110.

19. Dezember 2019

Heute auf den Tach vor einhundertundzehn Jahren, am 19ten Dezember 1909, entschieden sich im Dortmunder Norden einige widerborstige Rabauken der Jünglingssodalität „Dreifaltigkeit“, einen Fußballverein zu gründen, weil ihr Dekan dem Fußballsport so rein gar nichts abgewinnen konnte und dergleichen Proletengedöns in seiner Kirchengemeinde nicht tolerieren wollte. Und hastenichgesehn war der Ballsportverein Borussia 09 aus der Taufe gehoben, ohne jedoch Kirchenmitglied zu sein. Die Kurie was not amused.

Keine 90 Jahre später, nämlich bereits am 1sten September 1999, entschied ich mich, diesem Verein beizutreten. Vielleicht entschied ich aber auch bereits vorher, und am 1sten September wurde lediglich die Mitgliedschaft wirksam. Über die Beweggründe zum Beitritt kann ich im Rückblick nurmehr spekulieren. Nach den Meisterschaften 1995 und 1996 sowie dem Gewinn der Champions League 1997 verliefen die folgenden Saisons nicht gar so erfolgreich, der Trainer wurde gewechselt, die Mannschaft wurde planlos zusammengestellt, und der Verein machte vor allem dadurch von sich reden, daß er den Börsengang vorbereitete, welcher am Tag nach dem Weltspartag 2000 erfolgen sollte und fünf Jahre später schon fast den Konkurs des BVB bedeutet hätte. Das konnte ich im Spätsommer des Jahres 1999 also noch nicht wissen. Wie dem auch sei, seit 20 Jahren zahle ich da Mitgliedsbeitrag, was mir seinerzeit gewisse Vorteile versprach. Vor allem haben Mitglieder ein Vorkaufsrecht für Eintrittskarten. Mit der Mitgliedsnummer 73287 und einem Fassungsvermögen des Westfalenstadions, das in jener Zeit durch Tribünenerweiterungen nach und nach auf über 80000 Zuschauer gesteigert wurde, standen also die Chancen gar nicht so schlecht. Inzwischen verzeichnet der Verein allerdings über 150000 Mitglieder, und das Vorkaufsrecht ist längst keine Garantie mehr dafür, Karten zugeteilt zu bekommen. Einmal jedoch hatte ich Glück und gewann zwei Karten fürs Pokalfinale 2008, wobei „gewinnen“ nicht bedeutet, daß ich sie umsonst bekommen hätte, neenee. Verloren wurde außerdem das Spiel.

Mathe-Genie, das ich bin, dachte ich: 1999 bis 2019 – das sind 20 Jahre. Also habe ich wohl 20 Mitgliedsausweise. Es sind aber 21, und das macht mich fassungslos.

Wie man sieht, war der Mitgliedsausweis zunächst ein schmuckloses Stück laminierte Pappe mit nachlässig eingedruckten Daten. Im Jahre 2001 wurde aus mir nicht einsichtigen Gründen diesen Daten das Geburtsdatum des Ausweisinhabers beigefügt, aber dieses unachtsamerweise mit dem Datum des Vereinseintritts gleichgesetzt, ein Fehler, der im Folgejahr korrigiert wurde. In den Jahren 2003, 2004, 2005 und 2006 schmückte die Karte das frisch ausgebaute und neugestaltete Westfalenstadion, das im Dezember 2005 freilich in „Signal Iduna Park“ umbenannt wurde. Auch auf dem 2006er Ausweis kann man aber noch den Namen „Westfalenstadion“ auf dem Bild erahnen. Ich bin eh der Ansicht, daß der mit Sponsorengeld finanzierte Signal-Iduna-Park die Grünfläche im Westfalenstadion ist. Meinetwegen soll der Rasen so heißen, wenn die Versicherung die Gärtner bezahlt.

