Buch der Woche: Die kleine Meerjungfrau


Während die Brüder Grimm die ihnen zugeschriebenen Märchen zum Zwecke sprachwissenschaftlicher Betrachtungen lediglich dem Volks- munde abschauten, sammelten und zu Papier brachten, hat Hans Christian Andersen seine Märchen selbst ersonnen, mit oft melancholischem, um nicht zu sagen: traurigem Her- und Ausgang. Neben dem „häßlichen Entlein“, dem „standhaften Zinnsoldaten“, dem „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ und dem „Däumelinchen“ ist das bekannteste sicherlich die „kleine Meerjungfrau“, auch Seejungfer geheißen. Zur kleinen Meerjungfrau verarbeitete Andersen ein antikes Nymphen-Motiv, das sich späterhin auch bei Paracelsus (Theophrastus Bombastus) und in Grimmelshausens „Simplicissimus“ wiederfindet, sowie mit der Stauffersage vermengt in Friedrich de la Motte Fouqués „Undine“, welche Andersen vermutlich bekannt war. Kurz, es handelt sich um Wassernixen mit betörenden Stimmen.

Die kleine Meerjungfrau lebt als jüngste von sechs Töchtern des Meerkönigs in dessen Schloß an der tiefsten Stelle des Ozeans, umschwebt von bunten Fischen und mit der Aussicht auf ein dreihundert Jahre währendes Leben in seliger Zufriedenheit. Doch als von der Meeresoberfläche die Marmorstatue eines Jünglings zum Grund herniedersinkt, erfaßt sie die Sehnsucht nach der Welt der Menschen, die ihr verschlossen ist, zumal sie bis zu ihrem fünfzehnten Geburtstag nicht einmal zur Oberfläche auftauchen darf. Aber dieser fünfzehnte Geburtstag kommt schließlich, und so taucht sie empor und steckt das Köpfchen aus dem Wasser, eines großen Schiffes gewahr werdend, darauf ein Prinz seinen eigenen Geburtstag feiert. Natürlich verliebt sich die kleine Meerjungfrau auf den ersten Blick in diesen Prinzen, und allzu bald hat sie Gelegenheit, ihm ganz nahe zu sein. Denn ein plötzliches Unwetter zerschmettert das Schiff, der Prinz droht hinabzusinken und zu ertrinken. Doch Arielle (Die heißt gar nicht Arielle. Weiß der Kuckuck, wo Disney den Namen herhat.) schleppt den Prinzen an Land und legt ihn in der Nähe eines ans Ufer gebauten Klosters am Strand nieder. Hier muß sie dann, verborgen hinter einem Felsen, mitansehen, wie eine Schar junger Mädchen sich des Ohnmächtigen annimmt. Seufz.

Zurück in der Tiefe des Meeres erfährt die kleine Seejungfer, daß die Menschen eine unsterbliche Seele haben, die nach ihrem kurzen Leben zum Himmel auffährt, während die Meerleute ohne eine solche Seele bei ihrem Tode zu Schaum zerfallen. Eine Seele, ja, eine Seele könnte sie nur erlangen, wenn ein Mensch sie mehr liebe als seinen Vater und seine Mutter und sie zu seiner Frau nähme, aber tja, Menschen würden die Fischschwänze der Meermädchen ziemlich abstoßend finden. Also schlag ihn dir aus dem Kopf, Namenlose!
Doch daran denkt die kleine Meerjungfrau nicht. Sie sucht die Hilfe der Meerhexe, einem wahrhaft garstigen Weib, das jedoch warnende Wahrheit spricht: „Wenn du ohne Fischschwanz mit Beinen an Land gehst und alles aufgibst, was du hier unten hast, wird dir der Menschenprinz das Herz brechen.“ Das jedoch kann die kleine Meerjungfrau nicht in ihrem Vorhaben erschüttern, nicht einmal die Bezahlung, welche die Hexe von ihr verlangt, um den Schwanz in menschliche Beine zu verwandeln: Sie soll ihre Stimme hergeben, ihre schöne, bezaubernde Stimme. Und jeder Schritt auf den Menschenbeinen wird sie wie Messerstiche durchfahren. Und sollte der Prinz sich nicht in sie verlieben, müßte sie in der Nacht nach seiner Hochzeit mit einer anderen sterben. Ziemlich viele gewichtige Argumente dagegen, alles auf eine Karte zu setzen, doch das unvernünftige Kind will es ja nicht anders. Und so geschieht’s.

Zunächst scheint auch alles gutzugehen. Der Prinz findet die splitterfasernackte Maid auf den Stufen seines Schlosses, sie lächelt ihn stumm an, er nimmt sie zu sich und ist ihr offenbar sehr zugetan. Kunststück, ist er doch selbst kaum der Pubertät entwachsen und durch hübsche Nackte leicht zu beeindrucken. Doch Schmerz! er sagt ihr rundheraus ins Gesicht, daß er sie zwar sehr, sehr gern habe, aber nur eine jemals lieben könne, nämlich das Mädchen, das ihn damals nach dem Schiffbruch am Strande fand, eine Priesterin. Na gut, eine Priesterin, die er niemals wieder sah, die wird er ja wohl nicht heiraten können, woll! Aber heiraten soll der Prinz, und zwar nach dem Willen seines Vaters die Tochter des Nachbarkönigs. Dazu hat der Jüngling zwar keine Lust, weil er ja nur seine vermeintliche Retterin zu lieben gedenkt, aber folgsam reist er zumindest mal ins Nachbarland, um sich die Prinzessin anzuschauen. Seine liebste Begleiterin ist die kleine (Meer-)Jungfrau, die Arme. Denn es kommt, wie es kommen mußte, die Prinzessin entpuppt sich als eben jene Priesterin vom Strand, es wird geheiratet, Arielle (Echt blöd, wenn eine Hauptperson keinen Namen hat.) trägt der Prinzessin Schleppe, alle sind glücklich, außer unserer Titelheldin. Nun muß sie also sterben.

Nein, muß sie nicht, es gibt noch eine Möglichkeit, ihr Leben zu retten! Die nächtliche Heimfahrt per Schiff verbringen der Prinz und seine Braut, wie es sich für Neuvermählte geziemt, während die kleine Meerjungfrau traurig an der Reling steht und ins Meer hinabstarrt. Da tauchen ihre Schwestern auf und reichen ihr einen Dolch hin, den sie von der Meerhexe mit ihrem ehemals wallenden Haar erkauft haben. Damit müsse sie den untreuen Prinzen töten, dann könne sie als Meerjungfrau zurückkehren in ihr altes Leben und müsse nicht sterben. Das jedoch bringt die Gute nicht übers Herz und schleudert den Dolch ins Meer. Dann geht die Sonne auf, und die kleine Meerjungfrau stürzt sich ins Meer – –

Doch so richtig tot ist sie nicht. Denn um sie herum schweben nun glasähnliche Wesen, die sich ihr als Töchter der Luft zu erkennen geben. Und, juhuu! sie können eine unsterbliche Seele sich verdienen durch gute Taten. Zu ihnen also gehört sie nun; wir dürfen davon ausgehen, daß sie sich ihre Seele verdient hat, aber darüber schweigt sich der Dichter aus.

Es vermag uns nicht zu überraschen, daß sich dieses Buch im Set 5960 finden läßt, denn das ist nun eben das Schloß des Meerkönigs, erschienen im Andersen-Jahr 2005.

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