Buch der Woche: Die Leiden des jungen Werthers

Es stiebte zwischen Regen und Schnee, und erst gegen Eilfe klopfte er wieder.

Es wäre maßlos übertrieben, dies zur Kernaussage des Romans erklären zu wollen, doch es paßt gerade zum gegenwärtigen Wetter. Drum. Zudem war der ganzheitlich denkende Barometererfinder Goethe¹ es gewohnt, auch Wetterphänomene zu den Stimmungslagen seiner Charaktere in Beziehung zu setzen. Doch dazu später mehr.

¹) Ein Umstand, der ihm postum zum Verhängnis wurde. Denn u.a. deswegen wurde er von Rudolf Steiner vereinnahmt.

„Die Leiden des jungen Werthers“ ist ein Briefroman des noch ungeadelten Johann Wolfgang Goethe von 1774. Er ist dem „Sturm und Drang“ zuzuordnen, einer das Gefühl betonenden Gegenströmung zur Aufklärung, welchselbige den Verstand zum Non plus ultra erhoben hatte. Die Stürmer und Dränger, darunter die jungen Goethe und Schiller, sowie Jakob Michael Reinhold Lenz, Johann Gottfried Herder, Gottfried August Bürger und Friedrich Maximilian Klinger, hatten nicht bloß alle enorm viele Vornamen, sondern sie waren auch so etwas wie die Emos des 18ten Jahrhunderts. Gefühle wurden nicht mehr unter das Joch des Verstandes gezwungen, man erlaubte ihnen vielmehr, sich wild Bahn zu brechen. Und man schrieb Briefe.

Lego hat bei seiner Werther-Edition (Set 5808) freilich etwas mißverstanden. Denn die Briefe, die man dort zu lesen bekommt, sind keineswegs Liebesbriefe an das angehimmelte Frauenzimmer. Vielmehr richtet Werther sie ein um den anderen Tag an seinen Freund Wilhelm, quasi als Reise-Blog, denn Werther ist in Geschäften unterwegs. Von diesen berichtet er dem Freunde jedoch weniger als mehr von seinem sonstigen Ergehen in der Fremde und, wie könnte es anders sein, von der Bekanntschaft zu einer jungen Dame, einem Mädchen noch, einem liebreizenden Geschöpf, Charlotte, der Tochter des Amtmanns. Werther hat sich Hals über Kopf in Lotte verliebt. So lieblichen Angesichts ist sie, so schön von Gestalt, so anmutig sind ihre Bewegungen und, ganz wichtig, so rege ist ihr Geist! Kennen lernt Werther sie aus Anlaß eines Tanzvergnügens; man tanzt und ist guter Dinge, bis ein heftiges Sommergewitter das Treiben unterbricht.

Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquik- kendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend; sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige, und sagte – Klopstock! – Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoß.

Auch noch Seelenverwandtschaft!

Aber ach! Irgendwas ist ja immer, und so ist es auch hier. Denn Lotte, die Gute, ist einem gewissen Albert versprochen, „so gut als verlobt“. Dieser brave Mensch ist zu der Zeit, da Werther Lotten kennenlernt, seinerseits in Familiengeschäften verreist, und Werther kann für einen kurzen Moment seine Stelle in Lottens Gefühlsleben einnehmen, irgendwie. Er spürt, daß Lotte ihm zugetan ist, und doch bleibt ihm nicht verborgen, daß sie auch ihren Verlobten liebt. Schlimmer noch! Als Werther schließlich den heimgekehrten Albert kennen lernt, muß er feststellen, einen wahrhaft liebenswürdigen Menschen vor sich zu haben, dem er seine Freundschaft nicht versagen kann. Er kann seinen Nebenbuhler also nicht einmal hassen; das wäre auch gar nicht nach Werthers Charakter.