In den Jahren 2007 und 2008 wurde der Vereins- oder Kommanditgesellschaft-auf-Aktienbasis-Führung die Verwendung des Westfalenstadion-Bildes wohl zu heikel, und das Design wurde auf schlichtes schwarz und gelb geändert, welches schließlich zum besonderen Jubiläumsdesign 2009 führte. Ab dem Jahr 2010 schließlich werden auf dem Kärtchen historische Mannschaftsbilder gezeigt, seit 2011 im gegenwärtigen Corporate-Identity-Design. Die doch einigermaßen reichhaltige Titelliste des BVB würde es erlauben, diese Siegermannschaften in den jeweiligen Jubiläumsjahren zu ehren, aber auf diesen Trichter kamen die Designverantwortlichen auch nicht von Anbeginn. Die 2010er Karte zeigt ein Bild von 1913; 2011 ist die Meistermannschaft 1957 zu sehen; 2012 die Sieger des Europapokals der Pokalsieger 1966, die erste deutsche Mannschaft, die einen Europapokal gewann; 2013 die Meistermannschaft von 1956, welche die ein Jahr jüngere, ansonsten aber identische Mannschaft von 1957 ist, ein einmaliges Kuriosum in der deutschen Fußballgeschichte; 2014 sehen wir den Deutschen Meister 1963, mithin die letzte Meistermannschaft vor Einführung der Bundesliga; 2015 schließlich haben wir den Pokalsieger von 1965 im Bild, übrigens als erste Mannschaft mit der damals neu geschaffenen und bis heute verwendeten Trophäe; 2016 schaffte es abermals der Europapokalsieger von 1966 aufs Cover; 2017 zum 20-jährigen Jubiläum der Champions-League-Sieger von 1997; 2018 der Westdeutsche Meister und somit Teilnehmer an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft von 1948; und 2019 sehen wir den Pokalsieger von 1989.

Und Mitglied im LEGO World Club war ich auch mal. Ohne jegliche Vor- oder Nachteile, das Kärtchen ist auch nicht datiert.


Berufsoptimist, der ich bin, sage ich mal:

4. Februar 2015

Das wird nichts mehr.

http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/spieltag/1-bundesliga/2014-15/19/0/spieltag.html

Möge ich im Rückblick als Narr dastehen!


Schnipselruhm.

15. November 2014

Das ist, wenn sich ein Normalsterblicher für einen winzigen Moment in der Aura eines Prominenten befindet und dies seiner Umwelt zur Kenntnis bringt, gerne irgendwie dokumentiert. Früher holte man sich dann ein Autogramm zum Beweis, heutzutage macht man ein schlecht belichtetes, grobkörniges und schiefes Selfie, um es bei Instagram hochzuladen und bei Facebook zu teilen.

Ich mache sowas natürlich nicht. Ich spreche bloß drüber und prahle mit meiner Bescheidenheit. Zum Beispiel kam mir vorhin auf dem Nachhauseweg vom Einkaufen Jürgen Klopp zu Fuß entgegen. Mit leicht verkniffenem Gesichtsausdruck. Eine Millisekunde überlegte ich, ob ich etwas sagen sollte wie: „Lächeln! Wird schon wieder!“ Aber auf derlei Anbiederungen kann er ja auch verzichten, also schwieg ich und ging weiter, als wäre nichts. War ja auch nichts.


Die Gesetzeslage.

12. Mai 2012

Der Pokal habe seine eigenen Gesetze, heißt es. Weil nämlich – zumindest im Modus des deutschen Vereinspokals – pro Runde nur ein Spiel bestritten wird, kann durch einen enormen Kraftakt auch mal ein „Kleiner“ über einen „Großen“ triumphieren. Das geschieht zwar auch im Liga-Betrieb nicht selten, hat aber nur im Pokal-Wettbewerb unmittelbare Auswirkung, eben das Ausscheiden der einen Mannschaft und das Weiterkommen der anderen. Seit 1935 gibt es in Deutschland einen Pokalwettbewerb, zunächst bis 1943 den sogenannten Tschammer-Pokal, benannt nach dem damaligen Reichssportführer, dann wurde 1952 nach einer kriegsbedingten Unterbrechung der Wettbewerb als DFB-Vereinspokal wieder aufgenommen. In all den Jahren hat sich die ruhmreiche Borussia aus Dortmund als vorbildlich gesetzestreu bewiesen und regelmäßig gegen unterklassige Gegner die Segel gestrichen, meist noch vor der Winterpause. Dieses Jahr konnte der BVB erst zum fünften Male überhaupt ins Finale vordringen.

