Transzodiac.

23. November 2018

Folgendes Gespräch hatten wir kürzlich die Gelegenheit, aufzuzeichnen:

Herr X, Sie beschreiben sich selbst als transzodiac. Was verstehen Sie darunter?

X: Also erstmal vorweg: Ich bezeichne mich nicht als transzodiac, sondern ich bin transzodiac.

Bitte erläutern Sie kurz, was Sie darunter verstehen.

X: Kurz gesagt, ich identifiziere mich nicht mit dem Sternzeichen, unter dem ich geboren wurde.

Aha? Unter welchem Sternzeichen wurden Sie denn geboren?

X: Das möchte ich eigentlich nicht näher erörtern, denn dieses Leben habe ich hinter mir gelassen. Ich identifiziere mich als Libra.

Das ist das Sternzeichen Waage, richtig?

X: Richtig.

Sie wurden aber nicht unter dem Sternzeichen Waage geboren, wenn ich das richtig verstanden habe? Wie kann es denn sein, daß jemand unter einem – ich nenne es mal – falschen Sternzeichen geboren wird? Ist für die Zuordnung des Sternzeichens nicht der Zeitpunkt der Geburt ausschlaggebend?

X: Im Allgemeinen schon. Allerdings spielen da ganz verschiedene Faktoren eine Rolle. Ausgehend vom Zeitpunkt und dem Ort der Geburt haben die Konstellation der Gestirne im Tierkreis, der Aszendent, der Stand von Mond, Sonne und den Planeten, sowie die Position jeglicher anderer Himmelskörper Einfluß auf das eigentliche Sternzeichen des Neugeborenen.

Und all dies zusammengenommen ergibt für sie ein Sternzeichen, welches nicht mit ihrem offiziellen Sternzeichen übereinstimmt.

X: So kann man es sagen, ja.

Wie haben Sie festgestellt, daß Sie transzodiac sind?

X: Schon seit langem hatte ich den Eindruck, ein falsches Leben zu führen.

Damit dürften Sie keineswegs alleine dastehen. Wenn ich also diesbezüglich um einige Beispiele zur Veranschaulichung bitten dürfte…

X: Die Umstände meines Lebens stimmten auffällig oft nicht mit den Vorhersagen des Horoskops überein; geschäftliche Entwicklungen nahmen einen anderen Verlauf, Krankheiten stellten sich ohne Vorwarnung ein, und ähnliches. Und die Wahl meiner Lebenspartner gestaltete sich ungewöhnlich schwierig, obwohl ihre charakterlichen Merkmale gut zu meinem offiziellen Sternzeichen hätten passen sollen. Im Zuge dessen wurde mir bisweilen angedeutet, daß meine eigenen Wesenszüge in eklatantem Widerspruch stünden zu den Merkmalen, die gemäß dem mir zugewiesenen Sternzeichen erwartbar wären. Man selbst hat ja oft eine eingeschränkte Sicht auf sich selbst, also bedurfte es der Perspektive von außen, um mich auf diese Widersprüche aufmerksam zu machen. So wurde ich schließlich mißtrauisch und begann zu recherchieren. Sie können sich mein Erschrecken vorstellen, als ich schließlich erkannte, daß ich mein bisheriges Leben unter einem falschen Sternzeichen geführt hatte!

Ich versuche gerade, es mir vorzustellen, allerdings fällt es mir, offen gestanden, nicht leicht.

X: Wo liegen Ihre Schierigkeiten?

Meine Schwierigkeit besteht vor allem darin, zu erkennen, wo das Sternzeichen tatsächlich einen Einfluß auf unser alltägliches Leben hat.

X: Aber das habe ich doch gerade versucht, Ihnen zu erläutern!

Sie meinen, das Horoskop stimmte nicht?

X: Zum Beispiel. Was meinen Sie, was das für eine Unsicherheit mit sich bringt. Nichts scheint so, wie es sein sollte. Alle Entscheidungen sind unwägbar. Das Verhältnis zu den Mitmenschen ist von der ständigen Furcht überschattet, falsche Einschätzungen vorgenommen zu haben. Und nicht zuletzt ist da der Zweifel an der eigenen Identität. Ein fürchterlicher Zustand, der mich direkt in die Depression trieb.

Weil Sie glaubten, ein, beispielsweise, Skorpion zu sein, aber eigentlich sind Sie Waage?

