyl-Album abgebildet gewesen war. Das obig abgebildete Modell ist ein Nachbau, der eigens für die remasterte Neuauflage der CD zusammengezimmert wurde. Ursprünglich zierte das Cover eine Zeichnung von Nick Mason höchstpersönlich.

Auf Nick Masons Zeichnung ist der programmatische Untertitel des Albums besser zu erkennen als auf dem Foto des Nachbaus in CD-Booklet-Größe: „A bizarre collection of antiques & curios“. Eine bizarre Zusammenstellung ist das in der Tat.
Als den einzigen Song, der ausschließlich auf diesem Album enthalten ist, möchte ich „Biding My Time“ zu Gehör bringen, da dieser den Mehrwert der Kompilation darstellt. Es beginnt harmlos als ruhige Blues-Nummer und steigert sich schließlich zu einer furiosen Jam-Session, welche den Live-Ursprung des Liedes erkennen läßt.

Das wird nicht er letzte Blues-Song von Pink Floyd gewesen sein.


CD-Regal revisited: Pink Floyd (4)

23. Januar 2019

Seit Tagen höre ich mich auf Youtube durch Live-Mitschnitte von Pink-Floyd-Konzerten. Derer gibt es viele. Sehr viele. Und das ist ein erfreulicher Umstand, denn es muß echt ein Erlebnis gewesen sein, der Band in den frühen 70er Jahren bei der Ausübung ihres Berufs zu lauschen. Mehrerlei fiel mir im Zuge des Binge-Listenings auf: Erstens erscheinen viele von Alben bekannte Songs in der Live-Version viel lebendiger (harhar) und – ja, das ist persönliche Präferenz – besser als in der glattproduzierten Studio-Variante. Und das, wo doch gerade die bis ins Kleinste ausgefeilte Studioproduktion das vermeintliche Markenzeichen Pink Floyds gewesen sein soll. Als Live-Act jedenfalls haben sie angefangen, und als solcher vermögen sie absolut zu überzeugen; viele Songs wurden live zu virtuosen Jam-Sessions ausgeweitet. Zweitens gaben Pink Floyd in ihren Konzerten regelmäßig und wiederkehrend Kompositionen zu Gehör, die weder als Single noch auf Alben je veröffentlicht wurden. Bisweilen aber spielten sie auch schon Jahre vor der Veröffentlichung eines Stückes auf einem Album dessen Urversion auf der Bühne, und das durchaus im festen Repertoire. Drittens schließlich ging mir auf, daß Pink Floyd lange, lange überhaupt kein offizielles Live-Album veröffentlicht hatten; die Mitschnitte auf Youtube sind durch die Bank unlizenzierte Bootlegs. Dabei lagen Live-Alben doch in den 60er und 70er Jahren voll im Trend und wurden sogar legendär, wie etwa Deep Purple’s „Made in Japan“.

Aber was red‘ ich da! Natürlich gab es ein Live-Album von Pink Floyd, jedenfalls ein halbes. Und zwar die Live-Scheibe des Doppel-Albums „Ummagumma“.

Ummagumma

An diesem Album von 1969 scheiden sich die Geister. Die Live-Scheibe hörte ich schon als „das Beste, was Pink Floyd je gemacht hat“ bezeichnet werden, die Studio-Scheibe gehört zu dem, was mein Freund Claudius „unanhörbar“ nannte. Und in der Tat dürfte ich „Ummagumma“ mit am seltensten aufgelegt haben, die CD wäre also noch nahezu neuwertig – hätte ich sie nicht sowieso gebraucht gekauft. Aus Gründen. Zum einen ist ein Doppel-Album natürlich auch doppelt so teuer wie eine normale CD, und das wollte ich mir als armer Zivi oder noch ärmerer Student nicht leisten. Zum andern schreckte mich wohl auf dem Rücken der Hülle die Dichotomie in „Live Album“ und „Studio Album“ ab, denn auf Live-Alben stand ich seinerzeit ja so überhaupt nicht. Ob ich im Laden die Möglichkeit hatte, einen Blick auf die Titelliste zu werfen, weiß ich nicht mehr, denn in der mir nun vorliegenden Variante stecken zwei CD-Jewel-Cases in einer Papphülle ohne Beschriftung.

Aber auch die Titelliste des Studio-Albums hätte wohl nicht mein Vertrauen erweckt: „Sysyphus: 1 – Part One 2 – Part Two 3 – Part Three 4 – Part Four“ steht da zum Beispiel. Oder, aberwitzig: „Several Species of Small Furry Animals Gathered Together in a Cave and Grooving with a Pict“. Ich kaufte es also im Laden nicht. Erst später, aber noch vor der Jahrtausendwende, erbarmte ich mich des Albums, als es in einer Ramsch-CD-Kiste an der Bochumer Ruhr-Universität auftauchte. Freilich fehlte das oben abgebildete Poster, das ich erst vor einigen Jahren einzeln via Ebay kaufte. Es fehlt also jetzt jemand anderem, der sich günstigstenfalls mit dem Vorbesitzer meines Exemplars zusammentun sollte.

