Der 31ste Oktober 1517.

31. Oktober 2017

Da an obgenanntem Tage Martin Luther an die Schloßkirche zu Wittenberg wummerte und, einem alten Halloween-Brauch folgend, dem Papst Süßes oder Saures bot, begehen Protestanten heute den Reformationstag. Das auslösende Ereignis jährt sich zum 500sten Male. Oder zum 499sten? Derlei Rechenspiele kann ich ja immer nicht. Egal. Schon vor gut 15 Jahren nahm ich dieses Datum zum Anlaß, kleine Szenen aus dem Leben Luthers in Lego umzusetzen, welche ich nun zum Jubiläum stumpf wiederverwende, einschließlich der jeweils zugehörigen Bildunterschriften.

Und eigentlich begann alles am 2ten Juli 1505:

Der junge Martin Luther, Magister Artium der Philosophie und Doktor der Juristerey, befindet sich auf dem Weg von Mansfeld, dem Wohnort seiner Eltern, nach Erfurt, dem Sitz seiner Universität. Unterwegs überrascht ihn auf freiem Felde ein heftiges Gewitter. Die Menschen des Mittelalters wissen inzwischen, daß weder Zeus noch Donar für derartige Naturerscheinungen verantwortlich sind, dennoch ist ein Unwetter nach wie vor geeignet, sie in Angst und Schrecken zu versetzen. Keineswegs unbegründet, denn auch heutzutage sterben noch jedes Jahr mehrere hundert Menschen durch Blitzschlag und Unwetter.

Auch Luther steht Todesnöte aus, und der damaligen Sitte gemäß wirft er sich zu Boden und ruft eine ihm bekannte Schutzheilige an, deren Nummer er zufällig im Kopf hat, in seinem Fall die heilige Anna. Das ist die Schutzheilige der Bergleute; Luthers Vater war lange Zeit Bergmann, später sogar Bergwerksbesitzer. So eine Schutzheilige hilft natürlich nicht einfach so aus Barmherzigkeit, denn sie ist ja katholisch. Als Gegenleistung für die Rettung muß man ihr etwas geloben, und Luther gelobt, Mönch zu werden, sollte er dieses Unwetter lebend überstehen.

Wie wir wissen, überlebt Luther das Gewitter, und nun muß er Mönch werden. Dumm gelaufen, bei Dreckswetter von Mansfeld nach Erfurt nämlich. Mit seiner Juristenkarriere ist es damit natürlich vorbei, aber als guter Rechtsgelehrter erfüllt er den Vertrag mit der heiligen Anna. Er tritt in ein Augustinerkloster in Erfurt ein und startet nun eine Theologenkarriere. Diese findet ihren vorläufigen Höhepunkt am 31. Oktober des Jahres MDXVII (1517):

Am 31sten Oktober im Jahre des HErrn MDXVII schlug der Augustinermönch Dr. Martin Luther 95 Thesen wider den Ablaßhandel an die Pforte der Schloßkirche zu Wittenberg. Er bezweckte lediglich, einen theologisch-wissenschaftlichen Disput über die Praxis des Handels mit der GOettlichen Vergebung in Gang zu setzen. Doch es war der Startschuß zur Reformation und zur erneuten Spaltung der hl. Mutter Kirche, welche in den folgenden Jahrhunderten zu Krieg und Verwüstung in ganz Mitteleuropa führte.

Nachdem er seine 95 Thesen wider den Ablaßhandel veröffentlicht hatte, pflog Luther einem kurzen Schriftwechsel mit dem Papst in Rom, wiewohl der päpstliche Anteil an der Konversation hauptsächlich in der formellen Mitteilung bestand, daß Luther sich als Ketzer für exkommuniziert zu betrachten habe, so er nicht seine Schriften widerrufe. Überdies ließ der Papst verfügen, daß alle Schriften Luthers verbrannt und aus dem Gedächtnis der Menschheit getilgt würden, denn sie paßten ihm gar schlecht ins Konzept einer auf weltliche Macht aufgebauten Kirche. Nicht vor Gott sollte der Gläubige sich verantworten, sondern vor der Kirche, und für ein reines Gewissen hatte er gefälligst etwas zu zahlen.

Daß Luther dies anders beurteilte, brachte ihm natürlich die Sympathien der einfachen Leute ein, schon deswegen, weil sie dieser ewigen Zahlerei an das Schatzamt in Rom überdrüssig waren; aber auch, weil er sich standhaft gegen die Dekrete der Oberen zur Wehr setzte und nichts widerrief. So etwas gefällt dem Volk. Nicht jedoch gewannen Luthers theologische Schriften ihm die Gunst Karls V. Dieser war katholisch und fühlte sich als Kaiser des „heiligen römischen Reiches“ verpflichtet, die Einheit der Kirche und der Christenheit zu schützen, sei es gegen die Heere Süleymans des Prächtigen oder gegen kleine widerborstige Mönche aus der sächsischen Provinz.¹ Daher hätte er liebend gern den Bannspruch des Papstes schlicht bestätigt und über Luther ohne Vertun die Reichsacht verhängt.

