Castle-Set 7029 – Ein Rezensiönchen.

Den offiziellen Namen des Sets kenne ich noch nicht. Lugnet nennt es ”Skeleton Ship Attack“, also nenne ich es mal „Angriff der Skelett-Piraten.“

Manchmal braucht’s ja nur ein Weniges, um mich für ein Set einzunehmen. Ich weiß, neufarb und alles, aber dies vorweg: Gewisse Details lassen mich dieses Set mögen.

Beginnen wir mit der Hafenmauer:

Ein Landungssteg, ein vergittertes Tor, von zwei Türmchen flankiert, ein Katapult und ein Wachhaus, auf Stelzen ins Wasser gebaut. Dies ist, in einen elliptischen Satz gepackt (Prädikat fehlt), was man sieht. Das Ensemble gemahnt mich an Osgiliath, die am Fluß gelegene alte Hauptstadt Gondors, bevor sie zerstört wurde.

Der Landungssteg sieht auf den ersten Blick harmlos aus. Aber Lego wäre nicht Lego, wenn er es wäre. Die geflieste Stelle mittenmang entpuppt sich als fiese Falle für unliebsame Besucher. Dies ist durchaus das erste Detail, welches ich ganz prima finde, denn es wird nicht etwa eine dieser öden Falltüren benutzt, wie sie in ungefähr jedem Abenteurerset verwendet wurden, sondern der Mechanismus ist ordentlich gebaut, mit schön vielen braunen 1×4-Fliesen. Jaja, neubraun, ich denke besser nicht drüber nach. Jedenfalls habe ich den Eindruck, jemand hatte Spaß, als er diese Funktion erfand.

Das zweite der oben erwähnten ansprechenden Details ist das rechtsseitige Wachgebäude. Vielleicht auch nur die Existenz dieses Gebäudes, denn anhand seiner werden Glanz und Elend heutiger Lego-Sets deutlich. Eigentlich sieht es ganz hübsch aus: Durch die Stelzen im Wasser wird es zu einem glaubwürdigen Hafengebäude, und in Kombination mit den Palisadensteinen in der Mauer sorgt auf dem Dache Legos neue Allzweckwaffe, die omnipräsenten 1×1-Dachsteine, dafür, daß das Haus einen rauhen Charakter erhält. Im Innern warten auf dem Tische Wein und Schinkenkeule auf den ausgehungerten Wachtposten. Alles sehr fein. Aber das ganze Häus-chen ist zu niedrig, eine zusätzliche Steinreihe unter den Gitterfenstern wäre unbedingt vonnöten, damit die Männeken überhaupt durch die Türe passen. Das Dach ist auch etwas wackelig befestigt.

Ein Katapult war natürlich unvermeidlich. Nun gut. Aber immerhin haben sie (Lego) sich mal was Neues als Munition ausgedacht. Obacht, Leute, diese Kugeln sind Lego! Also nicht wegschmeißen (außer mit einem Katapult), falls sie Euch mal in einem Flohmarktkauf in die Finger geraten. Es sind freilich Bionicle-Teile, aber gepriesen sei die Multifunktionalität. Aufbewahrt werden sie in den Höhlungen unter den Tortürmen.

Eben bemerke ich, daß ich peinlicherweise die Zinnen nicht ordnungsgemäß festgedrückt habe. Also schnell weiter im Text. Unter dem Katapult wird ein Schatz gelagert, sozusagen ebenfalls unvermeidlich. Warum dieser Schatz aber außen …äh… versteckt… wird, will mir nicht einleuchten. Und noch was: Ein Frosch! Süß. Laut Bauanleitung soll man das Amphibium exakt an dieser Stelle positionieren. Ich bin mir fast sicher, daß der BA-Zeichner nicht ausprobiert hat, ob das überhaupt machbar ist. Es ist machbar, irgendwie. Aber der Frosch ist eigentlich zu breit, um direkt neben einer Wand festgesteckt zu werden. Dennoch sorgt unter anderem dieser Frosch dafür, daß mir das Set sympathisch ist.

