2022 – Die’s nicht überlebt haben.

1. Januar 2022

„Soylent Boom“

Spiegel Online versorgt mich mit einer ausgewogenen Mischung aus wissenswerten politischen Neuigkeiten und Boulevard-Quatsch. Aktuell läßt sich hier die Silvesterbilanz nachlesen. An Tagen wie diesen erwacht in mir der menschenfeindliche Zyniker (und gewinnt die Oberhand über den menschenfreundlichen Zyniker, der ich überlicherweise bin). Also:

Um Unfälle durch den unsachgemäßen Gebrauch von Knallkörpern und Raketen zu vermeiden und damit die durch Corona bereits extrem belasteten Krankenhäuser zu entlasten, galt auch zu diesem Jahreswechsel ein Verkaufsverbot für Silvesterfeuerwerk.

Das klingt für mich nach einer vernünftigen Maßnahme. Was fordern vernünftige Maßnahmen üblicherweise heraus? Des Menschen Unvernunft nämlich, sich Bahn brechend in trotzigen Handlungen ohne Sinn und Verstand.

Trotzdem waren im ganzen Land Böller zu hören und Raketen zu sehen, nicht wenige davon stammten vermutlich aus illegalen Quellen. Wie jedes Jahr gab es bei der Knallerei schwere Unfälle.

Wie jedes Jahr. Man hätte also gewarnt sein können. Aber die Erfahrungen anderer sind wertlos, Warnungen werden in den Wind geschlagen. Der eine weiß es besser, der andere möchte seine Erfahrungen selbst machen.

(Bloß einer Bundesregierung, die aufgrund einer neuartigen Situation keinerlei Erfahrung im Umgang mit – willkürliches Beispiel – einer Corona-Pandemie hat und haben kann, wirft man natürlich vor, wenn sie „falsche“ Entscheidungen trifft.)

Jedenfalls. Bitte sehr, macht eure Erfahrungen:

Bei der Explosion eines Feuerwerkskörpers in Hennef bei Bonn ist ein Mann ums Leben gekommen, ein weiterer wurde schwer verletzt. Die beiden 37 und 39 Jahre alten Männer hatten mit einer zehnköpfigen Gruppe Silvester gefeiert.

Die übrigen acht Feiernden konnten dann die erlaubte Anzahl der Gruppe mit Freunden auffüllen, die zuvor aufgrund der Corona-Maßnahmen nicht eingeladen werden konnten. Hat also alles sein Gutes!

Ein Polizeisprecher vermutete am frühen Samstagmorgen, dass es sich bei dem Feuerwerkskörper um einen selbst gebauten Böller gehandelt haben könnte.

Da man ja aus Fehlern lernt, wird der 39-Jährige (der 37-Jährige ist ja tot) zum nächsten Jahreswechsel die Rezeptur entsprechend verändern und einen neuen Versuch starten.

Weiter:

Auf einer privaten Silvesterparty im Osten von Berlin sind zwölf Menschen bei der Explosion von illegalem Feuerwerk verletzt worden. Alle Verletzten mussten zur Behandlung in Kliniken gebracht werden, teilte die Feuerwehr am Neujahrsmorgen mit. Es habe aber glücklicherweise keine sehr schweren Verletzungen gegeben.

Wenn du einen Idioten mit „Idiot!“ titulierst, wird er dich anzeigen, weil er es als Beleidigung mißversteht, und das ist ja illegal. Wenn der Idiot hingegen illegales Feuerwerk zündet… Ach, egal.

Der jüngste Verletzte ist laut Feuerwehr ein elfjähriger Junge, die anderen Verletzten seien Jugendliche und Erwachsene.

Normalerweise kommen den Menschen ja Tränen der Rührung, wenn Kinder involviert sind. Alles würden sie zum Schutze ihrer Kinder tun. Alles! Außer natürlich, den Kindern einen lebenswerten Planeten hinterlassen, da sollen sich die Blagen mal nicht so anstellen und Freitags lieber in die Schule gehen. Und Feuerwerk geht sowieso vor!

Weiter:

Mindestens zwei Menschen wurden in Hamburg beim Abbrennen von Feuerwerk schwer verletzt. In Bramfeld explodierte nach Angaben der Polizei ein Böller in einer selbst gebastelten Abschussvorrichtung und verletzte einen 50-jährigen Mann schwer im Gesicht. Er schwebe in Lebensgefahr.

Das darf man alles nicht so negativ sehen. Denn wer träumte nicht davon, einmal zu schweben? Zugegeben, die Sache mit der Lebensgefahr ist etwas heikel. Aber schweben! Hach!

Weiter:

In einem anderen Fall müsse einem Mann nach missglückter Böllerei möglicherweise eine Hand amputiert werden.

