Buch der Woche: Das Buch der Monster.

11. Februar 2016

Dem geneigten Leser mag aufgefallen sein, daß ich bisweilen (= immer) Lego-Büchern, in denen nichts drinsteht, einen Bezug zu einem Buch in der wirklichen Welt hinzugesponnen habe. Nicht wahr? Nun, dieses Mal ist der Fall anders gelagert. Heute steht das „Buch der Monster“ auf dem Büchertisch. Und dieses Lego-Buch ist in der Tat das „Buch der Monster“.

Doch vorweg noch schnell eine Bemerkung zum Buch an sich, denn Lego hat seine Buchbindetechnik revolutioniert. Seit 1997 hatte es im Rahmen von Legos Scala-Serie Klappbücher aus Weichplastik gegeben, unterschiedlich beaufklebert, welche späterhin auch in der Belville- und noch später auch in der Minifig-Welt Verwendung fanden. Als die Zauberlehrlinge der Hogwarts-Schule mit diesen Folianten hantieren sollten, wurde schon klar: Diese Schwarten sind für Minifigs eigentlich zu groß.

Dieses neugestaltete Buch ist immer noch ein veritabler Kodex, nämlich ein „Block“ in den Händen einer Minifigur, aber es ist durchaus handlicher. Was nicht nur an der verringerten Größe liegt, sondern vor allem an der Griffkante. Das neue Buch besteht nicht mehr aus biegsamem Weichplastik mit Sollknickstelle, sondern aus legoüblichem ABS* und aus zwei Teilen. Der Deckel läßt sich also weiterhin aufklappen, und im Innern kann auf zwei Noppen eine 1×2-Fliese geklemmt werden, die dann die beschriebenen oder bedruckten Seiten darstellt. Im vorliegenden Buch frißt sich freilich das Monster Burnzie durchs Pergament.

*) Acrylnitril-Butadien-Styrol

Denn das „Buch der Monster“ ist die Hauptfigur der gegenwärtigen Lego-Serie Nexo Knights. Der trottelige Hofnarr Jestro hat es aus des Zauberers Merlok Bibliothek befreit, wohinselbst dieser es sicherheitshalber verbannt hatte, weil es so gefährlich war. Im Rahmen dieser Befreiungsaktion sprengte sich Merlok zauberns in die, wie er dachte, Luft, landete jedoch im Cyberspace und ist jetzt ein Hologramm mit dem Namen Merlok 2.0. Jaja, in einer Kinderserie gilt das als Logik. Jedenfalls vollzog sich darob in Knightonia ein unfaßbarer Technologiesprung; drum: die Nexo Knights. Wie auch immer.

Das Buch will jedenfalls Rache, Macht und alles; und Jestro soll ihm dies verschaffen. Als Buch der Monster ist es voller Monster, welche sich in die Realität der Lego-Geschichte materialisieren lassen, und die, wenn die wackeren Nexo-Ritter sie besiegt haben, auch wieder ins Buch zurückkehren. Im ersten Jahr der Serie sind es Lava-Monster, die durch die Sets heizen, aber das Buch beherbergt auch Wald-Monster und See-Monster. Woher ich das weiß? Welche Informationsfülle kann schon auf einer 1×2-Fliese im Innern eines Buches in Minifiggröße enthalten sein? Genau, kaum was. Darum hat Lego dieses Buch auch als richtiges Buch gedruckt.

Die blaue Banderole kann entfernt werden. Die Fiesigkeit des Buches zeigt sich schon am Inhaltsverzeichnis, denn dieses will den Leser/die Leserin (ohne Binnen-I) verwirren mit willkürlichen Kapitelangaben und willkürlichen Seitenzahlen. „Hahaha! Das ist nicht mal ein richtiges Inhaltsverzeichnis“, wer hätte das gedacht. Um diese erschröckliche Monsterattitüde etwas abzumildern, hat Merlok „handschriftliche“ Erklärungsversuche eingetragen. Neben diesen Beispielen absurden Humors, der mir durchaus zusagt, bietet das Buch aber tatsächlich auch Charakterbeschreibungen und Steckbriefe von Monstern, wie der Titel ja andeutet. Und eben nicht nur von Lava-Monstern, die wir schon aus den derzeitigen Lego-Sets kennen, sondern auch von Monstern, die wir wohl in späteren Jahren erwarten dürfen, ist „Nexo Knights“ doch Legos neue Action-Sammel-Feature-Serie mit Ausbaupotenzial.