Die drei Mauerelemente: Tor, Wachhaus und Katapult, lassen sich wie gezeigt als Mauer anordnen oder auch zu einem Karree umstecken. Als solches gefällt es mir besser denn als gerade Mauer.

Und somit kommen wir nun zum Schiff. Es ist auf ein schwarzes Wikingerschiff-Bugteil nebst passendem Rumpfstück gebaut. Also handelt es sich bei 7029 mal wieder um eins dieser hinterhältigen Sets, von denen man eigentlich zwei Exemplare braucht, um was Vernünftiges mit gewissen Teilen anfangen zu können. Sofern man ein schwarzes Wikingerboot bauen will. Ich begnügte mich damit, das vorgesehene Geisterschiff zu bauen. Angesichts der zwei Rumpfteile war ich zunächst skeptisch; das wirkt doch arg kurz. Oder arg breit. Aber das fertige Schiff enttäuschte mich angenehm.

Ein glaubwürdiges Piratenschiff ist dies freilich nicht, wenn man auch nur entfernt historische Korrektheit voraussetzt. Ganz abgesehen davon, daß noch niemand Skelette ein Schiff hat segeln sehen. Geisterschiffe sind ja üblicherweise auf mysteriöse Art unbemannt. Wie dem auch sei, auf diesem Schiff wirken sogar diese dämlichen Skelette am rechten Platze. Der Karton stellt vollmundig eine exklusive Kapitän-Minifigur in Aussicht. Das ist bloß die halbe Wahrheit. Es handelt sich nämlich lediglich um ein Skelett, dem ein grauer Bart und ein Piratenhut (ohne Aufdruck) verpaßt wurden. Andererseits ist dieser Hut seit etlichen Jahren nicht mehr im Programm, und ohne Aufdruck schon gar nicht; also ist dieser Skelettkapitän für die heutige Generation der Zielgruppe sicher in der Tat exklusiv.

Die Hörner am Eingang zur Kajüte leuchten im Dunkeln. Mehr noch, auch die gezackten Ränder der Flügel am Heck des Schiffs leuchten im Dunkeln, was ein wirklich cooler Effekt im Düstern ist. Angetrieben wird das Boot offenbar durch Magie, in Gestalt bläulich-violetter Flammen am Heck. Das Segel ist ja auch dermaßen zerfetzt, daß es kaum noch Angriffsfläche für den Wind bietet. Immerhin ist es auch unten an Rahen befestigt und labbert nicht bloß so rum.

Für das Schiff gilt, was auch schon für das Wachhäuschen galt: In Teilen finden sich nette Details und Bauideen, aber an anderer Stelle wird dafür wieder gnadenlos rumgestümpert. Vor allem nerven mich stets solche Stellen, die zwar von außen für Struktur sorgen, im Innern aber für Minifigs nicht begehbar sind, weil sie zu niedrig sind, wie in diesem Fall das Zwischendeck, auf dem hier die Bordratte hockt. Außerdem steuert das Steuerrad ins Leere, denn das Schiff hat kein Ruder. Überdies mußte ich es eigenmächtig und entgegen der Anweisung in der Bauanleitung um eine Noppenreihe nach vorne versetzen, damit überhaupt ein Skelett seine überlangen Arme danach ausstrecken kann. Für solche Quisquilien wird der Lego-Bauer aber mit weiteren 1×1-Dachsteinen und dunkelroten Spitzfirsten versöhnt. 1×1-Dachsteine bilden auch den Lauf der Kanone am Bug. Toll, hab’ vergessen davon ein Foto zu machen.

Der Karton dieses Sets ist irgendwie überdimensioniert. Er ist fast so groß aber nur halb so gefüllt wie der Karton der Burg 7094. Aber so muß das wohl sein, wenn man den Kunden ein „limitiertes Set“ zum Preis von 60,–€ (das sind annähernd 120 Mark!) schmackhaft machen will. Wer auf neue Farben steht, bekommt hier aber immerhin ganz schönes Material.

(Bilder = Links, wie meistens)

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