CD-Regal revisited: Metallica. (Vol. 2)

Mit dem schwarzen Album im Repertoire tourte Metallica ausgiebig, zum Teil gemeinsam mit Guns n‘ Roses, und kletterte sogar durch den 1991 sehr löchrig gewordenen Eisernen Vorhang, um neben AC/DC, Pantera und den Black Crows ein Konzert in Moskau zu spielen, vor geschätzt anderthalb Millionen Menschen, die von der örtlichen Gendarmerie zusammengeknüppelt wurden, wenn sie zu headbangen und pogen wagten. Die mediale Präsenz der Band zu jener Zeit war gewaltig, Festival-Auftritte wurden live im Fernsehen gezeigt, die Videos zu „Enter Sandman“ und „Nothing Else Matters“ und sogar gelegentlich „One“ liefen häufig bei MTV und in der schon erwähnten Sendung „Hit Clip“. Natürlich konnte Metallica auf diese Weise zahllose Fans hinzugewinnen (zum Beispiel mich), die bis zum Erscheinen des nächsten Albums Gelegenheit hatten, sich mit den bisherigen 47 Songs und dem spezifischen Stil von Metallica vertraut zu machen. Thrash-Metal, yeah! Pommesgabel! Bang the head, that doesn’t bang! (Außer in Moskau; da andersrum.)
Dann wurde im Jahre 1996 endlich, nach fünf Jahren, das neue Album angekündigt.

Load

Moment mal… Das Logo, einst von James Hetfield höchstselbst mit Haushaltsmitteln entworfen, hatte sich verändert, die Wolfsangeln an M und A wurden abgefeilt. Ein vervierfachtes Metallica-M zierte bloß noch als Ninjastern die runde CD. Anzeichen für einen Image-Wechsel? Auch ein Blick ins Booklet schien darauf hinzudeuten. Die Jungs hatten ihre langen Haare abgeschnitten und zeigten sich dandyhaft zigarrerauchend und – durfte es denn wahr sein? – geschminkt! Um diese Stilveränderung auch noch besonders zu betonen, ist Bildern der Band mehr Platz zugedacht als einer ordentlichen Repräsentation der Songtexte, von welchen jeweils nur einige exemplarische Zeilen abgedruckt sind. Vielen altgedienten Headbangern genügte vermutlich all dies schon, um das Album nach äußerlicher Begutachtung im Plattenladen zuzuklappen und wieder ins Regal zu stellen. Um es später heimlich über Mittelsmänner doch zu kaufen, denn irgendwer muß ja dafür gesorgt haben, daß es in den USA, GB und Deutschland an die Spitze der Album-Charts stürmte.
Das Album heißt „Load“, und vollbeladen ist es wahrlich; die 14 Lieder füllen die CD über fast 80 Minuten bis an den Rand. „80 verschwendete Minuten“, jammern die obbedachten Headbanger. Denn nicht nur sind die Thrash-Momente seltener geworden. Überhaupt ist die Musik bisweilen kaum als Metal zu bezeichnen, sondern tendiert zu Hardrock, mit Blues- und Country-Einflüssen. Die Melodieführung ist noch weniger Riff-basiert als auf dem Vorgängeralbum, das Tempo ist mäßig. Dessen ungeachtet ist der Sound druckvoll und satt. Damals, 1996, besaß ich nur das schwarze Album und „Master of Puppets“, doch auch mir Laien fiel durchaus auf, daß der Stil sich verändert hatte, aber mir gefiel’s. Ich war und bin ja kein traditioneller Metalhead. Wenn eine Band wie Metallica experimentierfreudiger ist als ihre Kernhörerschaft, dann ist das halt so. Nach viereinhalb Jahren auf Tour mit immer denselben gespielten Liedern aus dem umfangreichen Back-Catalog muß man einer Band wohl zugestehen, daß sie sich am eigenen Material sattgehört hat und etwas anderes ausprobieren möchte. Immerhin verfielen sie nicht auf seichten Pop, sondern schrieben weiterhin gitarregetriebene Lieder mit introvertierter, düsterer Thematik. Nerviger als die meiner Ansicht nach legitimen musikalischen Experimente finde ich, daß James in seinem Gesangsstil einen gewissen Manierismus entwickelte, der sich in „whoas“ und „yeas“ am Ende von Textzeilen äußert.
Als Höreindruck wähle ich mal „Bleeding Me“, das ganze Album in einem Song: Bluesiges Intro, Riffs, Druck, Solo und mysteriöse Lyrics.