¹) Dieser Anspruch hinderte Karl jedoch nicht daran, seine Truppen im Jahre 1527 Rom plündern zu lassen und Papst Klemens VII. unter Hausarrest auf der Engelsburg zu stellen. Aber das tat er nicht in seiner Eigenschaft als römischer Kaiser sondern als Spanier², der gegen Frankreich in Italien Krieg führte.
²) Er war von Geburt kein Deutscher, sondern in den Niederlanden geborener Spanier. Die Herrschaft über das heilige römische Reich deutscher Nation war ihm als Habsburger eher von Abstammung wegen zugefallen, kümmerte ihn aber wenig.

Das aber wußte Luthers offensichtlich seinem Beinamen gerecht werdender Landesherr, Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, zu verhindern. Er erwirkte beim Kaiser, daß Luther die Gelegenheit erhielt, sich vor einer Verurteilung wenigstens zu rechtfertigen, wie es das gültige Recht vorsah. Schon gar nicht dürfe Luther nach Rom an die Inquisition ausgeliefert werden, weil er als Deutscher einen Anspruch darauf habe, nur innerhalb seiner Landesgrenzen gerichtet zu werden. Überdies habe ihm für seine An- und Abreise zum Prozeß freies Geleit zugesichert zu werden. Und so geschah es; der Kaiser lud den Doktor vor den Reichstag, der 1521 in Worms stattfand, daß er sich dort verantworte.

Vor uns sehen wir den hohen Saal, der Kaiser thront, vor ihm in zwei Viertelkreisen beobachten die Kurfürsten, gewandet in rot und weiß, das Geschehen³, der Saal ist gefüllt mit Würdenträgern aus Adel, Kirche und den Reichstädten, sowie Prozeßbeobachtern der Deutschen Presseagentur und Reuters’. In des Saales Mitte ist ein Tisch aufgebaut, darauf Luthers Schriften liegen, die er widerrufen soll, andernfalls er eines gestrengen, höchstkaiserlichen Urteils gewährtig sein muß, Gott helfe ihm, Amen! Vor dem roten Teppich vertritt Johann Eck als sachverständiger Theologe die Sache des Kaisers, hinter dem Tisch steht Luther selbst. Er erläutert, daß es ihm unmöglich sei, seine Bücher und Schriften, die er selbstverständlich anerkenne, zu widerrufen, da er sie im Einklang mit den Worten der Heiligen Schrift verfaßt habe, sodaß eine Widerrufung seiner Bücher und Schriften einer Widerrufung der Heiligen Schrift gleichkomme. Sollte ihm jedoch nachgewiesen werden, daß er in seinen Schriften Fehler im Sinne der Heiligen Schrift begangen habe, sei er der erste, der eigenhändig sein Geschreibsel den Flammen übergebe. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, soll er zum Abschluß seines Plädoyers gesagt haben.
³) Es müßten eigentlich ihrer sieben sein, doch das hätte an unerwünschter Stelle die Symmetrie beeinträchtigt.

Nun, es konnte ihm niemand formelle Fehler nachweisen, aber darum ging es ja auch nicht. Dem Kaiser ging es wie dem Papst um schnöde Politik, und sie waren gewohnt, diese kraft des ihnen verliehenen Amtes durchzusetzen, sodaß es sie mehr als wurmte, daß ein unbedeutender Mönch aus der kursächsischen Pampa ihrem Willen nicht gehorsamst Folge leistete, potz Fickerment noch eins! Dem Dr. Luther hingegen war die politische Tragweite seiner Anmaßung schnurz, ihm ging es um das Verhältnis des Menschen zu Gott, das er nicht durch eine Kirche vermittelt sehen wollte, die ihre Authorität als religiöse Instanz für bloß irdische Machtinteressen mißbrauchte.

Luther widerrief nicht und reiste ab, durchaus begleitet vom Beifall so manchen Reichsritters. Der Kaiser malte ihm noch die Reichs-8 auf den Rücken und erklärte ihn zum Vogelfreien, den jedermann jederzeit ohne Strafverfolgung beseitigen durfte. Ein Rechtsstaat war das halt damals nicht.

Als Luther vor den Reichstag zu Worms geladen wurde, hatte sein Landesherr, der Kurfürst von Sachsen, sich für ihn ausbedungen, daß ihm freies Geleit für die An- und Abreise zugesichert würde. Der Mann wußte schon, weshalb. Denn auf dem Reichstag schlug der Kaiser erwartungsgemäß den Doktor Luther in Acht und Bann. Somit war er nun ein recht- und staatenloser Illegaler, vogelfrei, und der Willkür eines jeden ausgeliefert, der seiner habhaft wurde und ihm etwas anhaben wollte. Kaiser und Kirche hofften, daß recht viele dies wollten und das Problem „Martin Luther“ für sie aus der Welt räumen würden.
Auf seiner Rückreise von Worms nach Wittenberg wurde Luther denn auch prompt von einer Bande Strauchdiebe, wie es den Anschein hatte, einkassiert. Er hatte es schon fast bis nach Hause geschafft, befand sich schon am Rande des Thüringer Waldes, als am Abend des 4. Mai 1521 das Verhängnis doch noch zuschlug. Er wurde aufgegriffen und auf die Wartburg verschleppt.