Der dachte auch, er habe alles im Griff. (Pun intended.)

Weiter:

In Leipzig wurde ein Mann beim Zünden eines vermutlich ebenfalls selbst gebauten Böllers lebensbedrohlich verletzt, wie ein Polizeisprecher sagte.

Es wäre jetzt allzu billig, von „Leipzig“ über „Sachsen“ auf „Pegida“, „AfD“ und die in Sachsen virulente Impfnachlässigkeit zu schließen. Mein krankes Hirn knüpft da zwar Verbindungen, aber geböllert wird ja bundes- und weltweit, auch in Jahren, in denen mal kein Corona-bedingtes Verkaufsverbot für Feuerwerkskörper gilt. Also weise ich die Jury an, diese Aussage des Zeugen bei der Urteilsfindung nicht zu berücksichtigen.

Weiter:

In Wernigerode im Harz hat eine Rakete einen Wohnungsbrand mit viel Schaden verursacht. Nach Zeugenaussagen flog der Feuerwerkskörper am Freitag auf einen Balkon im fünften Stock des Hauses, teilte die Polizei am Samstag mit. Zunächst soll es zu einer Rauchentwicklung gekommen sein. Anschließend griff das Feuer auf die Wohnung eines 22-jährigen Mannes über und zerstörte diese teilweise.

Das muß also nicht mal eine illegale Rakete gewesen sein. Allgemein wird ja das farbenprächtige Höhenfeuerwerk wohlwollender bewertet als das stumpfe Geböllere. Ob der 22-Jährige, der die Nacht nach der Zerstörung seiner Wohnung durch die Rakete der Nachbarn im Freien verbringen mußte, das auch so sieht, ist nicht überliefert. Zum Glück war’s ja frühlingshaft warm, also nicht so schlimm. Kimawandel ist super!

Weiter:

In Stuttgart kam es gegen Mitternacht beim zentralen Schlossplatz zu Auseinandersetzungen zwischen Feierwütigen und der Polizei. Einige aggressive Partygänger hätten die Beamten bedrängt und mit Böllern beworfen. Die Polizei ging nach eigenen Angaben mit Schlagstöcken und Pfefferspray gegen die Menge vor. Ein Polizist habe ein Knalltrauma erlitten, zwei weitere seien leicht verletzt worden.

„Pyrotechnik ist kein Verbrechen!“
Und was hatte ich eigentlich gerade an Sachsen auszusetzen? Die Querdenkerszene hat ihren Ursprung ja in Stuttgart.

Weiter:

Ein 23 Jahre alter Mann ist in der Silvesternacht bei der Explosion eines Feuerwerkskörpers in Österreich tödlich verletzt worden. Ein 21-Jähriger wurde zudem schwer verletzt […] Dabei hätten sie sogenannte Kugelbomben gezündet. Als eine der Bomben nicht sofort zündete, näherten sich den Angaben nach vier aus der Gruppe dem Feuerwerkskörper, der dann explodierte.

Österreicher? *schulterzuck*

Und schließlich hier:

Trotz Böllerverbots hat ein Mann bei Enschede auf der Straße mit einem Metallgerät Feuerwerkspulver explodieren lassen. Dabei kam ein Kind ums Leben, ein weiteres wurde schwer verletzt.

Enschede? Da war doch mal was. Aber die Letzten, die dabeiwaren, sind eh lange tot, zwanzig Jahre nämlich schon. Es wurde also höchste Zeit für eine Erinnerungsauffrischung.

In den Niederlanden gilt eigentlich ein landesweites Böllerverbot an Silvester. Die Regierung hatte das Verbot das zweite Jahr in Folge verhängt, um die Krankenhäuser in der Coronapandemie nicht zusätzlich zu belasten.

Es ist also gut, daß wenigstens eins der Kinder starb, so fällt es dem Gesundheitssystem nicht mehr zur Last. Bei dem anderen Kind darf man noch die Daumen drücken.

So. „Zynismus: Ende!“?

Ich selbst habe mein Lebtag noch keinen Betrag irgendeiner Währung für Feuerwerkskörper ausgegeben. Mit geschenkten Böllern habe ich als Kind freilich auch schon meine Erfahrungen gemacht. Ein harmloses Zisselmännchen entwickelte im kleinen, hochgekachelten Klo auf der halben Treppe eine erstaunliche Knallwirkung, und mit einem Ladykracher lockerte ich die Teile eines Lego-Modells 6066 (eins meiner grauen Burgwandformteile weist nach wie vor Schmauchspuren auf) und brannte ein schwarzes Loch in die Teppichfliese in meinem Kinderzimmer.

