Der HSV.

April und Mai sind gewöhnlich im Fußball die „Wochen der Entscheidungen“. In der Bundesliga findet sich üblicherweise der Meister, sofern der FC Bayern das nicht bereits im März klarmacht; die Europapokalteilnehmer und die Absteiger kristallisieren sich langsam heraus; und die Endspiele von Europaliga, Champions League und DFB-Pokal finden statt. Seit 2009 gibt es auch wieder Relegationsspiele zwischen den So-gut-wie-Absteigern der oberen Ligen und den So-gut-wie-Aufsteigern der jeweils nächsttieferen Ligen. Dieses retardierende Element der Spannungserzeugung, welches die Fußballoberen meinten, unbedingt wieder einführen zu müssen, hat meinem Verein (dem BVB) im Jahre 1986 den Arsch gerettet.

Eigentlich wäre man als Tabellensechzehnter abgestiegen, aber in den Jahren 1982 bis 1991 durfte der Vorvorletzte der Bundesliga in zwei Strohhalmspielen mit dem Drittplazierten der Zweiten Liga um die Startberechtigung für die kommende Saison ringen. Dieses Zeitfenster von neun Jahren nutzte Borussia Dortmund klugerweise, um mal in akuteste Abstiegsnot zu geraten, und die Chance auf den Klassenverbleib wurde – hüstel – souverän genutzt. Das Hinspiel in Köln gegen den ortsansässigen Sportclub Fortuna wurde prompt mit 0:2 verloren, und im Rückspiel lag man auch nach 14 Minuten schon wieder mit 0:1 hinten. Beste Voraussetzungen also, um ebenso klang- wie sanglos zum zweiten Male in den Niederungen der zweiten Liga zu verschwinden.

Nun also der HSV. Der ruhmreiche Hamburger Sportverein ist ja bekanntermaßen in seiner gesamten Geschichte noch nie zweitklassig gewesen. Noch nie. Von allen Vereinen der Bundesliga ist er der einzige, der von Anbeginn ununterbrochen dabeiwar. Weiß man ja alles. Die Erfolgsgeschichte liest sich ähnlich wie die von Borussia Dortmund: 6 Deutsche Meisterschaften, davon drei bereits vor Einführung der Bundesliga errungen; 3 Deutsche Pokalsiege; jeweils ein Sieg im Europapokal der Pokalsieger und im Europapokal der Landesmeister, hinzu kommen drei weitere Finalteilnahmen auf europäischer Ebene. Wie bei Borussia Dortmund gab es erfolgreichere Jahre und Dürreperioden. Die gegenwärtige Dürreperiode dauert gewissermaßen seit 1987 an, dem Jahr des letzten Titelgewinns.

Aber dieses Jahr hat die Mannschaft gespielt wie Tasse leer.

Eine meiner ganz frühen Stadionerfahrungen war ein Heimspiel gegen den HSV. Das war in den späten 80er Jahren, und damals war das Stadion noch kein familienkuscheliger Ort. Es gab Hooligans, es gab die Borussenfront. „Aber mit dem HSV haben wir eine Fanfreundschaft“, erklärte man mir. Tja, und seitdem pflege ich eine Fanfreundschaft zum HSV. Die Ära der Fanfreundschaften ist eigentlich vorbei, denn das Credo der Ultras lautet: „Nur der eigene Verein!“ Aber auf der Dortmunder Südtribüne gibt es immer noch mindestens eine große Fahne, in die auch ganz klein die Wappen Hamburgs und des HSV eingearbeitet sind. Ein Gleichgesinnter! Jedenfalls geht es mir darum durchaus nahe, daß der Hamburger SV zur Stunde, während ich dies tippe, sein erstes Relegationsspiel gegen die Spielvereinigung Greuther Fürth bestreitet. (Aktueller Zwischenstand: 0:0) Ich habe nichts gegen Fürth, aber ich will einfach nicht, daß der HSV absteigt.

