Sinnlose Fußballphrasen: „Auswärtstrikots“

2. Juli 2018

Bei Mannschaftssportarten wie zum Beispiel Fußball ist es nützlich, wenn sich die Spieler der gegeneinander spielenden Teams anhand der Farbe ihrer Spielkleidung voneinander unterscheiden. Zusätzlich müssen sich auch die Torhüter farblich von ihren Mitspielern absetzen, da sie als herausgehobene Spieler ihrer Mannschaften den Ball im Strafraum mit der Hand berühren dürfen, was auch im Getümmel für den Schiedsrichter und seine Assistenten, die wiederum in andere Farben gewandet sein müssen als alle anderen Menschen auf dem Spielfeld, klar erkennbar sein muß.

Mein Heimatverein, Borussia Dortmund, hat bezüglich der Trikotfarben gemeinhin keine Konkurrenz; schwarz-gelb ist eine eher seltene Farbkombination, und innerhalb meiner Lebenszeit kam es nur zu Beginn der 1990er Jahre mit Dynamo Dresden und zu Beginn der 2000er Jahre mit Alemannia Aachen in der Bundesliga zu der Situation, daß der BVB bei den entsprechenden Auswärtsspielen auf Ausweichtrikots zurückgreifen mußte. Denn die Heimmannschaft hat natürlich auch das Recht der Trikotwahl, trägt also im Allgemeinen ihre traditionellen Farben. Die Farben vieler Vereine beinhalten allerdings blau, weiß und rot, so daß solche Vereine häufiger im Ausweichdress spielen müssen. Aus meiner Jugend ist mir erinnerlich, daß der FC Bayern beispielsweise in goldenen Trikots und grünen Hosen auflief, Eintracht Frankfurt spielte „brasilianisch“ in schlafanzugblauen Höschen… Höschen … Hös-chen* und gelben Trikots. Dies waren seltene, geradezu singuläre Ereignisse, denn normalerweise behalfen sich die Mannschaften damit, ihre Stammfarben schlicht zu invertieren; also statt roter Trikots und weißer Hosen trugen sie dann weiße Trikots und rote Hosen. Aber dies geschah halt nur, wenn es aufgrund der Farbkombination der Heimmannschaft notwendig wurde, auf andere Trikots auszuweichen.

*) Gäbe es in der Antiquaschrift noch die Unterscheidung zwischen Rund-s und Lang-s (ſ), wäre anhand der korrekt gesetzten Graphe erkenntlich, ob der S-Laut zur vorangehenden Silbe (Rund-s) oder der neuen Silbe (Schaft-ſ) gehört.

Naturgemäß mußte grundsätzlich nur die Gastmannschaft, die zu ihrem Auswärtsspiel angereist kam, im Ausweichdress spielen, weshalb auch der Begriff „Auswärtstrikot“ benutzt wurde. Und irgendwann muß wohl ein findiger Mensch der Sportbekleidungsindustrie eine imaginäre Glühbirne überm Kopf gehabt haben: „Auswärtstrikots! Das wär’s doch! Zusätzliches Verkaufspotential!“ Und fortan wurden neben den sowieso jede Saison neudesignten Heimtrikots auch ebensolche Auswärtstrikots als Fanartikel produziert und verkauft. Und um die Notwendigkeit dieser Übung zu plausibilisieren, begannen Mannschaften, grundsätzlich bei ihren Auswärtsspielen die „Auswärtstrikots“ zu tragen, selbst wenn es gar nicht nötig gewesen wäre, auszuweichen. Dadurch hat sich schon die absurde Situation ergeben, daß die Heimmannschaft gezwungen wurde, ihrerseits im Ausweichdress zu spielen, weil die Gastmannschaft unnötigerweise die Auswärtstrikots trug und so erst den Farbkonflikt hervorrief, dem der Schiedsrichter dann einen Riegel vorschob. Denn nicht immer sind es nur ähnliche Farben, die zum Ausweichen zwingen, sondern eventuell auch Helligkeitskontraste oder die Kombination von Trikot, Hose und Stutzen, welche die Unterscheidbarkeit der Spieler beider Mannschaften beeinflussen.

Ganz hanebüchen wird es freilich, wenn bei Weltmeister- oder Europameisterschaftsturnieren von „Auswärtstrikots“ gesprochen wird. Denn diese Turniere finden ja in einem Gastgeberland statt, so daß eigentlich alle Mannschaften außer dem Gastgeber nur Auswärtsspiele haben. Zwar ist es notwendig, bei jedem Spiel eine der Mannschaften als erste und die andere als zweite zu nennen, weil die syntaktische Natur der Sprache und der logischen Darstellung dies unausweichlich macht. Bisweilen ergibt sich die Reihenfolge auch durch die rein zeitliche Abfolge, in der Achtel-, Viertel-, Halb- oder das Finale erreicht wurden; oder den Gruppensiegern stehen im Achtelfinale Gruppenzweite gegenüber, welche dann die zweitgenannte Mannschaft sind. Der erstgenannten Mannschaft wird gemeinhin das Recht zugesprochen, in ihren Stammtrikots aufzulaufen, so daß die zweitgenannte Mannschaft die Ersatztrikots tragen muß, sofern sich ein Farbkonflikt ergibt. Aber (Oben steht ja „zwar“, also muß ein „aber“ folgen.) auch die gastgebende Heimmannschaft kann im Rahmen des Turnierverlaufs natürlich ein „Auswärtsspiel“ mit entsprechendem Trikotausweichzwang haben. Und im gestrigen Achtelfinale zwischen Kroatien und Dänemark ergab sich sogar dieses Bild:


(© 2018 ZDF)

Die dänische Mannschaft ist als Gruppenzweiter ins Achtelfinale eingezogen und in der Partie die zweitgenannte Mannschaft. Die Spieler tragen statt der üblichen roten Trikots mit weißen Hosen die Ausweichkluft mit invertierten Farben. Die Kroaten hingegen hätten als erstgenannte Mannschaft das virtuelle Heimrecht mit der Wahl der Trikotfarbe gehabt. Hatten sie aber nichts von, weil ihre etatmäßigen rotweißen Schachbretttrikots als farblich uneindeutig eingestuft wurden beim Spiel gegen eine Mannschaft, die auch in rot und weiß aufläuft, weshalb das kroatische Team ebenfalls in ihren, wie der Fernsehkommentator es nannte, „Auswärtstrikots“ spielen mußte, im Bild die dunklen Gestalten.

Also. Treffen zwei Mannschaften aufeinander, deren Trikotfarben sich so sehr ähneln, daß es für den Schiedsrichter und die Zuschauer schwierig oder unmöglich wäre, die Spieler beider Mannschaften auseinanderzuhalten, muß mindestens eine der Mannschaften auf andere Farben ausweichen. In der Regel ist dies die Gast- also Auswärtsmannschaft. Es besteht jedoch weder ein Zwang noch überhaupt immer die Notwendigkeit, als Gastmannschaft grundsätzlich in Auswärtstrikots aufzulaufen. Überdies können andere Faktoren als nur der Heim- oder Auswärtsstatus die Notwendigkeit eines Trikotwechsels bewirken. Insofern ist der Begriff „Auswärtstrikot“ irreführend, da er fälschlicherweise suggeriert, daß in Auswärtsspielen grundsätzlich Auswärtstrikots getragen werden müßten, und zwar auch nur in Auswärtsspielen. Vielmehr sollte von „Ausweichtrikots“ gesprochen werden.

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Aller guten Dinge sind vier.

28. Mai 2017

Was war denn da los? Da komme ich abends von der Arbeit nach Hause, schalte den Livestream der ARD an und muß mir verwundert die Augen reiben: Borussia Dortmund hat den DFB-Pokal gewonnen! Nun hat Fränkie Mill… nee, wie heißt er gleich? Marco Reus. Nun hat er endlich seinen Titel. Meine Gratulation!

