Huch!

30. August 2016

Wenn mir nicht bald was einfällt, droht der August blogbeitragsfrei zu bleiben.
(„Blogbeitragsfrei“ schreibt man klein (außer am Satzanfang) und zusammen (ausnahmslos). Wenn die mittlerweile auch schon 20 Jahre alte Rechtschreibreform für eins gesorgt hat, dann für Verunsicherung unter der schreibenden Weltbevölkerung Deutschlands darüber, was wie geschrieben wird und was jetzt richtig ist, was früher richtig war, was früher beliebig war und was jetzt beliebig ist. Im Zweifelsfall bestehen keine Zweifel, (Dieses Komma ist nun beliebig, leider. Leider, weil durch das Komma sichergestellt war, daß durch das „und“ keine bloße Reihung gebildet wird, sondern zwei Hauptsätze miteinander verbunden sind.) und der Schreibende schreibt irgendwie, ohne sich um Regeln zu kümmern. Ganz besonders freidenkende Unkundige behaupten ja gerne, daß ihre Rechtschreibfehler gewollt und Ausdruck ihrer Kreativität seien, wie man bisweilen in Signaturen unter Beiträgen in Internetforen lesen kann. Bullshit! Fehler ist Fehler. Flüchtigkeitsfehler sind unbeabsichtigt, Rechtschreibfehler sind ebenso unbeabsichtigt, jedoch hätten sie nicht verhindert werden können, weil der Schreibende (oder, jaja, die Schreibende) es leider nicht besser wußte. Die Schuld für dieses Nicht-besser-Wissen würde ich nicht einmal immer beim Fehlschreiber selbst suchen, sondern der Orthographie-Erziehung zur Last legen wollen. Und den Umwelteinflüssen in Form von zahllosen falschgeschriebenen Texten, welche den meinetwegen sogar Lernwilligen in der Lernphase beeinflussen und ihm keine Chance lassen, korrektes Schreiben durch das Lesen korrekt geschriebener Texte zu erlernen. Es kommt ja nicht von ungefähr, daß Grundschülern, die eben erst schreiben lernten, empfohlen wurde, viel zu lesen. Denn zu lesen gab es Bücher, und Bücher waren sorgfältig von Lektoren der Verlage auf Korrektheit hin durchgearbeitet worden; Zeitungen und Zeitschriften ebenfalls. Wer las, prägte sich auf diese Weise die Regeln von Orthographie und Zeichensetzung so ein, wie er es in den von ihm rezipierten Druckerzeugnissen vorfand. Tipp- und Setzfehler kamen natürlich immer vor, doch fielen sie nicht ins Gewicht, oder anders gesagt: Sie fielen dem Leser noch auf, weil sie unmittelbar als falsch wahrgenommen wurden. Durch die Rechtschreibreform (nicht nur durch diese, aber dazu unten mehr) hat sich das meiner Meinung nach geändert. Zunächst galten noch alte und neue Schreibungen nebeneinander, was die Trennung von „faslch“ (das war übrigens ein Tippfehler) und „richtig“ unschärfer werden ließ und überhaupt das Bewußtsein für eine gültige Schreibweise schwächte. Überdies wurden durch die Rechtschreibreform in einigen Fällen verschiedene Schreibweisen als richtig anerkannt, was zu dieser Bewußtseinstrübung noch beitrug. Der schlimmste Effekt dieser Reform, welche übrigens noch mehrfach nachträglich korrigiert wurde, also inzwischen neugelernte Schreibungen wiederum ungültig werden ließ und somit immer verwirrender wurde, ist aber der durch die Reform vermittelte Eindruck vieler Schriftbenutzer, daß man ja jetzt schreiben könne, wie man wolle. Also gaben es viele vormals gutmeinende Schreiber schlichterdings auf, sich weiterhin überhaupt zu bemühen, korrekt zu schreiben. Hinzu kommen weitere Aspekte. Zum Einen können wir eine zunehmend stärkere Stellung des Individuums beobachten. Das hat unbestreitbar Vorteile, denn wir wollen ja keine gesichts- und rechtlose Masse sein. Wenn aber jeder sich im Mittelpunkt der Welt wähnt, seine eigenen Interessen als das Hauptanliegen nicht nur seiner selbst, sondern aller ansieht, weil ihm dies durch Erziehung und Gesellschaft so vermittelt wurde, führt das in letzter Konsequenz zu massenhaftem Egozentrismus. In Sachen Rechtschreibung führt es zur Überhöhung des Schreibers gegenüber dem – ja, den gibt es auch noch! – Leser. Jeder schreibt, wie er will, weil jeder sein Recht auf ungezwungene Entfaltung der eigenen Persönlichkeit auch beim Schreiben von Texten gleichwelchen Genres höherschätzt als das Recht des Lesers, einen