10184 »Town Plan« – Wortreiche Rezension mit schlechten Bildern.

Im Jahre 2008 feiert Lego mal wieder ein Jubiläum, wie so häufig in letzter Zeit. Doch diesmal ist es ein wirklich bedeutendes Jubiläum, denn am 28. Januar jährt sich zum fünfzigsten Male die Patentierung des Lego-Steins, wie wir ihn kennen. Zwar gab es auch schon zuvor Plastiksteine von Lego, aber denen fehlte die Klemmkraft; erst 1957 erfand Godtfred Kirk Kristiansen, Oles Sohn, die Klemmröhrchen im Innern, wofür er völlig zu Recht den Nobelpreis für Kinderspielzeug erhielt. Und weil diese epochale Erfindung der Firma Lego erst ermöglichte, Ruhm und Reichtum zu ernten, sollte es zum fünzigsten Jahrestag mal etwas anderes geben als bloß einige angegoldete Steine in ansonsten belanglosen Jubiläumseimern. Es sollte ein richtiges Modellset werden, an welchem die Genialität der gefeierten Erfindung auch angemessen verdeutlicht wird. Heraus kam Set 10184 »Town Plan«. Und um das Fazit vorweg zu nehmen: Dieses Set ist kolossal famos.

Ein besonderes Set sollte es werden. Zu so einer Gelegenheit kann man natürlich nicht mit der fünfzigsten Polizeistation oder Feuerwache ankommen. Nein, man kommt mit der fünfzigsten Tankstelle. Aber eigentlich ist es gar nicht die fünfzigste, sondern die erste, nämlich Set 310, von welchem weder Lugnet noch BrickLink ein ordentliches Bild haben. Diese Tankstelle war erstens Kjelds Lieblingsset und zweitens Teil der Stadtlandschaft, die man auf den pappigen Stadtplan 200 bauen sollte. Drum.

Die Neuinterpretation des alten Sets weiß zu gefallen. Es handelt sich um eine schöne Tankstelle im Stile der 50er Jahre. Allerdings hat Lego es nun nicht mehr nötig, im Windschatten von Esso zu segeln, sondern man ist stolzer Eigentümer seines eigenen Ölkonzerns, Octan.

Lego beglückt uns ein weiteres Mal mit einem Rolltor! In klartransparent gab es das auch seit 20 Jahren nicht mehr. Das stilvolle Kassettenmuster des Tors findet seine Entsprechung im Dachfenster der Werkstatt. Eine schwungvolle Glasscheibe rundet den Verkaufsraum ab, welcher mit einem glasklaren 5×6-Paneel von der Waschanlage geschieden ist. Die Werkstatt, ausgestattet mit einer Werkbank, läßt sich umklappen, um den Blick aufs Innere freizugeben und eine alternative Über-Eck-Gestaltung des ganzen Gebäudes zu ermöglichen.

Mit aufwendigen Bautechniken wird nicht gegeizt. Neben dem SNOT-Einbau der Ladenscheibe und dem Dachfenster stechen der Baum und das elegante Tankstellenschild hervor. Während beim Baum der „Hauptsache anders“-Aspekt etwas übertrieben wurde, ist die ovale Form des Schilds sehr gut gelungen. Leider aber muß man auf diese Ansammlung von überkopf eingebauten Kleinteilen zwei Aufkleber anbringen, was bei der Paßgenauigkeit heutiger Steine nicht unproblematisch ist; ganz abgesehen davon, daß man stets nur ungern Sticker über mehrere Steine klebt.

Auch die Zapfsäulen wirken stilecht. Das Zapfsäulenelement samt Lampen von 1957 wurde hier schön mit richtigen Lego-Steinen nachempfunden. Ob derartige Zapfsäulen früher tatsächlich übermannshoch waren, kann ich nicht beurteilen.

Zur alten Tankstelle 310 gehörte ein Bedford Tanklaster, und ein solcher ist auch im Set 10184 vorhanden. Die runde Motorhaube wurde wiederum mit AFOL-mäßigen Bautechniken bewerkstelligt, und fürs abgeschrägte Heck kamen die neuen 2-hohen Dachsteine gerade gelegen. Da es keineswegs mehr eine Selbstverständlichkeit ist, soll auch dies nicht unerwähnt bleiben: Das Fahrerhaus hat aufklappbare Türen.

Zum Komplex „Tankstelle“ gehört schließlich noch ein kleines blaues Auto. Erkennbar wurde versucht, auch dieses, dem feierlichen Anlaß gemäß, nicht beliebig erscheinen zu lassen, sondern es in die 50er-Jahre-Szenerie einzupassen. Wiewohl das Wägelchen mit geschwungener Motorhaube und Heckflügeln aufwartet, ist der Versuch als mißlungen zu bezeichnen. Schuld daran trägt der unpassende Radstand der verwendeten Chassisplatte. Egal. Soweit die Tankstelle.

So ganz wollte man auf angegoldete Steine im Jubiläumsset allerdings doch nicht verzichten, also ersann man eine Möglichkeit, solche elegant hineinzuschmuggeln. Die Lösung war eine gartenarchitektonisch ansprechende Skulptur.

