Eigentlich ganz simpel.

21. Juni 2017


Seit fast 20 Jahren …naja… laß sagen, seit 15 Jahren schwebt mir vor, meinen Lieblingsroman in Brick-Testament-Manier in Lego nachzubauen. Ein zum Scheitern verurteiltes Projekt, weil: Mein Projekt. Und ich krich ja den Arsch nicht hoch. Dabei habe ich es immerhin geschafft, Grimmelshausens „Abenteuerlichen Simplicissimus“ dreimal zu lesen, 720 frühneuhochdeutsche Seiten. Einmal im Rahmen eines Seminars an der Uni, inclusive Hausarbeit zum Thema, einmal als Vorbereitung auf die Zwischenprüfung, und dann noch mal für Spaß. Und obendrein las ich ohne Not auch noch die verwandten Werke „Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche“ (von Bertolt Brecht später als „Mutter Courage und ihre Kinder“ auf die Bühne gebracht) und den „Seltzamen Springinsfeld“, welcher recht eigentlich als Sequel zum „Simplicissimus“ betrachtet werden kann.

Die „Courasche“ ist leider arg zerfleddert, weil ich das Reclam-Bändchen eine Zeitlang in meiner Gesäßtasche mit mir trug, was töricht war, denn so übertrieben leicht zu bekommen sind diese Ausgaben gar nicht, handelt es sich doch eher um spezielle Literaturkost, die nicht jede Buchhandlung einfach so vorrätig hält. Nach wie vor erhältlich ist freilich der „Simplicissimus“. Immerhin ist es der erste große Roman von deutschlandweiter Weltgeltung, weshalb man ihn in der Klassiker-Abteilung einer „Meyerschen“ durchaus findet. Und bei dieser Gelegenheit wird man mit Bestürzen feststellen, daß das Klassiker-Regal dieser „Meyerschen“ ungefähr einmeterfuchzich breit ist, während für moderne Esoterik-Literatur eine ganze Etage reserviert ist und für pseudohistorische Frauenromane („Die Base des Bischofs“. „Die Nelkenumtopferin“. „Die Jäterin im Klostergarten“.) eigens angebaut wurde. Aber was soll’s, Hauptsache, die Leute lesen überhaupt noch irgendwas anderes als Twitter-Nachrichten und radikal-unempathische Facebook-Foren. Wie dem auch sei, auch ich fand in der Buchhandlung noch zwei Ausgaben des „Simplicissimus“, die ich einfach mal so haben wollte, ohne sie je tatsächlich zum Lesen benutzen zu wollen. Man kann ja nicht immer nur Lego sammeln.

Hier ist die rechte Ausgabe in historischer Orthographie und Interpunktion, während das Buch in der Mitte schlicht Reclams Edelausgabe des Buches links ist, welches mir fernerhin und wie gehabt als Leseexemplar dienen soll. Derartige Edelausgaben historisch bedeutsamer Werke der Literatur gab es vom Reclam-Verlag schon immer. Also mindestens seit den 1950er Jahren. In meines Vaters Bücherschrank fanden sich eine derartige Ausgabe des „Dil Ulenspiegel“ und von Sebastian Brants „Narrenschiff“. Leider keine des „Simplicissimus“, was eigentlich unverzeihlich ist, zumal mein Vater ansonsten die Weltliteratur quasi komplett hatte, Manesse, Insel und Reclam sei Dank.

Meine Lesebändchen-Ausgabe des Romans ist ziemlich eindeutig eine moderne Variante dieser 50er-Jahre-Prachtausgaben aus dem Reclam-Verlag. Und ich bin ja da so: Ich will den „Simplicissimus“ auch in so einer historischen Ausgabe haben! Ich will ich will ich will, aber is nich so einfach. Meine stichprobenartigen Recherchen bei Ebay bringen insofern Treffer, als ich mir sicher sein kann, daß es den Roman damals in einer solchen Ausgabe gab. Aber die angebotenen Exemplare sind alle arg mängelbehaftet, vor allem hinsichtlich des Schutzumschlags. Aber ohne den tu ich’s nicht.

So, und was hat das alles jetzt mit Lego zu tun? Nicht viel, leider. Weiter als bis zum Frontispiz bin ich nie gekommen.

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Wir sind die Bösen!

20. Oktober 2009

Also wir Adlerritter. Was wir uns nie einge- stehen wollten – nun ist es offiziell. Wer’s nicht glaubt, der lese es nach. Denn mit englischen Zungen gezwitschert, gedruckt und zwischen zwei Buchdeckel praktiziert, so steht es nun da:

Bad Boys · The Black Falcon sub-theme was introduced in 1984 when they defeated the knights after several brutal battles. These sinister soldiers roamed the LEGO universe until 1992, though in 2002, they were brought back for a special reissue of the Black Falcon’s Fortress set.