Das Buch ist schön illustriert in Wasserfarboptik, wie es für ein Kinderbuch angemessen ist, und es ist ordentlich gebunden mit festem Einband. Der bloße Umstand, daß Lego ein solches Buch zur Serie veröffentlicht, vermag mich zu begeistern und hat mich letztlich dazu bewogen, die Nexo-Knights-Serie bei ℜittersets.de aufzunehmen, obwohl das alles mit Rittern ja wenig zu tun hat.
Bedenkenswert ist dennoch dieses: Die Guten in der Geschichte sind die Nexo-Ritter, welche mit Cyberzeugs und Computern operieren, und auch das Spiel zur Serie ist ein Handy-Spiel mit Web-2.0-Features. Das schöne Buch, oldschoolmäßig in Schweinsleder gebunden und mit Wasserfarben bebildert, ist der Böse, und natürlich wird es am Ende verlieren. Welche Botschaft wird den Kindern also vermittelt? Bücher sind doof, haltet euch ans Handy. Oder wie?

Die Schnittstelle zwischen realer Welt und Cyberspace (Gibt es dieses Wort überhaupt noch? Oder ist das inzwischen auch schon sooo 20stes Jahrhundert?) stellt übrigens die Nexo Power „Schwarzer Klecks“ dar, die sich im Klappentext der Banderole finden läßt. Oder hier:

Derevlany, John/Hoffmeier, Mark: „Das Buch der Monster“. München, 2016.
Deutsche Übersetzung von Christine Spindler.
HC, 100 Seiten, €18.


Verpaßt: Tag der Bibliotheken.

25. Oktober 2014

Der war nämlich gestern.

So lagern bei mir all die beaufkleberten und bedruckten Klappbücher, die bisweilen hier ..naja.. rezensiert werden. Schon lange keins mehr, fällt mir gerade auf.

Bücher spielten in meinem Lego-Leben spätestens eine Rolle, seit ich den entsprechenden Aufkleber aufs Fachwerkhaus des Sets 1592 klebte. Das war vor 30 Jahren im März. Gemäß der damaligen Minimalismus-Strategie im Hause Lego enthielt der Buchladen freilich keinerlei Buch. Auch nichts, was abstrakterweise einem Buche hätte gleichkommen können. Nur eine Kasse. Lego war also offenbar immer schon mehr am Gelde denn an Büchern interessiert. Wie dem auch sei. Später baute ich natürlich gerne private Handbibliotheken in Behausungen von Minifigs ein:


Greisbarts Bibliothek


Albironas Bücherecke


Gronlifs Handapparat


Borrhos’ Buchregal

Zur Bibliothek des nicht näher benamsten Klosters im „Namen der Rose“ ist der Zugang leider zunächst erschwert, und später (ohne jetzt allzuviel vorwegnehmen zu wollen, falls tatsächlich jemand den Inhalt des Romans nicht kennt, etwa!?) verunmöglicht:

Bücher sind toll. Und wenn nichts drinsteht, lese man etwas hinein!


Buch der Woche: Schülerduden Mathematik

10. Juli 2013

Jüngst hatten wir es ja schon von der zwölfbändigen Duden-Reihe, schieben wir also noch rasch den Vertreter eines anderen Ablegers des Dudenverlags hinterher. Die Schülerduden-Reihe beschäftigt sich nicht nur mit Sprache, sondern mit so mancherlei, was eben Schülern möglicherweise als Lernfach vorgesetzt wird, unter anderem also auch mit der Mathematik. Diese war nie meine Lieblingsdisziplin; bin ich einfach zu doof für. Wäre ich zu doof gewesen für Orthographie, was ich nicht war, hätte ich Legasthenie bzw. eine Lese- und Rechtschreibschwäche als Entschuldigung für meine mäßigen schulischen Leistungen in diesem Bereich vorschieben können. Allein, Matheversager genießen dieses Privileg nicht. Glücklicherweise stieß ich zumindest bei meinen Eltern auf Verständnis, wofür ich ihnen sehr dankbar bin. Eine „4“ in der Klassenarbeit reichte aus, wie der Name „ausreichend“ ja auch sagt. In der Grundschule hatte ich noch keine größeren Probleme, wenngleich ich immer schon langsam rechnete, über eine „2“ auf dem Zeugnis nie hinauskam und nur ein einziges Mal eine „1“ in einer Klassenarbeit mit nach Hause brachte, und das bezeichnenderweise in einer Arbeit über Textaufgaben.

