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19. Dezember 2019

Heute auf den Tach vor einhundertundzehn Jahren, am 19ten Dezember 1909, entschieden sich im Dortmunder Norden einige widerborstige Rabauken der Jünglingssodalität „Dreifaltigkeit“, einen Fußballverein zu gründen, weil ihr Dekan dem Fußballsport so rein gar nichts abgewinnen konnte und dergleichen Proletengedöns in seiner Kirchengemeinde nicht tolerieren wollte. Und hastenichgesehn war der Ballsportverein Borussia 09 aus der Taufe gehoben, ohne jedoch Kirchenmitglied zu sein. Die Kurie was not amused.

Keine 90 Jahre später, nämlich bereits am 1sten September 1999, entschied ich mich, diesem Verein beizutreten. Vielleicht entschied ich aber auch bereits vorher, und am 1sten September wurde lediglich die Mitgliedschaft wirksam. Über die Beweggründe zum Beitritt kann ich im Rückblick nurmehr spekulieren. Nach den Meisterschaften 1995 und 1996 sowie dem Gewinn der Champions League 1997 verliefen die folgenden Saisons nicht gar so erfolgreich, der Trainer wurde gewechselt, die Mannschaft wurde planlos zusammengestellt, und der Verein machte vor allem dadurch von sich reden, daß er den Börsengang vorbereitete, welcher am Tag nach dem Weltspartag 2000 erfolgen sollte und fünf Jahre später schon fast den Konkurs des BVB bedeutet hätte. Das konnte ich im Spätsommer des Jahres 1999 also noch nicht wissen. Wie dem auch sei, seit 20 Jahren zahle ich da Mitgliedsbeitrag, was mir seinerzeit gewisse Vorteile versprach. Vor allem haben Mitglieder ein Vorkaufsrecht für Eintrittskarten. Mit der Mitgliedsnummer 73287 und einem Fassungsvermögen des Westfalenstadions, das in jener Zeit durch Tribünenerweiterungen nach und nach auf über 80000 Zuschauer gesteigert wurde, standen also die Chancen gar nicht so schlecht. Inzwischen verzeichnet der Verein allerdings über 150000 Mitglieder, und das Vorkaufsrecht ist längst keine Garantie mehr dafür, Karten zugeteilt zu bekommen. Einmal jedoch hatte ich Glück und gewann zwei Karten fürs Pokalfinale 2008, wobei „gewinnen“ nicht bedeutet, daß ich sie umsonst bekommen hätte, neenee. Verloren wurde außerdem das Spiel.

Mathe-Genie, das ich bin, dachte ich: 1999 bis 2019 – das sind 20 Jahre. Also habe ich wohl 20 Mitgliedsausweise. Es sind aber 21, und das macht mich fassungslos.

Wie man sieht, war der Mitgliedsausweis zunächst ein schmuckloses Stück laminierte Pappe mit nachlässig eingedruckten Daten. Im Jahre 2001 wurde aus mir nicht einsichtigen Gründen diesen Daten das Geburtsdatum des Ausweisinhabers beigefügt, aber dieses unachtsamerweise mit dem Datum des Vereinseintritts gleichgesetzt, ein Fehler, der im Folgejahr korrigiert wurde. In den Jahren 2003, 2004, 2005 und 2006 schmückte die Karte das frisch ausgebaute und neugestaltete Westfalenstadion, das im Dezember 2005 freilich in „Signal Iduna Park“ umbenannt wurde. Auch auf dem 2006er Ausweis kann man aber noch den Namen „Westfalenstadion“ auf dem Bild erahnen. Ich bin eh der Ansicht, daß der mit Sponsorengeld finanzierte Signal-Iduna-Park die Grünfläche im Westfalenstadion ist. Meinetwegen soll der Rasen so heißen, wenn die Versicherung die Gärtner bezahlt.

In den Jahren 2007 und 2008 wurde der Vereins- oder Kommanditgesellschaft-auf-Aktienbasis-Führung die Verwendung des Westfalenstadion-Bildes wohl zu heikel, und das Design wurde auf schlichtes schwarz und gelb geändert, welches schließlich zum besonderen Jubiläumsdesign 2009 führte. Ab dem Jahr 2010 schließlich werden auf dem Kärtchen historische Mannschaftsbilder gezeigt, seit 2011 im gegenwärtigen Corporate-Identity-Design. Die doch einigermaßen reichhaltige Titelliste des BVB würde es erlauben, diese Siegermannschaften in den jeweiligen Jubiläumsjahren zu ehren, aber auf diesen Trichter kamen die Designverantwortlichen auch nicht von Anbeginn. Die 2010er Karte zeigt ein Bild von 1913; 2011 ist die Meistermannschaft 1957 zu sehen; 2012 die Sieger des Europapokals der Pokalsieger 1966, die erste deutsche Mannschaft, die einen Europapokal gewann; 2013 die Meistermannschaft von 1956, welche die ein Jahr jüngere, ansonsten aber identische Mannschaft von 1957 ist, ein einmaliges Kuriosum in der deutschen Fußballgeschichte; 2014 sehen wir den Deutschen Meister 1963, mithin die letzte Meistermannschaft vor Einführung der Bundesliga; 2015 schließlich haben wir den Pokalsieger von 1965 im Bild, übrigens als erste Mannschaft mit der damals neu geschaffenen und bis heute verwendeten Trophäe; 2016 schaffte es abermals der Europapokalsieger von 1966 aufs Cover; 2017 zum 20-jährigen Jubiläum der Champions-League-Sieger von 1997; 2018 der Westdeutsche Meister und somit Teilnehmer an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft von 1948; und 2019 sehen wir den Pokalsieger von 1989.