Ins Fußballstadion gehe ich nicht des Feuerwerks wegen; Pyrotechnik ist vielleicht kein Verbrechen (außer vielleicht, wenn es verboten war und dann trotzdem Menschen dadurch zu Schaden kommen), aber ganz gewiß ist Pyrotechnik kein Menschenrecht.

Eine Jahreswendefeier ohne Feuerwerk ist natürlich ungewohnt und wenig spektakulär, aber ich bin zuversichtlich, daß auch ohne Böllerei keine bösen Geister die Herrschaft übernehmen. Zumal jene bösen Geister, die ohnehin an der Macht sind, sich noch nie durchs Feuerwerk haben verscheuchen lassen. Mithin ist so ein Silvesterfeuerwerk nicht essenziell, und ein Verkaufsverbot von Feuerwerkskörpern kein Anlaß, sich in seinen Grundrechten beschränkt zu sehen. Was den Menschen den Spaß am Feiern verdirbt, dürfte weniger das ausgefallene Feuerwerk sein, als vielmehr die durch Feuerwerk verursachten Unfälle mit zum Teil fatalen Folgen. In der Kosten-Nutzen-Risiko-Abwägung kommt Feuerwerk angunfürsisch nicht gut weg.

Letztes Jahr um diese Zeit hatte ich Spätdienst, wie auch schon einige Male zuvor. Spätdienst an Silvester und Neujahr ist klasse, weil man vor Mitternacht fertig ist, dann gegebenenfalls noch mit Freunden feiern kann, und am nächsten Tag muß man nicht früh aufstehen. Und letztes Jahr, da auch schon ein Verkaufsverbot für Pyrogedöns galt, wurde es mir nasenfällig: Es stank nicht nach Pulverdampf, als ich durch die Straßen ging, anders als in den Jahren davor. Stattdessen schnupperte es allüberall aus den Häusern nach Raclette und Fondue. Und dieses Jahr, da ich Frühdienst hatte, konnte ich nachts einigermaßen ungestört durchschlafen, fand morgens keine schweflig-neblige Atemluft vor, und auch die Straßen sind nahezu frei von den Böllerresten, welche wegzuräumen den Böllernden ja noch nie eingefallen ist. Also ich finde das „Böllerverbot“ prima!

Wenn schon Partikularinteressen, dann nicht die der enttäuschten Feierwilligen, sondern bitteschön meine!


Menschheitserfolg!

1. Juli 2020


Breitmaulnashorn (Abbildung ähnlich)

Der „Spiegel“ vermeldet in seiner Internet-Ausgabe: „Das Nördliche Breitmaulnashorn ist vom Aussterben bedroht, weltweit gibt es nur noch zwei – beide unfruchtbar.“ Da wird die Bedrohung ja fast schon konkret. Und alle Großwildjäger so, zärtlich das erbeutete Horn in auf Stimulierung positiv ansprechende Körperöffnungen einführend: „Puh, was’n Glück, daß ich meine Trophäe noch schießen konnte, ehe die armen Viecher vom Antlitz unseres einzigartigen und des Schutzes so sehr bedürfenden Planeten verschwinden!“

Soviel zum Nashorn. Tiger gibt’s ja auch noch. Der Wikipedia-Artikel zum Tiger berichtet:

Der Handel mit Tigerprodukten, die vor allem in der traditionellen chinesischen Medizin Verwendung finden, ist ein Grund für die illegale Jagd. Vor allem die Knochen, die zu Pulver zermahlen werden, finden dabei Verwendung. Seit dem Zusammenbruch der chinesischen Tigerbestände in den 1950er bis 1970er Jahren konnte der Markt nicht mehr mit einheimischen Tigern beliefert werden, wodurch auch die anderen Unterarten unter Druck gerieten.

