Rainald Grebe.

Ich bin ja nicht Fan von vielem. Na gut, Lego kann ich nicht leugnen, Borussia Dortmund will ich nicht leugnen, und Pink Floyd der 70er Jahre muß ich wohl auch zugeben. Ansonsten ist mir das Fan-Sein fremd, und „Stars“ bedeuten mir schon mal gar nichts. Wenn mir Michael Jackson in der Straßenbahn gegenübersäße, würde ich möglicherweise leicht ausflippen, aber auch nur, weil der eigentlich tot ist.

Aber dieser Puppenspieler aus Frechen ist schon cool.

Es war ziemlich genau vor einigen Jahren, als ich nachts vor Mutters Fernseher rumlungerte und bloß noch mal durchzappte, um eigentlich zwecks Bettgangs auszuschalten. Aber ich blieb bei 3Sat hängen, denn da stand ein mir unbekannter Typ mit weit aufgerissenen Augen am Mikro und sang von Massenkompatibilität. Ohne zu blinzeln! Und von 30jährigen Pärchen. Obwohl, in meiner Erinnerung, die aber ja bereits auf den Tag genau einige Zeit zurückliegt, saß dieser Typ auf einem Bürostuhl hinterm Keyboard und sang. War also entweder doch eine andere Show, oder es waren noch weitere Lieder. Wie auch immer, der Eindruck, den der komisch-tragische Vortrag auf mich machte, ließ mich vor allem im Videotext nachgucken, wer denn da sang. Damit ich später bei Youtube recherchieren konnte.

Jawohl, Youtube. Wer auch immer dafür Sorge trägt, daß sehr viele Musikvideos auf Youtube für Benutzer in Deutschland, mithin also für mich nicht verfügbar sind, ist töricht. So töricht, wie Rainald Grebe, der Hellsichtige, selbstverständlich nicht ist; auf seiner Homepage wird schlicht selbst auf Grebe-Videos bei Youtube verlinkt, und zwar zu Recht. Denn wer sich Musikvideos auf Youtube ansieht, kauft sich vielleicht nicht die entsprechenden Tonträger, vielleicht aber auch doch, weil er durch Youtube erst auf den Geschmack gekommen ist. So wie ich, und dies schon mehrfach.

Da ein Grebe ja kein Dürer ist, besticht seine Musik nicht durch die Koloratur, sondern durch die Texte. Diese sind schlau, respektlos und auf den Punkt. Mit einem Wort: Sie sind witzig. Das schließt einen Hauch von Tragik keineswegs aus. Rainald Grebe hält uns den Spiegel vor und läßt uns in den Abgrund blicken. Dabei schert er sich keinen Deut um „politische Korrektheit“, und zwar in zweierlei Hinsicht; weder scheut er sich, Unliebsames in Worte zu fassen, noch legt er es meiner Wahrnehmung nach darauf an zu provozieren, was ihn aufs Angenehmste von den Berufspolitischinkorrekten unterscheidet und vor jedweder Vereinnahmung durch irgendwen schützt. Er ist ein Narr im besten Sinne. Einen Hang zum Absurden würde er wohl selbst nicht leugnen, und ich vermute, daß ihm das Œuvre Helge Schneiders nicht unbekannt ist. Denkzwänge sind ihm so fremd, daß ich den Mann in meinem Luftraum rauchen lassen würde, um mich nicht selbst durch meine Engstirnigkeit zu beschämen. Künstler dürfen, nein! sie müssen! auf der Bühne und auch sonstwo rauchen, das sehe ich ein. Beim leider bisher einzigen von mir besuchten Grebe-Konzert („1968“) hat er sogar eigens einen Rauchertisch fürs Publikum eingerichtet, harhar.

Unbedingte Erwähnung finden soll aber auch die Zweimannkapelle der Versöhnung, bestehend aus Martin Brauer und Marcus Baumgart, die aus einem satirischen Liederabend mit Klavierbegleitung ein veritables Rockkonzert werden läßt. In jüngster Zeit erweitert der Meister die Kapelle auch zum versöhnlichen Orchester und füllt Waldbühnen oder Admiralspaläste. Weil es ihm so gefällt. Überhaupt tut er nur, was ihm gefällt. Wenn sich jemand diese Freiheit nimmt und damit durchkommt, ist das geeignet, ihm Bewunderung einzutragen, auch meine. Da bekenne ich mich gerne zum Fan-Sein.

Sicherheitshalber sei die Huldigung an dieser Stelle abrupt beendet.

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