Und Mitglied im LEGO World Club war ich auch mal. Ohne jegliche Vor- oder Nachteile, das Kärtchen ist auch nicht datiert.


Die Gesetzeslage.

12. Mai 2012

Der Pokal habe seine eigenen Gesetze, heißt es. Weil nämlich – zumindest im Modus des deutschen Vereinspokals – pro Runde nur ein Spiel bestritten wird, kann durch einen enormen Kraftakt auch mal ein „Kleiner“ über einen „Großen“ triumphieren. Das geschieht zwar auch im Liga-Betrieb nicht selten, hat aber nur im Pokal-Wettbewerb unmittelbare Auswirkung, eben das Ausscheiden der einen Mannschaft und das Weiterkommen der anderen. Seit 1935 gibt es in Deutschland einen Pokalwettbewerb, zunächst bis 1943 den sogenannten Tschammer-Pokal, benannt nach dem damaligen Reichssportführer, dann wurde 1952 nach einer kriegsbedingten Unterbrechung der Wettbewerb als DFB-Vereinspokal wieder aufgenommen. In all den Jahren hat sich die ruhmreiche Borussia aus Dortmund als vorbildlich gesetzestreu bewiesen und regelmäßig gegen unterklassige Gegner die Segel gestrichen, meist noch vor der Winterpause. Dieses Jahr konnte der BVB erst zum fünften Male überhaupt ins Finale vordringen.

Bereits im ersten Anlauf 1963 bot sich die Chance auf den Double-Gewinn, doch der Deutsche Meister Borussia Dortmund mußte sich dank dreier Tore Uwe Seelers dem HSV geschlagen geben. Zwei Jahre später jedoch konnte der BVB das Finale gegen Alemannia Aachen tatsächlich gewinnen und somit als erste Mannschaft die damals neugeschaffene Trophäe entgegennehmen, die 1965 endlich den alten Nazi-Pokal abgelöst hatte. Im Jahr drauf folgte sogar noch der Sieg im Europapokal der Pokalsieger, dann aber lange nichts. Erst 1989 gelang erneut der Finaleinzug (Sieg!), dann erst wieder 2008 (Niederlage).

So kommt es, daß ich mir den Namen Borussia Dortmund im Zusammenhang mit Pokalsiegen fast gar nicht vorstellen kann. Diesbezügliche Schlagzeilen fanden so gut wie nie statt, zu meinen Lebzeiten einmal nur, und da war ich 12 Jahre alt. Ein Double kann ich mir überhaupt nur beim FC Bayern vorstellen. Vielleicht rührt daher mein schlechtes Gefühl im Hinblick aufs bevorstehende Finale heute Abend. Die ganze Saison über war ich zuversichtlich, hielt die Meisterschaft für möglich und wunderte mich über das Ausbleiben des mir eigenen Zweckpessimismus’. Aber nun hat er sich endlich eingefunden, na prima.

Mit Blick auf die Pokalgeschichte wäre also der BVB der „Kleine“, der überraschend gegen die großen Münchner, die 15maligen Pokalsieger, gewinnen könnte. Auf dem Weg ins Finale hat Dortmund aber ausnahmslos unterklassige Mannschaften ausgeschaltet, was ja den eigenen Gesetzen des Pokals ebenso deutlich widersprach wie der Dortmunder Pokalhistorie.. Gleichzeitig wäre der Deutsche Meister ja auch im Finale gegen die Bayern (ausnahmsweise mal nicht Meister) keineswegs als „Kleiner“ zu bezeichnen. Wie man es auch wendet, es gibt in diesem Finale keinen Kleinen, nur zwei Große. Anarchie! Die Pokalgesetze sind nicht anwendbar! Und jetzt?

Bleibt uns noch das Gesetz der Serie. Borussia hat die letzten vier Spiele gegen die Bayern gewonnen. Aber wie lautet jetzt das auf diese Serie passende Gesetz? Es wird ein fünfter Sieg hinzukommen? Es ist an der Zeit, daß die Serie reißt? Herrje! Eine Statistik bedeutet für den Einzelfall nichts. Seriengesetze sind also Humbug. Es nützt alles nix, wir müssen schlicht den Ausgang des Spiels abwarten, auch wenn’s schwerfällt. Vor lauter Nervosität versuche ich ja schon, die Zeit bis zum Anpfiff mit diesem sinnlosen Artikel zu überbrücken. Ich hätte mir das Nägelkauen nicht abgewöhnen sollen.

Kleiner Nachtrag:
Hat ja dann doch geklappt.