unmittelbar entzifferbaren und verständlichen Text vorzufinden. Verstanden zu werden ist offenbar nachrangig, möglichst einfach und ungezwungen (sprich: ohne Regeln) zu schreiben, hat Vorrang. (Oftmals ist dies verbunden mit einer überschätzten Wichtigkeit der eigenen Person und der (schriftlich) vermittelten Botschaft. Der Leser möge sich bitte bemühen, mein, Schreibers, Geschreibsel zu entziffern, ansonsten entgeht ihm halt Weltbewegendes! Von wegen! Dem Leser ist mein Geschreibsel gerade so wichtig, wie er in der Lage ist, es ohne größere Anstrengung zu lesen. Bietet mir als Leser der Schreiber verquastes Kauderwelsch in unentzifferbarer Rechtschreibung an, erlischt mein Interesse relativ abrupt. Denn der Leser ist natürlich ebenso sich selbst wichtignehmendes Individuum wie der Schreiber.) Zum Anderen hat das Internet dazu geführt, daß nun jedermann schnell was schreiben und weltweit publizieren kann. Es begann Ende der 90er Jahre mit E-Mails und gif-Graphik-triefenden Homepages, führte über Newsgroups und Internetforen hin zu Myspace (tot) und Facebook (noch nicht tot), derzeit gipfelnd in WhatsApp und Twitter. Letztlich schreibt heute jeder, ohne Rücksicht auf irgendwelche Regeln der Orthographie, aus unterschiedlichen Gründen: Sei es weil der Nerd gerne leetspeaks, sei es, weil die Zeichenanzahl begrenzt ist oder es unheimlich schnell gehen soll, sei es, weil von vornherein keine große Kenntnis von Orthographie und Interpunktion vorhanden war (Mehrfachnennungen möglich). Letztlich liest aber auch jeder derlei Geschriebenes, der Chance verlustiggehend, sich durch garantiert korrekt geschriebene Texte, wie zu Zeiten redigierter Bücher und Zeitschriften, seinerseits einen Schriftwortschatz in korrekter Orthographie anzueignen. Aber was soll’s, korrekt schreiben zu können ist keine gefragte Tugend mehr, weil es dafür ja die Autokorrektur gibt. Fluch der Autokorrektur! Und wir wundern uns, daß die Zahl der Legastheniker und Lese-und-Rechtschreib-Schwachen steigt. Vermutlich war der Prozentsatz an Menschen mit Legasthenie und Lese-und-Rechtschreib-Schwäche nie anders als heute, aber im Gegegnsatz zu früher (wo keineswegs alles besser war), als die Schreibfaulen halt kaum was schrieben, schreibt heute jeder (s.o.), also fällt’s jetzt auf. (Übrigens ist mir bewußt, daß es keine natürliche Fähigkeit ist, flüssig lesen und korrekt schreiben zu können, sondern eine erworbene Kulturtechnik. Die Rechtschreibregeln sind nicht gottgegeben (Denn was wäre schon gottgegeben?), sondern menschengemacht und austauschbar, oft nicht einmal in sich logisch. Es mangelt mir nicht an Verständnis für Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich solche willkürlichen und unnatürlichen Regeln einzuprägen und anzuwenden. Aber unsere Gesellschaft ist, wie sie ist, und im eigenen Interesse sollte sich jeder zumindest bemühen, die selbstgegebenen Regeln der Gesellschaft soweit einzuhalten, wie sie nicht menschenrechtswidrig sind. Raum für Veränderung besteht immer, aber bloßes Revoluzzertum (wie bei jenen, die aus Prinzip alles falschschreiben und es so den lernwilligen Legasthenikern noch schwerer machen) oder vorauseilende Kapitulation (wie bei jenen, die trotzigen Stolz zur Schau zu tragen meinen, indem sie zum Behalten der gefundenen Rechtschreibfehler auffordern), ist wenig hilfreich.)
Und warum schreibt man „blogbeitragsfrei“ jetzt klein? „Blog“ ist doch ein Hauptwort, und „Beitrag“ ist auch ein Hauptwort, und die schreibt man doch groß? Richtig, gut beobachtet! Aber „frei“ ist ein Adjektiv, ein Wie-Wort, und die schreibt man klein. Bei einem zusammengesetzten Wort, einem Kompositum, kommt es immer auf den letzten Bestandteil an. Ganz gleich, aus wie vielen Bestandteilen so ein Kompositum besteht – ist der letzte Bestandteil ein Hauptwort, schreibt man das ganze Wort groß, ist der letzte Bestandteil ein Adjektiv, ein Verb oder sonstwas, was einzeln kleingeschrieben würde, schreibt man auch das ganze lange Wort klein, ungeachtet dessen, wie der Bestandteil am Wortanfang einzeln geschrieben würde.)

