Technic Traktor 851. Eine Rezension.

In der jütländischen Bauernschaft Billund pflegte der örtliche Tischler natürlich einen guten Kontakt zu den ansässigen Landwirten, welche seinen Hauptkundenstamm bildeten. Dies schlug sich auch im Produktsortiment dieses Tischlers nieder, als er sich darauf verlegte, Spielzeug herzustellen; Holztrecker und später solche aus Plastik gehörten ganz selbstverständlich zum Angebot Ole Kirk Christiansens. Hier: hier nämlich kann man einen Blick auf diese alten Schnauferl werfen. Anhand der angegebenen Preise wird deutlich, weshalb ich sowas nicht besitze.

Edit 8. Mai 2016: Die Referenzseite ist inzwischen leider nicht mehr erreichbar.

Traktorsets ziehen sich über die Jahre wie ein (nicht immer) roter Faden durch das Lego-Sortiment, aber angetan hat es mir vor allem der Technic Traktor 851 aus dem Jahre 1977. Im selben Jahr wurde ich geboren, und „Bauer“ ist mein zweiter Vorname. Mein erster sogar. Grund genug für mich, einen genaueren Blick auf dieses Lego-gewordene Stück Agrartechnik zu werfen.

Doch halt, den ersten Zugang zu diesem Modell soll uns der – seinerseits lägändäre – Technic-Katalog aus dem Jahre 1977 verschaffen:

Technik wie in Wirklichkeit verspricht dieser Katalog, und allein schon die aufwendige Aufmachung dieses Prospekts, mit Pauspapier und Konstruktionszeichnungen, macht deutlich: Lego will sich an diesen Worten messen lassen. Vor allem aber legte man seinerzeit noch Wert darauf, daß die Modelle auch optisch was hermachten. Die erste Generation der Technic-Modelle wird ja gerne mit der späteren Model-Team-Reihe verglichen, und das ist nicht übertrieben.


Hier werden mehr normale (Verzeihung: „normale“) Teile verbaut als Technic-Teile. Der Gebrauch von Lochbalken ist auf solche Stellen beschränkt, wo tatsächlich etwas hindurchgesteckt werden muß, und Buchsen, Kreuzachsen, Zahnräder und Pins sind nur dort verbaut, wo sie auch tatsächlich eine Funktion erfüllen. Hier wird nicht versucht, an allen Ecken und Enden die Technik durchscheinen zu lassen, wie es in späteren Modellgenerationen der Fall ist. Vielmehr verhält sich die Technik – getreu dem neuen Motto – wie in Wirklichkeit, und da wirkt sie eher im Verborgenen. Die Technik feiert nicht sich selbst, sondern sie ist Mittel zum Zweck.
Mir gefallen vor allem die Schutzbleche und die Form der Motorhaube. Hervorzuheben ist auch das Rücklicht. Hier wird einfachste und ursprünglichste SNOT-Technik verwendet, indem es schlicht hochkant zwischen die Noppen gesteckt wird.

Die technischen Kabinettstückchen dieses Traktors sind daher auch schnell aufgezählt. Sie umfassen eine Zahnstangenlenkung für die Vorderräder:

einen Hebel zum Heben und Senken der Arbeitsgeräte:

und Kraftübertragung durch die Hinterräder auf die Arbeitsgeräte:

Besonderes Augenmerk gilt hier dem schwarzen Kronenzahnrad. In schwarz, so hört man, gab es das nur in der ersten Auflage der 1977er Technic-Sets.

Die Kraftübertragung auf die Arbeitsgeräte erfolgt genau genommen bloß durch das rechte Hinterrad. Das linke Rad wird für anderes gebraucht, nämlich für die Motorisierung. Denn mit dem ebenfalls im Jahr 1977 erschienenen Motorset 870 kann man den Traktor elektrisch fahren lassen. Wie’s geht, verrät die Bauanleitung, und zwar so:

Für diese Konstruktion mußte ich allerdings je ein z8 und z48 aus meinem Vorrat nehmen, da die Zusatzzahnräder aus dem Motorset nicht ausreichten. Ob diese beiden Zahnräder ursprünglich direkt im Set 851 enthalten waren, weiß ich nicht. Der Motor erwies sich auch als zu schwachbrüstig. Bei hochgeklapptem Arbeitsgerät ging der Traktor ab wie Schmidts Katze, aber sobald ich den Heuwender andockte, drehte das linke Hinterrad durch. Die indirekte und mehrfach umgeleitete Kraftübertragung war zuviel für die armen 4,5 Volt.

