CD-Regal revisited: Deep Purple.

26. Januar 2018

Kleines Interludium.

Im Rahmen der Black-Sabbath-Retrospektive fiel ja das ein oder andere Mal der Name „Deep Purple“, weil verschiedentlich Musiker, die mal bei Deep Purple gespielt hatten oder zumindest in einer der Nachfolgebands von Deep Purple, eine freigewordene Position bei Black Sabbath besetzten. Und im Gegensatz zu Black Sabbath oder Pink Floyd, die ich in Kindertagen nur dem Namen nach kannte, konnte ich den Begriff „Deep Purple“ mit Fleisch füllen. Weil: „Smoke on the Water“. Als ich irgendwann in den 1990er Jahren mein erstes Radio bekam (aber im Haushalt meiner Eltern wohnte und kein eigenes Einkommen hatte, weil ich ja noch Schüler war; also Füße stillgehalten, GEZ!), wurden im WDR noch Lieder gespielt, die so um die 20 Jahre alt waren, und wenn es sich um „Smoke on the Water“ oder irgendwas von Queen handelte, auch durchaus im Tagesprogramm und nicht bloß in Roger Handts abendlicher Oldie-Show. Auch heute noch werden im WDR 20 Jahre alte Lieder gespielt, mit dem feinen Unterschied, daß Songs, die damals 20 Jahre alt waren, oft cooler sind als Lieder, die heute 20 Jahre alt sind. Wie dem auch sei, „Smoke on the Water“ kannte ich jedenfalls, und sobald ich wußte, nach welcher Band ich suchen mußte, stapfte ich in einer unterrichtsfreien Stunde zum der Schule nahegelegenen Saturn oder zu Karstadt und suchte nach einer CD, die dieses Lied enthielt. Ich Naivling. Statt das Album anzuschaffen, auf dem der Song enthalten ist, kaufte ich eine Kompilations-CD, ich wußte es halt nicht besser, und wahrscheinlich war sie schlicht billiger. „Deepest Purple – The Very Best of Deep Purple“ enthält zwölf Lieder, zusammengeklaubt von sechs Alben und zwei Singles. Die Zusammenstellung ist © 1980, stammt also noch aus Schallplattenzeiten, denn CDs wurden erst ab 1982 hergestellt und verkauft. Aber mein Exemplar muß auf jeden Fall ein frühes sein, denn das äußerst spartanische Booklet legt mehr Wert auf die Erklärung des Compact-Disc-Digital-Audio-Formats in vier Sprachen, denn auf Erläuterungen zu Deep Purple und den enthaltenen Liedern. Die Cover-Gestaltung wurde also wohl eins-zu-eins von der Langspielplatte übernommen.

Aber immerhin lernte ich hier die Mitglieder der Band kennen, und seither sind mir Ritchie Blackmore und Ian Gillan ein Begriff. Der Erstgenannte, weil „Blackmore“ für mich ein irgendwie einprägsamer Name war, und Zweiterer, weil ich „Gillan“ gerne mit „Gilliam“ velwechserte, bekannt aus der Monty-Python-Riege. Ansonsten legte ich seinerzeit nur wenig Wert darauf, Bandmitglieder namentlich zu kennen. Vermutlich beschränkte sich dies bei mir damals auf die Beatles. Die kannte sogar meine Mutter.

Da „Smoke on the Water“ immer schon der Über-Hit der Band war, die Mutter aller Gitarrenriffs enthält und daher unzweifelhaft in die Ahnenreihe des Heavy Metal einzugliedern ist, bildet dieser Titel an zwölfter Stelle den Höhepunkt der Platte. Auf die Kassette „Altes (aber Gutes)“, die ich mir irgendwann später mit Altem (aber Gutem) zusammenstellte, schaffte es neben „Smoke“ außerdem „Child in Time“. Mit Blick auf das heutige Radioprogramm, gespeist aus dem, was die Plattenindustrie so hervorpreßt, ist das „aber“ durch „darum“ zu ersetzen. (Aber nein, es gibt auch heute noch Gutes, bloß zahlen deren Produzenten die Radiostationen nicht dafür, es in die Heavy Rotation aufzunehmen.)