Bereits im ersten Anlauf 1963 bot sich die Chance auf den Double-Gewinn, doch der Deutsche Meister Borussia Dortmund mußte sich dank dreier Tore Uwe Seelers dem HSV geschlagen geben. Zwei Jahre später jedoch konnte der BVB das Finale gegen Alemannia Aachen tatsächlich gewinnen und somit als erste Mannschaft die damals neugeschaffene Trophäe entgegennehmen, die 1965 endlich den alten Nazi-Pokal abgelöst hatte. Im Jahr drauf folgte sogar noch der Sieg im Europapokal der Pokalsieger, dann aber lange nichts. Erst 1989 gelang erneut der Finaleinzug (Sieg!), dann erst wieder 2008 (Niederlage).

So kommt es, daß ich mir den Namen Borussia Dortmund im Zusammenhang mit Pokalsiegen fast gar nicht vorstellen kann. Diesbezügliche Schlagzeilen fanden so gut wie nie statt, zu meinen Lebzeiten einmal nur, und da war ich 12 Jahre alt. Ein Double kann ich mir überhaupt nur beim FC Bayern vorstellen. Vielleicht rührt daher mein schlechtes Gefühl im Hinblick aufs bevorstehende Finale heute Abend. Die ganze Saison über war ich zuversichtlich, hielt die Meisterschaft für möglich und wunderte mich über das Ausbleiben des mir eigenen Zweckpessimismus’. Aber nun hat er sich endlich eingefunden, na prima.

Mit Blick auf die Pokalgeschichte wäre also der BVB der „Kleine“, der überraschend gegen die großen Münchner, die 15maligen Pokalsieger, gewinnen könnte. Auf dem Weg ins Finale hat Dortmund aber ausnahmslos unterklassige Mannschaften ausgeschaltet, was ja den eigenen Gesetzen des Pokals ebenso deutlich widersprach wie der Dortmunder Pokalhistorie.. Gleichzeitig wäre der Deutsche Meister ja auch im Finale gegen die Bayern (ausnahmsweise mal nicht Meister) keineswegs als „Kleiner“ zu bezeichnen. Wie man es auch wendet, es gibt in diesem Finale keinen Kleinen, nur zwei Große. Anarchie! Die Pokalgesetze sind nicht anwendbar! Und jetzt?

Bleibt uns noch das Gesetz der Serie. Borussia hat die letzten vier Spiele gegen die Bayern gewonnen. Aber wie lautet jetzt das auf diese Serie passende Gesetz? Es wird ein fünfter Sieg hinzukommen? Es ist an der Zeit, daß die Serie reißt? Herrje! Eine Statistik bedeutet für den Einzelfall nichts. Seriengesetze sind also Humbug. Es nützt alles nix, wir müssen schlicht den Ausgang des Spiels abwarten, auch wenn’s schwerfällt. Vor lauter Nervosität versuche ich ja schon, die Zeit bis zum Anpfiff mit diesem sinnlosen Artikel zu überbrücken. Ich hätte mir das Nägelkauen nicht abgewöhnen sollen.

Kleiner Nachtrag:
Hat ja dann doch geklappt.


Und wenn schon.

18. April 2012

Sofern nicht noch ganz dramatische Dinge passieren, wird Borussia Dortmund innerhalb der nächsten drei Wochen sicherstellen, die achte Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte zu erringen. Und da dies dann die zweite Meisterschaft in Folge sein wird, und da auf dem Wege dahin zwei Mal der Branchenprimus* besiegt wurde, und da dieses auch in der Vorsaison bereits der Fall war, ist Uli Hoeneß doch ein bißchen fickerig, wie er in der Gesprächsrunde bei Sky90 zeigte. Er nehme Borussia Dortmund zwar sehr ernst, aber mache sich bezüglich der Vormachtstellung des FC Bayern noch keine Sorgen, denn der BVB spiele zwar eine Supersaison, müsse aber erst noch beweisen, daß er es international auch draufhabe. Und überhaupt gäbe es in Dortmund ja keine Weltklassespieler.

