CD-Regal revisited: Metallica. (Vol. 2)

11. September 2017

Mit dem schwarzen Album im Repertoire tourte Metallica ausgiebig, zum Teil gemeinsam mit Guns n‘ Roses, und kletterte sogar durch den 1991 sehr löchrig gewordenen Eisernen Vorhang, um neben AC/DC, Pantera und den Black Crows ein Konzert in Moskau zu spielen, vor geschätzt anderthalb Millionen Menschen, die von der örtlichen Gendarmerie zusammengeknüppelt wurden, wenn sie zu headbangen und pogen wagten. Die mediale Präsenz der Band zu jener Zeit war gewaltig, Festival-Auftritte wurden live im Fernsehen gezeigt, die Videos zu „Enter Sandman“ und „Nothing Else Matters“ und sogar gelegentlich „One“ liefen häufig bei MTV und in der schon erwähnten Sendung „Hit Clip“. Natürlich konnte Metallica auf diese Weise zahllose Fans hinzugewinnen (zum Beispiel mich), die bis zum Erscheinen des nächsten Albums Gelegenheit hatten, sich mit den bisherigen 47 Songs und dem spezifischen Stil von Metallica vertraut zu machen. Thrash-Metal, yeah! Pommesgabel! Bang the head, that doesn’t bang! (Außer in Moskau; da andersrum.)
Dann wurde im Jahre 1996 endlich, nach fünf Jahren, das neue Album angekündigt.

Load

Moment mal… Das Logo, einst von James Hetfield höchstselbst mit Haushaltsmitteln entworfen, hatte sich verändert, die Wolfsangeln an M und A wurden abgefeilt. Ein vervierfachtes Metallica-M zierte bloß noch als Ninjastern die runde CD. Anzeichen für einen Image-Wechsel? Auch ein Blick ins Booklet schien darauf hinzudeuten. Die Jungs hatten ihre langen Haare abgeschnitten und zeigten sich dandyhaft zigarrerauchend und – durfte es denn wahr sein? – geschminkt! Um diese Stilveränderung auch noch besonders zu betonen, ist Bildern der Band mehr Platz zugedacht als einer ordentlichen Repräsentation der Songtexte, von welchen jeweils nur einige exemplarische Zeilen abgedruckt sind. Vielen altgedienten Headbangern genügte vermutlich all dies schon, um das Album nach äußerlicher Begutachtung im Plattenladen zuzuklappen und wieder ins Regal zu stellen. Um es später heimlich über Mittelsmänner doch zu kaufen, denn irgendwer muß ja dafür gesorgt haben, daß es in den USA, GB und Deutschland an die Spitze der Album-Charts stürmte.
Das Album heißt „Load“, und vollbeladen ist es wahrlich; die 14 Lieder füllen die CD über fast 80 Minuten bis an den Rand. „80 verschwendete Minuten“, jammern die obbedachten Headbanger. Denn nicht nur sind die Thrash-Momente seltener geworden. Überhaupt ist die Musik bisweilen kaum als Metal zu bezeichnen, sondern tendiert zu Hardrock, mit Blues- und Country-Einflüssen. Die Melodieführung ist noch weniger Riff-basiert als auf dem Vorgängeralbum, das Tempo ist mäßig. Dessen ungeachtet ist der Sound druckvoll und satt. Damals, 1996, besaß ich nur das schwarze Album und „Master of Puppets“, doch auch mir Laien fiel durchaus auf, daß der Stil sich verändert hatte, aber mir gefiel’s. Ich war und bin ja kein traditioneller Metalhead. Wenn eine Band wie Metallica experimentierfreudiger ist als ihre Kernhörerschaft, dann ist das halt so. Nach viereinhalb Jahren auf Tour mit immer denselben gespielten Liedern aus dem umfangreichen Back-Catalog muß man einer Band wohl zugestehen, daß sie sich am eigenen Material sattgehört hat und etwas anderes ausprobieren möchte. Immerhin verfielen sie nicht auf seichten Pop, sondern schrieben weiterhin gitarregetriebene Lieder mit introvertierter, düsterer Thematik. Nerviger als die meiner Ansicht nach legitimen musikalischen Experimente finde ich, daß James in seinem Gesangsstil einen gewissen Manierismus entwickelte, der sich in „whoas“ und „yeas“ am Ende von Textzeilen äußert.
Als Höreindruck wähle ich mal „Bleeding Me“, das ganze Album in einem Song: Bluesiges Intro, Riffs, Druck, Solo und mysteriöse Lyrics.

Nach der ausufernden Tour hatte Metallica soviel Material, daß das neue Album eigentlich ein Doppelalbum werden sollte, was das Management ihnen aber ausredete. Aber auch so paßten die erarbeiteten Songs nur mit knapper Not auf die CD, so daß das letzte Stück „The Outlaw Torn“ auf schlanke 9:47 min gekürzt werden mußte, weil so eine CD halt nur 78:59 min faßt. So lange dauerte also eine Aufführung von Beethovens 9ter Sinfonie unter der Leitung Herbert von Karajans. Anyway, den Song in voller Länge packte man als B-Seite auf eine Single des Folge-Albums, welches ja eigentlich der zweite Teil dieses Albums hätte werden sollen. Entsprechend erschien es auch bereits im Jahr darauf, 1997:

ReLoad

Der zweite Teil des Load-Doppels ist insgesamt weniger bluesig und dafür etwas härter und düsterer, drohender. Zum allerersten Male wird ein Metallica-Album nicht mit Gitarrenklängen eröffnet, sondern von James Hetfields Stimme, der nach Zündstoff im Song „Fuel“ verlangt, einer schnellen Nummer. Dieses Intro schreckte mich beim erstmaligen Hören direkt ab, wiewohl das Lied eigentlich recht gut ist, und bestimmte so meine Erwartungsgrundhaltung für alles Folgende. Nun, mit 20 Jahren Abstand, beurteile ich die gelieferten Songs durchaus wohlwollender, obschon ich „Load“ bevorzuge. Das Grundthema auf „ReLoad“ scheint die Verführbarkeit und Sündhaftigkeit der Menschen zu sein, und wo dergleichen hinführt. Im Lied „The Memory Remains“, die Todsünde der Vanitas behandelnd, gibt Marianne Faithfull ein Gastspiel. Und der Teufel lauert immer irgendwo, am offensten im Danse-Macabre-Stück „Devil’s Dance“, welches in seiner schleppenden Düsterkeit geradezu deathmetallen anmutet, original mit Growling-Einlagen von Jason Newsted im Hintergrund. Da ich mich nur schwer für ein repräsentatives Anspielstück entscheiden kann, nehmen wir halt das:

„Load“ und „ReLoad“ fanden zwar reißenden Absatz, wurden aber, wie erwähnt, von den angestammten Fans verhalten aufgenommen. Der Headbanger angunfürsisch erwartete von Metallica reinen Thrash-Metal, mindestens im Stile der Alben „Ride the Lightning“, „Master of Puppets“ und „…And Justice for All“, besser noch wie auf dem Erstling „Kill ’em All“, und die Band verweigerte sich stumpf diesem Ansinnen. Der äußerliche Stilwechsel, am augenfälligsten natürlich die neuen Kurzhaarfrisuren, trugen zum Eindruck bei, Metallica habe sich und ihre Wurzeln verloren. Da wußten die Fans ja noch nicht, was noch alles kommen sollte.

