Die Entführung

Als Luther vor den Reichstag zu Worms geladen wurde, hatte sein Landesherr, der Kurfürst von Sachsen, sich für ihn ausbedungen, daß ihm freies Geleit für die An- und Abreise zugesichert würde. Der Mann wußte schon, weshalb. Denn auf dem Reichstag schlug der Kaiser erwartungsgemäß den Doktor Luther in Acht und Bann. Somit war er nun ein recht- und staatenloser Illegaler, vogelfrei, und der Willkür eines jeden ausgeliefert, der seiner habhaft wurde und ihm etwas anhaben wollte. Kaiser und Kirche hofften, daß recht viele dies wollten und das Problem „Martin Luther“ für sie aus der Welt räumen würden.
Auf seiner Rückreise von Worms nach Wittenberg wurde Luther denn auch prompt von einer Bande Strauchdiebe, wie es den Anschein hatte, einkassiert. Er hatte es schon fast bis nach Hause geschafft, befand sich schon am Rande des Thüringer Waldes, als am Abend des 4. Mai 1521 das Verhängnis doch noch zuschlug. Er wurde aufgegriffen und auf die Wartburg verschleppt.

Doch zu seinem Glück stellte sich heraus, daß es sich bei den Entführern um Schergen Friedrichs des Weisen handelte. Dieser befand sich in einer Zwickmühle: Als Untertan und Kurfürst seines Kaisers konnte er natürlich nicht öffentlich einem Geächteten Hilfe gewähren, und dennoch wollte er seinen brillantesten Theologieprofessor schützen. Also ließ er seine eigenen Leute dem Doktor auflauern, damit diese ihn faßten, bevor es jemand anderes tat. Nicht verbürgt sind die Worte, mit denen er sie auf ihre Mission entließ: „Und laßt es wie einen Unfall aussehen!”

Die Wartburg, wie wir sie hier sehen, bietet nicht ganz den Anblick dar wie zu Luthers Zeiten. Denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts, nach den erfolgreichen Befreiungskriegen gegen Napoleon, gewann sie nicht zuletzt aufgrund der hier von Luther geschaffenen Bibelübersetzung Bedeutung als Symbol der deutschen Einheit, als Fundament der nationalen Erneuerung, ja, man könnte fast sagen: Sie errang Kultstatus. Zum 300. Jahrestag des Thesenanschlags fand im Oktober 1817 in ihren Mauern das „Wartburgfest“ statt, sozusagen das Gründungsfest der studentischen Burschenschaften. Ein weiteres Wartburgfest fand im Revolutionsjahr 1848 statt.
Die Burg selbst wurde (auf Initiative Goethes hin) in großen Teilen restauriert. Hierbei wurden einige der Gebäude komplett neu errichtet, und zwar in historisierendem und vor allem auch romantisierendem Stil, getreu dem Motto: „Wir bauen uns das Mittelalter, wie wir es schön gefunden hätten.“ Das sieht hübsch aus und ist inzwischen auch schon wieder fast 200 Jahre alt, doch darf man eben nicht glauben, die gesamte Burg sei original mittelalterlich.

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