Das Cover der Live-CD ziert die Rückseite der ursprünglichen Doppel-Schallplatte, das Motiv ist ein frühes Beispiel für „Knolling“. Säuberlich aufgefächert präsentieren uns zwei Roadies das gesamte Tour-Equipment von Pink Floyd. Nicht uncool. Und natürlich ist auch der akustische Inhalt des Live-Albums cool, wenn auch bedauerlicherweise wenig umfangreich. Während ein Auftritt von Pink Floyd leicht über zwei Stunden dauerte, stehen auf einer LP kaum 50 Minuten zur Verfügung, so daß wir lediglich die Songs „Astronomy Dominé“ (ja, man spricht es „Dominee“ aus, nicht „Domein“), „Careful with that Axe, Eugene“, „Set the Controls for the Heart of the Sun“ und „A Saucerful of Secrets“ geboten bekommen. Sollte der Song „Embryo“ 1969 schon existiert haben, wurde die Gelegenheit verstreichen gelassen, ihn angemessen auf einem Album zu verewigen; dazu müssen wir also später kommen. „Careful with that Axe, Eugene“ war zuvor nur in der Studio-Version als B-Seite der Single „Point me at the Sky“ veröffentlicht worden, stellt insofern also das Highlight des Live-Albums dar. Drum sei das Stück hier mal verlinkt:

Der Song taucht immer wieder in den Live-Mitschnitten auf und fand auch Eingang ins Set für den Pompeji-Film.
Soweit also der Live-Anteil des Albums. Als Live-Doppel-LP mit entsprechend mehr Songs wäre das der Hammer gewesen. Aber wozu braucht man einen Hammer, wenn man eine Schraube locker hat? Denn der zweite Teil des Albums ist ja eben die Studio-Scheibe.

„File under POPULAR : Pop Groups“ steht als Sortierhinweis an die Plattenladenbesitzer auf der Rückseite der Platte. Aber mit Pop hat „Ummagumma“ wenig zu tun. Und zwar:
Nach den Erfolgen der ersten Singles und Langspielplatten, da Pink Floyd eine beliebte Konzertband war und sogar für Filmprojekte angefragt wurde, bekamen die Jungs Studiozeit geschenkt. Da, Mischpult, Mikros, Effektdingsbums, macht, was ihr wollt! Und statt jetzt einfach ein Album aufzunehmen, packte sie die Lust am Experimentieren. Jedes der vier Mitglieder sollte eine Hälfte einer Seite der Platte füllen, knapp 12 Minuten, und zwar solo. Also wirklich solo, alle Instrumente selbst spielen, bitteschön! Als David Gilmour Roger Waters bat, ihm wenigstens beim Texten zu helfen, wurde er brüsk abgewiesen; wahrscheinlich wurde hier das Fundement für die spätere Männerfeindschaft gelegt. Wie auch immer. Sollte ich bisher den Eindruck erweckt haben, „Ummagumma“ sei unhörbare Klangkacke, so war das Absicht. Aber so schlecht ist das alles gar nicht. Man darf halt bloß kein Pink-Floyd-Album erwarten, sondern mehrere angejazzte, experimentierfreudige Solo-Demos, aus denen bei der damals so gedeihlichen Zusammenarbeit der vier Musiker durchaus ein allgemein anerkannter Album-Klassiker hätte werden können.

Im Grunde kann man hier nicht ein exemplarisches Hörbeispiel verlinken, sondern muß auf alle vier Solodarbietungen einzeln eingehen. Richard Wright, seines Zeichens der Pianist der Band, konzentrierte sich folgerichtig auf sein Keyboard und schrieb Sisyphos falsch. Sein Werk „Sysyphus“ gliederte er in vier Teile, hier am Stück verlinkt:

Roger Waters, der Bassist, widmete seine halbe Hälfte nicht einem einzigen Projekt, sondern halbierte sie abermals und brachte zum einen den lyrischen Gitarrensong „Grantchester Meadows“ zu Gehör, der später sogar bisweilen von der Band live aufgeführt wurde, tutti.

Da das aber irgendwie zu normal war, legte er sicherheitshalber die schon erwähnten „Several Species of Small Furry Animals Gathered Together in a Cave and Grooving with a Pict“ nach. Da muß man schon was eingeworfen haben, um das entspannt genießen zu können. Interessant ist das Klanggebilde aber durchaus, wenngleich ich Waters‘ spoken words auch nicht ansatzweise verstehe.

David Gilmour mußte also selbständig texten, was er ja nicht gemußt hätte, hätte er auf Text verzichtet, was er aber nicht tat. Dafür ist sein „Narrow Way“, aufgeteilt in drei Teile, aber durchaus gefällig. Oder zu zaghaft, um als avantgardistisch durchgehen zu können.

Nick Mason schließlich ist der Schlagzeuger der Kapelle. Auf ein zwölfminütiges Drum-Solo verzichtete er vernünftigerweise. Weder brauchte er volle zwölf Minuten, noch beschränkte er sich aufs Schlagzeug, wenn es auch dominiert. Er nannte sein Segment „The Grand Vizier’s Garden Party“ und gliederte es in drei Teile: Entrance, Entertainment und Exit.