Doch auf dem Gymnasium zeigte sich dann meine Unfähigkeit zum mathematischen Denken. Erschwerend hinzu kamen zwei Faktoren: Erstens wurde ich immer kurzsichtiger. Hatten früher Augenknibbeln und aufmerksames Zuhören noch ausgereicht, um dem Unterrichtsstoff folgen zu können, bekam ich jetzt bloß noch die Hälfte mit und notierte gleich in der ersten Mathearbeit in der Sexta alles total falsch. Diesem Manko konnte alsbald durch eine Brille abgeholfen werden. Schlimmer wog der zweite Faktor, denn ich war natürlich der Classenclown. Von mir für witzig gehaltene Bemerkungen zu allem und jedem vermochten zwar für Erheiterung unter den Klassenkameraden zu sorgen, nicht jedoch beim Mathelehrer. Diesem stand das Rachemittel „Verhungernlassen an der Tafel“ zur Verfügung, wovon er auch kaltlächelnd Gebrauch machte. Für die Mathematik begeisterte er mich dadurch nicht. Ich mache ihm nicht mal den Vorwurf, daß er schlecht und wenig erklärte und vor allem seine begabten Favoriten in der Klasse förderte, denn Erklärungen hätten mir sowieso meist nicht weitergeholfen. Ich konnte mir diesen ganzen Scheiß einfach nicht merken, und vor allem bauten sich in meinem Gehirn keine automatisierten Gedankenverknüpfungen auf, so daß ich mir jedesmal während einer Klassenarbeit alles wieder mühevoll (und nicht selten fehlerhaft) herleiten mußte, also viel Zeit verlor.

Darob hielt man es für schlau, mir den Schülerduden Mathematik zu schenken, auf daß ich mit seiner Hilfe einen Zugang zu Algebra und Geobra… Halt, nein, das ist Playmobil. War aber natürlich sowieso vergebliche Liebesmüh’. Und jetzt gibt es ein Mathebuch auch noch von Lego:

Die Schüler der Herzsee-Oberschule 41005 finden aber Mathe wohl auch nur mäßig spannend. Denn laut Bauanleitung soll man ins Mathebuch ein Liebesbriefchen legen, was natürlich viel wichtiger ist als die olle Rechnerei. Es steht sowieso nicht viel drin im Buch. Anders als bei den thematischen Vorgängerserien zu den Friends, nämlich Belville und Scala, spendiert Lego dieser Tage den Büchern keine Aufkleber fürs Innere. Und damit ist auch alles gesagt.


Buch der Woche: Der Duden in 12 Bänden.

11. Mai 2013

Für die komplette Duden-Reihe reicht der Büchertisch nicht aus, so daß wir auf den Küchentisch ausweichen müssen. Ein „Duden in 9 Bänden“ hätte gepaßt. Aber macht ja nichts.

Konrad Duden war offenbar ein Perfektionist und ein Nerd. Ihm, der er Gymnasiallehrer war, ging es auf den Zwirn, daß es im deutschen Sprachraum keine einheitliche und überall gültige Rechtschreibung gab. Gab’s nämlich nicht. Ganz früher sowieso nicht; im Mittelalter wurde Sprache vor allem gesprochen, daher der Name. Wer sich gezwungen sah, etwas aufzuschreiben, suchte sich die verfügbaren Buchstaben so zusammen, daß sie die Lautgestalt des zu schreibenden Wortes seiner Meinung nach erkennbar wiedergaben. Da aber die Lautgestalt der Wörter in den verschiedenen Gegenden des deutschen Sprachraums deutlich voneinander abwich, sahen auch die geschriebenen Wörter je nach Schreiber ganz unterschiedlich aus. Wenn also ein Mönch im Hochstift Fulda verstehen wollte, was ein Mönch in St. Gallen geschrieben hatte, mußte er sich den Text laut vorlesen, um zu hören, was da geschrieben stand. Und verstand es möglicherweise dennoch nicht, weil die deutsche Sprache sich ja in unzählige Dialekte und Varietäten gliedert.