X: Na sicher! Und was meinen Sie, was ich für Schwierigkeiten beim Einwohnermeldeamt hatte.

Beim Einwohnermeldeamt?

X: Ja.

Was hat denn das Einwohnermeldeamt damit zu tun?

X: Na, ich sprach natürlich dort vor, um mein Geburtsdatum meinem Sternzeichen anzupassen!

Das geht?

X: Einfach ist es nicht. Die Schalterbeamtin wußte zunächst gar nicht, was ich von ihr wollte.

Das ist bei Behörden ja nicht grundsätzlich ungewöhnlich.

X: Ja, aber sie nahm mich sichtlich nicht ernst, lachte mir offen ins Gesicht. Es schien für Fälle wie meinen nicht einmal ein Formblatt zu geben! Da zeigt sich doch das Dilemma in nuce: Das Problem ins Lächerliche zu ziehen, ist Ausdruck der mangelnden Anerkennung, und mangelnde Anerkennung, ja Leugnung, ist der Kern der Diskriminierung. Und es ist strukturelle Diskriminierung, wie sich daran zeigt, daß die Behörden der Bundesrepublik Deutschland nicht auf Probleme wie meine vorbereitet sind und augenscheinlich nicht einmal ein Interesse daran haben, zur Lösung beizutragen.

Fühlen Sie sich verfolgt?

X: Na, wie würden Sie das denn wohl nennen?

Das kommt darauf an, unter welchen Repressionen Sie zu leiden haben.

X: Wollen Sie etwa den Status des Verfolgtseins von der Qualität und Intensität der Repressalien abhängig machen?

Nicht?

X: Ich bin Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Das Grundgesetz sichert mir das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit zu. Gleichzeitig werde ich von Amtsträgern der Bundesrepublik an meiner Persönlichkeitsentfaltung gehindert, indem man mir die Änderung des Geburtsdatums verweigert. Was muß denn noch geschehen, um als diskriminiert zu gelten?

Das Verfahren ist also noch schwebend?

X: Ach, Verfahren. Es gibt kein Verfahren! Man hielt ja kein Formblatt vorrätig, um eine Änderung des Geburtsdatums zu beantragen, und ohne Formular geht ja mal gar nichts. Typisch deutsch, der Amtsschimmel wiehert! Ich sag’s ja: Strukturelle Diskriminierung in Vollendung, und das im einundzwanzigsten Jahrhundert! Man sollte meinen, daß wir solche Auswüchse staatlicher Willkür längst hinter uns gelassen hätten.

Ich habe gerade den Eindruck, daß Sie sich etwas zu sehr hineinsteigern…

X: Ach? Ich steigere mich also hinein, ja? Ich bin also auch noch selbst schuld, meinen Sie das? Ich habe schon gemerkt, daß Sie zu den Zweiflern zählen. Sie sind Teil des Systems! Menschen wie Sie sind es, die unsereinem das Leben zur Hölle machen! Menschen wie Sie sind es, die hinter unserem Rücken tuscheln und lachen und sich an unserer Qual weiden. Und nach vorne raus geben Sie sich jovial und interessiert und tun so, als stünden Sie auf der Seite der Unterdrückten. Widerlich, ganz ekelhaft! Mit Journalisten wie Ihnen ist es ja kein Wunder, daß die Demokratie in diesem Lande zum Teufel geht. Was sind Sie, Krebs?

Nö.

X: Wassermann?

Auch nicht.

X: Ach, lecken Sie mich doch am Arsch! [Dreht sich um, geht.]

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Buch der Woche: Neckermann-Katalog Östliches Mittelmeer

6. Januar 2010

Da heute der Dreikönigstag ist, halte ich es für vollkommen angemessen, diesen Reisekatalog auf den Büchertisch zu legen. Nicht zuletzt auch, damit er danach vom Tisch ist.

