Journalismus ist überbewertet.

(Da ich gerade an einem längeren Beitrag schreibe, dessen Fertigstellung ausreichend lange Zeit in Anspruch nimmt, um ihn zwischendurch als Entwurf abzuspeichern, bin ich über einen anderen Entwurf gestolpert, den ich offenbar am 28. März 2015 unveröffentlicht im Zettelkasten hinterlassen habe. Was damals die Richtung dieses Artikels werden sollte, und welches mein Fazit geworden wäre, kann ich nicht mehr sagen; vermutlich wollte ich auf die Diskrepanz zwischen hehrem moralischem Anspruch und der schnöden Alltagswirklichkeit hinaus, also Pillepalle. Angesichts der Entwicklung in der Türkei und in Rußland wäre ich auch fast geneigt, den provokanten Titel zurückzunehmen, denn naTÜRlich ist ein unabhängiger Journalismus wichtig und notwendig für das Funktionieren einer Demokratie. Ich lasse das dennoch so stehen, weil das halt der Text ist, wie ich ihn ursprünglich verfaßt habe, bis mir die Luft ausging.)

Bei BILDblog steht’s, und ich mußte jedem einzelnen Aspekt des Artikels zustimmen:
http://www.bildblog.de/63749/andreas-l/

Die Medien, die Presse, die Journalisten – sie verstehen sich als „die vierte Gewalt“. In einem modernen demokratischen Rechtsstaat, in einer Republik, ist die Staatsgewalt geteilt. War sie in einer absolutistischen Monarchie noch in der Person des Monarchen vereint, so gliedert sie sich nun in Legislative (Gesetzgebung = Parlament), Exekutive (ausführende Gewalt = Regierung) und Judikative (Rechtsprechung = Gerichte). Prinzipiell sind die Gewalten voneinander unabhängig, wiewohl dies in Deutschland auch nicht so ganz stimmt, aber das ist eine andere Geschichte (Stichwort: Gewalten-Verschränkung). Die vierte Gewalt im Staate ist in diesem Sinne nicht Teil des Staatsapparats, sondern sie ist das Kontrollorgan, die kritische Öffentlichkeit, Sprachrohr des Volkes, das den handelnden Politikern, Juristen und Mitgliedern der Exekutive auf die Finger schaut. Und so soll es auch sein, denn dafür steht die Pressefreiheit, die im deutschen Grundgesetz im fünften Artikel manifestiert ist. So weit, so gut.

Freilich ist „die vierte Gewalt“ nicht offiziell, sondern entspringt dem Selbstbewußtsein des Journalistenstandes, befeuert durch die Erfahrung faktischer Macht. Was in der Zeitung steht, hat Auswirkungen. Was einmal gesendet wurde, ist nicht mehr zurückzunehmen. Journalisten recherchieren Mißstände, decken Skandale auf, greifen durch ihre Texte und Bilder unmittelbar ein in die Willensbildung des Volkes. Sie generieren den Druck der Öffentlichkeit, der die handelnden Politiker in ihren Entscheidungen bestärkt oder zögern macht, der einzelne Karrieren fördern oder beenden kann. Eine große Verantwortung, fürwahr. Ethisches Handeln und sicheres Urteilsvermögen müßten für einen Journalisten Grundvoraussetzung sein. Dessen war sich der Deutsche Presserat bewußt und hat darum 1973 den Pressekodex beschlossen. Sehr verkürzt zusammengefaßt steht darin, daß die medial verbreiteten Informationen gut recherchiert sein und stimmen müssen, und daß in Anlehnung an das Grundgesetz die Würde des Menschen, also das Persönlichkeitsrecht gewahrt sein muß. Und noch so einiges andere, was auch wichtig ist. So weit, so gut.