Park- und Grünanlagen bei Lego, wann hätte es das je gegeben? Nun gibt es diesen Brunnen mit Goldskulptur. Sieht einfach aus, ist es auch. Der Clou besteht weniger im Brunnen selbst als vielmehr in den gußeisernen Parkbänken. Diese bieten zudem die Gelegenheit, eine Minifig im karierten Hemd (s. Kartonbild) den Zeitungsartikel lesen zu lassen, der über die Erfindung des neuen Lego-Steins berichtet.
Doch damit nicht genug, der Stadtplan sollte weiter gefüllt werden.

Ein Kino bei Lego, wann hätte es das je gegeben? (Ernstgemeinte Quizfrage. Wer’s weiß, kann nichts gewinnen, verdient sich aber meine Anerkennung.)
Auch dieses Kino ist natürlich im Stile der 50er gehalten. Das zentrale Kassenhäus-chen im marmorgefliesten Eingangsbereich, das ausladende Kino-Schild darüber, die Wechseltafel zum Anzeigen des gerade laufenden Films, sowie die schwarzen Pömpel mit rotem Absperrband, um das Premierenpublikum vorm Pöbel zu schützen – das alles sind stimmige Details. Zudem gibt es Filmplakate, die einen spielerischen Streifzug sowohl durch die Legogeschichte als auch durch verschiedene Film-Genres zeigen. Um 19 Uhr läuft der Western „Der Fünfzigjahrstein“. Außerdem sind im Programm der Sci-Fi-Streifen „The Bricks Are Coming – It’s from out of space“ und der Horror-Schocker „Die Spinne“, zur Zeit erhältlich als Set 4994. Der Eintritt kostet paradiesische 50 Cent.
Wie es sich gehört, hat das Kino natürlich auch ein Innenleben:

In die Popcorn-Maschine kann man getrost die beiden überzähligen Ersatz-1×1-Rundplättchen mit hineinpacken. Ein Filmprojektor wurde nicht vergessen, und die Kinosessel sind nett gebaut. Auf der Leinwand läuft der draußen angeschlagene Western. Leider ist der Film-Aufkleber über zwei 4×4-Fliesen geklebt, wie überhaupt allzu viele Aufkleber in diesem Set über mehrere Steine reichen.

Und schließlich:
Nach 50 Jahren bekommt die Lego-Stadt auch endlich ein Rathaus.

Nachdem man das Kino gebaut hat, meint man, es sei keine Steigerung möglich. Nun, eine Steigerung ist dieses Rathaus sicher nicht, und es hätte ein etwas geschlosseneres Dach verdient gehabt, doch ist es ein würdiger Teil dieses Sets. Wie auch bei allen anderen Teilmodellen wird deutlich, daß man sich nicht mit Gewöhnlichem zufriedengeben wollte. Das fängt schon bei der Farbe an; das Rathaus ist dunkelgrün. Außerdem wurden ums Gebäude herum verschwenderisch die Rabatten bepflanzt, eine weiße Marmortreppe führt zum mit Säulen flankierten Eingang. Fensterzierat aus Stuck sowie schmiedeeiserne Gitter vor den Blumenbeeten runden das Modell ab. Eine Lampe, vielleicht nicht ganz zufällig in der Tradition der Lichtmasten 233, beleuchtet ein soeben verehelichtes Brautpaar. Eine Hochzeit bei Lego, wann hätte es das je gegeben?
(Die Antwort gebe ich grad selbst, denn das war 1978. Damals heirateten die Kugelköpfe, und prompt wurde im selben Jahr die Minifig geboren. Jaja, auch sie feiert dieses Jahr einen runden Geburtstag.)

Das Set 10184 heißt „Town Plan“, so steht es auf der Schachtel. Der unbedarfte Kunde mag sich fragen, was es damit auf sich hat, denn im Gegensatz zum ideengebenden Stadtplan-Ensemble von 1957 ist ja hier kein solcher Straßenplan enthalten. Aber die Designer haben an alles gedacht, einen Stadtplan beinhaltet dieses Set nämlich durchaus:

Leider ließ sich die Vermutung, es handele sich bei der gezeigten Stadt um Billund, nicht am realen Kartenmaterial bestätigen. Macht nichts. Dieses Set ist rundum gelungen. Schon die Idee, das 50 Jahre alte Stadtplankonzept wieder auferstehen zu lassen, finde ich allerliebst; die Ausführung ist detailreich, zeigt gekonnten Umgang mit den gefeierten Steinen, ohne auf Formteile zurückzugreifen, und im Ergebnis sind die Modelle spektakulär. Daß Kjeld Kirk Kristiansen, wie er in einem der BA vorangestellten Brief schreibt, persönlich an der Entwicklung mitgewirkt hat und sogar, wie beim 50 Jahre alten Originalset, auf dem Umschlagbild erscheint, macht ihn und die Firma Lego wieder einmal sympathisch. Und das, obwohl ja die grauen Steine das fünfzigste Jubiläum nicht… Aber was red’ ich.

Dieses Set ist es allemal werth, Eingang in die Sammlung zu finden.

Edit 8. Mai 2016: Inzwischen hat Lego freilich das Rathaus 10224 (2012) und das Kino 10232 (2013) veröffentlicht.

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