Buch der Woche: Buddenbrooks

19. August 2012

Jede Geschichte spielt zu einer gewissen Zeit an einem gewissen Ort, seien es fiktive, also erfundene, oder reale Zeiten und Orte. Letzteres kann heikel werden, denn dann muß sich die Erzählung, zumindest ihre Rahmenbedingungen, an der Wirklichkeit messen lassen. So fanden es die Lübecker nur mäßig amüsant, sich in Thomas Manns erstem Roman „Buddenbrooks“ dargestellt zu finden. „Der getretene Hund winselt“, kann man da sagen, denn der Name der Stadt, wo die Handlung spielt, wird überhaupt nicht erwähnt. Na gut, es handelt sich natürlich um Lübeck, und der Untertitel „Verfall einer Familie“ deutet schon zart an, wohin die Reise geht. Darob waren die auf ihre Bescheidenheit so stolzen Hanseaten ihrem berühmtesten Sohn gram.
Immerhin ist der Familienname erfunden, denn „Buddenbrook“ heißt natürlich niemand. Wenn jemand so hieße, dann schriebe er sich „Buddenbrock“, mit norddeutschem Dehnungs-ck. Das würde der gemeine Sprecher des Standarddeutschen natürlich nicht als solches auffassen, also entschied sich der Autor seufzend, der korrekten Aussprache den Vorzug vor der korrekten Schreibung zu gewähren. (1901 erschien der Roman; das ist das Jahr, in welchem die zweite Orthographische Konferenz die Einführung einer standardisierten Rechtschreibung für den Amtsgebrauch im Deutschen Reich beschloß. Seitdem schreiben wir „Thür“ ohne h, Sakrileg! Da kam es also auf Thomas Manns kleine Ooskapade auch nicht mehr an.)

Die Buddenbrooks, deren Familien- vor allem aber auch deren Firmengeschichte von der Biedermeier- bis zur zweiten Kaiserzeit der Roman beschreibt, sind durch den Getreidehandel reich geworden und lange reich geblieben. Die Handlung setzt ein, da die Firma prosperiert; soeben konnte einem in Konkurs gegangenen Konkurrenten ein stattliches Patrizierhaus als neuer Familienstammsitz abgekauft werden. Dieses Haus in der Mengstraße zeigt auch der Titel des Buches:

Aus dem Inneren blicken uns ausgewählte Familienmitglieder entgegen, namentlich die unglückliche Tony, ihr beflissener Bruder Thomas und dessen Sohn und Erbe Hanno, tja. Und ein Pferd, denn damals waren Pferdestärken den Pferden vorbehalten.

Als standesbewußter Patrizier hat man es nicht leicht. Das Wohl der Firma bestimmt jeden Schritt, den man tut, und ach so viele Dinge können aus dem Ruder laufen. Und alle, alle laufen sie aus dem Ruder! Da gibt es mißratene Söhne, flatterhafte Töchter, in den Sand gesetzte Mitgiften, mißgünstige Konkurrenten, schmerzende Zähne und ungünstiges Wetter. Und den Typhus. Und nicht zuletzt fällen die Protagonisten viele falsche Entscheidungen, alle aus dem Bewußtsein heraus, für den Ruf der Familie und die Mehrung des Firmenvermögens das Beste gewollt zu haben. Aber hilft ja alles nix; wenn man der Tochter eine schwärmerische Liebesheirat mit einem Urlaubsflirt aus dem Kopf schlägt, dann entpuppt sich der nach Vorteilserwägungen ausgesuchte Schwiegersohn als Heiratsschwindler und Bilanzfälscher. Wenn man dann mal ein Risiko eingeht, um den Mitgiftverlust wieder auszugleichen, dann verhagelt es die auf dem Halm gekaufte Ernte. Wie man’s macht, macht man’s verkehrt.