Doch zu seinem Glück stellte sich heraus, daß es sich bei den Entführern um Schergen Friedrichs des Weisen handelte. Dieser befand sich in einer Zwickmühle: Als Untertan und Kurfürst seines Kaisers konnte er natürlich nicht öffentlich einem Geächteten Hilfe gewähren, und dennoch wollte er seinen brillantesten Theologieprofessor schützen. Also ließ er seine eigenen Leute dem Doktor auflauern, damit diese ihn faßten, bevor es jemand anderes tat. Nicht verbürgt sind die Worte, mit denen er sie auf ihre Mission entließ: „Und laßt es wie einen Unfall aussehen!”

Die Wartburg, wie wir sie hier sehen, bietet nicht ganz den Anblick dar wie zu Luthers Zeiten. Denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts, nach den erfolgreichen Befreiungskriegen gegen Napoleon, gewann sie nicht zuletzt aufgrund der hier von Luther geschaffenen Bibelübersetzung Bedeutung als Symbol der deutschen Einheit, als Fundament der nationalen Erneuerung, ja, man könnte fast sagen: Sie errang Kultstatus. Zum 300. Jahrestag des Thesenanschlags fand im Oktober 1817 in ihren Mauern das „Wartburgfest“ statt, sozusagen das Gründungsfest der studentischen Burschenschaften. Ein weiteres Wartburgfest fand im Revolutionsjahr 1848 statt.
Die Burg selbst wurde (auf Initiative Goethes hin) in großen Teilen restauriert. Hierbei wurden einige der Gebäude komplett neu errichtet, und zwar in historisierendem und vor allem auch romantisierendem Stil, getreu dem Motto: „Wir bauen uns das Mittelalter, wie wir es schön gefunden hätten.“ Das sieht hübsch aus und ist inzwischen auch schon wieder fast 200 Jahre alt, doch darf man eben nicht glauben, die gesamte Burg sei original mittelalterlich.

Nachdem über Martin Luther aufgrund diverser Schriften gegen die herrschende Lehrmeinung der hl. Mutter Kirche die Reichsacht verhängt und er in Bann geschlagen worden war, wurde er vom gutmeinenden Fürsten Sachsens entführt und auf der Wartburg versteckt. Dort lebte er unter dem Decknamen „Junker Jörg“ (welch Namen sich Walt Disney nicht besser hätte ausdenken können) und übersetzte aus lauter Langeweile das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Und wie er so in seiner Stube saß und übersetzte, erschien ihm – der Legende nach – der Teufel.

Luther, der sich ja schon zuvor als resolut und couragiert erwiesen hatte, griff zum Tintenfaß und warf es nach dem Teufel, um ihn zu vertreiben. – Den Fleck, den die Tinte an der Wand hinterließ, malt man heute noch nach, um ihn stolz den Besuchern zu präsentieren.

Ob sich der Wurf des Tintenfasses tatsächlich so ereignet hat – mal abgesehen vom Erscheinen des Teufels –, ist umstritten. Auch ist es nicht klar, ob, falls überhaupt, es sich auf der Wartburg begeben hat. Denn auch für Luthers Stube in Wittenberg gibt es eine Anekdote, in die der Doktor, der Teufel und ein Tintenfaß involviert sind. Luther selbst hatte gesagt, er habe den Teufel mit Tinte ausgetrieben. Wahrscheinlicher als ein Wurf mit dem Tintenfaß ist allerdings, daß er diese Aussage metaphorisch auf seine Schriften bezog.

So. Das waren bis hierhin fünf Episoden aus meinem Luther-Zyklus, erstmals in historisch korrekter Reihenfolge dargeboten.

Und heute? Heute ist die Hälfte der Christenheit nicht katholisch, was unter anderem auf das Wirken Martin Luthers zurückzuführen ist. Gespalten war die Kirche freilich schon vorher, als sich im Morgenländischen Schisma die griechisch-orthodoxe Kirche von der römisch-katholischen schied, was bereits 500 Jahre vor der Reformation stattfand. Und unabhängig davon, ob man den theologischen Gedanken Luthers, Zwinglis, Calvins und der anderen wirkmächtigen Reformatoren folgt, und auch gleichgültig, ob man überhaupt in irgendeiner Form religiös gebunden ist, so hatte die Reformation doch klare weltliche Auswirkungen. Die Standhaftigkeit Luthers und seiner Mitstreiter zeigte den Zeitgenossen, daß die Macht der Kirche nicht unwidersprochen hingenommen werden mußte, daß es möglich war, gegen die Dogmen des Klerus aufzubegehren. Freilich verstanden viele zu ihrem Unglück die Brandreden Luthers als Aufforderung, gewaltsam gegen die Herrschenden vorzugehen, wodurch zunächst die Bauernkriege ausgelöst wurden und längerfristig der 30jährige Krieg in Gang gesetzt wurde. Aber, so behaupte ich, auch die europäische Aufklärung hätte ohne die Reformation und das durch sie erzwungene Umdenken in der katholischen Kirche und ihren Machtverlust durch die Abspaltung großer Teile der abendländischen Christenheit keinen Raum zum Atmen gehabt.

Luther selbst war natürlich nicht aufgeklärt, sondern manches gäbe es an ihm und seinen Auffassungen zu kritisieren – aus heutiger Sicht. Theologisch war er ein Hardliner, zwar nicht bezogen auf die Dogmen der römischen Kirche, von denen er sich berechtigterweise löste, aber in seiner wörtlichen Bibelauslegung. Und seine Tiraden gegen Juden und Hexen müßten uns schockieren, würden wir nicht bedenken, daß auch ein Mensch vom intellektuellen Format eines Martin Luther doch auch immer ein Kind seiner Zeit ist und somit von den ihn umgebenden Umständen geprägt.

In meinem Leben war Luther immer präsent. Eine Bleistiftzeichnung mit seinem Antlitz, stilvoll mit Doktorhut, hing hinter dem Schreibtisch im Arbeitszimmer meines Vaters, ein Pastor. Mir war also immer bewußt, daß es Luther gegeben hatte, daß es die Reformation gegeben hatte, und daß wir deswegen evangelisch sind und mit der theologisch fragwürdigen katholischen Kirche nichts am Hut haben. Der Katechismus kam später hinzu. Persönlich imponiert mir an Luther vor allem, wie er mit spitzfindiger Bibelauslegung dem weltlichen Machtanspruch der Kirche (der einzigen, die es damals in Westeuropa gab) die Grundlage entzog, insofern es eben für den Christenmenschen nicht der Vermittlung der Kirche qua Ablaß und strikter Unterwerfung unter die kirchlichen Dogmen bedarf, um zu Gott zu kommen, da Jesus davon nun mal nichts gesagt hatte; eine Argumentation, die ich religionsimmanent immer noch für belastbar halte. Außerdem ist sein Mut, es als kleiner Mönch, der nach dem Willen der Herrschenden doch eigentlich ein Rädchen in ihrem Machtapparat sein sollte, gegen Papst und Kaiser zu opponieren, nach wie vor bewundernswert, selbst wenn sein berühmter Spruch: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ nur eine Legende sein sollte. Darum war ich immer froh und bin es bis heute, in eine protestantische Familie hineingeboren worden zu sein.

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Buch der Woche: Die Bibel

14. Februar 2013

Daß ausgerechnet die Firma Lego eine Bibel drucken und diese in der Höhle des Trollkönigs 79010 verstecken würde, kann nur mit der Mysteriösität erklärt werden, in welcher sich bisweilen die Wege des Herrn offenbaren. Intime Kenner des Werkes von J. R. R. Tolkien, dem Schöpfer der Hobbit-Welt, mögen hingegen weniger verwundert sein, wissen sie doch, daß der Autor sehr gläubig war und seine eigene Religiösität in die Erschaffung von Arda, Mittelerde und dem ganzen mythologischen Überbau einfließen ließ.

Jedenfalls, die Bibel. Das Buch der Bücher, denn altgriechisch βιβλίον bedeutet im übertragenen Sinne „Buch“, davon die lateinische Fehlschreibung biblia, eigentlich der Plural von biblion, und schon war’s geschehen. Der Titel der Lutherbibel verkündete demzufolge: „Biblia: Das ist: die gantze Heilige Schrifft“, und wo jetzt schon Volkes Maul maßgeblich für die deutsche Textgestalt war, wurde daraus irgendwie „Bibel“ verballhornt.

Jedenfalls, die Bibel. Das Wort Gottes, sagen die einen. Eine getreue Chronik der Weltgeschichte, sagen dieselben. Für andere ist die Bibel immerhin ein Abriß der Kulturgeschichte im vorderen Orient, und noch ganz andere bezeichnen sie abschätzig als Märchenbuch. So weit würde ich nicht gehen.

Davon ausgehend, daß es zu der Zeit, da die Bibel spielt und das Alte Testament aufgezeichnet wurde, sehr viel weniger Menschen gab, kommt jedem einzelnen dieser Menschen eine größere Bedeutung zu. Familien waren Großfamilien und konnten als Völker gelten, die auf der Suche nach Weidegründen umherzogen, bis sie schließlich seßhaft wurden. Das Wissen war begrenzt, vieles war nicht ohne Weiteres erklärbar, so daß es nahelag, die Existenz eines oder eben mehrerer Götter anzunehmen, die kraft der ihnen innewohnenden Macht Dinge geschehen ließen.

Vor diesem Hintergrund ist es geradezu erstaunlich, wie exakt zum Beispiel der Schöpfungsbericht ist. Na gut, sechs Erdentage mag es nicht gedauert haben, aber da tausend Tage vor Gott wie der Tag sind, der gestern vergangen ist (und wie eine Nachtwache, Psalm 90), kann man sicher die 1000 Tage auch durch 1 Mrd. Jahre ersetzen, und schon paßt es irgendwie. So oder so ist die Reihenfolge der Schöpfungsgeschichte schlüssig. Die Bibel fängt vorne an, also tun wir das jetzt auch mal:

Erster Tag:

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ – Urknall, es vergehen einige Hunderttausend, Millionen und Milliarden Jahre, Materie ballt sich zusammen, reißt Lücken. Im Raum, dem Nichts, bilden sich Inseln aus Material, unter anderem die Erde.

„Und die Erde war wüst und leer, und es war finster in der Tiefe.“ – Na, davon kann man ausgehen, daß es auf der Erde kurz nach ihrer Entstehung wüst aussah.

„Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ – Der Staub in der Atmosphäre wurde feiner und weniger dicht, das Licht der Sonne konnte durchdringen.

„Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.“ – Naja, gut. Das ist natürlich aus der Sicht von jemandem gesprochen, der sich auf der Erde an einem bestimmten Ort befindet. Irgendwo auf dem Planeten ist ja immer Tag und zur selben Zeit an einem anderen Ort dann Nacht.

Zweiter Tag:

„Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. Und Gott nannte die Feste Himmel.“ – Rätselhaft. An dieser Stelle versagt mein Vorstellungsvermögen, was da mit „Feste“ gemeint sein soll, welcher Himmel gemeint ist (der ..äh.. Wohnsitz der Engel? Der Luftraum oberhalb der Erdoberfläche? Vermutlich das Firmament.), und wo darüber noch Wasser sein soll. Ist dies vielleicht ein Hinweis darauf, daß das Wasser von außerhalb also oberhalb des Firmaments, nämlich aus dem Weltraum per Kometen und Meteoriten, auf die Erde gelangt ist, wie die Wissenschaft heute annimmt?

Dritter Tag:

„Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, daß man das Trockene sehe. Und es geschah so. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer.“ – Soweit plausibel.

„Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume auf Erden, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist. Und es geschah so.“ – Die Einzeller verschweigt der Schöpfungsbericht, vermutlich aus Mangel an optischem Gerät.

Vierter Tag:

„Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, daß sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.“ – Hm. Erst wird es Licht, dann sprießen die Bäume, und dann endlich erscheinen Sonne, Mond und Sterne? Erklärbar, falls man das so nennen soll, würde dies nur, wenn zuvor die Atmosphäre zu verstaubt gewesen war, um den Urheber des ja bereits am ersten Tage gewordenen Lichts zu erkennen, die Sonne halt. Daß der Mond keine eigene Lichtquelle darstellt, sondern nur das Licht der Sonne reflektiert, war den Verfassern dieses Berichts offenbar noch nicht klar. Aber jedenfalls ist es seither möglich, die Zeit gemäß dem Stand der Sterne eindeutig einzuteilen. Dies hinwiederum läßt die Identifikation der Schöpfungstage mit Erdentagen zweifelhaft erscheinen, denn wie soeben festgestellt, fand die Einteilung der Erdentage erst ab dem vierten Schöpfungstag statt, die Schöpfungstage aber bereits seit deren erstem.

Fünfter Tag:

„Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. Und Gott schuf große Walfische und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art.“ – Jaja, Wale sind keine Fische, wir wissen’s. Der Autor des Schöpfungeberichts oder auch der Übersetzer wußten es nicht. Geschenkt. Aber das Leben kommt aus dem Wasser, soweit richtig. Richtig auch, daß die Eierleger, also zum Beispiel die Vögel, vor den Säugetieren existierten. Überdies sind die Vögel die Nachfahren der Dinosaurier, welchen in neuerer Zeit auch gerne mal ein Federkleid angedichtet wird. Die Dinos tauchen somit indirekt im Schöpfungsbericht auf, aber die Urheber des Berichts bekamen diese naturgemäß nie zu Gesicht, höchstens als freigewaschenes Fossilienskelett.

Sechster Tag:

„Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm, und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so.“ – Nach dem Leben im Wasser ensteht das Leben auf dem Land. Diese Reihenfolge würde keiner bezweifeln. Interessant ist die Einteilung in „Vieh“, also diejenigen Tiere, die direkt dem Menschen nützlich sind, „Gewürm“, also das ganze niedere Leben, und „Tiere des Feldes“, womit sicher nicht bloß Hasen und Hamster gemeint sind, sondern all die Tiere, die so frei umherstrolchen.

„Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib.“ – Am sechsten Tage also schuf Gott den Menschen, ganz kurz nach den Säugetieren, nicht etwa wurde ihm die Ehre zuteil, an einem eigenen Tag geschaffen zu werden. Der Mensch ist also klar dem Zeitalter der Säugetiere zuzurechnen, die Krone der Schöpfung bloß insofern, als zum Schluß erschaffen und intelligent genug, sich die Erde untertan zu machen. Und richtig, nach uns kam nichts mehr.

Das waren die sechs Schöpfungstage. Woher die Menschen vor 5000 Jahren das alles schon so ..äh.. genau wußten, ist rätselhaft. Vielleicht waren sie ja schlauer und kenntnisreicher, als wir annehmen, und sie machten sich aufgrund ihrer Beobachtungen die richtigen Gedanken. Die Story mit dem aus einem Erdklumpen geformten Adam, der aus seiner Rippe geschnitzten Eva und dem Sündenfall folgt dann in einem gesonderten Bericht.

Jedenfalls, die Bibel. Schon deren erste Geschichte, die wir gerade etwas auseinandernahmen, sorgt für Zwist. Menschen, genannt Kreationisten, würden dafür töten, daß dieser Schöpfungsbericht wörtlich genommen wird. Als ob es darauf ankäme! Dafür wird das Gebot „Du sollst nicht töten!“ dann großzügig zu den eigenen Gunsten interpretiert. Wie man’s braucht, woll? Den sogenannten evangelikalen Christen ist das Evangelium, also das Neue Testament, so scheint’s, auch weniger wichtig als einzig das erste Buch des Alten Testaments. Das Wirken Jesu? Egal, Hauptsache die Evolutionstheorie wird nicht Schulstoff. Hamdiesenochalle?