*) Ein Wort, das sich der FCB markenrechtlich schützen und auf den Mannschaftsbus lackieren lassen sollte.

Nun gut, das klingt alles so, als müsse Hoeneß angesichts der jetzt zweimaligen Unterlegenheit beim Meister das bayerische Ego durch Verweise auf Nebenkriegsschauplätze streicheln: „Und wir sind doch die Besten! Denn was ist schon eine Meisterschaft wert im Vergleich zur Halbfinalteilnahme in der Champions League!?“
Glücklicherweise kann man in Dortmund sehr gelassen mit solchen Anmutungen umgehen, denn den Anspruch, einen dauerhaften Machtwechsel in der Fußballbundesliga herbeizuführen, hat hier ja niemand. Lediglich die Journaille versucht beständig, Aussagen in diese Richtung aus den Protagonisten beim BVB herauszukitzeln, holt sich aber regelmäßig eine Abfuhr. Insofern entbehrt Ulis (Nicht-)Sorge vor einer schwarzgelben Ära sowieso jeder Grundlage.

Doch immerhin hat seit 1983 – damals war es der Hamburger Sportverein – nur ein einziger Verein es vermocht, den Bayern zwei Meisterschaften in Folge abzuringen und damit so etwas ähnliches wie eine Ära zu beginnen. Und zwar ausgerechnet der BVB, in den Jahren 1995 und 1996. Vielleicht erklärt sich daraus Ulis Unruhe. Zwar folgte damals auf die zweite Meisterschaft der Sieg in der Champions League, doch danach längere Zeit nichts, außer im Jahre 2002 noch einmal eine sehr (sehr!) teuer erkaufte Meisterschaft, die in der Folge beinahe den Konkurs des Vereins bedeutet hätte. Von einer Ära kann also ebenso wenig die Rede sein wie davon, daß der BVB über längere Zeit auf Augenhöhe mit dem FC Bayern gewesen sei.
Wie die jetzige Mannschaft des BVB sich entwickeln wird, ob weitere Erfolge hinzukommen werden und ob sich solche doch auch mal im Europapokal einstellen, das kann momentan noch niemand wissen. Daß Geschichte sich wiederholt, kann sich hier niemand wünschen, denn auf Hoch- und Übermut, die in einen abermaligen finanziellen Kollaps münden würden, können wir gerne verzichten. Auf eine bewegte Vereinsgeschichte blickt jeder gerne zurück, Tiefpunkte gehören ebenso dazu wie Triumphe, aber es ist auch nicht klug, das Schicksal herauszufordern.

Radikale Wende in diesem Artikel: Der Blick in die Geschichte.

Das Schicksal meinte es nämlich bis jetzt durchaus gut mit dem Ballspielverein Borussia. Das geht schon mit der Gründung am 19. Dezember 1909 los. Denn die fußballbegeisterte Jugend der Dreifaltigkeitsgemeinde im Norden Dortmunds hätte sich ja auch wenige Tage später zur Gründung eines Vereins entschließen können, und dann hieße es „BVB 10“. Klingt deutlich uncooler als „Null neun“, also noch mal gutgegangen!

Anno 1932 war der FC Bayern München Deutscher Fußballmeister, und Borussia Dortmund war absolut nicht auf Augenhöhe, sondern lediglich Erster in der 1. Bezirksklasse Dortmund, was aber im regional zersplitterten Ligensystem der Zwischenkriegszeit immerhin einer zweiten Liga entsprach. Erst 1936 gelang der Aufstieg in die erste Liga, genannt „Gauliga“, die regelmäßig vom FC Schalke 04 gewonnen wurde. Für die Borussia reichte es lediglich 1938 und 1942 zur Vizemeisterschaft. Wohlgemerkt in der regionalen Gauliga, nicht in der Endrunde der Deutschen Meisterschaft.
In der Zeit des Nationalsozialismus mußten Vereine, also auch Borussia Dortmund, nach dem Führerprinzip strukturiert sein, und wichtige Funktionäre und Spieler waren Mitglied der NSDAP, darunter auch Dortmunds erster Natonalspieler August Lenz. Gleichzeitig war der Verein aber in der Arbeiterschaft des Dortmunder Nordens verwurzelt, und einige Vereinsmitglieder waren aktive Antifaschisten. Am Karfreitag des Jahres 1945 wurden derer zwei nebst anderen Dortmunder Widerstandskämpfern von der Gestapo ermordet.