Garage Inc.

Zunächst kam im Jahre 1998 ein Doppelalbum mit Cover-Versionen. Nachdem sie in den vorangegangenen zwei Jahren zwei Alben mit insgesamt 27 neuen Liedern veröffentlicht hatten, mußten sich die Jungs wohl zwischendurch beim Nachspielen von andererleuts Songs erholen. Dergleichen war für Metallica keineswegs untypisch, hatten sie doch in ihren Anfangstagen, wie vermutlich jede junge Band, ihre Setlist mangels eigener Songs vornehmlich mit Coversongs aufgefüllt. Auch später erwiesen sie bisweilen einer Vorbild-Band ihre Reverenz und nahmen Cover-Songs als Single-B-Seiten auf, zum Beispiel vier Motörhead-Songs anläßlich Lemmys 50stem Geburtstag. Und zum Einstand Jason Newsteds veröffentlichten sie 1987 die $5.98-EP „Garage Days Re-Revisited“. All dies packten sie nun auf die zweite Scheibe des aktuellen Garage-Inc-Albums. Für Disc 1 nahmen sie elf neue alte Lieder aus fremder Feder auf, nachdem sie offenbar ausgiebig in Lars Ulrichs Vinyl-Sammlung geschwelgt hatten. Die Liste umfaßt kurze knackige Punk-Klassiker („Die, Die My Darling“ der Misfits), Heavy-Metal-Legenden („Sabra Cadabra“ von Black Sabbath), aber auch Düsterrock („Loverman“ von Nick Cave & The Bad Seeds) nebst einigen anderen. Natürlich durfte auch Ulrichs erklärte Lieblingsband Diamond Head nicht fehlen, die bereits in seiner sagenumwobenen Zeitungsanzeige erwähnt wurde, welche zur Gründung Metallicas führte. Die Idee, ein komplettes Coveralbum einzuspielen, kam den „Metallicats“ (so eine scherzhafte Bezeichnung im CD-Booklet) wohl relativ spontan, aber da nun schon mal ein neues Album vorlag, veröffentlichten sie natürlich auch Singles. Neben „Die, Die Darling“ waren dies „Turn the Page“ von Bob Seger und „Whiskey in the Jar“, welches gemeinhin Thin Lizzy zugeschrieben wird, aber eigentlich ein traditionelles irisches Trinklied ist; da waren die Veröffentlichungsrechte wohl am unkompliziertesten. Aber da es dazu ja auch Videos gab, die jeder kennt, sei als Anspieltip stattdessen „Astronomy“ von Blue Öyster Cult genannt:

Eigentlich bin ich kein großer Freund von Coverversionen, mir sind Originalsongs einer Band prinzipiell lieber. Zumal, wenn der ganze Ruhm eines Sängers oder einer Band auf einer erfolgreich lancierten Cover-Version eines Klassikers beruht, wie es im Radiopop nicht selten vorkommt, finde ich das äußerst frag- und keineswegs unterstützenswürdig. Metallica ist dessen freilich unverdächtig. Ihre frühen Cover waren sicherlich Fingerübungen und halfen ihnen dabei, ihren eigenen Stil zu entwickeln und die Beherrschung ihrer Instrumente zu verfeinern, aber den Ruhm erarbeiteten sie sich durch selbstgeschriebene Lieder. Später aufgenommene Cover-Songs sind als Ehrerweisung gegenüber dem jeweiligen Originalkünstler zu verstehen, als Karriereschub hatte Metallica so etwas schlichterdings nicht nötig, denn die Nummer 1 der Metal-Welt waren sie ohnehin. Das vorliegende Album war ein Spaßprojekt, das vor allem der Abwechslung im Touralltag diente. Die Qualität der aufgenommenen Songs ist metallicamäßig hervorragend, gebraucht hätte ich es trotzdem nicht. Dennoch kaufte ich das Album, weil ich 1998 alles kaufte, wo Metallica draufstand – außer „Kill ’em All“. Aber ich glaube, ich habe das jetzt erst zum zweiten Mal komplett durchgehört und werd’s auch so bald nicht wieder auflegen.

S&M

Nachdem Metallica 1998 andere Bands gecovert hatte, ergab sich 1999 die Gelegenheit, sich selbst zu covern. Michael Kamen, Dirigent und Komponist von Filmmusik, der bereits 1991 die Streicher in „Nothing Else Matters“ arrangiert hatte, kam auf Metallica zu, um ein Projekt zu verwirklichen, das ihm vorschwebte: Die Verbindung von traditionellem Sinfonieorchester und kraftvoller Rockmusik. Metallica, nie davor zurückscheuend, sich auf musikalische Gratwanderungen zu begeben, stimmte zu. Kamen komponierte für eine Reihe Metallica-Songs Orchester-Adaptionen, teilweise unterstützend und begleitend, teilweise der Melodie eines Songs diametral entgegenarbeitend. Um herauszufinden, wie das klang, gab es für Metallica nur eine Möglichkeit: Ein gemeinsames Konzert mit dem San Francisco Symphony Orchestra. Selbstredend wurde dieses Konzert umfänglich aufgezeichnet und auf Platte und DVD gebannt. Als kleines Schmankerl brachten Hetfield, Ulrich und Co. zwei bisher unveröffentlichte Lieder im Rahmen dieses Konzerts zur Aufführung, „No Leaf Clover“ und „Minus Human“. Überdies hielt dieses Konzert für die Band die Freude parat, daß ihr langjähriges Einlauflied, Ennio Morricones „Ecstasy of Gold“ aus dem Film „The Good, the Bad and the Ugly“ hier einmal live von einem Orchester gespielt wurde, während es bei ihren Konzerten sonst als Konserve vom Band läuft. Der Mehrwert fürs Orchester war vermutlich, daß hier eine Interaktion mit dem Publikum stattfand, die bei Sinfoniekonzerten gemeinhin unüblich ist. „Hier spielt die Musik!“ gilt bei Rockkonzerten nur eingeschränkt.
Als Höreindruck sinnvoll wäre sicher so mancher Song, der hier mit Orchesterbegleitung dargeboten wird. Da es jedoch „No Leaf Clover“ nur auf diesem Album gibt, soll es dieses sein. Leider habe ich keinen Konzertausschnitt gefunden, der das Albumtitelbild zeigt, aber was soll’s.

