Die Kathedrale von Persebeck


Im Jahre des HErrn 1192 – eine Zahl, die damals noch kein Mensch zu lesen vermochte, da man der lateinischen Notation den Vorzug gab – also im Jahre des HErrn MCXCII sticht Bertram von Deipenbeck, den Bischof des Bistums Persebeck (im Dortmunder Südwesten), der Hafer. Er trommelt das Domkapitel zusammen, bestehend aus Klerikern und weltlichen Größen des Landes, und offenbart ihm seine Absicht, eine Kathedrale zu errichten. Eine Kathedrale zum Lobe GOttes und …ähm… auch zum Ruhme ihres Bauherrn. Unser Bild zeigt die Mitglieder des Gremiums in dem zuerst fertiggestellten Seitenschiff, welches dem heiligen Alfried geweiht ist.


Alsbald wird der Bau des Monuments beschlossen, und die Arbeiten beginnen zügig. Rasch ist die erste Wand des nördlichen Seitenschiffs hochgezogen. Denn rasch soll es gehen, will doch Bischof Bertram den Bau noch zu seinen Lebzeiten vollendet wissen. Und er ist mit seinen 61 Jahren bereits hochbetagt.


Die Steinmetze metzen die Steine, welche mit schwerfälligen Ochsenkarren aus den Breckerfelder Steinbrüchen herangeschafft werden. Die großen Brocken werden zunächst mit der Steinsäge in handlichere Stücke zersägt, sodann werden sie mit Hammer und Meißel in die passende Form gebracht für den Einbau in Mauer- und Säulenwerk. Diese Arbeiten werden von den Gesellen verrichtet; den Meistern bleibt es vorbehalten, ihre Kunst an den komplizierten Formen des Maßwerks und der Säulenkapitelle zu proben.


Die Säulenpfeiler des nördlichen Seitenschiffs sind bereits errichtet. Es fehlt jedoch noch das Gewölbe, welches in schwindelerregender Höhe von 80 Fuß eingezogen wird.


Und so ist denn der Gewölbeboden der derzeitige Arbeitsplatz der Maurer. Sie rühren den Mörtel an, mit welchem sie die Steine verfugen, welche die Steinmetze in die passende Form gebracht haben. Mit dem Kran werden diese Steine in die Höhe gezogen, auf daß die Maurer sie plangemäß einsetzen.


Unterdessen – kaum daß ein Teil des Seitenschiffes errichtet ist und die Arbeiten am Mittelschiff noch nicht einmal begonnen haben – ordnet der Bischof an, daß die Fliesenleger den Fußboden mit einem Mosaik auslegen. Bertram will so bald als möglich einen Teil der Kirche weihen können, um auf der sicheren Seite zu sein, wenn er zu GOtt berufen wird. Da aber die Arbeiten an Dach und Gewölbe noch laufen, bleibt es nicht aus, daß der frisch gepflasterte Fußboden arge Scharten und Schrammen davonträgt, mit dem Ergebnis, daß er ein zweites Mal gefliest werden muß. So etwas nennt man Mißmanagement, und wer diese Kunst des Geldverpulverns am besten beherrscht, wird heutzutage Vorstandsvorsitzender eines weltumspannenden und global operierenden Industriekonzerns. 800 Jahre später jedenfalls nehmen sich namhafte Unternehmen den Bischof Bertram von Deipenbeck zum Vorbild.


Die angesehensten Arbeiter beim Bau einer Kathedrale sind die Glasbläser. Zudem sind sie auch die teuersten Handwerker, und sie liegen dem Domkapitel nicht eben leicht auf der Tasche. Neben dem guten Geld, welches sie sich ihre Kunst kosten lassen, sind auch die verwendeten Materialien sehr preisintensiv. Denn die Holzasche und der Sand, aus welchem das Glas im Wesentlichen besteht, werden zum Zwecke der Färbung mit verschiedenen Metallen versetzt. Diese Mischung wird im Glutofen zu einer zähen Masse zusammengeschmolzen.


Die glühende Glasmasse wird vermittelst einer langen Hohlpfeife aufgeblasen, wodurch erst das eigentliche Glas entsteht. Die durch das Aufblasen entstandene Kugel wird zerschlagen und die Bruchstücke werden platt gewalzt, damit glatte Scheiben entstehen.