Somit ist es angebracht, noch einen Nachklapp zum Thema „Aberglauben“ zu liefern, siehe unten. Kritiker der Schulmedizin und Freunde der Naturheilkunde schwärmen ja nicht selten auch von der traditionellen chinesischen Medizin. Weil da ja uraltes Wissen tradiert werde, und weil sie so sanft sei. Sanft zum Tiger freilich nicht. Und war es jemals Wissen, aus allen möglichen Tierbestandteilen irgendwelche angeblich heilsamen Pulver, Salben und Tinkturen zu gewinnen? Ist es nicht zum Beispiel auch etwas plump, jedem länglich geformten Gegenstand, nicht zuletzt Nashornhörnern, eine potenzsteigernde Wirkung zuzuschreiben? Und warum überhaupt sollte diese Wirkung zustandekommen, wenn man Penisse von Tieren ißt? Diese bestehen ja auch bloß aus denselben Eiweißen wie der Rest des Tieres und werden im menschlichen Körper zersetzt und verdaut wie anderes Fleisch auch. Schlecht, nämlich. Magisches Wissen vermag ich da auf Seiten der traditionellen Heiler nicht zu erkennen, und besonders weise ist es auch nicht, die Bestände bedrohter Tiere weiter und weiter zu verkleinern. Und wer dergleichen zur Naturheilkunde zählt, dem geht die Natur offenbar am Arsch vorbei.
Naturheilkunde ist übrigens Heilkunde. Da wird die beobachtete Wirkung von Pflanzen eingesetzt, um einen Heilerfolg zu erzielen. Die alten Kräuterweiber und Klostergärtner wußten freilich nicht, auf welchen Substanzen in den Pflanzen und auf welchen biochemischen Prozessen im Körper diese Heilwirkung beruhte, das konnten sie auch nicht wissen, aber immerhin. Kräuterkunde mag auch Teil der traditionellen chinesischen Medizin sein, aber um sich die Kräuterwirkung zunutze zu machen, ist es eben nicht notwendig, das Ganze mit dem Werbe-Claim Traditionelle chinesische Medizin™ zu schmücken. Dieser fast schon Markenname zielt meiner Ansicht nach vor allem auf die Gutgläubigkeit von zu Aberglauben neigenden Menschen ab. Wäre es so, wäre das nicht nur nicht weise, sondern überdies unredlich, denn am Ende geht es doch immer bloß darum, dummen Menschen das Geld aus der Tasche zu locken. Ohne Rücksicht auf Verluste, zum Beispiel im Tierbestand.


Politisches Dschungelcamp.

18. Februar 2020

Justament lese ich bei Spiegel-Online – und jeder weiß, daß der „Spiegel“ die „Bild“ der sich für intellektuell Haltenden ist – Doppelpunkt, Anführungszeichen unten, Zitat: „Problem M – Bei den Christdemokraten laufen sich potenzielle Nachfolger warm – doch wird die Kanzlerin vorzeitige Neuwahlen ermöglichen? Viel deutet darauf hin, dass Angela Merkel einfach weiter regieren will. Das wird zur Schwierigkeit für die CDU.“

Ich brauche den hinter diesem Anreißer steckenden Artikel nicht einmal zu lesen, um sooo eine Krawatte zu bekommen. Allenthalben wird bejammert, daß die Menschen („die Menschen draußen im Land“) das Vertrauen in die Politik verloren hätten (hatten sie dieses Vertrauen jemals?), daß die Politiker die Menschen (s. o.) nicht mehr erreichten, daß die Menschen (…) politikverdrossen seien. Von „Machteliten“ ist die nicht lobhudelnd gemeinte Rede, von verkrusteten Strukturen und Prozessen, die mit der Lebenswirklichkeit dieser …na, wie gleich…? ach ja: Menschen nichts zu tun hätten, und all son mittlerweile ritualisiert vorgetragener Killefitt. Überdies stehen alle Beteiligten am politischen Spiel sich ratlos am Kopfe kratzend vor der in der Tat bedauerlichen Tatsache, daß gewisse Bevölkerungsgruppen rechts des Konservativismus nicht einmal mehr der „Bild“ noch Glauben schenken und nicht müde werden, völlig ironiefrei von der „Lügenpresse“ zu schwadronieren.

Aber ist das so verwunderlich? Die Politiker, nämlich die Berufspolitiker, also vor allem diejenigen Politiker in höheren staatstragenden Positionen und Ämtern, mithin „die da oben“ tun ja auch so allerhand, was den *hüstel* Menschen, die sich wählenderweise bitte für die Politik zu interessieren haben, aber mehr bitte auch nicht, nur schwer verständlich gemacht werden kann. So wird zum Beispiel monatelang ein Europawahlkampf mit Spitzenkandidaten geführt, um den Menschen mit solchen plakattauglichen Personen das Excitement zu geben, das sie aus ihren nationalen Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen gewohnt sind, und das sie bisher in diesen drögen Europawahlen vermißt hatten (wie die Parteistrategen herausgefunden zu haben meinen), und dann? Dann wird nach erfolgter Wahl der mehr oder weniger vom Wählervotum getragene sogenannte Spitzenkandidat gar nicht berücksichtigt, und jemand völlig Ungewähltes wird zur Spitzenkandidatin befördert, im Hinterzimmer, ohne auch nur den Hauch eines Wählerauftrags, wiewohl der ganze Spitzenkandidatszinnober zuvor natürlich auch nur Augenwischerei gewesen war. Hilfreich? Na, weiß nicht.