Nach dem Krieg begann dann die erfolgreiche Zeit in der Oberliga Westfalen. 1947 konnte der BVB mit einem Sieg über Schalke zum ersten Male Westfalenmeister werden – die Wende im Westen! 1949 gelang sogar der Einzug ins Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, welches jedoch der VfR Mannheim gewann. Von denen hört man auch nix mehr. Mit dem FC Bayern konnte Borussia somit noch nicht gleichziehen, und schon damals war das niemandes Anspruch. Zumal sowohl der FCB als auch der BVB eher kleine Lichter waren verglichen mit den damaligen Größen im deutschen Fußball, nämlich Schalke und dem 1. FC Nürnberg.

Schließlich errang der BVB im Jahre 1956 doch die Meisterschale, ein Kunststück, das er direkt 1957 wiederholen konnte, und zwar mit exakt derselben Aufstellung im Endspiel. Daß eine personell identische Mannschaft den Titel verteidigte, blieb bis heute ein einmaliges Kuriosum.
Der FC Bayern wurde 1957 übrigens Deutscher Pokalsieger, also durften sich nun beide Vereine mit jeweils zwei nationalen Titeln im Briefkopf schmücken.

1961 nahm Borussia zum vierten Mal am Endspiel um die Deutsche Meisterschaft teil, unterlag jedoch dem 1. FC Nürnberg, der damit vor Schalke zum Rekordmeister wurde, was er bis 1987 blieb. Das letzte Meisterschaftsendspiel nach altem Muster fand 1963 statt, und der BVB konnte es gewinnen. Als dreifacher Deutscher Meister und amtierender Titelträger ging Dortmund daher in die neugegründete Fußballbundesliga.
Verwehrt blieb dies dem FC Bayern, welchem der TSV 1860 München als Teilnehmer an der Bundesliga vorgezogen wurde. Bayern stieg erst 1965 in die Liga auf und verließ sie hinfort nicht mehr. Daß der Dortmunder Spieler Timo Konietzka bereits in der ersten Minute des ersten Spieltags das erste Tor der Bundesligageschichte erzielte, ist zwar eine nette Randnotiz, blieb aber auch eine solche, denn der BVB verlor das Spiel bei Werder Bremen mit 3:2.

Ebenfalls 1965 wurde Borussia Dortmund erstmals DFB-Pokalsieger. Diesen Erfolg krönte der Verein sogar noch durch den Europapokalsieg der Pokalsieger im WM-Jahr 1966, mithin dem ersten europäischen Pokalerfolg einer deutschen Vereinsmannschaft überhaupt.

Bis hierhin sah es so aus, als könne sich Borussia Dortmund dauerhaft in der Spitze des deutschen Fußballs etablieren. Drei Meistertitel, ein Pokal- und ein Europapokalerfolg schienen eine deutliche Sprache zu sprechen, zudem machte sich das Dortmunder Sturmduo Lothar Emmerich und Sigfried Held auch in der Nationalmannschaft einen Namen als „The terrible twins“.
Aber ach.
Während die Dortmunder Mannschaft zusehens alterte, mit verfehlter Personalpolitik und finanziellem Missmanagement zu kämpfen hatte, schickte sich die junge Bayern-Mannschaft um Franz Beckenbauer an, nachdrücklich Fußballgeschichte zu schreiben: Deutscher Pokalsieg 1966, Europapokalsieg und abermaliger Pokalsieg 1967, Deutsche Meisterschaft und gleichzeitiger Pokalsieg 1969 (also das Double!), Pokalsieg 1971.