Nach der ausufernden Tour hatte Metallica soviel Material, daß das neue Album eigentlich ein Doppelalbum werden sollte, was das Management ihnen aber ausredete. Aber auch so paßten die erarbeiteten Songs nur mit knapper Not auf die CD, so daß das letzte Stück „The Outlaw Torn“ auf schlanke 9:47 min gekürzt werden mußte, weil so eine CD halt nur 78:59 min faßt. So lange dauerte also eine Aufführung von Beethovens 9ter Sinfonie unter der Leitung Herbert von Karajans. Anyway, den Song in voller Länge packte man als B-Seite auf eine Single des Folge-Albums, welches ja eigentlich der zweite Teil dieses Albums hätte werden sollen. Entsprechend erschien es auch bereits im Jahr darauf, 1997:

ReLoad

Der zweite Teil des Load-Doppels ist insgesamt weniger bluesig und dafür etwas härter und düsterer, drohender. Zum allerersten Male wird ein Metallica-Album nicht mit Gitarrenklängen eröffnet, sondern von James Hetfields Stimme, der nach Zündstoff im Song „Fuel“ verlangt, einer schnellen Nummer. Dieses Intro schreckte mich beim erstmaligen Hören direkt ab, wiewohl das Lied eigentlich recht gut ist, und bestimmte so meine Erwartungsgrundhaltung für alles Folgende. Nun, mit 20 Jahren Abstand, beurteile ich die gelieferten Songs durchaus wohlwollender, obschon ich „Load“ bevorzuge. Das Grundthema auf „ReLoad“ scheint die Verführbarkeit und Sündhaftigkeit der Menschen zu sein, und wo dergleichen hinführt. Im Lied „The Memory Remains“, die Todsünde der Vanitas behandelnd, gibt Marianne Faithfull ein Gastspiel. Und der Teufel lauert immer irgendwo, am offensten im Danse-Macabre-Stück „Devil’s Dance“, welches in seiner schleppenden Düsterkeit geradezu deathmetallen anmutet, original mit Growling-Einlagen von Jason Newsted im Hintergrund. Da ich mich nur schwer für ein repräsentatives Anspielstück entscheiden kann, nehmen wir halt das:

„Load“ und „ReLoad“ fanden zwar reißenden Absatz, wurden aber, wie erwähnt, von den angestammten Fans verhalten aufgenommen. Der Headbanger angunfürsisch erwartete von Metallica reinen Thrash-Metal, mindestens im Stile der Alben „Ride the Lightning“, „Master of Puppets“ und „…And Justice for All“, besser noch wie auf dem Erstling „Kill ’em All“, und die Band verweigerte sich stumpf diesem Ansinnen. Der äußerliche Stilwechsel, am augenfälligsten natürlich die neuen Kurzhaarfrisuren, trugen zum Eindruck bei, Metallica habe sich und ihre Wurzeln verloren. Da wußten die Fans ja noch nicht, was noch alles kommen sollte.

Garage Inc.