Es ist fast schon selbstverständlich, daß auch „S&M“ in Deutschland den Gipfel der Album-Charts erklomm. In den USA schaffte es die Platte freilich nur auf Platz 2. Trotz oder gerade wegen dieses kommerziellen Erfolgs beurteilten die treuen Metal-Fans dieses Konzert-Album kritisch. Denn was hatte Metal mit einem Sinfonieorchester zu tun? Nichts, nämlich. Schlagzeug, Klampfe, Baß und Stimme, fertig! Und hier saß die Band, ordentlich rasiert und gekämmt und in saubere Oberhemden gewandet, und spielte umrahmt von Musikern in Frack und Fliege – Snobs! Die Kluft zwischen Fans und Band wurde also augenscheinlich immer größer. Und trotzdem waren alle Konzerte stets ausverkauft.

Das Drama

Metallica hatte also innerhalb von vier Jahren vier Alben veröffentlicht, 1996, 1997, 1998, 1999. Damit das Jahr 2000 nicht ohne Neuveröffentlichung blieb, steuerte Metallica für den Film „Mission: Impossible 2“ den Song „I Disappear“ bei. Da ich ja (bis auf „Kill ’em All“) alles kaufte, lehnt das Soundtrack-Album zum Film am Stapel mit den Metallica-CDs. Aber nicht jeder war bereit, eigens ein ganzes Compilation-Album zu kaufen, bloß um einen neuen Metallica-Song zu hören. Im Jahr 2000 war die Lösung: Napster. In dieser Online-Tauschbörse fand man alles, was man hören wollte – kostenlos. Unter anderem auch eine Demo-Version von „I Disappear“, die dann bei Radiostationen gespielt wurde. So fand Metallica heraus, daß ihre Musik im Internet zum Download bereitstand, und war not amused. Unter Federführung von Lars Ulrich strengte Metallica daher eine Klage gegen Napster und die Universitäten an, auf deren Servern ein Großteil der Songs lagerte, und verlangte die Sperrung von Usern, die Metallica-Songs zum Download anboten. Sobald diesem Ansinnen stattgegeben worden war, zog Metallica die Klage gegen die Unis zurück, aber die Fans waren trotzdem sauer. Rock ’n‘ Roll und vor allem Metal bedeuteten doch Freiheit, und hier schwang sich die größte aller Metal-Bands auf und wollte die Freiheit der Internet-Nutzer – ihrer Fans! – beschränken, zugunsten des Kommerzes! Für viele paßte dies ins zuvor schon beschriebene Bild, demzufolge die Band sich von ihren Fans immer weiter entfremdete.
Dessen ungeachtet wurde es im Jahre 2001 für Metallica Zeit, ein neues Studioalbum aufzunehmen. Denn wiewohl die Vorjahre vier große Veröffentlichungen gesehen hatten, war die Hälfte davon kein eigenes oder kein neues Material. Das Management war hinsichtlich dieses neuen Albums offenbar ambitionierter als die Band selbst, weshalb es (das Management) zwei professionelle Dokumentarfilmer samt Crew anheuerte, um den Entstehungsprozeß für die Nachwelt festzuhalten, in einer Weise, die über übliche Making-Offs oder Behind-the-Scenes hinausging; Geld spielte keine Rolle. Doch in der Band lief es plötzlich nicht mehr rund. Schon seit längerem fühlte sich Jason Newsted kreativ unterfordert, weshalb er sich verstärkt seinem Nebenprojekt Echobrain widmete. Nun wollte er dieses Projekt professionalisieren, aber James Hetfield hatte was dagegen. Metallica hatte der Mittelpunkt der Metallica-Mitglieder zu sein, und es hatte keine Soloprojekte zu geben! Jasons Ego war ausreichend groß, um die Konsequenz zu ziehen: Bye, bye, Metallica! Die Eier muß man erstmal haben, die größte Band der Welt zu verlassen.

Nun hatte Metallica also Querelen mit den Fans, stand mal wieder ohne Bassisten da, hatte ein Album vor der Brust und eine Filmcrew im Nacken, und es wurde deutlich, daß nach 20 Jahren das Verhältnis zwischen James und Lars, den beiden Alpha-Tieren, arg angespannt war; und der arme Kirk Hammett saß zwischen allen Stühlen. Aber das Studio war gebucht und Metallicas Haus- und Hofproduzent Bob Rock stand Gewehr bei Fuß, es mußte also weitergehen. Mit Unterstützung des zu Rate gezogenen Gruppentherapeuten Phil Towle (Metallica zahlte ihm $40.000 im Monat für 24-stündige Verfügbarkeit) und mit Bob Rock am Baß ging es auch weiter. Drei erste Songs wurden aufgenommen, mit Ecken, Kanten, Haken, Ösen und allem. Aber vor allem James merkte, daß er am Limit war, auch familiär, und schuld war: der Alkohol. Jahrzehntelang war James Hetfield nicht ohne Bierkanne in der Hand vorstellbar gewesen, und jetzt war es zuviel. Während der Aufnahmen fürs neue Album verabschiedete er sich in die Rehabilitation und blieb zehn Monate weg. Für Lars Ulrich war das Ende für Metallica spürbar. Später gab er zu Protokoll, daß es ohne den Therapeuten und ohne die ständig anwesende Kamera als Katalysator das neue Album und damit die Band vermutlich nicht gegeben hätte. Jedenfalls, Hetfield kehrte zur Band zurück, voll rehabilitiert und alkoholfrei, wofür allein ihm schon jeder Respekt gebührt. Doch das Verhältnis zu Lars blieb zunächst problematisch, zumal gerade durch Hetfields Trockenlegung eine neue Inkongruenz entstanden war: Während James jetzt viel besonnener und vernünftiger wirkte und seine wiedergewonnene Familie in den Mittelpunkt rückte, war Lars der unzähmbare Irrwisch geblieben, für den Metallica an erster Stelle stand. Überdies war Kirk angepißt, weil das Album keine Gitarrensolos enthalten sollte. Doch immerhin, die Arbeiten am Album schritten voran, die Unstimmigkeiten zwischen Lars und James wurden unter der unverzichtbaren Vermittlung von Kirk geglättet, und am Ende waren die beiden wieder soweit auf einer Wellenlänge, daß sie sich gegen den Therapeuten verbünden konnten. Es war geschafft. Das Auseinanderbrechen Metallicas war abgewendet, und im Juni 2003 stand das neue Album. Statt der geplanten Wochen oder Monate hatte es fast drei Jahre bis zu seiner Vollendung gedauert.