Ob so eine Best-of-Zusammenstellung wirklich das Beste aus dem Katalog eines Musikers oder einer Band erfaßt, ist streitbar. Naturgemäß ist der zur Verfügung stehende Platz begrenzt, und es sollen möglichst alle Schaffensepochen repräsentiert sein. 1980, dem Zeitpunkt, da dieses Best-of erstellt wurde, befand sich Deep Purple im Zustand der zwischenzeitlichen Nichtexistenz, nämlich seit 1976 bereits; demzufolge war das Material überschaubar und gut einzugrenzen, da ja aktuell nichts Neues hinzukam. Dennoch sind nur sechs der bis dahin zehn Studioalben der Band berücksichtigt. Nun ja, da ich ja außer dieser einen Platte (noch) nichts weiter von Deep Purple kenne, kann ich mir darüber kein Urteil erlauben. Allerdings kristallisierten sich beim neuerlichen Durchhören der CD durchaus andere Stücke als Anspieltipps heraus, neben meinen damaligen Favoriten. Genannt sei „Demons Eye“:

Wie die Suche nach einem verlinkbaren Titel von „Deepest Purple“ ergab, gibt es inzwischen neuere Auflagen dieses Best-ofs, welche mehr Songs enthalten. Doch statt meine Ausgabe up-zu-graden (Wie notiert man denn solch ein Half-und-Halb-Word im Deutschen grammatisch annehmbar, wenn nicht gar korrekt?), dürfte es sich durchaus lohnen, wenn ich mich darauf konzentriere, die Diskographie Deep Purples strukturiert aufzuarbeiten. Ich kann ja nicht anders.

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CD-Regal restocked: Black Sabbath (Erster Nachtrag)

19. November 2017

Als Ozzy Osbourne die Band verließ bzw. gefeuert wurde, geschah dies gefühlt mitten im Album „Never Say Die!“. Denn im drittletzten Lied der Platte sang er „I’m handing my future over to you“, dann folgte ein Instrumentalstück, und das letzte Lied sang Bill Ward. Und das war’s. Und für Black Sabbath als Band hätte es das auch sein können, doch schon während sich abzeichnete, daß es mit Ozzy nicht mehr lange so weitergehen würde, hatte Tony Iommi Kontakt mit Ronald James Padavona, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Ronnie James Dio. Das war ein kleiner Mann mit großem Ego und noch größerer Stimme, der just als Sänger von Ritchie Blackmores Band „Rainbow“ ausgeschieden war. Sabbath und Dio wurden sich schnell einig, also konnte das Studio geentert werden.

Heaven and Hell

Für die anderen drei Bandmitglieder bedeutete das Engagement von Dio eine Umstellung. Denn war die Arbeitsteilung zuvor so gewesen, daß Iommi mit einer Riff-Idee begann, Geezer Butler einen Text verfaßte, Bill Ward den Rhythmus vorgab und Ozzy Osbourne eine Gesangsmelodie entwickelte, so sprühte Dio dermaßen vor kreativer Energie, daß er die Songs gleich komplett schrieb und bloß noch ein paar Riffs und Solos eingearbeitet werden mußten. Auch wird schon mit den ersten Klängen des 1980er Albums deutlich, daß der neue Sänger einen weitaus besseren Stimmumfang hatte als Ozzy. Nicht an erster Stelle steht das Titelstück, „Heaven and Hell“:

Mit den grollenden Klängen der frühen 70er Jahre ist das zwar auch nicht vergleichbar, aber im Kontrast zum vorherigen Album ist „Heaven and Hell“ rockiger und wirkt insgesamt aus einem Guß. Textlich hat Dio ein Faible für Ritter und Elfen, nicht so sehr für den Höllenfürst, und musikalisch ist der Stil nun eher dem Power-Metal zuzuordnen. Überhaupt kann man sagen, daß Ronnie James Dio Black Sabbath erst zu einer Metal-Band gemacht hat, denn zuvor war sich die Band ja weder im Klaren darüber, daß sie dieses Genre aus der Taufe gehoben hatten, noch waren sich die Mitglieder einig über ihren musikalischen Standpunkt. Darob wird Dio von vielen Fans gottgleich verehrt, und seine Zeit bei Black Sabbath vielfach höher geschätzt als die Ozzy-Jahre. Ozzy Osbourne sah dies freilich anders. Zwar hatte er von sich aus ein Solo-Projekt gestartet, aber aus der Band geworfen worden zu sein, schmerzte ihn denn doch. Auf der Bühne verspottete er darob seinen Nachfolger bei Black Sabbath, indem er einen Kleinwüchsigen ihm aufwarten ließ, was Ronnie wiederum bitter aufstieß. Er bezeichnete Ozzy als Clown, der sich melden könne, wenn er (Ozzy) so gut singen könne wie er (Ronnie). Die beiden wurden ihr Lebtag keine Freunde. Wie auch immer, bei den Fans kam Dio gut an, und das Album wurde als glückliche Wiedergeburt der zuvor doch etwas dahindümpelnden Band gefeiert.