Nun, dank Lutherbibel, Buchdruck und allgemein mehr verbreiteter Schriftkultur sah die Situation im 19ten Jahrhundert nicht mehr ganz so verworren aus. Die Grammatik war weitgehend einheitlich, die Orthographie eigentlich auch. Aber Unterschiede gab es nach wie vor, und amtlich war die Rechtschreibung sowieso nicht. Und das, obwohl ganz Deutschland (ohne Österreich) seit 1871 in einem Kaiserreich vereinigt war. Für Konrad Duden war das ein untragbarer Zustand, weshalb er 1880 ein „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ herausgab, mithin den ersten „Duden“. Erst im Jahre 1901 wurde auf Grundlage von Dudens Wörterbuch für das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn eine einheitliche deutsche Rechtschreibung erarbeitet und verbindlich. Seitdem war der Duden „maßgebend in allen Zweifelsfällen“. Das blieb er auch in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR, die das Glück hatte, daß der Urduden im Bibiliographischen Institut in Leipzig erschienen war. West-Duden und Ost-Duden unterschieden sich vor allem in vielen Worterklärungen, die vor allem in der DDR nicht das ideologische Konzept konterkarieren durften. Ein Mythos ist freilich, daß das Stichwort Engel im DDR-Duden mit „Jahresendflügler“ erklärt worden sei, um einen Gottesbezug zu vermeiden. Korrekterdings wurde es mit „grch. → lat. ,Bote‘“ erklärt, wohingegen der West-Duden auf jegliche Erklärung zum Stichwort Engel verzichtete.

Seit 1996 ist der Duden nicht mehr maßgebend, denn mit der Rechtschreibreform wurde auch sein Quasimonopol zugunsten von anderen Wörterbüchern wie Pons und Langenscheidts aufgehoben. Seither gibt es eine amtliche Rechtschreibung, die vom Duden lediglich noch wiedergegeben wird. Wer privat schreibt, braucht sich natürlich an keinerlei Rechtschreib- und Grammatikregeln zu halten, muß allerdings in Kauf nehmen, für blöd gehalten zu werden.

So, und warum jetzt 12 Bände?