St. Anger

Um zu verstehen, weshalb „St. Anger“ klingt, wie es klingt, ist es unbedingt angeraten, den Dokumentarfilm „Some Kind of Monster“ anzuschauen, der anstelle des eigentlich geplanten Making-Off-Films entstanden war. Den gibt es zum Beispiel bei Netflix, oder halt auf DVD, am besten in der 2-Disc-Version, denn die zusätzlichen Szenen sind ebenfalls sehr sehenswert. Das Album spiegelt das ganze Drama wieder, das ich oben kurz umrissen habe, und das der Dokumentarfilm ausführlich schildert. Entsprechend wütend und roh ist der Klang; James‘ Gesang ist wenig melodiöses Geschrei, und die Drums erschlagzeugen wüstes Geschepper, weil Lars offenbar drei Jahre lang vergessen hat, seine Snare-Drum ordentlich zu spannen. Nee, das sollte natürlich so sein, aber dem Ohr ist es nicht angenehm. Der beste Moment auf dem Album ist eine Textzeile im ersten Song „Frantic“, welche, wie der Film offenbart, aus Kirk Hammetts Feder stammt: „My lifestyle determines my deathstyle“. Das erfüllt mich mit einer gewissen Befriedigung, weil normalerweise Kirk im Schatten von Lars und James steht, eher Erfüllungsgehilfe denn vollwertiges Mitglied des Kreativteams ist, und das finde ich schade. Also hier:

Der Kontrast zum glatten, orchestralen S&M-Album, dem Vorgänger, könnte nicht härter sein. Überhaupt ist „St. Anger“ anders als alles andere, was Metallica vorher und nachher produziert hat, und da brauche ich nicht einmal auf die Musik zu referieren. Rein äußerlich unterscheidet es sich schon dadurch, daß kein Metallica-Logo auf dem Titel prangt, sondern dieser von der wütenden St.-Anger-Faust dominiert wird, passenderweise in aggresivem Rot und Orange. Es gibt freilich ein Metallica-Logo, jedoch nur im Innern des Booklets und auf dem Tonträger selbst. Dieses Logo ist wiederum anders als der Schriftzug, der auf den Load-Alben verwendet wird, aber es ist auch nicht das klassische Metallica-Signé.
Und das Album wurde aufgenommen ohne gültigen Bassisten, denn Bob Rock spielte die Baß-Tracks ja nur aushilfsweise ein. Dennoch wird im Beiheft Robert Trujillo als viertes Band-Mitglied aufgeführt, wiewohl er erst nach Fertigstellung des Albums als neuer Bassist gecastet wurde. Die Wahl fiel auf ihn, weil sein Spielstil dem Cliff Burtons unter allen Bewerbern am nächsten kam. Außerdem ist er ein freundlicher, cooler Typ. An den Aufnahmen fürs St.-Anger-Album war er freilich nicht beteiligt, obwohl das Booklet ihn zeigt, sondern seine ersten Auftritte hatte er in den Videos zu den Single-Auskopplungen. Und damit teilt er das Schicksal so ziemlich jedes seiner Vorgänger. Bereits Cliff stieß erst zur Band, als die ersten neun Songs des Debütalbums bereits fertig und zum Teil auf Demo-Tapes veröffentlicht waren, aber immerhin durfte er sie fürs Album einspielen. Jason Newsted hatte dann drei Alben aufzuholen, deren Lieder er für Konzerte parat haben mußte, und auf seinem ersten Album mit Beteiligung ist sein Baßspiel nicht zu hören. Und nun also Robert Trujillo. Der „Neue“ ist ja inzwischen auch schon seit 14 Jahren dabei und darf als etabliert gelten. Überdies wagt er sich an Songs heran, die seit Cliffs Tod nicht mehr live aufgeführt wurden, allen voran „(Anesthesia)–Pulling Teeth“, um das die Band 2013 anläßlich des 30jährigen Album-Jubiläums von „Kill ’em All“ nicht herumkam.

À propos. „St. Anger“ kaufte ich damals nicht. Heute kann ich dem Album ja eine gewisse Sympathie entgegenbringen, zumal es zwar musikalisch das schlechteste, dennoch für den Bestand der Band vielleicht das wichtigste Album ist. Es bedarf sozusagen einer Meta-Sichtweise, um es zu mögen, und diese Meta-Ebene hatte ich damals nicht, da ich die Hintergründe nicht kannte. Zu jenem Zeitpunkt hatte Metallica schlicht eine Entwicklung genommen, die mich nicht mehr interessierte. Damit war ich sicher nicht allein.
Stattdessen kaufte ich „Kill ’em All“, womit dieser Running-Gag auch endlich aus der Welt wäre.

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CD-Regal revisited: Metallica. (Vol. 1)

1. September 2017

Ich bin aufgewachsen in den 80er und 90er Jahren. (Des 20sten Jahrhunderst, falls man dies hier auch noch Jahrhunderte später lesen kann.) Das war die Zeit, als die „Superhits der 80er und 90er“ noch gleichzeitig „das Beste von heute“ waren. Davon bekam ich allerdings zunächst nur wenig mit, denn wenn meine Eltern mal das Radio einschalteten, dann vor allem für informative Wortbeiträge, und im Plattenschrank konnte ich wählen zwischen Bach und Händel, Mozart und Beethoven nebst etwas Smetana und Tschaikowski. Die einzige Popmusik der Gegenwart, zu der ich regelmäßig Zugang hatte, befand sich auf einer Kassette, die werkseits dem Walkman (von Sony!) beilag, den ich gegen Ende der 80er zu Weihnachten bekam. Darauf befanden sich – wie ich erst später nach und nach rekonstruierte – Teile des Soundtracks von „Dirty Dancing“ und von Michael Jacksons Alben „Thriller“ und „Bad“ nebst einigen Einzelstücken. Alles in allem keine schlechte Musik, die ich rauf und runter hörte.

Auf dem Gymnasium kristallisierte sich irgendwann heraus, daß in meiner Klasse Heavy Metal die bevorzugte Musikrichtung war, und während in der Parallelklasse, deren Raum ich bisweilen zwecks konfessionell gesonderten Religionsunterrichts betrat, Poster von Jon Bon Jovi und Van Halen die Wand zierten, zogen meine Klassenkameraden und -kameradinnen Megadeth und Metallica vor, Danzig und Machine Head. Derlei Musik dominierte die Lautsprecher des Busses, wenn wir auf Klassenfahrten fuhren, was den Klassenlehrer zu der Frage nötigte, ob es sich hierbei um eine Direktübertragung aus dem Dieselmotor handele? Huahua. Aus gutem Grund war Metallica hier der allgemeine Favorit, und meine Kameraden kannten Details der Bandgeschichte, die sie sich, wir mir im Nachhinein gewahr wurde, selbst erst später erschlossen haben konnten, denn daß sie zu Grundschulzeiten bereits die „Rock Hard“ lasen oder sich regelmäßig bei „Idiots Records“ in Dortmund umtaten, bezweifle ich. Jedenfalls, Metallica.