Kommen wir also nun zu den Arbeitsgeräten selbst. Diese werden vermittelst zweier Kreuzachsen locker an den Traktor angedockt. (Das zuständige Bild ist leider nix geworden.). Das effektvollste und zu Recht auf dem Titelbild verewigte Gerät ist natürlich der Heuwender:

Vier große Zahnräder werden verbraten, was an sich ja schon ein Gütesiegel ist, und es rattert und wirbelt, daß es eine Art hat. An Heu testete ich es freilich nicht. Die Zahnräder muß man allerdings in ihrer Höhe etwas justieren, damit sie auch wirklich gut ineinandergreifen. Auch die Grundstellung der drei Wirbelräder gilt es penibelst einzuhalten, weil sonst die gelben Zinken nicht aneinander vorbeipassen.

Dann soll man noch ein Mordsgerät bauen, welches ich unter Arbeitsschutzgesichtspunkten als absolut bedenklich einstufen würde:

Ob man mit dem Ding Tunnel bohren soll oder Zeugs durch die Luft wirbeln – ich weiß es nicht.

Die restlichen Geräte sind eher unspektakulär und tendenziell langweilig, insofern ihren Reiz lediglich die Hoch-runter-Funktion ausmacht und sich an ihnen nichts dreht. Es sind dies ein einzinkiger Grubber, ein dreischariger Pflug und eine Spritzmaschine:

Aber natürlich können derartige Geräte auch ohne aufwendiges Geklappe und Gedrehe ihre Faszination auf Kinder ausüben. Daß Weniges oft ausreicht, um die Phantasie der Kinder anzuregen, oder um interessant genug zu sein, daß Kinder sich damit beschäftigen, ist den Katapultstrategen in Billund ja gar nicht mehr bewußt.

Der Spielwert dieses Traktors ist beträchtlich. Zunächst mal macht es Spaß, ihn zusammenzubauen. Da der reine Technic-Anteil nicht besonders groß ist, ist der Zusammenbau nicht übermäßig kompliziert, so daß auch Laien wie ich es in angemesser Zeit schaffen. Sodann regen die technischen Funktionen den Spieltrieb an. Ich könnte mich stundenlang, die Finger am Lenkrad, damit beschäftigen, mit dem Traktor über meinen Schreibtisch zu kurven und ihn in eine günstige Position zu bringen, in der ich den Heuwender senken und ihn in gerader Fahrt losrattern lassen kann. Das einzige, was dem Spielwert noch etwas hinzufügen könnte, wäre eine Figur. Für 1977 könnte die etwa so aussehen:

Aber man sieht schon, daß das Kerlchen seine Schwierigkeiten hat, das Traktorungetüm überhaupt zu besteigen. Und wenn es der Bauer dann doch geschafft hat, sich hinters Lenkrad zu klemmen, muß er auch noch den Bauch einziehen:

Gemütlich sieht anders aus. Aber so’n Trecker ist ja auch ein Arbeitsgerät und keine Eierschaukel…
Im Minifigmaßstab hat es Lego leider nie vermocht, ordentliches Bauernhofzubehör herzustellen. Es gab lediglich den sehr kleinen Bruder des 851 mit der Nummer 6608 von 1982. Aber dessen Ackerbaufunktion beschränkte sich aufs Drüberrumpeln. Hatte nichtmal eine Anhängerkupplung, der Kleine. Armselig.

(Dies nur als kleiner Verriß zwischendurch. Es gab auch damals schon uninspirierte Sets.)

Die technischen Daten des Traktors 851 lesen sich wie folgt:

Länge ohne Arbeitsgerät: 25 Steine, 3 Ureinheiten.
Länge mit Heuwender: 31 Steine, 3 Ureinheiten.
Höhe: 11 Steine.
Gewicht ohne Arbeitsgerät: 345 g.
Gewicht mit Heuwender: 419 g.

Wenn’s regnet im Mai, ist der April vorbei.
In diesem Sinne verbleibe ich mit bäuerlichem Gruße,

Jojo

Edit 8. Mai 2016: In den Jahren 2009 und 2010 hat Lego dann doch noch Bauernhofsets im Minifigmaßstab verausgabt. Verausgabt haben sie sich damit aber nicht.

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