Der Autor arbeitet mit feiner Ironie und natürlich formvollendeter Sprache die Hohlheit und letztendlich Vergeblichkeit aller großbürgerlichen Bestrebungen heraus, ihre tradierten Werte vor dem Fortschritt zu schützen. Zwar kann die Revolution von 1848 noch mit dem Hinweis: „Was wollt ihr denn? Wir haben doch hier [in Lübeck] eine Demokratie.“ abgebügelt werden. Aber der Standesdünkel der Patrizier, also der einzigen, die untereinander ein bißchen demokratisch organisiert sind, um den Rest der Bevölkerung kleinzuhalten, führt nicht zum angestrebten Fortbestand der Familie: Die arme Tony Buddenbrook muß einen Hamburger Kaufmann heiraten (eine gute Partie!), von dem sie letztlich geschieden wird, weil er betrügerischen Bankrott begeht; Thomas Buddenbrook versagt sich die Liebe zu einem Blumenmädchen, das in der Folge viele gesunde Kinder zur Welt bringt, während ihm von seiner standesgemäßen Gattin nur ein kränklicher Stammhalter geschenkt wird und sie ihn alsbald mit Schöngeistern betrügt, weil er selbst seiner Frau keine geistvolle Unterhaltung bieten kann, sondern nur stumpfe Geschäfte im Kopf hat. Auch der seelenlose Pietismus, den Thomas’ und Tonys Eltern zur Schau tragen, erweist sich als Irrweg: Ein baltischer Pastor, an den man günstig die zweite Tochter verheiraten konnte, entpuppt sich als Erbschleicher; und die christliche Nächstenliebe gebietet es den Damen zwar, Söckchen für die armen Negerkinder in den Kolonialgebieten zu stricken, doch der eigene zweitgeborene Sohn (Der heißt auch noch Christian!) wird wegen unbotmäßigen Verhaltens so gut wie verstoßen. Und zwar kann die Wahl Thomas Buddenbrooks zum Senator vordergründig als Erfolg verbucht werden, schützt aber weder den Senator vor dem Tod (Kieferhöhlenvereiterung, Schlaganfall, irgendwie sowas), noch sein zartes Söhnchen (Typhus). Und so ging’s dahin, das Haus Buddenbrook.

In Lübeck war der Roman kein Welterfolg, denn mit diesem wenig schmeichelhaften Sittengemälde wollten die Lübecker nichts zu tun haben. Humor ist halt, wenn man über andere lacht, und nicht, wenn man selbst das Gespött ist. In der Stadt kursierte sogar eine Entschlüsselungsliste, auf welcher die besorgten Kaufleute nachgucken konnten, mit welcher der exzentrischen Haupt- oder Nebenfiguren sie identifiziert wurden. Aber immerhin, 1929 gab es den Nobelpreis. Also für Thomas Mann und die „Buddenbrooks“, nicht für die Lübecker und ihre Schlüsselliste.

Das Belville-Set 3119 ist Legos Version eines Patrizierhauses, irgendwie. Folgerichtig steht in der Hausbibliothek dieses Buch, als Fotoalbum getarnt.


Buch der Woche: Il milione

10. März 2012

Welcher verknöcherte Rohrstockpädagoge hat eigentlich die Behaup- tung aufgestellt, Comics seien Schund und würden die Kinder daran hindern, Bildung in sich einzusaugen? Ich persönlich habe meine ganze – naja, einen wahrnehmbaren Teil – meiner Bildung aus Comics. Und durchaus nicht nur aus Asterix, dem die Lateinlehrer ja zumindest noch eine Gateway-Funktion zuschreiben. Nein, auch Lustige Taschenbücher sind geeignet, den Horizont des Lesers zu erweitern. Warum auch nicht. Immerhin ist Dr. Erika Fuchs, in Deutschland weltberühmt für ihre Donald-Duck-Übersetzungen, sicher nicht zu Unrecht Inhaberin ihres akademischen Grades. Und der langjährige Chefredakteur des ehapa-Verlags, Adolf Kabatek, ließ seine persönliche Bildung auch gerne in die von ihm betreuten Comic-Ausgaben einfließen. Aber auch die Vorlagen der gar lustigen Taschenbücher orientieren sich thematisch oft an Literatur- und Kulturgeschichte. So!

Im Jahre 1987 griff das 119te LTB Marco Polos Reisebeschreibung „Il milione“ auf und versetzte diese nach Entenhausen. Genauer gesagt in Onkel Dagoberts neues Filmstudio, für das er sich von Micky Maus kostengünstig (= -los) das Drehbuch für einen prestigeträchtigen Debutfilm schreiben läßt. Es ist ein Technicolor-Film, denn sensationeller- weise sind seit jener Ausgabe 119 die Lustigen Taschenbücher auf jeder Seite farbig. Besetzt wird der Film natürlich mit Familienmitgliedern.