Zunächst kam im Jahre 1998 ein Doppelalbum mit Cover-Versionen. Nachdem sie in den vorangegangenen zwei Jahren zwei Alben mit insgesamt 27 neuen Liedern veröffentlicht hatten, mußten sich die Jungs wohl zwischendurch beim Nachspielen von andererleuts Songs erholen. Dergleichen war für Metallica keineswegs untypisch, hatten sie doch in ihren Anfangstagen, wie vermutlich jede junge Band, ihre Setlist mangels eigener Songs vornehmlich mit Coversongs aufgefüllt. Auch später erwiesen sie bisweilen einer Vorbild-Band ihre Reverenz und nahmen Cover-Songs als Single-B-Seiten auf, zum Beispiel vier Motörhead-Songs anläßlich Lemmys 50stem Geburtstag. Und zum Einstand Jason Newsteds veröffentlichten sie 1987 die $5.98-EP „Garage Days Re-Revisited“. All dies packten sie nun auf die zweite Scheibe des aktuellen Garage-Inc-Albums. Für Disc 1 nahmen sie elf neue alte Lieder aus fremder Feder auf, nachdem sie offenbar ausgiebig in Lars Ulrichs Vinyl-Sammlung geschwelgt hatten. Die Liste umfaßt kurze knackige Punk-Klassiker („Die, Die My Darling“ der Misfits), Heavy-Metal-Legenden („Sabra Cadabra“ von Black Sabbath), aber auch Düsterrock („Loverman“ von Nick Cave & The Bad Seeds) nebst einigen anderen. Natürlich durfte auch Ulrichs erklärte Lieblingsband Diamond Head nicht fehlen, die bereits in seiner sagenumwobenen Zeitungsanzeige erwähnt wurde, welche zur Gründung Metallicas führte. Die Idee, ein komplettes Coveralbum einzuspielen, kam den „Metallicats“ (so eine scherzhafte Bezeichnung im CD-Booklet) wohl relativ spontan, aber da nun schon mal ein neues Album vorlag, veröffentlichten sie natürlich auch Singles. Neben „Die, Die Darling“ waren dies „Turn the Page“ von Bob Seger und „Whiskey in the Jar“, welches gemeinhin Thin Lizzy zugeschrieben wird, aber eigentlich ein traditionelles irisches Trinklied ist; da waren die Veröffentlichungsrechte wohl am unkompliziertesten. Aber da es dazu ja auch Videos gab, die jeder kennt, sei als Anspieltip stattdessen „Astronomy“ von Blue Öyster Cult genannt:

Eigentlich bin ich kein großer Freund von Coverversionen, mir sind Originalsongs einer Band prinzipiell lieber. Zumal, wenn der ganze Ruhm eines Sängers oder einer Band auf einer erfolgreich lancierten Cover-Version eines Klassikers beruht, wie es im Radiopop nicht selten vorkommt, finde ich das äußerst frag- und keineswegs unterstützenswürdig. Metallica ist dessen freilich unverdächtig. Ihre frühen Cover waren sicherlich Fingerübungen und halfen ihnen dabei, ihren eigenen Stil zu entwickeln und die Beherrschung ihrer Instrumente zu verfeinern, aber den Ruhm erarbeiteten sie sich durch selbstgeschriebene Lieder. Später aufgenommene Cover-Songs sind als Ehrerweisung gegenüber dem jeweiligen Originalkünstler zu verstehen, als Karriereschub hatte Metallica so etwas schlichterdings nicht nötig, denn die Nummer 1 der Metal-Welt waren sie ohnehin. Das vorliegende Album war ein Spaßprojekt, das vor allem der Abwechslung im Touralltag diente. Die Qualität der aufgenommenen Songs ist metallicamäßig hervorragend, gebraucht hätte ich es trotzdem nicht. Dennoch kaufte ich das Album, weil ich 1998 alles kaufte, wo Metallica draufstand – außer „Kill ’em All“. Aber ich glaube, ich habe das jetzt erst zum zweiten Mal komplett durchgehört und werd’s auch so bald nicht wieder auflegen.