Metallica ist die größte und einflußreichste Metal-Band unserer Zeit. Wer dagegen argumentieren will, muß schon mächtig was vorzubringen haben, denn Metallica bringen alles mit, um Legendenstatus zu rechtfertigen. Neben Talent (dazu später mehr) und der Chuzpe, ihrer Band schon vor dem ersten Plattenvertrag einen Namen mit Alleinvertretungsanspruch zu verpassen, können sie einen amtlichen Gründungsmythos vorweisen, der gleichzeitig die Theogenese einer weiteren gefeierten Metal-Band darstellt. Und die Geschichte der Band ist nicht arm an Dramen, Tragödien, Wiederauferstehungen und Rekorden.

Der Gründungsmythos

Im Jahre 1981 gab ein verhinderter Tennisprofi namens Lars Ulrich, den es aus Dänemark nach Los Angeles verschlagen hatte, eine Zeitungsanzeige auf, in der er, Drummer, Mitmusikanten zwecks Gründung einer Metal-Band suchte. Denn Lars war zunehmend so angewidert von dem, was sich zu jener Zeit Metal schimpfte, all diese posenden Hairspray-Bands, die das Erbe von Black Sabbath, Motörhead, Iron Maiden und Judas Priest schändeten, daß er beschloß, einfach selbst die Musik zu machen, die er gern hören würde. Auf seine Anzeige hin meldete sich ein gewisser James Hetfield, der ähnlich empfand und selbst solch eine Anzeige aufgegeben hatte, dummerweise aber zunächst einmal Lars‘ Talent am Schlagzeug in Zweifel und mit seiner Gitarre wieder abzog. Aber das konnte Lars mit seinen zarten 18 Jahren nicht aufhalten. Er meldete bei einem Freund, der einen Sampler mit Aufnahmen örtlicher Metal-Bands pressen wollte, einen eigenen Beitrag an, bekam die Zusage, und mit diesem Pfund wuchernd wandte er sich erneut an Hetfield, der sich nun nicht mehr verweigerte. Die Band wurde komplettiert durch den Bassisten Ron McGovney, einen Bekannten Hetfields, und Lloyd Grant, der sich auf eine weitere Zeitungsanzeige, das Social Medium der damaligen Zeit, gemeldet hatte. Die erste Eigenkomposition „Hit the Lights“ kam auf den erwähnten Sampler, und Lloyd Grant wurde durch einen gewissen Dave Mustaine ersetzt, der schließlich Mitglied von Metallica wurde. Die Band spielte erste Konzerte und nahm zwei Demo-Tapes auf, die sich lauffeuerartig verbreiteten. So erspielte sich die junge Combo bereits eine solide Fanbase, ehe sie das erste Album aufgenommen hatte. Offenbar waren Lars und James nicht die einzigen, die neuen, echten Heavy Metal hören wollten.
Ron McGovney verließ dessen ungeachtet die Band, und Metallica mußte sich erstmals auf die Suche nach einem neuen Bassisten begeben. Der Kandidat, der James‘ und Lars‘ Ansprüchen genügte, hieß Cliff Burton und wohnte in San Francisco, wo er auch bleiben wollte. Man zuckte die Schultern und zog von LA nach SanFran, vermutlich zum Bedauern der losangelikalen Metal-Freunde.
Unterdessen verschafften die ruhmreichen Demo-Tapes den Jungs eine Auftrittsmöglichkeit in New York. Auf dieser Reise trennte man sich von Dave Mustaine, da dieser es mit dem Drogenkonsum allzu stark übertrieb, wiewohl die anderen Bandmitglieder einem gepflegten Besäufnis mit edlem Dosenbier ihrerseits nicht abgeneigt waren, aber zuviel ist zuviel; Syd Barrett könnte ein Lied davon singen. Dave Mustaine gründete daraufhin aus purem Trotz die Band Megadeth, um es seinen alten Band-Kollegen zu zeigen. Megadeth, sozusagen die Stiefschwesterband von Metallica, wurde unter Metal-Anhängern fast ebenso beliebt wie Metallica selbst, und genau das wurde Daves Nemesis: Jahrzehntelang bemühte er sich vergeblich, an die Erfolge heranzukommen, die Metallica nach und nach erringen konnten, und der mit diesem Gefühl der Zweitrangigkeit einhergehende Drogenkonsum hätte Dave beinahe umgebracht, ungeachtet der zahllosen Erfolge, die er mit seiner Band über die Jahre erzielte.
Metallica ersetzte Dave Mustain durch den Leadgitarristen Kirk Hammett, dessen Name spartakulöser und härter klingt, als das schmächtige Kerlchen auf der Bühne wirkt, vor allem im Vergleich mit James Hetfield, dem Hünen am Mikro. Aber das Line-up stand, und man war bereit für den ersten Longplayer.

Kill ’em All

1983 also wurde das erste Album aufgenommen, welches nach dem Willen der Band eigentlich „Metal up your Ass“ heißen und auf dem Cover einen aus der Kloschüssel ragenden Dolch zeigen sollte. Aber das lehnte der Plattenvertrieb ab, weil: Amerikaner und Profanity und so; God forbid! Cliff Burton soll der Legende nach geantwütet haben: „Let’s kill ’em all!“ Und das war als Titel dann okay, weil: Amerikaner und Waffengewalt und so; Null Problemo.
Die Platte wird eröffnet mit Metallicas erstem Lied „Hit the Lights“, einer Absichtserklärung, einem Manifest dessen, was die Band mit ihrer Musik ausdrücken möchte. Ob die übrigen neun Lieder des Albums auch in der Reihenfolge ihrer Entstehung angeordnet sind, weiß ich nicht, ist aber unwahrscheinlich. Denn beim zweiten, vierten, sechsten und letzten Lied ist noch Dave Mustaine als Mitkomponist angegeben.
Metallica war angetreten, um frischen Heavy Metal auf die Bühne zu bringen, und was wäre frischer, als ein komplett neues Subgenre? „Thrash Metal“ wurde dieses Subgenre später genannt, weil da die Gitarrensaiten gedroschen werden, daß es eine Art hat, und Metallica gehörte neben Slayer, Anthrax, Dave Mustains neuer Band Megadeth und Kirk Hammets alter Band Exodus zu den ersten, die diesen neuen Stil pflegten, einen Stil, der sich auszeichnet durch harte aber präzise Riffs und hohe Geschwindigkeit nebst wütenden, aggressiven Texten.
Das vermutlich bekannteste Lied des Albums, „Seek & Destroy“ wird heute noch regelmäßig auf Metallica-Konzerten gespielt, doch als Hörbeispiel sei gegeben „Whiplash“, weil dies als Paradebeispiel für Thrash-Metal gilt:

Im Bass-Solo „(Anesthesia) Pulling Teeth“ durfte Cliff Burton zeigen, was er konnte. Der Song ist der Beginn einer immerhin vier Alben lang durchgehaltenen Tradition, mindestens ein Instrumentalstück auf der Platte zu haben. Die zehn Eigenkompositionen der Band wurden in späteren Pressungen des Albums ergänzt durch die Cover-Songs „Am I Evil“ von Diamond Head und „Blitzkrieg“ von Blitzkrieg. Bevor Metallica einen umfangreichen eigenen Katalog mit Songs hatte, spielten die Jungs, wie vermutlich jede junge Band, auf ihren Konzerten vor allem Songs aus fremder Feder, ohne sich dessen zu schämen; weshalb sollten sie auch?

