Rainald Grebe.

6. Mai 2014

Ich bin ja nicht Fan von vielem. Na gut, Lego kann ich nicht leugnen, Borussia Dortmund will ich nicht leugnen, und Pink Floyd der 70er Jahre muß ich wohl auch zugeben. Ansonsten ist mir das Fan-Sein fremd, und „Stars“ bedeuten mir schon mal gar nichts. Wenn mir Michael Jackson in der Straßenbahn gegenübersäße, würde ich möglicherweise leicht ausflippen, aber auch nur, weil der eigentlich tot ist.

Aber dieser Puppenspieler aus Frechen ist schon cool.

Es war ziemlich genau vor einigen Jahren, als ich nachts vor Mutters Fernseher rumlungerte und bloß noch mal durchzappte, um eigentlich zwecks Bettgangs auszuschalten. Aber ich blieb bei 3Sat hängen, denn da stand ein mir unbekannter Typ mit weit aufgerissenen Augen am Mikro und sang von Massenkompatibilität. Ohne zu blinzeln! Und von 30jährigen Pärchen. Obwohl, in meiner Erinnerung, die aber ja bereits auf den Tag genau einige Zeit zurückliegt, saß dieser Typ auf einem Bürostuhl hinterm Keyboard und sang. War also entweder doch eine andere Show, oder es waren noch weitere Lieder. Wie auch immer, der Eindruck, den der komisch-tragische Vortrag auf mich machte, ließ mich vor allem im Videotext nachgucken, wer denn da sang. Damit ich später bei Youtube recherchieren konnte.

Jawohl, Youtube. Wer auch immer dafür Sorge trägt, daß sehr viele Musikvideos auf Youtube für Benutzer in Deutschland, mithin also für mich nicht verfügbar sind, ist töricht. So töricht, wie Rainald Grebe, der Hellsichtige, selbstverständlich nicht ist; auf seiner Homepage wird schlicht selbst auf Grebe-Videos bei Youtube verlinkt, und zwar zu Recht. Denn wer sich Musikvideos auf Youtube ansieht, kauft sich vielleicht nicht die entsprechenden Tonträger, vielleicht aber auch doch, weil er durch Youtube erst auf den Geschmack gekommen ist. So wie ich, und dies schon mehrfach.

Da ein Grebe ja kein Dürer ist, besticht seine Musik nicht durch die Koloratur, sondern durch die Texte. Diese sind schlau, respektlos und auf den Punkt. Mit einem Wort: Sie sind witzig. Das schließt einen Hauch von Tragik keineswegs aus. Rainald Grebe hält uns den Spiegel vor und läßt uns in den Abgrund blicken. Dabei schert er sich keinen Deut um „politische Korrektheit“, und zwar in zweierlei Hinsicht; weder scheut er sich, Unliebsames in Worte zu fassen, noch legt er es meiner Wahrnehmung nach darauf an zu provozieren, was ihn aufs Angenehmste von den Berufspolitischinkorrekten unterscheidet und vor jedweder Vereinnahmung durch irgendwen schützt. Er ist ein Narr im besten Sinne. Einen Hang zum Absurden würde er wohl selbst nicht leugnen, und ich vermute, daß ihm das Œuvre Helge Schneiders nicht unbekannt ist. Denkzwänge sind ihm so fremd, daß ich den Mann in meinem Luftraum rauchen lassen würde, um mich nicht selbst durch meine Engstirnigkeit zu beschämen. Künstler dürfen, nein! sie müssen! auf der Bühne und auch sonstwo rauchen, das sehe ich ein. Beim leider bisher einzigen von mir besuchten Grebe-Konzert („1968“) hat er sogar eigens einen Rauchertisch fürs Publikum eingerichtet, harhar.

Unbedingte Erwähnung finden soll aber auch die Zweimannkapelle der Versöhnung, bestehend aus Martin Brauer und Marcus Baumgart, die aus einem satirischen Liederabend mit Klavierbegleitung ein veritables Rockkonzert werden läßt. In jüngster Zeit erweitert der Meister die Kapelle auch zum versöhnlichen Orchester und füllt Waldbühnen oder Admiralspaläste. Weil es ihm so gefällt. Überhaupt tut er nur, was ihm gefällt. Wenn sich jemand diese Freiheit nimmt und damit durchkommt, ist das geeignet, ihm Bewunderung einzutragen, auch meine. Da bekenne ich mich gerne zum Fan-Sein.