1972 trennten sich dann die Wege von Borussia Dortmund und Bayern München endgültig. Bayern wurde Meister und Dortmund stieg ab. Dies führte immerhin zu dem Kuriosum, daß Borussia Dortmund sowohl Gründungsmitglied der Ersten Fußballbundesliga war, als auch 1974 Gründungsmitglied der Zweiten Fußballbundesliga. Ein Privileg, auf das wir freilich gerne verzichtet hätten. Im neuerrichteten Dortmunder Westfalenstadion fanden Weltmeisterschaftsspiele statt, aber der örtliche Fußballverein war in der Bedeutungslosigkeit versunken.

Nach vier Jahren in der Provinz gelang 1976 der glückliche Aufstieg. Da das „Unterhaus“ seinerzeit noch zweigleisig in eine Nord- und eine Süd-Gruppe geteilt war, mußten die jeweiligen Tabellenzweiten in einem Relegationsspiel um den dritten Aufstiegsplatz kämpfen. Der BVB besiegte hier den Rekordmeister (s. o.). Ein trauriges Duell, wenn man mal ehrlich ist, aber wir wollen uns nicht beschweren. Fortan spielte der BVB wieder in der Bundesliga, war aber weit davon entfernt, eine Spitzenmannschaft zu sein. Das zeigte sich zum Beispiel am letzten Spieltag 1978, als Dortmund mit 0:12 in Mönchengladbach verlor, was einen weiteren kuriosen Rekord bedeutete und bis heute die höchste Niederlage (und natürlich auch der höchste Sieg) einer Bundesligamannschaft ist. In unserer Abwesenheit wurden die Bayern noch zweimal Deutscher Meister (1973 und 1974) und dreimal Europapokalsieger der Landesmeister. (1974, 1975 und 1976, also zweimal als Titelverteidiger und nicht als Meister.) Die Schere klaffte also weiter denn je, aber das interessierte in Dortmund niemanden, da man einfach froh war, überhaupt wieder erstklassig zu sein.

Einen weiteren dramatischen Höhepunkt galt es 1986 zu überstehen, als der BVB die Saison als Tabellensechzehnter abschloß. Eine glückliche Fügung des Schicksals (bzw. der DFB) wollte es, daß dies nicht den direkten Abstieg bedeutete, sondern mindestens zwei Relegationsspiele gegen den Tabellendritten der inzwischen eingleisigen Zweiten Liga, hier Fortuna Köln. Fortuna konnte das Hinspiel 2:0 gewinnen, und auch im Rückspiel führte sie bald mit 1:0. Um zumindest ein drittes entscheidendes Spiel zu erzwingen, mußte der BVB also nun mindestens drei Treffer erzielen. In der zweiten Halbzeit gelang zunächst der Ausgleich durch einen Elfmeter, dann sogar der Führungstreffer, aber die Zeit lief den Schwarzgelben davon. In der 90sten Minute schließlich erzielte Jürgen Wegmann das vielleicht wichtigste Tor der Vereinsgeschichte, welches den Dortmundern das Entscheidungsspiel bescherte. Dieses fand in Düsseldorf statt und wurde von Dortmund mit 8:0 gewonnen. Gerettet!

Während die Bayern 1987 zum zehnten Male Meister und damit Rekordmeister wurden, hatte es in Dortmund seit 1966 keinen Titel mehr zu bejubeln gegeben. Doch 1989 gelang der Einzug ins DFB-Pokal-Finale, das seit 1985 stets in Berlin ausgetragen wurde. Mit 4:1 konnte der BVB den Vorjahresmeister Werder Bremen bezwingen und seinen zweiten Pokalsieg feiern. Man war wieder wer!

1992 war man sogar ganz nah dran am vierten Meistertitel, doch am Ende mußte sich der BVB punktgleich hinter dem VfB Stuttgart einreihen, der das bessere Torverhältnis hatte. In der darauffolgenden Saison schafften es die Dortmunder aber im UEFA-Pokal bis ins Finale, wo ihnen freilich durch Juventus Turin die Grenzen aufgezeigt wurden. Nichts destotrotz verdiente man Unsummen, und da hatte Präsident Niebaum eine Idee: Man könnte das Geld doch benutzen, um ins Ausland abgewanderte Nationalspieler zurück in die Bundesliga zu holen! Eine gute Idee, wie sich herausstellte.