S&M

Nachdem Metallica 1998 andere Bands gecovert hatte, ergab sich 1999 die Gelegenheit, sich selbst zu covern. Michael Kamen, Dirigent und Komponist von Filmmusik, der bereits 1991 die Streicher in „Nothing Else Matters“ arrangiert hatte, kam auf Metallica zu, um ein Projekt zu verwirklichen, das ihm vorschwebte: Die Verbindung von traditionellem Sinfonieorchester und kraftvoller Rockmusik. Metallica, nie davor zurückscheuend, sich auf musikalische Gratwanderungen zu begeben, stimmte zu. Kamen komponierte für eine Reihe Metallica-Songs Orchester-Adaptionen, teilweise unterstützend und begleitend, teilweise der Melodie eines Songs diametral entgegenarbeitend. Um herauszufinden, wie das klang, gab es für Metallica nur eine Möglichkeit: Ein gemeinsames Konzert mit dem San Francisco Symphony Orchestra. Selbstredend wurde dieses Konzert umfänglich aufgezeichnet und auf Platte und DVD gebannt. Als kleines Schmankerl brachten Hetfield, Ulrich und Co. zwei bisher unveröffentlichte Lieder im Rahmen dieses Konzerts zur Aufführung, „No Leaf Clover“ und „Minus Human“. Überdies hielt dieses Konzert für die Band die Freude parat, daß ihr langjähriges Einlauflied, Ennio Morricones „Ecstasy of Gold“ aus dem Film „The Good, the Bad and the Ugly“ hier einmal live von einem Orchester gespielt wurde, während es bei ihren Konzerten sonst als Konserve vom Band läuft. Der Mehrwert fürs Orchester war vermutlich, daß hier eine Interaktion mit dem Publikum stattfand, die bei Sinfoniekonzerten gemeinhin unüblich ist. „Hier spielt die Musik!“ gilt bei Rockkonzerten nur eingeschränkt.
Als Höreindruck sinnvoll wäre sicher so mancher Song, der hier mit Orchesterbegleitung dargeboten wird. Da es jedoch „No Leaf Clover“ nur auf diesem Album gibt, soll es dieses sein. Leider habe ich keinen Konzertausschnitt gefunden, der das Albumtitelbild zeigt, aber was soll’s.

Es ist fast schon selbstverständlich, daß auch „S&M“ in Deutschland den Gipfel der Album-Charts erklomm. In den USA schaffte es die Platte freilich nur auf Platz 2. Trotz oder gerade wegen dieses kommerziellen Erfolgs beurteilten die treuen Metal-Fans dieses Konzert-Album kritisch. Denn was hatte Metal mit einem Sinfonieorchester zu tun? Nichts, nämlich. Schlagzeug, Klampfe, Baß und Stimme, fertig! Und hier saß die Band, ordentlich rasiert und gekämmt und in saubere Oberhemden gewandet, und spielte umrahmt von Musikern in Frack und Fliege – Snobs! Die Kluft zwischen Fans und Band wurde also augenscheinlich immer größer. Und trotzdem waren alle Konzerte stets ausverkauft.

Das Drama

Metallica hatte also innerhalb von vier Jahren vier Alben veröffentlicht, 1996, 1997, 1998, 1999. Damit das Jahr 2000 nicht ohne Neuveröffentlichung blieb, steuerte Metallica für den Film „Mission: Impossible 2“ den Song „I Disappear“ bei. Da ich ja (bis auf „Kill ’em All“) alles kaufte, lehnt das Soundtrack-Album zum Film am Stapel mit den Metallica-CDs. Aber nicht jeder war bereit, eigens ein ganzes Compilation-Album zu kaufen, bloß um einen neuen Metallica-Song zu hören. Im Jahr 2000 war die Lösung: Napster. In dieser Online-Tauschbörse fand man alles, was man hören wollte – kostenlos. Unter anderem auch eine Demo-Version von „I Disappear“, die dann bei Radiostationen gespielt wurde. So fand Metallica heraus, daß ihre Musik im Internet zum Download bereitstand, und war not amused. Unter Federführung von Lars Ulrich strengte Metallica daher eine Klage gegen Napster und die Universitäten an, auf deren Servern ein Großteil der Songs lagerte, und verlangte die Sperrung von Usern, die Metallica-Songs zum Download anboten. Sobald diesem Ansinnen stattgegeben worden war, zog Metallica die Klage gegen die Unis zurück, aber die Fans waren trotzdem sauer. Rock ’n‘ Roll und vor allem Metal bedeuteten doch Freiheit, und hier schwang sich die größte aller Metal-Bands auf und wollte die Freiheit der Internet-Nutzer – ihrer Fans! – beschränken, zugunsten des Kommerzes! Für viele paßte dies ins zuvor schon beschriebene Bild, demzufolge die Band sich von ihren Fans immer weiter entfremdete.
Dessen ungeachtet wurde es im Jahre 2001 für Metallica Zeit, ein neues Studioalbum aufzunehmen. Denn wiewohl die Vorjahre vier große Veröffentlichungen gesehen hatten, war die Hälfte davon kein eigenes oder kein neues Material. Das Management war hinsichtlich dieses neuen Albums offenbar ambitionierter als die Band selbst, weshalb es (das Management) zwei professionelle Dokumentarfilmer samt Crew anheuerte, um den Entstehungsprozeß für die Nachwelt festzuhalten, in einer Weise, die über übliche Making-Offs oder Behind-the-Scenes hinausging; Geld spielte keine Rolle. Doch in der Band lief es plötzlich nicht mehr rund. Schon seit längerem fühlte sich Jason Newsted kreativ unterfordert, weshalb er sich verstärkt seinem Nebenprojekt Echobrain widmete. Nun wollte er dieses Projekt professionalisieren, aber James Hetfield hatte was dagegen. Metallica hatte der Mittelpunkt der Metallica-Mitglieder zu sein, und es hatte keine Soloprojekte zu geben! Jasons Ego war ausreichend groß, um die Konsequenz zu ziehen: Bye, bye, Metallica! Die Eier muß man erstmal haben, die größte Band der Welt zu verlassen.