Nun ja. Als viertes Album nach Debüt und Folgealbum sowie einem Autorenfilm-Soundtrack dieses Experiment zu veröffentlichen, ist durchaus mutig und zeugt vielleicht vom Selbstbewußtsein Pink Floyds. Oder von der Unbekümmertheit. Oder vom Drogenkonsum. In Teilen ist das Studio-Album gar nicht so unanhörbar, aber in anderen Teilen halt doch, zumindest, wenn man sich mit schöner Musik berieseln lassen will. „Ummagumma“ soll übrigens ein regionales Slang-Wort fürs Poppen sein (Also doch Pop!), aber ob dieses Album dazu als Soundtrack taugt, muß offen bleiben.


CD-Regal revisited: Pink Floyd (3)

14. November 2018

Da ich nach „The Wall“ und „Dark Side of the Moon“ keinerlei Anhaltspunkte mehr hatte, griff ich beim nächsten Trip zum Plattenladen (Was in meinem Fall heißt: Geschäft, welches CDs führt.) wahllos ins Fach mit den Pink-Floyd-Scheiben. Es war also Zufall, daß ich das Debut-Album herauszog, zumal alle CDs im Fach unabhängig vom tatsächlichen Erscheinungsdatum der Alben ℗ 1994 waren, weil Pink Floyd zu jener Zeit ihren Katalog einem Re-Mastering unterwarfen. Nicht, daß ich damals gewußt hätte, was das bedeutet. Oder daß ich das heute so ganz genau wüßte. Jedenfalls erscheint es opportun, im folgenden chronologisch vorzugehen, denn die Reihenfolge meiner Anschaffungen ist im Mittelteil kaum mehr zu rekonstruieren.

Wie alles begann

Syd Barrett war in Cambridge ein Schulfreund von Roger Waters und spielte in seiner Freizeit mit David Gilmour Gitarre. Nach dem Abi, oder wie das in England auch heißen mag, zog es die Jungs nach London, wo Syd sich an der Kunsthochschule einschrieb und Roger Waters Architektur studierte. Dessen Kommilitonen waren unter anderem Nick Mason und Richard Wright, mit denen er in Bands unter wechselnden Namen spielte, ehe schließlich 1965 selbviert mit Syd Barrett die Band „The Pink Floyd Sound“ entstand. Der Name geht zurück auf Syds favorisierte Blues-Musiker Pink Anderson und Floyd Council, wiewohl ich meine obige Lego-Darstellung der Namensfindung auch plausibel finde, denn die Band spielte nach anfänglichen Blues- und Jazz-Interpretationen schließlich psychedelischen Rock, und das nicht ohne Drogeneinfluß. Durch intensive Live-Auftritte machte sich die Band in Londons Musikszene rasch einen Namen, und ab 1966 war sie die Hausband des UFO-Clubs. Mit „Arnold Layne“ und „See Emily Play“ wurden in März und Juni 1967 zwei erste Singles veröffentlicht, ehe im August das Debut-Album „The Piper at the Gates of Dawn“ in die Läden kam. Auf diesem Album sind die beiden Lieder der ersten Single und der A-Seiten-Titel der zweiten Single nicht enthalten; so war das früher. Zu den Singles kommen wir aber aus Gründen später. Übrigens war der „Sound“ inzwischen aus dem Band-Namen gestrichen worden, weil der Hörer ja nicht eigens darauf hingewiesen werden mußte, daß da was klang.

The Piper at the Gates of Dawn

Der Titel des Albums geht auf eine Kapitelüberschrift im Kinderbuch „Der Wind in den Weiden“ zurück, von dem sich Syd Barrett inspiriert sah. Er war schon bei den vorab veröffentlichten Singles der Hauptsongschreiber gewesen, und auch dieses Album trägt seine Handschrift sowohl hinsichtlich der Texte, die er schrieb und sang, als auch der Melodien, die er komponierte und als Gitarrist zu Gehör brachte. Zehn der elf Stücke sind nach damaligem, an den Beatles orientierten Geschmack eher kurze, zwischen 2:11 und 4:26 Minuten lange Popsongs, doch mit „Interstellar Overdrive“ eröffnet ein fast 10-minütiges Instrumentalstück die B-Seite. Da auch die A-Seite mit einem weltraumthematischen Stück, „Astronomy Domine“, beginnt und der sphärisch-psychedelische Klang auch durch die Songs „Lucifer Sam“ und „Pow R. Toc H.“ wabert, kann das Abum als prominentes Beispiel für das Subgenre Space Rock gelten. Gleichzeitig wartet „Pow R. Toc H.“ aber auch mit einem Jazz-artigen Klavierpart und hiphop-mäßigen Stimmeffekten, dargeboten von Syd Barrett, auf. Wenn das nicht progressiv ist! Da weiß ich gar nicht, was ich als Hörbeispiel einbinden soll.
Versuchen wir’s mal mit „Lucifer Sam“, das auch einem Tarantino-Soundtrack gut zu Gehör stehen würde:

Nach „Dark Side of the Moon“ und „The Wall“ bemerkte ich damals, ca. 1998, durchaus, daß dieses Album anders klang. Anders, aber auch gut; ich war ja unvoreingenommen und Neuem gegenüber offen. Den Begriff „Psychedelic Rock“ kannte ich da noch gar nicht, und dennoch war mein Interesse geweckt.