Und Thüringen. Was soll ich dazu noch Worte verlieren. Die Parteien, die’s gewohnt sind, irgendwie die Macht unter sich aufzuteilen, und die sich als „demokratisch“ verstehen im Gegensatz zur „verfickten AfD“, wie mein Europaabgeordneter Sonneborn diese ehemalige Anti-Euro-, später Anti-alles-, und inzwischen anti-antifaschistische Partei zu titulieren beliebt, können sich nicht zusammenreißen und wählen lieber einen von dieser AfD mitgewählten 5%-Abgeordneten zum Ministerpräsidenten, statt ihrem Gewäsch des Musters „unter Demokraten ist jeder mit jedem koalitionsfähig“ mal was Handfestes folgen zu lassen, nämlich die Erfüllung dieses Demokratieschwurs. Ein Bubenstück von Bernd H. und insgesamt eine Hanswurstiade ersten Ranges, keine Frage, sehr publikumswirksam und gewiß recht unterhaltend, aber hilfreich? Na, ich weiß ja nicht.

Im Zuge dieser thüringer Bratwurstiade rollten Köpfe, nicht zuletzt jener der erst kürzlich unter großem Hallo mit Casting-Show und allem gewählten Vorsitzenden der Christlich Demokratischen Union Deutschlands (vulgo: CDU), einer politischen Partei (dies nur für alle, die bei diesen ganzen Casting-Shows den Überblick verloren haben, wer da eigentlich jeweils was ist). Dieses CDU-Casting war irgendwie nötig geworden, weil die amtierende Bundeskanzlerin vor geraumer Zeit angekündigt hatte, kurzfristig nicht wieder für den Vorsitz dieser Partei zu kandidieren, und mittelfristig nach Ablauf ihres Engagements als Bundeskanzlerin ihren Vertrag nicht verlängern zu wollen. Und hier kommt der oberwähnte „Spiegel“-Artikel, den ich nicht gelesen habe, ins Spiel: Angela Merkel ist nämlich noch Kanzlerin, denn als solche wurde sie von der Mehrheit des Bundestages gewählt, und das bleibt sie so lange, bis sie durch ein von der Mehrheit des Bundestages gewähltes Kanzler-Asterisk gleichwelchen grammatischen Geschlechts ersetzt wird, entweder durch ein konstruktives Mißtrauensvotum, oder weil nach einer Neuwahl des Bundestages eben eine andere Bundestagesabgeordnete oder ein anderer Bundestagsabgeordneter oder ein ander* Bundestagesabgeordnet* (Seufz) zum/zur/zu* Bundeskanzler*in/In (Seufz) gewählt wird.

Nun steht im Teaser aber, „dass Angela Merkel einfach weiter regieren will“, und es klingt, als wäre das seitens Merkels eine unverfrorene Anmaßung. Und das macht wiederum mich fassungslos angesichts all der oben angerissenen Probleme hinsichtlich des beobachtbaren Vertrauensverlustes von Politik und Medien. Gefragt wird, ob die Kanzlerin vorzeitige Neuwahlen ermöglichen werde, was insinuiert, daß dies gängige verfassungsgewollte Praxis zur Beendigung einer Kanzlerschaft sei.