Vor 100 Jahren hätte Hamburg gegen Fürth ein Meisterschaftsendspiel sein können. Nun geht es also um Gedeih oder Verderb. Nach einer beschissenen Saison noch Relegation spielen zu dürfen, ist ein Geschenk, wenigstens das scheinen die Spieler begriffen zu haben, wenn ich mir das Geschehen nebenan auf dem Fußballbildschirm ansehe. Kampfgeist ist vorhanden, aber beschissen spielen sie immer noch. Immerhin lebt der Verein HSV. Das Stadion ist voll, schon in den letzten Spielen der ablaufenden Saison war die Unterstützung der Fans uneingeschränkt vorhanden. Auch das ähnelt der Situation Borussia Dortmunds 1986. Auch da war das Westfalenstadion ausverkauft, und am Ende durften dann die Dortmunder ihren Vereinspräsidenten auf Händen tragen. Ernsthaft, das geschah. Wortwörtlich. Freilich darf bezweifelt werden, daß die Hamburger dies am Ende dieser Relegationsrunde mit ihrem Präsidenten machen, denn die Leistungen der HSV-Führungsebene waren mindestens so schwach wie die der Mannschaft. Aber immerhin, Borussia schaffte es damals, die drei Tore innert 76 Minuten aufzuholen, und in der buchstäblich letzten Minute durch einen von Jürgen Wegmann ins Tor gestocherten Ball ein drittes Spiel, also die wirklich letzte Chance zu erzwingen.Bemerkenswert war, wie die Borussen trotz des großen Rückstandes ruhig blieben und weiter ihre Möglichkeiten suchten.

Also, HSV! Nehmt euch ein Beispiel! Die Situation mag aussichtslos erscheinen, aber sie ist es nicht. Und es kann doch nicht angehen, daß die Bremer euch am Jahren in der Bundesliga gleichkommen oder gar überholen. Und wenn es am Ende unverdienter Dusel war, dann ist das halt so. Hauptsache, der Hamburger SV bleibt in der Liga!

Immer noch 0:0, immer noch ganz schlechtes Spiel des HSV. Mannomann.

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2 Responses to Der HSV.

  1. farnheim sagt:

    Nun, was soll ich sagen? Ich bin ja mit meinem bescheidenen Fußballwissen (dennoch erinnere ich mich an weitaus glorreichere Zeiten der Hamburger in den 1980er Jahren) innerlich der Meinung, vielleicht muss der HSV tatsächlich einmal absteigen, damit endlich mal so etwas wie ein Ruck, ein Umdenken durch den gesamten Fußballverein geht. Denn das, was ich gestern beim ersten Entscheidungsspiel im TV sah, war keine Mannschaft, die mit jeder Körperfaser erstklassig bleiben möchte und für den Klassenerhalt brennt. Da hilft auch ein Aufbäumen, wie das in der zweiten Halbzeit letztlich nicht, und ist befürchtenswerter Weise zu wenig. In meinen Augen braucht der HSV mal seine persönliche Stunde 0, den sog. Bundesligauhren-Reset, um bei sich aufzuräumen, sich neu aufzustellen und komplett neu zu beginnen. Ansonsten vermag sich (bei einem tatsächlichen Verbleib in BuLi 1) vielleicht ein gewisses kölsches Motto einzuschleichen: „Et hätt noch emmer joot jejange!“

    Auch der Handball-HSV verbreitet ja derzeit nicht viel Positives. Ist sowas (auch wenn es andere Ursachen hat) sportartübergreifend?

  2. Christian Kupper sagt:

    Tja, ich war beim Hinspiel im Stadion: Block 17A, Reihe 1, Platz 19. Ich konnte den Fürthern beim Aufwärmen fast die Schweißperlen von der Stirn lecken, und meine persönliche Sternstunde hatte ich, als ich kurz vor Spielende einen ins Seitenaus geschlagenen Ball aus der Luft fangen durfte, jahá! Arbeitskollegen und Nachbarn, sogar mein Sohn bescheinigten mir am Tag danach, ich wäre ganz kurz nach Spielende im TV zu sehen gewesen. Ansonsten bekam ich vom Spiel nicht viel mit, da ich mehr mit meinem Smartfone beschäftigt war, und das will bei mir was heißen.
    Fazit nach überstandener Relegation: Wir haben nichts gewonnen, nichts erreicht, wir haben nur etwas verhindert. Danke Fürth für euer Verständnis!

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