The Pink Floyd, wie sich ja damals nannten, machten unterdessen weiter Musik und legten noch im selben Jahr, immer noch 1967, eine weitere Single nach, welche die Songs „Apples and Oranges“ als A- und „Paint Box“ als B-Seite enthielt, aber kommerziell weniger erfolgreich war als die vorherigen Scheiben. Im April 1968 folgte als Überbrückung bis zur Veröffentlichung des zweiten Albums eine weitere Single, weil es die Gesetze des Schallplattenmarktes in den 60er Jahren so wollten. „It Would Be So Nice“ mit der B-Seite „Julia Dream“ kam ohne die Mitwirkung von Syd Barrett zustande, stattdessen ist David Gilmour zu hören. Wie konnte das sein?
Wie oben beiläufig erwähnt, spielten Drogen eine Rolle, und Syd experimentierte gerne damit. Offenbar vertrug er psychoaktive Substanzen aber weniger gut als seine Bandkollegen, die auch keine Kinder von Traurigkeit gewesen sein dürften. Er veränderte sich, wurde lethargisch, unzuverlässig. Auf der Bühne war er bisweilen ein Totalausfall, stand nur herum, spielte seine Gitarre nicht, sang irgendwas oder gar nichts. Daher wurde Syds Freund David Gilmour, den Roger Waters ja auch kannte, gebeten, bei Konzerten als zweiter Gitarrist zur Unterstützung Syds mitzuspielen, was dazu führte, daß David mit zunehmender Abwesenheit des etatmäßigen Bandleaders bald zum ersten und alleinigen Gitarristen wurde und auch die Gesangsparts von Barrett übernahm. Irgendwann traten Pink Floyd dann ganz ohne Syd auf, benachrichtigten ihn nicht einmal mehr über Auftrittstermine. An den Arbeiten zum zweiten Longplayer nahm er aber noch teil, so daß Pink Floyd für kurze Zeit eine fünfköpfige Combo war.

A Saucerful of Secrets

Auch auf diesem Album vom April 1968 sind die vorab veröffentlichten Singles nicht enthalten. Bedingt durch die psychischen Probleme des vormaligen Hauptsongschreibers wird „A Soucerful of Secrets“ nicht von diesem dominiert, vielmehr befindet sich nur ein Stück Barretts auf dem Album. Mindestens zwei Songs aus seiner Feder wurden zwar aufgenommen, blieben aber bis heute unveröffentlicht im Giftschrank der Band, weil sie die anderen Mitglieder für die Öffentlichkeit unzumutbar deuchten.
So traurig der Zusammenbruch Syds auch war, den anderen eröffnete er die Gelegenheit, ihr eigenes kreatives Potential zur Geltung zu bringen. Neben Syd konnte so vor allem Roger Waters mit vier, aber auch Rick Wright mit drei Nennungen Writing-Credits ergattern. Das fast zwölf Minuten lange Titelstück, von Experimentierfreude geprägt, trägt gar die Namen von allen vier Mitgliedern, wobei David Gilmour das vierte ist, denn Syd Barrett war da schon offiziell aus der Band entlassen.
So kann es nicht wundernehmen, daß die Gesamttonlage des Albums weniger poppig ist als auf dem Vorgänger. Dem psychedelischen Space-Sound blieb die Band aber treu, namentlich bei den Songs „Let there be More Light“ und „Set the Controls for the Heart of the Sun“, welches hier als Höreindruck dienen soll:

Daß man sich gezwungen sah, Syd Barrett aus der Band zu feuern, ging den verbliebenen Mitgliedern und dem ihn ersetzenden David Gilmour lange nach, denn immerhin war Syd nicht nur der kreative Kopf der Gruppe, sondern ein Freund und ein netter Kerl. Aber abgesehen davon, daß eine gedeihliche Arbeit mit ihm schlicht nicht mehr möglich war, waren weder die Jungs in der Lage, mit der Situation angemessen umzugehen, noch stand professionelle psychologische und psychiatrische Unterstützung zur Verfügung. Und so hing das Schicksal Syd Barretts fürderhin wie eine Nemesis über dem weiteren Schaffen von Pink Floyd. Die Band kompensierte ihr schlechtes Gewissen unterdessen mit Auftritten und Aufnahmen; schon im Dezember 1968 folgte die nächste Album-unabhängige Single „Point Me at the Sky“ mit der B-Seite „Careful with that Axe, Eugene“. Aber zu den Singles kommen wir, wie gesagt, später. Zum Teil sehr viel später.

„Music from the Film More“ und „Zabriskie Point“.

Im Jahre 1969 waren The Pink Floyd nicht mehr nur in der Londoner Clubszene ein Begriff, sondern durchaus weltweit bekannt, wenngleich sie auch noch keine Superstars waren. Dieser Status brachte es mit sich, daß sie einerseits interessant geworden waren für Filmproduzenten, gleichzeitig aber auch noch nicht reich genug, um Auftragsarbeiten abzulehnen. Im Jahre 1969 wurden sie daher von Barbet Schroeder (ein Männername!) beauftragt, die Musik für sein Regiedebüt „More“ zu schreiben, einem Drogendrama vor dem Hintergrund der Hippie-Bewegung. Dreizehn der im Film verwendeten Stücke wurden als Soundtrack-Album veröffentlicht, durch die bauartbedingte Höchstspieldauer einer Langspielplatte mußten weitere Songs unter den Tisch fallen; diese wurden erst 2017 im Rahmen einer Gesamtretrospektive veröffentlicht, liegen mir aber nicht vor. Dafür liegt mir zusätzlich zur CD auch eine LP-Version vor, die im Unterschied zur CD „Soundtrack from the Film More“ heißt.