Nun ist die Geschichte der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland in der Tat geprägt von vorzeitigen Kanzlerschaftsenden. Konrad Adenauer (CDU) trat 1963 im Alter von 88 Jahren zurück, geschwächt durch die Spiegel-Affäre, und weil in seiner Partei auch mal Jüngere ans Ruder wollten. Sein Nachfolger Ludwig Erhardt (CDU) trat 1966 zurück, weil ihm der Koalitionspartner, die FDP, von der Fahne ging. Es kam ab Dezember 1966 zur großen Koalition unter dem bis dahin ungeohrfeigten Kurt Georg Kiesinger (NSDAP/CDU), welcher zwar nicht Bundestagsabgeordneter, aber Ministerpräsident von Baden-Württemberg war und als solcher die Berechtigung zur Teilnahme an Bundestagssitzungen innehatte. Stimmrecht im Bundestag hatte er während seiner Kanzlerschaft ebensowenig wie ein Wählermandat. Bei den folgenden Bundestagswahlen 1969 bekam Kiesinger zwar das Wählermandat, jedoch nicht die erneute Kanzlerschaft, denn zu seinem Nachfolger wurde Willy Brandt (SPD) gewählt. Dieser überstand zwar 1972 ein konstruktives Mißtrauensvotum, durch welches Rainer Barzel (CDU) sich erhofft hatte, zu Kanzlerwürden zu kommen, doch mußte er 1974 vor dem regulären Ende seiner zweiten Amtszeit zurücktreten, weil sein persönlicher Referent als Spion der DDR enttarnt worden war. Sein Nachfolger wurde Helmut Schmidt (SPD). Dieser wiederum trat nicht zurück, obwohl er dies während der Ereignisse des „Deutschen Herbstes“ erwogen hatte, hätte es denn bei der Erstürmung der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ Tote unter den Passagieren gegeben. Am 1. Oktober 1982 kam es zum Konstruktiven Mißtrauensvotum gegen ihn, weil ihm sein Koalitionspartner, die FDP, von der Fahne ging. Zum Nachfolger wurde der Abgeordnete Dr. Helmut Kohl (CDU) gewählt. Da Kohl bei den Bundestagswahlen 1980 nicht Kanzlerkandidat gewesen war, und weil die FDP unter der Voraussetzung einer beabsichtigten Koalition mit der SPD in den vorherigen Wahlkampf gezogen war, hatten alle ein schlechtes Gewissen und wollten ihre frisch geschmiedete Koalition durch vorgezogene Bundestagswahlen vom Staatsvolk legitimiert wissen. Klingt ehrenhaft. Zu diesem Zweck stellte sich Kohl, soeben frisch gewählter Bundeskanzler, direkt einem nicht konstruktiven Mißtrauensvotum, und eine erforderliche Mehrheit der Abgeordneten von CDU und FDP, einzig ihrem Gewissen unterworfen, verweigerte dem kürzlich erst gewählten Kanzler die Gefolgschaft, was eine Auflösung des Bundestags und Neuwahlen unumgänglich machte. Klingt nicht gar so ehrenhaft. Kohl regierte anschließend für 16 Jahre und wurde dann nicht wiedergewählt, obwohl die Wahlkampfkasse der CDU doch gutgefüllt war. Sein Nachfolger wurde 1998 Gerhard Schröder (SPD) in einer Koaltion mit den Grünen. In seiner ersten Amtszeit konnte er sich auf eine komfortable Bundestagsmehrheit stützen, in seiner zweiten nur noch auf eine hauchdünne. Dies nahm Schröder (immer noch SPD) zum Anlaß, im Jahre 2005 durch vorgezogene Neuwahlen die Fronten neu klären zu lassen. Ähnlich wie sein Vorgänger stellte darum auch er die Vertrauensfrage in der Absicht, das Vertrauen nicht ausgesprochen zu bekommen, was – o Wunder! – auch genau so eintraf. Bei den durch dieses Maneuver neutig gewordenen Wahlen kamen Mehrheitsverhältnisse zustande, die zu einer großen Koalition unter Angela Merkel (CDU) führten. Und seitdem ist sie Kanzlerin.

Wie wir sehen konnten, sind die wenigsten Amtszeiten der Bundeskanzler durch eine reguläre Bundestagswahl mit neuen Mehrheiten und somit nichterfolgter Wiederwahl zu Ende gegangen; Kiesinger wurde nicht wiedergewählt, und Kohl ebenfalls nicht. Alle anderen sind vorzeitig zurückgetreten, selten freiwillig, oder scheiterten an einem Mißtrauensvotum, dies sehr viel freiwilliger. Die Art, wie derartige Mißtrauensfragen eingestielt wurden, mutet wenig demokratisch an, denn die Wähler hatten sich ja mal für die jeweiligen Mehrheitsverhältnisse unter der Prämisse entschieden, daß der/die/das Kanditatenwesen dann Kanzlerwesen würde. Die Mauscheleien, die der gewollten Auflösung des Bundestages vorausgingen, waren also politische Taschenspielertricks, die den Anschein der Verfassungstreue wahren sollten, während der Geist der Verfassung mit Füßen getreten wurde (Kann man Geister treten?), denn die bittere Erfahrung der Weimarer Zeit hatte den wenigen Müttern und vielen Vätern des Grundgesetzes gezeigt, daß eine politische Ausnahmesituation ohne funktionstüchtige Regierung unbedingt zu vermeiden sei, weswegen eben das konstruktive Mißtrauensvotum mit unmittelbarer Neuwahl eines Nachfolgers im Amt des Bundeskanzlers installiert wurde; als bloßes Spielzeug in den Händen der – da haben wir sie wieder – Machteliten war es nicht gedacht. Die Institutionen und Prozesse des politischen Lebens werden als altehrwürdig und staatstragend dargestellt, eifrig wird sich bemüht, in politischen Hochämtern öffentlichkeitswirksam dem Buchstaben des Gesetzes Rechnung zu tragen, und doch verkommt all dies zu bloßem Possenspiel und Mummenschanz mit wenig mehr Gehalt als Dschungelcamp und Castingshows.

Und wer also nun fordert, Angela Merkel solle „Neuwahlen ermöglichen“, um dadurch ihre Amtszeit vorzeitig zu beenden und die Mehrheiten im Bundestag neu durchzumischen, will den von der Verfassung vorgesehenen Ausnahme- und Krisenfall zur Normalität erheben. Was ist denn davon zu halten? Weimar haben wir schon erwähnt, und wem hat der ewige Wechsel in der Reichskanzlei, wem haben die in der Krise erlassenenen Notstandsgesetze letztlich genützt? Eben. Und Medien, die leichthin mit solchen Erwägungen spielen, beklagen sich, daß ihnen das Vertrauen der Menschen draußen im Lande flöten geht. Na weeßte!