Die Bibel. Ein gefährliches Buch. Zweieinhalb Weltreligionen berufen sich auf sie, und jeder liest in sie hinein, was ihn nützlich deucht. Gegenmeinungen werden nicht akzeptiert, da die jeweils eigene Interpretation natürlich als durch Gott höchstselbst „inspiriert“ reklamiert wird, sich somit jeder vernünftigen Argumentation entzieht. Zum Kotzen ist das.

Meine eigene kecke Meinung, selbstverständlich auch durch den Heiligen Geist inspiriert, ist, daß dem Schöpfungsbericht selbst die Idee der Evolution innewohnt: „Die Erde bringe hervor“, steht da. Wenn das nicht die Beschreibung eines evolutionären Prozesses ist! Ihr Rechtgläubigen, überlaßt es doch bitte eurem Gott, auf welche Weise er seine Schöpfung vollzieht!

Davon abgesehen ist die Bibel aber ein wirklich unterhaltsames Buch, das hiermit zur kritischen Lektüre empfohlen sei!


Paarungsverhalten. Und was Lego nie lernen wird.

31. August 2011

Nachdem bereits die erste Serie der Sammel-Minifiguren einen keulenbewehrten Höhlenmenschen enthalten hatte, mußte dieser Adam bis zur fünften Serie warten, bis ihm aus einer Rippe seine Eva geschnitzt wurde. Ebenfalls mit einer Keule bewaffnet. Lego nimmt die Gleichberechtigung der Frau ernst, so scheint es. Und das, wo von bislang achtzig erschienenen Sammel-Minifiguren gerade mal fünfzehn weiblichen Geschlechts sind. Und alle ordentlich geschminkt, sogar die Höhlenmenschin.

Was Lego jedoch nie lernen wird:

Seit geraumer Zeit bedruckt Lego nun nicht mehr bloß Gesichter und Oberkörpervorderseiten der Minifiguren, sondern immer öfter auch die Beine. Das wäre wirklich schön, wenn sie dabei nicht einen entschei- denden Fehler machten. Die Beine werden nämlich nur so weit bedruckt, daß der Druck im aufrechten Stand sichtbar ist. Sobald die Figur geht oder läuft, reißt die Hose oder der Rock, und das nackte Bein wird sichtbar. So macht es keinen Spaß, die Figuren sich in Pose werfen bzw. agieren zu lassen. Zum Beweis könnte ich nun jegliche Figur zeigen, die ein bedrucktes Beinteil hat, aber das spare ich mir. Das hübsche Pärchen oben soll genügen.

Leider habe ich wenig Hoffnung, daß Lego sein Bedruckungsgebaren irgendwann ändern und die Beine auch über den Hüftansatz hinaus bedrucken wird. Denn es arbeiten ja inzwischen genügend (ehemalige) AFOLs* bei Lego, denen dieses Manko längst selbst aufgefallen sein muß, ohne daß sich was geändert hätte.

*) AFOL = Adult Fan of Lego, also erwachsener Lego-Freund.


Jubiläum! 10.000 Jahre Sündenfall.

24. Juni 2011

Sie so, ey, kuckma hier, son Baum der Erkenntnis. Will ich! Er so, neee, du, laß mal, sollnwa doch nicht, sie so, ich will ich will ich will aber! Dann so die Schlange, ey, Eva, voll am zischeln so, kuckma, da is ne Frucht, nimm doch mal, dann Eva so, boa geil, ne Frucht, voll am pflücken, sie so damit zu Adam, hier kuckma, ne Frucht, voll schön und so. Bestimmt voll lecker. Dann er so, na gut, gib her, dann beide so: kau. Dann Gott so, tja, das war’s, raus hier.

Cherubbeldiekatz auf den Tach genau vor einer Myriade Jahren.


Buch der Woche: Neckermann-Katalog Östliches Mittelmeer

6. Januar 2010

Da heute der Dreikönigstag ist, halte ich es für vollkommen angemessen, diesen Reisekatalog auf den Büchertisch zu legen. Nicht zuletzt auch, damit er danach vom Tisch ist.

Von den drei Königen aus dem Morgenland weiß man zwar eigentlich gar nichts, vor allem nicht ihre Anzahl (drei), nicht ihre Namen (Kaspar, Melchior, Balthasar) und ihre genaue Herkunft (Morgenland), aber immerhin, daß sie keine Könige waren (sondern „Weise“) und daß sie reisten. Nämlich aus dem Morgenland nach Jerusalem. Einen Reisekatalog brauchten sie für diese Unternehmung freilich auch nicht, sondern ihnen genügte es, einem Stern zu folgen. Weisen ist es ja eigentümlich, daß sie am Himmel erscheinende Sterne eindeutig und unzweifelhaft neugeborenen Königen zuordnen können, und damit liegen sie selten falsch. Derhalben führte sie ihr Weg nach Jerusalem, der Hauptstadt Judäas, um im Palast des Königs Herodes mal anzufragen, wie es denn dem Thronerben gehe, und ob Einwände gegen ein bißchen Anbetung bestünden. Weise neigen dazu, fremde Könige direkt mal anzubeten, scheint’s, am liebsten im Kindesalter. Es muß sich also um tibetanische Mönche gehandelt haben, die zudem über eine erlesene Bibliothek verfügten. Denn.