• Band 1: Die deutsche Rechtschreibung. Das ist natürlich „der Duden“ schlechthin.
• Band 2: Das Stilwörterbuch. Gemäß Untertitel „grundlegend für gutes Deutsch“. Das steht seit fast 20 Jahren bei mir herum, aber ich habe kaum dreimal hineingesehen.
• Band 3: Das Bildwörterbuch. Hier werden Gegenstände aus allen Lebensbereichen in schematischen Zeichnungen dargestellt und viele Einzelheiten erklärend benannt. Sinnvoll für jeden, der immer schon mal wissen wollte, wie zum Beispiel die weißen und schwarzen Dinger der Klaviatur heißen. Aha, das sind die Tasten!
• Band 4: Die Grammatik. Die Duden-Grammatik erklärt sehr gut den Aufbau der Sprache, ausgehend von der Lautstruktur und der Betonung, über die Buchstaben und die Schriftstruktur der Wörter, über die Wortarten, hin zu Wortbildung und Wortschatz, um schließlich im ganzen Satz zu endigen.
• Band 5: Das Fremdwörterbuch. Hier sind Fremdwörter keine Glückssache.
• Band 6: Das Aussprachewörterbuch. Das muß ich wohl an meine Exfreundin verliehen haben, denn wie ich soeben feststelle, fehlt es im Regal. Muß ich halt weiternuscheln.
• Band 7: Das Herkunftswörterbuch behandelt die „Etymologie der deutschen Sprache“. Durch die Rechtschreibreform wurde einiges verschoben. Seither könnte man meinen, „einbleuen“ hätte was mit „grün- und blauschlagen“ zu tun, denn nun wird es mit ä geschrieben. Pikanterweise schreibt der Duden: „Das vom Sprachgefühl meist zu ‘blau’ gestellte Verb […] hat mit ‘blauen’ Flecken nichts zu tun.“ Ja, ihr Arschlöcher, warum habt ihr dann die Schreibweise geändert? (Na gut, das ist nur ein eigentlich unbedeutendes Wort, aber es ist symptomatisch für die Bescheuertheit der Rechtschreibreform insgesamt.)
• Band 8: Die sinn- und sachverwandten Wörter, also das „Synonymwörterbuch der deutschen Sprache“. Nutzbar, wenn man mal ein anderes Wort für „Gesicht“ verwenden will. Band 8 schlägt dann Synonyme vor, die von „Antlitz“ und „Physiognomie“ zu „Fresse“, „Fratze“ und „Arsch mit Ohren“ reichen. Sehr gewissenhaft.
• Band 9: Richtiges und gutes Deutsch. Dieser Band scheint inhaltlich verwandt zu sein mit Band 2, dem Stilwörterbuch. Ist er auch. Allerdings werden hier auch Zweifelsfälle geklärt, die nicht unmittelbar mit dem Sprachstil oder der korrekten Schreibung eines Wortes zu tun haben, sondern eben vor allem Zweifelsfälle sind. Ein ziellos aus dem aufgeschlagenen Buch herausgepicktes Beispiel: „Obmann: Das Wort hat zwei Pluralformen: die Obmänner und die Obleute. Wenn Männer und Frauen gleichzeitig gemeint sind, heißt der Plural die Obleute.“ So was halt.
• Band 10: Das Bedeutungswörterbuch. Dieses befaßt sich mit Wortbildung und Wortschatz. Erklärt werden nicht nur ganze Wörter, sondern vor allem auch einzelne Wortbestandteile, die man als solche nicht im Wörterbuch (Band 1) fände.
Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten. Was muß, das muß.
Zitate und Aussprüche. Eine Liste von geflügelten Worten, Bonmots und Aphorismen, gesammelt aus Werken der klassischen Antike, der Bibel, Werbung, Film und Fernsehen.

Das sind die 12 Bände. Sie machen sich in ihrer Vielfarbigkeit dekorativ im Buchregal. Die Lego-Version folgt nicht exakt der farblichen Aufteilung in der Wirklichkeit und ist über allerhand Sets verteilt – wenn man jeweils die vorgesehenen Aufkleber wegläßt.


Buch der Woche: Das Voynich-Manuskript

28. März 2013

Rätsel der Menschheit! Jedenfalls desjenigen Teils der Menschheit, der sonst keine Sorgen hat; das sind also im Wesentlichen wir Insassen der westlichen Welt, die wir Zeit und Energie haben, uns mit irgendwelchem Gedöns zu beschäftigen, welches nicht vorrangig dem Erhalt des eigenen Lebens bzw. dem der Familie dient. Heutzutage. Einer ihrer Insassen hatte vor über hundert Jahren freilich noch Sorgen, betreffend die Befreiung Polens von der russischen Herrschaft: Wilfried Michael Voynich. Seine Beteiligung an antizaristischen Aktionen brachte ihm Festungshaft und Verbannung nach Sibirien ein, abenteuerlicherweise gelang ihm die Flucht, er konnte sich nach London absetzen und, eigentlich studierter Chemiker und Apotheker, dortselbst ein Antiquariat eröffnen, mit Filialen in Paris, Florenz und Warschau. Gerüchteweise diente dieses Geschäft nicht bloß dem Sammeln und dem Verkaufen seltener alter Bücher, sondern auch und vor allem der Verbreitung revolutionärer Schriften und der Beschaffung von Geldmitteln für den Freiheitskampf.

Ernsthafter Antiquar war er aber jedenfalls auch. Und so stöberte Voynich im Jahre 1912 in einem Jesuitenkolleg nahe Rom ein Manuskript auf, das fortan seinen Namen tragen sollte. Mithin das Voynich-Manuskript. Dieses Manuskript, dessen Entstehung Experten aufgrund der Beschaffenheit von Pergament und Tinte auf die Zeit um das Jahr 1500 datieren, ist eben rätselhaft. Denn niemand weiß, was eigentlich drinsteht. Der Bibliothekar der amerikanischen Yale-Universität weiß es auch nicht. Dorthin gelangte das Buch nach Voynichs Tod, der in den USA stattfand, denn 1914 war er nach New York gereist, um eine Filiale seines Antiquariats zu eröffnen, und dortselbst hängengeblieben.

