Sinnlose Fußball-Gesten: Den Arm heben und zum Unparteiischen gucken.

30. Juni 2021

Ein Spieler spielt den Ball ins Aus. Er hebt den Arm und blickt zum Linienrichter. Was zum Henker* denken die eigentlich immer, geschieht dann? Der Linienrichter läßt sich von der Geste überzeugen, der anderen Mannschaft den Einwurf nicht zuzusprechen? Wie oft hat dieser Trick je funktioniert? Und haben die Spieler noch nicht gecheckt, daß 30 TV-Kameras auf sie gerichtet sind? Also weißte!

*) Und natürlich auch zur Henkerin. Henkerinnen und Henker sind eine marginalisierte Berufsgruppe in unserer Gesellschaft.


110.

19. Dezember 2019

Heute auf den Tach vor einhundertundzehn Jahren, am 19ten Dezember 1909, entschieden sich im Dortmunder Norden einige widerborstige Rabauken der Jünglingssodalität „Dreifaltigkeit“, einen Fußballverein zu gründen, weil ihr Dekan dem Fußballsport so rein gar nichts abgewinnen konnte und dergleichen Proletengedöns in seiner Kirchengemeinde nicht tolerieren wollte. Und hastenichgesehn war der Ballsportverein Borussia 09 aus der Taufe gehoben, ohne jedoch Kirchenmitglied zu sein. Die Kurie was not amused.

Keine 90 Jahre später, nämlich bereits am 1sten September 1999, entschied ich mich, diesem Verein beizutreten. Vielleicht entschied ich aber auch bereits vorher, und am 1sten September wurde lediglich die Mitgliedschaft wirksam. Über die Beweggründe zum Beitritt kann ich im Rückblick nurmehr spekulieren. Nach den Meisterschaften 1995 und 1996 sowie dem Gewinn der Champions League 1997 verliefen die folgenden Saisons nicht gar so erfolgreich, der Trainer wurde gewechselt, die Mannschaft wurde planlos zusammengestellt, und der Verein machte vor allem dadurch von sich reden, daß er den Börsengang vorbereitete, welcher am Tag nach dem Weltspartag 2000 erfolgen sollte und fünf Jahre später schon fast den Konkurs des BVB bedeutet hätte. Das konnte ich im Spätsommer des Jahres 1999 also noch nicht wissen. Wie dem auch sei, seit 20 Jahren zahle ich da Mitgliedsbeitrag, was mir seinerzeit gewisse Vorteile versprach. Vor allem haben Mitglieder ein Vorkaufsrecht für Eintrittskarten. Mit der Mitgliedsnummer 73287 und einem Fassungsvermögen des Westfalenstadions, das in jener Zeit durch Tribünenerweiterungen nach und nach auf über 80000 Zuschauer gesteigert wurde, standen also die Chancen gar nicht so schlecht. Inzwischen verzeichnet der Verein allerdings über 150000 Mitglieder, und das Vorkaufsrecht ist längst keine Garantie mehr dafür, Karten zugeteilt zu bekommen. Einmal jedoch hatte ich Glück und gewann zwei Karten fürs Pokalfinale 2008, wobei „gewinnen“ nicht bedeutet, daß ich sie umsonst bekommen hätte, neenee. Verloren wurde außerdem das Spiel.

Mathe-Genie, das ich bin, dachte ich: 1999 bis 2019 – das sind 20 Jahre. Also habe ich wohl 20 Mitgliedsausweise. Es sind aber 21, und das macht mich fassungslos.

Wie man sieht, war der Mitgliedsausweis zunächst ein schmuckloses Stück laminierte Pappe mit nachlässig eingedruckten Daten. Im Jahre 2001 wurde aus mir nicht einsichtigen Gründen diesen Daten das Geburtsdatum des Ausweisinhabers beigefügt, aber dieses unachtsamerweise mit dem Datum des Vereinseintritts gleichgesetzt, ein Fehler, der im Folgejahr korrigiert wurde. In den Jahren 2003, 2004, 2005 und 2006 schmückte die Karte das frisch ausgebaute und neugestaltete Westfalenstadion, das im Dezember 2005 freilich in „Signal Iduna Park“ umbenannt wurde. Auch auf dem 2006er Ausweis kann man aber noch den Namen „Westfalenstadion“ auf dem Bild erahnen. Ich bin eh der Ansicht, daß der mit Sponsorengeld finanzierte Signal-Iduna-Park die Grünfläche im Westfalenstadion ist. Meinetwegen soll der Rasen so heißen, wenn die Versicherung die Gärtner bezahlt.

