CD-Regal revisited: Pink Floyd (6)

Huch! Es ist ja schon fast ein Jahr her, daß ich mich retrospektv mit Pink Floyd auseinandergesetzt habe. Wo ist die Zeit geblieben? Die Band hätte eine Antwort in Form des Liedes „Time“, enthalten auf dem Album „Dark Side Of The Moon“, welches erst nach den nun zu besprechenden Werken an der Reihe wäre, aber bereits zuvor beleuchtet wurde. Welch tückisches Zeitkonzept, mein Leben ist ein Tarantino-Movie! (Nein, Gottlob nicht.)

Meddle

Zunächst beeindruckte mich an diesem Album von 1971 das Bild auf dem Cover, welches ich lange nicht deuten konnte. Ich will auch nicht behaupten, daß ich von selbst drauf gekommen sei, was dieses abstrakt wirkende Gebilde darstellen soll: Es handelt sich um ein Ohr, unter Wasser. Gestaltet wurde es natürlich von Hipgnosis, und entgegen deren Gewohnheit hat das Bild einen Bezug zum Inhalt des Albums, insbesondere zum letzten Stück. Allerdings machten es die nicht klar definierten Konturen des Bildes schwierig, es sauber auf digitales Zelluloid zu bannen, weshalb ich eine Lego-Figur als Anhaltspunkt für den Fokus der Kamera neben die CD stellen mußte.

Vielleicht lag das aber auch an der glänzenden CD-Box, denn bei der Aufnahme der Plattenhülle trat diese Schwierigkeit nicht auf.
„Meddle“ beginnt geradezu mit Metal, just im Jahr zuvor unbewußt von Black Sabbath erfunden, und mit einer Kampfansage. Getrieben von Double-Bass-Rhythmen – und ich spreche hier in der Tat von zwei Saiteninstrumenten, nicht vom Schlagzeug – grunzt Nick Mason ins Mikro: „One of these days I’m going to cut you into little pieces“. Das ist des Drummers einziger Wortbeitrag im Œuvre Pink Floyds. Auf diesen harten Beginn folgt das lieblich dahinsäuselnde „A Pillow of Winds“, und der Song „Fearless“ mündet in Stadiongesängen aus Liverpool, woselbst „You’ll never walk alone“ zum Besten gegeben wird, was ich ja meinerseits aus dem Westfalenstadion kannte. „San Tropez“ ist jazzig angehaucht, und Gastsänger in der Bluesnummer „Seamus“ ist der Hund Seamus, der ins Mikro jault. Daß Pink Floyd das lustig genug fand, um es auf dem Album zu verewigen, mag wiederum auf Drogenkonsum zurückzuführen sein, ich jedenfalls fand das beim ersten Durchhören etwas nervig. Prompte Entschädigung erfolgt freilich unmittelbar in Form des letzten Liedes. Beim Blick auf die Titelliste der CD hatte ich mich noch gewundert: Wie, bloß sechs Songs? Aber der Höhepunkt, „Echoes“, bringt es alleine auf 23 Minuten und 29 Sekunden, und die haben es in sich. Es beginnt mit einem Echolot-Ton und ist szenarisch unter Wasser angesiedelt, was das Titelkupfer erklärt. Prinzipiell ginge das Lied auch noch als Spacerock durch, aber von diesem Image wollte die Band sich lösen, weshalb sie eben das Thema vom Weltraum in den Ozean verlegte. Hat aber nichts genützt, denn nebenan im Internet lassen sich Videos finden, in denen dieses Lied unter die psychedelische Jupiter-Episode in „2001 – A Space Odyssey“ gemischt ist. Paßt.
Als Höreindruck möchte ich dennoch „One Of These Days“ verlinken, zur Verfügung gestellt auf Pink Floyds höchsteigenem Youtube-Kanal:

Zu „Echoes“ kommen wir aber später noch mal.

Obscured By Clouds

Im Jahre 1972 waren die Jungs nicht ausgelastet mit Touren und Studioarbeiten zum nächsten Album (Spoiler Alert: „Dark Side Of The Moon“), also widmeten sie sich zusätzlich Nebenprojekten. Zum Beispiel wollte Barbet Schroeder (immer noch ein Männername!) nach den guten Erfahrungen, die er mit dem Soundtrack zu seinem Film „More“ gemacht hatte, für seinen neuen Film „La Vallée“ abermals Musik von Pink Floyd haben. Und die bekam er. Pink Floyd ließen sich nicht lumpen und schrieben innerhalb von zwei Wochen zehn Lieder, davon vier Instrumentalstücke. Somit wurde dieser Soundtrack ihr nächstes Album, und eben nicht DSOTM, aber was soll’s. Noch vor der Veröffentlichung zerstritt die Band sich mit der Filmfirma (Kann eigentlich nur ums Geld gegangen sein…) und benannte darob ihr Album nicht wie den Film, woraufhin der Albumtitel kurzerhand zum Untertitel für den Film wurde. Mancher Musiker hat seine Karriere dem Umstand zu verdanken, Musik zu einem berühmten Film beigesteuert zu haben. Und mancher Film erhofft sich Erfolg, wenn er sich mit musikalischen Beiträgen berühmter Musiker schmücken kann. Dreimal darf man raten, welcher Fall hier vorliegt?