Zunächst war ich seinerzeit, immer noch Ende der 90er, von diesem Album enttäuscht, da ich inzwischen anderes von Pink Floyd gewohnt war. Ihrer Bestimmung als Soundtrack gemäß enthält die Platte vermehrt kürzere Instrumentalstücke, die ohne störenden Gesang Szenen im Film musikalisch untermalen. Anders als bei einem normalen Album geht es auch nicht darum, die Grundstimmung des Albums aufrechtzuerhalten und durchzuziehen, sondern die Musik reagiert auf die situationsbedingt wechselnden Stimmungen im Film. Daher bietet „More“ zum einen lyrische Passagen wie „Cirrus Minor“ und „Cymbaline“ zum andern aber auch rockige Stücke wie „Ibiza Bar“ oder „The Nile Song“, welcher geradezu als Hardrock-Song zu bezeichnen ist. Bei nochmaligem Anhören und eingedenk ihrer Funktion vermag die Scheibe durchaus zu gefallen. Zur Abwechslung sei daher mal der „Nile Song“ zu Gehör gebracht:

Auch Michelangelo Antonioni („Blow Up“) sicherte sich die Dienste Pink Floyds für den Soundtrack zu seinem Film „Zabriskie Point“. Allerdings sollte PF hier nicht in Eigenregie den kompletten Score füllen, sondern mußte sich den Platz unter anderem mit The Greatful Dead teilen. Auf der Sondtrack-LP sind drei Songs von Pink Floyd enthalten, von denen einer eine modifizierte Neueinspielung von „Careful with that Axe, Eugene“ ist.

Als CD besitze ich diesen Soundtrack gar nicht, da ich aus dem Umstand, daß es sich um eine Kompilation mit mehreren Bands handelt, irgendwie nie eine erhöhte Mußichhabenhaftigkeit abgeleitet habe. Die LP hätte ich auch nicht, wäre sie mir nicht beiläufig im Gebraucht-CD-Laden (mit Platten-Keller) in die Hände gefallen; da ließ ich sie natürlich nicht stehen. Vielleicht sollte ich doch mal die Augen offenhalten. Als Höreindruck bis dahin erstmal „Crumbling Land“:

Bereits zuvor hatte Pink Floyd Musik zu Soundtracks beigesteuert. 1968 eine Live-Aufnahme von „Interstellar Overdrive“ für „San Francisco“, und ebenfalls 1968 eigens geschriebene Musik für den Film „The Committee“. Aber das kennt ja alles niemand. Nein, ich auch nicht. Ich hab’s auch gerade erst im Zuge meiner Recherchen gelesen.


CD-Regal revisited: Pink Floyd (2)

5. Oktober 2018

Mein erster Eindruck von Pink Floyds Musik war dermaßen günstig, daß ich sehr bald der CD-Abteilung von Saturn einen weiteren Besuch abstattete, um Nachschub zu besorgen. Nach wie vor war mein Wissen um die Band begrenzt, hatte ich doch zu jenem Zeitpunkt noch keinen Zugang zum Internet. Jedoch lief damals eine Fernsehserie mit Dirk Bach, „Lukas“, die ich selten schaute, weil ich generell selten fernsehe. Bin kurzsichtig. Mindestens eine Folge sah ich allerdings, und ausgerechnet da legte Dirk Bach alias Lukas das Album „Dark Side of the Moon“ auf, weil dies seinen Angaben zufolge das perfekte Kiffer-Album sei. Nun war ich zwar nie Kiffer (Ernsthaft. Nie.), aber durch diese Lukas-Episode kannte ich nun ein zweites Album von Pink Floyd, und genau das erwarb ich dann bei nächster Gelegenheit.

Dark Side of the Moon.

So steht es auf dem Rücken der CD, auf dem Titelbild fehlt jeglicher Schriftzug. Es zeigt einzig vor schwarzem Hintergrund einen Lichtstrahl, der durch ein Prisma in die Farben des Regenbogens gespalten wird. Dieses Cover ist eine Ikone der Cover-Kunst, und das Motiv begegnet einem in der ursprünglichen oder abgewandelten Form all überall in der wirklichen und virtuellen Welt, vornehmlich auf T-Shirts, getragen von Menschen, denen man nicht unbedingt angesehen hätte, daß sie auf Pink Floyd stehen. Aber so ungewöhnlich ist das gar nicht, gehört die Platte doch zu den erfolgreichsten und meistverkauften der vergangenen 50 Jahre; selbst Homer Simpson nannte ein Exemplar des Albums sein eigen. Angeblich kamen die hohen Verkaufszahlen allerdings dadurch zustande, daß audiophile Zeitgenossen dieses perfekt produzierte Werk dazu benutzten, ihre Plattenspieler zu justieren, und gegebenenfalls ein Ersatzexemplar beschafften, um stets makellosen Klang garantieren zu können. Ich hingegen legte stumpf die CD in mein schon erwähntes CD-Radio und scherte mich nicht um bestmöglichen Klang.