In den Jahren 2007 und 2008 wurde der Vereins- oder Kommanditgesellschaft-auf-Aktienbasis-Führung die Verwendung des Westfalenstadion-Bildes wohl zu heikel, und das Design wurde auf schlichtes schwarz und gelb geändert, welches schließlich zum besonderen Jubiläumsdesign 2009 führte. Ab dem Jahr 2010 schließlich werden auf dem Kärtchen historische Mannschaftsbilder gezeigt, seit 2011 im gegenwärtigen Corporate-Identity-Design. Die doch einigermaßen reichhaltige Titelliste des BVB würde es erlauben, diese Siegermannschaften in den jeweiligen Jubiläumsjahren zu ehren, aber auf diesen Trichter kamen die Designverantwortlichen auch nicht von Anbeginn. Die 2010er Karte zeigt ein Bild von 1913; 2011 ist die Meistermannschaft 1957 zu sehen; 2012 die Sieger des Europapokals der Pokalsieger 1966, die erste deutsche Mannschaft, die einen Europapokal gewann; 2013 die Meistermannschaft von 1956, welche die ein Jahr jüngere, ansonsten aber identische Mannschaft von 1957 ist, ein einmaliges Kuriosum in der deutschen Fußballgeschichte; 2014 sehen wir den Deutschen Meister 1963, mithin die letzte Meistermannschaft vor Einführung der Bundesliga; 2015 schließlich haben wir den Pokalsieger von 1965 im Bild, übrigens als erste Mannschaft mit der damals neu geschaffenen und bis heute verwendeten Trophäe; 2016 schaffte es abermals der Europapokalsieger von 1966 aufs Cover; 2017 zum 20-jährigen Jubiläum der Champions-League-Sieger von 1997; 2018 der Westdeutsche Meister und somit Teilnehmer an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft von 1948; und 2019 sehen wir den Pokalsieger von 1989.

Und Mitglied im LEGO World Club war ich auch mal. Ohne jegliche Vor- oder Nachteile, das Kärtchen ist auch nicht datiert.


Kleiner Anstoß zur Hoffnungslosigkeit.

4. Mai 2019

Machen wir uns nichts vor. Die Bayern werden die zehn voll machen. Zehn Meisterschaften in Folge nämlich. Und sollte dann tatsächlich eine andere Mannschaft mal dazwischengrätschen können, wird es Red Bull Leipzig sein. Die Zeiten, in denen in der Bundesliga die achtzehn besten Mannschaften Deutschlands untereinander den Meistertitel ausspielten, sind lange vorbei. Die Bundesliga ist nur noch das Qualifikationsturnier für die europäischen Pokalwettbewerbe.

Der Urfehler ist ja sowieso, sich emotional an Dinge zu hängen, die man nicht beeinflussen kann. Daumendrücken ist nicht: das Daumenbedrückte zu beeinflussen. Kerzenanzünden (falls man katholisch ist) ist nicht: auf das Seelenheil dessen, „für“ den man eine Kerze angezündet hat, Einfluß zu nehmen. Beten ist nicht: die Muttergottes (falls man immer noch katholisch ist) oder den sonstigen Heiligen (falls man es immer noch nicht begriffen hat und weiterhin katholisch bleibt) so zu beeinflussen, daß sie oder er auf den lieben Gott Einfluß nimmt, damit dieser dann die Dinge so lenkt, wie es einem lieb wäre. Und eine Fußballmannschaft anzufeuern ist eben auch nicht: etwas zum Erfolg beigetragen zu haben. Na gut, manchmal vielleicht schon; aber die Mannschaft, die frenetisch angefeuert wurde, verliert häufig genug trotzdem, und das sollte einem zu denken geben. Ach, und Lottospielen ist übrigens auch nicht: Vermögensmanagement. Nicht, wenn damit die Mehrung des Vermögens gemeint ist.