Der jetzige Verbleib des Manuskripts ist also eindeutig, annähernd alles andere ist unklar. Wer hat es geschrieben? In welcher Sprache ist es abgefaßt? Wieso ist die Schrift, so regelmäßig und genormt sie auch erscheint, nicht zu entziffern? Worum handelt es sich überhaupt? Wer waren die Vorbesitzer? Zumindest ein Name eines möglichen früheren Besitzers wurde auf der ersten Seite identifiziert, der eines böhmischen Chemikers und Hofpharmazeuten, Anfang des 17ten Jahrhunderts. War er der Inhaber oder lediglich Sachverständiger, beauftragt vom eigentlichen Besitzer, der den Schinken auch schon nicht lesen Konnte? Und handelt es sich bei diesem um den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches höchstselbst? Die Spekulationen schießen ins Kraut, genährt durch einen Brief, der zusammen mit dem Manuskript aufgefunden wurde, aber ebenfalls nur Vermutungen und Andeutungen enthält.

Lediglich die reichhaltigen Illustrationen liefern Hinweise, geben ihrerseits jedoch Rätsel auf. Immerhin lassen sich anhand der Bilder Themengebiete erschließen, die eventuell im Codex behandelt werden: Kräuterkunde und Pharmazie, Anatomie und Heilkunde sowie Astronomie und Kosmologie.

Alles in allem also irgendwelcher alchemistischer Blödsinn. Oder aber knallharte Fakten auf dem neusten Stand der Wissenschaft, wie ihn halt die oberitalienischen Universalgelehrten der Frührenaissance vorfanden und geheimbündnerisch und kryptologisch verschlüsselten, damit auch ja niemand hinter ihre Geheimnisse käme, denn Wissen ist Macht.

Deutungsversuche gab es etliche, bisher war wohl jedoch noch keiner darunter, dem allgemein genügend Plausibilität zuerkannt wurde, um das Geheimnis für gelöst zu erklären. Eine These ist, daß Voynich sich das Manuskript selbst gefälscht habe; als Chemiker und Apotheker hätte er sicherlich sowohl die inhaltlichen Kenntnisse als auch die technischen Fähigkeiten besessen, dies zu tun, verbunden mit einem generellen Interesse an alten Büchern. Doch wozu?
Lego macht es sich da einfacher. Sie schreiben die Autorenschaft einer guten Fee zu, die im Set 5825 mit dem Buch arbeitet. Das ist bis jetzt die sinnvollste Erklärung.


Buch der Woche: Die Bibel

14. Februar 2013

Daß ausgerechnet die Firma Lego eine Bibel drucken und diese in der Höhle des Trollkönigs 79010 verstecken würde, kann nur mit der Mysteriösität erklärt werden, in welcher sich bisweilen die Wege des Herrn offenbaren. Intime Kenner des Werkes von J. R. R. Tolkien, dem Schöpfer der Hobbit-Welt, mögen hingegen weniger verwundert sein, wissen sie doch, daß der Autor sehr gläubig war und seine eigene Religiösität in die Erschaffung von Arda, Mittelerde und dem ganzen mythologischen Überbau einfließen ließ.

Jedenfalls, die Bibel. Das Buch der Bücher, denn altgriechisch βιβλίον bedeutet im übertragenen Sinne „Buch“, davon die lateinische Fehlschreibung biblia, eigentlich der Plural von biblion, und schon war’s geschehen. Der Titel der Lutherbibel verkündete demzufolge: „Biblia: Das ist: die gantze Heilige Schrifft“, und wo jetzt schon Volkes Maul maßgeblich für die deutsche Textgestalt war, wurde daraus irgendwie „Bibel“ verballhornt.

Jedenfalls, die Bibel. Das Wort Gottes, sagen die einen. Eine getreue Chronik der Weltgeschichte, sagen dieselben. Für andere ist die Bibel immerhin ein Abriß der Kulturgeschichte im vorderen Orient, und noch ganz andere bezeichnen sie abschätzig als Märchenbuch. So weit würde ich nicht gehen.