Denn nach 32 Jahren wurde Borussias All-Star-Mannschaft tatsächlich Deutscher Meister 1995. Der Titel konnte 1996 sogar verteidigt werden, und 1997 erfolgte als absoluter Höhepunkt der Vereinsgeschichte der Sieg in der Champions League, garniert mit dem Weltpokalsieg als Sahnehäubchen. Nun wähnte sich Borussia tatsächlich gleichauf mit Bayern München. Welch Hybris!

Denn während die Bayern Jahr für Jahr oben mitspielten, regelmäßig Meisterschaften und Pokalsiege feierten, und das so verdiente Geld sinnvoll in die Mannschaft investierten, um das Niveau zu halten, schwamm Dortmund zwar plötzlich im Geld, hatte aber irgendwie kein gutes Verhältnis dazu. Denn für viel Geld (man hatte es ja!) wurden Spieler verpflichtet, die sich als untauglich erwiesen, die Mannschaft dauerhaft und regelmäßig zu Erfolgen zu führen. Egal, man hatte es ja! Also wurden noch teurere Spieler gekauft und hurra, es sprang tatsächlich die Meisterschaft 2002 dabei heraus, zudem der UEFA-Cup-Finaleinzug im selben Jahr. Gleichzeitig wurde das Westfalenstadion ausgebaut, um über 80000 Zuschauer zu fassen, was ja nicht grundsätzlich verkehrt war – aber teuer.

So teuer war es, und so unzuverlässig flossen die Erlöse aus dem europäischen Wettbewerb, die aber schon eingeplant und vorab verpfändet waren, daß Borussia Dortmund, inzwischen eine Kommanditgesellschaft auf Aktienbasis, 2005 mit über 100 Millionen Euro Schulden kurz vor der Insolvenz stand. Wohl und Wehe hingen schließlich von der Gunst einer Fondgesellschaft ab, deren Anteilseigner vom neuen BVB-Präsidenten überzeugt werden konnten, den Verein nicht sterben zu lassen und einer Neuregelung der Stadionnutzung zuzustimmen. Hier hätte alles vorbei sein können.

Seitdem buk der Verein kleine Brötchen, setzte weniger auf teure Starspieler, sondern vermehrt auf ein gutes Scouting, um preiswerte junge Talente in die Mannschaft zu holen. 2007 reichte das knapp, um die Klasse zu halten, 2008 führte es zu einer durchwachsenen Saison, aber immerhin zum Einzug ins DFB-Pokalfinale, vor allem aber überzeugte es Jürgen Klopp, Trainer beim BVB zu werden. Und 2011 wurde man Meister. Aus dem Nichts. Wieso sollte da irgendjemand ernsthaft glauben, Borussia Dortmund sei auf Augenhöhe mit dem FC Bayern München?

Borussia Dortmund hat eine wechselvollere, und darum vielleicht eine interessantere Geschichte als der FC Bayern. Weniger erfolgreich, wenn man die Titel zählt, sehr erfolgreich, wenn man verhinderte Abstiege und abgewehrte Insolvenzen mit einrechnet, und sowieso erfolgreicher als die Geschichte jedes anderen Vereins in Deutschland, der nicht Bayern München oder Schalke 04 heißt. Daß die letzten zwei Jahre für den BVB erfolgreicher verliefen als für den FCB – geschenkt! Das kann sich im Mai noch alles relativieren. Um so alberner ist das Gehabe einiger Bayern-Fans, die in verschiedenen Internetforen verzweifelt zu beweisen suchen, weshalb die Bayern ja wohl bitteschön doch die Besten seien! Bleibt locker, es bezweifelt doch niemand!

Und wenn schon.