Fußballfans neigen ja zu Irrationalität. Das beginnt bei den Spieltagstipps („Alter, die Schalker hau’n wir heute 4 zu 0 wech!“), geht weiter bei der Bewertung von Spielszenen („Ey! Schiri! Das war doch nie im Leben Abseits! Fußball-Mafia Dee Eff Bee!“) und endet vermutlich nicht bei der Chancenkalkulation bezüglich der zu erringenden Titel („Also wenn wir jetzt in Bremen gewinnen, und wenn Hannover in München über sich hinauswächst, früh ein Tor macht und sich dann hinten reinstellt und 1 zu 0 gewinnt, dann sind wir wieder einen Punkt vorne!“).

Hochgradig irrational ist es, seine Hoffnungsfünkchen im düsteren Alltag aus den Erfolgen des mehr oder weniger zufällig gewählten Lieblingsvereins schlagen zu wollen. Manchmal klappt das (Und als BVB-Fan habe ich da noch mit die beste Billanz mit immerhin 5 selbst miterlebten Meisterschaften, 3 miterlebten Pokalsiegen, einem miterlebten Champions-League-Triumph), häufiger jedoch nicht. (Denn als BVB-Fan habe ich ja auch schon 3 Niederlagen in europäischen Pokalfinals miterlebt, 4 Niederlagen in DFB-Pokalfinals und rein rechnerisch 37 verpaßte Meisterschaften.)

Ebenso irrational ist allerdings auch das naiv-mütterliche „Möge der Bessere gewinnen!“, denn natürlich soll eben nicht der Bessere gewinnen. Sondern die eigene Mannschaft. Nicht die Bayern; die gewinnen sowieso immer. Verdammt nochmal, immer! Sportlich-faire Anerkennung der Verdienste anderer mag ihren Platz in Sonntagsreden von Verbandsfunktionären haben, aber vom gemeinen Fußballfan darf man dergleichen nicht erwarten, denn es ist ja nicht Sinn der Sache, anderen beim Jubeln zuzusehen. Es ist jedoch die Normalität. Denn naturgemäß kann am Ende ja nur einer den Sieg davontragen, während alle anderen betrübt in die Röhre gucken. Und es wäre ja nicht mal schlimm, nicht Meister zu werden, wenn nicht dieser eine, der den Sieg davonträgt, immer Bayern München wäre. Fast kann man es den Bayern nicht verübeln, denn die Mitbewerber um den Titel sind ja auch einfach zu blöd. Ja, ich meine dich, Borussia Dortmund!

Es wäre nicht mal schlimm, wenn andere Mannschaften öfter Titel errüngen als die eigene, was sowieso für die allermeisten Fußballfans der Normalfall ist. Wenn denn diese anderen Titelgewinner wenigstens sympathisch wären und ihre Triumphe zu schätzen wüßten. Die längste Zeit meines Lebens standen andere Vereine in der Rangliste der deutschen Meisterschaften vor dem BVB, der die gesamte Bundesligageschichte von 1963/64 bis 1995 ohne Meistertitel blieb. Selbst heute ist Borussia Dortmund nicht mal Zweitplatzierter hinter den Bayern, sondern vor uns steht noch der 1. FC Nürnberg mit neun Titelgewinnen. Und Dynamo Berlin mit garantiert sportlich-fair errungenen zehn DDR-Meistertiteln. Ich kann mich nicht erinnern, daß die jeweils anderen Titelträger ob dieses Umstandes angefeindet worden wären. Nur die Bayern. Weil sie die Meisterschaft als ihnen zustehendes Naturrecht ansehen, gleichzeitzig diese Meisterschaft aber nicht zu schätzen wissen, sondern ihnen nur der Champions-League-Titel etwas bedeutet. Weil sie aber dennoch beleidigt sind, wenn tatsächlich doch mal wer anders Meister wird. Weil sie darüber jammern, daß ihnen die allzu schwache Bundesliga nicht die nötige Wettkampfpraxis bietet, um in der Champions League reüssieren zu können, sie aber gleichzeitig mit ihrer Einkaufspolitik für die Tribüne dafür sorgen, daß alle potentiellen Konkurrenten schön schwach bleiben. Weil sie arrogant und herablassend sind, und weil sie nicht nur schlechte Gewinner, sondern noch schlechtere Verlierer sind, falls dieser Umstand mal eintrifft, was selten ist. Dann kommt es schon mal vor, daß nach einer 2-zu-5-Niederlage im Pokal davon gesprochen wird, über 90 Minuten die bessere Mannschaft gewesen zu sein; und daß man der siegreichen Mannschaft im Finale den gebotenen Respekt versagt und die Silbermedaillen wegschleudert, die andere sich stolz in den Partykeller hängen würden. Als 2002 der BVB überraschend Meister wurde und nicht die Bayern zum vierten Mal in Folge, was damaliger Rekord gewesen wäre, hieß es aus Bayernkreisen, das hätte schon wehgetan, zu sehen, wie die anderen (die Dortmunder) die Meisterschale überreicht bekamen. Ihre Meisterschale. Und als 2013 Mario Götze und Marco Reus das neue Traumduo im offensiven Mittelfeld wurden, zahlten die Bayern über 30 Millionen Euro, um dieses Duo zu sprengen. Und um Götze auf der Tribüne versauern zu lassen. Wenn man ein gutgefülltes Festgeldkonto hat, kann man sich sowas ja leisten. Natürlich verkündet man solche Kaufabsichten auch strategisch günstig vor einem wichtigen Aufeinandertreffen mit dem gegnerischen Verein, um Unruhe zu schüren.