Davon ausgehend, daß es zu der Zeit, da die Bibel spielt und das Alte Testament aufgezeichnet wurde, sehr viel weniger Menschen gab, kommt jedem einzelnen dieser Menschen eine größere Bedeutung zu. Familien waren Großfamilien und konnten als Völker gelten, die auf der Suche nach Weidegründen umherzogen, bis sie schließlich seßhaft wurden. Das Wissen war begrenzt, vieles war nicht ohne Weiteres erklärbar, so daß es nahelag, die Existenz eines oder eben mehrerer Götter anzunehmen, die kraft der ihnen innewohnenden Macht Dinge geschehen ließen.

Vor diesem Hintergrund ist es geradezu erstaunlich, wie exakt zum Beispiel der Schöpfungsbericht ist. Na gut, sechs Erdentage mag es nicht gedauert haben, aber da tausend Tage vor Gott wie der Tag sind, der gestern vergangen ist (und wie eine Nachtwache, Psalm 90), kann man sicher die 1000 Tage auch durch 1 Mrd. Jahre ersetzen, und schon paßt es irgendwie. So oder so ist die Reihenfolge der Schöpfungsgeschichte schlüssig. Die Bibel fängt vorne an, also tun wir das jetzt auch mal:

Erster Tag:

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ – Urknall, es vergehen einige Hunderttausend, Millionen und Milliarden Jahre, Materie ballt sich zusammen, reißt Lücken. Im Raum, dem Nichts, bilden sich Inseln aus Material, unter anderem die Erde.

„Und die Erde war wüst und leer, und es war finster in der Tiefe.“ – Na, davon kann man ausgehen, daß es auf der Erde kurz nach ihrer Entstehung wüst aussah.

„Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ – Der Staub in der Atmosphäre wurde feiner und weniger dicht, das Licht der Sonne konnte durchdringen.

„Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.“ – Naja, gut. Das ist natürlich aus der Sicht von jemandem gesprochen, der sich auf der Erde an einem bestimmten Ort befindet. Irgendwo auf dem Planeten ist ja immer Tag und zur selben Zeit an einem anderen Ort dann Nacht.

Zweiter Tag:

„Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. Und Gott nannte die Feste Himmel.“ – Rätselhaft. An dieser Stelle versagt mein Vorstellungsvermögen, was da mit „Feste“ gemeint sein soll, welcher Himmel gemeint ist (der ..äh.. Wohnsitz der Engel? Der Luftraum oberhalb der Erdoberfläche? Vermutlich das Firmament.), und wo darüber noch Wasser sein soll. Ist dies vielleicht ein Hinweis darauf, daß das Wasser von außerhalb also oberhalb des Firmaments, nämlich aus dem Weltraum per Kometen und Meteoriten, auf die Erde gelangt ist, wie die Wissenschaft heute annimmt?

Dritter Tag:

„Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, daß man das Trockene sehe. Und es geschah so. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer.“ – Soweit plausibel.

„Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume auf Erden, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist. Und es geschah so.“ – Die Einzeller verschweigt der Schöpfungsbericht, vermutlich aus Mangel an optischem Gerät.

Vierter Tag:

„Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, daß sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.“ – Hm. Erst wird es Licht, dann sprießen die Bäume, und dann endlich erscheinen Sonne, Mond und Sterne? Erklärbar, falls man das so nennen soll, würde dies nur, wenn zuvor die Atmosphäre zu verstaubt gewesen war, um den Urheber des ja bereits am ersten Tage gewordenen Lichts zu erkennen, die Sonne halt. Daß der Mond keine eigene Lichtquelle darstellt, sondern nur das Licht der Sonne reflektiert, war den Verfassern dieses Berichts offenbar noch nicht klar. Aber jedenfalls ist es seither möglich, die Zeit gemäß dem Stand der Sterne eindeutig einzuteilen. Dies hinwiederum läßt die Identifikation der Schöpfungstage mit Erdentagen zweifelhaft erscheinen, denn wie soeben festgestellt, fand die Einteilung der Erdentage erst ab dem vierten Schöpfungstag statt, die Schöpfungstage aber bereits seit deren erstem.

