Buch der Woche: Das Tagebuch der Maria

Wahrscheinlich stehe ich nicht im Verdacht, katholisch zu sein. So hoffe ich wenigstens. Demzufolge bin ich mit katholischen Bräuchen und Dogmen nur marginal vertraut, beziehungsweise gar nicht. Nur so ist es zu erklären, daß ich beim Blick auf den Kalender einem aus meiner Sicht verzeihlichen Irrtum aufgesessen bin. Heute, am 8ten Dezember, ist „Mariä Empfängnis“. Klar, dachte ich, da hat Maria den kleinen Jesus „empfangen“, ein Formulierung, die sich ausgedacht wurde, um gar nicht erst den Gedanken an eine Zeugung aufkommen zu lassen. Denn selbstverständlich wurde Jesus nicht herkömmlich gezeugt, von Joseph gar, sondern Maria empfing den Keimling auf wundersame Art und Weise vom Heiligen Geist. Oder von Gott. Das ist bei der bis dahin herrschenden Zweifaltigkeit schwer zu differenzieren.

Und angesichts des heutigen Buches auf dem Büchertisch schien mir eine Erleuchtung gekommen: 1999 steht da drauf. Aber natürlich! 1999 jährte sich zum 2000sten Male Christi Geburt. Denn die Zeitrechnung begann ja mit dem Jahr 1 nach Christi Geburt, also quasi nur eine Woche später, so fix waren die damals mit ’ner neuen Zeitrechnung bei der Hand. Jesus* wurde am 25sten Dezember geboren, bis zur Empfängnis rechnen wir 9 Monate zurück, dann landen wir im April desselben Jahres. Paßt! Das Buch, welches seinerseits nun 10jähriges Jubiläum hat, muß das Schwangerschaftstagebuch der Gottesmutter sein. Was läge näher?
*) Für Uneingeweihte: Jesus und Christus sind ein und dieselbe Person: Jesus Christus. Aber „Christus“ ist nicht Jesu Nachname, denn sonst hätten seine Eltern ja Joseph und Maria Christus geheißen, was aber die Aktenlage so nicht hergibt. Die Familienverhältnisse sind insgesamt etwas kompliziert.

Aber Moment mal. Mariä Empfängnis ist ja am 8ten Dezember, das sind keine 9 Monate, das hätte ich auch sofort bemerken können. Vielmehr handelt es sich um die unter theologischer Aufsicht vollzogene Zeugung Mariens selbst. Die Gottesmutter durfte nämlich ebenfalls nicht durch schmutzigen Sex in die Welt gebracht worden sein, sollte ihr Sohn Jesus, als Gottes Sohn, rein und von der Erbsünde frei sein. Derhalben haben gewiefte Theologen das Dogma von der unbefleckten Empfängnis ausgekaspart, -melchiort und -balthasart. Demzufolge soll Maria von ihren Eltern Joachim und Anna durch sauberen Sex gezeugt worden sein, den Gott im Hinblick auf des Kindes künftige Rolle von jeglicher Sündhaftigkeit befreite. Toll!
(Anna, das war übrigens die Lieblingsheilige von Martin Luther, womit der Bogen zu meinem Nichtkatholischsein geschlagen wäre. Aber das nur am Rande.)

Das Problem an der Sache ist freilich, daß die schöne Story von Marias Zeugung, Verzeihung: Empfängnis, gar nicht in der Bibel steht. Frühe Schriften dazu gibt es, aber die entstanden erst höchstens zwei Jahrhunderte später. In der Frühzeit des Christentums wurde viel geschrieben, manches davon, wie die Apostelbriefe, fand Eingang ins Neue Testament, vieles aber auch nicht. Entweder, weil es denjenigen, welche schließlich und endlich die Zusammensetzung bestimmten, nicht bekannt war, oder weil es nicht ins theologische Konzept paßte. Die Familiengeschichte Marias wurde nicht in den Kanon aufgenommen und blieb also fromme Legende. Das hinderte jedoch weder die Menschen noch die Kirche daran, Anna, die Oma Gottes, als Heilige zu verehren, ihr Kirchen zu weihen und sie zur Schutzpatronin von allem und jedem zu erklären.
(Kleiner Haushaltstipp zwischendurch: Wenn mal wieder irgendeine Kleinigkeit verloren wurde und vom Erdboden verschluckt zu sein scheint – zur heiligen Anna beten! Dafür ist die nämlich zuständig. Außerdem hilft sie auch anstelle von Aspirin gegen Kopfschmerzen. Einfach mal ausprobieren!)

Marias Komplettheiligkeit von der Zeugung bis zum Ende war jahrhundertelang Glaubensinhalt der katholischen Kirche, ohne eigentlich in der Bibel belegt und somit für Christen verbindlich zu sein. Diese theologische Beliebigkeit wurde der Kirche wohl zu heikel, weshalb Pius IX. im Jahre 1854 (achtzehnhundertvierundfünfzig) das Dogma von der unbefleckten Empfängnis verkündete, wonach diese von Gott offenbart und somit von den Kindern der heiligen Mutter Kirche geflissentlich zu glauben sei. So kann man’s auch machen. Wiederum rund hundert Jahre später, nämlich 1950 (neunzehnhundertfünfzig) fügte Papst Pius XII. dem Marienzyklus als weiteres nicht durch die Bibel belegtes Dogma die Himmelfahrt Marias hinzu. Wie ihr Sohn sei sie ohne irdischen Tod ob ihrer Sündlosigkeit in den Himmel entrückt worden. Das erste und berühmteste Dogma in diesem Zyklus ist die „immerwährende Jungfräulichkeit“ Marias, welches sträflich außer Acht läßt, daß im Markusevangelium von Jesu Geschwistern die Rede ist. Selbst wenn man wohlwollend hinnähme, daß Jesus selbst ohne formellen Zeugungsakt durch Joseph „empfangen“ wurde, Maria also bis dahin Jungfrau war, muß die Frage erlaubt sein, aus welchem Leib denn dann seine Geschwister geschlüpft sein sollen, bzw. wie hinein. Und welche Relevanz es überhaupt für das Wirken Jesu hat, ob seine Mutter… aber lassen wir das.

Zurück zum Lego-Buch. Leider ist der Druck des Aufklebers bei meinem Exemplar etwas verrutscht, so daß rechtsseitig der rosane Rand verloren ging. Von wegen, Unbeflecktheit! Derartige Schlampigkeiten sind mir auch bei anderen Scala-Büchern aufgefallen. Schade drum.
Marie schreibt ihr Tagebuch im Set 3142. Es ist dies das einzige gelbe Scala-Buch mit Aufklebern.

Nachtrag, 18. Dezember 2009:

Es gibt die verrutschten Aufkleber auch unverrutscht, was ich bemerkenswert finde. Denn ich hätte nicht gedacht, daß diese Scala-Sets mehrere Auflagen erfahren haben. Leider ist der Zustand des Zweitexemplars ansonsten nur mäßig hervorragend.

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