Mob Rules

Darum folgte auch bereits im Jahr 1981 das nächste Album. Daran keinen Anteil hatte leider Drummer Bill Ward. Dieser mußte familiäre Schicksalsschläge verarbeiten, was vor allem dazu führte, daß sein Alkoholkonsum, der immer schon notorisch hoch gewesen war, nun über kritische Ausmaße hinausging. Darum quittierte er während der Heaven-and-Hell-Tour den Dienst und wurde durch den jüngeren Schlagzeuger Vinny Appice ersetzt, wie Dio ein Amerikaner. Ebenfalls während der Tour arbeitete Black Sabbath bereits an Material fürs Album „Mob Rules“, befeuert dadurch, daß sie die Anfrage erreichte, einen Song zum Trickfilm „Heavy Metal“ beizusteuern. Die Band quartierte sich im ehemaligen Haus des erst kurz zuvor ermordeten John Lennon ein und nahm rasch eine Demoversion des Songs „The Mob Rules“ auf, welche auch direkt vom Filmteam akzeptiert wurde, ohne die Reinschrift abzuwarten. Fürs Album wurde der Song natürlich noch mal ordentlich aufgenommen und klingt so:

„If you listen to fools / The mob rules.“ Diese Textzeilen allein sind schon den Preis des Albums wert, so wahr sind sie. Während der Tour zu „Mob Rules“ wurden mehrere Live-Mitschnitte aufgenommen. Drei Konzertabende zur Jahreswende 81/82 im Londoner Hammersmith Odeon, die erst 2007 als streng limitierte Sonder-Edition (5000 Exemplare) auf CD veröffentlicht wurden und seit 2010 die zweite Scheibe der Deluxe Expanded Edition von „Mob Rules“ füllen. Und Konzertmitschnitte von amerikanischen Veranstaltungsorten wurden 1982 als „Live Evil“ veröffentlicht, mithin das erste offizielle Live-Album der Band; alle zuvor auf Platte gepreßten Mitschnitte früherer Konzerttouren waren Bootlegs oder sonstwie von Black Sabbath nicht authorisierte Veröffentlichungen gewesen, namentlich das Album „Live at Last“. Und beim Abmischen des Live-Evil-Albums traten Differenzen zwischen Ronnie James Dio auf der einen und Tony Iommi nebst Geezer Butler auf der anderen Seite zu Tage, welche wohl die Lautstärke von Gesang- und Gitarrenstimmen betrafen. Letztlich wurde Dio beschuldigt, nachts heimlich Veränderungen in seinem Sinne vorgenommen zu haben. Klingt reichlich kindisch, war es auch, und man darf vermuten, daß diese Kinkerlitzchen lediglich die Kulmination von vorher schon bestehenden Spannungen darstellten, denn immerhin hatten sich hier die gut gefütterten Egos von zuvor bereits erfolgreichen Musikern verschiedener Bands getroffen. Das ging einige Jahre gut, aber eine längere Zusammenarbeit war nicht möglich. Dio verließ also Black Sabbath und nahm Vinny Appice gleich mit. Was blieb, waren zwei sehr gute Studio-Alben, welche Black Sabbath zurück ins Bewußtsein des Publikums gehievt hatten.

Kleiner blasphemischer Einwurf: Vielleicht hatte Dio die Gelegenheit, bei der Legende Black Sabbath am Mikro zu stehen, nicht zuletzt auch dafür genutzt, seinen eigenen Namen bekannter zu machen. Wer sich selbst den Künstlernamen „Dio“ (ital.: „Gott“) gibt, leidet wohl nicht an mangelndem Selbstbewußtsein, und nach seiner Trennung von Iommi und Butler nannte er seine neue Band bescheiden nach sich selbst: Dio. Über den Song „The Sign of the Southern Cross“ sagte er mal in einem Interview: „Hey, it’s Sabbath, so a cross is always fitting“, darauf anspielend, daß die Bandmitglieder gewöhnlich schwere Metallkreuze vor der Brust trugen, ihr Markenzeichen. Für mich ist das entlarvend: Er hatte also vor allem mit dem Klischee gespielt und geliefert, um eine angenommene Erwartungshaltung zu befriedigen. Darüber hinaus sprach Dio in Interviews zwar gerne darüber, daß er über alle Menschen, mit denen er je zu tun hatte, stets nur Gutes gesagt habe, nannte dann aber zwei Sätze später Ritchie Blackmore einen phantastischen Musiker aber fürchterlichen Menschen (was stimmen mag), oder lästerte über Ozzys, seiner Ansicht nach, mangelndes Gesangstalent und alberne Bühnenperformance. Also wer weiß, vielleicht lag es ja doch ein bißchen auch an Ronnie selbst, daß er bei Rainbow mit Blackmore aneinandergeriet und mit Black Sabbath keine langfristige Zusammenarbeit zustandekam. (Zum Glück hat mein Blog keine große Reichweite, sonst hätte ich mir mit dieser auf wenigen Interview-Eindrücken beruhenden Einschätzung eine Menge Feinde gemacht. Und über Tote soll man Gutes sagen, also merke ich noch an, daß Dio während seines Engagements bei Black Sabbath die mano cornuta in die Metal-Szene eingeführt hat. 🤘)