Na jedenfalls, hin und her, Werther leidet. Wer jemals eine derartige Dreiecksgeschichte mitgemacht hat, weiß weshalb. Doch Werther ist ein Freigeist. Zwar muß er, der ehrlich empfundenen Liebe zu Lotte zum Trotz, sich diese versagen, wenn auch weniger der gesellschaftlichen Konvention halber, als vielmehr wegen seiner Achtung vor Albert. Aber er ist doch kein Gefangener auf diesem Planeten. Und so borgt er sich Alberts Pistole aus, bezahlt noch einige kleine Schulden und tut, was er meint, tun zu müssen. — „Kein Geistlicher hat ihn begleitet.“

Der Roman hat zu seiner Zeit ein lebhaftes Echo hervorgerufen. Dies um so mehr, als er zunächst anonym erschien und durch seine dokumentarische Briefform mit (fingierten) editorischen Hinweisen den Eindruck erweckte, es handele sich um einen Tatsachenbericht. Lästerliches Treiben und Gefahr für die beeinflußbare Jugend fanden die einen in dem Buch. Trost spendete es den anderen. In Einzelfällen mag sich auch der eine oder andere zur Nachahmung aufgerufen gefühlt haben. In jedem Fall war es Skandal und literarische Sensation zugleich.

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Paralipomenon.

Da es weiter oben eine Anmerkung (1) gibt, muß zwingend auch mindestens eine Anmerkung (2) folgen. Also:

²) Klopstock, Friedrich Gottlieb (1724–1803)

Die Frühlingsfeyer

Nicht in den Ozean der Welten alle
Will ich mich stürzen! schweben nicht,
Wo die ersten Erschaffnen, die Jubelchöre der Söhne des Lichts,
Anbeten, tief anbeten! und in Entzückung vergehen!

Nur um den Tropfen am Eimer,
Um die Erde nur, will ich schweben, und anbeten!
Halleluja! Halleluja! Der Tropfen am Eimer
Rann aus der Hand des Allmächtigen auch!

Da der Hand des Allmächtigen
Die größeren Erden entquollen!
Die Ströme des Lichts rauschten, und Siebengestirne wurden,
Da entrannest du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen!

Da ein Strom des Lichts rauscht’, und unsre Sonne wurde!
Ein Wogensturz sich stürzte wie vom Felsen
Der Wolk’ herab, und den Orion gürtete,
Da entrannst du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen!

Wer sind die tausendmal tausend, wer die Myriaden alle,
Welche den Tropfen bewohnen, und bewohnten? und wer bin ich?
Halleluja dem Schaffenden! mehr wie die Erden, die quollen!
Mehr, wie die Siebengestirne, die aus Strahlen zusammenströmten!

Aber du Frühlingswürmchen,
Das grünlichgolden neben mir spielt,
Du lebst; und bist vielleicht
Ach nicht unsterblich!

Ich bin heraus gegangen anzubeten,
Und ich weine? Vergieb, vergieb
Auch diese Thräne dem Endlichen,
O du, der seyn wird!

Du wirst die Zweifel alle mir enthüllen,
O du, der mich durch das dunkle Thal
Des Todes führen wird! Ich lerne dann,
Ob eine Seele das goldene Würmchen hatte.

Bist du nur gebildeter Staub,
Sohn des Mays, so werde denn
Wieder verfliegender Staub,
Oder was sonst der Ewige will!

Ergeuß von neuem du, mein Auge,
Freudenthränen!
Du, meine Harfe,
Preise den Herrn!

Umwunden wieder, mit Palmen
Ist meine Harf’ umwunden! ich singe dem Herrn!
Hier stehe ich. Rund um mich
Ist Alles Allmacht! und Wunder Alles!

Mit tiefer Ehrfurcht schau ich die Schöpfung an,
Denn du!
Namenloser Du!
Schufest sie!

Lüfte, die um mich wehn, und sanfte Kühlung
Auf mein glühendes Angesicht hauchen,
Euch, wunderbare Lüfte,
Sandte der Herr! der Unendliche!

Aber jetzt werden sie still, kaum athmen sie.
Die Morgensonne wird schwül!
Wolken strömen herauf!
Sichtbar ist, der komt, der Ewige!

Nun schweben sie, rauschen sie, wirbeln die Winde!
Wie beugt sich der Wald! wie hebt sich der Strom!
Sichtbar, wie du es Sterblichen seyn kannst,
Ja, das bist du, sichtbar, Unendlicher!