Von den drei Königen aus dem Morgenland weiß man zwar eigentlich gar nichts, vor allem nicht ihre Anzahl (drei), nicht ihre Namen (Kaspar, Melchior, Balthasar) und ihre genaue Herkunft (Morgenland), aber immerhin, daß sie keine Könige waren (sondern „Weise“) und daß sie reisten. Nämlich aus dem Morgenland nach Jerusalem. Einen Reisekatalog brauchten sie für diese Unternehmung freilich auch nicht, sondern ihnen genügte es, einem Stern zu folgen. Weisen ist es ja eigentümlich, daß sie am Himmel erscheinende Sterne eindeutig und unzweifelhaft neugeborenen Königen zuordnen können, und damit liegen sie selten falsch. Derhalben führte sie ihr Weg nach Jerusalem, der Hauptstadt Judäas, um im Palast des Königs Herodes mal anzufragen, wie es denn dem Thronerben gehe, und ob Einwände gegen ein bißchen Anbetung bestünden. Weise neigen dazu, fremde Könige direkt mal anzubeten, scheint’s, am liebsten im Kindesalter. Es muß sich also um tibetanische Mönche gehandelt haben, die zudem über eine erlesene Bibliothek verfügten. Denn.

Herodes wußte natürlich von nichts, ließ also vor allem mal seine eigenen Hofmystiker und -narren antanzen, auf daß sie die Morgenländer ausforschten. Ein neugeborener König der Juden, wo gab’s denn sowas! Ja in Bethlehem, wußten die Tibetaner zu berichten. Denn das hatten sie ihrer Bibliothek entnommen, daß der Prophet Micha dieses vorausgesagt habe. Hmpf, grunzte daraufhin Herodes, dem so ein dahergeborener König der Juden, welcher nicht der Kraft seiner erlauchten Lenden entsproß, so gar nicht ins dynastische Konzept paßte. Hmpf, wiederholte er also und bat die Weisen, sich das Blag in Bethlehem doch mal anzusehen, dann zu ihm, Herodes, zurückzukehren und Bericht zu erstatten. Er wolle dann selbst bei Gelegenheit auch mal hin, anbetenderdings. Die Weisen zogen also weiter nach Bethlehem, beteten an, brachten Geschenke dar und reisten zurück ins Morgenland, ohne aber noch mal nach Jerusalem zurückzukehren. Befehl von ganz oben. Also ganz oben, noch über Herodes. (Gott.)

Ach ja, zwischendurch wollen wir auch mal einen Blick aufs Buch werfen:

Wir erkennen den Stern (die Sonne), das Kind, und augenscheinlich amüsiert es sich königlich. Die Weisen hatten recht. Aber die Geschichte geht noch weiter. Da die Morgenländer nicht zu Herodes zurückkehrten, erhielt dieser keinen Aufschluß darüber, wo genau er nach diesem usurpatorischen Bankert suchen sollte, aber wozu war man denn König? Als solcher befahl er kurzerhand, daß in der Umgebung von Bethlehem alle Neugeborenen, ach, was soll der Geiz! daß alle Kinder unter zwei Jahren auf der Stelle getötet würden. Und so geschah es. Das eigentliche Ziel des Anschlags jedoch schlüpfte ihm durch die Finger, denn dessen Eltern wurden im Traum vorgewarnt und konnten fliehen. Die Eltern der anderen unschuldigen Kindlein freilich nicht. Tja.

Was lehrt uns das? Astrologie ist vom Übel. Ohne sterndeuterischen Hokuspokus wären keine Halbweisen aus dem Morgenland aufgekreuzt, hätte Herodes keine Thronfolgepanik gekriegt, wären etliche Kindlein unermordet geblieben. König der Juden wurde der Knabe, zum Manne herangereift, überdies auch nie.

Und nun noch ein Wort zu den heiligen drei Königen, wie sie landläufig genannt werden. Ihre Gebeine sollen im Kölner Dom liegen, wo auch sonst. Daß sie nicht heilig waren, sondern offenkundig unseligen Kulten huldigten, haben wir schon gesehen. Daß sie keine Könige waren, geht aus dem Matthäus-Text hervor, dem ihre Geschichte entnommen ist, denn dort ist ausschließlich von „Weisen“ die Rede. Daß ihre Namen in diesem Text nicht erwähnt sind, versteht sich fast schon von selbst. Daß ihre Anzahl drei gewesen sei, wird lediglich aus der Dreizahl der genannten Geschenke Gold, Weihrauch und Myrrhe geschlossen. Daß sie aus Tibet stammten, habe ich ja in bestechender Logik zu beweisen vermocht; das war selbst Matthäus nicht bekannt. Zum Glück war er klug genug, nur vage vom „Morgenland“ zu sprechen.

Den Neckermann-Katalog, der den Jungs als Wegführer diente, oder auch nicht, findet man übrigens im Set 3117.