Und dann sind da die Bayernfans. Da gibt es ja solche und solche. Die einen sind halt Münchner oder wenigstens Bayern und haben halt Glück gehabt. Die anderen sind weder Münchner noch Bayern und hatten auch kein Glück, sondern haben sich halt für den Verein entschieden, der so oft gewinnt. In den Zeiten, da Borussia Dortmund mal eine Erfolgsphase hatte, kamen solche Fans auch zum BVB. Jedenfalls ist das eine gewissermaßen rationale Entscheidung, denn es ist ja sinnvoll, sich als Lieferanten für Stellvertreter-Erfolge den Verein auszusuchen, bei dem die Erfolgsaussichten am besten sind. Vulgo: Bayern München. Das ist so rational, daß es mich anwidert.

Zumal, wenn dann eine Emotionalität zur Schau getragen wird, die im krassen Gegensatz zur berechnenden Kälte dieses ganzen Bayern-Gedönses steht. So bejubelt der Radioeporter Karlheinz Kas jedes Tor der Bayern in der Bundesligakonferenz so dermaßen überschwänglich, als sei es das Unfaßbarste, dessen er je Zeuge wurde. Und meinen treulosen Nachbarn höre ich hier auch stets jedes Tor für die Bayern und jedes Tor gegen den BVB übertrieben laut zelebrieren. Als ich mal nach irgendeinem verlorenen Pokalfinale vom Marktplatz, wo auf Großleinwand die Niederlage im Rudel mitverfolgt wurde, nach Hause trottete, hörte ich auf einmal hinter mir: „Ey!“, was ich zunächst nicht auf mich bezog. Dann nochmal: „Ey!“, also drehte ich mich um. Da saßen zwei Bayernfans mit der Bierflasche in der Hand auf einer Motorhaube und riefen mir zu: „Mia san mia!“. Ja dann geht doch nach drüben, wenn’s euch hier nicht gefällt! Bayernfan zu sein ist ja gut und schön, aber dann diese pseudobayrische Klüngelmentalität zu adoptieren, grenzt ja schon an cultural appropriation. Kann ich nicht ernstnehmen.

Aber ernstnehmen kann man Bayernfans ja sowieso schlecht. Vor allem nicht, wenn sie über Mißerfolge ihrer Mannschaft jammern, was häufig geschieht, vor allem betreffs der Champions League. Die jahrelang andauernde Meisterschaft bringt ihnen ja dummerweise keinen Endorphinschub mehr, weshalb höhere Weihen herhalten müßten; tun sie aber nicht. In der Champiuons League können Bayernfans noch erleben, wie es sich anfühlt, keinen Erfolg zu haben, was – ich erwähnte es – für Fans aller anderen Vereine ganz normal ist. Normale Fans haben Abstiegssorgen und Aufstiegsenttäuschungen (HSV, oje, oje), können nur ganz selten mal auf wirkliche Erfolgserlebnisse hoffen und nehmen diese dann nicht wie selbstverständlich hin, sondern bejubeln eine Meisterschaft wirklich noch wie eine Meisterschaft und nicht bloß wie einen Einwurf. Für die Bayern hingegen wird die Saison 2018/19 als die Horrorsaison in Erinnerung bleiben, in der sie beinahe nicht Meister geworden wären und mal wieder nicht die Champions League gewonnen haben.