Der Wald neigt sich, der Strom fliehet, und ich
Falle nicht auf mein Angesicht?
Herr! Herr! Gott! barmherzig und gnädig!
Du Naher! erbarme dich meiner!

Zürnest du, Herr,
Weil Nacht dein Gewand ist?
Diese Nacht ist Segen der Erde.
Vater, du zürnest nicht!

Sie komt, Erfrischungen auszuschütten,
Über den stärkenden Halm!
Über die herzerfreuende Traube!
Vater, du zürnest nicht!

Alles ist still vor dir, du Naher!
Rings umher ist Alles still!
Auch das Würmchen mit Golde bedeckt, merkt auf!
Ist es vielleicht nicht seelenlos? ist es unsterblich?

Ach, vermöcht’ ich dich, Herr, wie ich dürste, zu preisen!
Immer herlicher offenbarst du dich!
Immer dunkler wird die Nacht um dich,
Und voller von Segen!

Seht ihr den Zeugen des Nahen den zückenden Strahl?
Hört ihr Jehova’s Donner?
Hört ihr ihn? hört ihr ihn,
Den erschütternden Donner des Herrn?

Herr! Herr! Gott!
Barmherzig, und gnädig!
Angebetet, gepriesen
Sey dein herlicher Name!

Und die Gewitterwinde? sie tragen den Donner!
Wie sie rauschen! wie sie mit lauter Woge den Wald durchströmen!
Und nun schweigen sie. Langsam wandelt
Die schwarze Wolke.

Seht ihr den neuen Zeugen des Nahen, den fliegenden Strahl?
Höret ihr hoch in der Wolke den Donner des Herrn?
Er ruft: Jehova! Jehova!
Und der geschmetterte Wald dampft!

Aber nicht unsre Hütte!
Unser Vater gebot
Seinem Verderber,
Vor unsrer Hütte vorüberzugehn!

Ach, schon rauscht, schon rauscht
Himmel, und Erde vom gnädigen Regen!
Nun ist, wie dürstete sie! die Erd’ erquickt,
Und der Himmel der Segensfüll’ entlastet!

Siehe, nun komt Jehova nicht mehr im Wetter,
in stillem, sanftem Säuseln
Komt Jehova,
Und unter ihm neigt sich der Bogen des Friedens!

(Verfaßt 1759, überarbeitet 1771)
(Nicht nach Duden.)

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Und da es jetzt eh nicht mehr drauf ankömmt, schließen wir auch noch Anmerkung (3) an:

³) Meine erste Begegnung mit Klopstock hatte ich in meines Großvaters Brief- markenalbum, in Form dieser Briefmarke:

Dieser Marke ist auch meine erste As- soziation angesichts des Buchs der Woche vom 11. September 2009 geschuldet. Inzwischen weiß ich es natürlich besser, zumal Klopstock kein Romantiker war.

(An dieser Stelle wäre Anmerkung (4) betreffs Briefmarken dienlich, aber erstens gibt es keine hochgestellte „4“ auf der Tastatur, und zweitens muß jetzt auch langsam mal Schluß sein.)

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Eine Antwort zu Buch der Woche: Die Leiden des jungen Werthers

  1. vonschwung sagt:

    Hallo Jojo,

    das hier ist eine schöne Besprechung, die du über den Roman verfasst hast. Goethes Text legt ja nahe, wie man als Mann gerade nicht handeln sollte. Nämlich, daß man sich nicht an einer einzigen Frau festbeißen, sie zum Mittelpunkt seines Lebens machen, und am besten noch als seine Göttin anbeten sollte. Die Abundanz an Frauen ist hier das Zauberwort. Man kann zwar zeitweise seine Königin erwählen, sollte sich aber nicht von ihr vereinnahmen lassen und hat im besten Falle noch ein paar mögliche Konkubinen in der Hinterhand. Diese geistige Haltung konnte ich durch den Roman noch einmal bestärkt sehen.

    Dein Blog gefällt mir übrigens sehr gut.
    Sehen uns im Chat.

    ~Seb

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