Es beginnt mit Herzschlag und anderen Soundeffekten und Gesprächsschnippseln, welche ins erste Lied „Breathe“ übergehen, welches in ein Instrumentalstück übergeht, welches ins nächste Lied übergeht, und das hatte ich schon mal gehört. Das hat jeder schon mal gehört! Wannimmer in einem Fernseh- oder Radiobeitrag ein Bezug zum Verlauf der Zeit hervorgehoben werden soll, erklingt entweder das Weckerklingel-Intro des Songs „Time“, oder im Hintergrund läuft der Gesangspart. Das Ende des Tracks von „Time“ ist als eigenes Lied ausgewiesen, „Breathe Reprise“, und geht schließlich über ins nächste Stück „The Great Gig in the Sky“, welches wiederum ein Instrumental ist, sofern man die ekstatische Stimme von Clare Torry als Instrument begreift.
Daß nach dem Verklingen der letzten Töne von „The Great Gig in the Sky“ früher mal die Schallplatte umgedreht werden mußte, merkt man daran, daß der Track nicht nahtlos ins nächste Lied übergeht. Und auch dieses Lied hatte ich schon mal gehört, weil jeder das schon mal gehört hat. Wannimmer in einem Fernseh- oder Radiobeitrag übers große Geld gesprochen wird und mal nicht auf ABBA zurückgegriffen werden soll, erklingt das Registrierkassen-Intro von „Money“. Selbst wenn DSOTM nicht bis heute ein Verkaufsschlager wäre, könnten die Bandmitglieder wahrscheinlich gut von den Tantiemen leben, die ihnen allein aus der Nutzung von „Money“ zufließen. Nachfolgend gehen die Songs wiederum ineinander über. Es folgen „Us and Them“, das Instrumentalstück „Any Colour You Like“, „Brain Damage“, welches sozusagen der Titeltrack des Albums ist, da er die Worte „dark side of the moon“ enthält, und es endet mit „Eclipse“, das wiederum mit Herzklopfen endet, womit das Album wieder am Beginn angelangt wäre.
Da die Single-Auskopplungen „Time“ und „Money“ eh allseits bekannt sein dürften, sei an dieser Stelle mal „Us and Them“ verlinkt. Dick Parry ist hier als Ergänzung zur Band am Saxophon zu hören:

Ob das alles ein passender Soundtrack zum Kiffen ist, vermag ich nicht zu beurteilen; ich kann das auch bei klarem Kopf schönfinden. Auch bei dieser Platte handelt es sich um ein Konzeptalbum, wenn auch vielleicht nicht so augen- oder ohrenfällig wie bei „The Wall“. Beschrieben wird das Leben eines Menschen, der durch verschiedene Aspekte der modernen Welt in Mitleidenschaft gezogen wird, bis es eben zum „Brain Damage“ kommt. Der Herzschlag, der an Beginn und Ende zu hören ist und sich symbolisch durch das ganze Album zieht, wird in der aufklappbaren Plattenhülle durch den grünen Streifen des Regenbogens als Oszillogramm dargestellt:

1973 ist der Titel der Scheibe übrigens noch „The Dark Side of the Moon“ (Hervorhebung von mir), und das Prisma ist nicht massiv ausgefüllt:

Außerdem lagen der Schallplatte zwei Poster bei, deren eines die Pyramiden von Gizeh in blauer Nacht zeigt, was ich oben als Lego-Illustration nachzuempfinden versuchte. (Bei der Gelegenheit merkte ich, daß mein Vorrat an blauen 2×4-Steinen begrenzt ist und die vorhandenen zum Teil starke Vergilbung aufweisen, aber das nur am Rande.) Nach Anhören dieses Albums war mir jedenfalls umgehend klar, daß das nicht mein letztes Album von Pink Floyd gewesen sein konnte.


CD-Regal revisited: Pink Floyd.

30. September 2018

Ich habe ja nie einen Hehl daraus gemacht, daß ich nicht nur Pink-Floyd-Fan bin, sondern mich sogar so bezeichnen würde, was nicht für alles gilt, wofür ich sympathisches Interesse hege. Aber wie konnte es dazu kommen? In meinem Elternhause jedenfalls lernte ich nicht, ein Ohr zu entwickeln für moderne Spielarten der Tonkunst; da war bei Tschaikowski Schluß, was den Inhalt des Plattenschranks angeht, und es begann bei Schütz, Händel, Bach. Trotzdem schwang „Pink Floyd“ natürlich irgendwie im kulturellen Hintergrundrauschen mit, ohne daß ich dem Begriff konkret Musik hätte zuordnen können. Ein visueller Eindruck zumindest stellte sich spätestens 1994 ein, als in der „ADAC-Motorwelt“ das Golf-Sondermodell „Pink Floyd“ beworben wurde nebst Hinweisen darauf, daß Volkswagen in Deutschland die Konzerte jener Band präsentierte. Oder so.

