Buch der Woche: Die Legende vom heiligen Georg

Alle Pfadfinder in Deutschland werden es wissen – am 23ten April ist der Sankt-Georgs-Tag. Da mich das auch persönlich angeht, hieve ich heute diesen Folianten auf den Büchertisch:

Dargestellt ist hier Tabaluga, bevor er den heiligen Georg durch seine bloße Anwesenheit und kesse Sprüche so sehr nervte, daß diesem der Geduldsfaden riß und er jenen rittlings erlanzte. Mit der Lanze tötete. Analog zu „erdolchen“, aber das hätte bei der Lederhaut des reptilienartigen Kryptozoons nicht ausgereicht. Dergleichen scheint öfter vorgekommen zu sein, wie an den vielen Geschichten von drachentötenden Rittern ersichtlich wird; Siegfried von Xanten schlachtete ja auch mal son Vieh. Leugner der Evolutionstheorie halten es darob für wahrscheinlich, daß die Dinosaurier – unstrittig sollte sein, daß es sich bei Drachen um Dinosaurier handelt – durch die aus purer Langeweile betriebene Drachentöterei des niederen Adels in frühmittelalterlicher Zeit ausgerottet wurden. Seither hat man jedenfalls keine Drachen/Schrägstrich/Saurier mehr gesehen; ist also logisch. Die Bisons verschwanden ja aus einem ähnlichen Grund von den Prärien Nordamerikas. Doch ich schweife ab.

Der heilige Georg! Legenden ranken sich um ihn. Was für einen Heiligen nicht nur nicht untypisch ist, sondern nachgerade sein einziger Existenznachweis. In der älteren Legende war Georg noch ein langweiliger Märtyrer, wie es viele gegeben hatte. Irgendwo in Anatolien wird er um das Jahr 300 herum gefoltert, um ihn dazu zu bringen, dem Christentum abzuschwören. Legendärerweise half ihm sein starker Glaube jedoch, die Folter äußerst lange zu ertragen, bis er schließlich seinen Peinigern ins Gesicht sagte: „So Jungs, jetzt ist mal bald gut.“ – und verstarb. Am 23ten April a. D. CCCIII war das.

So ein Tod war für die Hüter einer damals noch jungen Religion, die sich mit einer komplizierten Geschichte von einem zwar lebendigen, aber unsichtbaren Gott, der gleichzeitig Vater, Geist und als Mensch geborener, gekreuzigter, begrabener, wiederauferstandener und gen Himmel entrückter Sohn ist, gegen bildgewaltige Gottheiten vom Format eines Jupiter oder Baal durchsetzen wollte, ein gefundenes Fressen. Denn das Volk braucht irgendwas Handfestes zum Dranglauben und keine Schachtelsätze. Auf Märtyrer konnte man erstens als Zeugen verweisen („Nee echt, das stimmt alles, die Sache mit Gott und Jesus und so. Der heilige Ixypsilos ist sogar dafür gestorben!“). Und zweitens konnte man deren sterbliche Überreste, oder was man halt immer dafür ausgab, anstelle eines goldenen Kalbes verehren lassen.

Und der heilige Georg eignete sich zum Verehren ganz besonders, denn! Das war ein Heiliger, der richtig Action gemacht hatte! Wo andere nur träge vor sich hin märtyrierten, vollbrachte der eine echte Heldentat, so erzählte man sich. Ein Drache hätte eine Königstochter als Opfer verlangt, doch Georg, Held in schimmernder Rüstung, habe dem Drachen was gehustet und ihn mit eingelegter Lanze niedergeritten. Danach habe er sich die schwarzen Blutspritzer vom Gesicht gewischt und fast beiläufig erwähnt: „Ach übrigens. Jetzt könnt ihr euch ja taufen lassen.“ Was für eine erlesene Coolness!

Im 11ten Jahrhundet war soviel Coolness auch bitter nötig, denn mit den Kreuzzügen lief’s nicht so. Ganz schnell mußte eine neue Werbe-Ikone her. Die bisherige Ikone, der Erzengel Michael, seinerseits Drachentöter, hatte nämlich versagt und wurde in den Ruhestand versetzt. Darum dachte sich die Kreativabteilung in Rom die oben wiedergegebene Schote mit Georg und dem Drachen aus, und alle, alle fielen darauf herein. Reihenweise erkoren die Ritterorden diesen Georg zu ihrem Idol und machten sich auf die Suche nach tötbaren Drachen, fanden aber nur Mamelukken, Juden und Byzantiner. Naja, in der Not frißt der Teufel Fliegen.

Ich persönlich glaube ja, der Georg hat seine Schwiegermutter kaltgemacht und ist mit der Prinzessin durchgebrannt. Prinzipiell wäre diese Version der Geschichte nicht weniger glaubhaft als jegliche andere Legende. Und, o Wunder, im Jahre 1969 erkannte dies sogar die römische Kirche und strich Georg offiziell aus dem Heiligenkalender. Denn außer dem Todesdatum ist von der historischen Person nichts weiter bekannt. Die ..naja.. nennen wir sie „Gläubigen“ verehrten Georg aber dessen ungeachtet weiter, und England änderte ebenfalls nicht seine Landesfahne, also tat es in Rom einen Seufzer, und Georg tauchte 1975 wieder im liturgischen Kalender auf, als wäre er nie fortgewesen.

Na gut, ich geb’s zu, Lego mag bei dem Buch, das Baby Thomas im Set 3152 zur Erheiterung dient, auch an Astrid Lindgrens „Drachen mit den roten Augen“ gedacht haben. Wer weiß das schon.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: