Verschwörungstheorie.

Der Begriff „Verschwörungstheorie“ ist sowieso falsch. Laien, also Menschen wie ich, denken häufig an die landläufige Dichotomie von „Theorie und Praxis“ und halten eine Theorie demzufolge für ein substanzloses Hirngespinst, für wildes Rumgerate ohne Anker in der dinglichen Wirklichkeit, im Kontrast eben zur Praxis, dem tatkräftigen Vollzug ebendieser Wirklichkeit. Hence, was in der so verstandenen „Theorie“ wohl klappen mag, scheitert an der erprobten Realität, der Praxis. Unter dieser Maßgabe ist der Laie, also ein Mensch wie ich, geneigt, jedwedes wilde Rumgerate als „Theorie“ zu bezeichnen. So neigt denn nachts um 2, wenn die Wirtin schon die letzte Runde ausgerufen hat, der Thekennachbar sein rotgeädertbenastes Haupt hinüber, läßt unter schweren Lidern die wässrigen in Alkohol schwimmenden Äuglein einen Ansprechpartner gleichwelchen Geschlechts (Hand aufs Herz: einen Mann) suchen, hebt, im Falle des Sucherfolgs, kurz innehaltend, die wahlweise rechte oder linke Hand, den Zeigefinger ausgestreckt, und äußert Laute, denen der Muttersprachler ungefähr diese Worte ablauschen kann, freilich erst nach einer weiteren Generalpause, sicherheitshalber gefolgt von einer zweiten, denn so eine Bedeutungsschwangerschaft erfordert ja eigentlich neun Monate der Vorbereitung, aber so käme man ja nie zum Punkt. Also:

„Hömma, ich, ich habe eine Theorie. Die Merkel, nä? Die Merkel, das is‘ ein Amphibienwesen. Nee, wattema, Rep… (Ein kurzes Aufstoßen scheint am Platze.) Reptilienweib. Also Wesen. Reptilienwesen. Weißte? Die Merkel ist ein Reptilienwesen. Das is‘ meine Theorie.“

Dann holt die Wirtin das Taxi, um den Besinnungslosen vor allen Dingen mal wegzufahren, bestenfalls zu dessen Wohnstatt. Den Deckel kann er anderntags bezahlen. Die Zeche für ein solches Theorie-Verständnis zahlen früher oder später wir alle.

Der Laie, also prinzipiell ein Mensch wie ich, hält es also für sinnvoll und nur gerecht, so eine „Theorie“ jeder anderen Theorie, zum Beispiel einer wissenschaftlichen, in jeder Hinsicht gleichzustellen. Wenn also die Wisschaft so etwas wie die Evolutionstheorie in den Ring wirft, sieht sich der Laie, der diese wissenschaftliche Theorie weder in Gänze gelesen, geschweige denn verstanden hat, selbstverständlich berechtigt, diese Theorie zu kontern, etwa mit der einzig anderen vorstellbaren Alternative zur Evolution: Gott hat die Dinosaurierknochen verbuddelt! Und er nennt’s Theorie und fordert die gleichberechtigte Lehre in Schule und Universität, und was halt noch so alles damit einhergeht. Denn wenn das ..äh.. wilde Rumgerate, welches die Wissenschaftler „Theorie“ nennen, (Die haben sich doch schon so oft geirrt und revidieren alle Naselang ihre Erkenntnisse! Was ist also von der sogenannten Wissenschaft überhaupt zu halten, na?) Auswirkungen auf gesellschaftliche Diskurse, die Gesetzgebung und all sowas hat, dann verlangt der Laie aber, daß sein eigenes wildes Rumgerate mindestens genauso Berücksichtigung findet im gesellschaftlichen Diskurs. Das wird man doch wohl noch mal sagen dürfen! Meinungsfreiheit!

In der Wissenschaft hingegen ist eine Theorie durchaus nicht das Ergebnis wilden Rumgerates. Vielmehr ist die Theorie das Ergebnis eines oft sehr langen wissenschaftlichen Prozesses. Am Anfang steht eine Beobachtung, vielleicht auch der Ausgang eines Experiments. Sicherheitshalber wird das Experiment wiederholt, wird noch mal genau hingeschaut. Kollegen werden gebeten, ebenfalls mal hinzugucken, ein ähnliches Experiment durchzuführen. Wenn das Ergebnis sich als reproduzierbar erweist, wird eine Einordnung vorgenommen: Wie paßt es mit den bekannten Axiomen, Theorien, Naturkonstanten und so weiter zusammen? Es wird eine Hypothese formuliert, und zielgerichtet werden abermals Bebachtungen vorgenommen, Experimente werden erdacht, die geeignet sind, das beobachtete Phänomen ad absurdum zu führen. Erweist sich das Phänomen weiterhin als nicht weg zu diskutieren, kann darüber nachgedacht werden, eine Theorie zu entwickeln. Diese muß wiederum mit den bekannten Axiomen und Naturgesetzen im Einklang stehen. Der Formulierung einer Theorie geht also eine ganze Menge Praxis voraus, die Theorie muß zu den Fakten passen, es werden nicht die Fakten so gewählt, daß sie zur Theorie passen. Die Theorie ist der Endpunkt eines langwierigen wissenschaftlichen Prozesses, keineswegs der Startpunkt in Form wilden Rumgerates.

Eine Verschwörungstheorie ist demnach in den seltensten Fällen eine Theorie im wissenschaftlichen Sinne. Nicht selten hat derjenige, der einer Verschwörungstheorie Glauben schenkt, sowieso schon ein irgendwie komisches Gefühl bei einer Sache, paßt etwas nicht mit seiner Sicht der Dinge zusammen. Und da ist es doch angenehm, wenn es eine „Theorie“ gibt, die das eigene komische Gefühl zu bestätigen scheint. Irgendwie läuft im eigenen Leben alles falsch, aber klar, die Merkel ist ja auch ein Reptilienwesen, das erklärt’s.