An meinem letzten Schultag vor den Abiturprüfungen schließlich, mit Abistreich und Musikbeschallung in verdunkelter Pausenhalle, legte der DJ neben dem unvermeidlichen „School’s Out“ von Alice Cooper auch ein Lied auf, welches ich schon zuvor mal gehört hatte, und welches die Zeilen enthielt „We don’t need no education / We don’t need no thought control“, und ich frug einfach mal, wer das sänge? Aha, Pink Floyd. Weiter konnte ich mich nicht damit beschäftigen, denn ich mußte die letzte Gelegenheit nutzen, doch endlich mal zu schwänzen. Ich entfernte mich also von der Schule, um durch die Fahrprüfung zu fallen. Was ich dann auch tat.

Nach dem Abi spülte mir der Zivildienst nie zuvor gekannte Geldsummen aufs Konto, satte 13 D-Mark am Tag! Ausgerüstet mit derartigem Reichtum konnte ich ohne Reue bei Saturn nach CDs stöbern, wo mir eines Tages tatsächlich ein Album als Nice-Price-Angebot in die Hände fiel:

The Wall

Ein Doppelalbum für 15 D-Mark, doch gab es keine Titelliste auf der Rückseite. Aber wenn das einzige mir bekannte Pink-Floyd-Lied „Another Brick in the Wall“ nicht auf dem Album „The Wall“ vertreten war, wo dann? Ich ging also das Risiko ein und nahm die CD mit. Kaufenderdings; nicht daß hier noch der Eindruck entsteht, ich würde der Liste meiner Schandtaten neben Schuleschwänzen nun etwa auch noch Ladendiebstahl hinzufügen, nee, nee.

Unbeleckt von jeglichem Vorwissen legte ich daheim Disc 1 in mein CD-Radio, um mir mit schlechtem Klang ein vermutlich bis ins Kleinste ausgetüfteltes High-Fi-Sound-Erlebnis zu geben, aber ich wußte es ja nicht besser und konnte auch nicht anders. Die Musik jedenfalls überzeugte mich fast unmittelbar. Die Mischung aus schönen Harmonien und Brachialität bot mir just die Interessanz, für die ich empfänglich war, und das bereits, ohne daß ich mich näher mit den Texten und dem alles umfassenden Konzept auseinandergesetzt hätte. Daß es sich um ein Konzeptalbum handelt, bekam ich indes schnell spitz. Auf das ouvertürenhafte „In The Flesh?“, welches das Publikum auf die zu erwartende Show vorbereitet, folgt auf der ersten Scheibe über alle Lieder verteilt der Abriß des Werdegangs eines jungen Mannes, unter besonderer Berücksichtigung aller Faktoren, die zu seinen späteren Psychosen führen: Die dominante Mutter, der Verlust des Vaters im Krieg, die eigenen Erlebnisse im Bombenhagel, die seelenlosen, grausamen Lehrer in der Erziehungsanstalt, die verkorkste Pubertät und die treulose Freundin, sowie allgemein die betonierte Gesellschaft. All dies sind Ziegel in der Mauer, mit der sich Pink – so wird der Protagonist im Lied „In the Flesh“ bezeichnet, was somit das Album als irgendwie autobiographisch ausweist – umgeben fühlt, und welche mit jeder Begebenheit weiter in die Höhe wächst, bis er emotional komplett abgeschottet ist. Als Höreindruck soll nun nicht „Another Brick In The Wall“ dienen, welches als wiederkehrendes Motiv auf der ersten Disc in drei Teile aufgesplittet ist, sondern „Young Lust“:

(„The Wall“ erschien 1979, drei Jahre zuvor hatten bereits Black Sabbath „Dirty Women“ besungen, aber das tut hier nichts zur Sache.)
Die zweite Scheibe stellt zunächst Pinks Seelenzustand in der Isolation dar. Er fühlt sich einsam und der Welt nicht weiter zugehörig, betäubt sich mit Fernsehen und Drogen, was er freilich abstreitet, und entwickelt als Folge der rigiden Erziehung, die, da er hinter seiner Mauer sitzt, nun nicht mehr durch äußere Eindrücke korrigiert werden kann, ein faschistisches Weltbild, fühlt sich gehetzt und wartet eigentlich bloß noch auf den Tod. Schließlich imaginiert er nach einem Zwischenfazit, welches die Publikumsansprache der Ouvertüre wieder aufgreift, eine Art jüngstes Gericht, freilich nicht unter dem Vorsitz Gottes, sondern von Richter Wurm, da Leichen nun mal von Würmern zerfressen werden, mit der Anklage, Gefühle von beinahe menschlicher Natur zu haben. Das Urteil lautet: Öffentliche Zurschaustellung, also weg mit der Mauer!
Als Anspieltipps böte sich hier so manches an, das längste Stück der Platte, „Comfortably Numb“, das getriebene „Run Like Hell“ oder auch das operettenartige „The Trial“, aber mir hat es „Hey You“ angetan:

Was ich damals, 1996 oder 1997, alles noch gar nicht wußte:
„The Wall“ ist in der Tat irgendwie autobiographisch, insofern Roger Waters, der Bassist und Hauptsongschreiber jener Tage, hier die Traumata seiner eigene Kindheit aufarbeitet. Auf der vorausgegangenen Tour hatte er an sich selbst Verhaltensweisen bemerkt, die ihm ganz und gar nicht behagten, was ihm die Idee zu diesem Konzeptalbum gab. Die anderen Bandmitglieder waren am kreativen Prozeß nur marginal beteiligt, einzig David Gilmour konnte mit „Comfortably Numb“ ein wahres Highlight aufs Album schmuggeln. Pianist Richard Wright wurde sogar nach Abschluß der Studioaufnahmen aus der Band gefeuert, da er sich mit Roger Waters so gar nicht mehr verstand, ironischerweise jedoch für die folgenden Live-Darbietungen als bezahlter Bühnenmusiker wieder engagiert.