Also geht’s am Ende allen schlecht. Das ist doch auch mal schön.

 


Sinnlose Fußballphrasen: „Auswärtstrikots“

2. Juli 2018

Bei Mannschaftssportarten wie zum Beispiel Fußball ist es nützlich, wenn sich die Spieler der gegeneinander spielenden Teams anhand der Farbe ihrer Spielkleidung voneinander unterscheiden. Zusätzlich müssen sich auch die Torhüter farblich von ihren Mitspielern absetzen, da sie als herausgehobene Spieler ihrer Mannschaften den Ball im Strafraum mit der Hand berühren dürfen, was auch im Getümmel für den Schiedsrichter und seine Assistenten, die wiederum in andere Farben gewandet sein müssen als alle anderen Menschen auf dem Spielfeld, klar erkennbar sein muß.

Mein Heimatverein, Borussia Dortmund, hat bezüglich der Trikotfarben gemeinhin keine Konkurrenz; schwarz-gelb ist eine eher seltene Farbkombination, und innerhalb meiner Lebenszeit kam es nur zu Beginn der 1990er Jahre mit Dynamo Dresden und zu Beginn der 2000er Jahre mit Alemannia Aachen in der Bundesliga zu der Situation, daß der BVB bei den entsprechenden Auswärtsspielen auf Ausweichtrikots zurückgreifen mußte. Denn die Heimmannschaft hat natürlich auch das Recht der Trikotwahl, trägt also im Allgemeinen ihre traditionellen Farben. Die Farben vieler Vereine beinhalten allerdings blau, weiß und rot, so daß solche Vereine häufiger im Ausweichdress spielen müssen. Aus meiner Jugend ist mir erinnerlich, daß der FC Bayern beispielsweise in goldenen Trikots und grünen Hosen auflief, Eintracht Frankfurt spielte „brasilianisch“ in schlafanzugblauen Höschen… Höschen … Hös-chen* und gelben Trikots. Dies waren seltene, geradezu singuläre Ereignisse, denn normalerweise behalfen sich die Mannschaften damit, ihre Stammfarben schlicht zu invertieren; also statt roter Trikots und weißer Hosen trugen sie dann weiße Trikots und rote Hosen. Aber dies geschah halt nur, wenn es aufgrund der Farbkombination der Heimmannschaft notwendig wurde, auf andere Trikots auszuweichen.

*) Gäbe es in der Antiquaschrift noch die Unterscheidung zwischen Rund-s und Lang-s (ſ), wäre anhand der korrekt gesetzten Graphe erkenntlich, ob der S-Laut zur vorangehenden Silbe (Rund-s) oder der neuen Silbe (Schaft-ſ) gehört.

Naturgemäß mußte grundsätzlich nur die Gastmannschaft, die zu ihrem Auswärtsspiel angereist kam, im Ausweichdress spielen, weshalb auch der Begriff „Auswärtstrikot“ benutzt wurde. Und irgendwann muß wohl ein findiger Mensch der Sportbekleidungsindustrie eine imaginäre Glühbirne überm Kopf gehabt haben: „Auswärtstrikots! Das wär’s doch! Zusätzliches Verkaufspotential!“ Und fortan wurden neben den sowieso jede Saison neudesignten Heimtrikots auch ebensolche Auswärtstrikots als Fanartikel produziert und verkauft. Und um die Notwendigkeit dieser Übung zu plausibilisieren, begannen Mannschaften, grundsätzlich bei ihren Auswärtsspielen die „Auswärtstrikots“ zu tragen, selbst wenn es gar nicht nötig gewesen wäre, auszuweichen. Dadurch hat sich schon die absurde Situation ergeben, daß die Heimmannschaft gezwungen wurde, ihrerseits im Ausweichdress zu spielen, weil die Gastmannschaft unnötigerweise die Auswärtstrikots trug und so erst den Farbkonflikt hervorrief, dem der Schiedsrichter dann einen Riegel vorschob. Denn nicht immer sind es nur ähnliche Farben, die zum Ausweichen zwingen, sondern eventuell auch Helligkeitskontraste oder die Kombination von Trikot, Hose und Stutzen, welche die Unterscheidbarkeit der Spieler beider Mannschaften beeinflussen.