Und just heute vor 20 Jahren gewann der BVB den Europapokal der Landesmeister gegen Juventus Turin. Juve könnte zum Jubiläum diesen Triumph wiederholen, steht die alte Dame doch kommenden Samstag im Finale gegen Real Madrid. Borussia blieb der Verabredung zum Jubiläumsspiel ja leider fern, weil das Viertelfinale gegen den AS Monaco verloren wurde. Freilich wäre Dortmund den Turinern bereits im Halbfinale begegnet, also was soll’s. Derlei Gedankenspiele sind sowieso als sinnlose Überhöhung unzusammenhängender Ereignisse zu bewerten.

Nachtrag mit Klarstellung am 6. Juni 2017: Natürlich hat Juventus vor 20 Jahren das Finale verloren, weil der BVB dasselbe Finale ja gewann. Und genau das hat Juve am Samstag gegen Real Madrid auch wiederholt. Gewonnen hatten sie im Jahr zuvor, 1996.


Aller guten Dinge sind vier?

27. April 2017

Am Mittwoch ist der BVB zum vierten Mal in Folge ins Finale des DFB-Pokals eingezogen, als erste Mannschaft überhaupt. Diesen Rekord haben wir also für mindestens drei (oder vier?) Jahre sicher. Den Rekord für drei verlorene Pokalfinalniederlagen in Folge hatten wir ja schon letzte Saison aufgestellt. Und wettbewerbsübergreifend wird Borussia Dortmund somit zum sechsten Mal in Folge ein Finalspiel am Saisonende bestreiten; 2012 war es das gewonnene Pokalfinale, 2013 das verlorene Champions-League-Finale, und 2014/15/16 wurde jeweils das Pokalfinale verloren, zum Teil unter dubiosen Umständen, aber halt doch. Vor Jahresfrist unkte ich noch, daß ich mir für die nun laufende Saison eigentlich ein frühes Ausscheiden aus allen Wettbewerben wünschte, weil mir die ewigen Finalniederlagen auf den Sack gingen. Dieses Jahr verlieren wir dann also gegen Eintracht Frankfurt. Glückwunsch, SGE!

Und die Bayern? Die Bayern haben von den letzten sieben Pflichtspielen bloß eins gewonnen (und zwar ausgerechnet das Bundesligarückspiel gegen Dortmund), verbunden mit dem Ausscheiden aus zwei Wettbewerben. Das kann man durchaus als Krise bezeichnen, darüber kann nicht mal ein 8-Punkte-Vorsprung an der Tabellenspitze hinwegtäuschen, bei noch vier ausstehenden Spielen. Vielleicht entlassen Hoeneß und Rummenigge ja ihren Trainer auf der Meisterfeier. Lustig wär’s, zumindest für den Augenblick. Denn wie wir die Bayern kennen, werden sie diese schon jetzt für sie wertlose Saison nicht auf sich sitzen lassen und blutige Rache nehmen an allen, die ihnen mal wieder das ihnen doch eigentlich rechtmäßig zustehende Triple versaut haben. Aubameyang, Weigl und Dembelé werden also sehr bald „in München ein Thema“, vermutlich in der Woche vor dem Pokalfinale.

Dabei muß die Niederlage der Bayern doch an völlig außerweltlichen Faktoren liegen. Denn wie ist es zu erklären, daß sie es trotz 6 (sechs) Minuten Nachspielzeit nicht vermocht haben, das Spiel zu gewinnen oder zumindest in die Verlängerung zu zwingen, um diese dann zu gewinnen? Hallo, Gehörnter? Pakt aufgekündigt?

Ach so, eigentlich sollte ich mich ja über den Finaleinzug des BVB freuen. Tu ich auch irgendwie. Aber die Erfahrung hat mich mißtrauisch gemacht. Naja, olé!

Nachtrag am 30. Ma 2017:
Tja, da hatte ich so hämisch über den FC Bayern gespöttelt, daß die dortigen Bosse den Trainer wegen Nur-Gewinns der Meisterschaft entlassen würden. Und jetzt entlassen die Bosse meines Vereins (Anm. d. Red.: Borussia Dortmund) ihren Trainer. Trotz Pokalsiegs, trotz zweimaligen Erreichens der Champions League und über zwei Jahre sensationeller Punktausbeute in der Bundesliga. Aber wenn das Verhältnis zwischen den Protagonisten nicht vertauensvoll ist, dann isses das halt nicht, zumal das wohl nicht nur für die Führungsriege galt, sondern auch für Teile der Mannschaft. Also ist es wohl besser, wenn man sich sauber trennt, statt noch eine weitere Saison irgendwie scheel weiterzuwurschteln. Trotzdem finde ich es schade, denn irgendwie mag ich Thomas Tuchel.