Freilich ist der Pressekodex nur so semiverbindlich, insofern er lediglich eine freiwillige Selbstkontrolle darstellt. Verfehlungen werden bei Kenntnisnahme gerügt, sicher, aber was hilft es? Eine einmal verbreitete Fehlinformation ist in der Welt, und von einem einmal zu Unrecht falsch gezeichneten Bild eines Menschen bleibt immer etwas hängen. Und überdies ist „Journalist“ auch weder eine geschützte Berufsbezeichnung, noch ist es ein Ausbildungsberuf; das Vorhandensein von Journalistenschulen (prominent die Henri-Nannen-Schule) und Journalismus-Studiengängen, zu denen berüchtigterweise nur die profiliertesten Einserabiturienten überhaupt zugelassen werden, könnte da einer falschen Vorstellung Vorschub leisten. Journalist nennen kann sich prinzipiell jeder, der in irgendeiner Form irgendwas publiziert, also auch der Schreiberling eines unbedeutenden Einpersonenblogs. Dem Wortsinne nach ist ein Journalist jemand, der Journale füllt, ganz gleich, mit welchem Inhalt und ungeachtet seiner Geisteshaltung. Zu Bismarcks Zeiten waren Journale noch ausschließlich gedruckte Zeitungen, doch sinnvollerweise umfaßt das Betätigungsfeld des Journalisten heutzutage natürlich jegliches Verbreitungsmedium, von den klassischen Druck-Erzeugnissen Zeitung, Zeitschrift, Magazin über die inzwischen fast schon klassischen Sendungen in Hörfunk und Fernsehen, hin zu den mittlerweile auch schon nicht mehr sooo neuen Medien im Internet, momentan gipfelnd in Facebook und Twitter. Und daß Journale „täglich“ erscheinen, ist auch nur Ausdruck einer Periodizität, die als Pars-pro-toto zu verstehen ist.

Jedenfalls. In den Kommentarspalten des medienkritischen Blogs Stefan Niggemeiers, einem der Gründer des BILDblogs, sammeln sich Menschen, die einem Journalismus hinterhertrauern, der nach ethischen Maßstäben im Sinne des Pressekodex‘ handelt. (Und sicher sammeln sich solche Idealisten noch an ganz vielen anderen Stellen, aber als Fachfremder habe ich halt nicht die ganze Landschaft im Blick.) Da wird dann angesichts der geistig-moralischen Verfehlungen des Standes bloß noch von „Journalismus in Anführungszeichen“ gesprochen. Klar, auch ich würde mir wünschen, daß Journalisten sich nicht nur für die staatstragende vierte Gewalt halten, sondern daß sie auch die fachliche Qualifikation und moralische Integrität mitbrächten, die einen solchen Anspruch rechtfertigten. Allein, bei mir verfestigt sich die Meinung, daß Journalisten halt doch in erster Linie Journale füllen, mit egal was. Und ich frage mich: War es je anders?

Schon die holzschnittlastigen Flugblätter der frühen Neuzeit bedienten nicht ausschließlich das Informationsbedürfnis des damaligen Publikums, sondern auch die Sensationsgier desselben, gemäß dem Horaz-Wort „Aut prodesse volunt aut delectare poetae, aut simul et iucunda et idonea dicere vitae“: „Die Dichter wollen entweder nützen oder erfreuen oder zugleich Erfreuliches und für das Leben Nützliches sagen.“ Warum denn auch nicht; wer eine Information an den Mann (die Frau) bringen will, muß sie in ein attraktives Gewand kleiden (die Information, nicht die Frau). Spätestens in der Reformationszeit verfolgten Flugblätter nicht mehr primär den Zweck einer Informationsvermittlung, sondern vor allem die Verbreitung einer politischen Agenda.
Ob man Bänkelsänger in welchem Sinne auch immer als Journalisten bezeichnen sollte, wäre zu diskutieren, doch unstrittig verbreiteten sie Informationen übers Land. Auch sie kaprizierten sich auf die schauerlichen, sensationsheischenden Geschehnisse ihrer Tage.
Und es steht das Wort „Journaille“, bezeichnend Journalisten, die als Gesamtheit moralisch fragwürdige Methoden anwenden in der Auswahl, der Beschaffung und der Verbreitung von Informationen. Ja, auch die Nazis verwendeten das Wort, um die freie Presse zu diffamieren, doch erfunden haben sie es nicht. Da war Karl Kraus, des Nazitums nahezu unverdächtig, 1902 schon näher dran, als er in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ über „die Verwüstung des Staates durch die Pressmaffia“ ätzte.

Also offenbar wußten Journalisten zu allen Zeiten schon den Zorn der Gerechten auf sich zu ziehen. Bedauerlich, fürwahr.

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