Das gelbe Haus


Da steht es, in seiner ganzen morbiden Pracht!


Der Garteneingang. Dieser führt traditionell in die Küche, damit die Köchin es nicht so weit zu den Gemüsebeeten hat. Außerdem können die Küchenabfälle flugs auf dem Kompost entsorgt werden, ohne daß man sie durch’s ganze Haus schlörren müßte. Drei Tage alte Kartoffelschalen bekommen ja schon mal einen etwas herben Geruch.


Die Front. Hier liegt bautechnisch einiges im Argen. Die Fensterläden klappern und quietschen, und der Turm könnte mal wieder einen Anstrich vertragen. Aber die Familie ist leider etwas verarmt; da muß am Nötigsten gespart werden. Vielleicht bringt die anstehende Erbschaft ja das entschwundene Vermögen früherer Tage zurück?


Die Wetterseite. Hier hat man den Blick auf die Wetterseite des Gebäudes. Es ist die Seite, die zu den Stallungen, Remisen und Geräteschuppen weist. Die Kellertür läßt sich nur schwer öffnen, da wundersamerweise der zugehörige Schlüssel verschwunden ist…


Die Küche. Die Ausstattung ist nicht wirklich modern, und der Wasserhahn tropft, aber für die eigentlich dringend notwendige Rundumerneuerung fehlt einfach das Geld. Immerhin reicht es noch für Feuerholz. Da eine Köchin leider nicht bezahlt werden kann, hat Miss Antonelle die Küche zu ihrem Revier erklärt. Besonders gut versteht sie sich auf die Zubereitung von Grünen Tomaten; vornehmlich ihre Barbecue-Sauce ist vielgerühmt…


Das Arbeitszimmer. Auch hier gilt wie im gesamten Haus: Das modernste ist es nicht, und schlecht in Schuß ist es überdies. Die Möbel sind alt, aber leider nicht wertvoll genug, um gewinnbringend veräußert zu werden. In der Vitrine des Schrankes vorne befand sich früher die Schmetterlingssammlung des Hausherrn. Die ist nun weg. Auch der Tresor ist leer. Noch… Immerhinque ist der Bücherschrank noch gefüllt. Vor allem die umfangreiche Kriminalroman-Sammlung ist nicht unbrauchbar.


Das Wohnzimmer. Leider mußten die wertvollen Teppiche schon vor Jahren verscherbelt werden. Auch die seidenbezogenen Canapés fielen der Geldnot zum Opfer (Auf zerschlissenen Autositzen vom Schrottplatz sitzt es sich zur Not aber auch recht kommod). In der Uhr auf dem Kamin ist leider ein Zahnrad abgebrochen, daher hat sich noch kein Liebhaber für das (ansonsten wertvolle) Stück gefunden. Der Kristall-Lüster an der Decke ward auch schon seiner Kristalle beraubt. — Aber es wird der Tag kommen, da der Familie Genugtuung werden wird!


Das Treppenhaus. In Treppenhäusern wie diesem spielen sich die groteskesten Familientragödien ab: Menschen, die sich hassen, laufen einander über den Weg, versuchen, sich zu ignorieren, schaffen es nicht, drücken aus Versehen am Abzug geladener Pistolen, welche zufällig mitgeführt wurden… Wahre Dramen ereignen sich da! Hoffentlich hockte niemand in der Besenkammer unter der Treppe! Das würde doch glatt ein weiteres Drama heraufbeschwören…


Viel gibt es nicht im ersten Stockwerk. Im Grunde nur einige Schlafzimmer wie dieses. Da bekanntermaßen das Geld an allen Ecken und Enden fehlt, wird der Kanonenofen nicht mehr in Betrieb genommen. Umso verwunderlicher war es, als neulich doch mal ein Feuerchen in ihm loderte… Im Gästezimmer gibt es, wie man sieht, keinen Ofen. Das ist schon deswegen bitter, weil das Zimmer zur Wetterseite gelegen ist. Daher ist die Mauer auch dicker und das Zimmer kleiner. Doch hat sich über den mangelnden Komfort bislang noch niemand beklagt. Immerhin gibt es hier einen Telephonanschluß; doch als Reverend Smith, ein alter Freund der Familie, in seiner letzten Nacht dieses Telephon benutzen wollte, war die Leitung tot…


Auf dieser Terrasse wurden einst die fröhlichsten Familienfeiern veranstaltet. Doch seit die Familie plötzlich aus unerfindlichen Gründen immer kleiner wird… Erst neulich noch verstarb Tante Sophie unter immer noch nicht ganz geklärten Umständen, als sie abends vor dem Zubettgehen noch ein wenig die laue Sommernachtsluft genießen wollte.


Die Mädchenkammer, also das Zimmer des Dienstpersonals. Von einst sechs Angestellten (einer Köchin, zwei Dienstmädchen, einem Chauffeur, einem Butler und einem Gärtner) sind einzig die alte Wirtschafterin Rosalie und der Gärtner Theo übriggeblieben. Warum diese nicht auch schon den Dienst quittiert haben…


Das Badezimmer. Es ist etwas antiquiert. Längst wäre ein modernerer Durchlauferhitzer fällig, um das Badewasser zu erwärmen, doch der alte Gasboiler muß es auch tun. Und als man Vetter Sebaldius in der Wanne auffand, war er gewiß nicht an einem Hitzschlag gestorben…


Das Turmzimmer. Es zu betreten, hat der Hausherr streng verboten. Es sei zu gefährlich; erst müsse das Gebälk erneuert werden. Da das Zimmer immer verschlossen ist, kommt es Rosalie, der Wirtschafterin, schon etwas seltsam vor, wenn sie nachts dort Schritte vernimmt…


Das Dach. „Flucht über das Dach“ war lange Zeit ein Schlagwort des (verstorbenen) Patriarchen der Familie. Allerdings bezog er sich mit diesem Wort eher auf einen eventuellen Angriff feindlicher Truppen im letzten Weltkrieg.

One Response to Das gelbe Haus

  1. Wortman sagt:

    Das ist wirklich super geworden :)

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