Ganz hanebüchen wird es freilich, wenn bei Weltmeister- oder Europameisterschaftsturnieren von „Auswärtstrikots“ gesprochen wird. Denn diese Turniere finden ja in einem Gastgeberland statt, so daß eigentlich alle Mannschaften außer dem Gastgeber nur Auswärtsspiele haben. Zwar ist es notwendig, bei jedem Spiel eine der Mannschaften als erste und die andere als zweite zu nennen, weil die syntaktische Natur der Sprache und der logischen Darstellung dies unausweichlich macht. Bisweilen ergibt sich die Reihenfolge auch durch die rein zeitliche Abfolge, in der Achtel-, Viertel-, Halb- oder das Finale erreicht wurden; oder den Gruppensiegern stehen im Achtelfinale Gruppenzweite gegenüber, welche dann die zweitgenannte Mannschaft sind. Der erstgenannten Mannschaft wird gemeinhin das Recht zugesprochen, in ihren Stammtrikots aufzulaufen, so daß die zweitgenannte Mannschaft die Ersatztrikots tragen muß, sofern sich ein Farbkonflikt ergibt. Aber (Oben steht ja „zwar“, also muß ein „aber“ folgen.) auch die gastgebende Heimmannschaft kann im Rahmen des Turnierverlaufs natürlich ein „Auswärtsspiel“ mit entsprechendem Trikotausweichzwang haben. Und im gestrigen Achtelfinale zwischen Kroatien und Dänemark ergab sich sogar dieses Bild:


(© 2018 ZDF)

Die dänische Mannschaft ist als Gruppenzweiter ins Achtelfinale eingezogen und in der Partie die zweitgenannte Mannschaft. Die Spieler tragen statt der üblichen roten Trikots mit weißen Hosen die Ausweichkluft mit invertierten Farben. Die Kroaten hingegen hätten als erstgenannte Mannschaft das virtuelle Heimrecht mit der Wahl der Trikotfarbe gehabt. Hatten sie aber nichts von, weil ihre etatmäßigen rotweißen Schachbretttrikots als farblich uneindeutig eingestuft wurden beim Spiel gegen eine Mannschaft, die auch in rot und weiß aufläuft, weshalb das kroatische Team ebenfalls in ihren, wie der Fernsehkommentator es nannte, „Auswärtstrikots“ spielen mußte, im Bild die dunklen Gestalten.

Also. Treffen zwei Mannschaften aufeinander, deren Trikotfarben sich so sehr ähneln, daß es für den Schiedsrichter und die Zuschauer schwierig oder unmöglich wäre, die Spieler beider Mannschaften auseinanderzuhalten, muß mindestens eine der Mannschaften auf andere Farben ausweichen. In der Regel ist dies die Gast- also Auswärtsmannschaft. Es besteht jedoch weder ein Zwang noch überhaupt immer die Notwendigkeit, als Gastmannschaft grundsätzlich in Auswärtstrikots aufzulaufen. Überdies können andere Faktoren als nur der Heim- oder Auswärtsstatus die Notwendigkeit eines Trikotwechsels bewirken. Insofern ist der Begriff „Auswärtstrikot“ irreführend, da er fälschlicherweise suggeriert, daß in Auswärtsspielen grundsätzlich Auswärtstrikots getragen werden müßten, und zwar auch nur in Auswärtsspielen. Vielmehr sollte von „Ausweichtrikots“ gesprochen werden.


Aller guten Dinge sind vier.

28. Mai 2017

Was war denn da los? Da komme ich abends von der Arbeit nach Hause, schalte den Livestream der ARD an und muß mir verwundert die Augen reiben: Borussia Dortmund hat den DFB-Pokal gewonnen! Nun hat Fränkie Mill… nee, wie heißt er gleich? Marco Reus. Nun hat er endlich seinen Titel. Meine Gratulation!

Und just heute vor 20 Jahren gewann der BVB den Europapokal der Landesmeister gegen Juventus Turin. Juve könnte zum Jubiläum diesen Triumph wiederholen, steht die alte Dame doch kommenden Samstag im Finale gegen Real Madrid. Borussia blieb der Verabredung zum Jubiläumsspiel ja leider fern, weil das Viertelfinale gegen den AS Monaco verloren wurde. Freilich wäre Dortmund den Turinern bereits im Halbfinale begegnet, also was soll’s. Derlei Gedankenspiele sind sowieso als sinnlose Überhöhung unzusammenhängender Ereignisse zu bewerten.