14 Punkte Rückstand.

21. November 2011

Na gut. Was man von Fußballfans keinesfalls erwarten sollte, ist Objektivität. Hoffnungen wie: „Möge der Bessere gewinnen!“ werden lediglich von Mutti und Feiertagsrednern in Person von Verbands- präsidenten und ähnlich überflüssigen Krawattenträgern geäußert. Korrekt heißt es: „Hoffentlich gewinnen wir!“ oder: „Hauptsache, die Scheiß-Bayern verlieren!“

Am vergangenen Wochenende haben die Bayern verloren. Vor allem hat mein BVB gewonnen. Und da beide Ereignisse das Ergebnis ein und desselben Spiels waren, freut mich diese Niederlage der Bayern ganz besonders. Verständlicherweise sind die Sympathisanten der Münchner ob dieses Spielausgangs tendenziell angefressen, und den Kommentarspalten bei 11freunde.de und Spiegel Online konnte ich entnehmen, daß sie so wenig objektiv reagieren, wie man es eben von Fußballfans erwarten darf, nein: muß.

Da kommen dann so Argumente zum Tragen wie: „Ja klar, uns hat ja auch der Schweinsteiger gefehlt!“ Und: „War halt Pech, daß unsere Buam einen schlechten Tag erwischt haben.“ Und: „Kunststück! Die Dortmunder sind halt gerannt wie die Pferde und haben nicht spielerisch gegen uns gewonnen!“ Und überhaupt: „Ein Glückstor!“ Da können einem wirklich Tränen der Rührung kommen. Verzweifelt versuchen die erfolgsverwöhnten Bayernanhänger, die jetzt dritte Niederlage in Folge ihrer Mannschaft gegen meine Mannschaft (den BVB) mit Dingen zu erklären, welche nicht die Grundfesten ihrer Überzeugung in Frage stellen, die da lauten:
Der FC Bayern ist der natürliche Rechteinhaber an jeglichen Titeln, und nur außergewöhnliche Umstände können dazu führen, daß er mal nicht gewinnt. Daran, daß die gewinnende Mannschaft einfach mal besser war als die eigene, braucht man keinen Gedanken zu verschwenden, denn das wäre ja gegen die natürliche Ordnung.

Dieses über Jahrzehnte sich verfestigt habende Selbstverständnis des FC Bayern ist inzwischen so dermaßen Teil der Folklore geworden, daß der Sieg des BVB in der Allianz-Arena allenthalben für überraschend befunden wurde. Natürlich kann ein Sieg gegen den FCB von nie- mandem als selbstverständlich empfunden werden. Aber unter einer Überraschung verstehe ich dann doch noch etwas anderes. Denn wie erwähnt, war das nun der dritte Sieg der Dortmunder über die Isarstädter (Jaja, Synonymitis) in Serie, jeweils mit annähernd derselben Mannschaft, jeweils mit annähernd derselben laufintensiven, die Defensive betonenden Spielweise. Wenn die Bayern immer noch nicht begriffen haben, daß ihre Niederlagen kein Zufall waren, nicht die Folge widriger Umstände, dann spricht das nicht eben für sie. Es spräche lediglich für ihre realitätsferne Wahrnehmung.

À propos. Nach dem 13ten Spieltag der letzten Saison, also just vor einem Jahr, hatte der FC Bayern in der Tabelle 20 Punkte und damit 14 Punkte Rückstand auf den Tabellenführer. Davon unbeeindruckt verlautbarten aus der Führungsetage an der Säbener Straße lustige Drohungen des Musters: „Die sollen sich da oben an der Tabellen- spitze nicht zu sicher fühlen, wir werden jetzt unsere Aufholjagd starten!“ Denn der Weg zur Deutschen Meisterschaft kann natürlich nur über München führen. Führte er dann auch. Am Ende hatten die Bayern aber tatsächlich 4 Punkte gutgemacht.

4 Punkte. Gegenwärtig beträgt der Vorsprung des Tabellenführers ganze 2 Punkte. Aber hört man aus Dortmund und Mönchengladbach Kampfansagen an den FC Bayern? Oder von sonst einem Verein, der nach bayerischer Auffassung noch in unmittelbarer Schlagdistanz in der Tabelle steht, also am 13ten Spieltag mit höchstens 14 Punkten Abstand auf den Spitzenplatz? Nä. Denn wenn der FC Bayern Tabellenführer ist, dann geht einfach niemand davon aus, daß sich das bis zum Saisonende noch ändern kann.

Die Meisterschaft ist entschieden.