Diese Bühnen-Show war das Aufwendigste (mit e!), was seit barocken Opernaufführungen vor Publikum zelebriert wurde. Quer über die Bühne wurde während der Show eine Mauer aus Pappquadern gebaut, auf diese Mauer wurden von Gerald Scarfe animierte Szenen projiziert, davor wackelten überlebensgroße Marionetten über die Bühne, eine Pseudo-Band in Masken der originalen Pink-Floyd-Mitglieder spielte vor der Mauer, während die Band selbst dahinter weitgehend im Verborgenen blieb. Am Ende fiel die Mauer mit lautem Getöse in sich zusammen. Das alles war so teuer, platzfordernd und eben aufwendig, daß „The Wall“ 1980 und 1981 nur an vier Orten weltweit überhaupt aufgeführt wurde, namentlich Los Angeles, wo die Premiere stattfand, New York, selbstverständlich London und – – – Dortmund. Damals galt die Westfalenhalle noch als erste Adresse für derlei Veranstaltungen.

Irgendwann später (im Jahr 2000) erwarb ich dieses opulente Live-Doppelalbum, wiewohl ich früher überhaupt kein Freund von Live-Versionen irgendwelcher Lieder war. Aber seit ich erfahren hatte, daß ausgerechnet Dortmund Schauplatz der exklusiven The-Wall-Show war, drängte es mich, ein Dokument dessen zu besitzen. Das Live-Album wurde freilich in London aufgenommen. Vergebens war die Anschaffung dennoch nicht, denn die Longbox enthält ein Buch, das den Produktionsprozeß der Show dokumentiert. Passend zur den Rahmen sprengenden Bühnen-Show ist auch diese Verpackung so voluminös, daß sie nicht vernünftig in mein CD-Regal paßt. Nun ja.

Roger Waters hatte „The Wall“ nicht bloß als Konzeptalbum entworfen, sondern die visuelle Präsentation von vornherein mitgeplant. Innerhalb des Albums selbst wird die „Show“ mehrfach erwähnt (Der Song „The Show Must Go On“ ist freilich weniger im Bewußtsein der Öffentlichkeit, als es Queens Lied unter demselben Titel sein mag.), und auch die Pseudo-Band vor der Bühnen-Mauer findet Erwähnung. Die Aufmachung der Album-Hülle (außen schlicht und innen farbenprächtig) wurde ebenso von Gerald Scarfe entworfen wie die Animationen, die während der Show über die Mauer flackerten, und die animierten Passagen im surrealistischen Film von 1982. Die Hauptrolle des Pink spielt dort Bob Geldof, und die Handlung wird nahezu ausschließlich anhand der Musik des Albums erzählt. Der Song „When The Tigers Broke Free“, der nicht mehr auf die Schallplatte gepaßt hatte, konnte im Film verwendet werden.
Na gut, also doch „Another Brick In The Wall part 2“:

Auch diesen Film kaufte ich erst sehr viel später, und die DVD-Hülle ist so schmal, daß sie in der Tat quer über die CDs ins Regal paßt.

Den Titel Mutter aller Konzeptalben dürfte „The Wall“ trotz der epochalen Begleitumstände nicht für sich beanspruchen, denn da ist „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ vor. Das war mir natürlich schnurz, mir gefiel’s, sehr sogar. Als erste Begegnung mit der Musik von Pink Floyd hätte es freilich fatal sein können, denn der zum Teil bombastische Sound von „The Wall“ ist keineswegs charakteristisch für das frühere Œuvre der Band. Des wurde ich sehr bald gewahr, denn dieses Album machte mir umgehend Appetit auf mehr, so daß mein Kauf eines zweiten Pink-Floyd-Albums nicht lange auf sich warten ließ.


Eröffnet: Die Werkschau!

20. Mai 2013


Da ich ja nicht mehr zum Bauen komme, schon gar nicht von größeren MOCs, muß ich leider auf olle Kamellen setzen, um die Erinnerung wachzuhalten, daß das mal anders war. Darum habe ich hier im Blog, der zunehmend die Funktion einer Homepage erfüllt, mal eine Sektion mit meinen Lego-Eigenbauten eröffnet. Sie findet sich oben unter „Werkschau“, weil sie eben das ist. Enthalten sind fast alle meine Lego-Bauwerke, einigermaßen chronologisch geordnet, bisweilen mit Text, immer mit Bildern. Die Tendenz ist eindeutig: Früher herrschten große, komplexe Bauten vor, vorgestellt in endlos vielen Bildern. In jüngerer Zeit baute ich eher kleine Dinge, die oft in einem einzigen Bild umfänglich dargestellt sind.
Manchmal hätte ich ja Bock, was Großes zu bauen, aber ich habe einfach keine Lust…