Nachtrag mit Klarstellung am 6. Juni 2017: Natürlich hat Juventus vor 20 Jahren das Finale verloren, weil der BVB dasselbe Finale ja gewann. Und genau das hat Juve am Samstag gegen Real Madrid auch wiederholt. Gewonnen hatten sie im Jahr zuvor, 1996.


Aller guten Dinge sind vier?

27. April 2017

Am Mittwoch ist der BVB zum vierten Mal in Folge ins Finale des DFB-Pokals eingezogen, als erste Mannschaft überhaupt. Diesen Rekord haben wir also für mindestens drei (oder vier?) Jahre sicher. Den Rekord für drei verlorene Pokalfinalniederlagen in Folge hatten wir ja schon letzte Saison aufgestellt. Und wettbewerbsübergreifend wird Borussia Dortmund somit zum sechsten Mal in Folge ein Finalspiel am Saisonende bestreiten; 2012 war es das gewonnene Pokalfinale, 2013 das verlorene Champions-League-Finale, und 2014/15/16 wurde jeweils das Pokalfinale verloren, zum Teil unter dubiosen Umständen, aber halt doch. Vor Jahresfrist unkte ich noch, daß ich mir für die nun laufende Saison eigentlich ein frühes Ausscheiden aus allen Wettbewerben wünschte, weil mir die ewigen Finalniederlagen auf den Sack gingen. Dieses Jahr verlieren wir dann also gegen Eintracht Frankfurt. Glückwunsch, SGE!

Und die Bayern? Die Bayern haben von den letzten sieben Pflichtspielen bloß eins gewonnen (und zwar ausgerechnet das Bundesligarückspiel gegen Dortmund), verbunden mit dem Ausscheiden aus zwei Wettbewerben. Das kann man durchaus als Krise bezeichnen, darüber kann nicht mal ein 8-Punkte-Vorsprung an der Tabellenspitze hinwegtäuschen, bei noch vier ausstehenden Spielen. Vielleicht entlassen Hoeneß und Rummenigge ja ihren Trainer auf der Meisterfeier. Lustig wär’s, zumindest für den Augenblick. Denn wie wir die Bayern kennen, werden sie diese schon jetzt für sie wertlose Saison nicht auf sich sitzen lassen und blutige Rache nehmen an allen, die ihnen mal wieder das ihnen doch eigentlich rechtmäßig zustehende Triple versaut haben. Aubameyang, Weigl und Dembelé werden also sehr bald „in München ein Thema“, vermutlich in der Woche vor dem Pokalfinale.

Dabei muß die Niederlage der Bayern doch an völlig außerweltlichen Faktoren liegen. Denn wie ist es zu erklären, daß sie es trotz 6 (sechs) Minuten Nachspielzeit nicht vermocht haben, das Spiel zu gewinnen oder zumindest in die Verlängerung zu zwingen, um diese dann zu gewinnen? Hallo, Gehörnter? Pakt aufgekündigt?

Ach so, eigentlich sollte ich mich ja über den Finaleinzug des BVB freuen. Tu ich auch irgendwie. Aber die Erfahrung hat mich mißtrauisch gemacht. Naja, olé!

Nachtrag am 30. Ma 2017:
Tja, da hatte ich so hämisch über den FC Bayern gespöttelt, daß die dortigen Bosse den Trainer wegen Nur-Gewinns der Meisterschaft entlassen würden. Und jetzt entlassen die Bosse meines Vereins (Anm. d. Red.: Borussia Dortmund) ihren Trainer. Trotz Pokalsiegs, trotz zweimaligen Erreichens der Champions League und über zwei Jahre sensationeller Punktausbeute in der Bundesliga. Aber wenn das Verhältnis zwischen den Protagonisten nicht vertauensvoll ist, dann isses das halt nicht, zumal das wohl nicht nur für die Führungsriege galt, sondern auch für Teile der Mannschaft. Also ist es wohl besser, wenn man sich sauber trennt, statt noch eine weitere Saison irgendwie scheel weiterzuwurschteln. Trotzdem finde ich es schade, denn irgendwie mag ich Thomas Tuchel.