Am Brunnen vor dem Tore


1000 Jahre. Kaum ein Lebewesen erreicht dieses Alter. Nur einige Tiefseeschwämme und Korallen können darauf hoffen – und Bäume.


So könnte diese Eiche, von Karl dem Großen gepflanzt…


… und über Jahrhunderte von Sturm und Blitz zerzaust, den Soldaten Napoleons als Feuerholz gedient haben. Wie respektlos! Aber zum Ausgleich schenkte uns die Grande Nation auf ihrem Weg nach Rußland ja die Pappelalleen.


Oder nehmen wir diesen Lindenbaum. Er steht zwar nicht am Brunnen vor dem Tore, wo ihn Wilhelm Müller hindichtete, aber der Volksmund will, daß er 1000 Jahre alt ist. Mindestens.


Nun, der Volksmund übertreibt gern. Doch wenn man sich den zerklüfteten und vom Blitz mehrfach geteilten Stamm so ansieht, erscheint ein Alter von sagenhaften 1000 Jahren fast glaubhaft. Ja, das ist ein einziger Stamm, und er hat einen ehrfurchtgebietenden Umfang. Kein Wunder, daß bei den Germanen solche Bäume verehrt und als Göttersitze verstanden wurden. Die Linde war zum Beispiel der Sitz der Göttin Freya.


Als Karl der Große den Sachsenherzog Widukind besiegt und die heidnischen Sachsen zur Christianisierung freigegeben hatte, ließ er vielerorts als heilig verehrte Bäume fällen. Einige alte Bäume entgingen diesem Schicksal freilich, indem man aus dem germanischen Gott kurzerhand einen christlichen Heiligen machte. So wurde aus Freya ganz schnell die Gottesmutter Maria. Noch heute findet man auf dem Land am Wegesrand bisweilen „Marienlinden“.


Sprichwörtlich ist ja auch die Gerichtslinde. Die Linde, als Sitz einer weiblichen Gottheit, bewirkte zumeist ein „gelindes“ Urteil. – Vor den Toren der Stadt befand sich nicht nur ein Brunnen, sondern auch der Freistuhl, der Ort des Femgerichts.


Der Freistuhl unter der Gerichtslinde war in Westfalen Teil der ordentlichen Gerichtsbarkeit, ausgeübt von einem Freigrafen. In Anwesenheit von Schöffen, aber durchaus nicht immer in Anwesenheit des Angeklagten, wurden hier schwere Vergehen verhandelt, etwa Mord oder Landfriedensbruch. Das Urteil lautete in der Regel auf Tod durch Erhängen. Wurde der Angeklagte in Abwesenheit verurteilt, war er vogelfrei und konnte jederzeit und überall ohne weitere Gerichtsverhandlung getötet werden.


Angenehmer als ein Todesurteil unter einer Linde ist ein Kuß. Freya, die Göttin in der Linde, war auch die Göttin der Liebe. Und wer ließe sich nicht vom zarten Duft der Lindenblüte betören? Hach, es ist Mai…


Da alte Lindenbäume oft sehr bizarre Formen annehmen, lag es nahe, in ihnen – vor allem bei Nebel und Dämmerung – drachenähnliche Gestalten zu erkennen. Als Siegfried den Lindwurm getötet hatte, und sich in dessen Blute badete, um Unverwundbarkeit zu erlangen, heftete sich ein einziges kleines Lindenblatt zwischen seine Schulterblätter. An dieser Stelle war er fortan verwundbar. Das war die Rache des Baumes.


Drum hütet euch davor, es euch mit den Bäumen zu verderben!


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