Herodes wußte natürlich von nichts, ließ also vor allem mal seine eigenen Hofmystiker und -narren antanzen, auf daß sie die Morgenländer ausforschten. Ein neugeborener König der Juden, wo gab’s denn sowas! Ja in Bethlehem, wußten die Tibetaner zu berichten. Denn das hatten sie ihrer Bibliothek entnommen, daß der Prophet Micha dieses vorausgesagt habe. Hmpf, grunzte daraufhin Herodes, dem so ein dahergeborener König der Juden, welcher nicht der Kraft seiner erlauchten Lenden entsproß, so gar nicht ins dynastische Konzept paßte. Hmpf, wiederholte er also und bat die Weisen, sich das Blag in Bethlehem doch mal anzusehen, dann zu ihm, Herodes, zurückzukehren und Bericht zu erstatten. Er wolle dann selbst bei Gelegenheit auch mal hin, anbetenderdings. Die Weisen zogen also weiter nach Bethlehem, beteten an, brachten Geschenke dar und reisten zurück ins Morgenland, ohne aber noch mal nach Jerusalem zurückzukehren. Befehl von ganz oben. Also ganz oben, noch über Herodes. (Gott.)

Ach ja, zwischendurch wollen wir auch mal einen Blick aufs Buch werfen:

Wir erkennen den Stern (die Sonne), das Kind, und augenscheinlich amüsiert es sich königlich. Die Weisen hatten recht. Aber die Geschichte geht noch weiter. Da die Morgenländer nicht zu Herodes zurückkehrten, erhielt dieser keinen Aufschluß darüber, wo genau er nach diesem usurpatorischen Bankert suchen sollte, aber wozu war man denn König? Als solcher befahl er kurzerhand, daß in der Umgebung von Bethlehem alle Neugeborenen, ach, was soll der Geiz! daß alle Kinder unter zwei Jahren auf der Stelle getötet würden. Und so geschah es. Das eigentliche Ziel des Anschlags jedoch schlüpfte ihm durch die Finger, denn dessen Eltern wurden im Traum vorgewarnt und konnten fliehen. Die Eltern der anderen unschuldigen Kindlein freilich nicht. Tja.

Was lehrt uns das? Astrologie ist vom Übel. Ohne sterndeuterischen Hokuspokus wären keine Halbweisen aus dem Morgenland aufgekreuzt, hätte Herodes keine Thronfolgepanik gekriegt, wären etliche Kindlein unermordet geblieben. König der Juden wurde der Knabe, zum Manne herangereift, überdies auch nie.

Und nun noch ein Wort zu den heiligen drei Königen, wie sie landläufig genannt werden. Ihre Gebeine sollen im Kölner Dom liegen, wo auch sonst. Daß sie nicht heilig waren, sondern offenkundig unseligen Kulten huldigten, haben wir schon gesehen. Daß sie keine Könige waren, geht aus dem Matthäus-Text hervor, dem ihre Geschichte entnommen ist, denn dort ist ausschließlich von „Weisen“ die Rede. Daß ihre Namen in diesem Text nicht erwähnt sind, versteht sich fast schon von selbst. Daß ihre Anzahl drei gewesen sei, wird lediglich aus der Dreizahl der genannten Geschenke Gold, Weihrauch und Myrrhe geschlossen. Daß sie aus Tibet stammten, habe ich ja in bestechender Logik zu beweisen vermocht; das war selbst Matthäus nicht bekannt. Zum Glück war er klug genug, nur vage vom „Morgenland“ zu sprechen.

Den Neckermann-Katalog, der den Jungs als Wegführer diente, oder auch nicht, findet man übrigens im Set 3117.


Buch der Woche: Das Tagebuch der Maria

8. Dezember 2009

Wahrscheinlich stehe ich nicht im Verdacht, katholisch zu sein. So hoffe ich wenigstens. Demzufolge bin ich mit katholischen Bräuchen und Dogmen nur marginal vertraut, beziehungsweise gar nicht. Nur so ist es zu erklären, daß ich beim Blick auf den Kalender einem aus meiner Sicht verzeihlichen Irrtum aufgesessen bin. Heute, am 8ten Dezember, ist „Mariä Empfängnis“. Klar, dachte ich, da hat Maria den kleinen Jesus „empfangen“, ein Formulierung, die sich ausgedacht wurde, um gar nicht erst den Gedanken an eine Zeugung aufkommen zu lassen. Denn selbstverständlich wurde Jesus nicht herkömmlich gezeugt, von Joseph gar, sondern Maria empfing den Keimling auf wundersame Art und Weise vom Heiligen Geist. Oder von Gott. Das ist bei der bis dahin herrschenden Zweifaltigkeit schwer zu differenzieren.

Und angesichts des heutigen Buches auf dem Büchertisch schien mir eine Erleuchtung gekommen: 1999 steht da drauf. Aber natürlich! 1999 jährte sich zum 2000sten Male Christi Geburt. Denn die Zeitrechnung begann ja mit dem Jahr 1 nach Christi Geburt, also quasi nur eine Woche später, so fix waren die damals mit ’ner neuen Zeitrechnung bei der Hand. Jesus* wurde am 25sten Dezember geboren, bis zur Empfängnis rechnen wir 9 Monate zurück, dann landen wir im April desselben Jahres. Paßt! Das Buch, welches seinerseits nun 10jähriges Jubiläum hat, muß das Schwangerschaftstagebuch der Gottesmutter sein. Was läge näher?
*) Für Uneingeweihte: Jesus und Christus sind ein und dieselbe Person: Jesus Christus. Aber „Christus“ ist nicht Jesu Nachname, denn sonst hätten seine Eltern ja Joseph und Maria Christus geheißen, was aber die Aktenlage so nicht hergibt. Die Familienverhältnisse sind insgesamt etwas kompliziert.