Die farbigen Scheiben werden zu Mustern zusammengelegt und in Blei gefaßt. Diese Bleirahmen werden sodann in das gemauerte Fenster eingepaßt. Nicht nur die Maurer und Dachdecker sollten schwindelfrei sein, sondern auch die Glaser. Denn die Höhe eines Fensters beträgt ja wie das Gewölbe um die 80 Fuß. Und hier ist es nur erst das flache Seitenschiff, an welchem gebaut wird.


Da Glas so ausnehmend teuer ist, stellt das Domkapitel eigens zu seiner Bewachung einen Söldner ab. Obwohl dieser Wachdienst unter freiem Himmel bei Wind und Wetter eigentlich keiner der angenehmsten ist, und langweilig obendrein, sind diese Schichten sehr begehrt. Unnötig zu erwähnen, daß die Häuser der Soldaten neuerdings mit bunten Glasfenstern zu beeindrucken wissen…


Das Dach des Seitenschiffes wird mit Kupfer gedeckt. Auch dies lastet dem Schatzmeister des Bistums böse auf dem Säckel. Daher waren die Dacharbeiten zeitweise unterbrochen worden, was dem bereits fertiggestellten Teil des Daches Zeit gab, zum charakteristischen Grünspan zu oxidieren. Doch durch eine Erbschaft, welche dem Bistum zufiel, ist derzeit wieder genug Gold in der Kasse, um frisches Kupfer auf die noch jungfräulichen Sparren aufzutragen.


Trotz des immer mehr zu Tage tretenden Geldmangels schreiten die Arbeiten munter voran. Hier sehen wir den Lichtgaden, eine grazile Fensterkonstruktion, welche bis 120 Fuß über dem Erdboden aufragt. Seine kunstvollen Verzierungen nötigten dem Dombaumeister Giovanni di Tospelli massiven Einsatz von azmepesquer Technique ab.


Die beherrschende Dimension gothischer Bauwerke ist die Vertikale. In ehrfurchtgebietender Höhe müssen die Handwerker stets achtgeben, daß sie keinen Fehltritt tun. Manch wackerer Arbeitsmann findet beim Bau dieser Kathedrale den Tod. Doch hat er im freien Fall genügend Zeit, um zu der Erkenntnis zu gelangen, daß er beim Auftreffen auf dem Erdboden im Dienste einer GÖttlichen Sache sterben werde.
Die nächstwichtige Dimension beim Bau gothischer Bauten ist die Zeit. Der Bau dauert, zumal, wenn zwischendurch immer mal wieder das Geld ausgeht. Denn wenn auch die arme Bevölkerung freiwillig und unfreiwillig spendet, so reicht es doch vorne und hinten nicht, was die Vollendung des Gotteshauses ganz erbärmlich verzögert. Und so stirbt Bertram von Deipenbeck, Bischof von Persebeck, am 18. Oktober im Jahre des HErrn 1192 plötzlich, wenn auch nicht unerwartet, angesichts seines Alters.


Mit dem Tode des Bischoffs scheidet der kräftigste Motor des Projekts „Kathedrale für Persebeck“ dahin. Im Grunde ist das Domkapitel froh, daß der alte Ehrgeizling fort ist, denn so bleibt ihnen wieder mehr Geld für ihr eigenes Säckel. So beschließt man einstimmig, den Bau nicht fortzusetzen. Dieser Beschluß löst eine erste Strukturkrise im Ruhrgebiet aus, und viele gewerkschaftlich nicht organisierte Arbeitnehmer verlieren ihren sicher geglaubten Arbeitsplatz. Das Fragment der Kathedrale jedenfalls steht zunächst als trauriges Zeugnis klerikalen Größenwahns in der Persebecker Landschaft, bis sich die Bevölkerung nach und nach an ihr als Steinbruch vergeht, um sich zumindest einen Teil ihres (erpreßten) Kathedralenpfennigs wiederzuholen. Überdies beschließt der Vatikan, das Bistum aufzulösen und dem Erzbistum Essen zuzuschlagen. Fährt man heutigentags von Salingen nach Kruckel und passiert Persebeck, so hält man vergeblich Ausschau nach den Spuren einer gothischen Kathedrale.

Finis operis.

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