Buch der Woche: Buddenbrooks

Jede Geschichte spielt zu einer gewissen Zeit an einem gewissen Ort, seien es fiktive, also erfundene, oder reale Zeiten und Orte. Letzteres kann heikel werden, denn dann muß sich die Erzählung, zumindest ihre Rahmenbedingungen, an der Wirklichkeit messen lassen. So fanden es die Lübecker nur mäßig amüsant, sich in Thomas Manns erstem Roman „Buddenbrooks“ dargestellt zu finden. „Der getretene Hund winselt“, kann man da sagen, denn der Name der Stadt, wo die Handlung spielt, wird überhaupt nicht erwähnt. Na gut, es handelt sich natürlich um Lübeck, und der Untertitel „Verfall einer Familie“ deutet schon zart an, wohin die Reise geht. Darob waren die auf ihre Bescheidenheit so stolzen Hanseaten ihrem berühmtesten Sohn gram.
Immerhin ist der Familienname erfunden, denn „Buddenbrook“ heißt natürlich niemand. Wenn jemand so hieße, dann schriebe er sich „Buddenbrock“, mit norddeutschem Dehnungs-ck. Das würde der gemeine Sprecher des Standarddeutschen natürlich nicht als solches auffassen, also entschied sich der Autor seufzend, der korrekten Aussprache den Vorzug vor der korrekten Schreibung zu gewähren. (1901 erschien der Roman; das ist das Jahr, in welchem die zweite Orthographische Konferenz die Einführung einer standardisierten Rechtschreibung für den Amtsgebrauch im Deutschen Reich beschloß. Seitdem schreiben wir „Thür“ ohne h, Sakrileg! Da kam es also auf Thomas Manns kleine Ooskapade auch nicht mehr an.)

Die Buddenbrooks, deren Familien- vor allem aber auch deren Firmengeschichte von der Biedermeier- bis zur zweiten Kaiserzeit der Roman beschreibt, sind durch den Getreidehandel reich geworden und lange reich geblieben. Die Handlung setzt ein, da die Firma prosperiert; soeben konnte einem in Konkurs gegangenen Konkurrenten ein stattliches Patrizierhaus als neuer Familienstammsitz abgekauft werden. Dieses Haus in der Mengstraße zeigt auch der Titel des Buches:

Aus dem Inneren blicken uns ausgewählte Familienmitglieder entgegen, namentlich die unglückliche Tony, ihr beflissener Bruder Thomas und dessen Sohn und Erbe Hanno, tja. Und ein Pferd, denn damals waren Pferdestärken den Pferden vorbehalten.

Als standesbewußter Patrizier hat man es nicht leicht. Das Wohl der Firma bestimmt jeden Schritt, den man tut, und ach so viele Dinge können aus dem Ruder laufen. Und alle, alle laufen sie aus dem Ruder! Da gibt es mißratene Söhne, flatterhafte Töchter, in den Sand gesetzte Mitgiften, mißgünstige Konkurrenten, schmerzende Zähne und ungünstiges Wetter. Und den Typhus. Und nicht zuletzt fällen die Protagonisten viele falsche Entscheidungen, alle aus dem Bewußtsein heraus, für den Ruf der Familie und die Mehrung des Firmenvermögens das Beste gewollt zu haben. Aber hilft ja alles nix; wenn man der Tochter eine schwärmerische Liebesheirat mit einem Urlaubsflirt aus dem Kopf schlägt, dann entpuppt sich der nach Vorteilserwägungen ausgesuchte Schwiegersohn als Heiratsschwindler und Bilanzfälscher. Wenn man dann mal ein Risiko eingeht, um den Mitgiftverlust wieder auszugleichen, dann verhagelt es die auf dem Halm gekaufte Ernte. Wie man’s macht, macht man’s verkehrt.

Der Autor arbeitet mit feiner Ironie und natürlich formvollendeter Sprache die Hohlheit und letztendlich Vergeblichkeit aller großbürgerlichen Bestrebungen heraus, ihre tradierten Werte vor dem Fortschritt zu schützen. Zwar kann die Revolution von 1848 noch mit dem Hinweis: „Was wollt ihr denn? Wir haben doch in Lübeck eine Demokratie.“ abgebügelt werden. Aber der Standesdünkel der Patrizier, also der einzigen, die untereinander ein bißchen demokratisch organisiert sind, um den Rest der Bevölkerung kleinzuhalten, führt nicht zum angestrebten Fortbestand der Familie: Die arme Tony Buddenbrook muß einen Hamburger Kaufmann heiraten (eine gute Partie!), von dem sie letztlich geschieden wird, weil er betrügerischen Bankrott begeht; Thomas Buddenbrook versagt sich die Liebe zu einem Blumenmädchen, das in der Folge viele gesunde Kinder zur Welt bringt, während ihm von seiner standesgemäßen Gattin nur ein kränklicher Stammhalter geschenkt wird und sie ihn alsbald mit Schöngeistern betrügt, weil er selbst seiner Frau keine geistvolle Unterhaltung bieten kann, sondern nur stumpfe Geschäfte im Kopf hat. Auch der seelenlose Pietismus, den Thomas’ und Tonys Eltern zur Schau tragen, erweist sich als Irrweg: Ein baltischer Pastor, an den man günstig die zweite Tochter verheiraten konnte, entpuppt sich als Erbschleicher; und die christliche Nächstenliebe gebietet es den Damen zwar, Söckchen für die armen Negerkinder in den Kolonialgebieten zu stricken, doch der eigene zweitgeborene Sohn (Der heißt auch noch Christian!) wird wegen unbotmäßigen Verhaltens so gut wie verstoßen. Und zwar kann die Wahl Thomas Buddenbrooks zum Senator vordergründig als Erfolg verbucht werden, schützt aber weder den Senator vor dem Tod (Kieferhöhlenvereiterung, Schlaganfall, irgendwie sowas), noch sein zartes Söhnchen (Typhus). Und so ging’s dahin, das Haus Buddenbrook.

In Lübeck war der Roman kein Welterfolg, denn mit diesem wenig schmeichelhaften Sittengemälde wollten die Lübecker nichts zu tun haben. Humor ist halt, wenn man über andere lacht, und nicht, wenn man selbst das Gespött ist. In der Stadt kursierte sogar eine Entschlüsselungsliste, auf welcher die besorgten Kaufleute nachgucken konnten, mit welcher der exzentrischen Haupt- oder Nebenfiguren sie identifiziert wurden. Aber immerhin, 1929 gab es den Nobelpreis. Also für Thomas Mann und die „Buddenbrooks“, nicht für die Lübecker und ihre Schlüsselliste.

Das Belville-Set 3119 ist Legos Version eines Patrizierhauses, irgendwie. Folgerichtig steht in der Hausbibliothek dieses Buch, als Fotoalbum getarnt.

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