Fünfter Tag:

„Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. Und Gott schuf große Walfische und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art.“ – Jaja, Wale sind keine Fische, wir wissen’s. Der Autor des Schöpfungeberichts oder auch der Übersetzer wußten es nicht. Geschenkt. Aber das Leben kommt aus dem Wasser, soweit richtig. Richtig auch, daß die Eierleger, also zum Beispiel die Vögel, vor den Säugetieren existierten. Überdies sind die Vögel die Nachfahren der Dinosaurier, welchen in neuerer Zeit auch gerne mal ein Federkleid angedichtet wird. Die Dinos tauchen somit indirekt im Schöpfungsbericht auf, aber die Urheber des Berichts bekamen diese naturgemäß nie zu Gesicht, höchstens als freigewaschenes Fossilienskelett.

Sechster Tag:

„Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm, und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so.“ – Nach dem Leben im Wasser ensteht das Leben auf dem Land. Diese Reihenfolge würde keiner bezweifeln. Interessant ist die Einteilung in „Vieh“, also diejenigen Tiere, die direkt dem Menschen nützlich sind, „Gewürm“, also das ganze niedere Leben, und „Tiere des Feldes“, womit sicher nicht bloß Hasen und Hamster gemeint sind, sondern all die Tiere, die so frei umherstrolchen.

„Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib.“ – Am sechsten Tage also schuf Gott den Menschen, ganz kurz nach den Säugetieren, nicht etwa wurde ihm die Ehre zuteil, an einem eigenen Tag geschaffen zu werden. Der Mensch ist also klar dem Zeitalter der Säugetiere zuzurechnen, die Krone der Schöpfung bloß insofern, als zum Schluß erschaffen und intelligent genug, sich die Erde untertan zu machen. Und richtig, nach uns kam nichts mehr.

Das waren die sechs Schöpfungstage. Woher die Menschen vor 5000 Jahren das alles schon so ..äh.. genau wußten, ist rätselhaft. Vielleicht waren sie ja schlauer und kenntnisreicher, als wir annehmen, und sie machten sich aufgrund ihrer Beobachtungen die richtigen Gedanken. Die Story mit dem aus einem Erdklumpen geformten Adam, der aus seiner Rippe geschnitzten Eva und dem Sündenfall folgt dann in einem gesonderten Bericht.

Jedenfalls, die Bibel. Schon deren erste Geschichte, die wir gerade etwas auseinandernahmen, sorgt für Zwist. Menschen, genannt Kreationisten, würden dafür töten, daß dieser Schöpfungsbericht wörtlich genommen wird. Als ob es darauf ankäme! Dafür wird das Gebot „Du sollst nicht töten!“ dann großzügig zu den eigenen Gunsten interpretiert. Wie man’s braucht, woll? Den sogenannten evangelikalen Christen ist das Evangelium, also das Neue Testament, so scheint’s, auch weniger wichtig als einzig das erste Buch des Alten Testaments. Das Wirken Jesu? Egal, Hauptsache die Evolutionstheorie wird nicht Schulstoff. Hamdiesenochalle?

Die Bibel. Ein gefährliches Buch. Zweieinhalb Weltreligionen berufen sich auf sie, und jeder liest in sie hinein, was ihn nützlich deucht. Gegenmeinungen werden nicht akzeptiert, da die jeweils eigene Interpretation natürlich als durch Gott höchstselbst „inspiriert“ reklamiert wird, sich somit jeder vernünftigen Argumentation entzieht. Zum Kotzen ist das.

Meine eigene kecke Meinung, selbstverständlich auch durch den Heiligen Geist inspiriert, ist, daß dem Schöpfungsbericht selbst die Idee der Evolution innewohnt: „Die Erde bringe hervor“, steht da. Wenn das nicht die Beschreibung eines evolutionären Prozesses ist! Ihr Rechtgläubigen, überlaßt es doch bitte eurem Gott, auf welche Weise er seine Schöpfung vollzieht!

Davon abgesehen ist die Bibel aber ein wirklich unterhaltsames Buch, das hiermit zur kritischen Lektüre empfohlen sei!