Der Venezianer Marco Polo reist mit Vater und Onkel entlang der Seidenstraße durch den vorderen und mittleren Orient, um schließlich fern von Entenhausen eine geraume Zeit am Hofe des Mongolen- herrschers Kublai Khan zu verbringen. Die wackeren Enten erleben viele Abenteuer, sehen merkwürdige Dinge und erwerben uner- meßliche Reichtümer, ehe sie die Heimreise antreten. Zu Hause angekommen, können sie von fadenförmigen Nudeln berichten, von Geld aus bedrucktem Papier, von Feuerwerk und einer Nadel, die immer in dieselbe Richtung weist. Spannend und informativ ist das alles, nicht nur für Marcos Zuhörerschaft, sondern auch fürs comiclesende Kind.

Und was ist die zweite Säule einer erfolgreichen Kindererziehung? Richtig, Lego. Lego setzte fast 750 Jahre später seine eigene Orient-Expedition ins Werk. Die Reiseroute Johnny Thunders, der Hauptfigur in Legos Abenteurerserie, erinnert stark an Marco Polos Weg durch Asien und führt ebenfalls nach China. Denn natürlich haben auch die Set-Entwickler im Hause Lego Marco Polos Reisebericht „Il milione“ gelesen, zumindest aber das Lustige Taschenbuch.

Die einzelnen Teile der Karte entstammen in der gezeigten Reihenfolge den Sets 7418, 7417 und 7419. Gute Reise!


Buch der Woche: Der Name der Rose

12. November 2011

Klick mich, ich bin ein Link!
Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus.

Im Jahre des Herrn MCCCXXVII begeben sich Sean Connery und Christian Slater, begleitet von einer Kamera, in eine verschneite Abtei im Norden Italiens, weil es ihr Auftrag ist. Da sie in geheimer Mission unterwegs sind, nehmen sie die Namen William von Baskerville und Adson von Melk respective an und kleiden sich in die Kutten der Franziskaner und Benediktiner. In jener Abtei soll ein wichtiges Treffen stattfinden zwischen Abgesandten des römisch-deutschen Kaisers und solchen des zweitweise nicht römischen Papstes (denn zu jener Zeit hatten sich die Päpste nach Avignon abgesetzt), sowie Abgeordneten verschiedener Mönchsorden. Es geht also um hohe Politik, genau genommen um Macht, noch genauer darum, ob die Kirche reich und mächtig sein dürfe, wo doch Christus arm gewesen sei und seine Macht nicht von dieser Welt. William von Baskerville ist ein armer Franziskaner und somit hervorragend dazu geeignet, die Sache des Kaisers zu vertreten, welcher die Kirche naturgemäß nicht mächtig sehen will, zumal er, William, außerordentlich scharfsinnig ist.

Dieser Scharfsinn bekommt in den sieben Tagen des Aufenthalts in der Abtei reichlich Gelegenheit, sich zu zeigen, denn aus heiterem Novemberhimmel sterben die Mönche wie die Fliegen, und zwar unnatürlicher und ungewöhnlicher Tode. Diese scheinen in ihrer jeweiligen Andersartigkeit keinen erkennbaren Zusammenhang aufzuweisen, doch der erfahrene Detektiv weiß: Alles, was innerhalb eines Films geschieht, ist auch miteinander verknüpft. Natürlich ist es das. Und natürlich dauert es bis zum letzten Tag, bis dieser Knoten entworren ist, auch wenn William früh ahnt, daß der Schlüssel zu allem in der Bibliothek zu suchen sein muß, dieser riesigen, faszinierenden Bibliothek, zu der ihm der Zutritt verweigert wird. Aber was soll’s, da es der Wahrheitsfindung dient, verschaffen sich William und sein Adlatus Adson dennoch Zutritt – und wissen erst einmal nicht weiter, denn die Bibliothek ist als Labyrinth angelegt. Als gäbe es nicht schon genügend andere Rätsel zu lösen!