Nun hatte Metallica also Querelen mit den Fans, stand mal wieder ohne Bassisten da, hatte ein Album vor der Brust und eine Filmcrew im Nacken, und es wurde deutlich, daß nach 20 Jahren das Verhältnis zwischen James und Lars, den beiden Alpha-Tieren, arg angespannt war; und der arme Kirk Hammett saß zwischen allen Stühlen. Aber das Studio war gebucht und Metallicas Haus- und Hofproduzent Bob Rock stand Gewehr bei Fuß, es mußte also weitergehen. Mit Unterstützung des zu Rate gezogenen Gruppentherapeuten Phil Towle (Metallica zahlte ihm $40.000 im Monat für 24-stündige Verfügbarkeit) und mit Bob Rock am Baß ging es auch weiter. Drei erste Songs wurden aufgenommen, mit Ecken, Kanten, Haken, Ösen und allem. Aber vor allem James merkte, daß er am Limit war, auch familiär, und schuld war: der Alkohol. Jahrzehntelang war James Hetfield nicht ohne Bierkanne in der Hand vorstellbar gewesen, und jetzt war es zuviel. Während der Aufnahmen fürs neue Album verabschiedete er sich in die Rehabilitation und blieb zehn Monate weg. Für Lars Ulrich war das Ende für Metallica spürbar. Später gab er zu Protokoll, daß es ohne den Therapeuten und ohne die ständig anwesende Kamera als Katalysator das neue Album und damit die Band vermutlich nicht gegeben hätte. Jedenfalls, Hetfield kehrte zur Band zurück, voll rehabilitiert und alkoholfrei, wofür allein ihm schon jeder Respekt gebührt. Doch das Verhältnis zu Lars blieb zunächst problematisch, zumal gerade durch Hetfields Trockenlegung eine neue Inkongruenz entstanden war: Während James jetzt viel besonnener und vernünftiger wirkte und seine wiedergewonnene Familie in den Mittelpunkt rückte, war Lars der unzähmbare Irrwisch geblieben, für den Metallica an erster Stelle stand. Überdies war Kirk angepißt, weil das Album keine Gitarrensolos enthalten sollte. Doch immerhin, die Arbeiten am Album schritten voran, die Unstimmigkeiten zwischen Lars und James wurden unter der unverzichtbaren Vermittlung von Kirk geglättet, und am Ende waren die beiden wieder soweit auf einer Wellenlänge, daß sie sich gegen den Therapeuten verbünden konnten. Es war geschafft. Das Auseinanderbrechen Metallicas war abgewendet, und im Juni 2003 stand das neue Album. Statt der geplanten Wochen oder Monate hatte es fast drei Jahre bis zu seiner Vollendung gedauert.