Nun, ich habe den Film gesehen, er ist auf Französisch mit deutschen Untertiteln verfügbar, also klassisches „arte“-Material. Es geht um eine Gruppe Hippies auf dem Selbstfindungstrip in Neu-Guinea, die ein geheimnisvolles Tal erkunden will, das auf Karten nicht verzeichnet ist, und von dem es auch keine Luftaufnahmen gibt, weil es ewig wolkenverhangen ist, obscured by clouds. Ihnen schließt sich eine gelangweilte Diplomatengattin an, welche gerne illegal Schwanzfedern von Paradiesvögeln erwerben möchte. Diese sind sehr schwer erhältlich, nur von Eingeborenen, mit denen sie in Kontakt zu treten und deren Vertrauen sie zu gewinnen hofft, um ihnen so die Federn abgaunern zu können. Außerdem gibt’s Hippiesex.

Das Album war erstaunlich erfolgreich, insbesondere auch die Single-Auskopplung „Free-Four“, vor allem in Amerika, was möglicherweise an dem gewissen Country-Charme liegt, den einige der sehr akustisch beklampften Songs versprühen. Es ist melodisch und gefällig, allerdings wurde erkennbar kein Pulver verschossen, sondern dieses wurde hübschfein aufgespart für das eigentliche nächste Album, mit dem Waters, Gilmour, Wright und Mason schon gedanklich beschäftigt waren (Spoiler Alert: DSOTM). Brillante Momente gibt es natürlich trotzdem, es sei verwiesen auf „Childhood’s End“:

Live at Pompeii

Und apropos Film. Da die Jungs ja nicht ausgelastet waren, fanden sie auch noch Zeit, nebenbei einen Konzertfilm zu drehen, wobei es zu einfach gewesen wäre, schlicht ein reguläres Konzert abzufilmen. Dergleichen gab es ja schon, zum Beispiel den Woodstock-Film. Regisseur Adrian Maben hatte die Idee, Pink Floyd beim Musizieren im Amphitheater von Pompeji abzufilmen. Ohne Publikum. Weil: Warum nicht? Gegen einen beträchtlichen Obolus in unnotierten Sesterzen wurde also für sechs Tage das Theater gemietet, und innerhalb dieser Zeit mußten die Aufnahmen im Kasten sein. Stell dir vor, du bist Tourist in Italien, hast einen Tag Sightseeing in Pompeji eingeplant und darfst nicht in die Arena. Stehste also davor und hörst drinnen Pink Floyd spielen. Kann geil sein, kann aber auch scheiße sein. In manch einem Urlauber wird es da gebrodelt haben wie in einem Vulkan.
In den sechs Tagen wurden die Darbietungen von drei Songs gefilmt. Drei weitere Songs wurden live in einem Studio in Paris gefilmt. What the bloody fuck? Ein Konzert? Sechs Songs? Angeblich live in Pompeji, aber eigentlich zur Hälfte in einem Studio ganz woanders?

Das klingt alles nach ziemlichem Behupps, aber es ist trotzdem toll. Denn seien wir mal ehrlich. Es mag ja künstlerischer Anspruch sein, Aufnahmen von pompejischen Ruinen und rauchenden phlegräischen Feldern mit Livebildern von Pink Floyd bei der Arbeit zu kontrastieren, wie hier vorgeführt, aber letztlich will man ja doch nur Pink Floyd bei der Arbeit sehen und hören, und da ist es auch egal, was dem als Kulisse dient. Wie schon an anderer Stelle erwähnt, haben Live-Mitschnitte von Pink-Floyd-Konzerten jener Tage viel mehr Biß und Verve als die Studio-Versionen derselben Songs, daher ist es schön, hier auch mal professionell gefilmte Bewegtbilder davon zu sehen.
Ins Kino kam 1972 Eine Fassung mit den Stücken „Echoes“, aufgeteilt in zwei Hälften als Intro und Outro, „A Saucerful Of Secrets“ und „One Of These Days“, welche in Pompeji gefilmt wurden, sowie „Careful With That Axe, Eugene“, „Set The Controlls For The Heart Of The Sun“ und „Seamus“, hier aber „Mademoiselle Nobs“ geheißen, weil der Hund Seamus für die Dreharbeiten nicht zur Verfügung stand und gedoubelt werden mußte. Pink Floyd waren echt vernarrt in diese Hundegejaule-Idee. Sie hätten ja stattdessen auch mal „Embryo“ spielen können, aber nee.
Im Jahre 1974 wurden zwischen die einzelnen Songs Behind-the-scenes-Aufnahmen von der Studioarbeit am Album „Dark Side Of The Moon“ geschnitten, welche aber zum Teil nachgestellt waren. In der 2003er DVD-Version, dem „Director’s Cut“, ist die Reihenfolge der einzelnen Songs und DSOTM-Segmente etwas verändert. Der originale Konzertfilm ohne Zwischengeplänkel ist als Extra aber zu meinem Plaisier ebenfalls enthalten.

„Echoes“ wurde für den Film zweigeteilt, was nicht schlimm ist, denn so rahmt das Beste, was Pink Floyd je gemacht haben, anderes Gutes, was sie auch gemacht haben, harmonisch ein. Hier also Teil 1:


und Teil 2:

Als nächste Veröffentlichung im Jahre 1973 würde dann – es wurde hier ja schon zaghaft angeteasert – „The Dark Side Of The Moon“ folgen. Aber davon hatten wir es ja schon.

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