Sicherheitshalber sei die Huldigung an dieser Stelle abrupt beendet.


Buch der Woche: Asterix und der Kupferkessel

26. Februar 2010

Mit „Asterix und der Kupferkessel“ erreichen René Goscinny und Albert Uderzo den literarischen Höhepunkt der Reihe. Spätestens hier hört „Asterix“ auf, nur eine lustige Aneinanderreihung bunter Bilder zu sein, die Kinder zum Lachen bringt, weil ulkige Römer durch die Luft fliegen. Sicher, anspielungsreich und anspruchsvoll waren diese Comics schon immer. In der französischen Originalausgabe wurden nicht einmal die lateinischen Sentenzen übersetzt, weil einfach vorausgesetzt wurde, daß sie verstanden würden. Aber mit dem vorliegenden Album wird eine intellektuelle Dichte erreicht, die ihresgleichen sucht, doch zumindest im Bereich der Funny-Comics nicht findet.


Dieser Einfliesencomic ist in verschiedenen Harry-Potter-Sets ent- halten.

„Asterix und der Kupferkessel“ ist ein Comic-gewordenes Theaterstück in fünf Akten. Die Zuordnung der einzelnen Handlungsabschnitte zu den Stufen der klassischen Dramentheorie ist zwar nicht ganz eindeutig, aber es beginnt mit der Exposition: Situative Einführung in die Geschichte (Ein Kupferkessel voller Münzen soll vor dem römischen Steuereintreiber versteckt werden.) und Vorstellung des Helden („Ich vertraue ihn meinem zuverlässigsten Krieger an: Asterix!“) sowie seines Gegenspielers (Moralelastix, der Besitzer des Kupferkessels. „Ein Stammeshäuptling. […] Ich mag ihn nicht sehr. Er ist geizig und paktiert aus Gewinnsucht gern mit den Römern.“). Sodann folgt der Auslöser des Konflikts, das erregende Moment: Der Kessel wird gestohlen, und Asterix, der seiner Aufgabe, den Kessel zu bewachen, nicht nachgekommen ist, wird aus der Heimat verbannt. Der Held ist am Boden zerstört, was man schlecht als Höhepunkt bezeichnen kann, es jedoch in emotionaler und dramatischer Hinsicht sicherlich ist. Als Kind haben mich die Tränen Asterixens durchaus gerührt.
Es folgen verschiedene Versuche, den Kessel wieder mit Geld zu füllen, was trotz der Hilfe von Obelix (und Idefix) nicht gelingen will. Mit Asterix’ Hoffnung schwindet auch mehr und mehr seine moralische Festigkeit. Nichts scheint zu bleiben von dem strahlenden Helden, der aus jeder Situation einen Ausweg findet, nicht einmal der Zaubertrank vermag zu helfen. Bis den dreien schließlich der römische Steuereintreiber über den Weg läuft, der just eine Summe Geldes bei sich trägt, die genau den Kessel füllt. Zufall? Keineswegs! Der schurkige Moralelastix hat selbst das Geld aus dem Kessel gestohlen, um damit die Steuern zu bezahlen und es sich von Asterix zurückbringen zu lassen. Es kommt zum letzten entscheidenden Kampf zwischen Asterix und Moralelastix. Der Zaubertrank ist längst aufgebraucht, Asterix muß sich ganz auf seine shakespearemäßigen Fechtkünste verlassen, was innerhalb der Reihe selten genug vorkommt. So sieht es auch schon so aus, als würde er, untrainiert wie er ist, unterliegen. Doch wie es die Dramaturgie will, kommt das Schicksal dem Helden zu Hilfe und vernichtet den Schurken.

Mit „Asterix und der Kupferkessel“ knüpfen Goscinny (Text) und Uderzo (Zeichnungen) an die große französische Theatertradition von Corneille, Molière, Racine und Voltaire an, gleichzeitig aber auch, der Situierung des Ganzen im antiken Gallien angemessen, an die klassische griechische Tragödie von Aischylos, Sophokles und Euripides. Oder besser doch an den griechischen Komödiendichter Aristophanes, denn selbstverständlich geht die Geschichte gut aus, niemand stirbt, niemand sieht sich vom Schicksal dermaßen gebeutelt, daß er sich die Augen ausstäche.