Aber Moment mal. Mariä Empfängnis ist ja am 8ten Dezember, das sind keine 9 Monate, das hätte ich auch sofort bemerken können. Vielmehr handelt es sich um die unter theologischer Aufsicht vollzogene Zeugung Mariens selbst. Die Gottesmutter durfte nämlich ebenfalls nicht durch schmutzigen Sex in die Welt gebracht worden sein, sollte ihr Sohn Jesus, als Gottes Sohn, rein und von der Erbsünde frei sein. Derhalben haben gewiefte Theologen das Dogma von der unbefleckten Empfängnis ausgekaspart, -melchiort und -balthasart. Demzufolge soll Maria von ihren Eltern Joachim und Anna durch sauberen Sex gezeugt worden sein, den Gott im Hinblick auf des Kindes künftige Rolle von jeglicher Sündhaftigkeit befreite. Toll!
(Anna, das war übrigens die Lieblingsheilige von Martin Luther, womit der Bogen zu meinem Nichtkatholischsein geschlagen wäre. Aber das nur am Rande.)

Das Problem an der Sache ist freilich, daß die schöne Story von Marias Zeugung, Verzeihung: Empfängnis, gar nicht in der Bibel steht. Frühe Schriften dazu gibt es, aber die entstanden erst höchstens zwei Jahrhunderte später. In der Frühzeit des Christentums wurde viel geschrieben, manches davon, wie die Apostelbriefe, fand Eingang ins Neue Testament, vieles aber auch nicht. Entweder, weil es denjenigen, welche schließlich und endlich die Zusammensetzung bestimmten, nicht bekannt war, oder weil es nicht ins theologische Konzept paßte. Die Familiengeschichte Marias wurde nicht in den Kanon aufgenommen und blieb also fromme Legende. Das hinderte jedoch weder die Menschen noch die Kirche daran, Anna, die Oma Gottes, als Heilige zu verehren, ihr Kirchen zu weihen und sie zur Schutzpatronin von allem und jedem zu erklären.
(Kleiner Haushaltstipp zwischendurch: Wenn mal wieder irgendeine Kleinigkeit verloren wurde und vom Erdboden verschluckt zu sein scheint – zur heiligen Anna beten! Dafür ist die nämlich zuständig. Außerdem hilft sie auch anstelle von Aspirin gegen Kopfschmerzen. Einfach mal ausprobieren!)

Marias Komplettheiligkeit von der Zeugung bis zum Ende war jahrhundertelang Glaubensinhalt der katholischen Kirche, ohne eigentlich in der Bibel belegt und somit für Christen verbindlich zu sein. Diese theologische Beliebigkeit wurde der Kirche wohl zu heikel, weshalb Pius IX. im Jahre 1854 (achtzehnhundertvierundfünfzig) das Dogma von der unbefleckten Empfängnis verkündete, wonach diese von Gott offenbart und somit von den Kindern der heiligen Mutter Kirche geflissentlich zu glauben sei. So kann man’s auch machen. Wiederum rund hundert Jahre später, nämlich 1950 (neunzehnhundertfünfzig) fügte Papst Pius XII. dem Marienzyklus als weiteres nicht durch die Bibel belegtes Dogma die Himmelfahrt Marias hinzu. Wie ihr Sohn sei sie ohne irdischen Tod ob ihrer Sündlosigkeit in den Himmel entrückt worden. Das erste und berühmteste Dogma in diesem Zyklus ist die „immerwährende Jungfräulichkeit“ Marias, welches sträflich außer Acht läßt, daß im Markusevangelium von Jesu Geschwistern die Rede ist. Selbst wenn man wohlwollend hinnähme, daß Jesus selbst ohne formellen Zeugungsakt durch Joseph „empfangen“ wurde, Maria also bis dahin Jungfrau war, muß die Frage erlaubt sein, aus welchem Leib denn dann seine Geschwister geschlüpft sein sollen, bzw. wie hinein. Und welche Relevanz es überhaupt für das Wirken Jesu hat, ob seine Mutter… aber lassen wir das.

Zurück zum Lego-Buch. Leider ist der Druck des Aufklebers bei meinem Exemplar etwas verrutscht, so daß rechtsseitig der rosane Rand verloren ging. Von wegen, Unbeflecktheit! Derartige Schlampigkeiten sind mir auch bei anderen Scala-Büchern aufgefallen. Schade drum.
Marie schreibt ihr Tagebuch im Set 3142. Es ist dies das einzige gelbe Scala-Buch mit Aufklebern.

Nachtrag, 18. Dezember 2009:

Es gibt die verrutschten Aufkleber auch unverrutscht, was ich bemerkenswert finde. Denn ich hätte nicht gedacht, daß diese Scala-Sets mehrere Auflagen erfahren haben. Leider ist der Zustand des Zweitexemplars ansonsten nur mäßig hervorragend.