Finale. Finale. Finale. Finale.

21. Mai 2016

Verloren. Verloren. Verloren. Verloren. Klar, andere würden sich freuen, wenn sie es überhaupt mal in ein Finale schaffen würden. Aber diese ewige Verliererei nervt dann doch auf Dauer. Mir wäre es recht, wenn der BVB kommende Saison mal früh aus allen Wettbewerben ausschiede und mit der Meisterschaft nichts zu tun hätte. Sollen die Bayern halt mal gegen wen anderes gewinnen.

Das Pokalfinale vorhin hatte natürlich einen verdienten Sieger, wenn man sich die drückende Überlegenheit (ein Ausdruck, für den ich virtuell 2 Euro ins virtuelle Phrasenschwein gebe) des FC Bayern vor allem in der zweiten Halbzeit vor Augen führt. Insofern: Gratulation, falls die Bayern sowas überhaupt hören wollen. Auf dem Heimweg von der öffentlichen Leichenschau („Public Viewing“) riefen mir nämlich zwei yuppiemäßige Bayernfans ein „Mia san mia!“ hinterher. Na, dann bitte, bleibt unter euch!

Das Spiel ist vergleichbar mit einem Film der Coen-Brothers: Alle Vorhersagen, die ich vor dem Anpfiff so traf, waren falsch, aber das Ergebnis war dennoch das erwartete. Die Bayern haben nicht in der 95sten Minute das Siegtor erzielt. Mats Hummels hat keinen spielentscheidenden Fehler gemacht. Insbesondere hat er nicht Lothar-Matthäus-mäßig einen Elfmeter gegen seinen künftigen Arbeitgeber versemmelt. Marco Reus, der ja dann an Hummels statt als Kapitän den Elfmeter schoß, ist nicht unter dem Druck zusammengebrochen, sondern er traf. Aber egal, viele Wege führen zur Niederlage. Und auf den Wegen zum Sieg gibt’s am Ende eine bayerische Zollschranke.


Der Trotz der Besitzlosen.

28. April 2016

Jaja, ich weiß. Wir (das ist: Borussia Dortmund) haben auch den Gladbachern den Reus weggekauft. Und auch sonst verpflichten wir ja jährlich gute Spieler oder hoffnungsvolle Talente von anderen Vereinen, zum Leidwesen der dortigen Anhängerschaft. So ist eben das Fußballgeschäft, blabla. Aber es kommt doch ein Hauch von Frustration auf, wenn wir (das ist: s.o.) jetzt jedes verfickte Jahr einen unserer Besten an die sowieso schon Besten (das ist: Der FC Bayern München) abgeben müssen. Dieses Jahr geht also der Kapitän von Bord. Vielleicht verläßt auch bloß eine weitere Ratte das sinkende Schiff. „Aber eins, aber eins, das bleibt besteh’n: Borussia Dortmund wird nicht un! ter! geh’n!“

Also haut doch ab, wenn es euch wichtiger ist, mit den Bayern die 27ste bis 35ste Meisterschaft und den 19ten bis 24sten DFB-Pokal zu gewinnen, statt solches mit einem Verein zu tun, wo diese Titel noch einen Wert haben. Kapitän einer Mannschaft zu sein, mit der man bereits zwei Meisterschaften und einen DFB-Pokal gewonnen hat, mit der man im Finale der Champions-Leage stand, bei der man zur Legende hätte werden können, ist halt uninteressant.

Fluch der Fußballromantik!


Sinnlose Fußballphrasen: Rudelbildung.

8. November 2015

Rudelunbildung wohl eher. Wenn nämlich das Verhalten Rückschlüsse auf die geistige Reife der Protagonisten zuläßt.