Dessen ungeachtet gibt es natürlich Verschwörungen. Jedes Kartell, das unerlaubte Preisabsprachen betreibt, ist eine Verschwörung. Jede Kriegsgrundherbeiführung, mit welcher dem Volk plausibel gemacht werden soll, daß doch aber die Polen den Sender Gleiwitz angegriffen haben, oder daß Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitze, geht auf eine Verschwörung zurück. Skepsis ist also nicht verkehrt. Aber Skepsis ist nicht, etwas, was einem nicht gefällt, gefühlsmäßig abzulehnen. Skepsis ist, etwas nicht ohne triftigen Grund, also bestenfalls nur auf Grundlage von Beweisen, zu glauben, wobei rationales Denken zielführender ist als unbestimmtes Bauchgefühl. In diesem Sinne bin ich, wiewohl natürlich wissenschaftlicher Laie, doch nicht unbedingt ein Mensch wie die, die so Thekentheorien aufstellen. Im Gegensatz zu denen bin ich ein Verstandesmensch. Das heißt nicht, daß ich viel davon habe, sondern lediglich, daß ich viel davon halte.

Trotzdem möchte ich eine kleine Verschwörungstheorie zum Besten geben, die ich mir gerade mal während des Tippens aus den Fingern sauge. Gestern hamse ja in den Vereinigten Staaten von Amerika einen neuen Präsidenten gewählt. Oder vorgestern, oder wann das halt war, Zeitverschiebung, Warterei, egal. Am Dienstag.

Damals, im März, als urplötzlich Corona über die Welt schwappte, huschte ein Lächeln über das vertrauenerweckende Antlitz eines der Berater Donald Trumps. Diese Leute sind ja nicht dumm. Um andere für dumm zu verkaufen, muß man selbst ja zumindest ein bißchen schlauer sein. Also, das Virus eroberte Land für Land, Menschen erkrankten, Menschen starben, viele, und die Maßnahmen, die in vielen Ländern ergriffen wurden, um der Seuche Herr zu werden, umfaßten vor allem: Mund und Nase bedecken und größtmöglichen Abstand zu anderen Menschen halten, im Grunde das sinnvolle Vorgehen, welches bei jeder Infektionskrankheit ratsam wäre, aber dieses Mal: Wirklich jetzt! Denn Covid-19 ist fieser als ein Schnupfen; sie heben ja nicht ohne Grund Massengräber in Spanien und Italien aus, was bei einer saisonalen Grippewelle sonst nicht geschieht.

Das kann den Verantwortlichen in Washington ja nicht verborgen geblieben sein. Dennoch taten sie sich mit der öffentlichen Anerkennung der Gefahr und somit mit dem Anordnen der sinnvollen Maßnahmen schwer. Wieso? Sie sahen im Hinblick auf den Wahlkampf eine Strategie heraufdämmern. So Wahlkampfstrategen kennen ihr Zielpublikum und das ihres Gegners ganz genau. Trumps Berater wissen natürlich, daß die Anhänger des demokratischen Bewerbers um die Präsidentschaft potenziell eher rational und wissenschaftlich denken als die Anhänger Donald Trumps, der ja in Auftreten und Person nichts weniger als den Intellekt anspricht.

Rational und sinnvoll ist es, während einer Virus-Epidemie Menschenansammlungen zu meiden, seine Atemwege mit einer Maske zu schützen, und auch am Wahltag möglichst nicht ins proppevolle Wahllokal zu stratzen, sondern schön geschützt seine Stimme per Briefwahl abzugeben. Und das war es, was dem vertrauenserweckenden Star-Spangled-Banner-Pin-am-Revers-Träger das Lächeln ins Gesicht zauberte: Da war sie, die Strategie!

Konsequent verharmloste das Trump-Lager die Gefahr, die von Corona (jaja, nicht das Bier) ausgeht, zogen ohne Rücksicht auf Verluste Wahlkampfveranstaltungen durch, die Spitzengestalten zeigten sich demonstrativ ohne Maske. Als Sahnehäubchen infizierte sich der Präsident, der Donald, der Trump, sogar mit diesem Virus, und er überstand offenbar mit Leichtigkeit eine Krankheit, die kaum so gefährlich wie eine leichte Erkältung schien. Ebenso konsequent forderte Trump seine Anhänger auf, am Wahltag gut amerikanisch ihre Stimme im Wahllokal abzugeben. Denn Briefwahlstimmen, und das ist der Punkt, könnten ja ach so leicht gefälscht werden! Vorsorglich kündigte Trump lange vor dem Wahltermin an, Briefwahlstimmen einfach nicht anzuerkennen und gegebenenfalls alle juristischen Mittel auszuschöpfen. Denn, so das Kalkül, vor allem Biden-Anhänger, diese wissenschafthörigen Toren, würden per Brief wählen, und wenn man diese Stimmen alle per juristischer Anfechtung eliminieren könnte, wäre das doch super! Natürlich würden ein paar hunderttausend Trump-Fans an Covid-19 verrecken, aber das sind ja Amerikaner. Und wenn ein Amerikaner im Dienste für seinen Führer stirbt, ist er ein Held, und mit der Aussicht auf Heldenruhm bekommt man sie im Zweifelsfalle alle.

Und genau so geschieht es jetzt: Trump legt, wie geplant, Widerspruch gegen die Auszählung von Briefwahlzetteln in den Battleground States ein.

tl/dr

Trump geht über Leichen. Seine Anhänger sind zu doof, das zu bemerken, oder zu skrupellos, daß es sie störte.

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