Neben der Gliederung der Geschichte nach dem Vorbild eines Dramas werden auch innerhalb der Handlung das Theater und andere Formen öffentlicher Publikumsbelustigung thematisiert. Der Versuch, das gestohlene Geld zurückzuholen, muß zunächst daran scheitern, daß Asterix nicht weiß, wer es denn gestohlen hat. Die Piraten sind naturgemäß verdächtig, doch nachdem unsere Helden deren Event-Gastronomie zertrümmert haben, ohne das Geld zu finden, beschließen sie, das Geld zu verdienen. Der Gedanke, dies mit Schriftstellerei zu versuchen, wird aufgrund augenscheinlicher Lächerlichkeit sofort verworfen; Idefix erweist sich als untauglich, Star einer gewinnversprechenden Hunde-Show zu werden; Asterix und Obelix werden zwar ihrerseits Stars in der Manege im „Palast der Gladiatoren“, doch ruinieren sie auf ihre unnachahmliche Art dessen Besitzer – der Kessel bleibt leer. Daraufhin heuern sie, jawohl, bei einer zerlumpten Schauspieltruppe an, ziemlich genau in der Mitte des Albums. Asterix entlarvt sich als erfrischend naiv, wenn er fragt: „Ist es gut bezahlt?“ „Ihr habt also noch nie Theater gespielt“, konstatiert daraufhin der Chefdramaturg und engagiert die beiden.

Die Theaterszene (im Album) mit ihrer Publikumsbeschimpfung, absurd durchinszeniertem Improvisationstheater und schließlich der Erstürmung der Bühne durch die römischen Truppen ist eine grandiose Persiflage auf die Ereignisse von 1968, dem Erscheinungsjahr des Albums. Damals kam es in der Pariser, nun ja, Theaterszene tatsächlich zu Verhaftungen von Schauspielern direkt von der Bühne weg. Den Schauspielern im Album winkt daraufhin die Erfüllung des Traums eines jeden Mimen: Der Tod auf der Bühne, in ihrem Fall im Zirkus von Rom. Doch Asterix und Obelix (und Idefix) bleiben arm, der Kessel leer. Uns hingegen wird das geniale Zitat eines Zuschauers geschenkt: „Eine neue Ästhetik. Mir sagt das was.“

Die Pferderennbahn, auf welcher unsere zunehmend verzweifelter werdenden Helden sodann ihr Glück versuchen, entpuppt sich zwar als Zuschauermagnet, aber keineswegs als Goldgrube. Zumal auch noch „Les Bleus“ wie üblich verlieren und die Weißen wie üblich gewinnen, was ich als Anspielung auf die Erfolge der französischen Fußballnationalmannschaft bis 1968 interpretiere. Wie dem auch sei. Daß Spielsucht in die Armut führt, hätte Asterix seinem siegesgewissen aber erfolglosen Buchmacher am zwielichtigen Erscheinungsbild ansehen können, der Kessel bleibt jedenfalls leer. So kommt es denn zum Äußersten: Wenn das Geld nicht auf ehrliche Weise zu beschaffen ist, muß es eben mit unlauteren Mitteln gehen. Asterix verlangt also in einem Gasthaus ein Zimmer „mit Blick auf die Bank“ und begibt sich daran, einen Plan auszubaldowern, um dieselbe auszurauben. Leider bin ich nicht Cineast genug, um meine These zu stützen, aber ich behaupte, daß die Bankraubepisode, als weitere Form der Publikumsbelustigung, eine Anspielung auf diverse Spielfilme ist, welche minutiös ausgeklügelte Bankräube zum Thema haben; zumindest kann ich nur neuere Beispiele à la „Ocean’s Eleven“ namentlich benennen. Für Asterix und Obelix, der sich im Rahmen des Überfalls noch einmal erfolglos als Schauspieler versucht, bleibt die Jagd nach dem Glück jedoch auch im Tresorraum der Bank erfolglos, denn im römischen Reich herrscht zu dem Zeitpunkt eine Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Kassen sind leer, son Pech.

Doch Asterix kann seine Ehre natürlich zurückgewinnen, und das Geld, ja das Geld kommt ausgerechnet jemandem zugute, der sonst nie etwas zu lachen hat. Also nicht dem Leser.