375 – Die bunte Burg

3. November 2009


Jaja, die gelbe Burg, so heißt das. Eigentlich sogar nur „Ritterburg“, wenn man den 1978er Katalogtext zugrunde legt. „Ritterburg mit Fallbrücke, Wachttürmen und Schießscharten“, was immer da auch geschossen werden sollte. Aber bunt getrieben haben sie’s, die Damen und Herren von Lego. Kunigunde, Edle von Lego; aber ich schweife ab. Von der Helmzier des Burgherren möchte ich hier handeln. Wie das obige Bild zeigt, ist diese seiner Tunika angemessen blau. Die Visiere aller Ritter der gelben Burg sind ja farblich auf die Kleidung ihrer Träger abgestimmt. Obwohl… Moment. Blau? Ich vergewissere mich:

Klick mich, ich bin ein Link! Jawohl, wie ein Klick auf das Bild enthüllt, propagiert der Katalog von 1978 energisch das blaue Visier des blauen Ritters. Zwie- fach, mit Belegkindern im Back- & Play- ground. Kein Zweifel. Blau.

Klick mich, ich bin ein Link! Der Sache gehe ich nach, am liebsten chronologisch. Und siehe da, 1979 ist die Sache mit dem blauen Visier schon nicht mehr ganz so eindeutig. Während die eigentliche Abbildung des Sets an dem blauen Visier festhält, zeigt die mit den 1979 verfügbaren Mitteln der Bildbearbeitung fabrizierte Graphik denn doch ein graues Visier. Dieses graue Visier ist natürlich, Eingeweihte wissen es, der Standard. Die blaue Variante hingegen kann man nicht einmal selten nennen. Man muß es nonexistent nennen. Sollte es jemals in freier Wildbahn, außerhalb der Rüstungsschmiede in Billund aufgetaucht sein – ich bekam’s nicht mit.

Jedoch, ungefähr um das Jahr 2002 tauchten bei BrickLink plötzlich blaue Ritterhelmvisiere auf. Freilich nicht die klassische Form der 70er Jahre, sondern die moderne Schnabelform von 1992. Blöderweise waren mir $19 pro Stück damals zu teuer. Aber aufgrund dieses blauen Visiers, welches offensichtlich hergestellt worden war, hätte ich Haus und Hof darauf verwettet, daß geplant war, die gelbe Burg als Legendenset neu aufzulegen. Ein solches Legendenset hätte aus rein praktischen Gründen natürlich moderne Helme mit entsprechenden Visieren haben müssen, da die alten Formen nicht mehr im Bestand waren. Meiner Theorie nach haben die Entscheider sich alte Kataloge angesehen, das blaue Visier bemerkt, und gedacht, sie müßten jetzt blaue Visiere produzieren. Aber pst! Das ist nur meine Einbildung.*
*) Dieses Wort schlug mir der Duden Nr. 8, „Die sinn- und sachverwandten Wörter“, als Alternative zu „Theorie“ vor. Wahrscheinlich nicht ohne Grund. Denn eine Neuauflage der gelben Burg gab es nicht.

Klick mich, ich bin ein Link Jedenfalls. Mit dem blauen Visier war es dann vorbei. Im Jahre 1980 verwöhnt uns der Katalog mit dem vorstehenden herrlichen Bild, auf dem sich das graue Visier etabliert zu haben scheint. Hier ist es unbedingt lohnenswert, sich das Bild in voller Größe anzuschauen.

Klick mich, ich bin ein Link Ich sagte, das graue Visier scheint sich etabliert zu haben. Tatsächlich überrascht uns der Legoland-Katalog von 1981 mit einer neuen Variante. Nun ist das Visier des blauen Ritters schwarz. Doch damit nicht genug, denn im selben Katalog finden wir auch das folgende, ebenfalls sehr schöne Bild:

Klick mich, ich bin ein Link Wenn mich nicht alles täuscht, haben der weiße und der blaue Ritter hier ihre Visiere getauscht. (Inzwischen sollte es selbstverständlich sein, daß dieses Bild erst beim Klick auf das Thumbnail seine volle Pracht entfaltet.)
Jetzt haben wir also fast alle Varianten durch. Außer… Genau. Rot fehlte noch, aber die Katalogbebilderer enttäuschen uns nicht. 1982 ist es so weit, und sie lassen sich nicht lumpen.

