We are doomed.

Wie ich von diesem Aufkleber an einem Laternenpfahl im öffentlichen Raum lernte, sind wir am Arsch. So sehe ich also meine schon lange gehegte Vermutung offiziell bestätigt. ’s wird wärmer, zum Beispiel, und nur Naivlinge nehmen dies zum Anlaß, sich auf besseres Wetter zu freuen. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt: Is‘ nich‘ so. Entweder wird es heißer und trockener, die Bäume sterben ab, die Flüsse trocknen aus und das Grundwasser zieht sich zurück; oder es wird heißer und nasser, die Flüsse schwellen an und die Stürme werden heftiger. Na, herzlichen Glückwunsch, das haben wir ja prima hingekriegt!
Und weil wir, das heißt: die Mehrheit der Menschheit, Politiker wählen oder gewähren lassen, die all ihre Kraft in den Dienst derer stellen, die in ihre Beraterverträge erkleckliche Sümmchen schreiben, während sie, Geldgeber, ihrerseits noch erklecklichere Summen durch entsprechend ausgearbeitete Gesetze verdienen bekommen, wird sich auch nichts zum Besseren ändern. Es ist aber auch echt egoistisch von uns, selbstsüchtig immer nur das Wohl unserer Kinder und Kindeskinder im Sinn zu haben und auf einen auch zukünftig noch bewohnenswerten Planeten zu hoffen, ohne uns mal empathisch in die Bedürfnisse der Aufsichtsräte und Oligarchen einzufühlen!

Extinction Rebellion hat also Recht: Wir sind am Arsch. Welche Erkenntnis sollen wir daraus ziehen? Folgen wir dem Vorschlag Guybrush Threepwoods, völlig zu verzweifeln und aufzugeben? Klingt verlockend. Vielleicht saufen wir uns die Welt auch einfach schön. Die aufmüpfige Jugend, die tatsächlich noch hirngespinstens von einer lebenswerten Zukunft träumt und den weisen Erwachsenen auf die Nerven geht, indem sie sich an Autobahnen und Bilderrahmen festklebt (Ja ist denen denn gar nichts heilig!?), bringen wir frühzeitig dazu, es uns gleichzutun. Zu diesem Zweck gibt es sowas:

Saufen für den Wohlstand (einiger).

Und dann erblickte mein Auge just heute diese kleine Werbeanzeige im Dortmunder Werbeblättchen. Die Adresse habe ich mal unkenntlich gemacht, denn Werbung gibt’s hier nur, wenn WordPress sie einblendet, weil ich keinen bezahlten Account anlegen möchte. Typisch, diese Gratismentalität! Aber dann wiederum bezahlt mich ja auch keiner, also ist die Billanz ausgeglichen, die 0 steht. Also, jedenfalls:

Wie bitte? Vielleicht wußtet ihr das ja; ich wußte es jedenfalls nicht: Es gibt Grillkurse? Schon (schon!!!) ab 69 Euro. Die Schonzeit ist vorbei! Es gibt also offenbar auch Kurse zu höherem Preis. Und 69 Euro sind fast 140 D-Mark. Das sind 700 Ost-Mark. Und da gab’s Fleisch nur an geraden Donnerstagen, wenn man weit genug vorne in der Schlange stand. Doch ich schweife ab.

Wie konnte es eigentlich dazu kommen, daß in Zeiten des Feminismus das Grillen zum Volkssport avancierte? Nee, jetzt mal ernsthaft: Wie zum dreimal gehörnten Teufel konnte das passieren? Seit Jahren nehme ich wahr, wie die Zubereitung von Fleisch vermittelst eines Grills erst zur telemedial vermittelten Wissenschaft wurde, dann zur Materialschlacht, und jetzt identifizieren sich Männer plötzlich als Grillexperten und Diplombruzzler, schaffen alle Naselang neues Grillgerät gemäß neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen an („Smoker“. Keine Ahnung, was das ist.), und es gibt Grillkurse. Oh, sorry, sorry:

Frauen natürlich auch. Dazu später mehr. Fleisch (was jetzt keine Assoziation zu Frauen sein soll) esse ich ja bisweilen auch, nicht häufig und nie selbstgegrillt, aber das Virtus-Signal, um mal einen englischen Begriff lateinischer Herkunft einzudeutschen, „Veganer!“ kann ich für mich nicht reklamieren. Dennoch sehe ich ein, daß unser wohl(unan)ständiger Fleischkonsum problematisch ist. Die Haltung von Schlachtvieh ist oft mit dem Tierwohl nicht zu vereinbaren, das Schlachten sowieso nicht, Futtermittel verbrauchen Ressourcen an Wasser, Anbaufläche, Düngemitteln und so weiter, die, äße man pflanzlich, sehr viel direkter und wirtschaftlicher genutzt wären. Daß für Weideflächen gerne mal Regenwald brandgerodet wird, und daß die Viecher Methan auspupsen, kommt als klimaschädlicher Malus noch hinzu.