Diesen leserunfreundlichen, absatzlosen, von ungeschlossenen Klammern und nicht beendeten Gedanken vermutlich nur so wimmelnden Summs wird sowieso niemand lesen, oder? Und dann auch noch Flattersatz! Egal, wird jetzt, ohne korrigierenderdings noch mal drüberzulesen, veröffentlich. Friß, Leser, oder stirb!

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Buch der Woche: Der Duden in 12 Bänden.

11. Mai 2013

Für die komplette Duden-Reihe reicht der Büchertisch nicht aus, so daß wir auf den Küchentisch ausweichen müssen. Ein „Duden in 9 Bänden“ hätte gepaßt. Aber macht ja nichts.

Konrad Duden war offenbar ein Perfektionist und ein Nerd. Ihm, der er Gymnasiallehrer war, ging es auf den Zwirn, daß es im deutschen Sprachraum keine einheitliche und überall gültige Rechtschreibung gab. Gab’s nämlich nicht. Ganz früher sowieso nicht; im Mittelalter wurde Sprache vor allem gesprochen, daher der Name. Wer sich gezwungen sah, etwas aufzuschreiben, suchte sich die verfügbaren Buchstaben so zusammen, daß sie die Lautgestalt des zu schreibenden Wortes seiner Meinung nach erkennbar wiedergaben. Da aber die Lautgestalt der Wörter in den verschiedenen Gegenden des deutschen Sprachraums deutlich voneinander abwich, sahen auch die geschriebenen Wörter je nach Schreiber ganz unterschiedlich aus. Wenn also ein Mönch im Hochstift Fulda verstehen wollte, was ein Mönch in St. Gallen geschrieben hatte, mußte er sich den Text laut vorlesen, um zu hören, was da geschrieben stand. Und verstand es möglicherweise dennoch nicht, weil die deutsche Sprache sich ja in unzählige Dialekte und Varietäten gliedert.

Nun, dank Lutherbibel, Buchdruck und allgemein mehr verbreiteter Schriftkultur sah die Situation im 19ten Jahrhundert nicht mehr ganz so verworren aus. Die Grammatik war weitgehend einheitlich, die Orthographie eigentlich auch. Aber Unterschiede gab es nach wie vor, und amtlich war die Rechtschreibung sowieso nicht. Und das, obwohl ganz Deutschland (ohne Österreich) seit 1871 in einem Kaiserreich vereinigt war. Für Konrad Duden war das ein untragbarer Zustand, weshalb er 1880 ein „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ herausgab, mithin den ersten „Duden“. Erst im Jahre 1901 wurde auf Grundlage von Dudens Wörterbuch für das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn eine einheitliche deutsche Rechtschreibung erarbeitet und verbindlich. Seitdem war der Duden „maßgebend in allen Zweifelsfällen“. Das blieb er auch in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR, die das Glück hatte, daß der Urduden im Bibiliographischen Institut in Leipzig erschienen war. West-Duden und Ost-Duden unterschieden sich vor allem in vielen Worterklärungen, die vor allem in der DDR nicht das ideologische Konzept konterkarieren durften. Ein Mythos ist freilich, daß das Stichwort Engel im DDR-Duden mit „Jahresendflügler“ erklärt worden sei, um einen Gottesbezug zu vermeiden. Korrekterdings wurde es mit „grch. → lat. ,Bote‘“ erklärt, wohingegen der West-Duden auf jegliche Erklärung zum Stichwort Engel verzichtete.