Klick mich, ich bin ein Link Hier werden noch einmal alle Register der Farbverwirrung gezogen. Das rote Visier fällt sofort ins Auge, auch das schwarze Visier im großen Bild bemerkt man unmittelbar. In der kleinen Darstellung des Sets hingegen kann uns das schwarze Visier nicht mehr überraschen, doch die nunmehr zwei weißen Visiere der anderen Ritter schaffen das noch.

Klick mich, ich bin ein Link Eine letzte Chance zur werkgetreuen Abbildung bot sich 1983, denn im darauffolgenden Jahr war die Zeit der gelben Burg nach fünf Jahren vorbei. Die beiden anderen Rittersets, das Turnier 383 und die Ritter mit Karren 677, waren schon gar nicht mehr im Katalog, also war die 375 bloß noch eine Randerscheinung. Das Bildchen ist klein, doch immerhin, die Visierzuordnung scheint gelungen. Aber ach! Darüber sehen wir einen weißen Helm mit schwarzem Visier, eine Kombination, die im klassischen Burgenland überhaupt nicht vorkam. Und in welchem Set sollte das Kind von 1983 denn den Schild der 677-Ritter erwarten?

Übrigens hätten die Katalogmacher schon seit jeher die korrekte Verteilung der Visiere kennen können. Ich spreche noch nicht einmal von einem simplen Blick auf den Karton der Burg, welcher selbstverständlich stets die kanonische Distribution zeigte. Vielmehr wußte Lego aus Planungsgründen bereits im Jahre 1977, wie das kommende Set aussehen sollte, und so propagierten sie es auch im Händlerkatalog:

Klick mich, ich bin ein Link Dieses Bild wurde mir freundlicherweise von Jan.k geschonken… geschenkt, und ordentlich gerahmt ziert es die Wand in meinem Lego-Zimmer. Also in meinem Zimmer. Auf dem Scan ist die Jahreszahl schwer zu entziffern, darum sei dieses Detail [hier] noch einmal etwas größer gezeigt.

Doch damit will ich nicht schließen. Einen hab’ ich noch!

Denn die erste Auflage der Burg, die wie gesagt fünf Jahre lang im Programm war und dabei verschiedene Modifikationen am beiliegenden Papierkram erfuhr, sah in der Mitte der Bauanleitung dieses schicke Bild, welches die Aufklappfunktion des Gemäuers illustrieren sollte:

Klick mich, ich bin ein Link Über die Lochung bitte ich hinwegzusehen, ich erwarb das Set gebraucht. Entscheidender ist hier die Farbe der Helme – sie sind dunkelgrau. Unnötig zu erwähnen, daß es auch diese Helme physisch nie in die Öffentlichkeit geschafft haben. Immerhin stimmt die Farbe der Visiere.


Wir sind die Bösen!

20. Oktober 2009

Also wir Adlerritter. Was wir uns nie einge- stehen wollten – nun ist es offiziell. Wer’s nicht glaubt, der lese es nach. Denn mit englischen Zungen gezwitschert, gedruckt und zwischen zwei Buchdeckel praktiziert, so steht es nun da:

Bad Boys · The Black Falcon sub-theme was introduced in 1984 when they defeated the knights after several brutal battles. These sinister soldiers roamed the LEGO universe until 1992, though in 2002, they were brought back for a special reissue of the Black Falcon’s Fortress set.

So also heißt es auf Seite 20 in dem sehr schön aufgemachten und grundsätzlich höchst angemessenen Buch Standing Small – A Celebration of 30 Years of the LEGO® Minifigure, herausgegeben von Nevin Martell. Das Buch ist Teil eines Schubers, der außerdem und eigentlich The LEGO® Book enthält, worin sich irgendwo ein Bild von mir befindet, weshalb ich den Folianten freundlicherweise frei Haus zugeschickt bekam.