Ride the Lightning

Noch während der Tour zum Debutalbum arbeitete die Band bereits an neuen Songs, wiederum Ideen von Dave Mustain einbeziehend, dessen Name bei zwei Liedern angegeben ist. Unter widrigen finanziellen Bedingungen nahm Metallica schließlich im Februar 1984 „Ride the Lighning“ auf – in Dänemark bei Nacht, weil anders die Studiokosten nicht zu stemmen waren. Metallica waren zwar bereits in der Metal-Szene respektierte Newcomer, das erste Album verkaufte sich gut, aber reich waren die Jungs noch lange nicht. Überdies ist Alkohol ja in Dänemark besonders teuer, also blieb auch kein Geld für ein Hotel. Darum war es nur vernünftig, die Nächte im Studio zu verbringen.
Als das neue Album Ende Juli 1984 veröffentlicht wurde, wandten sich bereits die ersten Fans enttäuscht ab. Denn das war kein reines Thrash-Album mehr, warum auch immer derlei Genre-Zuschreibungen für irgendwen irgendeine Rolle spielen sollten. Aber Hetfield, Ulrich, Hammett und vor allem Burton waren musikalisch zu talentiert und auch zu ambitioniert, um für längere Zeit auf einem musikalischen Status Quo zu verharren. Das Tempo wurde gedrosselt, und die Songs sind melodischer und komplexer, weisen progressivere Elemente auf jenseits von reinem Riff-Gedresche. Auch die Texte entfernen sich von den Metal-Themen „böse“ und „Satan“. In der ..äh.. Literatur habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, aber meiner unmaßgeblichen Meinung nach ist es nicht allzu weit hergeholt, „Ride the Lightning“ als Konzeptalbum zu bezeichnen. Wie ein schwarzer Faden zieht sich das Thema „Tod“ durch alle Lieder. Wenn es nicht ausdrücklich um verschiedene Todesarten geht (elektrischer Stuhl, ertrinken unter Eis, hingeschlachtet durch den Engel des Todes), handeln die Lieder von Vergänglichkeit und der Angst oder dem Wunsch, diese Welt zu verlassen. Und in seinem Haus in R’lyeh wartet träumend der tote Cthulhu, den Metallica aus irgendeinem Grunde „Ktulu“ schreibt und instrumental ans Ende setzt.
Für den Höreindruck entschied ich mich jedoch für „For Whom the Bell Tolls“, und sei es nur des „whom“ halber. Der Titel ist eine Referenz auf Ernest Hemingways gleichnamigen Roman, der den Spanischen Bürgerkrieg behandelt.

Während also 1984 in Dänemark dieses wegweisende Metal-Album produziert wurde, war ich sieben Jahre alt und legte mein Augenmerk auf ein anderes dänisches Produkt. Der 1984er Lego-Katalog pries neue Burg-Modelle an, und ich war hin und weg. Aber das nur am Rande.

Master of Puppets

Von den Querulanten, die nach „Kill ’em All“ den Glauben an Metallica verloren hatten, abgesehen, sind sich alle einig, daß das 1986er Album „Master of Puppets“ ein Meisterwerk ist, ein zeitloser Klassiker, ein düster leuchtender Stern am Metal-Himmel. Metallica verleugnen hier keineswegs ihre Herkunft als Thrash-Band, schnelle Riffs haben ihren Platz; aber ebenso bedeutsam sind die elegischen und melodiösen Passagen. Grundthema des Albums sind Menschen, die nicht Herr ihrer selbst sind, die in der ein oder anderen Weise an den Schnüren des Marionettenspielers hängen. Dieser Puppenspieler kann auftreten in Form eines Gottes, eines befehlsgewaltigen Kriegsherrn, als dein eigenes wahnsinniges Über-Ich, als Abhängigkeit von Drogen oder als manipulativer Sektenführer. Auflehnung tut not! Das Stück „The Thing That Should Not Be“ greift H. P. Lovecrafts Cthulhu-Kult wieder auf, der schon im Instrumental des Vorgängeralbums anklang. Die bedrohlich schleppenden Riffs dieses Songs wirken beinahe Doom-Metal-artig. Insgesamt ist die musikalische Darbietung noch ausgereifter und vielfältiger als auf den vorherigen Scheiben, die Songstrukturen sind noch komplizierter, man könnte sagen: Noch progressiver.
Als Hörbeispiel wähle ich „Welcome Home (Sanitarium)“:

Spätestens mit diesem Album war Metallica angekommen, hatte einen neuen Gipfel des künstlerischen Schaffens erklommen und machte keine Anstalten, sich dort auszuruhen. Der Durchbruch war geschafft. Man ging mit Ozzy Osbourne auf Tour. Es hätte also alles gut sein können. Aber der Puppenspieler hatte etwas dagegen.

Die Tragödie

Am 27sten September 1986 starb Cliff Burton, als frühmorgens der Tourbus auf dem Weg von Stockholm nach Kopenhagen von der Straße abkam und umstürzte. 24 Jahre war er alt. Die übrigen Businsassen blieben weitgehend unverletzt, und Kirk Hammett hatte exakt das Glück, das Cliff fehlte, als er aus dem Bus geschleudert und von diesem begraben wurde. Denn die beiden hatten am Abend zuvor erst um die Schlafkojenplätze gepokert, und Cliff hatte gewonnen, so daß sie die Plätze tauschten. Diese Tragödie für Cliff und seine Familie hätte leicht das Ende der Band sein können. Wie gehen junge Männer von Anfang 20, die auf der Bühne die harten Rocker geben, mit so einem Verlust um, mit dem Tod eines Freundes, der beinahe ein Bruder ist? Keiner der Jungs war in idealen Familienverhältnissen aufgewachsen, James Hetfield hatte bereits früh den Tod der Mutter verkraften müssen. Die Band war ihr Leben nicht nur, weil sie ihnen Erfolg bescherte, sondern weil sie gewissermaßen die Familie ersetzte. Das Familienmitglied, welches nun fehlte, war menschlich sowieso und musikalisch nahezu unersetzbar. Aber gerade weil Metallica für Ulrich, Hetfield und Hammett wie eine Familie war, konnten sie das Projekt nicht aufgeben, es mußte weitergehen, ein neuer Bassist mußte her, half ja nichts. Und in der Zwischenzeit half ihnen der Alkohol über die Runden.