Nebenbei wird der Novize Adson von einer namenlosen Bauernmaid in die Geheimnisse der Liebe eingeweiht, was diese freilich teuer zu stehen kommt. Denn sie wird aufgegriffen und prompt dem anläßlich des Treffens anwesenden Inquisitor Bernard Gui vorgeführt, der überdies noch andere Häretiker dem Scheiterhaufen übergibt, in der Annahme, somit die Schuldigen an der Mordserie gerichtet zu haben. Tja, die machen sich’s einfach.

Dieser Klosterkrimi Umberto Ecos verknüpft gekonnt eine spannende Detektivgeschichte mit einem Sittengemälde nicht bloß des hohen Mittalalters, sondern stellt gedankliche Bezüge her zur Gegenwart, mit ironisch-moralischer Implikation im Geiste der Aufklärung. Selbst- verständlich sind nicht irgendwelche Ketzer schuld an den Morden in der Abtei. Es wäre verfehlt zu sagen, die Ketzer seien die Guten, aber ihre kirchenkritische Haltung wird doch mit einigem Wohlwollen beleuchtet. Schuld an den Morden ist vielmehr der frömmste Mönch, den die Abtei zu bieten hat, der ehrwürdige Jorge von Burgos, ein verknöcherter alter Fundamentalist, blind vor Zorn und bereit, über Leichen zu gehen, um zu schützen, was er meint, schützen zu müssen: Das letzte existierende Exemplar von Aristoteles’ Abhandlung über die Komödie. Niemand soll es lesen, denn das Lachen, so Jorge, vertreibe die Furcht, und Furcht sei nötig, um glauben zu können. Na dann.

Warum der Roman ausgerechnet „Der Name der Rose“ heißt, geht aus der Handlung nicht so recht hervor. Spekulationen zufolge spielt der Titel auf die Namenlosigkeit des armen Bauernmädels an, das dem Eifer der religiösen Fanatiker geopfert wurde. Der Autor selbst gab an, ihm habe schlicht die Unverbindlichkeit dieses Titels gefallen. Wie dem auch sei, wenn man den Namen einer Rose genau haben will, so schaut man in einem Bestimmungsbuch nach:

Auch in der Villa Sonnenschein 3149 wird nach dem Namen der Rose gesucht.


Buch der Woche: Hundertundein Dalmatiner

3. Juni 2011

Aus der Reihe „Filme, die ich nie sah, zu Büchern, die ich nie las“ liegt heute der obengenannte Roman „Hundertundein Dalmatiner“ auf dem Büchertisch. Jawohl, das ist ein Buch, 1956 herausgegeben von Dodie Smith, auch wenn Disneys Filmversionen bekannter sein mögen, sei es als Zeichentrick von 1961, oder sei es als Spielfilm von 1996. Ich sah sie beide nicht. Aber vollkommene Unkenntnis des Gegenstands hat ja noch nie irgendjemanden davon abgehalten, im Brusttone der Überzeugung darüber zu referieren. So auch mich nicht.

Darum also geht es:

Mr. und Mrs. Dearly, am Namen schon als die Guten zu erkennen, sind jungvermählt und Besitzer eines Paares Dalmatiner, das auf die Namen Pongo und Missis Pongo hört. Mrs. Dearly hat eine alte Schulfreundin, die realitätsferne aber anspruchsvolle Cruela de Vil, ebenfalls durch ihren Namen schon als die Unsympathin der Geschichte gekenn- zeichnet. Diese extravagante Dame hat es sich in den Kopf gesetzt, sich einen Mantel aus Dalmatinerfell schneidern zu lassen, ein Herzenswunsch, zu dessen Erfüllung sie über Leichen zu gehen bereit ist. Sinnvoller- aber grausamerweise über Hundeleichen nämlich. Zu diesem Zweck entführt Cruela den ersten Wurf von (Missis) Pongo, aber unter anderem auch die Welpen der Hundedame Perdita. Die verzweifelten Hundeeltern begeben sich daraufhin auf die aben- teuerliche Suche nach den kleinen Hündchen.
Näheres möge bitte im Buche nachgelesen werden, bei Gelegenheit auch mal von mir.

Die Lego-Version des Buches wird im Set 3205 von der Dalmatiner- freundin Andrea beim Picknick geschmökert.