Klick mich, ich bin ein Link! Es wäre nicht verkehrt gewesen, mich mal korrekturlesen zu lassen, sage ich mal ganz unbescheiden. Ich habe das Werk bisher nur grob überflogen, aber neben wunderschönen Bildern drängten sich Ungereimtheiten ins Aug’, die von bloßer Unachtsamkeit über kühne Behauptungen bis hin zu blankem Unsinn reichten. Als Unachtsamkeit möchte ich werten, daß auf Seite 17 zu dem Text „Sheriff · 1983“ ein Polizeimänneken von 1993 abgebildet ist. Ein Tippfehler, das kann passieren, und wenn der Lektor nicht vom Fach ist, fällt er ihm auch nicht auf. Eine kühne Behauptung hingegen stellt schon die oben zitierte Charakterisierung der Adlerritter dar. Von verschiedenen blutrünstigen Schlachten, in denen die Adlerritter schließlich die Löwenritter besiegt hätten, ist mir zumindest nichts bekannt; und ich verfolge Legos Burgenthema seit 1984. (Eine weitere kühne Behauptung ist auch dies: „Black Falcons typically wear black helmets with chinstraps“, was ich mit obigem Bilde widerlegt sehen möchte.)

Nun ist es ja ganz schön, wenn die Autoren die Geschichte der Minifig in phantasievollen Anekdoten erzählen, seien sie noch so erfunden, wie die Mär von den brutal battles. Ärgerlicher sind faktische Fehler, zumal, wenn das Buch quasi damit aufmacht. Bereits auf Seite 7 steht neben dem grandiosen Bild eines gelben Astronauten die Erläuterung: „Spaceman · 1979“. Die gelben Raumfahrer betraten allerdings erst 1982 den kraterübersäten Boden im Kinderzimmer. Oder, um bei meiner Heimatdisziplin „Burg!“ zu bleiben, erfährt der Leser auf Seite 23: „The Ghost first materialized in the Castle theme in 1992.“ Dem muß ich leider widersprechen, denn bereits im Jahre 1990 erhielt ich zur Konfirmation (!) das Spukschloß 6081, welches in der Tat das erste Nachtgespenst enthielt. Oder auch das zweite, wenn man den leuchtenden Schloßgeist 6034 als numerisch davor auffaßt. Es bleibt aber bei 1990.

Zu blankem Unsinn jedoch wird sich mit der.. nun ja.. Information.. verstiegen, daß Greedo™ „very rare“ sei (soweit noch nachvollziehbar), denn: „He was only released in Benelux“. Wer immer den Autoren diese.. nun ja.. Information.. gesteckt hat, lacht sich wahrscheinlich immer noch ins Fäustchen über seinen gelungenen Streich (Seite 68).

Von solchen vermeidbaren und sowieso nur uns, die wir uns nachgerade wissenschaftlich mit dem Thema Lego befassen, auffallenden Fehlern abgesehen, bietet das Buch aber einen Reigen schöner Nahaufnahmen von allerhand liebgewonnenen Minifigs. Als solches ist es eine verdiente Würdigung für die Lego-Figur, welche zu deren 30sten Geburtstag wirklich überfällig war. Zumal das Werk erst 2009 erschien, also eigentlich schon den 31. Geburtstag feiert. Aber macht ja nichts. Man darf sowieso nicht alles so ernst und wichtig nehmen, was darin geschrieben steht. Schade nur, daß viele weniger bewanderte Lego-Fans aber genau das tun werden.

Mit dem eigentlichen Hauptwerk, dem „LEGO® Book“, habe ich mich noch nicht näher beschäftigt. Es steht zu befürchten, daß ich auch in dieser Suppe so manches krause Haar finden und spalten werde. Aber ich darf das. Denn ich bin ja der Böse.