All dies ist bekannt, es kümmert aber niemanden. Stattdessen wird gegrillt, was das Zeug hält. Fast, beinahe, unter Umständen, vielleicht könnte man auf den eventuell komplett abwegigen Gedanken kommen, daß hinter dem derzeitigen Trend zum Grill eine geschickt lancierte Kampagne der Fleischindustrie steckt, ohne jetzt allzu offensichtlich in verwegene Verschwörungsmythen abgleiten zu wollen. War wirklich nur ein Gedanke, die Älteren werden sich erinnern.

Männer grillen. Grillen zirpen. Was hat das mit dem Feminismus zu tun? Natürlich nichts. Frauen grillen ja auch, zum Beispiel auf der Sonnenbank. Und ich verbreite hier antiquierte Geschlechterklischees, ich Schlimmling. Oder heißt es jetzt: „Geschlimmte“? Ich sollte solche Texte nicht um 3 Uhr nachts verfassen.

Feministinnen und ihre andersgeschlechtlichen Apologeten behaupten ja gerne, dem Feminismus gehe es um Gleichberechtigung. Das gibt das Wort freilich nicht her, welches ja ausdrücklich Wesen femininen Geschlechts benennt. Dem Feminismus geht es um mehr Rechte für Frauen, was insofern gerechtfertigt ist, als Frauen Rechte vorenthalten werden. Daß diese Mehrberechtigung der Frauen an dem Punkt enden möge, wo der Zustand einer Gleichberechtigung erreicht wurde, ist hingegen nicht erkennbar. Und daß diese Gleichberechtigung überhaupt anderen Gruppen außer Frauen zugutekommen soll, ebensowenig. Wenn Transfrauen beispielsweise das Damenklo aufsuchen möchten, erheben Feministinnen nicht selten ihre Stimme dagegen. Und sowieso gilt: Der Feind ist der Mann, von toxischer Männlichkeit ist die Rede. Und ja, allenthalben können wir toxische Männlichkeit am Werke sehen, seien es prügelnde Ehemänner oder dem Militarismus Vorschub leistende Staatsführer mit nacktem Oberkörper in Armeehose auf dem Pferd. Unbestritten. Dabei geht es natürlich nicht darum, daß die Welt ein besserer Ort würde, wenn Frauen an öffentlichem Einfluß und Macht gewönnen, denn warum sollte das wohl so sein? Das britische Kolonialreich beispielsweise nahm seinen Anfang unter Königin Elisabeth I. und hatte seine größte Ausdehnung unter Queen Victoria. Maggie Thatcher, die „Eiserne Lady“, führte den Falkland-Krieg und vertrat eine rigide Sozialpolitik. Angela Merkel war 16 Jahre lang Bundeskanzlerin, ohne daß der Feminismus in dieser Zeit über wesentliche Erfüllungen seiner zentralen Forderungen gejubelt hätte. Zu den reichsten Deutschen zählen Frau Klatten, Frau Quandt und Friede Springer („Bild“, dieser Hort der Gleichberechtigung).
Ich hätte durchaus nichts dagegen, wenn Frauen annähernd soviel, genauso viel, oder auch mehr Macht und Einfluß hätten, wie sie derzeit noch Männer haben. Bloß gehe ich nicht davon aus, daß dadurch irgendwas besser würde. Frauen wollen ganz einfach jetzt auch die Arschlöcher sein, nur darum geht’s.

Aber die Männer (Yes, I know: Not all men.) sehen sich Vorwürfen ausgesetzt. Sexismus, wie obiger Aufkleber an einem Stromkasten vermittelst suggestiver Farbgebung und unverhohlen dargestellter Geschlechtskennzeichnung impliziert, ist etwas, unter dem Frauen zu leiden haben, was also von Männern ausgeht. Weil Männer per Definitionem nie von Sexismus betroffen sind, außer vielleicht, wenn ihnen auf Stromkastenaufklebern zum Thema Sexismus der potenzielle Opferstatus verweigert wird, aber wer wird denn kleinlich sein.

Der Feminismus mag in vielem seine Berechtigung haben, aber er fördert auch den unreflektierten Trotz derer, die sich von ihm bedroht fühlen. Viele Männer sehen, ob berechtigterweise oder nicht, ihre Felle davonschwimmen, und vielleicht auch deswegen ziehen sie sich an den Grill zurück, wo Männer noch Männer sein können. Eskapismus sei’s Panier! Wir sind verloren.

Gute Nacht!

2 Responses to We are doomed.

  1. Oliver G. sagt:

    Welch gelungener Essay! Sollte die Bezeichnung nicht passen, egal! Gelungen bleibt gelungen! Aber mit Limo-Bier besaufen? Wieviel Liter soll man denn davon trinken um einen im Tee zu haben? Mir schwant selbst Teenager reichen da 1000 ml nicht zum Rausch. :-/

    • Jojo sagt:

      Hehe, mit der Bierlimo kann man sich vielleicht nicht besaufen, vorher platzt man. Aber mit derlei Zeug werden die Jugendlichen halt an den Geschmack von Alkohol gewöhnt, damit sie sich später mit dem richtigen Stoff besaufen. Und vor allem das Zeug kaufen.

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