Lego kauft Bricklink.

26. November 2019

Wie man hier, hier, nicht zuletzt hier, und sogar hier erfahren kann, kauft die Lego Company die BrickLink Company. Ein normaler Vorgang in der Geschäftswelt. Eine Firma kauft eine andere, „schluckt“ sie, wie der an Erfahrung verhärmte Volksmund sagt, und alles ist super, wie man den Pressemitteilungen zu entnehmen das Privileg hat. Die kaufende Firma ist einen Konkurrenten los und verleibt sich dessen Ressourcen an Know-How, Klientel und Sachwerten ein, der Eigentümer der verkauften Firma bekommt einen Batzen Geld, und wer auch immer managenderweise seine Finger im Spiel hatte, freut sich über eine Provision, die sich prozentual nach dem Transaktionswert richtet. Alle sind glücklich. Naja, außer in der Regel die Angestellten beider Firmen, insbesondere nicht diejenigen des geschluckten „Partners“. Denn noch nie in der Geschichte des Schluckens ist so ein Deal über die Bühne gegangen, ohne daß dies mit der Verkleinerung des Gesamtumfangs des aus der Fusion entstandenen Unternehmens einhergegangen wäre. Nun, die Zahl der Angestellten von BrickLink ist überschaubar, handelt es sich doch im Wesentlichen um eine Online-Plattform, die mit wenigen Programmierern und Administratoren und vielen freiwillig Beitragenden auskommt; darum soll das also unsere Besorgnis nicht sein!

Von Seiten Legos verlautbart das Erwartbare: Vollkommen excited, totale Wertschätzung, wir tun’s für die supertollen Fans, freuen uns auf den superkreativen Input, nichts wird sich ändern, aber alles wird besser, was son Vielphras halt zu verlautbaren hat. Es kann ja jeder selbst die oben verlinkten Interviews auf Brickset.com und The Brothers Brick nachlesen, auch der CEO von Lego äußerte sich auf Bricklink entsprechend.

Was ist davon zu halten? Nichts, natürlich. Lego hat ein Interesse daran, den größten fanbasierten Online-Marktplatz für seine Produkte unter Kontrolle zu bekommen, sonst hätten sie sich ja nicht zum Kauf entschlossen. Den kreativen Input der AFOLs, von dem in den Verlautbarungen schwadroniert wird, können wir vernachlässigen, denn auf BrickLink geht es hauptsächlich um den Handel mit Lego-Artikeln jeglicher Art. Und wenn der Deal vollzogen ist, kann Lego nicht nur den Erstmarkt steuern, sondern auch noch den Zweitmarkt. Ist das überhaupt zulässig? Im Zweifelsfall kann Lego also auch verhindern, daß via BrickLink gewisse Dinge gehandelt werden, allem voran die ominösen Q-Parts, über deren Herkunft die Firma selbst gerne Aufschluß hätte. Wie Lego wohl mit BrickLink-Händlern verfährt, die unter ihrer, Legos, Jurisdiktion mit solchen Teilen handeln oder in der Vergangenheit gehandelt habemn? Auch der Umstand, daß Lego sehr ausdrücklich darauf bestand, jegliche Dacta- und sonstwie Educational-Sets nicht in den Sammlerkatalog aufzunehmen, könnte zu der Befürchtung Anlaß geben, der neue Eigentümer könnte diesbezüglich in den BrickLink-Katalog eingreifen und den Handel mit solchen Sets unterbinden. Und wie steht’s mit Sets, die Lego bewußt regional exklusiv vertrieben hat, bisweilen in Absprache mit Kooperationspartnern und Lizenzgebern, die ein Interesse an einer solchen Verbreitungspolitik hatten, warum auch immer? Bisher konnte der interessierte Sammler, so er das *pling* nötige Kleingeld (2 Euro ins Phasenschwein) hatte, sich dennoch, neben anderen Quellen, über BrickLink mit solchen Kollektiblen versorgen.