Nachtrag am 3. November 2009:

Im Rahmen meiner Recherchen für diesen Beitrag machte ich soeben die schockierende Entdeckung, daß die Ritterfiguren der gelben Burg 375, des Ritterturniers 383 und der Ritter mit Karren 677 komplett verschwiegen werden. Da wird großspurig das 30ste Jubiläum der Minifig zelebriert, und die prägnantesten Figuren des Geburts- jahrgangs läßt man untern Tisch fallen. Traurig.


1592 – Das Jahr, in dem wir Lego lieben lernten.

8. Oktober 2009

Außerdem segnete 1592 Michel de Montaigne das Zeitliche, in Form eines wahrscheinlich brillanten Essays. Diesen hätte er im Normalfall dennoch wegen erweiterter Lebenserfahrung und fortentwickelter Reflexion revidiert, aber da war er dann schon tot. Ansonsten geschieht im Jahre 1592 nichts, was nicht bloß Experten erinnerlich wäre. Na gut, Shakespeare schreibt irgendwas, irgendwer wird Papst, und irgendwer segelt an den Falklandinseln vorbei. Aber sonst war’s ein maues Jahr. Was ist es da für ein Glück, daß 1592 die Nummer von unser aller Lieblingssets ist.

Dieses Set hat alles, was das Herz eines Lego-Nostalgikers erfreut. Es ist farbenfroh und schön, es ist selten, man kann damit spielen, und wahlweise gibt es Eiscreme oder Fish and Chips. Was diesem Set jedoch zu fehlen schien, war ein Name.

Darum wurde es in für gewöhnlich gutunterrichteten Kreisen gemeinhin „die englische Stadt“ genannt, weil der Union Jack über dem Stadttor weht und das Fachwerk des Buchladens ebenfalls sehr englisch anmutet. Doch im Lego-Katalog stand es ja nicht, also ist kein offizieller Name bekannt. Schließlich fand Heikoloogi in einem 1983er Vedes-Katalog die Bezeichnung „Stadtmilieu“, welche dann auch in den Lego-Sammlerkatalog Eingang fand.

Doch die Geschichte Legos muß neu geschrieben werden! Denn, surprise!, nun blätterte ich gestern zufällig in einem Lego-Katalog von 1982, der sich als englischer herausstellte. Und was findet sich da auf Seite 12?
Klick mich, ich bin ein Link! „Carnival Scene“ ist also der offizielle Name. Gerne würde ich den Katalog inklusive Printnummer korrekt zitieren, aber auf der Rückseite befand sich ein Wunschzettelvordruck zum Ausschneiden, und den hat das vorbesitzende Kind auch benutzt. (Das Bild kann übrigens durch Anklicken vergrößert werden. Freilich läßt die Druckqualität des Katalogs keine grö- ßere Anzahl an Bildpunkten zu.)

Das legendäre Set war also offiziell im Katalog. Doch warum erst 1982? Die ©-Angabe auf der Bauanleitung spricht doch von 1980? Nun, ein Sonderset ist es und bleibt es, das wird ja schon an der Setnummer deutlich. Auch ist es in diesem Katalog nicht in die Reihe der normalen Sets eingeordnet, sondern erhielt einen Sonderplatz am Rand. Bevor es verspätet aber regulär ins Sortiment der englischen Spiel- warenläden aufgenommen wurde, diente es als Promoset für… laßt mich nicht lügen… Unilever, Weetabix, Persil. Halt irgendwie sowas. In Deutschland war es nur bei Vedes erhältlich, und das ebenfalls verspätet. Meine Mama kaufte es sogar erst im Januar 1984, als Restposten. Und als Ersatz für die neuen grauen Burgen des Jahres 1984, die natürlich erst nach meinem Geburtstag in die Läden kamen. Es hätte schlimmer kommen können.

Nachtrag am 11. Oktober:
Jan.K liefert die fehlenden Informationen nach: Demzufolge hat der Katalog die Printnummer 93.300-UK, und das Set war ein Weetabix-Promo. Vielen Dank!