Buch der Woche: Der Schatz der Halben Münze

2. Februar 2011

Der „Schatz der Halben Münze“ ist der Comic, den Lego 1989 zum Start der Piraten-Serie zeichnete. Und das gar nicht mal schlecht, bedenkt man, daß das Zeichnen von Comics nicht Legos Haupt- erwerbszweig ist. Viel falsch machen konnten sie aber auch nicht, denn die Geschichte hangelt sich an den Sets des Geburtsjahrgangs entlang und bedient dabei annähernd jedes Piraten-Klischee, das man aus den Technicolor-Filmen kennt.

Zunächst kapert Käpt’n Roger (Mit rotem Bart aber nicht mit rotem Haupthaar. Hm.) mit seiner Piratenbrigantine 6285 die Gouver- neurs-Kogge 6274, erbeutet so allerlei wertvollen Krims, aber auch einen Affen, der eine halbe Münze am Halsband trägt. Die Stammbaumpapiere läßt er über Bord werfen, weil: Ist ja nur Papierkram. Hätte er mal nicht! Denn diese Papiere hätten wahrscheinlich Aufschluß darüber gegeben, was es mit dieser halben Münze auf sich hat. Heimgekehrt auf seine Pirateninsel 6270, die allerdings im Buch etwas dörflicher daherkommt als im Set, erfährt er von einem alten Seemann die Geschichte dieser halben Münze und vor allem, wo die andere Hälfte zu suchen sein müßte. Natürlich weist die Münze den Weg zu einem Schatz, und natürlich muß auch noch das Gouverneurskastell 6276 ins Spiel kommen, darum liegt diese halbe Münze im Kerker des Kastells versteckt, da ihr letzter Besitzer dummerweise als Pirat gehenkt wurde. Halt, nein, die Geschichte ist ja für 12jährige geschrieben, also wurde jener Pirat nicht hingerichtet, sondern nur nach Europa geschickt, um dort verurteilt zu werden. (Zum Tode, aber pssst!)

Gemeinsam mit seinem Schiffsjungen Willy begibt sich Käpt’n Roger also nach Port Royal, der Hauptstadt des Gouverneurs, um mal zu sehen, was geht. Nebenbei erfahren wir so, daß sich das Geschehen vor dem Jahr 1692 abgespielt haben muß, was zwar nicht zur Kostümierung der Protagonisten paßt, aber danach war die Stadt im Meer versunken. Nun denn. In Port Royal wird Willy gefangengenom- men, findet im Kerker die halbe Münze, verliebt sich in Camilla, die Nichte des Gouverneurs, – denn ein bißchen Romantik muß ja auch sein, nöch? – und wird schließlich mithilfe von Dynamit (haha! 1692!) durch den treusorgenden Käpt’n, der seine Männer und seine Schätze nicht im Stich läßt, befreit. Auf geht’s zurück zum Schiff!

Wie gesagt bedient der Comic so ziemlich jedes Piratenfilmklischee. So kommt es denn, wie es in solchen Fällen immer kommt: Das Schiff wurde inzwischen von einem rivalisierenden Piraten, einem gewissen Käpt’n Baddog, geentert, der ebenfalls Wind von dieser halben Münze bekommen hatte. Roger und Willy tappen in die Falle, und um nicht über die Planke geschickt zu werden, müssen sie sich durch Herausgabe der Münze freikaufen. So treiben sie denn auf dem Floß 6257 ziellos durch die Karibik, bis sie unverhofft auf die Insel 6260 gespült werden – natürlich das Ziel der Schatzsuche.

Der Comic ist nicht so schlecht, wie oben suggeriert worden sein mag. Er bietet sogar bisweilen subtilen Humor, nicht bloß brachialen Slapstick, wie man angesichts der Zielgruppe meinen könnte. Auch wird hier weitgehend noch auf das bei Lego später sehr oft strapazierte Motiv „Gut gegen Böse“ verzichtet. Zwar sind die Hauptpersonen Käpt’n Roger und Willy irgendwie „die Guten“, obwohl vor allem der Käpt’n durchaus zweifelhafte charakterliche Eigen- schaften erkennen läßt, aber die Soldaten des Gouverneurs sind nicht eigentlich „die Bösen“, bloß die Unterlegenen. Die eigentlichen bösen Buben in der Geschichte sind andere Piraten, was ein geschickter pädagogischer Schachzug ist, denn mal ernsthaft: Ist Piraterie ein cooles Kavalliersdelikt, zu dem man Kinder ermuntern sollte?