Also wurde die Stelle des Bassisten ausgeschrieben und ein Vorspieltermin anberaumt. Metallica war zu diesem Zeitpunkt die allseits anerkannt beste Metal-Band der Gegenwart, daher war die Liste der Interessenten nicht kurz. Aber die meisten Kandidaten waren chancenlos, entweder, weil sie halt nicht gut genug den Baß zupfen konnten, oder weil sie die geforderten Lieder nicht draufhatten, oder weil sie James und Lars einfach so nicht gefielen. Die Meßlatte war: Cliff Burton, und wer sollte da schon herankommen können? Jason Newsted war als Fan von Metallica zum Vorspielen angereist und hatte alle Lieder eingeübt und abrufbereit. Also alle Lieder, die Metallica bis dahin veröffentlicht hatten, nicht bloß die Handvoll fürs Vorspielen geforderten Songs. Er bekam den Job und mußte natürlich sofort ran, denn die Show ging ja weiter. Die erste Studioaufnahme mit Jason war dann 1987 eine EP mit Coversongs, „Garage Days Re-Revisited“, welche ich nicht besitze. Diese Lieder wurden aber später auf dem Cover-Album „Garage Inc.“ wiederveröffentlicht, dazu also zu gegebener Zeit mehr.

… And Justice for All

1988 erschien denn „…And Justice For All“, das erste Album mit Jason Newsted als neuem Bassisten, und direkt beim ersten Song, „Blackened“, ist er in den Writing Credits aufgeführt. Tja. Und damit mußte Jason sich auch erstmal zufriedengeben, denn zu behaupten, die Baßspur sei auf dem Album prominent in Szene gesetzt, wäre grob gelogen. Ohne Cliff Burton schienen die Bosse (Hetfield und Ulrich) dem Baß nur geringen Wert beizumessen. Oder der „Neue“ hatte noch nicht das Selbstbewußtsein, sich in den Vordergrund zu spielen. Dessen ungeachtet sind die neun Lieder der Platte musikalisch sehr komplex und progressiv. Nach meinem Empfinden weniger melodiös als auf dem Vorgängeralbum, werden sie getragen von Rhythmuswechseln und aggressiven Riffs. Das Hauptthema des Albums klingt im Titel schon an: „And justice for all“ sind die Schlußworte des amerikanischen Treueschwurs, den alle Kinder dortselbst täglich mit tränenden Augen und Hand auf dem Herzen vor Schulbeginn vorzutragen haben, wie es in faschistischen Staaten… Ach nee. Metallica stellen dieses Versprechen in Frage und beschäftigen sich mit der Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen und der amerikanischen Gesellschaft im Besonderen.
Besonderes Augen- und Ohrenmerk gebührt zwei Liedern: „One“ ist inspiriert vom Anti-Kriegs-Roman „Johnny Got His Gun“ von Dalton Trumbo aus dem Jahre 1939 bzw. von der filmischen Umsetzung dieses Romans (1971). Geschildert wird das Schicksal eines Soldaten im ersten Weltkrieg, der durch eine Granatexplosion nahezu alle Sinne und Extremitäten verliert und somit ohne direkte Kommunikationsmöglichkeit in seinem Körper gefangen ist, was ihn zunehmend verzweifelter werden läßt. Das Lied beginnt als Metal-Ballade und endet in hartem Speed-Metal-Stakkato, welches an Maschinengewehrfeuer gemahnt. Metallica, die bis zu diesem Zeitpunkt schon Millionen Alben verkauft hatten, ohne daß ihre Lieder im Radio gespielt worden wären und gleich gar, ohne ein Musikvideo gedreht zu haben, entschlossen sich dazu, die Rechte am vorgenannten Film zu erwerben, um Szenen daraus in einem Video verarbeiten zu können. Dieses Video lief erfolgreich bei MTV, was Metallica einem breiterem Publikum bekanntgemacht haben dürfte. Für „One“ erhielt die Band 1990 einen Grammy.
Das vorletzte Lied des Albums, „To Live Is To Die“, wurde zum Teil aus Riffs zusammengesetzt, die Cliff Burton hinterlassen hatte. Es ist im wesentlichen ein Instrumentalstück, jedoch wird gegen Ende von James Hetfield ein kurzes Gedicht Cliffs vorgetragen. Analog zu Cliff Burtons Leben endet das Lied abrupt und geht in das letzte Lied „Dyers Eve“ über.
Als Höreindruck sei jedoch weder das eine noch das andere gegeben, sondern überraschenderweise „Eye Of The Beholder“, welches die Meinungsfreiheit als bedrohtes Verfassungsrecht in den Fokus rückt:

Da, wie eingangs beschrieben, Jason Newsteds Baßspiel auf diesem Album wenig zur Geltung kommt, kursieren im Netz, i.e: auf Youtube verschiedene Remixe der Platte unter dem Motto „… And Justice for Jason“, die versuchen, die Baßtöne hervorzuheben. Dessen ungeachtet wurde dieses Album in der Form, in der es veröffentlicht wurde, so erfolgreich verkauft, wie keine Metallica-Platte zuvor.

Metallica – „Das schwarze Album“

Mit „…And Justice for All“ sahen sich Metallica in einer Sackgasse: Zum einen waren die Songs inzwischen so kompliziert und lang geworden, daß in dieser Richtung kaum noch eine Steigerung möglich schien. Zum andern war auch die klangliche Qualität der bisherigen Alben nicht zur allgemeinen Zufriedenheit, sondern wurde als zu trocken und steril empfunden. Beides sollte sich ändern, deshalb sah sich die Band 1990 nach einem neuen Produzenten um, den sie in Bob Rock fand, der bereits Alben von Bon Jovi und Mötley Crüe produziert hatte. Rock verordnete den Jungs eine neue Arbeitsweise im Studio, insofern sie die Lieder nicht mehr Instrument für Instrument aufnahmen, sondern als Ensemble die Songs mehrfach spielten. Außerdem führte er auch neue Aufnahmetechniken ein, welche den Klang insgesamt satter machten. Die Baßspur ist auch drauf. Wie geplant wurden die Songs selbst kürzer und prägnanter, nicht mehr um eine Aneinanderreihung mehrerer Riffs komponiert, sondern eher einem Hauptmotiv folgend. „Holier Than Thou“, „Don’t Tread on Me“ und „The Struggle Within“ sind mit unter vier Minuten so kurz, wie kein Metallica-Song seit dem Debüt-Album, wo „Motorbreath“ mit 3:07 min. den Kürzerekord hält. Kein Lied auf dem schwarzen Album erreicht die 7-Minuten-Marke, und es gibt kein Instrumentalstück.
Während die Vorgängeralben jeweils unter einem Thema standen, das sich in allen Liedern der Platte wiederfand und zum Teil recht politisch war, beschäftigen sich die Lieder des schwarzen Albums eher mit persönlich Befindlichkeiten, ohne einem Gesamtthema unterworfen zu sein. Konsequenterweise gibt es daher kein Titellied und eben auch keinen Album-Titel, sondern die 12 Songs repräsentieren „Metallica“. Allenfalls ist ein Albumtitel bildlich durch die kaum vom schwarzen Hintergrund des Covers abgehobene Klapperschlange dargestellt, zu welcher dann „Don’t Tread on Me“ als Titelstück gehört. Beides, Schlange und Spruch, fanden sich auf einer revolutionären Flagge („Gadsden flag“) in der Frühzeit der Vereinigten Staaten während des Unabhängigkeitskampfes mit Großbritannien.
Von den zwölf Liedern des Albums wähle ich ausgerechnet das längste, „My Friend of Misery“, als Anspieltipp:

Mit dem schwarzen Album gelang Metallica 1991 sozusagen der Schritt in die Öffentlichkeit. Fünf Singles wurden ausgekoppelt, zu jedem ein Video veröffentlicht, und einige der Songs liefen tatsächlich im Radio. Da die Band somit aus dem Untergrund auftauchte, in dem sich die Metal-Community gerne wähnt, wurde ihr von vielen Headbangern und Kuttenträgern Kommerzialisierung und Verrat vorgeworfen. Und Thrash-Metal ist das ja auch kaum noch! Und tatsächlich: Typen wie ich, der ich mit der Metal-Kultur als solcher nichts am Hut habe, fanden durch dieses Album Zugang zur Musik von Metallica und Metal insgesamt. Wiewohl ich, wie eingangs beschrieben, schon recht früh über die Buslautsprecher bei Klassenfahrten mit derlei Musik beschallt wurde, bedurfte es schließlich doch des schwarzen Albums, um mich gänzlich zu überzeugen. Natürlich war es ausgerechnet das unmetallischste Lied „Nothing Else Matters“ (mit Streichereinsatz!), welches ich als Video in der nachmittäglichen WDR-Sendung „Hit Clip“ mit Thomas Germann sah, das mich zum Kauf des Albums bewog. Es war eine meiner ersten CDs überhaupt, nach „Nevermind“ und „Automatic for the People“. Die „Master of Puppets“ folgte alsbald, aber die Alben „Ride the Lightning“ und „…And Justice for All“ kaufte ich erst Jahre später, „Kill ’em All“ sogar erst verhältnismäßig kürzlich.
Für Metallica ist „Metallica“ der größte kommerzielle Erfolg, das Album verkaufte sich fast 16 Millionen mal allein in den USA, erreichte die vordersten Chart-Plätze in allen relevanten Ländern. Die Kritiker haben also recht. Was erlaube Metallica! Wenn das darf!

Zwischenfazit.

Zu diesem Zeitpunkt, Anfang der 90er Jahre, war Metallica endgültig die größte Rock-Band der Welt, und das nicht nur gemessen an den Plattenverkäufen und abgesetzten Konzerttickets. Viele nachfolgende Bands geben Metallica als Vorbild an, der musikalische Einfluß ist also immens. Trotzdem, oder vielleicht auch genau deswegen, sah sich Metallica fast von Beginn an Kritik ausgesetzt. Wie beschrieben war einigen bereits das zweite Album nicht mehr thrashig genug. Für andere/dieselben begann der Abstieg Metallicas, als sie Dave Mustaine rauswarfen, und sie werfen der Band vor, Daves Musik „gestohlen“ zu haben, da sie noch Input von ihm auf ihren ersten beiden Alben verwendeten. Selbstverständlich sei Dave auch ein besserer Gitarrist als sein Nachfolger Kirk Hammett. Für andere ist alles, was nach Cliff Burton kam, verzichtbar. Einige akzeptieren noch „…And Justice for All“ als soliden Thrash-Metal, aber mit dem schwarzen Album sei Metallica im Grunde eine Pop-Band ohne Metal-Seele geworden. Mir ist das alles egal.
In Vorbereitung auf diesen Artikel (und zwischendurch) habe ich stundenlang Dokumentationen über und Interviews mit Metallica auf Youtube gesehen, gepriesen sei dieses unschätzbare Kulturarchiv! Jedenfalls wurde mir eines deutlich: Als Lars und James Metallica gründeten, taten sie dies nicht, weil sie Rockstars werden wollten, wiewohl sie sich dagegen natürlich nicht wehrten. Vielmehr gründeten sie die Band, um die Musik zu machen, von der sie fühlten, daß sie in ihnen war. Darum genügte es ihnen nicht, schlicht in einer Garage zu jammen und die Songs ihrer Vorbilder zu spielen, wie 1000 andere junge Combos, die nie über das Stadium einer Schülerband hinauskommen und der Musik höchstens als Hobby frönen. Als Metallica ins Studio ging, um ihr erstes Album aufzunehmen, hatten sie neun konzerterprobte, selbstgeschriebene Songs im Gepäck, Cliff steuerte sein Bass-Solo bei, und fertig war das Album. Schon während der Tour zum ersten Album schrieben sie Songs fürs nächste. Die Musik ist es, was Metallica antreibt. Wenn etwas zwischen sie und die Musik kommt, dann scheuen sie auch nicht vor einem radikalen Schnitt zurück, wie Dave Mustain brutal erfahren mußte. Und wie sie auszogen, Heavy Metal zu erneuern, den sie liebten, hielten sie sich auffällig fern von den meisten gängigen Klischees, von Totenköpfen, Ketten, Schwertern und Dämonen, und sie verordneten sich kein Bühnenoutfit in Leder und Nieten. Und während andere Bands sehr darum bemüht sind, Bühnencharaktere zu schaffen und ein spezifisches Image von sich selbst zu kultivieren, hatte Metallica das nie nötig. Klar, eine headbangfähige Haartracht war Pflicht, und Alkoholexzesse blieben nicht aus. Aber bei Presseterminen und in Interviews gaben sich James, Lars und Kirk (und der jeweilige Bassist) erfrischend freundlich, offen, wenn auch bisweilen etwas linkisch und zurückhaltend, keineswegs schnodderig arrogant, wie man es von Rockstars in Kostümierung und Sonnenbrille oft zu sehen bekommt, ohne Attitüden. Als Dampfventil für ihre Aggressionen dienten die Bühnenperformance und die Musik, kein Grund also, außerhalb der Show noch den Rambo zu geben. Und schon früh hatten die Jungs das Selbstbewußtsein, dem eigenen Anspruch an ihre Musik absoluten Vorrang zu geben gegenüber den Erwartungen der Fans; wer sich nicht mit der Band gemeinsam weiterentwickeln wollte, hatte, sorry, Pech gehabt.

Mit dem schwarzen Album im Repertoire ging Metallica ausschweifend auf Tour. Bis zur nächsten Albumveröffentlichung sollte es fünf Jahre dauern.