Seit 1996 ist der Duden nicht mehr maßgebend, denn mit der Rechtschreibreform wurde auch sein Quasimonopol zugunsten von anderen Wörterbüchern wie Pons und Langenscheidts aufgehoben. Seither gibt es eine amtliche Rechtschreibung, die vom Duden lediglich noch wiedergegeben wird. Wer privat schreibt, braucht sich natürlich an keinerlei Rechtschreib- und Grammatikregeln zu halten, muß allerdings in Kauf nehmen, für blöd gehalten zu werden.

So, und warum jetzt 12 Bände?

• Band 1: Die deutsche Rechtschreibung. Das ist natürlich „der Duden“ schlechthin.
• Band 2: Das Stilwörterbuch. Gemäß Untertitel „grundlegend für gutes Deutsch“. Das steht seit fast 20 Jahren bei mir herum, aber ich habe kaum dreimal hineingesehen.
• Band 3: Das Bildwörterbuch. Hier werden Gegenstände aus allen Lebensbereichen in schematischen Zeichnungen dargestellt und viele Einzelheiten erklärend benannt. Sinnvoll für jeden, der immer schon mal wissen wollte, wie zum Beispiel die weißen und schwarzen Dinger der Klaviatur heißen. Aha, das sind die Tasten!
• Band 4: Die Grammatik. Die Duden-Grammatik erklärt sehr gut den Aufbau der Sprache, ausgehend von der Lautstruktur und der Betonung, über die Buchstaben und die Schriftstruktur der Wörter, über die Wortarten, hin zu Wortbildung und Wortschatz, um schließlich im ganzen Satz zu endigen.
• Band 5: Das Fremdwörterbuch. Hier sind Fremdwörter keine Glückssache.
• Band 6: Das Aussprachewörterbuch. Das muß ich wohl an meine Exfreundin verliehen haben, denn wie ich soeben feststelle, fehlt es im Regal. Muß ich halt weiternuscheln.
• Band 7: Das Herkunftswörterbuch behandelt die „Etymologie der deutschen Sprache“. Durch die Rechtschreibreform wurde einiges verschoben. Seither könnte man meinen, „einbleuen“ hätte was mit „grün- und blauschlagen“ zu tun, denn nun wird es mit ä geschrieben. Pikanterweise schreibt der Duden: „Das vom Sprachgefühl meist zu ‘blau’ gestellte Verb […] hat mit ‘blauen’ Flecken nichts zu tun.“ Ja, ihr Arschlöcher, warum habt ihr dann die Schreibweise geändert? (Na gut, das ist nur ein eigentlich unbedeutendes Wort, aber es ist symptomatisch für die Bescheuertheit der Rechtschreibreform insgesamt.)
• Band 8: Die sinn- und sachverwandten Wörter, also das „Synonymwörterbuch der deutschen Sprache“. Nutzbar, wenn man mal ein anderes Wort für „Gesicht“ verwenden will. Band 8 schlägt dann Synonyme vor, die von „Antlitz“ und „Physiognomie“ zu „Fresse“, „Fratze“ und „Arsch mit Ohren“ reichen. Sehr gewissenhaft.
• Band 9: Richtiges und gutes Deutsch. Dieser Band scheint inhaltlich verwandt zu sein mit Band 2, dem Stilwörterbuch. Ist er auch. Allerdings werden hier auch Zweifelsfälle geklärt, die nicht unmittelbar mit dem Sprachstil oder der korrekten Schreibung eines Wortes zu tun haben, sondern eben vor allem Zweifelsfälle sind. Ein ziellos aus dem aufgeschlagenen Buch herausgepicktes Beispiel: „Obmann: Das Wort hat zwei Pluralformen: die Obmänner und die Obleute. Wenn Männer und Frauen gleichzeitig gemeint sind, heißt der Plural die Obleute.“ So was halt.
• Band 10: Das Bedeutungswörterbuch. Dieses befaßt sich mit Wortbildung und Wortschatz. Erklärt werden nicht nur ganze Wörter, sondern vor allem auch einzelne Wortbestandteile, die man als solche nicht im Wörterbuch (Band 1) fände.
Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten. Was muß, das muß.
Zitate und Aussprüche. Eine Liste von geflügelten Worten, Bonmots und Aphorismen, gesammelt aus Werken der klassischen Antike, der Bibel, Werbung, Film und Fernsehen.

Das sind die 12 Bände. Sie machen sich in ihrer Vielfarbigkeit dekorativ im Buchregal. Die Lego-Version folgt nicht exakt der farblichen Aufteilung in der Wirklichkeit und ist über allerhand Sets verteilt – wenn man jeweils die vorgesehenen Aufkleber wegläßt.