Da der Hintergrund der Piratensetbilder, also auch des Comics 6255, einen in wolkiges Abendrosa getünchten Himmel zeigt, ist die Miniversion des Buches als rosa Scala-Buch absolut nachvollziehbar. Wir sehen die Karibikinsel, auf welcher der Schatz vergraben ist, den ..äh.. Papagei und das ..öhm.. Piratenschiff mit buntem Segel. Geschmökert wird am Pool 3117.

(Und nur mal so nebenbei: Wer glaubt, daß Mädchen ihr Spielzeug pfleglicher behandeln, als Buben es tun, der sollte mal sehen, in welchem Zustand manche dieser Scala-Bücher aus dem Antiquariat kommen. Zerfleddert ist noch nett gesagt.)

(Und noch nebenbeier: Exakt dieses Exemplar fügte ich dem BrickLink-Katalog hinzu. Sobald ich ein besseres Exemplar hatte, versuchte ich, das schlechte Bildchen durch ein besseres zu ersetzen, aber das wurde abgelehnt. Tja, mehr kann ich auch nicht tun.)


Buch der Woche: Die kleine Meerjungfrau

10. Januar 2011


Während die Brüder Grimm die ihnen zugeschriebenen Märchen zum Zwecke sprachwissenschaftlicher Betrachtungen lediglich dem Volks- munde abschauten, sammelten und zu Papier brachten, hat Hans Christian Andersen seine Märchen selbst ersonnen, mit oft melancholischem, um nicht zu sagen: traurigem Her- und Ausgang. Neben dem „häßlichen Entlein“, dem „standhaften Zinnsoldaten“, dem „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ und dem „Däumelinchen“ ist das bekannteste sicherlich die „kleine Meerjungfrau“, auch Seejungfer geheißen. Zur kleinen Meerjungfrau verarbeitete Andersen ein antikes Nymphen-Motiv, das sich späterhin auch bei Paracelsus (Theophrastus Bombastus) und in Grimmelshausens „Simplicissimus“ wiederfindet, sowie mit der Stauffersage vermengt in Friedrich de la Motte Fouqués „Undine“, welche Andersen vermutlich bekannt war. Kurz, es handelt sich um Wassernixen mit betörenden Stimmen.

Die kleine Meerjungfrau lebt als jüngste von sechs Töchtern des Meerkönigs in dessen Schloß an der tiefsten Stelle des Ozeans, umschwebt von bunten Fischen und mit der Aussicht auf ein dreihundert Jahre währendes Leben in seliger Zufriedenheit. Doch als von der Meeresoberfläche die Marmorstatue eines Jünglings zum Grund herniedersinkt, erfaßt sie die Sehnsucht nach der Welt der Menschen, die ihr verschlossen ist, zumal sie bis zu ihrem fünfzehnten Geburtstag nicht einmal zur Oberfläche auftauchen darf. Aber dieser fünfzehnte Geburtstag kommt schließlich, und so taucht sie empor und steckt das Köpfchen aus dem Wasser, eines großen Schiffes gewahr werdend, darauf ein Prinz seinen eigenen Geburtstag feiert. Natürlich verliebt sich die kleine Meerjungfrau auf den ersten Blick in diesen Prinzen, und allzu bald hat sie Gelegenheit, ihm ganz nahe zu sein. Denn ein plötzliches Unwetter zerschmettert das Schiff, der Prinz droht hinabzusinken und zu ertrinken. Doch Arielle (Die heißt gar nicht Arielle. Weiß der Kuckuck, wo Disney den Namen herhat.) schleppt den Prinzen an Land und legt ihn in der Nähe eines ans Ufer gebauten Klosters am Strand nieder. Hier muß sie dann, verborgen hinter einem Felsen, mitansehen, wie eine Schar junger Mädchen sich des Ohnmächtigen annimmt. Seufz.