Natürlich bestünde auch die Chance, das Herz Bricklinks, den Katalog, der über beinahe zwanzig Jahre von Fans ohne intime Kenntnis von Legos Interna zusammengetragen wurde, mit Legos eigener Datenbank abzugleichen, zu vereinheitlichen und auf quasi offiziellen Stand zu bringen. „Chance“ sagte ich, doch auch hier lauert die Gefahr. Denn der Bricklink-Katalog spiegelt die Bedürfnisse der Käufer wieder, seien es nun Sammler oder Eigenbauer, ohne den Produktionserfordernissen Rechnung zu tragen. Soll heißen: Im BL-Katalog werden oft Unterscheidungen vorgenommen, welche den Hersteller naturgemäß nicht interessierten und zum Teil nicht bewußt sind, das auch gar nicht sein müssen; es soll kein Vorwurf sein. Für Lego ist ein roter 2×4-Stein ein roter 2×4-Stein. Für den Sammler ist ein roter 2×4-Stein von 1967 in den verschiedensten Aspekten fundamental unterschiedlich zu einem roten 2×4-Stein von 2019. Wird Lego derlei Details in einem Bricklink-Katalog unter ihrer Ägide noch zulassen? Auch wenn es bedeuten sollte, Qualitätsunterschiede zu ihren Ungunsten anzuerkennen? In den Verlautbarungen ist ja die Rede davon, daß Lego in der Übernahme BrickLinks die Chance sieht, enger mit den AFOLs in Kontakt zu treten und von ihnen zu lernen; wir werden sehen, was solche Aussagen wert sind. Skepsis ist angebracht, denn wir kennen die Firma Lego nicht erst seit gestern. Erinnert sei an das Kommunikationsgebaren anläßlich der Farbumstellungen 2004.

Und schließlich neigt die Firma Lego zu kurzfristigem Denken. Was ihr heute opportun erscheint und mit substanziellen Investitionen vorangetrieben wird, läßt sie morgen fallen wie eine heiße Kartoffel. So lancierte Lego beispielsweise im Oktober 2010 nach aufwendiger Entwicklungsarbeit ein eigenes Multiplayer-Online-Spiel nach Art von Second Life (wer kennt das überhaupt noch?) oder World of Warcraft, und schon im Januar 2012 war das Projekt „Lego Universe“ schon wieder passé. Wir sollten uns also darauf vorbereiten, daß Lego in ungefähr drei Jahren mit großem Bedauern und herzlichem Dank an alle Beteiligten sowie unter dem Bekunden tiefsten Respekts für die AFOLs mitteilt, sich außer Stande zu sehen, Bricklink weiterhin aufrecht zu erhalten, weil Firmenphilosophie und Markterfordernisse und so, ihr versteht schon. Küß die Hand und tschüß!

Vermutlich gäbe es noch viel zu sagen, zum Beispiel hinsichtlich der Vielfalt der auf Bricklink gehandelten Produkte, die bis dato nicht notwendigerweise aus dem Hause Lego stammen mußten, aber da mich das persönlich wenig tangiert, möchte ich zusammenfassen:
Entgegen sämtlichen Ankündigungen wird die Firma Lego zunächst Einfluß auf die Souveränität der einzelnen Händler nehmen, den Handel mit ihnen nicht genehmen Produkten unterbinden, um sodann das Projekt BrickLink binnen dreier Jahre zu beenden.


21ster Dezember 2018.

21. Dezember 2018


MOC zum Tage: 9. Oktober 1967

9. Oktober 2017

Natürlich ist das MOC nur eine Konserve, die ich bereits mindestens im Jahre 2011 einweckte, sofern die Daten unter Flickr-Bildern zuverlässig sind. Aber das ist insofern angemessen, als der Stichtag ja nicht heute ist, sondern heute vor 50 Jahren. Da starb Che Guevara von Mörderhand. Ich bin fern davon, den singenden Zahnarzt zu glorifizieren (sang er?), aber dank propagandamäßig verbreiteter Photographien, insbesondere jener von Alberto Korda, wurde er zur Kult- und Kulturikone für alle, die sich für links halten.

Und falls er nicht selbst sang, wurde er immerhin besungen. Sei es von Wolf Biermann, der ihn den „Jesus Christus mit der Knarre“ nannte, oder von Carlos Puebla, dessen Lied „Hasta siempre, comandante“ Biermann frei ins Deutsche übertrug.

Mir selbst sind derlei Verklärungen ja suspekt. Zumal Ches Idealismus ja gutgemeint gewesen sein mag, aber die Knarre trug er halt auch nicht nur zum Nasepopeln. Dementsprechend fühlen sich bis heute viele seiner Verehrer und VerehrerInnen mit Binnen-I nebst Verehrer*innen mit Idioten-Asterisk in der Nachfolge ihres Idols gerechtfertigt, zu brutalen Mitteln zu greifen, um vermeintlichen Segen über die Menschheit zu bringen. Weil der Marxismus, wenn er denn mal in staatstragende Anwendung gebracht wurde, ja überall für Frieden und Wohlstand gesorgt hat, nöch? Nä, geht mir weg mit Ideologien jeglicher Art!