So also heißt es auf Seite 20 in dem sehr schön aufgemachten und grundsätzlich höchst angemessenen Buch Standing Small – A Celebration of 30 Years of the LEGO® Minifigure, herausgegeben von Nevin Martell. Das Buch ist Teil eines Schubers, der außerdem und eigentlich The LEGO® Book enthält, worin sich irgendwo ein Bild von mir befindet, weshalb ich den Folianten freundlicherweise frei Haus zugeschickt bekam.

Klick mich, ich bin ein Link! Es wäre nicht verkehrt gewesen, mich mal korrekturlesen zu lassen, sage ich mal ganz unbescheiden. Ich habe das Werk bisher nur grob überflogen, aber neben wunderschönen Bildern drängten sich Ungereimtheiten ins Aug’, die von bloßer Unachtsamkeit über kühne Behauptungen bis hin zu blankem Unsinn reichten. Als Unachtsamkeit möchte ich werten, daß auf Seite 17 zu dem Text „Sheriff · 1983“ ein Polizeimänneken von 1993 abgebildet ist. Ein Tippfehler, das kann passieren, und wenn der Lektor nicht vom Fach ist, fällt er ihm auch nicht auf. Eine kühne Behauptung hingegen stellt schon die oben zitierte Charakterisierung der Adlerritter dar. Von verschiedenen blutrünstigen Schlachten, in denen die Adlerritter schließlich die Löwenritter besiegt hätten, ist mir zumindest nichts bekannt; und ich verfolge Legos Burgenthema seit 1984. (Eine weitere kühne Behauptung ist auch dies: „Black Falcons typically wear black helmets with chinstraps“, was ich mit obigem Bilde widerlegt sehen möchte.)

Nun ist es ja ganz schön, wenn die Autoren die Geschichte der Minifig in phantasievollen Anekdoten erzählen, seien sie noch so erfunden, wie die Mär von den brutal battles. Ärgerlicher sind faktische Fehler, zumal, wenn das Buch quasi damit aufmacht. Bereits auf Seite 7 steht neben dem grandiosen Bild eines gelben Astronauten die Erläuterung: „Spaceman · 1979“. Die gelben Raumfahrer betraten allerdings erst 1982 den kraterübersäten Boden im Kinderzimmer. Oder, um bei meiner Heimatdisziplin „Burg!“ zu bleiben, erfährt der Leser auf Seite 23: „The Ghost first materialized in the Castle theme in 1992.“ Dem muß ich leider widersprechen, denn bereits im Jahre 1990 erhielt ich zur Konfirmation (!) das Spukschloß 6081, welches in der Tat das erste Nachtgespenst enthielt. Oder auch das zweite, wenn man den leuchtenden Schloßgeist 6034 als numerisch davor auffaßt. Es bleibt aber bei 1990.

Zu blankem Unsinn jedoch wird sich mit der.. nun ja.. Information.. verstiegen, daß Greedo™ „very rare“ sei (soweit noch nachvollziehbar), denn: „He was only released in Benelux“. Wer immer den Autoren diese.. nun ja.. Information.. gesteckt hat, lacht sich wahrscheinlich immer noch ins Fäustchen über seinen gelungenen Streich (Seite 68).

Von solchen vermeidbaren und sowieso nur uns, die wir uns nachgerade wissenschaftlich mit dem Thema Lego befassen, auffallenden Fehlern abgesehen, bietet das Buch aber einen Reigen schöner Nahaufnahmen von allerhand liebgewonnenen Minifigs. Als solches ist es eine verdiente Würdigung für die Lego-Figur, welche zu deren 30sten Geburtstag wirklich überfällig war. Zumal das Werk erst 2009 erschien, also eigentlich schon den 31. Geburtstag feiert. Aber macht ja nichts. Man darf sowieso nicht alles so ernst und wichtig nehmen, was darin geschrieben steht. Schade nur, daß viele weniger bewanderte Lego-Fans aber genau das tun werden.

Mit dem eigentlichen Hauptwerk, dem „LEGO® Book“, habe ich mich noch nicht näher beschäftigt. Es steht zu befürchten, daß ich auch in dieser Suppe so manches krause Haar finden und spalten werde. Aber ich darf das. Denn ich bin ja der Böse.

Nachtrag am 3. November 2009:

Im Rahmen meiner Recherchen für diesen Beitrag machte ich soeben die schockierende Entdeckung, daß die Ritterfiguren der gelben Burg 375, des Ritterturniers 383 und der Ritter mit Karren 677 komplett verschwiegen werden. Da wird großspurig das 30ste Jubiläum der Minifig zelebriert, und die prägnantesten Figuren des Geburts- jahrgangs läßt man untern Tisch fallen. Traurig.