Born Again

Black Sabbath standen also erneut ohne Sänger da, aber immerhin war Bill Ward wieder fit und konnte seinen Platz am Schlagzeug wieder einnehmen. Als Vokalist wurde schließlich nach einer durchzechten Nacht im Pub der ehemalige Deep-Purple-Frontman (Mk II) Ian Gillan vorgestellt, was die traditionell spöttische englische Presse zur Bezeichnung „Deep Sabbath“ veranlaßte. (Von „Black Rainbow“ in den Dio-Jahren war meines Wissens freilich nicht die Rede gewesen. Oder vielleicht auch doch, wer weiß.) 1983 erschien jedenfalls das neue Sabbath-Album, und es wurde von Fach- und Laienpublikum mit allgemeinem Kotzen aufgenommen. Das lag zunächst am Titelbild. Und das kam so: Der Designer Steve „Krusher“ Joule erhielt von Sabbath‘ Manager Don Arden den Auftrag, Entwürfe für ein Albumcover einzureichen, was Joule in eine prekäre Situation brachte, denn er hatte auch Aufträge von Ozzy Osbourne und dessen Frau Sharon Osbourne, pikanterweise geborene Arden. Drama, Baby! Krusher wollte die Ozzys nicht als Kunden verlieren, aber auch nicht offen einen Auftrag von Black Sabbath ablehnen, also beschloß er, für Sabbath einen Entwurf einzureichen, der so offensichtlich unannehmbar war, daß er abgelehnt wurde und er, Krusher aus dem Schneider war. Also rasch ein Babyfoto aus einem medizinischen Fachmagazin ausgeschnitten, mit dem Kopierer den Kontrast erhöht, absurde Fingernägel und dämonische Reißzähne nebst Hörnern reinretouchiert, das Ganze in die dem Auge unfreundlichst mögliche Farbkombination getaucht, lieblos „Black Sabbath“ und „Born Again“ in bastardiertem Olde-English-Font draufgeklebt – wäre doch gelacht! Tja, und dann hat Tony Iommi tatsächlich gelacht, Ian Gillan gibt an, gekotzt zu haben, aber Geezer Butler hat einen ausreichend morbiden Humor, um so etwas genial-scheiße zu finden. Entwurf angenommen! Den zweiten Grund, das Album abzulehnen, stellte die mehr als rauhe Produktion dar. Der Sound war anscheinend dem Ohr annähernd so unerträglich, wie der Anblick des Covers dem Auge. Aber das konnte durch ein Remastering behoben werden. Inhaltlich gefällt mir das Album sogar ziemlich gut. So gut, daß der Höreindruck bei Youtube ausschlaggebend war, meine Sabbath-Diskographie nicht nach der Ozzy-Ära enden zu lassen, sondern – in Abänderung meines ursprünglichen Plans – doch alles anzuschaffen; was soll der Geiz!
Auf „Born Again“ ist der doomige, düstere Sound verganger Jahre zurückgekehrt, treibende Riffs dominieren, und Gillans kreischende Stimme, vor allem im Song „Disturbing The Priest“, erinnert sogar ein wenig an Ozzys Tembre. Black Sabbath waren 1968 angetreten, schaurige Musik zu machen, welche die Hörer gruseln ließ. In dieser Tradition steht auch das Album „Born Again“. Als Höreindruck wähle ich „Zero The Hero“ mit vorangestelltem Intro „The Dark“:

Mit dem Abgang der Amerikaner Dio und Appice und dem Bandeintritt von Ian Gillan war Black Sabbath wieder eine britische Band, und dieser Umstand wird mit dem atmosphärischen Instrumentalstück „Stonehenge“ gefeiert, dem ältesten Kulturzeugnis auf englischem Boden – also der Steinkreis, nicht das Lied. Da seit Pink Floyds „The Wall“ Bühnenshows plötzlich übermenschliche Großereignisse sein mußten, wollten auch Black Sabbath dahinter nicht zurückstehen und orderten also als Bühnendeko Stonehenge® in Styropor®, 15 Fuß breit pro Segment. Was kam, war Stonehenge, aber 15 Meter breit, also viel zu groß für die meisten Bühnen. Das hätte der größte Stolperstein auf der Tour sein können, aber leider erlebte Bill Ward einen Rückfall in den Alkoholismus und konnte abermals die Tour nicht beenden. Kurzfristig sprang der Schlagzeuger des Electric Light Orchestra, Beverley „Bev“ Bevan, ein, ein Junge aus Birmingham. Nach dem Ende der Tour deutete sich an, daß Deep Purple sich wiedervereinigen würden, also Ian Gillan, soviel Spaß er mit Black Sabbath auch gehabt hatte, seiner ursprünglichen Band den Vorzug geben würde. Und Geezer Butler war ebenfalls ohne Bill und sowieso ohne Ozzy nicht mehr so recht in der Stimmung. Und plötzlich stand Tony Iommi alleine da beziehungsweise konnte Black Sabbath als aufgelöst betrachten.

Hiatus heißt sowas wohl. Für das 1985er Live-Aid-Konzert fanden alle vier Gründungsmitglieder sogar noch einmal für drei Lieder („Children of the Grave“, „Iron Man“, „Paranoid“) zusammen, und die Fans drückten alle Daumen, aber zur tatsächlichen Wiedervereinigung kam es dennoch nicht. Für Tony Iommi bot dies die Gelegenheit, sich einem Soloprojekt zu widmen, wie es Freund Osbourne seit geraumer Zeit und ziemlich erfolgreich betrieb; 1983 erschien nach „Blizzard of Ozz“ und „Diary of a Madman“ bereits Ozzys drittes Solo-Album „Bark at the Moon“, 1986 in Gestalt von „The Ultimate Sin“ das vierte.

Seventh Star

Mit Eric Singer am Schlagzeug, Dave Spitz am Baß und Geoff Nichols, dessen Name hier bis jetzt nicht fiel, obwohl er bereits seit 1979 für Black Sabbath am Keyboard tätig war, hatte Tony eine kompetente Band beisammen, die er schließlich mit Glenn Hughes am Mikrophon vervollständigen konnte. Glenn hatte von 1973 bis 76 bei Deep Purple den Baß gezupft und auch gesungen, in Tony Iommis Solo-Band sollte er nur singen. Die Plattenfirma war allerdings nicht bereit, den zugkräftigen Namen „Black Sabbath“ sterben zu lassen, und drängte darauf, das Album „Seventh Star“ 1986 unter der etwas abenteuerlichen Bezeichnung „Black Sabbath featuring Tony Iommi“ zu veröffentlichen. Das Titelbild ist 80er-Jahre-typisch schlecht und zeigt einsam einen traurig zu Boden blickenden Tony Iommi in schwarzer Western-Style-Lederjacke. Die Lieder tragen natürlich Tonys Handschrift und sind um seine Gitarrenriffs herum arrangiert, allerdings ist der Stil weniger düster und grollend, als man es von einer ..äh.. echten Black-Sabbath-Platte erwartet hätte. Der Song „Heart Like A Wheel“ ist eine astreine Blues-Nummer, was in Anbetracht von Black Sabbath‘ Anfängen als Blues-Band nicht einmal fehl am Platze wirkt. Glenn Hughes singt vor allem von persönlichen Befindlichkeiten, nicht über den schlimmen Zustand der Welt, außer vielleicht auf dem Titeltrack, „Seventh Star“, hier komplett mit Intro „Sphinx (The Guardian)“:

Glenn Hughes war gar nicht glücklich damit, daß diesem Album der Black-Sabbath-Stempel aufgedrückt wurde, denn damit war klar, daß auf der Tour auch die alten Sabbath-Klassiker zum Vortrage gebracht werden mußten, und das war gar nicht sein Ding. Zu seinem Glück hatte er sich aber nach fünf Shows mit einem Tourmanager in den Haaren, es kam zu Raufhändeln, und er wurde ausgeknockt, so daß er nicht mehr singen konnte. Der Amerikaner Ray Gillen ersetzte ihn auf der Tour und bei den Aufnahmen für das folgende Album.
Der Umstand, daß aus dem Soloprojekt Tony Iommis ein offizielles Black-Sabbath-Album wurde, setzte einen Präzedenzfall. Denn plötzlich schien es nicht mehr notwendig zu sein, daß Geezer Butler und Bill Ward zurückkehrten, um ein Sabbath-Album aufzunehmen, ganz zu schweigen von Ozzy Osbourne. Es konnte auch mit Tony Iommi als einzigem Gründungsmitglied weitergehen.