St. Anger

Um zu verstehen, weshalb „St. Anger“ klingt, wie es klingt, ist es unbedingt angeraten, den Dokumentarfilm „Some Kind of Monster“ anzuschauen, der anstelle des eigentlich geplanten Making-Off-Films entstanden war. Den gibt es zum Beispiel bei Netflix, oder halt auf DVD, am besten in der 2-Disc-Version, denn die zusätzlichen Szenen sind ebenfalls sehr sehenswert. Das Album spiegelt das ganze Drama wieder, das ich oben kurz umrissen habe, und das der Dokumentarfilm ausführlich schildert. Entsprechend wütend und roh ist der Klang; James‘ Gesang ist wenig melodiöses Geschrei, und die Drums erschlagzeugen wüstes Geschepper, weil Lars offenbar drei Jahre lang vergessen hat, seine Snare-Drum ordentlich zu spannen. Nee, das sollte natürlich so sein, aber dem Ohr ist es nicht angenehm. Der beste Moment auf dem Album ist eine Textzeile im ersten Song „Frantic“, welche, wie der Film offenbart, aus Kirk Hammetts Feder stammt: „My lifestyle determines my deathstyle“. Das erfüllt mich mit einer gewissen Befriedigung, weil normalerweise Kirk im Schatten von Lars und James steht, eher Erfüllungsgehilfe denn vollwertiges Mitglied des Kreativteams ist, und das finde ich schade. Also hier:

Der Kontrast zum glatten, orchestralen S&M-Album, dem Vorgänger, könnte nicht härter sein. Überhaupt ist „St. Anger“ anders als alles andere, was Metallica vorher und nachher produziert hat, und da brauche ich nicht einmal auf die Musik zu referieren. Rein äußerlich unterscheidet es sich schon dadurch, daß kein Metallica-Logo auf dem Titel prangt, sondern dieser von der wütenden St.-Anger-Faust dominiert wird, passenderweise in aggresivem Rot und Orange. Es gibt freilich ein Metallica-Logo, jedoch nur im Innern des Booklets und auf dem Tonträger selbst. Dieses Logo ist wiederum anders als der Schriftzug, der auf den Load-Alben verwendet wird, aber es ist auch nicht das klassische Metallica-Signé.
Und das Album wurde aufgenommen ohne gültigen Bassisten, denn Bob Rock spielte die Baß-Tracks ja nur aushilfsweise ein. Dennoch wird im Beiheft Robert Trujillo als viertes Band-Mitglied aufgeführt, wiewohl er erst nach Fertigstellung des Albums als neuer Bassist gecastet wurde. Die Wahl fiel auf ihn, weil sein Spielstil dem Cliff Burtons unter allen Bewerbern am nächsten kam. Außerdem ist er ein freundlicher, cooler Typ. An den Aufnahmen fürs St.-Anger-Album war er freilich nicht beteiligt, obwohl das Booklet ihn zeigt, sondern seine ersten Auftritte hatte er in den Videos zu den Single-Auskopplungen. Und damit teilt er das Schicksal so ziemlich jedes seiner Vorgänger. Bereits Cliff stieß erst zur Band, als die ersten neun Songs des Debütalbums bereits fertig und zum Teil auf Demo-Tapes veröffentlicht waren, aber immerhin durfte er sie fürs Album einspielen. Jason Newsted hatte dann drei Alben aufzuholen, deren Lieder er für Konzerte parat haben mußte, und auf seinem ersten Album mit Beteiligung ist sein Baßspiel nicht zu hören. Und nun also Robert Trujillo. Der „Neue“ ist ja inzwischen auch schon seit 14 Jahren dabei und darf als etabliert gelten. Überdies wagt er sich an Songs heran, die seit Cliffs Tod nicht mehr live aufgeführt wurden, allen voran „(Anesthesia)–Pulling Teeth“, um das die Band 2013 anläßlich des 30jährigen Album-Jubiläums von „Kill ’em All“ nicht herumkam.

À propos. „St. Anger“ kaufte ich damals nicht. Heute kann ich dem Album ja eine gewisse Sympathie entgegenbringen, zumal es zwar musikalisch das schlechteste, dennoch für den Bestand der Band vielleicht das wichtigste Album ist. Es bedarf sozusagen einer Meta-Sichtweise, um es zu mögen, und diese Meta-Ebene hatte ich damals nicht, da ich die Hintergründe nicht kannte. Zu jenem Zeitpunkt hatte Metallica schlicht eine Entwicklung genommen, die mich nicht mehr interessierte. Damit war ich sicher nicht allein.
Stattdessen kaufte ich „Kill ’em All“, womit dieser Running-Gag auch endlich aus der Welt wäre.

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