Zurück in der Tiefe des Meeres erfährt die kleine Seejungfer, daß die Menschen eine unsterbliche Seele haben, die nach ihrem kurzen Leben zum Himmel auffährt, während die Meerleute ohne eine solche Seele bei ihrem Tode zu Schaum zerfallen. Eine Seele, ja, eine Seele könnte sie nur erlangen, wenn ein Mensch sie mehr liebe als seinen Vater und seine Mutter und sie zu seiner Frau nähme, aber tja, Menschen würden die Fischschwänze der Meermädchen ziemlich abstoßend finden. Also schlag ihn dir aus dem Kopf, Namenlose!
Doch daran denkt die kleine Meerjungfrau nicht. Sie sucht die Hilfe der Meerhexe, einem wahrhaft garstigen Weib, das jedoch warnende Wahrheit spricht: „Wenn du ohne Fischschwanz mit Beinen an Land gehst und alles aufgibst, was du hier unten hast, wird dir der Menschenprinz das Herz brechen.“ Das jedoch kann die kleine Meerjungfrau nicht in ihrem Vorhaben erschüttern, nicht einmal die Bezahlung, welche die Hexe von ihr verlangt, um den Schwanz in menschliche Beine zu verwandeln: Sie soll ihre Stimme hergeben, ihre schöne, bezaubernde Stimme. Und jeder Schritt auf den Menschenbeinen wird sie wie Messerstiche durchfahren. Und sollte der Prinz sich nicht in sie verlieben, müßte sie in der Nacht nach seiner Hochzeit mit einer anderen sterben. Ziemlich viele gewichtige Argumente dagegen, alles auf eine Karte zu setzen, doch das unvernünftige Kind will es ja nicht anders. Und so geschieht’s.

Zunächst scheint auch alles gutzugehen. Der Prinz findet die splitterfasernackte Maid auf den Stufen seines Schlosses, sie lächelt ihn stumm an, er nimmt sie zu sich und ist ihr offenbar sehr zugetan. Kunststück, ist er doch selbst kaum der Pubertät entwachsen und durch hübsche Nackte leicht zu beeindrucken. Doch Schmerz! er sagt ihr rundheraus ins Gesicht, daß er sie zwar sehr, sehr gern habe, aber nur eine jemals lieben könne, nämlich das Mädchen, das ihn damals nach dem Schiffbruch am Strande fand, eine Priesterin. Na gut, eine Priesterin, die er niemals wieder sah, die wird er ja wohl nicht heiraten können, woll! Aber heiraten soll der Prinz, und zwar nach dem Willen seines Vaters die Tochter des Nachbarkönigs. Dazu hat der Jüngling zwar keine Lust, weil er ja nur seine vermeintliche Retterin zu lieben gedenkt, aber folgsam reist er zumindest mal ins Nachbarland, um sich die Prinzessin anzuschauen. Seine liebste Begleiterin ist die kleine (Meer-)Jungfrau, die Arme. Denn es kommt, wie es kommen mußte, die Prinzessin entpuppt sich als eben jene Priesterin vom Strand, es wird geheiratet, Arielle (Echt blöd, wenn eine Hauptperson keinen Namen hat.) trägt der Prinzessin Schleppe, alle sind glücklich, außer unserer Titelheldin. Nun muß sie also sterben.

Nein, muß sie nicht, es gibt noch eine Möglichkeit, ihr Leben zu retten! Die nächtliche Heimfahrt per Schiff verbringen der Prinz und seine Braut, wie es sich für Neuvermählte geziemt, während die kleine Meerjungfrau traurig an der Reling steht und ins Meer hinabstarrt. Da tauchen ihre Schwestern auf und reichen ihr einen Dolch hin, den sie von der Meerhexe mit ihrem ehemals wallenden Haar erkauft haben. Damit müsse sie den untreuen Prinzen töten, dann könne sie als Meerjungfrau zurückkehren in ihr altes Leben und müsse nicht sterben. Das jedoch bringt die Gute nicht übers Herz und schleudert den Dolch ins Meer. Dann geht die Sonne auf, und die kleine Meerjungfrau stürzt sich ins Meer – –

Doch so richtig tot ist sie nicht. Denn um sie herum schweben nun glasähnliche Wesen, die sich ihr als Töchter der Luft zu erkennen geben. Und, juhuu! sie können eine unsterbliche Seele sich verdienen durch gute Taten. Zu ihnen also gehört sie nun; wir dürfen davon ausgehen, daß sie sich ihre Seele verdient hat, aber darüber schweigt sich der Dichter aus.

Es vermag uns nicht zu überraschen, daß sich dieses Buch im Set 5960 finden läßt, denn das ist nun eben das Schloß des Meerkönigs, erschienen im Andersen-Jahr 2005.